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„Der hohe Preis der Medi­zin? Patent­schutz in der Arz- nei­mit­tel­for­schung“ – zu einer Podi­ums­dis­kus­si­on zu die­sem The­ma kam am 30. Mai 2016 an der Albert-Lud- wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg ein Exper­ten­ple­num zusam- men (aus Grün­den der Les­bar­keit ver­wen­det der Text ledig­lich die männ­li­che Form, meint aller­dings jeg­li­ches Gen­der). Ein­ge­la­den hat­te die Fach­schaft der rechts­wis- sen­schaft­li­chen Fakul­tät und die stu­den­ti­sche Nicht­re- gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NRO) Uni­ver­si­ties Allied for Essen­ti­al Medi­ci­nes (UAEM). Im Rah­men ihrer Arbeit bei UAEM set­zen sich Stu­die­ren­de ver­schie­de­ner Fach- rich­tun­gen welt­weit für einen gerech­te­ren Zugang aller Men­schen zu den Ergeb­nis­sen öffent­lich finan­zier­ter bio­me­di­zi­ni­scher For­schung ein. Außer­dem plä­die­ren sie für einen stär­ke­ren For­schungs­fo­kus auf armuts­as­so- ziier­te und ver­nach­läs­sig­te Krankheiten.

I. Vor­stel­lung der Vortragenden

Ein bis auf den letz­ten Platz und sogar die Stu­fen besetz- ter Hör­saal begrüß­te an die­sem Mon­tag vier Exper­ten aus unter­schied­li­chen Bereichen:

Herr Pro­fes­sor Dr. Hae­di­cke stu­dier­te Jura, doziert seit 2003 an der Uni­ver­si­tät Frei­burg, wur­de 2005 zum Pro­fes­sor ernannt und ist aktu­ell Inha­ber des Lehr­stuhls für Geis­ti­ges Eigen­tum. Gleich­zei­tig arbei­tet er als Rich- ter am Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf, im auf Patent­recht spe­zia­li­sier­ten zwei­ten Zivil­se­nat. Außer­dem ist er Autor des 2011 ver­öf­fent­lich­ten Buches „Paten­te und Piraten“.

Herr Dr. Imm­ler stu­dier­te Bio­che­mie und arbei­tet seit 1999 in ver­schie­de­nen Posi­tio­nen bei der Bay­er AG – hier zuerst im Labor, anschlie­ßend in der Patent- und Lizenz­ab­tei­lung. Nach einer Wei­ter­bil­dung zum euro­pä- ischen Patent­an­walt arbei­tet er nun als Lei­ter der Patent- abtei­lung Pharma.

Frau Ber­ner-Rodo­re­da stu­dier­te Eth­no­lo­gie und Af- rika­wis­sen­schaf­ten und arbei­tet seit mehr als 20 Jah­ren in ver­schie­de­nen Posi­tio­nen als Bera­te­rin für das evan- geli­sche Hilfs­werk Brot für die Welt. Sie ist außer­dem Vor­stands­mit­glied im Trä­ger­ver­ein des Akti­ons­bünd­nis gegen AIDS, Mit­glied des Ecu­me­ni­cal Phar­maceu­ti­cal Net­work und der HIV-Stra­te­gie­grup­pe der Ecu­me­ni­cal Advo­cacy Alli­an­ce.

Herr Pro­fes­sor Dr. Mer­tels­mann ist Arzt und Wis- sen­schaft­ler mit lang­jäh­ri­ger kli­ni­scher und wis­sen- schaft­li­cher Erfah­rung im Bereich der Häma­to-Onko­lo- gie und Stamm­zell­for­schung. Vor sei­ner Eme­ri­tie­rung im Jahr 2012 war er zuletzt Pro­fes­sor und ärzt­li­cher Di- rek­tor der Kli­nik für Inne­re Medi­zin I der Uni­ver­si­tät Frei­burg. Zusätz­lich ist er Redak­teur meh­re­rer tra­di­tio- nel­ler Fach­zeit­schrif­ten, Grün­der eines frei zugäng­li- cheneJournals,einesBiotechnologieunternehmensund des Com­pre­hen­si­ve Can­cer Cen­ter Frei­burg und selbst Anmel­der meh­re­rer Patente.

