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Über­sicht
I. Macht (und) Über­stun­den!
II. Ver­mes­sen? Mes­sen.
III. But some are more Jeder­mann than others
IV. Unpro­duk­ti­ve Sub­jek­te. Leben für die Wis­sen­schafts­auto­no­mie
Unbe­zahl­te Über­stun­den stel­len eine gerech­te und effek­ti­ve Steue­rung orga­ni­sa­to­ri­scher Abläu­fe in Fra­ge. Die sich dar­in äußern­den Macht­ver­hält­nis­se betref­fen nicht nur die Wirt­schaft, son­dern auf spe­zi­fi­sche Wei­se auch die Wis­sen­schaft. Aus­ge­hend vom Urteil des EuGH C‑55/18 vom 14. Mai 2019 zur Arbeits­zeit­er­fas­sung fragt der Arti­kel nach des­sen Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten und etwa­igen Aus­wir­kun­gen auf ein arbeits­recht­lich kon­tro­vers auf­ge­la­de­nes Ter­rain. Die arbeits­recht­li­che Aus­nah­me­stel­lung der Pro­fes­sorinnen als ein wesent­li­ches Merk­mal des deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tems kol­li­diert näm­lich mit den Grund­rechts­an­sprü­chen befris­te­ter Mit­ar­bei­terinnen. Inwie­fern eine dem EuGH-Urteil ent­spre­chen­de Beach­tung der Grund­rech­te mög­lichst aller Betei­lig­ten Erfolg haben kann, hängt aber nicht nur von der Dyna­mi­sier­bar­keit eta­blier­ter Macht­struk­tu­ren ein­zel­ner Per­so­nen­grup­pen ab. Sie ist maß­geb­lich auch an die Fra­ge gekop­pelt, inwie­fern sich habi­tua­li­sier­te Kar­rie­re­mus­ter einer leis­tungs­ori­en­tie­ren For­schungs- und Publi­ka­ti­ons­pra­xis in der Brei­te des Wis­sen­schafts­sys­tems ver­än­dern las­sen kön­nen.
I. Macht (und) Über­stun­den!
Unbe­zahl­te Über­stun­den sind Gover­nan­ce­pro­blem und Herr­schafts­in­stru­ment in einem. Sie stel­len eine Her­aus­for­de­rung an eine gerech­te und effek­ti­ve Steue­rung orga­ni­sa­to­ri­scher Abläu­fe, und sie for­cie­ren Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se. Sie sind eine sys­te­mi­sche Dau­er­bau­stel­le der deut­schen Wirtschaft,1 und sie tan­gie­ren Arbeits­ver­hält­nis­se und Arbeits­zeit­ge­stal­tun­gen, die his­to­risch betrach­tet „immer wie­der […] [in den] Fokus öffent­li­cher Debatten“2 rücken. Wie sich jüngst am Urteil des EuGH C‑55/18 vom 14. Mai 2019 beob­ach­ten ließ, geht es dabei um Macht­kämp­fe zwi­schen Arbeit­ge­ben­den und Arbeit­neh­men­den, die im Wis­sen­schafts­sys­tem auf das Ver­hält­nis der Mit­glie­der unter­schied­li­cher Sta­tus­grup­pen ausstrahlen.3 Sowohl gesamt­ge­sell­schaft­lich als auch wis­sen­schafts­in­tern rief die arbeit­neh­mer­freund­li­che Ent­schei­dung des EuGH kon­tro­ver­se Reak­tio­nen her­vor, an die hier kurz erin­nert sei. Der Deut­sche Gewerk­schafts­bund begrüß­te sie als ein pas­sa­bles Mit­tel gegen „Flatrate-Arbeit“4, das zudem gegen Burn-Out schüt­zen könne.5 Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Arbei­ter­ge­ber­ver­bän­de hin­ge­gen sprach von der ana­chro­nis­ti­schen Ein­füh­rung einer „Arbeits­zeit­er­fas­sung 1.0“ in Zei­ten einer „Arbeits­welt 4.0“.6 Im Wis­sen­schafts­sys­tem zeig­ten sich ähn­li­che Ein­schät­zun­gen. Andre­as Kel­ler, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft, beton­te die Rele­vanz geleis­te­ter Arbeit als Grund­la­ge der Bezah­lung und kri­ti­sier­te unbe­zahl­te Mehrarbeit.7 Peter-André Alt hin­ge­gen, Prä­si­dent der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz, bezeich­ne­te die „grotesk[e] Rege­lung“ als einen his­to­ri­schen „Rückfall“.8 Die man­geln­de Fle­xi­bi­li­tät die­ser Rege­lung mache sie unbrauch­bar, die Wis­sen­schaft sei eben kein „Nine-to-Five-Job“.9 In ihrer dicho­to­men Rhe­to­rik und Ste­reo­ty­pie erin­nern die­se Kon­tro­ver­sen an arbeits­recht­li­che
Tho­mas Skow­ro­nek
Arbeits­zeit im deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tem im Lich­te des EuGH-Urteils zur Arbeits­zeit­er­fas­sung
1 Regel­mä­ßig wird in der Pres­se über das Aus­maß bezahl­ter und unbe­zahl­ter Über­stun­den berich­tet; so sei­en 2018 rund 1 Mrd. unbe­zahl­ter Über­stun­den geleis­tet wor­den; vgl. Brau­ner, Wöhr­mann, Michel, BAuA-Arbeits­zeit­be­fra­gung: Arbeits­zeit­wün­sche von Beschäf­tig­ten in Deutsch­land, 2018, DOI: 10.21934/baua:bericht20181005, 5 und 9f.
2 Ebd., 8.
3 Wie im Wei­te­ren skiz­ziert, geht der EuGH davon aus, dass der Arbeit­neh­mer die schwä­che­re Par­tei ist, und for­dert eine Stär­kung sei­ner Posi­ti­on (vgl. Rn 44 und 55). Zu den asym­me­tri­schen Kräf­te­ver­hält­nis­sen zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer vgl. Lör­cher, Das sozia­le Grund­recht auf gesun­de, siche­re und wür­di­ge Arbeits­be­din­gun­gen, in: Koh­te, Faber, Feld­hoff (Hg.), Gesam­tes Arbeits­schutz­recht. Arbeits­schutz, Arbeits­zeit, Arbeits­si­cher­heit, Arbeits­wis­sen­schaft. Hand­kom­men­tar, 2018, 27, 43.
4 Vgl. DGB, EuGH schiebt Flat­rate-Arbeit einen Rie­gel vor (14.5.2019), PM 034, https://www.dgb.de/presse/++co++5bb4337a-7622–11e9-9e41-52540088cada.
5 Vgl. Mon­ta­na­ri, Mahl­zeit, Big Brot­her!, in: freitag.de (21/2019), https://www.freitag.de/autoren/johanna-montanari/mahlzeit-big-brother.
6 BDA, Anläss­lich der heu­ti­gen EuGH-Ent­schei­dung zur Arbeits­zeit­er­fas­sung erklärt die BDA (14.5.2019), https://www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/id/de_eugh-entscheidung-zur-arbeitszeiterfassung.
7 Vgl. Wiar­da, Zeit­er­fas­sung: HRK-Prä­si­dent Alt for­dert eine „Lex Wis­sen­schaft“ (17.5.2019), https://www.jmwiarda.de/2019/05/17/zeiterfassung-hrk-präsident-alt-fordert-eine-lex-wissenschaft/.
8 Ebd.
9 Ebd.
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
2 4 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 4 5 — 2 5 2
10 „Pro­mi­nen­te Bei­spie­le sind die Aus­hand­lung des Acht­stun­den­ta­ges,
Arbeits­zeit­ver­län­ge­run­gen in Kriegs- und Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen
in Kri­sen­zei­ten sowie die Ein­füh­rung der
40-Stun­den-Woche […].“ Brau­ner, Wöhr­mann, Michel, BAu­A­Ar­beits­zeit­be­fra­gung,
8.
11 Vgl. Mon­ta­na­ri, Mahl­zeit, Big Brot­her!.
12 Inwie­fern die­se Rege­lung durch Gesetz gesche­hen kann, muss
bzw. soll­te, vgl. Thü­sing, Flink, Jänisch, Arbeits­zeit­er­fas­sung als
euro­pa­recht­li­che Pflicht, in: ZFA 4 (2019), 456, 481–485.
