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Seit den 1990er Jah­ren hat sich die Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on in den Bun­des­län­dern unter dem Ein­fluss von New Public Manage­ment Kon­zep­ten und dem Schlag­wort von der Stär­kung der Hoch­schul­au­to­no­mie erheb­lich ausdifferenziert.1 Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt betont in stän­di­ger Recht­spre­chung den wei­ten Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers. Die Fra­ge, der hier nach­zu­ge­hen ist, lau­tet, inwie­weit das Ver­fas­sungs­recht, nament­lich die Wis­sen­schafts­frei­heit, Steue­rung und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on deter­mi­niert. I. Defi­ni­ti­on der lei­ten­den Begrif­fe Die Bear­bei­tung des The­mas erfor­dert zunächst die drei Begrif­fe Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on zu defi­nie­ren. Schon die Defi­ni­ti­on die­ser drei lei­ten­den Begrif­fe bleibt nicht unbe­ein­flusst von recht­li­chem Ver­ständ­nis. Ver­fas­sungs­recht­lich ist in einem frei­heit­li­chen Staat der Begriff der Frei­heit grund­le­gend und damit Aus­gangs­punkt für die Bestim­mung der Reich­wei­te von Steue­rung und Par­ti­zi­pa­ti­on. Frei­heit ist auch nach ver­fas­sungs­recht­li­chem Ver­ständ­nis Selbst­be­stim­mung. Steue­rung ist dage­gen Fremd­be­stim­mung und bedarf des­halb ver­fas­sungs­recht­lich gese­hen der Recht­fer­ti­gung. Par­ti­zi­pa­ti­on schließ­lich lässt sich begrei­fen als die durch Orga­ni­sa­ti­ons- und damit Steue­rungs­er­for­der­nis­se zur Mit­be­stim­mung gewan­del­te Selbst­be­stim­mung. Im Begriff der Par­ti­zi­pa­ti­on ver­bin­den sich also frei­heit­li­che Selbst­be­stim­mung und steu­ern­de Fremd­be­stim­mung. Dabei kann Par­ti­zi­pa­ti­on den Inhalt von Ent­schei­dun­gen betref­fen; sie kann sich aber auch dar­auf beschrän­ken, die Ent­schei­dungs­trä­ger maß­geb­lich mit­zu­be­stim­men. II. Bestands­auf­nah­me der Rechts­grund­la­gen 1. Ver­fas­sungs­recht Ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge ist zunächst Art. 5 Abs.  3 GG, der lapi­dar bestimmt: „Wis­sen­schaft, For­schung und Leh­re sind frei.“ Von Hoch­schu­len ist nicht die Rede. Es gibt jedoch in drei­zehn Lan­des­ver­fas­sun­gen Bestim­mun­gen, die sich expli­zit auf Hoch­schu­len beziehen,2 von denen wie­der­um zehn das Recht der Selbst­ver­wal­tung im Rah­men der Geset­ze garan­tie­ren. Drei Län­der (Baden-Würt­tem­berg, Sach­sen, Nord­rhein­West­fa­len) spre­chen von einer dem beson­de­ren Cha­rak­ter der Hoch­schu­len ent­spre­chen­den Selbst­ver­wal­tung. Sechs Bun­des­län­der (Bay­ern, Bran­den­burg, Hes­sen, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen) ver­an­kern expli­zit die Mit­wir­kung der Stu­die­ren­den, zwei Bun­des­län­der nen­nen auch die Leh­ren­den und sons­ti­ge Mit­glie­der oder spre­chen von der Betei­li­gung aller Mit­glie­der an der Selbst­ver­wal­tung (Bran­den­burg, Thü­rin­gen). In der über­wie­gen­den Zahl der Lan­des­ver­fas­sun­gen ist also Par­ti­zi­pa­ti­on aus­drück­lich Bestand­teil der Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aus der Frei­heits­ga­ran­tie für Wis­sen­schaft, For­schung und Leh­re Maß­stä­be für die Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on abge­lei­tet, die ange­sichts der Tat­sa­che, dass dem Wort­laut kei­ner­lei orga­ni­sa­to­ri­sche Anwei­sun­gen zu ent­neh­men sind, von bemer­kens­wer­ter Argu­men­ta­ti­ons­kunst zeu­gen. Ande­rer­seits betont das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den wei­ten Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers in orga­ni­sa­to­ri­schen Fra­gen. Tat­säch­lich haben die Lan­des­ge­setz­ge­ber den Spiel­raum genutzt und sehr unter­schied­li­che orga­ni­sa­to­ri­sche Model­le im Span­nungs­feld zwi­schen plu­ral orga­ni­sier­ter Selbst­ver­wal­tung auf der einen Sei­te und hier­ar­chi­scher Lei­tung auf der ande­ren Sei­te ver­wirk­licht, seit das Bun­des­recht infol­ge des 4. Ände­rungs­ge­set­zes zum Hoch­schul­rah­men­ge­setz von 1999 bis auf § 37 kei­ne Vor­ga­ben mehr für die Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on ent­hält. 2. § 37 HRG Inter­es­san­ter­wei­se betrifft die ein­zi­ge Vor­ga­be des Bun­des­rechts für die Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on die Par­ti­zi­pa­ti­on. § 37 HRG trägt die Über­schrift „All­ge­mei­ne Grun­dU­te Mager Das Ver­hält­nis von Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht* * Der Bei­trag beruht auf dem Vor­trag, den die Ver­fas­se­rin am 11.10.2018 im Rah­men der Tagung „Hoch­schul­steue­rung und Wis­sen­schafts­frei­heit“ des Ver­eins zur För­de­rung des deut­schen & inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts an der Uni­ver­si­tät Duis­bur­gEs­sen gehal­ten hat. 1 S. dazu die Vor­trä­ge von Hend­ler und Mager zum The­ma „Die Uni­ver­si­tät im Zei­chen von Öko­no­mi­sie­rung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung“, VVDStRL Bd 65 (2006), S. 238 ff. und S. 274 ff. mit wei­te­ren Nach­wei­sen. S. auch Kahl, Hoch­schu­le und Staat, 2004, § 11. 