Mode­riert wur­de die Dis­kus­si­on von Max Brau­ner, Mit­glied der Ber­li­ner Lokal­grup­pe von UAEM und ehe- mali­gem Vor­stands­mit­glied von UAEM Euro­pe e.V.

II. Zusam­men­fas­sung der Input-Vorträge

Zu Beginn der Ver­an­stal­tung hiel­ten alle vier Teil­neh- men­den je einen kur­zen Input-Vor­trag. Herr Prof. Hae- dicke erklär­te zu Beginn eini­ge Grund­be­grif­fe des Patent­rechts und die dahin­ter­ste­hen­de Ratio­na­le, also die „Stär­kung des Inno­va­ti­ons­wett­be­werbs durch Beschrän­kung des Immi­ta­ti­ons­wett­be­werbs.“ Dadurch ent­ste­he ein Inter­es­sen­kon­flikt zwi­schen Erfin­der, Mit- bewer­ber und der All­ge­mein­heit. Der Erfin­der habe ein Inter­es­se an mög­lichst umfang­rei­chen Patent­schutz, der Mit­be­wer­ber hin­ge­gen an mög­lichst gerin­gem Patent- schutz, wäh­rend die All­ge­mein­heit eine ambi­va­len­te Hal­tung ein­neh­me. Sie for­de­re näm­lich einer­seits Inno- vatio­nen, möch­te ande­rer­seits aber auch einen mög­lichst güns­ti­gen Zugang zu die­sen erhal­ten. Der Aus­gleich zwi­schen die­sen diver­gie­ren­den Inter­es­sen sei Haupt- zweck des Patent­rechts und sor­ge immer wie­der für gesell­schaft­li­che Debat­ten. Zum Ende sei­nes Vor­trags ver­an­schau­lich­te Prof. Hae­di­cke die The­ma­tik am Bei- spiel der Tra­gö­die der „Gemein­de­wie­se“, wonach sowohl zu gerin­ger als auch zu umfas­sen­der Schutz von Res- sourcen der All­ge­mein­heit schade.

Herr Dr. Imm­ler begann sei­nen Vor­trag mit einem kur­zen Über­blick über die Glie­de­rung der Bay­er AG, ihr Selbst­ver­ständ­nis als „Erfin­der­un­ter­neh­men“ und den Ablauf der kli­ni­schen Ent­wick­lungs­pha­sen eines Medi- kaments. For­schung und Ent­wick­lung eines neuen

Max Brau­ner, Nora Lenn­artz, Jonas Wie­schol­lek und Alex­an­dra Wür­gau
Der hohe Preis der Medi­zin?
Bericht der Podiumsdiskussion

am 30. Mai 2016

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2016, ISSN 2197–9197

248 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 247–250

Wirk­stoffs wür­den nicht unbe­dingt eine Mil­li­ar­de Euro kos­ten, aber nur ein Bruch­teil der Wirk­stoff­kan­di­da­ten schaf­fe es über­haupt zur Markt­rei­fe. Daher müss­ten die ins­ge­samt anfal­len­den For­schungs­kos­ten durch eini­ge weni­ge Pro­duk­te refi­nan­ziert wer­den. Da phar­ma­zeu­ti- sche Inno­va­tio­nen wie Medi­ka­men­te oder Dia­gnos­ti­ka so leicht zu kopie­ren sei­en, wür­den Paten­te einen wich­ti- gen Grund­pfei­ler des Geschäfts­mo­dells der phar­ma­zeu- tischen Indus­trie und gleich­zei­tig eine wich­ti­ge Infor­ma- tions­quel­le über den aktu­el­len Stand der Wis­sen­schaft dar­stel­len. Auch Patent­an­mel­dung und ‑manage­ment sei­en auf­wen­dig, da für jedes Land ande­re Geset­ze gel­ten und Paten­te in jedem Land ein­zeln ange­mel­det wer­den müss­ten. Ins­ge­samt, erklär­te Dr. Imm­ler, sei­en Paten­te als Schutz für tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen ein sehr erfolg- rei­ches System.

