Menü Schließen
Klicke hier zur PDF-Version des Beitrags!

A. Über­sicht I. Einleitung

II. Blick in die Geschich­te – Zulas­sungs­fra­gen als Dau­er­the­ma für die Medi­zi­ni­schen Fakultäten

III. Gemein­sa­mes Modell der Stu­die­ren­den­aus­wahl von MFT und bvmd

1. Zie­le
2. Modell
3. Umset­zung IV. Fazit

I. Ein­lei­tung

War­ten passt nicht mehr in unser Gesell­schafts­mo­dell. Die War­te­hal­len auf den Bahn­hö­fen – wo es sie denn noch gibt – hei­ßen DB-Lounge und als Kun­de hat nur Zugang, wer ein Ticket 1. Klas­se hat. In den War­te­zim- mern nie­der­ge­las­se­ner Ärz­te trifft sich Tag für Tag halb Deutsch­land – kein Land der Welt hat so vie­le Arzt­kon- tak­te wie wir –, aber kei­ner will mehr war­ten, wes­halb Gesund­heits­mi­nis­ter Spahn jetzt die Sprech­zei­ten per Gesetz aus­wei­ten las­sen will. Es bleibt abzu­war­ten, was dar­aus wird.

‚War­te­zeit‘ gilt als sinn­los ver­brach­te Lebens­zeit. ‚War­ten auf Godot‘, das exis­ten­zia­lis­ti­sche Thea­ter­stück von Samu­el Beckett, 1953 in Paris urauf­ge­führt — das den Zwang zu lan­gem, sinn­lo­sem und ver­geb­li­chem War­ten als Lebens­me­ta­pher hat – wird auf unse­ren Büh­nen kaum mehr gespielt.

Daher war es nur fol­ge­rich­tig, dass auch die War­te- zeit als Teil der Zulas­sungs­re­geln für Medi­zin und Zahn- medi­zin in den Fokus der Recht­spre­chung umso inten­si- ver geriet, je län­ger sie dau­er­te. Das VG Gel­sen­kir­chen war zu der Über­zeu­gung gekom­men, dass die immer län­ger dau­ern­de War­te­zeit auf einen Stu­di­en­platz nicht mehr ver­fas­sungs­kon­form sei und hat­te dies im April 2012 dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als Vor­la­ge­be- schluss vor­ge­legt. Die­ses wies den Vor­la­ge­be­schluss als unzu­läs­sig ab – mit einer wenig über­zeu­gen­den Begrün- dung, wie sie der ansons­ten hohen Qua­li­tät sei­ner Urtei- le nicht entspricht.2 Die War­te­zeit ging wei­ter, das VG

* Dank­sa­gung: Der Autor dankt Herrn Dr. Rein­hard Loh­öl­ter für sei­ne Mit­ar­beit bei der Erstel­lung des Manuskripts.

1 Der Arti­kel basiert auf dem Vor­trag des Autors zum The­ma ‚Das NC-Urteil aus Sicht der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung‘, gehal­ten auf dem 13. Hoch­schul­rechts­tag am 15. Mai 2018 in Erlangen.

Gel­sen­kir­chen leg­te 2014 erneut – und noch­mals umfas- send begrün­det – einen Vor­la­ge­be­schluss vor,3 der vom Ver­fas­sungs­ge­richt nun auch ernst genom­men und be- reits 3 1⁄2 Jah­re spä­ter ent­schie­den wur­den. Ins­ge­samt dau­er­te es 5 Jah­re und 8 Mona­te – also kei­ne 14 Semes­ter, bis es zum weg­wei­sen­den Urteil vom 19.12.20174 kam – auch eine schö­ne Wartezeit!5