2 Art. 20 BWVerf; Art. 138 Bay­Verf; Art. 32 BbgVerfg; Art. 34 Brem­Verf; Art. 60 Hes­Verf; Art. 16 MVVerf; Art. 5 Nds­Verf; Art. 16 NRW­Verf; Art. 39 RPVerf; Art. 33 Saarl­Ver; Art. 107 Sächs­Verf; Art. 31 LSAVerf; Art. 28 Thür­Verf. Ord­nung der Wis­sen­schaft 2019, ISSN 2197–9197 8 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2019), 7–14 3 BVerfGE 35, 79 ff. 4 S. dazu BVerfGE 35, 79 (127, 131). 5 Vgl. zu § 37 Abs. 1 S. 2 – 5 den Leit­satz Nr. 8 a – c in BVerfGE 35, 79 ff. § 37 Abs. 2 und 3 HRG lau­ten: „(2) Die Mit­glie­der eines Gre­mi­ums wer­den, soweit sie dem Gre­mi­um nicht kraft Amtes ange­hö­ren, für eine bestimm­te Amts­zeit bestellt oder gewählt; sie sind an Wei­sun­gen nicht gebun­den. Eine ange­mes­se­ne Ver­tre­tung von Frau­en und Män­nern ist anzu­stre­ben. (3) Die Hoch­schul­mit­glie­der dür­fen wegen ihrer Tätig­keit in der Selbst­ver­wal­tung nicht benach­tei­ligt wer­den.“ 6 Sie­he z.B. § 8 Abs. 1 S. 1 HSG BW; § 11 Abs. 1 S. 1 und 2 HSG Bay; § 2 Abs. 1 S. 1 HSG Ber­lin; § 2 Abs. 1 S. 1 HSG Bre­men; § 1 Abs. 1 S. 1 HSG Hes­sen; § 2 Abs. 1 S. 1 HSG M‑V; § 2 Abs. 1 S. 1 HSG SL; § 2 Abs. 1 HSG Thü­rin­gen. 7 S. BVerfGE 141, 143 ff. und dazu Mager, Ver­fas­sungs­recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen der Akkre­di­tie­rung, OdW 4 (2017), 237 ff. mit wei­te­ren Nach­wei­sen. 8 Vgl. § 60 HRG a.F. und dazu Kahl (Fn. 1), S. 72; Kers­ten, Alle Macht den Hoch­schul­rä­ten?, DVBl. 1999, 1704 (1706); Grupp, Zur Stel­lung der Uni­ver­si­tä­ten im Zei­chen ihres Rück­baus, in: FS Roel­le­cke, 1997, 97 (103); Feh­ling, Neue Her­aus­for­de­run­gen an die Selbst­ver­wal­tung in Hoch­schu­le und Wis­sen­schaft, Verw 35 (2002), 399 (408): Bereich der Koope­ra­ti­on domi­niert. 9 Mager (Fn. 1), S. 282. sät­ze der Mit­wir­kung“. In der Sache gibt die Vor­schrift die Leit­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus dem Jah­re 1973 zur dama­li­gen Ein­füh­rung der Grup­pen­uni­ver­si­tät durch das nie­der­säch­si­sche Hoch­schul­ge­setz wieder.3 Er lau­tet: „(1) Die Mit­wir­kung an der Selbst­ver­wal­tung der Hoch­schu­le ist Recht und Pflicht aller Mit­glie­der. Art und Umfang der Mit­wir­kung der ein­zel­nen Mit­glie­der­grup­pen und inner­halb der Mit­glie­der­grup­pen bestim­men sich nach der Qua­li­fi­ka­ti­on, Funk­ti­on, Ver­ant­wor­tung und Betrof­fen­heit der Mitglieder.4 Für die Ver­tre­tung in den nach Mit­glie­der­grup­pen zusam­men­ge­setz­ten Gre­mi­en bil­den die Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer, die aka­de­mi­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, die Stu­die­ren­den und die sons­ti­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter grund­sätz­lich je eine Grup­pe; alle Mit­glie­der­grup­pen müs­sen ver­tre­ten sein und wir­ken nach Maß­ga­be des Sat­zes 2 grund­sätz­lich stimm­be­rech­tigt an Ent­schei­dun­gen mit. Das Lan­des­recht regelt die mit­glied­schafts­recht­li­che Stel­lung der sons­ti­gen an der Hoch­schu­le täti­gen Per­so­nen. In nach Mit­glie­der­grup­pen zusam­men­ge­setz­ten Ent­schei­dungs­gre­mi­en ver­fü­gen die Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer bei der Ent­schei­dung in Ange­le­gen­hei­ten, die die Leh­re mit Aus­nah­me der Bewer­tung der Leh­re betref­fen, min­des­tens über die Hälf­te der Stim­men, in Ange­le­gen­hei­ten, die die For­schung, künst­le­ri­sche Ent­wick­lungs­vor­ha­ben oder die Beru­fung von Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rern unmit­tel­bar betref­fen, über die Mehr­heit der Stimmen.“5 Mit den Kri­te­ri­en Qua­li­fi­ka­ti­on, Funk­ti­on, Ver­ant­wor­tung und Betrof­fen­heit ent­hält § 37 Abs. 1 S. 2 HRG die wesent­li­chen ver­fas­sungs­recht­lich fun­dier­ten Kri­te­ri­en für die Par­ti­zi­pa­ti­on. Die­se Kri­te­ri­en recht­fer­ti­gen die Bil­dung von Grup­pen eben­so wie die vor­ge­schrie­be­nen Mehr­hei­ten. 3. Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Hoch­schu­le und Staat § 37 HRG bezieht sich allein auf die hoch­schul­in­ter­ne Selbst­ver­wal­tung. Ein wei­te­rer Akteur darf jedoch nicht ver­ges­sen wer­den: der Staat ins­be­son­de­re in Gestalt des Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­ums. Spricht man über die Orga­ni­sa­ti­on staat­li­cher Hoch­schu­len, ist zu berück­sich­ti­gen, dass die­se im Wesent­li­chen vom Staat finan­ziert wer­den und dass ihnen ins­be­son­de­re mit Aus­bil­dung und Prü­fung Auf­ga­ben über­tra­gen sind, für deren ord­nungs­ge­mä­ße Erfül­lung der Staat im Inter­es­se der Aus­bil­dungs- und Berufs­wahl­frei­heit der Stu­die­ren­den und des Gemein­wohls die Ver­ant­wor­tung trägt. In zahl­rei­chen Lan­des­hoch­schul­ge­set­zen fin­det die­se Pflich­ten­stel­lung der Hoch­schu­len Aus­druck in der For­mu­lie­rung, dass die Hoch­schu­len nicht nur Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts, son­dern auch staat­li­che Ein­rich­tun­gen sind.6 Dem­entspre­chend ist den Hoch­schu­len Selbst­ver­wal­tung nicht unbe­grenzt, son­dern nur im Rah­men der Geset­ze gewährt. Her­kömm­lich wur­de zwi­schen staat­li­chen Ange­le­gen­hei­ten einer­seits, Ange­le­gen­hei­ten der Hoch­schu­len ande­rer­seits und Auf­ga­ben, die ein Zusam­men­wir­ken von Staat und Uni­ver­si­tät for­dern, unter­schie­den. Nach die­ser Glie­de­rung gehö­ren zu den staat­li­chen Ange­le­gen­hei­ten ins­be­son­de­re die Personal‑, Wirtschafts‑, Haus­halts- und Finanz­ver­wal­tung. Das Zusam­men­wir­ken betrifft unter ande­rem die Errich­tung, Ände­rung und Auf­he­bung von Fach­be­rei­chen und ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen, die Ord­nung des Stu­di­ums und der Hoch­schul­prü­fun­gen, die im Zuge der Bolo­gna­Re­form weit­ge­hend exter­na­li­siert wur­de – Stich­wort Akkreditierung7 – sowie die Bestel­lung des Rektors.8 Für die unein­ge­schränk­te Selbst­be­stim­mung der Hoch­schu­len ver­blei­ben die Berei­che, die For­schung und Leh­re unmit­tel­bar berüh­ren. Hier­zu zäh­len das Sat­zungs­recht in aka­de­mi­schen Ange­le­gen­hei­ten, also ins­be­son­de­re Pro­mo­ti­ons- und Habi­li­ta­ti­ons­ord­nun­gen, die For­schungs- und Lehr­pla­nung sowie die Ent­schei­dun­gen in Pro­mo­ti­ons- und Habi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren. Letzt­lich ist die Abgren­zung der Sphä­ren nicht „natur­ge­ge­ben“, son­dern Sache des Gesetz­ge­bers, der dabei die Wis­sen­schafts­frei­heit, die Aus­bil­dungs-/Be­rufs­frei­heit der Stu­die­ren­den und die aus der Trä­ger­schaft fol­gen­de gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung des Staa­tes zu berück­sich­ti­gen hat.9 Die her­kömm­li­che Sphä­ren­ab­gren­zung Mager· Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on 9 10 S. dazu Hend­ler (Fn. 1), S. 251 ff.; Mager (Fn. 1), S. 298 ff. jeweils mit wei­te­ren Nach­wei­sen. 11 Dazu ins­be­son­de­re VerfGH BW, VBlBW 2017, 61 ff. 12 BVerfGE 35, 79 (115 f.). S. auch Ls. 2. 13 BVerfGE 93, 85 (95). Kur­siv­set­zung durch Ver­fas­se­rin. 14 BVerfGE 111, 333 (355). lässt sich aber als eine ver­fas­sungs­kon­for­me Kon­kre­ti­sie­rung die­ser Vor­ga­ben auf­fas­sen. Die­se über­kom­me­ne Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Staat und Hoch­schu­len haben die Lan­des­ge­setz­ge­ber im Lau­fe der 1990er Jah­re unter dem Mot­to „Stär­kung der Hoch­schul­au­to­no­mie“ erheb­lich ver­än­dert. Ins­be­son­de­re wur­den bis­her staat­li­che Auf­ga­ben im Bereich der Personal‑, Haus­halts- und Wirt­schafts­füh­rung den Hoch­schu­len über­tra­gen. Gleich­zei­tig wur­de der Hoch­schul­rat als sei­ner Funk­ti­on nach neu­es Organ in die hoch­schul­in­ter­ne Struk­tur aufgenommen,10 was nahe­legt, dass die Kom­pe­ten­zen des Hoch­schul­rats, abge­se­hen von einer Bera­tungs­funk­ti­on, nicht über die­se bis­her staat­li­chen Auf­ga­ben hin­aus­ge­hen soll­ten. Fest steht, dass die Fra­ge der Par­ti­zi­pa­ti­on inner­halb der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on durch die Stär­kung der Hoch­schul­au­to­no­mie kom­ple­xer gewor­den ist, denn Stär­kung der Hoch­schul­au­to­no­mie bedeu­tet kei­nes­wegs auto­ma­tisch Stär­kung der Wis­sen­schafts­frei­heit. 4. Prä­zi­sie­rung des Unter­su­chungs­ge­gen­stands Dies zeigt auch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu Fra­gen der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on. Die­se Recht­spre­chung betrifft im Schwer­punkt das Ver­hält­nis zwi­schen den plu­ral zusam­men­ge­setz­ten Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen – im Fol­gen­den: reprä­sen­ta­ti­ve Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne – und den Lei­tungs­or­ga­nen, dage­gen nicht das Ver­hält­nis zwi­schen den ver­schie­de­nen Grup­pen inner­halb der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne oder deren Beset­zung nach den Anfor­de­run­gen des Repräsentationsprinzips.11 Auf den von der Recht­spre­chung vor­ge­ge­be­nen Schwer­punkt ist die fol­gen­de Ana­ly­se beschränkt. III. Art. 5 Abs. 3 S.1 GG in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts Wie alle Frei­heits­rech­te ist auch die Frei­heit von Wis­sen­schaft, For­schung und Leh­re zual­ler­erst ein Abwehr­recht gegen­über staat­li­chen Ein­grif­fen. Dane­ben kommt Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG jedoch