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I. Ein­lei­tung

Am 1. März 2018 ist das Gesetz zur Anglei­chung des Urhe­ber­rechts an die aktu­el­len Erfor­der­nis­se der Wis- sen­s­ge­sell­schaft in Kraft getreten.1 Es ent­hält eine Rei­he neu­er oder jeden­falls modi­fi­zier­ter Schran­ken- bestim­mun­gen, mit denen gere­gelt wird, wel­che Nut- zungs­hand­lun­gen im Bereich Bil­dung und Wis­sen­schaft gesetz­lich gestat­tet sind, ohne dass es einer Zustim­mung des Urhe­bers bedarf. Hier­zu gehört auch die Schran­ken- rege­lung zuguns­ten des soge­nann­ten Text und Data Minings. Die­ser Begriff umschreibt einen mehr­stu­fi­gen Pro­zess, bei dem gro­ße Text- und Daten­men­gen in digi- taler Form gesam­melt, auf­be­rei­tet und auto­ma­ti­siert nach bestimm­ten Merk­ma­len durch­sucht und aus­ge­wer- tet werden.2 Tech­nisch erfor­dert dies (nicht zwin­gend aber in der Regel) einen Ver­viel­fäl­ti­gungs­vor­gang und damit die Vor­nah­me einer im Grund­satz aus­schließ­lich dem Urhe­ber zuge­wie­se­nen Hand­lung (§ 16 UrhG). Die Mono­po­li­sie­rung der für Zwe­cke des Text und Data Minings erfor­der­li­chen Nut­zungs­hand­lun­gen in der Hand des Urhe­bers erscheint aber auf­grund der erheb­li- chen Bedeu­tung für Wis­sen­schaft und For­schung nicht ange­mes­sen. Denn das Urhe­ber­recht dient nicht allein dem Schutz des Urhe­bers, son­dern soll einen ange­mes- senen Aus­gleich u.a. zwi­schen den Inter­es­sen von Urhe- bern und der All­ge­mein­heit her­bei­füh­ren. § 60d UrhG soll zu die­sem ange­mes­se­nen Aus­gleich führen.

Der hier vor­lie­gen­de Bei­trag stellt die Neu­re­ge­lung im Anschluss an eine kur­ze Ein­füh­rung in die tech­ni- schen Vor­gän­ge des Text und Data Minings und die Rechts­la­ge vor Ein­füh­rung des § 60d UrhG vor (II.), er- läu­tert sei­nen Anwen­dungs­be­reich sowie sein Ver­hält­nis zu ver­trag­li­chen Rege­lun­gen (III.), iden­ti­fi­ziert unge­lös- te Fra­gen (IV.) und gibt einen Aus­blick auf mög­li­che uni­ons­recht­li­che Lösun­gen (V.). Der Bei­trag schließt mit einer Zusam­men­fas­sung der Ergeb­nis­se (VI.).

  1. 1  Vgl. hier­zu ein­ge­hend: Ber­ger, GRUR 2017, 953.
  2. 2  BT-Drs. 18/12329, S. 40.
  3. 3  Spind­ler, GRUR 2016, 1112, 1114; Ernst in Hoe­ren/­Sie­ber/­Holz­na-gel, Hdb. Mul­ti­me­di­aR, 46. EL 2017, Teil 7.1. Rn. 51; Loe­wen­heim
    in Schricker/Loewenheim, § 23 Rn. 7; Back­haus in Gounala­kis, RechtshdB. Elec­tro­nic Busi­ness, 2003, § 23 Rn. 23; Spind­ler, GRUR 2016, 1112, 1113 f.

II. Tech­ni­scher Ablauf des Text und Data Minings

Das Ursprungs­ma­te­ri­al des Text- und Data Minings kann aus ver­schie­de­nen Quel­len stam­men, z.B. von aus Tex­ten ver­schie­de­ner Ver­la­ge. Z.T. wur­de die Aus­wer- tung die­ses Mate­ri­als mit­tels Text- und Data Minings in der Ver­gan­gen­heit von den Rech­te­inha­bern am Ursprungs­ma­te­ri­al expli­zit ver­bo­ten. Urhe­ber­recht­lich rele­vant sind v.a. die tech­nisch vor und nach dem eigent- lichen Aus­wer­tungs­vor­gang erfor­der­li­chen Hand­lun­gen. Denn tech­nisch erfor­dert das Text und Data Mining neben der urhe­ber­recht­lich rele­van­ten Ver­viel­fäl­ti­gung des Ursprungs­ma­te­ri­als (soge­nann­tes Extra­hie­ren: Schritt 1), die Über­füh­rung in ein maschi­nen­les­ba­res For­mat (Schritt 2), die Ana­ly­se des Daten­ma­te­ri­als und ihre Anrei­che­rung des Daten­ma­te­ri­als mit Meta-Infor- matio­nen (Schritt 3) sowie ggf. die anschlie­ßen­de Ver­öf- fent­li­chung des durch die Schrit­te 1 – 3 erstell­ten Kor­pus sowie eines Ana­ly­se­re­ports (Schritt 4).