13 Vgl. Heuschmid, Neu­jus­tie­rung des Arbeits­zeit­rechts und des
Sys­tems der Arbeits­zeit­er­fas­sung durch den EuGH, in: NJW 2019,
1853, 1. Den Hin­ter­grund des Urteils bil­det die Kla­ge einer spa­ni­schen
Gewerk­schaft gegen ein Zeit­er­fas­sungs­sys­tem der Deut­schen
Bank, wel­ches zwar Fehl­zei­ten, aber kei­ne Über­stun­den
erfas­sen konn­te. Dadurch war es nicht mög­lich zu über­prü­fen,
inwie­fern die ver­ein­bar­te Arbeits­zeit durch den Arbeit­neh­mer
ein­ge­hal­ten wur­de.
14 Zu den Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten die­ser Begrif­fe vgl. Thü­sing,
Flink, Jänisch, Arbeits­zeit­er­fas­sung als euro­pa­recht­li­che Pflicht,
464–468.
15 Vgl. Lör­cher, Das sozia­le Grund­recht auf gesun­de, siche­re und
wür­di­ge Arbeits­be­din­gun­gen, 32.
16 Vgl. Hur­ley, Wolf, Revi­si­on to the Euro­pean working time direc­ti­ve:
recent Euro­found rese­arch. Back­ground paper. 2008, https://
www.eurofound.europa.eu/sites/default/files/ef_publication/
field_ef_document/ef08101en.pdf, 8.
17 Zu den Vari­an­ten der Arbeits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung vgl. Reim,
Arbeits­zeit­ge­setz (ArbZG), in: Koh­te, Faber, Feld­hoff (Hg), Gesam­tes
Arbeits­schutz­recht. Arbeits­schutz, Arbeits­zeit, Arbeits­si­cher­heit,
Arbeits­wis­sen­schaft. Hand­kom­men­tar, 2018, 872, 876.
18 Vgl. Brau­ner, Wöhr­mann, Michel, BAuA-Arbeits­zeit­be­fra­gung, 59.
19 Vgl. o. A., Stär­ke­re Zufrie­den­heit dank fle­xi­bler Arbeits­zei­ten?
(8.5.2018), https://www.wissenschaftsjahr.de/2018/neues-ausden-
arbeits­wel­ten/al­le-aktu­el­len-mel­dun­gen/­mai-2018/fle­xi­ble­ar­beits­zei­ten-
koen­nen-die-arbeits­zu­frie­den­heit-stei­gern/.
20 DGB, EuGH schiebt Flat­rate-Arbeit einen Rie­gel vor (14.5.2019).
21 Jan­sen, Burn-out an Hoch­schu­len — ein Inter­view, in: For­schung
& Leh­re 11 (2011), zitiert nach: Burn­out — Anzei­chen erken­nen
und Stra­te­gien zur Ver­mei­dung, in: academics.de, https://www.
academics.de/ratgeber/anzeichen-burnout-erkennen-vermeiden.
22 Vgl. Arnold, Stef­fes, Wol­ter, Mobi­les und ent­grenz­tes Arbei­ten
(12.10.2015), For­schungs­bricht 460, hg. vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um
für Arbeit und Sozia­les (BMAS), 2.
23 Urteil des Gerichts­hofs (Gro­ße Kam­mer) vom 6.11.2018, Max-
Planck-Gesell­schaft zur För­de­rung der Wis­sen­schaf­ten, C‑684/16,
EU:C:2018:874; vgl. Rn. 30, 44 und 45.
24 Vgl. Heuschmid, Neu­jus­tie­rung des Arbeits­zeit­rechts.
25 Alts Anlie­gen deckt sich mit den For­de­run­gen des Deut­schen
Hoch­schul­ver­ban­des; vgl. Wiar­da, Zeit­er­fas­sung.
Aus­ein­an­der­set­zung frü­he­rer Tage.10 Unge­ach­tet der
mecha­ni­schen Reak­ti­on der Betei­lig­ten, die weit­rei­chen­de
Ver­än­de­run­gen nicht unbe­dingt erwar­ten las­sen,
könn­te das Urteil des EuGH im Wis­sen­schafts­sys­tem
sich zu einem arbeits­recht­li­chen Klas­si­ker ent­wi­ckeln,
wer­den Über­stun­den hier doch meist nicht wei­ter the­ma­ti­siert,
eben­so wie pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se weit
ver­brei­tet sind.11 Das Wis­sen­schafts­sys­tem bie­tet sich
also bei­spiel­haft an, um eini­ge der mög­li­chen Aus­wir­kun­gen
des EuGH-Urteils auf einem arbeits­recht­lich
kon­tro­vers auf­ge­la­de­nem Ter­rain durch­zu­spie­len. Ob
und wie es zu Bewe­gung im Umgang mit Arbeits­zeit,
Über­stun­den und Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­sen in der
Wis­sen­schaft kom­men könn­te, hängt nicht zuletzt von
einer Dyna­mi­sier­bar­keit sowohl der Macht­po­si­ti­on ein­zel­ner
Per­so­nen­grup­pen als auch habi­tua­li­sier­ter Kar­rie­re­mus­ter
in der Gesamt­brei­te des wis­sen­schaft­li­chen
Sys­tems ab. Im Fol­gen­den sei­en eini­ge arbeits­recht­li­che
Bruch­li­ni­en näher betrach­tet, an deren Ver­laufs­än­de­run­gen
sich ein dem Urteil des EuGH ent­spre­chen­der,
grund­le­gen­der Wan­del im deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tem
able­sen lie­ße.
Der EuGH ver­pflich­tet die EU-Mit­glied­staa­ten bekannt­lich,
Regelungen12 zu tref­fen, die Arbeit­ge­ber zur
sys­te­ma­ti­schen Auf­zeich­nung und Über­prü­fung der gesam­ten
Arbeits­zeit veranlassen.13 Ins­be­son­de­re geht es
um die Ein­rich­tung eines zweck­dien­li­chen „objektive[n],
verlässliche[n] und zugängliche[n] System[s]“14 (Rn.
60). In sei­ner Ent­schei­dung gegen die Deut­sche Bank
bezog sich der EuGH maß­geb­lich auf Art. 31 Abs. 2
GRCh und die Richt­li­nie 2003/88/EG des Euro­päi­schen
Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003, in der es u.a.
heißt, der „Gesund­heits­schutz der Arbeit­neh­mer“ dür­fe
„kei­nen rein wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen“ (zitiert
nach Rn. 7) unter­ge­ord­net wer­den. Die Ver­bes­se­rung
der Lebens­qua­li­tät der Arbeit­neh­mer ist erklär­tes Ziel
des EuGH.15 Inten­si­ve Arbeits­be­las­tung ist gesund­heits­schäd­lich,
16 lässt sich durch eine Flexibilisierung17 der
Arbeits­zeit aber reduzieren,18 ins­be­son­de­re wenn ein
hoher Grad an Selbst­be­stim­mung damit einhergeht.19
Ander­seits kann Ver­trau­ens­ar­beits­zeit auch Selbst­aus­beu­tung
bedeu­ten so wie „[p]ermanenter Stand­by-Modus
und Entgrenzung“20 gesund­heits­schäd­lich sein kön­nen.
Ent­spre­chend spricht Ste­phan A. Jan­sen von einer
ambi­va­len­ten „Belustbarkeit“21. Wohl­be­fin­den und Leis­tungs­fä­hig­keit
sind daher nicht allein Fra­gen der Quan­ti­tät,
son­dern vor allem auch der Qualität,22 die sich jedoch
nicht all­ge­mein­gül­tig bestim­men lässt. Es kommt
auf den Ein­zel­fall bzw. den spe­zi­fi­schen Kon­text an.