Frau Ber­ner-Rodo­re­da schil­der­te zu Beginn ihres Bei­trags anhand zwei­er Medi­ka­men­te exem­pla­risch die Pro­ble­me mit dem momen­ta­nen Patent­sys­tem. In den letz­ten Jah­ren habe es enor­me Fort­schrit­te in der HIV- Behand­lung gege­ben, dies auch im glo­ba­len Süden. Er- reicht sei die­ser Fort­schritt aber nur durch Öffent­lich- keits­kam­pa­gnen und ver­stärk­ten Druck der Betrof­fe­nen gewor­den, was die Mög­lich­keit zur Her­stel­lung preis- güns­ti­ger Gene­ri­ka eröff­net habe. Sol­che Gene­ri­ka könn­ten jedoch erst nach Ablauf des Patent­schut­zes pro- duziert wer­den. Heu­te stün­den vie­le neue­re HIV-Medi- kamen­te wei­ter­hin unter Patent­schutz und sei­en somit für vie­le Betrof­fe­ne nicht ver­füg­bar, weil die­se sich sie nicht leis­ten könn­ten. Als zwei­tes Bei­spiel führ­te sie So- fos­bu­vir (Han­dels­na­me Soval­di) an, ein Medi­ka­ment zur Behand­lung von Hepa­ti­tis C. Prei­se für eine Behand­lung wür­den im inter­na­tio­na­len Ver­gleich enorm schwan­ken, von meh­re­ren zehn­tau­send bis zu eini­gen hun­dert Euro. Wie­der­um sei die­ses Medi­ka­ment für vie­le Men­schen uner­schwing­lich – und dies, obwohl Her­stel­ler und Pat- ent­be­sit­zer Gilead den Wirk­stoff nicht selbst ent­wi­ckelt, son­dern für 11 Mil­li­ar­den USDol­lar einem uni­ver­si­tä­ren Spin­Off abge­kauft und damit dann bereits inner­halb ei- nes Jah­res über 18 Mil­li­ar­den USDol­lar Umsatz gemacht habe. Als Bei­spiel für unter­schied­li­che natio­na­le Stra­te- gien im Umgang mit Paten­ten wähl­te Frau Ber­ner-Ro- dore­da zum einen Süd­afri­ka, das „Para­dies für Paten­te“. Dor­ti­ge Geset­ze ermög­lich­ten es, nahe­zu jede Erfin­dung paten­tie­ren zu las­sen, sodass vie­le Medi­ka­men­te zu sehr hohen Prei­sen ver­kauft wür­den. Als Gegen­bei­spiel nann- te sie Indi­en, wel­ches zwar bereits seit dem 19. Jahr­hun- dert ein Patent­ge­setz habe, die­ses aber sehr streng aus­le- ge, sodass nur wirk­lich inno­va­ti­ve Medi­ka­men­te einen Patent­schutz zuer­kannt bekä­men. Dies habe es Indi­en ermög­licht, vie­le Medi­ka­men­te zu güns­ti­gen Prei­sen her­zu­stel­len und damit sowohl die eige­ne Bevölkerung

zu ver­sor­gen als auch eine star­ke phar­ma­zeu­ti­sche In- dus­trie aufzubauen.