ein objek­tiv­recht­li­cher Gehalt zu, der den Staat ver­pflich­tet, in den Ein­rich­tun­gen, die er gera­de zu dem Zweck schafft, For­schung und wis­sen­schaft­li­che Leh­re zu betrei­ben, die Eigen­ge­setz­lich­keit der Wis­sen­schaft zu schüt­zen sowie durch Orga­ni­sa­ti­on, Ver­fah­ren und finan­zi­el­le Leis­tung zu för­dern. 1. BVerfGE 35, 79 ff. – Nie­der­sach­sen Die­se Dimen­si­on der Wis­sen­schafts­frei­heit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum ers­ten Mal 1973 in sei­nem grund­le­gend gewor­de­nen Urteil zu den Orga­ni­sa­ti­ons­vor­schrif­ten des nie­der­säch­si­schen Hoch­schul­ge­set­zes ent­fal­tet: Der Staat hat „durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men dafür zu sor­gen, dass das Grund­recht der frei­en wis­sen­schaft­li­chen Betä­ti­gung soweit unan­ge­tas­tet bleibt, wie das unter Berück­sich­ti­gung der ande­ren legi­ti­men Auf­ga­ben der Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen und der Grund­rech­te der ver­schie­de­nen Betei­lig­ten mög­lich ist …“12 Der Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bewegt sich also zwi­schen der Pflicht, den Hoch­schul­an­ge­hö­ri­gen einer­seits freie wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung zu sichern, ande­rer­seits die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Hoch­schu­le und ihrer Orga­ne zu gewähr­leis­ten. Damit wir­ken zum einen die sach­lich iden­ti­schen Grund­rechts­po­si­tio­nen der an der Hoch­schu­le täti­gen Wis­sen­schaft­ler gegen­sei­tig begren­zend, zum ande­ren die Auf­ga­ben der Hoch­schu­len etwa in Aus­bil­dung und Prü­fung. 2. BVerfGE 93, 85 ff. – NRW und BVerfGE 111, 333 ff. – Bran­den­burg In den fol­gen­den Ent­schei­dun­gen wird die Reich­wei­te der Wis­sen­schafts­frei­heit unter­schied­lich bestimmt. Heißt es in Leit­satz 7 zum nie­der­säch­si­schen Hoch­schul­ge­setz noch, dass die Orga­ni­sa­ti­ons­nor­men den Hoch­schul­an­ge­hö­ri­gen, ins­be­son­de­re den Hoch­schul­leh­rern, einen mög­lichst brei­ten Raum für freie wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung sichern sol­len, ist in Leit­satz 1 der Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ent­schei­dung zum Hoch­schul­ge­setz Nord­rhein-West­fa­len aus dem Jahr 1995 zu lesen: „Solan­ge gewähr­leis­tet ist, dass der Kern­be­reich wis­sen­schaft­li­cher Betä­ti­gung der Selbst­be­stim­mung des ein­zel­nen Grund­rechts­trä­gers vor­be­hal­ten bleibt, hat der Gesetz­ge­ber bei der Rege­lung der aka­de­mi­schen Selbst­ver­wal­tung einen wei­ten Gestaltungsraum.“13 In der Ent­schei­dung zum bran­den­bur­gi­schen Hoch­schul­ge­setz von 2004 beton­te das Gericht dann, dass das Recht der ein­zel­nen Wis­sen­schaft­ler auf wis­sen­schafts­ad­äqua­te Orga­ni­sa­ti­on auf die Siche­rung ihrer indi­vi­du­el­len Mög­lich­keit zum Betrei­ben frei­er For­schung und Leh­re begrenzt ist. Dar­über hin­aus soll der Orga­ni­sa­ti­ons­ge­halt der Wis­sen­schafts­frei­heit allein dahin gehen, dass von den Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lun­gen, ins­be­son­de­re von der Kom­pe­tenz­ver­tei­lung, kei­ne struk­tu­rel­le Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit ausgehe.14 Aus der posi­ti­ven Pflicht, eine wis­sen­schafts­ad­äqua­te Orga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, ist nega­tiv das Ver­bot gewor­den, eine Orga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, die Wis­sen­schaft „struk­tu­rell“ beein­träch­tigt. Dies ist nicht mehr als das Ver­bot an den Staat, nicht in Wider­spruch mit sich selbst zu gera­ten, indem 1 0 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2019), 7–14 15 Mager, Frei­heit von For­schung und Leh­re, in: Isensee/Kirchhof (Hrsg.), Hand­buch des Staats­rechts Bd VII, 3. Aufl. 2009, § 166 Rn. 40; kri­tisch auch Gär­ditz, Hoch­schul­ma­nage­ment und Wis­sen­schafts­ad­äquanz, NVwZ 2005, 407 (407, 409). 16 BVerfGE 127, 87 (116), Rn. 91. 17 BVerfGE 127, 87 (116). 18 BVerfGE 127, 87 (117). 19 BVerfGE 127, 87 (117 f.). 20 BVerfGE 127, 87 (129). 21 BVerfGE 136, 338 ff. er ver­meint­lich eine Ein­rich­tung zum Betrei­ben frei­er Wis­sen­schaft grün­det, ohne dass in ihr freie Wis­sen­schaft tat­säch­lich mög­lich ist.15 3. BVerfGE 127, 87 ff. – Ham­burg Eine Trend­wen­de zeich­ne­te sich in der Ent­schei­dung zum Ham­bur­gi­schen Hoch­schul­ge­setz aus dem Jahr 2010 ab. Dort ist wie­der­um vom Schutz des Kern­be­reichs wis­sen­schaft­li­cher Betä­ti­gung die Rede. Er wird unter Bezug­nah­me auf die vor­he­ri­ge Recht­spre­chung defi­niert als die auf wis­sen­schaft­li­cher Eigen­ge­setz­lich­keit beru­hen­den Pro­zes­se, Ver­hal­tens­wei­sen und Ent­schei­dun­gen bei der Suche nach Erkennt­nis­sen, ihrer Deu­tung und Wei­ter­ga­be. Wei­ter heißt es, dass den in der Wis­sen­schaft Täti­gen zum Schutz die­ses Kern­be­reichs Teil­ha­be an den öffent­li­chen Res­sour­cen und an der Orga­ni­sa­ti­on des Wis­sen­schafts­be­triebs zu gewäh­ren ist. Die Teil­ha­be der Grund­rechts­trä­ger an der Orga­ni­sa­ti­on des Wis­sen­schafts­be­triebs sei erfor­der­lich zum Schutz vor wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen. „Die Garan­tie ist für jeden Wis­sen­schaft­ler auf sol­che hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ent­schei­dun­gen beschränkt, die sei­ne eige­ne Frei­heit zu for­schen und zu leh­ren, gefähr­den können.