II. Blick in die Geschich­te – Zulas­sungs­fra­gen als Dau­er­the­ma für die Medi­zi­ni­schen Fakultäten

Für die Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten in Deutsch­land und ihre Dach­or­ga­ni­sa­ti­on, den Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten- tag (MFT), sind Dis­kus­sio­nen über die Zugangs­re­ge­lun- gen zum Stu­di­um ein Dau­er­the­ma. Der Nume­rus clau- sus – aller­dings für aus­län­di­sche Bewer­ber – stand bereits auf der Grün­dungs­ver­samm­lung des MFT im Jah­re 1913 auf der Tages­ord­nung. Über Abitur­no­ten als Zulas­sungs­be­schrän­kung hat der MFT bereits 1928 und 1931 dis­ku­tiert, über ein Punk­te­sys­tem bei der Zulas­sung in den Jah­ren 1948 und 1963, über Mehr­fach­be­wer­bun- gen wur­de erst­mals 1962 bera­ten, der Los­ent­scheid bei Zulas­sun­gen zum Stu­di­um war erst­mals 1962 und 1963 The­ma. Ein zen­tra­les Zulas­sungs­bü­ro wur­de bereits 1962 gefor­dert. Der Nume­rus clau­sus war The­ma in den Jah- ren 1927 und 1931, nach dem 2. Welt­krieg ab 1948 wur­de immer wie­der dar­über dis­ku­tiert, ob die Aus­wahl­ver­fah- ren ver­nünf­tig und gerecht sind, ob sie im Hin­blick auf die künf­ti­ge ärzt­li­che Tätig­keit die Rich­ti­gen auswählen.6

Auch den ärzt­li­chen Stan­des­or­ga­ni­sa­tio­nen war das Aus­wahl­ver­fah­ren immer ein wich­ti­ges Anlie­gen. Se- wering – der spä­te­re Prä­si­dent der Bun­des­ärz­te­kam­mer – hat den sei­ner­zei­ti­gen Dis­kus­si­ons­stand tref­fend zusammengefasst:

„Es gibt man­che Stim­men und Vor­schlä­ge für ein Aus­wahl­ver­fah­ren. Es wird von Beur­tei­lung durch die Schu­le, von Eig­nungs­prü­fun­gen, von Cha­rak­ter- und In- tel­li­genz-Tests, von Inter­views gespro­chen. Aber alle sind sich letz­ten Endes dar­über klar, wie vie­le Schwä- chen sol­che Metho­den haben. Wer will bei einem jun­gen Abitu­ri­en­ten mit genü­gen­der Sicher­heit schon über die

NVwZ 2013, 35.
3 Urt. v. 18.3.2014, Az. 6z K 4229/13.
4 Urt. v. 19.12.2017, Az.: 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14 Rn. (1 – 253).
5 s. dazu auch J. Heid­mann, A. Schwib­be, M. Kad­mon, W. Ham­pe:

War­ten aufs Medi­zin­stu­di­um – Sie­ben lan­ge Jah­re, Deut­sches Ärz­te­blatt 2016, A1636-1638.

J. Mül­ler, War­ten auf Godot – Das BVerfG und die War­te­zeit,
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2018, ISSN 2197–9197

Josef Pfeil­schif­ter

Das NC-Urteil des BVerfG vom 19.12.2017 aus Sicht der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung*1

282 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2018), 281–284

Eig­nung zum Arzt ent­schei­den kön­nen, ohne die hohe, kaum trag­ba­re Ver­ant­wor­tung der häu­fi­gen Fehlent- schei­dun­gen auf sich zu nehmen?“7

Seit­her sind 60 Jah­re ins Land gegan­gen – und man hat nicht den Ein­druck, dass wir in allen Aspek­ten des Zulas­sungs­we­sens grund­le­gend an Sicher­heit, an wis- sen­schaft­li­cher Evi­denz gewon­nen haben.

III. Gemein­sa­mes Modell der Stu­die­ren­den­aus­wahl von MFT und bvmd

Eine neue Qua­li­tät hat die­se Dis­kus­si­on in den letz­ten Jah­ren gewon­nen: Der MFT hat in enger Koope­ra­ti­on mit der Bun­des­ver­tre­tung der Medi­zin­stu­die­ren­den in Deutsch­land (bvmd) ein neu­es, ver­fas­sungs­kon­for­mes Modell der Stu­die­ren­den­aus­wahl ent­wi­ckelt. Eine gemein­sa­me Arbeits­grup­pe hat­te in einem sehr konst- ruk­ti­ven Pro­zess das neue Kon­zept erar­bei­tet. Das Ergeb­nis ist ein gutes Bei­spiel dafür, was erreicht wer­den kann, wenn die Ver­tre­tun­gen der Fakul­tä­ten und der Stu­die­ren­den gemein­sam einen Vor­schlag aus­ar­bei­ten und in die poli­ti­sche Debat­te geben. Die­ses gemein­sam erar­bei­te­te Modell wird nach­fol­gend vorgestellt.8