Es ist her­vor­zu­he­ben, dass der EuGH sei­ne Ent­schei­dung
unter Ver­weis auf ein arbeits­recht­li­ches Urteil23 gegen
die Max-Planck-Gesell­schaft gefällt und als Aus­gangs­punkt
einer gene­ra­li­sie­ren­den Erör­te­rung dar­über
genom­men hat, wie die Euro­päi­sche Grund­rech­te­char­ta
gestärkt wer­den könnte.24 Die­se Grund­rechts­ebe­ne inter­es­siert
im Wei­te­ren. Soll­te der Gesetz­ge­ber bei sei­ner
Umset­zung des EuGH-Urteils kei­ne arbeits­recht­li­chen
Aus­nah­men für die Wis­sen­schaft vor­se­hen, in Form einer
„Lex Wis­sen­schaft“ etwa, wie von Peter-André Alt
angemahnt,25 dürf­te das Kri­tik von Sei­ten der Wis­sen­schaft
aus­lö­sen. Die Auf­zeich­nung der Arbeits­zeit ist für
For­schen­de meist nur schwer mit ihren Vor­stel­lun­gen
Skrow­ro­nek · Arbeits­zeit im deut­schen Wirt­schafts­sys­tem 2 4 7
26 Vgl. Roet­te­ken, Pflicht des Arbeit­ge­bers zur Ein­rich­tung eines
Sys­tems zur Erfas­sung der täg­li­chen effek­ti­ven Arbeits­zeit
(12.6.2019), in: juris­PR-ArbR 23 (2019), https://www.fachportalsteuerrecht.
de/jportal/portal/page/fpsteuerrecht.psml?nid=jpr-
NLAR000014919&cmsuri=%2Ffachportal_steuerrecht%2Fde%2Fr
17%2Fnachrichten_1%2Fzeige_nachricht.jsp (30.11.2019).
27 Vgl. Heu­ser, Ent­leer­tes Füll­horn — Wie stark sind Wis­sen­schaft­ler
vom Burn­out betrof­fen?, in: For­schung & Leh­re 2 (2014), zitiert
nach: Burn­out — Anzei­chen erken­nen und Stra­te­gien zur Ver­mei­dung,
in: academics.de, https://www.academics.de/ratgeber/
anzei­chen-burn­out-erken­nen-ver­mei­den.
28 „Eine App könn­te zum Bei­spiel ein Signal geben, das anzeigt, dass
die Höchst­ar­beits­zeit erreicht ist, und die Beschäf­tig­ten ermu­ti­gen,
Fei­er­abend zu machen.“ Mon­ta­na­ri, Mahl­zeit, Big Brot­her!.
29 Vgl. Dymc­zak, Schwal­be, Ein­sich­ti­ge Arbeits­zeit. Trans­pa­renz
in der elek­tro­ni­schen Per­so­nal­zeit­er­fas­sung, in: Trans­pa­renz.
Schlüs­sel­be­griff einer poli­ti­schen Anthro­po­lo­gie der Gegen­wart.
Ber­li­ner Blät­ter SH 76 (2018), 76–91, 76. Ver­gleich­ba­re Zeit­er­fas­sungs­sys­te­me
sind bei­spiels­wei­se an den Hoch­schu­len bzw. Uni­ver­si­tä­ten
Mag­de­burg, Mainz, Trier, Vech­ta und Wien ver­brei­tet;
vgl. https://www.hs-magdeburg.de/hochschule/einrichtungen/
per­so­nal­an­ge­le­gen­hei­ten/­sin­gle-news­/­sin­g­le/in­for­ma­tio­nen­zur-
neuen-zeiterfassung.html; https://www.blogs.uni-mainz.
de/­ver­wal­tung-per­so­nal/­files/2018/10/­Dienst­ver­ein­ba­run­g_­Ar­beit­zeit­er­fas­sung.
pdf; https://www.uni-trier.de/fileadmin/organisation/
personalrat/personalrat/Dienstvereinbarungen/DV_Arbeitszeitregelung_
18.8.2017.pdf; https://www.uni-vechta.de/
dezer­nat-1-per­so­nal/­per­so­nal­ver­wal­tun­g/­zeit­er­fas­sun­g/; https://
brwup.univie.ac.at/personal-recht/arbeitszeitrecht/.
30 Heu­ser, Ent­leer­tes Füll­horn. Zugleich sind die Schat­ten­sei­ten
die­ser posi­ti­ven Per­spek­ti­ven zu beden­ken, auf die im spä­te­ren
Ver­lauf ein­ge­gan­gen wird. Sie zie­len in Rich­tung einer Kri­tik
pri­mär leis­tungs­ori­en­tier­ter Selbst­re­gu­lie­rung, zu deren Ver­wirk­li­chung
auch tech­ni­sche Mit­tel her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen; vgl.
Dymc­zak, Schwal­be, Ein­sich­ti­ge Arbeits­zeit, 77 und 86.
31 Vgl. Dörf­ler, Das bedeu­tet das EuGH-Urteil zur Arbeits­zeit­er­fas­sung,
in: https://www.marktundmittelstand.de/technologie/
arbeits­zeit­er­fas­sung-im-mit­tel­stan­d/eugh-urteil-zur-arbeits­zeit­er­fas­sung-
1287741/.
32 Neu­schmid, Neu­jus­tie­rung des Arbeits­zeit­rechts, 1853.
33 Vgl. Thü­sing, Flink, Jänisch, Arbeits­zeit­er­fas­sung als euro­pa­recht­li­che
Pflicht, 475.
34 Vgl. Hoff, Das Ende der Ver­trau­ens­ar­beits­zeit, wie vie­le sie
ken­nen (14.5.2019), https://arbeitszeitsysteme.com/wp-content/
upload­s/2012/05/­Das-Ende-der-Ver­trau­ens­ar­beits­zeit-wie­vie­le-
sie-kennen-2019.pdf, 2; Koh­te, Arbeits­zeit­ge­setz (ArbZG),
in: Koh­te, Faber, Feld­hoff (Hg.), Gesam­tes Arbeits­schutz­recht.
Arbeits­schutz, Arbeits­zeit, Arbeits­si­cher­heit, Arbeits­wis­sen­schaft.
Hand­kom­men­tar, 2018, 1103, 1107.
35 Vgl. Wiar­da, Zeit­er­fas­sung.
36 Vgl. Anla­ge zu § 9 des BDSG alt: „Wer­den per­so­nen­be­zo­ge­ne
Daten auto­ma­ti­siert ver­ar­bei­tet oder genutzt, ist die inner­be­hörd­li­che
oder inner­be­trieb­li­che Orga­ni­sa­ti­on so zu gestal­ten, dass sie
den beson­de­ren Anfor­de­run­gen des Daten­schut­zes gerecht wird.“
37 Zu wei­te­ren Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten die­ser Begrif­fe vgl.
Thü­sing, Flink, Jänisch, Arbeits­zeit­er­fas­sung als euro­pa­recht­li­che
Pflicht, 464–468.
wis­sen­schaft­li­cher Auto­no­mie, geis­ti­ger Krea­ti­vi­tät und
arbeits­recht­li­cher Unab­hän­gig­keit in Ein­klang zu brin­gen.
26 Denkt man jedoch an die mit einer Über­las­tung
ein­her­ge­hen­de Feh­ler­an­fäl­lig­keit, bei­spiels­wei­se an einem
Universitätsklinikum27, dann ist eine Kon­trol­le der
Arbeits­zei­ten wohl nicht nur im Sin­ne etwa­iger Pati­en­ten,
son­dern könn­te, ver­stan­den als Teil eines Qua­li­täts­ma­nage­ments
etwa, auch For­schen­de und die Lei­tungs­ebe­ne
inter­es­sie­ren. Was aber heißt Arbeit in der Wis­sen­schaft?
Wie könn­te Zeit­er­fas­sung hier prak­tisch aus­se­hen?
In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen Arbeit und
Auto­no­mie der For­schung?
II.Vermessen? Mes­sen.
Wie das vom EuGH gefor­der­te Sys­tem aus­zu­se­hen hat,
ist den EU-Mit­glied­staa­ten unter Beach­tung bran­chen­und
unter­neh­mens­spe­zi­fi­scher Umstän­de zur Klä­rung
auf­ge­ge­ben (Rn 63). Dies gilt auch für die Wis­sen­schaf­ten
mit ihren beson­de­ren Arbeits­be­din­gun­gen, auf die
spä­ter näher ein­ge­gan­gen wird. Als kon­kre­te Umset­zungs­mög­lich­kei­ten
kom­men tech­ni­sche Lösun­gen in
Form einer App oder einer Anmel­dung im Cli­ent in Fra­ge,
die die Erfas­sung – und auch Kontrolle28 – der tat­säch­li­chen
Arbeits­zei­ten über­neh­men könnten.29 Eine
App auf dem eige­nen Smart­phone könn­te „ein hohes
Maß an Eigen­ver­ant­wor­tung sowie Kon­trol­le über die
Tätigkeit“30 ver­mit­teln. Der orga­ni­sa­to­ri­sche Mehraufwand31
lie­ße sich mit effi­zi­en­ter Tech­nik womög­lich in
Gren­zen hal­ten, so dass „die prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten
über­schau­bar sein“32 dürf­ten. Da das EuGH-Urteil
eine Selbst­do­ku­men­ta­ti­on gestattet,33 wäre auch
Ver­trau­ens­ar­beits­zeit wei­ter­hin möglich.34 Mit so einem
tech­ni­schen Sys­tem lie­ße sich dem Wunsch nach Fle­xi­bi­li­tät
in der Wis­sen­schaft zumin­dest par­ti­ell ent­ge­gen­kom­men.