“16 Inso­weit unter­schei­det das Gericht zwi­schen Ent­schei­dun­gen, wel­che die Wis­sen­schafts­frei­heit im Ein­zel­fall ver­let­zen und gegen die sich die betrof­fe­ne Per­son im Ein­zel­fall weh­ren kann, und Struk­tu­ren des hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Gesamt­ge­fü­ges, die sich gefähr­dend aus­wir­ken kön­nen. Hier­für sei das Gesamt­ge­fü­ge mit sei­nen unter­schied­li­chen Ein­fluss- und Kon­troll­mög­lich­kei­ten in den Blick zu nehmen.17 Nach Beto­nung des Gestal­tungs­spiel­raums des Gesetz­ge­bers heißt es wei­ter: „Die Siche­rung der Wis­sen­schafts­frei­heit durch orga­ni­sa­to­ri­sche Rege­lun­gen ver­langt, dass die Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit durch ihre Ver­tre­ter in Hoch­schul­or­ga­nen Gefähr­dun­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit abweh­ren und ihre fach­li­che Kom­pe­tenz zur Ver­wirk­li­chung der Wis­sen­schafts­frei­heit in die Uni­ver­si­tät ein­brin­gen kön­nen. Der Gesetz­ge­ber muss daher ein hin­rei­chen­des Niveau der Par­ti­zi­pa­ti­on der Grund­rechts­trä­ger gewährleisten.“18 Dies sei im Wege einer Gesamt­wür­di­gung zu ermit­teln, für die das Gericht die fol­gen­de je-des­to-For­mel auf­stellt: „Je stär­ker der Gesetz­ge­ber die Lei­tungs­or­ga­ne mit Kom­pe­ten­zen aus­stat­tet, des­to stär­ker muss er im Gegen­zug die direk­ten oder indi­rek­ten Mitwirkungs‑, Einfluss‑, Infor­ma­ti­ons- und Kon­troll­rech­te der Kol­le­gi­al­or­ga­ne aus­ge­stal­ten, …“19 Ent­schei­dend für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Rege­lun­gen des Ham­bur­gi­schen Hoch­schul­ge­set­zes über die Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Deka­nat und Fakul­täts­rat war letzt­lich, dass der Fakul­täts­rat nicht nur aller sub­stan­zi­el­len Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se ent­le­digt war, son­dern nicht ein­mal über die Mög­lich­keit der Abwahl des Dekans mit Hoch­schul­leh­rer­mehr­heit ver­füg­te. Das Gre­mi­um konn­te nur mit einer ¾‑Mehrheit dem Prä­si­di­um einen ent­spre­chen­den Vor­schlag unter­brei­ten, das für eine Abbe­ru­fung auch noch der Zustim­mung des Hoch­schul­rats bedurf­te. Der Fakul­täts­rat hat­te weder Ein­fluss auf den Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plan, noch auf Beru­fungs­ent­schei­dun­gen, noch auf die Aus­rich­tung frei­wer­den­der Pro­fes­su­ren oder die Mit­tel­ver­tei­lung. Als Dekan konn­te vom Prä­si­di­um ein Exter­ner bestimmt, aller­dings nicht gegen den Wil­len des Fakul­täts­rats ernannt wer­den. Infor­ma­ti­ons­rech­te waren nicht vor­ge­se­hen, nur ein nicht näher bestimm­tes Kon­troll­recht sowie ein Recht, Stel­lung­nah­men abzu­ge­ben. Das Gericht bewer­tet das Recht der Wahl und Abwahl dabei aus­drück­lich als Ein­fluss- und Kon­troll­in­stru­ment, wel­ches Kom­pe­tenz­er­wei­te­run­gen des Lei­tungs­or­gans und den Ent­zug direk­ter Mit­wir­kungs­rech­te bei wis­sen­schafts­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen kom­pen­sie­ren kann.20 Eine Ant­wort auf die Fra­ge, ob es Gren­zen für die Kom­pen­sa­ti­on des Ent­zugs von inhalt­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen durch indi­rek­te Ein­fluss­mög­lich­kei­ten, also Wahl- und vor allem Abwahl­be­fug­nis­se, gibt, lässt sich der Ent­schei­dung zum Ham­bur­ger Hoch­schul­ge­setz nicht ent­neh­men. 4. BVerfGE 136, 338 ff. – Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver Wei­ter­füh­rend, wenn auch nicht alles klä­rend, ist inso­weit die Ent­schei­dung zu den Rege­lun­gen über die Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver von 2014.21 In die­ser Ent­schei­dung betont das Gericht, dass die mit Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG garan­tier­te Mit­wir­kung von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern im orga­ni­sa­to­ri­schen Gesamt­ge­fü­ge einer Hoch­schu­le sich auf alle wis­sen­schafts­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen erstreckt. Kon­kre­ti­sie­rend heißt es wei­ter: Mager· Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on 1 1 22 BVerfGE 136, 338 Rn. 58. 23 BVerfGE 136, 338 Rn. 59. 24 BVerfGE 136, 338 Rn. 59. 