Die Fakul­tä­ten und die Stu­die­ren­den hal­ten das der- zei­ti­ge Zulas­sungs­sys­tem für reform­be­dürf­tig. Bei den über die War­te­zeit zuge­las­se­nen Stu­die­ren­den ist die Ab- bre­cher­quo­te, meist in den ers­ten Semes­tern, deut­lich höher als bei den ande­ren Quo­ten. Ein Pro­blem ist auch die Abitur­bes­ten­quo­te. Selbst eine 1,0 reicht nicht mehr, um sicher einen Stu­di­en­platz zu erhal­ten. Durch den deut­li­chen Anstieg bei den sehr guten Abitur­no­ten ist es kaum mehr mög­lich, die Bewer­ber im obers­ten Noten- bereich zu dif­fe­ren­zie­ren. Es ist poli­ti­scher Wil­le, die im Aus­wahl­ver­fah­ren der Hoch­schu­len bereits berück­sich- tig­ten Kri­te­ri­en (Stu­dier­fä­hig­keits­tests, Assess­ment Cen- ter, Inter­views, frei­wil­li­ges Enga­ge­ment und berufs­prak- tische Erfah­run­gen) auch auf brei­te­rer Basis stär­ker ein- zubeziehen.9 Daher hat­ten bvmd und MFT bereits im Mai 2017 einen Vor­schlag für ein refor­mier­tes Zulas- sungs­ver­fah­ren vor­ge­legt, der bereits vie­le Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erfüllt. Nach­fol­gend wird der aktua­li­sier­te Vor­schlag, der das Urteil des BVerfG vom 19.1.2017 auf­nimmt, vorgestellt.

1. Zie­le
Fol­gen­de Zie­le wer­den formuliert:

1. War­te­zeit­quo­te und Abitur­bes­ten­quo­te ent­fal­len künftig.

2. Die Abitur­no­te bleibt wesent­li­ches Aus­wahl­kri­te­ri- um, wird aber durch wei­te­re, eig­nungs­re­le­van­te Aus- wahl­kri­te­ri­en für alle Bewer­ber an allen Hoch­schu­len ergänzt.

3. Das Aus­wahl­ver­fah­ren soll deutsch­land­weit ein- heit­lich, struk­tu­riert, stan­dar­di­siert und vali­diert sein.

4. Ent­spre­chend der Pro­fil­bil­dung der Uni­ver­si­tä­ten muss ein AdH-Ver­fah­ren mit zusätz­li­chen, von den Stand­or­ten aus einem gesetz­li­chen Kata­log selbst zu wäh­len­den Aus­wahl­kri­te­ri­en mög­lich sein. Auch sie müs­sen struk­tu­riert, stan­dar­di­siert und vali­diert sein.

5. Die Orts­prä­fe­ren­zen der Bewer­ber sol­len als nach- ran­gi­ges Kri­te­ri­um nach Ermitt­lung der Stu­di­en­eig­nung für die Zutei­lung zu einem Stu­di­en­ort berück­sich­tigt werden.

6. Die Umset­zung muss rechts­si­cher, mit ver­tret­ba- ren Res­sour­cen und ent­spre­chen­dem zeit­li­chen Auf- wand rea­li­sier­bar sein.

7. Die Über­le­gun­gen zur Stu­die­ren­den­aus­wahl im Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020 sol­len auf­ge­grif­fen werden.

8. Die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in sei­nem Urteil vom 19.12.2017 sol­len zeit­nah umge­setzt werden.

2. Modell
Dar­auf auf­bau­end wird fol­gen­des Modell vorgeschlagen:

Vor­ab­quo­te
Die jet­zi­ge Vor­ab­quo­te (Här­te­fäl­le, Nicht-EU-Aus­län- der, Sani­täts­of­fi­ziers­an­wär­ter usw.) bleibt erhal­ten. Sofern zusätz­lich eine soge­nann­te Land­arzt­quo­te ein­ge- führt wird, wäre die­se als Vor­ab­quo­te abzubilden.