Herr Prof. Mer­tels­mann ver­trat in sei­nem kur­zen Vor­trag vier The­sen. Ers­tens sei das Patent­sys­tem in der Ver­gan­gen­heit erfolg­reich dar­in gewe­sen, wis­sen­schaft- lichen Fort­schritt zu för­dern. Zwei­tens habe es in den letz­ten Jah­ren eine gewal­ti­ge Ände­rung in der phar­ma- zeu­ti­schen Land­schaft gege­ben. Die Prei­se neu­er Medi- kamen­te, beson­ders im Bereich der Onko­lo­gie, sei­en durch die rea­len Kos­ten von For­schung und Ent­wick- lung nicht mehr gerecht­fer­tig. Ein zu gro­ßer Teil des Umsat­zes der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie wür­de für Mar­ke­ting auf­ge­wen­det wer­den. Drit­tens wür­den Ori­gi- nal­her­stel­ler, beson­ders auch nach Ablauf des Patent- schut­zes, über ver­schie­de­ne Maß­nah­men eine Mono­po- lisie­rung des Mark­tes her­stel­len, wodurch die preis­sen- ken­de Wir­kung des frei­en Mark­tes aus­ge­he­belt wer­de. Vier­tens ging er auf das soge­nann­te „Pro­blem der letz­ten Mei­le“ ein, gemäß des­sen es nicht genügt, Medi­ka­men­te theo­re­tisch bezahl­bar und ver­füg­bar zu machen, son- dern außer­dem nötig ist, die­se vor Ort unter teils sehr schwie­ri­gen Bedin­gun­gen zum Betrof­fe­nen zu brin­gen. Ein mög­li­cher Lösungs­an­satz sei der von Tho­mas Pog­ge ent­wi­ckel­te Health Impact Fund. Die­ser sieht vor, dass der Nut­zen neu­er Medi­ka­men­te erst eva­lu­iert wird und die Ver­gü­tung dann ent­spre­chend dem Nut­zen höher oder nied­ri­ger ausfällt.

III. Dis­kus­si­on

Zu Beginn der Dis­kus­si­on wur­de Prof. Hae­di­cke vom Mode­ra­tor gebe­ten, auf die Geschich­te von Paten­ten auf phar­ma­zeu­ti­sche Pro­duk­te ein­zu­ge­hen. Hier­zu mein­te die­ser, dass lan­ge Zeit nur Ver­fah­ren, nicht aber Erzeug- nis­se geschützt wor­den sei­en. Erst in neue­rer Zeit habe sich die Idee des Stoff­schut­zes durch­set­zen kön­nen. Wich­ti­ge Fra­gen im Zusam­men­hang mit dem momen­ta- nen abso­lu­ten Stoff­schutz sei­en, ob die­ser noch mit der ursprüng­lich zu schüt­zen­den Leis­tung kor­re­liert und ob die Indus­trie auch mit weni­ger Schutz for­schen könnte.

Frau Ber­ner-Rodo­re­da wur­de gebe­ten, näher auf das TRIPS-Abkom­men ein­zu­ge­hen. Das Agree­ment on Tra­de- Rela­ted Aspects of Intel­lec­tu­al Pro­per­ty Rights („ Über­ein­kom- men über han­dels­be­zo­ge­ne Aspek­te der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums“, kurz TRIPS) sei 1995 als Grün­dungs­do­ku­ment der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO) von allen ihren Mit­glie­dern ver­ab­schie­det wor­den und schrei­be Min­dest­stan­dards für den Schutz von geis­ti­gen Eigen­tum vor, so Ber­ner-Rodo- reda. Aller­dings sehe es auch fle­xi­ble Instru­men­te vor, die Staa­ten nut­zen könn­ten, um die Gesund­heits­ver­sor- gung ihrer Bevöl­ke­rung nicht auf­grund geis­ti­ger Eigen- tums­rech­te ein­schrän­ken zu müs­sen. Das wich­tigs­te Ins-