25 So schon BVerfGE 111, 333 (356 f.). 26 BVerfGE 136, 338 Rn. 59: „So kön­nen Ver­tre­tungs­or­ga­ne die ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te Selbst­be­stim­mung auch der Orga­ni­sa­ti­on von Wis­sen­schaft sichern und vor wis­sen­schafts­ge­fähr­den­den Ent­schei­dun­gen schüt­zen, sofern sie plu­ra­lis­tisch zusam­men­ge­setzt sind und es so ermög­li­chen, die auch inner­halb der Wis­sen­schaft bestehen­den Unter­schie­de in die Orga­ni­sa­ti­on sach­ver­stän­dig ein­zu­brin­gen (zum funk­tio­na­len Plu­ra­lis­mus BVerfGE 35, 79 <126 ff.>). Klei­ne Lei­tungs­or­ga­ne sind dem­ge­gen­über auf straf­fe Ent­schei­dungs­fin­dung hin ange­legt und kön­nen in Distanz zu den ein­zel­nen Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern dyna­mi­scher agie­ren.“ 27 BVerfGE 136, 338 Rn. 60. 28 BVerfGE 136, 338 Rn. 76. „Dies sind nicht nur Ent­schei­dun­gen über kon­kre­te For­schungs­vor­ha­ben oder Lehr­an­ge­bo­te, son­dern auch über die Pla­nung der wei­te­ren Ent­wick­lung einer Ein­rich­tung sowie alle den Wis­sen­schafts­be­trieb prä­gen­den Ent­schei­dun­gen über die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und den Haus­halt (vgl. BVerfGE 35, 79 <123>; 61, 260 <279>; 127, 87 <124 ff., 126>), denn das Grund­recht auf Wis­sen­schafts­frei­heit lie­fe leer, stün­den nicht auch die orga­ni­sa­to­ri­schen Rah­men­be­din­gun­gen und die Res­sour­cen zur Ver­fü­gung, die Vor­aus­set­zun­gen für die tat­säch­li­che Inan­spruch­nah­me die­ser Frei­heit sind (vgl. BVerfGE 35, 79 <114 f.>).“22 Erneut wird aber auch der wei­te Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers unter­stri­chen, „solan­ge die wis­sen­schaft­lich Täti­gen an wis­sen­schafts­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen hin­rei­chend mit­wir­ken kön­nen (vgl. BVerfGE 127, 87 <116 f.>).“23 Als abso­lu­te Gren­ze jeder Fremd­be­stim­mung, durch reprä­sen­ta­ti­ve Selbst­ver­wal­tungs- wie durch Lei­tungs­or­ga­ne, nennt das Gericht die Ange­le­gen­hei­ten, die der Selbst­be­stim­mung des ein­zel­nen Grund­rechts­trä­gers unterliegen.24 Außer­halb die­ses engen Bereichs indi­vi­du­el­ler Wis­sen­schafts­frei­heit lehnt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt einen grund­sätz­li­chen Vor­rang plu­ral zusam­men­ge­setz­ter Orga­ne der Selbst­ver­wal­tung gegen­über Lei­tungs­or­ga­nen ab.25 Indem es die Qua­li­tä­ten der jewei­li­gen Orga­ne beschreibt – funk­tio­na­ler Plu­ra­lis­mus der Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne ver­sus straf­fe Ent­schei­dungs­fin­dung und dyna­mi­sches Agie­ren der Lei­tungs­or­ga­ne –,26 legt es eine funk­ti­ons­ad­äqua­te Auf­ga­ben­zu­wei­sung nahe, ohne dies jedoch aus­drück­lich aus­zu­spre­chen. In Anknüp­fung an die Bran­den­burg- und Ham­burg-Ent­schei­dung heißt es: „Die Zuwei­sung von Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen an Lei­tungs­or­ga­ne darf jedoch nur in dem Maße erfol­gen, wie sie inhalt­lich begrenzt und orga­ni­sa­to­risch so abge­si­chert sind, dass eine struk­tu­rel­le Gefähr­dung der Wis­sen­schaft aus­schei­det. […] Je mehr, je grund­le­gen­der und je sub­stan­ti­el­ler wis­sen­schafts­re­le­van­te per­so­nel­le und sach­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se dem kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gan ent­zo­gen und einem Lei­tungs­or­gan zuge­wie­sen wer­den, des­to stär­ker muss im Gegen­zug die Mit­wir­kung des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans an der Bestel­lung und Abbe­ru­fung die­ses Lei­tungs­or­gans und an des­sen Ent­schei­dun­gen aus­ge­stal­tet sein.“27 Neu ist das Auf­schei­nen einer inhalt­li­chen Gren­ze die­ser Kom­pen­sa­ti­ons­mög­lich­keit mit der Aus­sa­ge: „Der Gesetz­ge­ber ist zum orga­ni­sa­to­ri­schen Schutz der Wis­sen­schafts­frei­heit vor Gefähr­dun­gen im Regel­fall gehal­ten, gera­de bei den Wei­chen­stel­lun­gen, die For­schung und Leh­re unmit­tel­bar betref­fen, ein Ein­ver­neh­men mit dem Ver­tre­tungs­or­gan aka­de­mi­scher Selbst­ver­wal­tung zu fordern.“28 Letzt­lich waren die Rege­lun­gen über die Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver ver­fas­sungs­wid­rig, weil der Senat kei­nen Ein­fluss auf maß­geb­li­che Ent­schei­dun­gen über die Ent­wick­lungs­pla­nung, Orga­ni­sa­ti­on und wis­sen­schafts­re­le­van­te Ver­tei­lung von Haus­halts­mit­teln hat­te, sich aber auch nicht selbst­be­stimmt vom Lei­tungs­or­gan tren­nen konn­te. IV. Sys­te­ma­ti­sie­rung In Ori­en­tie­rung an den dar­ge­stell­ten, nicht sehr schar­fen Maß­stä­ben, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der Wis­sen­schafts­frei­heit ent­nom­men hat, wird im Fol­gen­den ein Vor­schlag zur Struk­tu­rie­rung hin­sicht­lich Ob und Wie der hoch­schul­in­ter­nen