35 Zugleich hät­te man aber eine Rei­he recht­li­cher,
tech­ni­scher, sicher­heits­re­le­van­ter und prak­ti­scher
Fra­gen zu beant­wor­ten. Gin­ge man bei­spiels­wei­se von
einer App-Lösung aus, so wäre zu klä­ren, inwie­fern pri­va­te
Han­dys für dienst­li­che Zwe­cke ver­wen­det wer­den
dür­fen, inwie­fern die Ein­wahl in ein geschütz­tes Sys­tem
mit pri­va­ten Gerä­ten ver­tret­bar und wie mit Fäl­len
umzu­ge­hen wäre, in denen Beschäf­ti­ge kein Smart­phone
besit­zen. Wür­de man Dienst­te­le­fo­ne zur Ver­fü­gung stel­len
oder elek­tro­ni­sche Schlüs­sel auf­rüs­ten? Wie groß
wäre die Gefahr, dass Infor­ma­tio­nen gesam­melt und
Pro­fi­le erstellt wer­den, die über die zur Erfas­sung der
Arbeits­zeit not­wen­di­ge Daten­ver­ar­bei­tung hin­aus­ge­hen
bzw. auf­grund etwa­iger pro­prie­tä­rer Schran­ken bei
nicht-frei­er Soft­ware nicht voll­stän­dig nach­voll­zieh­bar
wären?36 Die durch das EuGH-Urteil gefor­der­te Ein­rich­tung
eines „objektive[n], verlässliche[n] und
zugängliche[n] System[s]“ (Rn. 60) scheint den daten­schutz­recht­li­chen
Aspekt zu betonen.37 Das App-Bei2
4 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 4 5 — 2 5 2
38 Schrö­der, Rin­gen um huma­ne Arbeits­zei­ten – Erfah­run­gen und
Per­spek­ti­ven, in: Schröder/Urban (Hg.), Gute Arbeit. Streit um
Zeit – Arbeits­zeit und Gesund­heit, 2017, 35, 48.
39 Vgl. zu den Kon­troll­in­stan­zen und ‑pro­zes­sen o. A., Die Arbeits­zeit­er­fas­sung
der Mit­ar­bei­ter (o. D.), https://www.arbeitsrechte.
de/arbeitszeiterfassung/.
40 Vgl. Dymc­zak, Schwal­be, Ein­sich­ti­ge Arbeits­zeit, 78.
41 Vgl. Dörf­ler, Das bedeu­tet das EuGH-Urteil zur Arbeits­zeit­er­fas­sung;
Wiar­da, Zeit­er­fas­sung.
42 Pautsch, Dil­len­bur­ger, Kom­pen­di­um zum Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­recht.
2016, 168.
43 Dies gilt etwa bei einer Neben­tä­tig­keit der For­schen­den; vgl. ebd.
169
44 Vgl. ebd., 124.
45 Rosen­ber­ger, EuGH-Urteil zur Arbeits­zeit­er­fas­sung: Arbeit­neh­mer
wer­den pro­fi­tie­ren, sagt der Ex-Rek­tor der Uni Frei­burg
(14.5.2019), in: https://www.suedkurier.de/ueberregional/
wirt­schaf­t/EuGH-Urteil-zur-Arbeits­zeit­er­fas­sung-Arbeit­neh­mer-
wer­den-pro­fi­tie­ren-sagt-der-Ex-Rek­tor-der-Uni-
Freiburg;art416,10148097.
46 Vgl. Mon­ta­na­ri, End­lich Fei­er­abend! (16.5.2019), in: freitag.de,
https://www.freitag.de/autoren/johanna-montanari/endlichfeierabend.
47 Vgl. Bun­des­be­richt Wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs 2017 (BUWIN
2017), hg. v. Kon­sor­ti­um Bun­des­be­richt Wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs,
2017, 100.
48 Vgl. Det­mer, Arbeits­zeit für Pro­fes­so­ren?, in: hoch­schul­ver­band.
de, https://www.hochschulverband.de/faq_rechtliches.
html#. Ähn­li­che Aus­nah­men fin­den sich auch in Bel­gi­en und Frank­reich; vgl. Recent ECJ Jud­ge­ment on dai­ly working time’s mea­su­re­ment – an over­view on the cur­rent situa­ti­on in Euro­pe (13.6.2019), https://www.dentons.com/en/insights/articles/2019/ jun­e/13/­re­cent-ecj-jud­ge­ment-on-dai­ly-working-times-mea­su­re­ment. 49 Wiar­da, Zeit­er­fas­sung. 50 Ebd. 51 Die Zah­len schwan­ken zwi­schen etwa 75 und 90 Pro­zent, und sie sind nicht unum­strit­ten. Die­ter Kauf­mann, bei­spiels­wei­se, Bun­des­spre­cher der Kanz­le­rin­nen und Kanz­ler der Uni­ver­si­tä­ten Deutsch­lands, zwei­felt an ihrer Rich­tig­keit bzw. Aktua­li­tät. In der Hoch­schul­ver­wal­tung liegt die Zahl bei etwa 23 Pro­zent. In der frei­en Wirt­schaft hin­ge­gen liegt die Zahl bei etwa sie­ben bis acht Pro­zent. Neben den dritt­mit­tel­fi­nan­zier­ten Beschäf­tig­ten ist auch „der Befris­tungs­an­teil der grund­fi­nan­zier­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im Zeit­ver­lauf gestie­gen [….]“ (BUWIN 2017, 102). Vgl. Leen­dertz, Schlimm, Troelen­berg, See­li­ger, Gold­mann, Etze­mül­ler, Höp­ner, Fle­xi­ble Dienst­leis­ter der Wis­sen­schaft (27.3.2018), in: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/akademischer- mit­tel­bau-fle­xi­ble-dienst­leis­ter-der-wis­sen­schaft-15502492. html, Wiar­da, „Bewuss­te Pro­vo­ka­ti­on!“ –“Nein, eine ein­sei­ti­ge Debat­te!“ (15.11.2019), in: https://www.jmwiarda.de/2019/11/15/ bewuss­te-pro­vo­ka­ti­on-nein-eine-ein­sei­ti­ge-debat­te/. spiel impli­ziert eine Bedro­hung von „Per­sön­lich­keits­und Souveränitätsrechte[n] der Beschäftigen“38, der jedoch mit einer effek­ti­ven Zutritts- und Zugangs­kon­trol­le womög­lich begeg­net wer­den könnte.39 Ange­sichts stei­gen­der Dritt­mit­tel­ab­hän­gig­keit und fort­schrei­ten­der Pro­jekt­för­mig­keit der For­schung könn­te eine Erfas­sung der Arbeits­zei­ten admi­nis­tra­ti­ve Ent­las­tung bedeuten.40 Pro­jekt­ab­rech­nun­gen lie­ßen sich leich­ter bewerk­stel­li­gen und ver­gleich­ba­re Vor­ha­ben in Zukunft bes­ser pla­nen und kalkulieren.41 Kon­flik­te auf­grund der „Inan­spruch­nah­me von Per­so­nal- und Sach­mit­teln und sons­ti­gen Ein­rich­tun­gen der Hochschule“42 lie­ßen sich ver­mut­lich leich­ter lösen.43 Ähn­li­ches trä­fe auf Patent­strei­tig­kei­ten und Ver­si­che­rungs­fäl­le zu. Auch in der Leh­re könn­te die Erfas­sung der Arbeits­zeit bei der Ermitt­lung der Kapa­zi­tä­ten helfen.44 Erfas­sungs­sys­te­me schaf­fen näm­lich Trans­pa­renz, so Man­fred Löwisch, ehe­ma­li­ger Rek­tor der Uni Frei­burg und Pro­fes­sor an der For­schungs­stel­le für Hoch­schul­ar­beits­recht, „die von den Mit­be­stim­mungs­gre­mi­en genutzt wer­den kann, Miss­stän­de anzu­zei­gen, und es ver­schafft auch dem Arbeits­zeit­ge­setz eine neue Wirkung.