Bis­lang war es zwar umstrit­ten, ob das Text- und Data Mining einer Erlaub­nis des Urhe­bers bedarf, denn die Ana­ly­se selbst als Kern des Text und Data Minings ist urhe­ber­recht­lich nicht rele­vant und auch die Über­füh- rung in ein maschi­nen­les­ba­res For­mat sowie die Anrei- che­rung mit Meta­da­ten ist kei­ne Bear­bei­tung i.S.d. 23 UrhG.3 Dies stellt § 23 S. 3 UrhG nun expli­zit klar.

Auch exis­tie­ren durch­aus For­men des Text und Data Minings, die ohne eine Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lung des Ursprungs­ma­te­ri­als aus­kom­men. Die Regel ist dies aller- dings nicht. Wer­den urhe­ber­recht­lich oder leis­tungs- schutz­recht­lich geschütz­te Tex­te (z.B. wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen) oder Daten­ban­ken bzw. Daten­bank­wer- ke4 zu Zwe­cken des Text- und Data Minings ver­viel­fäl- tigt, bedurf­te es hier­zu bis­lang der Erlaub­nis des Urhe- bers. Zwar exis­tier­te bereits vor Ein­füh­rung des § 60d UrhG eine Schran­ken­re­ge­lung für kurz­zei­ti­ge Zwi­schen- spei­che­run­gen (§ 44a UrhG) ohne eige­ne wirtschaftliche

4 Das euro­päi­sche Urhe­ber­recht kennt sowohl einen Schutz schöp- feri­scher Daten­ban­ken gem. § 4 UrhG, als auch einen Leis­tungs- schutz nicht schöp­fe­ri­scher Daten­ban­ken gem. § 87a UrhG.

Loui­sa Specht

Die neue Schran­ken­re­ge­lung für Text und Data Mi- ning und ihre Bedeu­tung für die Wissenschaft

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2018, ISSN 2197–9197

286 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2018), 285–290

Bedeu­tung. Die Spei­che­rung der Daten zu Zwe­cken des Text- und Data Minings erfolgt jedoch dau­er­haft und dürf­te dar­über hin­aus auch nicht uner­heb­li­che eige­ne wirt­schaft­li­che Bedeu­tung haben, was eine Anwend­bar- keit des § 44a UrhG ausschließt.5 Die Schran­ken­re­ge- lung der Pri­vat­ko­pie, § 53 UrhG, ist eben­falls im Kon­text des Text und Data Minings untaug­lich, da sie allein na- tür­li­che, nicht aber juris­ti­sche Per­so­nen pri­vi­le­giert. Das Zitat­recht, § 51 UrhG, kommt nicht in Betracht, da im Fal­le des Text- und Data Minings kei­ne Aus­ein­an­der­set- zung mit dem Werk statt­fin­det. Auch die Ent­nah­me von wesent­li­chen Tei­len geschütz­ter Daten­ban­ken bedurf­te vor Ein­füh­rung des § 60d UrhG der Erlaub­nis des Urhe- bers des Ana­ly­se­ma­te­ri­als, eben­so wie eine wie­der­hol­te und sys­te­ma­ti­sche Ent­nah­me unwe­sent­li­cher Tei­le einer Datenbank.

III. Die Neu­re­ge­lung des § 60d UrhG

§ 60d UrhG erlaubt es nun­mehr, zu Zwe­cken der auto- mati­sier­ten Aus­wer­tung einer Viel­zahl von Wer­ken die- se auch auto­ma­ti­siert und sys­te­ma­tisch zu ver­viel­fäl­ti- gen, um dar­aus ins­be­son­de­re durch Nor­ma­li­sie­rung, Struk­tu­rie­rung und Kate­go­ri­sie­rung ein aus­zu­wer­ten­des Kor­pus zu erstel­len, und das Kor­pus einem bestimmt abge­grenz­ten Kreis von Per­so­nen für die gemein­sa­me wis­sen­schaft­li­che For­schung sowie ein­zel­nen Drit­ten zur Über­prü­fung der Qua­li­tät wis­sen­schaft­li­cher For­schung öffent­lich zugäng­lich zu machen. Die Nut­zung ist aller- dings auf nicht-kom­mer­zi­el­le Zwe­cke begrenzt. Für schöp­fe­ri­sche Daten­bank­wer­ke gilt, dass eine Nut­zung nach die­ser Maß­ga­be zuläs­sig nach Maß­ga­be des § 55a UrhG (übli­che Benut­zung) ist und für nicht-schöp­fe­ri- sche Daten­ban­ken ent­hält § 60d Abs. 2 S. 2 UrhG die Vor­ga­be, dass jeden­falls die Nut­zung unwe­sent­li­cher Tei­le im dar­ge­stell­ten Umfang nach Maß­ga­be von §§ 87b Abs. 1 S. 2, 87e UrhG zuläs­sig ist.