Par­ti­zi­pa­ti­on zwi­schen Frei­heit und Steue­rung unter­brei­tet. Dabei sind vier Berei­che zu unter­schei­den: – der Bereich unzu­läs­si­ger Steue­rung und damit unbe­schränk­ter Frei­heit, – der Bereich not­wen­dig inhalt­li­cher Par­ti­zi­pa­ti­on der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne, – der Bereich der mit­tel­ba­ren Par­ti­zi­pa­ti­on der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne durch maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Wahl und Abwahl der Lei­tungs­or­ga­ne und – der Bereich, der kei­ne Par­ti­zi­pa­ti­on reprä­sen­ta­ti­ver Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne erfor­dert. 1. Die Gren­zen der Wis­sen­schafts­frei­heit für jede Form der Fremd­be­stim­mung Eine abso­lu­te Gren­ze zieht die Wis­sen­schafts­frei­heit jeg­li­cher Fremd­be­stim­mung für die Ange­le­gen­hei­ten, die der Selbst­be­stim­mung der ein­zel­nen Grund­rechts­trä­ger unter­lie­gen. Sie dür­fen weder Ver­tre­tungs­or­ga­nen noch Lei­tungs­or­ga­nen zur Ent­schei­dung zuge­wie­sen wer- 1 2 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2019), 7–14 29 BVerfGE 127, 87 (118). 30 BVerfGE 35, 79 (113). 31 BVerfGE 35, 79 (113 f.) 32 Kauf­hold, Die Lehr­frei­heit – ein ver­lo­re­nes Grund­recht, 2006, S. 199; a. A. Feh­ling, in: BK zu Art. 5 Abs. 3 Rn. 88 mit wei­te­ren Nach­wei­sen. 33 BVerfGE 136, 338 Rn. 60. So schon BVerfGE 111, 333 (356 f.); zustim­mend Hend­ler (Fn. 1), S. 250; s. auch Groß, Kol­le­gi­al­prin­zip und Hoch­schul­selbst­ver­wal­tung, DÖV 2016, 449 (450) mit wei­te­ren Nach­wei­sen. Skep­tisch Gär­ditz, Anmer­kung zu BVerfG, 1. Senat, Beschluss vom 24.06.2014 – 1 BVR 3217/07 – Vb gegen orga­ni­sa­to­ri­sche Hoch­schul­aus­ge­stal­tung erfolg­reich, DVBl. 2014, 1132 (1135) mit wei­te­ren Nach­wei­sen. 34 BVerfGE 136, 338 Rn. 76. 35 Zur feh­len­den Trag­fä­hig­keit des Argu­ments „ehe­mals staat­li­che Ange­le­gen­heit“ für einen völ­li­gen Aus­schluss von „der Mit­wir­kung des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers“, s. Groß (Fn. 33), S. 453. 36 Ein Ein­ver­neh­men des Senats in Bezug auf Grund­sät­ze der Mit­tel­ver­tei­lung schlägt Groß (Fn. 33), S. 453 vor. den.29 Dies betrifft den Kern­be­reich indi­vi­du­el­ler For­schung und Leh­re, nament­lich die Selbst­be­stim­mung hin­sicht­lich der Aus­wahl des For­schungs­ge­gen­stands, der Fra­ge­stel­lung in Bezug auf den For­schungs­ge­gen­stand sowie in Bezug auf die Wahl der Metho­den bei der Behand­lung des Forschungsgegenstands.30 Die Lehr­frei­heit umfasst die Frei­heit der Auf­be­rei­tung und Dar­bie­tung wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se ein­schließ­lich der Wahl der Ver­mitt­lungs­me­tho­den und Vermittlungsmedien.31 Die Frei­heit der Bestim­mung von Zeit und Ort sind dage­gen nicht Bestand­teil der Lehr­frei­heit, soweit sie nicht aus­nahms­wei­se von ent­schei­den­der Bedeu­tung für den Ver­mitt­lungs­er­folg sind.32 2. Der Bereich not­wen­di­ger inhalt­li­cher Par­ti­zi­pa­ti­on Die Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Vor­be­halt inhalt­li­cher Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se für die reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne fin­det ihren Aus­gangs­punkt dar­in, dass es jeden­falls nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kei­nen grund­sätz­li­chen Vor­rang der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne vor den Lei­tungs­or­ga­nen gibt.33 Von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist der Gesichts­punkt der funk­ti­ons­ad­äqua­ten Auf­ga­ben­zu­ord­nung Die­ser Gesichts­punkt wird kon­kre­ti­siert in dem Grund­satz, dass bei Wei­chen­stel­lun­gen, die For­schung und Leh­re unmit­tel­bar betref­fen, im Regel­fall ein Ein­ver­neh­men mit dem reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­gan zu for­dern sei.34 Mei­nes Erach­tens ent­spricht es einer wis­sen­schafts­ad­äqua­ten Aus­ge­stal­tung der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on, sich auch im Hin­blick auf die inner­uni­ver­si­tä­re Orga­ni­sa­ti­on an der Unter­schei­dung zwi­schen den uni­ver­si­tä­ren Ange­le­gen­hei­ten, den staat­li­chen Ange­le­gen­hei­ten und denen, die ein Zusam­men­wir­ken von Staat und Uni­ver­si­tät for­dern, zu ori­en­tie­ren. Die aus­schließ­lich uni­ver­si­tä­ren Ange­le­gen­hei­ten sind gera­de die­je­ni­gen, die For­schung und Leh­re unmit­tel­bar betref­fen, nament­lich die For­schungs- und Lehr­pla­nung, die Habi­li­ta­ti­ons- und Pro­mo­ti­ons­ord­nun­gen sowie die Ent­schei­dun­gen in Pro­mo­ti­ons- und Habi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren. Die­se Ent­schei­dun­gen sind auch inhalt­lich den reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen vor­be­hal­ten. Inso­weit