“45 Ins­ge­samt wären als posi­ti­ver Effekt also erhöh­te Pla­nungs­si­cher­heit, rei­bungs­lo­ser Pro­jekt­ab­lauf und, mit Blick auf die genann­ten Bei­spie­le, auch eine soli­de­re Finanz­pla­nung denk­bar. Auch das Wohl­be­fin­den der Beschäf­tig­ten könn­te sich erhöhen.46 III.But some are more Jeder­mann than others Mögen die Argu­men­te für die Ein­rich­tung eines Arbeits­zeit­er­fas­sungs­sys­tems in der Wis­sen­schaft auch viel­fach über­zeu­gen, so unwahr­schein­lich ist des­sen voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung. Dage­gen spre­chen eta­blier­te Mach­struk­tu­ren im deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tem, für die bei­spiel­haft die sys­te­mi­sche Domi­nanz der Pro­fes­so­rin­nen und ihre arbeits­recht­li­che Aus­nah­me­stel­lung steht. Im Kern geht es hier­bei um die sozi­al zemen­tier­te Exklu­si­vi­tät eines Jeder­mann-Grund­rech­tes. Nur Hoch­schul­leh­re­rin­nen gel­ten als arbeits­recht­lich satis­fak­ti­ons­fä­hi­ge
Per­so­ni­fi­ka­ti­on der Wis­sen­schafts­frei­heit,
obwohl sie nur rund 20 % der Gesamt­zahl der For­schen­den
bilden.47 Zeit­lich und räum­lich wei­test­ge­hend unge­bun­den,
sind sie von den „Vor­schrif­ten des Beam­ten­rechts­rah­men­ge­set­zes
über die Arbeits­zeit“ (§ 50 HRG)
ausgenommen.48 Wenn von „flexible[n] Regelungen“49
gespro­chen wird, um die „Frei­heit, Krea­ti­vi­tät und
Eigeninitiative“50 der Wis­sen­schaft zu sichern, so DHV­Pres­se­spre­cher
Mat­thi­as Jaroch, dann haben (nur)
Pro­fes­so­rin­nen die insti­tu­tio­nel­len und, prin­zi­pi­ell zumin­dest, auch die finan­zi­el­len Mit­tel dazu. Die­sen 20 Pro­zent ste­hen 80 Pro­zent wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin­nen gegen­über, die ihrer­seits zu 80 Pro­zent
befris­tet beschäf­tigt sind.51 Hoch­schul­leh­re­rin­nen Skrow­ro­nek · Arbeits­zeit im deut­schen Wirt­schafts­sys­tem 2 4 9 52 Vgl. BUWIN 2017, 224. Ohne ver­läss­li­ches Zah­len­ma­te­ri­al lässt sich der Bei­trag der befris­tet Beschäf­tig­ten zur For­schung nicht genau bemes­sen. Er dürf­te aber eben­falls signi­fi­kant sein; vgl. Bahrdt, Pro­fes­so­ra­le Olig­ar­chen, pre­kä­rer Mit­tel­bau (2.5.2019), https:// www.freitag.de/autoren/der-freitag/professorale-oligarchenprekaerer- mit­tel­bau. 53 Vgl. Gär­ditz, Die äuße­ren und inne­ren Gren­zen der Wis­sen­schafts­frei­heit. Zur poli­ti­schen Struk­tur von For­schung und Leh­re, in: WissR 51:1 (2018), 5, 8. 54 Dies gilt sowohl inner­halb als auch – auf­grund einer häu­fig nicht als markt­ge­recht erach­te­ten Qua­li­fi­ka­ti­on der Post­docs – außer­halb der Wis­sen­schaft, zumin­dest auf einem der Aus­bil­dung ange­mes­se­nen Niveau; vgl. BUWIN 2017, 101 und 188f. 55 Per­spek­ti­ven des deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tems (Drs. 3228–13), hg. v. Wis­sen­schafts­rat, Juli 2013, 45; vgl. ebd. 11. 56 Der Anteil der Lei­tungs­stel­len im Ver­hält­nis Pro­fes­sur-wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin ist im Zeit­raum Anfang 2000er bis
Mit­te 2010er Jah­re um etwa 20 Pro­zent gesun­ken. Zudem gab es
einen Anstieg befris­tet beschäf­tig­ter Wis­sen­schaft­le­rin­nen um knapp 60 Pro­zent; vgl. BUWIN 2017, 100, 102 und 121f. 57 Vgl. BUWIN 2017, 130. 58 Vgl. Ambrast, Bezahlt oder unbe­zahlt? Über­stun­den im aka­de­mi­schen Mit­tel­bau, in: For­schung & Leh­re 2 (2019), 152–154, https:// www.forschung-und-lehre.de/fileadmin/user_upload/Rubriken/ Karriere/2019/2–19/FuL_2-19_Ambrast.pdf, 152. 59 Vgl. Deut­scher Hoch­schul­ver­band, Im Schnitt 11,9 Über­stun­den pro Woche im Mit­tel­bau (Bonn, 29.1.19), https://www.pressebox. de/inaktiv/deutscher-hochschulverband/Im-Schnitt-11–9‑Ueberstunden- pro-Woche-im-Mit­tel­bau/­b­oxi­d/940107. 60 Vgl. Bel­au, For­schungs­ma­nage­ment. Ein prak­ti­scher Leit­fa­den, Olden­burg 2017, 115; Kremp­kow, Sem­britz­ki, Schür­mann, Win­de, Per­so­nal­ent­wick­lung für den wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuchs, 2016, https://www.stifterverband.org/medien/personalentwicklung
2016.
61 Lör­cher, Das sozia­le Grund­recht auf gesun­de, siche­re und wür­di­ge
Arbeits­be­din­gun­gen, 29. Jedoch: „Zur Prä­va­lenz von Burn­out
oder Depres­si­on bei Wis­sen­schaft­lern gibt es kaum publi­zier­te
Unter­su­chun­gen […].“ Heu­ser, Ent­leer­tes Füll­horn.
62 „Und selbst­ver­ständ­lich umfasst die ‚Mut­ter aller Grund­rech­te‘,
die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit aus Art. 2 Abs. 1 GG, auch
kul­tu­rel­le Betä­ti­gun­gen. […] Bei der Wis­sen­schaft steht die Suche
nach Erkennt­nis und Wahr­heit und nach dem, was zu wis­sen
der Ein­zel­ne für wich­tig hält, im Vor­der­grund.“ Gramm, Pie­per,
Grund­ge­setz. Bür­ger­kom­men­tar, 2015, 186; vgl. Pautsch, Dil­len­bur­ger,
Kom­pen­di­um zum Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­recht, 5.
63 „Um sich auf das Grund­recht der Reli­gi­ons­frei­heit, der Kunst­frei­heit
oder der Wis­sen­schafts­frei­heit zu beru­fen, muss man
kei­nes­wegs ein pro­fes­sio­nel­ler Künst­ler, Wis­sen­schaft­ler oder
Reli­gi­ons­die­ner sein.“ Gramm, Pie­per, Grund­ge­setz, 188.
64 Pautsch, Dil­len­bur­ger, Kom­pen­di­um zum Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­recht,
10.
ver­gleich­bar hal­ten sie knapp 40 Pro­zent der Lehrveranstaltungen52
und haben somit einen wesent­li­chen Anteil
an der Ver­knüp­fung von Wis­sen­schaft und Gesell­schaft.