Aus­wahl­quo­te
Aus drei bis­her sepa­ra­ten Quo­ten (Abitur­bes­te, AdH und War­te­zeit) wird künf­tig eine ein­zi­ge Quo­te mit belie­big vie­len Ortspräferenzen.

Zunächst erfolgt für alle Bewer­ber eine zen­tra­le deutsch­land­wei­te Aus­wahl­stu­fe über die Stif­tung für Hoch­schul­zu­las­sung unter Zugrun­de­le­gung fol­gen­der Kriterien:

1. Abitur­no­te (max. 40 Punk­te): Das Noten­spek­trum des Abiturs wird nach Aus­gleich der Unter­schie­de zwi-

kon­for­mes Modell der Stu­die­ren­den­aus­wahl in der Medizin.

Gemein­sa­mes Modell. Ber­lin 2018.
9 Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020, https://www.bmbf.de/

files/2017–03-31_Masterplan%20Beschlusstext.pdf (Abruf­da­tum 27.6.2018).

6 7 8

J. Nach­ti­gal, Der Deut­sche Medi­zi­ni­sche Fakul­tä­ten­tag 1913 bis 1972. Med. Diss., Erlan­gen 1973.
H.-J. Sewe­ring, Reform des Medi­zin­stu­di­ums, Deut­sches Ärz­te- blatt 1959, 959.

Medi­zi­ni­scher Fakul­tä­ten­tag (MFT) und Bun­des­ver­tre­tung der Medi­zin­stu­die­ren­den in Deutsch­land (bvmd), Verfassungs-

Pfeil­schrif­ter · Das NC-Urteil aus Sicht der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung 2 8 3

schen den ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern über eine Punk­te­ska­la von 40 Punk­ten abgebildet.

2. Medi­zin­spe­zi­fi­scher Stu­dier­fä­hig­keits­test (max. 40 Punk­te): Der Test soll durch die Abitur­no­te nur unzu­rei- chend abge­bil­de­te Fähig­kei­ten prü­fen. Dies kann durch Wei­ter­ent­wick­lung der eta­blier­ten Tests TMS (Test für Medi­zi­ni­sche Stu­di­en­gän­ge) und HAM-Nat (Ham­bur- ger Natur­wis­sen­schafts­test) erfol­gen. Auf der Ska­la von 40 Punk­ten erlaubt dies eine Dif­fe­ren­zie­rung vor allem im Bereich der sehr guten Testleistungen.

3. Berufs­prak­ti­sche Erfah­rung in einem medi­zinnah- en Bereich oder ein staat­lich aner­kann­ter Frei­wil­li­gen- dienst (max. 10 Punk­te): Maxi­mal 10 Punk­te wer­den für eine Tätig­keit von 12 Mona­ten ver­ge­ben. Län­ge­re Zei­ten soll­ten nicht zusätz­lich berück­sich­tigt wer­den, um Kon- kur­renz mit Aus­bil­dungs­be­ru­fen zu ver­mei­den. Die an- zuer­ken­nen­de Tätig­keit muss eig­nungs­re­le­vant für das Medi­zin­stu­di­um sein und ein­heit­lich gere­gelt werden.

4. Situa­tio­nal Jud­ge­ment Test (SJT) (max. 10 Punk­te): In einem vali­dier­ten schrift­li­chen bzw. com­pu­ter­ge­stütz- ten Ver­fah­ren soll das sozia­le Urteils­ver­mö­gen anhand kon­kre­ter Situa­tio­nen aus dem Stu­di­en- und Berufs­kon- text getes­tet wer­den. Der Test soll­te deutsch­land­weit ein- heit­lich, struk­tu­riert und trans­pa­rent sein, er könn­te zu- sam­men mit dem Stu­dier­fä­hig­keits­test durch­ge­führt werden.

Es wird eine Punk­te­sum­me gebil­det, sie ist die Grund­la­ge für eine bun­des­wei­te Rang­lis­te. 50% der ins- gesamt zu ver­ge­ben­den Stu­di­en­plät­ze wer­den auf Basis der Rang­lis­te vergeben:

„Hier­bei wird begin­nend mit dem Bewer­ber mit der höchs­ten Punkt­sum­me jeder Bewer­ber dem Stu­di­en­ort zuge­teilt, an dem noch nicht 50% der lokal ver­füg­ba­ren Plät­ze ver­ge­ben sind und den er mit höchs­ter Prä­fe­renz gewählt hat.