ist eine Ver­la­ge­rung von Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen auf die Lei­tungs­or­ga­ne und damit auch eine Kom­pen­sa­ti­on durch indi­rek­te Ein­fluss­nah­me aus­ge­schlos­sen. In Bezug auf Auf­ga­ben, die im Zusam­men­wir­ken von Staat und Uni­ver­si­tät ange­sie­delt sind, kommt es auf die unmit­tel­ba­re Bedeu­tung für For­schung und Leh­re an. Das Zusam­men­wir­ken betrifft – wie schon gesagt – die Ord­nung des Stu­di­ums und der Hoch­schul­prü­fun­gen ein­schließ­lich Eva­lua­tio­nen, Beru­fun­gen, die Struk­turund Ent­wick­lungs­pla­nung, die Errich­tung, Ände­rung und Auf­he­bung von Fach­be­rei­chen und ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen. Es han­delt sich durch­weg um Ent­schei­dun­gen, die ent­we­der inhalt­li­che Kom­pe­tenz erfor­dern, unmit­tel­bar For­schung und Leh­re betref­fen und/oder eine unmit­tel­ba­re Betrof­fen­heit des wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nals zur Fol­ge haben, so dass inso­weit zwar kei­ne allei­ni­ge Zustän­dig­keit, aber eine maß­geb­li­che inhalt­li­che Mit­wir­kung der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne erfor­der­lich ist, die je nach Gegen­stand dif­fe­ren­ziert aus­fal­len oder auf maß­geb­li­che Zwi­schen­schrit­te beschränkt sein kann, wie etwa im Fall von Beru­fungs­ver­fah­ren. 3. Der Bereich mit­tel­ba­rer Par­ti­zi­pa­ti­on Damit bleibt der Bereich der ehe­mals staat­li­chen Ange­le­gen­hei­ten, die im Zuge der Uni­ver­si­täts­re­for­men der 1990er Jah­re auf die Hoch­schu­len ver­la­gert wur­den. Hier­bei han­delt es sich ins­be­son­de­re um die Personal‑, Wirtschafts‑, Haus­halts- und Finanz­ver­wal­tung. Eine Zuord­nung die­ser Auf­ga­ben zu den Lei­tungs­or­ga­nen ist grund­sätz­lich funk­ti­ons­ge­recht. Inso­weit ist zwar, etwa in Bezug auf den Wirt­schafts- und Haus­halts­plan, Infor­ma­ti­on und Mög­lich­keit zur Stel­lung­nah­me oder die regel­mä­ßi­ge Abga­be von Rechen­schafts­be­rich­ten gegen­über den reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen zu for­dern, nicht aber zwin­gend eine inhalt­li­che Mitbestimmung.35 Aus­nah­men kön­nen sich im Ein­zel­fall erge­ben, wenn ein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang zwi­schen Res­sour­cen­ent­schei­dung und wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung besteht.36 Im Übri­gen ist zu beden­ken, dass die inhalt­li­che Betei­li­gung an der Struk­tur- und Ent­wick­lungs­pla­nung bereits Vor­ent­schei­dun­gen auch über die Res­sour­cen­ver­tei­lung ent­hält und auch des­halb die mit­tel­ba­re Ein­fluss­nah­me durch maß­geb­li­che Betei­li- Mager· Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on 1 3 gung an der Bestel­lung und Abwahl der Lei­tungs­or­ga­ne als hin­rei­chen­de Kom­pen­sa­ti­on ange­se­hen wer­den kann. Die­se Form der Par­ti­zi­pa­ti­on setzt für ihre sach­ge­rech­te Aus­übung aller­dings vor­aus, dass sie durch sub­stan­zi­el­le Infor­ma­ti­ons­rech­te flan­kiert wird. 4. Der par­ti­zi­pa­ti­ons­freie Bereich Als ein­deu­tig par­ti­zi­pa­ti­ons­frei­er Bereich bleibt damit die lau­fen­de Ver­wal­tung, etwa die lau­fen­de Per­so­nal­ver­wal­tung oder der Voll­zug des Wirt­schafts- und Haus­halts­plans. Inso­weit bedarf es kei­ner Par­ti­zi­pa­ti­on der reprä­sen­ta­ti­ven Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ne, ggf. aber regel­mä­ßi­ger Infor­ma­ti­on. V. Fazit Die lei­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Kri­te­ri­en für eine wis­sen­schafts­ad­äqua­te Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on sind und blei­ben die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG abge­lei­te­ten und in § 37 HRG auf­ge­nom­me­nen Kri­te­ri­en Qua­li­fi­ka­ti­on, Funk­ti­on, Ver­ant­wor­tung und Betrof­fen­heit. Sie las­sen hin­rei­chend Spiel­raum für ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­le zwi­schen hier­ar­chi­scher Lei­tung und reprä­sen­ta­tiv orga­ni­sier­ter Selbst­ver­wal­tung. Dies gilt auch, wenn die Rege­lung hin­sicht­lich Art und Wei­se der Par­ti­zi­pa­ti­on sich, wie hier vor­ge­schla­gen, an der her­kömm­li­chen Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Staat und Hoch­schu­len ori­en­tiert. Ob und wie die Model­le in der Pra­xis funk­tio­nie­ren, hängt aller­dings ent­schei­dend von tat­säch­li­chen Bedin­gun­gen ab. Sie bedür­fen der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Analyse.37 Ute Mager ist Pro­fes­so­rin für Öffent­li­ches Recht an der Ruprecht-Karls-Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. 37 S. dazu Bie­letz­ki, The Power of Col­le­gia­li­ty. A Qua­li­ta­ti­ve Ana­ly­sis of Uni­ver­si­ty Pre­si­dents Lea­ders­hip in Ger­ma­ny, 2018. 1 4 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2019), 7–14