53 Ihre Kar­rie­re- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten
sind jedoch eingeschränkt.54 Die pyra­mi­da­le Struk­tur
des deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tems bie­tet „kaum
attrak­ti­ve Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten für eine Kar­rie­re
neben einer Professur.“55 Sozio­de­mo­gra­phi­sche und
finanz­po­li­ti­sche Ver­schie­bun­gen erhö­hen die Kom­pe­ti­ti­vi­tät
in einem System,56 das auf­grund jener Befris­tungs­struk­tur
sei­ne wis­sen­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit
gefährdet.57 Ange­sichts die­ser – all­seits bekann­ten,
möch­te man mei­nen – sys­te­mi­schen Miss­stän­de
erscheint es gera­de­zu kon­se­quent, dass auch Über­stun­den
im Wis­sen­schafts­be­trieb beson­ders hoch und
zumeist unbe­zahlt sind.58 Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler
kom­men auf etwa drei­mal mehr Über­stun­den als der
Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt und sind dar­in lei­ten­den
Ange­stell­ten vergleichbar.59 Sowohl aus Grün­den der
Effi­zi­enz als auch des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes
erscheint es geboten,60 zumeist befris­te­te und pre­kä­re
Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se nicht auch noch mit Über­stun­den
zu belas­ten. „Arbeit darf Men­schen nicht in
ihrer Gesund­heit bein­träch­ti­gen oder gar schä­di­gen.
Eben­so wie die Demo­kra­tie darf die Gesund­heit nicht an
den Werks­to­ren aufhören.“61 Dies gilt auch für Hör­sä­le,
Labo­re und Kli­ni­ken.
Im Wis­sen­schafts­sys­tem kommt zum Gesund­heits­ri­si­ko
aller­dings noch eine Grund­rechts­ge­fähr­dung hin­zu.
Es sei dar­an erin­nert, dass aus grund­recht­li­cher Per­spek­ti­ve
bei der Suche nach wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis
der ein­zel­ne Mensch im Vor­der­grund steht.62 Die Frei­heit
von „Kunst und Wis­sen­schaft, For­schung und Leh­re“
(Art. 5 Abs. 3 GG) ist ein Jedermann-Grundrecht.63
Das skiz­zier­te Miss­ver­hält­nis zwi­schen ent­fris­te­ten und
befris­te­ten Stel­len, zwi­schen Hoch­schul­leh­rer
innen
und Nach­wuchs­wis­sen­schaft­lerinnen scheint zu einer Kol­li­sio­nen von Grund­rech­ten aus­zu­ar­ten, bei der die pro­fes­so­ra­le Wis­sen­schaft der Einen gegen die pre­kä­re Wis­sen­schaft der Ande­ren aus­ge­spielt zu wer­den droht. Die Fest­stel­lung, dass „aus der Gewähr­leis­tung der Wis­sen­schafts­frei­heit eine bestimm­te Rechts- oder Orga­ni­sa­ti­ons­form der Hoch­schu­le [nicht] abzuleiten“64 sei, dürf­te für bei­de hier ange­führ­ten Par­tei­en gel­ten. Hät­ten somit bei­de Sei­ten ein Anrecht auf raum­zeit­li­che Unge­bun­den­heit bzw. kar­rie­re­för­dern­de Ent­fris­tung? Mag der hier skiz­zier­te Gegen­satz zwi­schen arri­vier­ten Wis­sen­schaft­lerinnen und Inha­berinnen befris­te­ter Stel­len auch sche­ma­tisch sein, ver­weist er doch auf cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le gera­de des deut­schen, im inter­na­tio­na­len Ver­gleich eher dicho­to­men und ver­krus­te­ten Wis­sen­schafts­sys­tems und sei­ner aka­de­mi­schen Beschäf­ti­gungs­pfa­de, die es bei der Umset­zung des EuGHUr­teils zu beach­ten gilt. Der Staat ist ver­pflich­tet, eine 2 5 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 4 5 — 2 5 2 65 Reim, Arbeits­zeit­ge­setz (ArbZG), 888. 66 Beim Arbeits­schutz han­delt es sich um ein „Grund­recht […], […] das auch jedem Ein­zel­nen eine Rechts­po­si­ti­on ver­mit­telt, auf die er sich unmit­tel­bar beru­fen kann.“ Lör­cher, Das sozia­le Grund­recht auf gesun­de, siche­re und wür­di­ge Arbeits­be­din­gun­gen, 45. 67 Ambrast, Bezahlt oder unbe­zahlt?, 153. 68 Vgl. Mon­ta­na­ri, End­lich Fei­er­abend!. 69 Vgl. Arnold, Stef­fes, Wol­ter, Mobi­les und ent­grenz­tes Arbei­ten, 6. 70 „War das Arbei­ten zu ‚unüb­li­chen Arbeits­zei­ten‘ zunächst auf eini­ge weni­ge Berufs­grup­pen beschränkt, ins­be­son­de­re medi­zi­ni­sches Per­so­nal bzw. Arbei­ter der Indus­trie; sind zuse­hends auch Beschäf­tig­te ande­rer Sek­to­ren, ins­be­son­de­re der Dienst­leis­tung, betrof­fen (Küm­mer­ling, 2007). […] Zudem zeigt sich auch eine zuneh­men­de Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­zeit, die seit eini­gen Jahr­zehn­ten an Bedeu­tung gewinnt und sich in den meis­ten Tarif­ver­hand­lun­gen wie­der­fin­det (Bis­pinck, 2014).“ Brau­ner, Wöhr­mann, Michel, BAuA-Arbeits­zeit­be­fra­gung, 9. 71 „Bren­nen für ihre Arbeit, das tun fast alle Wis­sen­schaft­ler — auch wenn die Gefahr des Aus­bren­nens sehr hoch ist.“ Grün, Mit Anfang 40 wer­den vie­le For­scher nicht mehr gebraucht (23.6.2019), https://www.sueddeutsche.de/karriere/wissenschaft-karrierebefristet- 1.4484574–0. 72 Ambrast, Bezahlt oder unbe­zahlt?, 153. 73 „Bei Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern wird unaus­ge­spro­chen vor­aus­ge­setzt, dass sie intrin­sisch moti­viert sind und Über­stun­den zu ihrem wis­sen­schaft­li­chen Selbst­ver­ständ­nis gehö­ren.“ Schmer­mund, Knapp zwölf Über­stun­den pro Woche sind üblich (28.1.2019), in: https://www.forschung-und-lehre.de/ knapp-zwoelf-ueber­stun­den-pro-woche-sind-ueb­lich-1455/. 74 „Wis­sen­schaft ist ein Krea­tiv­be­ruf: Man braucht stän­dig neue Ideen, um die aktu­el­le For­schungs­fra­ge zu bear­bei­ten und um eige­ne Pro­jek­te anzu­sto­ßen und mit­hin die Welt um eini­ge Erkennt­nis­se zu berei­chern. Man kann nicht krea­tiv sein von Mo-Fr von 10 bis 18 Uhr.“ Hoff­mann, Beruf Wis­sen­schaft und der EuGH (10.6.2019), https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/unsinnder- eugh-arbeits­zeit­er­fas­sun­g/. 75 Vgl. Wiar­da, Zeit­er­fas­sung. 76 Thiel, Lob der Zeit­er­fas­sung (29.5.2019), in: https://www.faz.net/ aktu­el­l/­kar­rie­re-hoch­schu­le/s­tech­uhr-urteil-zur-zeit­er­fas­sung-ist­gut- fuer-die-wissenschaft-16209686.html; vgl. Kom­men­tar von Tho­mas P. (11.6.2019, 08:10 Uhr), in: Hoff­mann, Beruf Wis­sen­schaft und der EuGH. 77 Wicht, Arbeits­zeit als Pri­vi­leg, in: Spektrum.de Sci­Logs (17.05.2019), https://scilogs.spektrum.de/anatomisches-allerlei/ arbeits­zeit-als-pri­vi­le­g/. 78 Kom­men­tar von bote19 (17.5.2019, 18:14 Uhr) in: Wicht, Arbeits­zeit als Pri­vi­leg. Lösung im Namen sowohl grund­recht­li­cher Wis­sen­schafts­frei­heit als auch des Arbeits­zeit­ge­set­zes als eines „öffentlich-rechtliche[n] Schutzgesetz[es]“65 zu finden.66 Auf eine diver­si­täts­sen­si­ble und Macht­ver­hält­nis­se aus­glei­chen­de Aus­le­gung des EuGH-Urteils ent­spre­chend der Per­so­nal­struk­tur ist daher zu ach­ten. IV. Unpro­duk­ti­ve Sub­jek­te. Leben für die Wis­sen­schafts­auto­no­mie Wis­sen­schaft­lerinnen sind zeit­lich und räum­lich in der
Regel weni­ger gebun­den als Beschäf­tig­te ande­rer Bran­chen.