Die übri­gen 50% der Plät­ze eines jeden Stand­orts wer­den im Rah­men eines stand­ort­spe­zi­fi­schen Aus- wahl­ver­fah­rens ver­ge­ben. Jeder Bewer­ber kann hier­bei an Ver­fah­ren an meh­re­ren Orten teil­neh­men. Bei auf- wän­di­gen Aus­wahl­ver­fah­ren kön­nen die Fakul­tä­ten die Anzahl der Teil­neh­mer ein­schrän­ken und nur sol­che Teil­neh­mer berück­sich­ti­gen, die die Fakul­tät mit einer vor­ge­ge­be­nen Orts­prä­fe­renz genannt haben. Die Vor- aus­wahl erfolgt dann ent­spre­chend der bun­des­wei­ten Rangliste.“10

Die Fakul­tä­ten kön­nen ggf. wei­te­re eig­nungs­re­le­van- te Kri­te­ri­en aus einem gesetz­lich fest­ge­leg­ten Kata­log wie struk­tu­rier­te Inter­view­ver­fah­ren zur Ermitt­lung kom­mu­ni­ka­ti­ver und sozia­ler Kom­pe­ten­zen oder der

10 S. Fuß­no­te 8.

Moti­va­ti­on in ihr Aus­wahl­ver­fah­ren auf­neh­men. Die­se müs­sen ziel­ori­en­tiert, trans­pa­rent, struk­tu­riert und dis- kri­mi­nie­rungs­frei gestal­tet wer­den. Die fakul­tä­ren Aus- wahl­kri­te­ri­en kön­nen allein oder in Kom­bi­na­ti­on mit zen­tral erho­be­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl­entsch­ei- dung ein­ge­setzt werden.

Die Fakul­tä­ten kön­nen auch auf ein auf­wän­di­ges stand­ort­spe­zi­fi­sches Ver­fah­ren ver­zich­ten und ihre wei- teren Stu­di­en­plät­ze gemäß der Rang­lis­te aus dem zen­tra- len Ver­fah­ren beset­zen oder dabei die bereits zen­tral er- fass­ten Kri­te­ri­en anders gewich­ten. Eine Vor­auswahl nach Orts­prä­fe­renz darf dann nicht erfolgen.

Die ers­te Aus­wahl­stu­fe mit den oben genann­ten Kri- teri­en soll­te bei Ein­füh­rung einer Land­arzt­quo­te – die von MFT und bvmd im Übri­gen abge­lehnt wird – auch für die Bewer­ber inner­halb die­ser Quo­te gel­ten – eben­so für die Quo­te der Nicht-EU-Aus­län­der. Hier­für müss­te ein geeig­ne­tes Ver­fah­ren gefun­den wer­den. Die Anwen- dung für wei­te­re Grup­pen der Vor­ab­quo­te wäre zu prüfen.

3. Umset­zung

MFT und bvmd for­dern eine zügi­ge Umset­zung die- ses Vor­schlags durch Bund und Län­der, um inner­halb der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gesetz­ten Frist bis zum 31.12.2019 ein vali­dier­tes, prak­ti­ka­bles und ver­fas- sungs­kon­for­mes Zulas­sungs­ver­fah­ren zu etablieren.

In einem Ver­bund­an­trag auf die vom Bun­des­mi­nis­te- rium für Bil­dung und For­schung aus­ge­schrie­be­ne Be- gleit­för­de­rung der For­schung zur Stu­die­ren­den­aus­wahl im Rah­men des Mas­ter­plans Medi­zin­stu­di­um 202011 ha- ben 18 medi­zi­ni­sche Fakul­tä­ten zusam­men mit wei­te­ren Koope­ra­ti­ons­part­nern Pro­jek­te bean­tragt, die auf dem hier vor­ge­stell­ten Vor­schlag zur Stu­die­ren­den­aus­wahl aufbauen:

„Dabei sol­len
- die in Deutsch­land bereits bestehen­den und

erprob­ten Stu­dier­fä­hig­keits­tests zusammenge

führt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den,
- ein Situa­tio­nal Jud­ge­ment Test ent­wi­ckelt und

vali­diert wer­den,
- die Fakul­tä­ten beim Ein­satz strukturierter

Inter­views zur Mes­sung psy­cho­so­zia­ler und kom­mu­ni­ka­ti­ver Kom­pe­ten­zen im AdH unter stützt werden,

- ande­re Aus­wahl­kri­te­ri­en wie z.B. Berufs­er­fah rung vali­diert werden,

- eine zen­tra­le Ser­vice­stel­le im Auf­trag der Hoch schu­len zur Unter­stüt­zung bei der Entwicklung

11 https://www.bmbf.de/foerderungen/bekanntmachung-1424.html (Abruf­da­tum: 29.6.2018).

284 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2018), 281–284

von AdH-Ver­fah­ren und der Durchführung

bun­des­wei­ter Aus­wahl­tests auf­ge­baut wer­den. MFT, bvmd und der For­schungs­ver­bund ste­hen be- reit für eine kon­struk­ti­ve Zusam­men­ar­beit bei der Neu-

gestal­tung des Hochschulauswahlrechts“.12
Der MFT hat das MFT/bvmd-Modell im Hinblick

dar­auf prü­fen las­sen, ob es den Vor­ga­ben des Urteils vom 19. Dezem­ber 2017 gerecht wird.13

Die Prü­fung kommt zu dem Ergeb­nis, dass das Mo- dell die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erfüllt. Vor­tei­le sind die

  • -  erwünsch­te Rela­ti­vie­rung der Abiturnote,
  • -  erwünsch­te Ein­be­zie­hung von soft skills,
  • -  Gewähr­leis­tung fakul­tä­rer Freiräume,
  • -  Beschrän­kung der Orts­prä­fe­renz in der Vor­auswahl auf und
  • -  hohe Trans­pa­renz durch Beschrän­kung auf 5Kriterien.Im Ver­gleich zu der von Sewe­ring Ende der 50er Jah- re kon­sta­tier­ten Situa­ti­on haben wir heu­te eine viel grö- ßere Evi­denz in etli­chen Berei­chen, etwa beim Abitur oder beim TMS. Wir haben – welt­weit betrach­tet – eine Viel­zahl von Daten und Publi­ka­tio­nen zur Rol­le des In- ter­views beim Stu­di­en­zu­gang, aller­dings mit mäßi­ger Über­zeu­gungs­kraft. Wir haben wenig über­zeu­gen­de Er- geb­nis­se zu Aus­wahl­ver­fah­ren, die auf sozia­le oder kom- muni­ka­ti­ve Kom­pe­ten­zen aus­ge­rich­tet sind.14 Inso­fern ist es wich­tig, dass der Ver­bund­an­trag jetzt geför­dert wird – hof­fent­lich mit lan­gem Atem. Es wird näm­lich dau­ern, bis wirk­lich belast­ba­re – und jus­ti­zia­ble – Daten etwa zur spä­te­ren beruf­li­chen Ori­en­tie­rung von Absol- ven­ten vorliegen.Jetzt hat das War­ten wohl bald ein Ende. Das Bun- des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 17.12.2017 fest­ge­stellt, dass eine War­te­zeit­quo­te ver­fas­sungs­recht­lich nicht gebo­ten sei.15 Eine rich­ti­ge und über­fäl­li­ge Ent­schei­dung. Die War­te­zeit aller Betei­lig­ten hät­te durch­aus ver­kürzt wer- den kön­nen. Die neu­en Kon­zep­te für die Stu­di­en­platz- ver­ga­be kom­men denn auch ohne War­te­zeit aus.Je nach­dem, wie die Län­der den neu­en Staats­ver­trag ent­wer­fen, könn­te sich aller­dings für einen Teil der Alt- bewer­ber das War­ten durch­aus als ‚War­ten auf Godot‘ her­aus­stel­len, näm­lich dann, wenn es kei­ne umfängliche12 S. Fuß­no­te 8.
  1. 13  G. Wer­ner, Erfüllt der Vor­schlag des MFT/bvmd die ver­fas­sungs-recht­li­chen Vor­ga­ben des BVerfG? Aus: Ver­fas­sungs­kon­for­me Zulas­sung zum Medi­zin­stu­di­um; MFT/bvmd-Forum, Ber­lin 26.2.2018.
  2. 14  A. Schwib­be, J. Lack­amp, M. Knorr, J. Hiss­bach, M. Kad­mon, W. Ham­pe, Medi­zin­stu­die­ren­den­aus­wahl in Deutsch­land – Mes­sung kogni­ti­ver Fähig­kei­ten und psy­cho­so­zia­ler Kom­pe­ten­zen, Bun- des­ge­sund­heits­blatt 2018, 178.