Brauner/Lennartz/Wieschollek/Würgau · Der hohe Preis der Medi­zin? 2 4 9

tru­ment die­ser Art sei­en soge­nann­te „Zwangs­li­zen­zen“, mit denen ein Staat für den eige­nen Gebrauch ein Patent zeit­lich begrenzt außer Kraft set­zen kön­ne, um das Me- dika­ment güns­ti­ger her­zu­stel­len. Bei­spiels­wei­se bemüh- ten sich die USA wäh­rend der Anthrax-Gefahr 2001, das Medi­ka­ment Cipro­flo­xa­cin (Han­dels­na­me Cipro­bay) über eine sol­che Zwangs­li­zenz her­stel­len zu las­sen. Lob- byar­beit von Sei­ten der phar­ma­zeu­ti­schen Indus­trie und ein ver­bes­ser­tes Ange­bot von Sei­ten des Her­stel­lers hät- ten die Aus­stel­lung einer Zwangs­li­zenz aber letzt­end­lich ver­hin­dert. Dar­auf erwi­der­te Dr. Imm­ler, dass die Indus- trie die Prei­se nicht mehr selbst fest­le­ge, son­dern sie mit Staa­ten und Ver­si­che­run­gen aus­hand­le, wobei letz­lich der Wert für den Pati­en­ten und die Gesell­schaft Maß­stab für die Preis­ge­stal­tung ist und sein soll­te. Gut geführ­te Ver­hand­lun­gen könn­ten, was den Preis angeht, zu bes­se- ren Ergeb­nis­sen füh­ren als Zwangs­li­zen­zen, ohne dabei das Patent­sys­tem zu unter­mi­nie­ren. For­schen­de Arz­nei- mit­tel­her­stel­ler hät­ten auch kein Inter­es­se an einer all­zu laxen Patent­ver­ga­be, son­dern wür­den kla­re Regeln in die­sem Bereich eben­falls begrü­ßen, weil sie nicht nur als Patent­in­ha­ber auf­tre­ten, son­dern natür­lich auch von Pa- ten­ten Drit­ter betrof­fen sein kön­nen. Zuletzt ging er auf den Vor­wurf des soge­nann­ten „Ever­gree­ning“ ein, wo- mit die Pra­xis beschrie­ben wird, klei­ne Ver­än­de­run­gen an Medi­ka­men­ten vor­zu­neh­men, um ein neu­es Patent auf die­ses leicht ver­än­der­te Prä­pa­rat zu erhal­ten. Dies bezeich­ne­te er als Mythos, da der Schutz der Ursprungs- inno­va­ti­on nicht ver­län­gert wer­de. Prof. Mer­tels­mann führ­te auf Bit­ten des Mode­ra­tors aus, dass Erfin­dun­gen von Wis­sen­schaft­lern sowohl in den USA als auch in Deutsch­land den Uni­ver­si­tä­ten gehö­ren und die­se über die Paten­tie­rung ent­schei­den. Aller­dings sei die Fra­ge der Paten­tie­rung einer Erfin­dung nur ein Teil­aspekt, eine gro­ße Rol­le spie­le auch die Preis­ge­stal­tung. Hier bräuch­te es ver­schie­de­ne Model­le, um allen Sei­ten ge- recht zu wer­den. Als letz­tes ant­wor­te­te Dr. Imm­ler auf die Fra­ge nach der Rele­vanz von uni­ver­si­tä­ren Erfin­dun- gen für die Indus­trie, dass die­se in der Tat wich­tig sei­en und indus­tri­el­le Koope­ra­tio­nen mit öffent­li­chen For- schungs­ein­rich­tun­gen zuneh­men würden.

Die ers­te Fra­ge aus dem Publi­kum rich­te­te sich an Dr. Imm­ler. Die Zuhö­re­rin woll­te wis­sen, wie es um die „second use“-Problematik ste­he. Mit „second use“ wird der Ver­such eini­ger Her­stel­ler bezeich­net, bei Aus­wei- tung der Indi­ka­ti­on für ein Medi­ka­ment nach bereits er- teil­ter Zulas­sung ein erneu­tes Patent zu bean­tra­gen. Hie- rauf erwi­der­te Dr. Imm­ler, dass die Aus­wei­tung auf eine wei­te­re Indi­ka­ti­on sehr umfang­rei­che und teu­re Stu­di­en nötig mache und die Durch­setz­bar­keit eines sol­chen Pa- tents gleich­zei­tig sehr schwie­rig sei. Doch die­se Erwei­te- run­gen kön­nen für den Pati­en­ten sehr wert­voll sein, da