Das Kor­pus und die Ver­viel­fäl­ti­gun­gen des Ur- sprungs­ma­te­ri­als sind nach Abschluss der For­schungs- arbei­ten aller­dings zu löschen, die öffent­li­che Zugäng- lich­ma­chung ist zu been­den. Zuläs­sig ist es allein, das Kor­pus und die Ver­viel­fäl­ti­gun­gen des Ursprungs­ma­te- rials den im § 60e (Biblio­the­ken) und §60f (Archi­ve, Muse­en und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen) genann­ten Insti­tu- tio­nen zur dau­er­haf­ten Auf­be­wah­rung zu über­mit­teln. Unab­hän­gig vom kon­kre­ten For­schungs­zweck ist eine

  1. 5  Spind­ler, GRUR 2016, 1113, 1115.
  2. 6  Raue, CR 2017, 656, 658.
  3. 7  BT-Drs. 18/12329, S. 41.
  4. 8  Raue, CR 2017, 656, 658.
  5. 9  BT-Drs. 18/12329, S. 41.
  6. 10  So zutref­fend: Raue, CR 2017, 656, 659.

Spei­che­rung nur nach Maß­ga­be des § 60c UrhG zuläs- sig.6 Nut­zungs­hand­lun­gen nach § 60d UrhG sind nach § 60h UrhG zu vergüten.

1. Erfass­te Werk­ar­ten und Nutzungshandlungen

Die Neu­re­ge­lung des § 60d UrhG gilt für alle Werkarten7 und umfasst im Wege des Erst-Recht-Schlus­ses auch die auto­ma­ti­sier­te Aus­wer­tung eines ein­zel­nen Wer­kes, z.B. eines Wer­kes der Literatur.8 Das Merk­mal „auto­ma­ti- siert“ bestimmt, dass die Inhal­te nicht nur manu­ell ver- arbei­tet wer­den dürfen.9 Die erlaub­nis­frei­en Hand­lun- gen sind abschlie­ßend auf­ge­zählt (Ver­viel­fäl­ti­gung des Ursprungs­ma­te­ri­als und öffent­li­che Zugäng­lich­ma- chung des Kor­pus). Auf die grund­sätz­lich nach § 63 Abs. 1 S. 1 UrhG erfor­der­li­che Quel­len­an­ge­be wird man in richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung ver­zich­ten kön­nen, weil sie unmög­lich i.S.d. Art. 5 Abs. 3 lit. a Info­Soc-Richt- linie ist.10 Ein ent­ge­gen­ste­hen­der Geset­zes­wort­laut ist mit der Argu­men­ta­ti­on des EuGH in der Rechts­sa­che Quel­le11 (ent­ge­gen­ste­hen­der Geset­zes­wort­laut nicht maß­geb­lich, wenn der Gesetz­ge­ber die euro­päi­sche Richt­li­nie ins­ge­samt richt­li­ni­en­kon­form umset­zen woll- te, denn hier­aus ergibt sich eine plan­wid­ri­ge Unvoll­stän- dig­keit des natio­na­len Geset­zes, die im Wege der teleo­lo- gischen Reduk­ti­on zu schlie­ßen ist) nicht maßgeblich.12 Auch die Digi­ta­li­sie­rung dem Nut­zer ana­log zugäng­li- cher Mate­ria­li­en ist von § 60d UrhG erfasst.13 Der Zugang zum betref­fen­den Werk wird aller­dings vor­aus- gesetzt und kann über § 60d UrhG nicht etwa begehrt werden.14 Die­ser Zugang des Nut­zers muss recht­mä­ßig erfol­gen, nicht aber ist es erheb­lich, ob das Werk mit oder ohne Zustim­mung des Rech­te­inha­bers zugäng­lich gemacht wur­de. Es kommt also auf die Recht­mä­ßig­keit des Zugangs, nicht auf die Recht­mä­ßig­keit der Zugäng- lich­ma­chung an.15 Tech­ni­sche Schutz­me­cha­nis­men dür- fen vom Nut­zer nicht umgan­gen wer­den, um sei­ne Befug­nis­se nach § 60d UrhG aus­zu­üben, der Nut­zer kann allen­falls und im Rah­men online zugäng­li­cher Inhal­te durch § 95b Abs. 3 UrhG wesent­lich begrenzt, vom Rechts­in­ha­ber ver­lan­gen, dass die­ser ihm Mit­tel zur Ver­fü­gung stellt, um sei­ne Befug­nis­se nach § 60d UrhG aus­zu­üben. Die­ses Miss­ver­hält­nis zwi­schen tech­ni­schen Befug­nis­sen des Rech­te­inha­bers und den Schran­ken­be- fug­nis­sen des Nut­zers (Vor­rang tech­ni­scher Schran­ken- bestim­mun­gen) kann auf­grund der Vor­ga­be des Art. 6 Info­Soc-Richt­li­nie allein der euro­päi­sche Gesetzgeber