Über­gangs­re­ge­lung geben soll­te. Auch die Bun­des­re­gie- rung – zieht man den Koali­ti­ons­ver­trag vom 12. März 2018 zu Rate16 – will sich engagieren:

„Der Bund wird die Län­der bei der Novel­lie­rung der Hoch­schul­zu­las­sung zum Medi­zin­stu­di­um beglei­ten, die im Zuge des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ur­teils not- wen­dig gewor­den ist.“

Und wei­ter hin­ten im Ver­trag wird hin­zu­ge­fügt: „Den Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020 wol­len wir ins- beson­de­re im Hin­blick auf die Neu­re­ge­lung des Stu­di­en- zugangs (…) zügig umset­zen. Dazu gehö­ren auch mehr Medizinstudienplätze.“17

IV. Fazit

Was ist aus Sicht der Fakul­tä­ten beson­ders wich­tig, was muss das neue Ver­fah­ren gewährleisten?

1. Es darf nicht – nach einer Pha­se der hoch­schul- recht­li­chen Dere­gu­lie­rung und Gewäh­rung von Ges­tal- tungs­räu­men für die Uni­ver­si­tä­ten — zu einem Roll­back mit restrik­ti­ven Vor­ga­ben von staat­li­cher Sei­te kom­men. Das neue Ver­fah­ren muss wei­ter­hin erheb­li­che Ges­tal- tungs­spiel­räu­me für die Fakul­tä­ten ermög­li­chen. Pro­fil- bil­dung und Viel­falt müs­sen erhal­ten werden.

2. Die Neu­re­ge­lung muss so aus­ge­stal­tet wer­den, dass sie rechts­si­cher ist und eine hohe Akzep­tanz fin­det; wie auch immer sie aus­fällt, sie wird wei­ter­hin ein attrak- tives juris­ti­sches Betä­ti­gungs­feld bieten.

3. Die Neu­re­ge­lung der Zulas­sungs­we­ge wird die Dis­kus­si­on über den rech­ten Weg ins Medi­zin­stu­di­um und in den Arzt­be­ruf nicht been­den. Neue Regeln wer- den neue Aus­wir­kun­gen und Dis­kus­sio­nen nach sich zie­hen. Solan­ge das Medi­zin­stu­di­um sei­ne hohe Attrak- tivi­tät behält – und es spricht nichts dafür, dass sich dies in abseh­ba­rer Zeit ändern wird –, wer­den wesent­lich mehr Bewer­ber um die nach wie vor begrenz­ten Plät­ze kon­kur­rie­ren und die Kri­tik an neu­en Aus­wahl­ver­fah­ren wird uns wei­ter­hin begleiten.

Josef Pfeil­schif­ter ist Dekan des Fach­be­reichs Medi­zin der Goe­the-Uni­ver­si­tät, 1. Vize­prä­si­dent des Deut- schen Hoch­schul­ver­bands; er war bis Ende Juni 2018 lang­jäh­ri­ges Mit­glied im Prä­si­di­um des Medi­zi­ni­schen Fakultätentages.

15 Urt. v. 19.12.2017, Az.: 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14 Rn. 216.
16 Koali­ti­ons­ver­trag zwi­schen CDU, CSU und SPD. 19. Legislatur-

peri­ode: Ein neu­er Auf­bruch für Euro­pa. Eine neue Dyna­mik
für Deutsch­land. Ein neu­er Zusam­men­halt für unser Land. Ber­lin, den 18.3.2018; https://www.bundesregierung.de/Content/ DE/_Anlagen/2018/03/2018–03-14-koalitionsvertrag.pdf ?__ blob=publicationFile&v=2, Zei­len 1426 — 1429 (Auf­ruf­da­tum 27.6.2018).

17 S. Anm. 15, Zei­len 4655 – 4658.