das Medi­ka­ment bereits als sicher bekannt ist. Prof. Ha- edi­cke ergänz­te, dass Zweit­pa­ten­te juris­tisch durch­aus durch­setz­bar sei­en, dies aber von der Beur­tei­lung der In- nova­ti­on abhän­ge. Frau Ber­ner-Rodo­re­da hin­ge­gen be- zwei­fel­te, dass Paten­te hier wirk­lich der Inno­va­ti­ons­för- derung die­nen, und sprach soge­nann­te „me too“-Präpa- rate an. Vie­le neue Medi­ka­men­te hät­ten kei­nen oder nur sehr gerin­gen Zusatz­nut­zen im Ver­gleich zu bereits er- hält­li­chen The­ra­pien und wür­den kei­ne ech­ten Inno­va­ti- onen dar­stel­len. Zur Unter­stüt­zung die­ser The­se führ­te sie an, dass das unab­hän­gi­ge fran­zö­si­sche Maga­zin Presc- rire in den ver­gan­gen Jah­ren mehr­fach sei­nen Preis für inno­va­ti­ve Medi­ka­men­te – man­gels wirk­li­cher Inno­va­ti- onen – nicht hät­te ver­ge­ben kön­nen. Dem hielt Prof. Mer­tels­mann ent­ge­gen, dass „me too“-Präparate posi­tiv sei­en, da sie den Wett­be­werb för­dern und damit die Prei­se sen­ken würden.

Die Fra­ge, ob der freie Markt für phar­ma­zeu­ti­sche Pro­duk­te mit dem Grund­recht auf Gesund­heit ver­ein­bar sei, beant­wor­te­te Prof. Mer­tels­mann dahin­ge­hend, dass sämt­li­che Mög­lich­kei­ten der Preis­sen­kung aus­pro­biert und eva­lu­iert wer­den müss­ten. Dr. Imm­ler mein­te hier- zu, dass die­se Fra­ge erst rele­vant wer­de, wenn mit dem Ablauf des Patent­schut­zes ein frei­er Markt ent­stan­den sei. Aller­dings wür­den auch dann die klas­si­schen Markt- geset­ze nur sehr beschränkt gel­ten. Damit beschrieb er den Umstand, dass Pati­en­ten kei­ne ech­ten Kun­den sei­en, son­dern phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­men ihre Ver­trä­ge viel­mehr mit Regie­run­gen, Ver­si­che­run­gen und Ärz­ten ein­ge­hen wür­den. Dadurch könn­ten sich Markt­kräf­te nur in sehr begrenz­tem Umfang ent­fal­ten. In Deutsch- land sei vor allem der Wil­le der Soli­dar­ge­mein­schaft ent- schei­dend, aber in Län­dern, in denen Pati­en­ten selbst bezah­len wür­den, müs­se die The­ma­tik anders betrach­tet werden.

Als nächs­tes erhielt Dr. Imm­ler die Fra­ge, ob die Ver- gabe einer nicht­ex­klu­si­ven Lizenz, die die Gene­ri­ka­pro- duk­ti­on in Län­dern mit nied­ri­gen und mitt­le­ren Ein- kom­men erlaubt, ein Grund sei, um eine Inno­va­ti­on ei- ner Uni­ver­si­tät nicht wei­ter zu ent­wi­ckeln. Hier­auf ent- geg­ne­te er, dass sie das grund­sätz­lich nicht sei und es auch bereits Koope­ra­tio­nen der Bill and Melin­da Gates Foun­da­ti­on und der Drugs for Neglec­ted Dise­a­ses initia­ti- ve (DNDi) gebe, die ähn­li­che Rege­lun­gen vor­sä­hen. Al- ler­dings müss­ten sich sol­che Ver­ein­ba­run­gen natür­lich immer auch für die Indus­trie lohnen.