67 Doch auch jen­seits des Wis­sen­schafts­be­trie­bes
las­sen sich genü­gend Bei­spie­le für ent­grenz­te Arbeits­mo­da­li­tä­ten
finden,68 die nicht nur Leitungsangestellten69
vor­be­hal­ten sind.70 Mag das sprich­wört­li­che Brennen71
ein zen­tra­les Cha­rak­te­ris­ti­kum genui­nen For­schungs­dran­ges
sein, mögen idea­lis­ti­sche Leit­bil­der
– Hum­bold­tia­ni­scher Pro­ve­ni­enz etwa, gern zitiert –
auch domi­nie­ren, hohe Moti­va­ti­on, pro­jek­ti­ve Kom­pe­tenz
und eine Cre­do der Selbst­op­ti­mie­rung wird man
soge­nann­ten High Poten­ti­als in der Wirt­schaft aber nur
bedingt abspre­chen kön­nen. Die Bereit­schaft, Über­stun­den
„oft zuvor­kom­mend und freiwillig“72 zu erbrin­gen,
lässt sich also vie­ler­orts antref­fen, nicht nur, wenn es um
Auf­stiegs­mo­bi­li­tät geht, son­dern gera­de auch dann,
wenn das öko­no­mi­sche Über­le­ben nackt dar­an hängt.
Intrin­si­sche Moti­va­ti­on hat daher ein Kli­schee­po­ten­ti­al,
wenn nicht gar aus­ge­wach­se­ne Qua­li­tä­ten eines Herr­schafts­in­stru­ments.
73 Dies gilt ins­be­son­de­re für das
Schlag­wort Kreativität74, das häu­fig bemüht wird, um
zur selbst­er­nann­ten Ver­tei­di­gung wis­sen­schaft­li­cher
‚Frei­geis­tig­keit‘ aus­zu­rü­cken. Das Argu­ment, Krea­ti­vi­tät
las­se sich zeit­lich nicht regle­men­tie­ren, klingt zunächst
plau­si­bel. Krea­ti­vi­tät sinkt aber durch lan­ge Arbeits­zei­ten
und ver­kürz­te Erho­lungs­pha­sen. Geis­ti­ge Arbeit
braucht einen Rah­men, um der Feh­ler­an­fäl­lig­keit von
For­schen­den entgegenzuwirken.75 Zuver­läs­sig­keit in der
Pla­nung und mate­ri­el­le Sicher­heit stel­len sogar eine
wesent­li­che Grund­vor­aus­set­zung für „geistig[e] [B]
eweglich[keit]“76 dar. Last but not least, auch in der Wis­sen­schaft
gilt viel­fach „98% Tran­spi­ra­ti­on, 2% Inspi­ra­ti­on“.
Wenn in Debat­ten über Arbeit und Arbeits­zeit in
der Wis­sen­schaft von Krea­ti­vi­tät expli­zit gespro­chen
wird, dann geht es wohl eher um die Ver­tei­di­gung von
Selbst­bil­dern denn um gesi­cher­te Schaf­fens­kraft für alle,
eher um die Ver­tei­lung aus­ge­wähl­ter Res­sour­cen und
Opti­ons­schei­ne denn um Zugangs­mög­lich­kei­ten für
Jeder­mann, geschwei­ge denn für Jede­frau.
Wis­sen­schaft funk­tio­niert als Distink­ti­ons­dis­po­si­tiv.
Durch die Arbeit in der Wis­sen­schaft, ins­be­son­de­re in
der For­schung, setzt man sich ab von Beschäf­tig­ten in
ver­meint­lich weni­ger geis­ti­gen Beru­fen. Auf mit­tel­ba­rem
Wege die­nen grund­recht­li­che Frei­hei­ten, derer man
sich affir­ma­tiv ver­si­chert und zum Aus­hän­ge­schild indi­vi­du­el­len,
Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen die­nen­dem Befin­dens erhebt
– „Ich arbei­te nicht als Aka­de­mi­ker, ich bin Aka­de­mi­ker.“
77 –, dazu, Per­so­nen­grup­pen aus­zu­gren­zen, bis­wei­len
unter Zuschrei­bung einer „Sklavengesinnung“78
und damit unter Umstän­den (nur) an der Gren­ze zum
Ras­sis­mus, womög­lich jedoch (weit) dar­über hin­aus.
Zum Glück lässt sich die Habi­tua­li­sie­rung der Wis­sen­schafts­frei­heit
nicht pau­schal auf einen so dras­ti­schen
Nen­ner brin­gen. Man soll­te aber nicht aus dem Blick
Skrow­ro­nek · Arbeits­zeit im deut­schen Wirt­schafts­sys­tem 2 5 1
79 Vgl. Wicht, Arbeits­zeit als Pri­vi­leg.
80 Bur­chard, Angst vor der aka­de­mi­schen Abbruch­kan­te (10.7.2019),
in: https://www.tagesspiegel.de/wissen/prekaere-arbeitsverhaeltnisse-
an-der-uni-angst-vor-der-aka­de­mi­schen-abbruch­kan­te/
24574060.html.
81 Bay­reu­ther Erklä­rung zu befris­te­ten Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen
mit wis­sen­schaft­li­chem und künst­le­ri­schem Per­so­nal in Uni­ver­si­tä­ten,
https://www.uni-kanzler.de/fileadmin/user_upload/05_Publikationen/
2017_-2010/20190919_Bayreuther_Erklaerung_der
Universitaetskanzler_final.pdf.
82 Lör­cher, Das sozia­le Grund­recht auf gesun­de, siche­re und wür­di­ge
Arbeits­be­din­gun­gen, 53; vgl. ebd., 40.
83 Vgl. Gär­ditz, Die äuße­ren und inne­ren Gren­zen der Wis­sen­schafts­frei­heit,
30.
84 Kom­men­tar von Bernstorff (Mitt­woch, 22.5.2019 09:30) in:
Wiar­da, Zeit­er­fas­sung.
85 Vgl. Leist, Uni­ons­recht gebie­tet Pflicht zur sys­te­ma­ti­schen Arbeits­zeit­er­fas­sung
(5.6.2019), in: juris­PR-ArbR 22 (2019),
https://www.fachportal-steuerrecht.de/jportal/portal/page/fpsteuerrecht.
psml?nid=jpr-NLAR000014219&cmsuri=%2Ffachpo
rtal_steuerrecht%2Fde%2Fr17%2Fnachrichten_1%2Fzeige_nachricht.
jsp (30.11.2019).
86 Scha­rei­ka, „Arbeits­zeit-Erfas­sung schützt vor Selbst­aus­beu­tung“
(14.5.2019), in: https://www.wiwo.de/erfolg/trends/eugh-urteilarbeitszeit-
erfas­sung-schuetzt-vor-selbst­aus­beu­tun­g/24340670.
html.
87 Vgl. Kolatz­ki, Was Zeit­er­fas­sung mit Gleich­stel­lung zu tun hat
(28.5.2019), in: https://www.jmwiarda.de/2019/05/28/was-zeiterfassung-
mit-gleich­stel­lung-zu-tun-hat/.
ver­lie­ren, dass man es mit stra­te­gisch ein­setz­ba­ren „Pri­vi­le­gi­en“
79 zu tun hat, die einer Pfle­ge des sozia­len Frie­dens
ent­ge­gen­ste­hen kön­nen. Inter­de­pen­dent mit wei­te­ren
Dis­kri­mi­nie­rungs­me­cha­nis­men kön­nen sie zusätz­li­che
destruk­ti­ve Kräf­te ent­fal­ten. Die­se Distink­ti­ons­dy­na­mik
ver­läuft nicht nur nach außen, son­dern
struk­tu­riert auch wis­sen­schafts­sys­te­mi­sche Bin­nen­ver­hält­nis­se.
So wer­den Befris­tun­gen häu­fig damit befür­wor­tet,
die Wis­sen­schaft müs­se sich immer wie­der erneu­ern,
„um wis­sen­schaft­lich krea­tiv und pro­duk­tiv zu
bleiben.“80 Unpro­duk­ti­vi­tät als Malus der Zu-kurz-Gekom­me­nen,
so klingt der sub­stan­ti­ie­ren­de Grund­te­nor
die­ser Behaup­tung. Die Pro­duk­ti­vi­tät der Einen müs­se
vor der Unpro­duk­ti­vi­tät der Ande­ren geschützt wer­den.