Prof. Hae­di­cke ant­wor­te­te auf die Fra­ge nach den recht­li­chen Mög­lich­kei­ten, die hohen Medi­ka­men­ten- prei­se ein­zu­däm­men, dass fai­ren Preis­ver­hand­lun­gen eine wich­ti­ge Rol­le zukom­me. Wei­ter­hin spie­le nach Ab- lauf des Patent­schut­zes auch das Kar­tell­recht eine ent- schei­den­de Rol­le, das in die­sem Sek­tor aber bis­lang nicht

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sehr stark sei. Hier­zu ergänz­te Prof. Mer­tels­mann, dass „me too“-Präparate für 50.000 Euro, wie sie durch­aus vor­kä­men, nicht hin­nehm­bar sei­en. Dr. Imm­ler sag­te, soge­nann­te „rever­se pay­ments“, also Zah­lun­gen von Ori­gi­nal­her­stel­lern an Gene­ri­ka­her­stel­ler, um die­se von der Her­stel­lung eines Gene­ri­kums abzu­hal­ten, kämen heu­te kaum noch vor. Wei­ter­hin sei die Gesell­schaft auch ver­ant­wort­lich dafür, dass Krank­hei­ten im glo­ba­len Sü- den stär­ker erforscht wer­den. Frau Ber­ner-Rodo­re­da stimm­te dem zu und ergänz­te, dass ein „Public Health“- Ansatz in der For­schung eine zen­tra­le Rol­le einnehme.

IV. Abschluss­state­ments

Zum Schluss wur­den die Teil­neh­men­den gebe­ten, in einem kur­zen State­ment ein Fazit zu zie­hen und auf die Zukunft des Patent­sys­tems einzugehen.

Prof. Hae­di­cke führ­te aus, dass Paten­te rea­lis­tisch ein­zu­schät­zen sein soll­ten. Sie stell­ten nur ein Teil­aspekt des Markt­sys­tems dar. Dane­ben wür­de bei­spiels­wei­se das Kar­tell­recht eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Es sei nicht mög­lich, das Patent­sys­tem zu erset­zen. Dort, wo es aber nicht adäquat funk­tio­nie­re, wie z.B. bei der For­schung an ver­nach­läs­sig­ten Krank­hei­ten, müs­se ver­stärkt öf- fent­lich geforscht werden.

Auch Dr. Imm­ler ver­trat die Mei­nung, dass die Ab- schaf­fung des Patent­sys­tems nicht der rich­ti­ge Weg sei. Bei die­sen Fra­ge­stel­lun­gen sei es sehr wich­tig, alle Par-

tei­en ein­zu­be­zie­hen, einen offe­nen Dia­log zu füh­ren und krea­ti­ve Lösun­gen zu fin­den. Dazu zähl­ten neue Anreiz- mecha­nis­men für For­schung und Entwicklung.

Frau Ber­ner-Rodo­re­da hielt dage­gen, dass das Pa- tent­sys­tem nicht das rich­ti­ge Sys­tem sei. Viel­mehr brau- che es neue Lösun­gen, auch wenn auch hier noch nie- mand ein Patent­re­zept gefun­den habe. So habe sie auch am Health Impact Fund Kri­tik aus­zu­set­zen. Gene­rell sei aber wich­tig, dass Medi­ka­men­ten­prei­se nicht von den Unter­neh­men fest­ge­legt wer­den dürfen.

Die moder­nen Krebs­me­di­ka­men­te wären ohne Pa- ten­te nie erfun­den wor­den, mein­te Prof. Mer­tels­mann. Aber auch er sehe in ver­stärk­ter Koope­ra­ti­on den ent- schei­den­den Punkt. Rein öffent­li­che For­schung und Ent­wick­lung, wie etwa üblich in der DDR, sei­en nicht er- folg­reich. Gleich­zei­tig müs­se der Staat gegen über­höh­te Medi­ka­men­ten­prei­sen vor­ge­hen. Er zitier­te einen Arti- kel aus dem New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne, dem­zu­fol- ge frü­he­re Beden­ken über die phar­ma­ko­lo­gi­sche Toxi­zi- tät neu­er Medi­ka­men­te heu­te abge­löst sei­en – und zwar durch Beden­ken über ihre finan­zi­el­le Toxizität.

Max Brau­ner ist Medi­zin­stu­dent an der Cha­ri­té Ber­lin. Nora Lenn­artz ist Medi­zin­stu­den­tin an der Albert-Lud- wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg. Die Autoren Jonas Wie­schol- lek und Alex­an­dra Wür­gau stu­die­ren Rechts­wis­sen- schaft an der Albert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Freiburg.