Mag im obi­gen Zitat eine mit dem Schlag­wort Krea­ti­vi­tät
poten­ti­ell ein­her­ge­hen­de Aus­gren­zung nicht inten­diert
sein, so kon­tu­riert sie den­noch des­sen Ver­wen­dung
und strahlt dar­auf aus, was in der Wis­sen­schaft unter Arbeit
ver­stan­den wird, näm­lich eine als indi­vi­du­ell zuschreib­bar
bzw. absprech­bar ver­stan­de­ne Krea­ti­vi­täts­leis­tung.
Wäh­rend expli­zit von einer Pro­duk­ti­vi­tät des
Gesamt­sys­tems die Rede ist, die mit grund­recht­li­cher
Auto­no­mie auf­ge­la­den wird, geht es impli­zit auch um
den Schutz von Pri­vi­le­gi­en. Man ver­sucht, die Gefahr
der Unpro­duk­ti­vi­tät im befris­tet Beschäf­tig­ten zu ver­an­kern,
den man als ein gene­ra­tio­nen­ver­träg­li­ches Ver­schleiß­teil
begreift – „Qua­li­fi­zie­rungs­chan­cen der nächs­ten
Generationen.“81 – und auto­no­mie­mo­ra­lisch inte­ger
zu eska­mo­tie­ren habe. Dabei blen­det man die Kon­tin­genz
die­ser par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen­ge­lei­te­ten Set­zung und
ihren struk­tu­rel­len Cha­rak­ter eben­so aus wie den Miss­brauch
grund­recht­li­cher Wer­te. Um so wich­ti­ger ist es
daher, die durch das EuGH-Urteil ein­ge­for­der­te Stär­kung
der Arbeit­neh­mer­rech­te zu rea­li­sie­ren. Denn ange­mes­se­ne
Arbeits­be­din­gun­gen tra­gen zur „Ver­wirk­li­chung
[der Men­schen­wür­de] im Arbeits­ver­hält­nis“
bei.82
Arbeit in der Wis­sen­schaft und wis­sen­schaft­li­che Auto­no­mie
sind ver­gleich­ba­re his­to­ri­sche Kon­struk­te, die
in ihren Frei­hei­ten und Gren­zen gesell­schaft­lich bestimmt
werden.83 Ange­sichts der aktu­el­len und allem
Anschein nach auch zukünf­ti­gen Domi­nanz leis­tungs­ori­en­tier­ter
Mit­tel­ver­ga­be und Hier­ar­chie­bil­dung im
Wis­sen­schafts­sys­tem, die Sicht­bar­keit und Legi­ti­mi­tät
nur aus­ge­wähl­ten Reprä­sen­ta­ti­ons­for­men wis­sen­schaft­li­chen
Arbei­tens ver­leiht, erscheint es frag­lich, inwie­weit
ein Zeit­er­fas­sungs­sys­tem, soll­te es je kom­men, zur Ver­bes­se­rung
der Lebens­be­din­gun­gen der (Nach­wuchs-)
Wis­sen­schaft­ler effek­tiv bei­tra­gen könn­te. Aus Wett­be­werbs­grün­den
wür­de man wahr­schein­lich
„den Sonn­tag zum regu­lä­ren Arbeits­tag und die Aben­de
und Näch­te zur regu­lä­ren Arbeits­zeit des wis­sen­schaft­li­chen
Nach­wuchs [sic] machen. Man wäre ja schön blöd,
wenn man die­se Res­sour­ce unge­nutzt lie­ße, um sich von
ande­ren abzu­he­ben oder zumin­dest im Wett­be­werb zu
bleiben.“84
Zur Selbst­aus­beu­tung könn­te eine Ver­zer­rung auf­ge­zeich­ne­ter
Arbeits­zei­ten hin­zu­kom­men, mit der
Wissenschaftler*innen sich als beson­ders pro­duk­tiv dar­stel­len
wollten.85 Daher ist „[d]ie Erfas­sung der Arbeits­zeit
[…] sicher­lich kein Allheilmittel.“86 Grö­ße­re Lin­de­rung
bräch­te eine gene­rel­le Über­ar­bei­tung der Arbeits­be­din­gun­gen
jen­seits strik­ter Repu­ta­ti­ons­lo­gi­ken. Mit
einer Hin­ter­fra­gung der Arbeits­kul­tur könn­ten auch ande­re
Prak­ti­ken im Wis­sen­schafts­sys­tem neu bedacht
werden,87 die das Ver­hält­nis von Arbeit und Men­schen­bild
betref­fen.
„Viel­leicht wird das EUGH-Urteil so zur Chan­ce, gene­rell die
Kul­tur, in der wir Wis­sen­schaft betrei­ben, zu hin­ter­fra­gen.
Und nicht nur die Kul­tur in der Wis­sen­schaft: Ein offe­ner
Dis­kurs über die Bedeu­tung und Art von Arbeit, über Le2
5 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 4 5 — 2 5 2
88 Ebd.
89 Vgl. Gär­ditz, Die äuße­ren und inne­ren Gren­zen der Wis­sen­schafts­frei­heit,
7 und 9f.
90 Hoff­mann, Die Arbeit der Wis­sen­schaf­ten, 2013, 158.
bens­qua­li­tät und Lebens­ent­wür­fe ist längst über­fäl­lig. Ein
Zeit­er­fas­sungs­ge­setz könn­te ein guter Aus­gangs­punkt für
sol­che Dis­kus­sio­nen sein. Ansät­ze für die Gleich­stel­lung
von Frau­en in der Wis­sen­schaft bekä­men wir höchst­wahr­schein­lich
gra­tis dazu.“88
Das EuGH-Urteil hat mit sei­nem fun­da­men­ta­len Bezug
auf die Euro­päi­sche Grund­rech­te­char­ta dazu impli­zit
auf­ge­ru­fen. In Anleh­nung an die epis­te­mi­sche Offenheit89
der Wis­sen­schafts­frei­heit lie­ße sich daher fra­gen,
„ob die Arbeit der Wis­sen­schaf­ten als Pra­xis unter ande­ren
Prak­ti­ken in jedem Fall“ dazu bei­tra­gen muss, „dass
wir eine Sache bes­ser ver­ste­hen und ein bes­se­res Leben
füh­ren kön­nen […].“90 Denk­bar wäre eine Arbeit der
Wis­sen­schaft, die nicht (pri­mär) von der Nega­ti­on des
Eige­nen im quan­ti­fi­zie­ren­den Druck der Kon­kur­renz
aus­geht und nicht (pri­mär) von einer Ver­wert­bar­keit ihrer
Pro­zes­se und Prak­ti­ken, son­dern sich (mehr) Zeit lie­ße
für unbe­kann­tes Unbe­kann­tes. Die­se Ent­schleu­ni­gung
wäre eine pas­sa­ble Mög­lich­keit, dem Grund­rechts­an­sin­nen
des EuGH-Urteils zu ent­spre­chen, und sie
könn­te nicht nur unge­wohn­te wis­sen­schaft­li­che Per­spek­ti­ven
eröff­nen, son­dern wür­de ver­mut­lich auch neue
Steue­rungs­fra­gen auf­wer­fen und Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten
eröff­nen. Wel­che neu­en Ein­sich­ten die Coro­nabe­din­ge
Ent­schleu­ni­gung und Ver­kom­pli­zie­rung des
aka­de­mi­schen Lebens anno 2020 mit sich gebracht hat,
wäre dabei geson­dert zu beden­ken.
Tho­mas Skow­ro­nek war von 2004 bis 2011 wis­sen­schaft­li­cher
Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Sla­wis­tik der
Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und von 2013 bis 2016
For­schungs­ko­or­di­na­tor am Exzel­lenz­clus­ter Topoi in
Ber­lin. Seit 2019 ist er wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter
am Leib­niz-Insti­tut für Geschich­te und Kul­tur des öst­li­chen
Euro­pa (GWZO) in Leip­zig und stu­diert Wis­sen­schafts­ma­nage­ment
an der Deut­schen Uni­ver­si­tät für
Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten in Speyer.