11 EuGH NJW 2008, 1433, ECLI:EU:C:2008:231.
12 EuZW 2008, 310; vgl. auch: BGH NJW 2006, 3200 – Quel­le AG;

BGH NJW 2009, 427 – Quel­le II.
13 Raue, CR 2017, 656, 657.
14 BT-Drs. 18/12329, S. 41.
15 So zutref­fend: Raue, CR 2017, 656, 658.

Specht · Neue Schran­ken­re­ge­lung für Text und Data Mining 2 8 7

kor­ri­gie­ren.
Die öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung der Ergebnisse

für einen unbe­stimm­ten Per­so­nen­kreis ist von § 60d UrhG expli­zit nicht erfasst. Ob es sich bei einer sol­chen öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung um eine urhe­ber­recht- lich rele­van­te Hand­lung han­delt, hängt davon ab, ob das öffent­lich zugäng­lich gemach­te Mate­ri­al schutz­fä­hi­ge Bestand­tei­le des ana­ly­sier­ten Mate­ri­als beinhal­ten. Wird der Kor­pus selbst ver­öf­fent­licht, wird dies der Fall sein, wird ledig­lich ein Ana­ly­se­re­port ver­öf­fent­licht, sind die Ein­zel­fall­um­stän­de ent­schei­dend. Ins­be­son­de­re bei Schrift­wer­ken ist zu beach­ten, dass bereits die öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung von elf Wor­ten aus­rei­chen kann, um eine Rechts­ver­let­zung zu begründen.16

2. Reich­wei­te der Zweckbestimmung

§ 60d UrhG wirft vor allem zwei Fra­gen auf: Ers­tens, wann wird das Text- und Data Mining zu einem kom­mer- ziel­len Zweck vor­ge­nom­men, sodass § 60d UrhG nicht ein- greift und die für das Text und Data Mining erfor­der­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gungs­hand­lun­gen daher grund­sätz­lich der Zus- tim­mung des Urhe­bers bedür­fen? Und zwei­tens, kann § 60d UrhG durch ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung abbe­dun­gen werden?

§ 60d UrhG unter­liegt den Vor­ga­ben der Info­Soc- Richtlinie.17 Nach Art. 5 Abs. 1 lit. a Info­Soc-Richt­li­nie darf der natio­na­le Gesetz­ge­ber Schran­ken­be­stim­mun- gen allein für nicht-kom­mer­zi­el­le Zwe­cke der wis­sen- schaft­li­chen For­schung vor­se­hen. Das der Info­Soc- Richt­li­nie zugrun­de­lie­gen­de Ver­ständ­nis wis­sen­schaft­li- cher For­schung einer­seits sowie des nicht-kom­mer­ziel- len Zwecks ande­rer­seits ist bei uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung auch der natio­na­len Rege­lung imma­nent. Art. 13 GrCh defi­niert For­schung als jede metho­di­sche und sys­te­ma­ti­sche Tätig­keit mit dem Ziel, in nach­prüf- barer Wei­se Erkennt­nis­se zu gewin­nen. Die pri­va­te For- schung ist dabei eben­so umfasst, wie die For­schung für Qua­li­fi­ka­ti­ons­tä­tig­kei­ten, z.B. Pro­mo­ti­ons- oder Semi- nararbeiten.18

Kom­mer­zi­ell ist eine For­schung nicht bereits dann, wenn die For­schungs­in­sti­tu­ti­on von Pri­va­ten finan­ziert wird, auch pri­vat finan­zier­te Dritt­mit­tel­for­schung kann daher einen nicht-kom­mer­zi­el­len Zweck verfolgen.19 Auch der Umstand, dass der Autor eine Ver­gü­tung für sei­ne Tätig­keit erhält, begrün­det allein noch keinen

  1. 16  Urt. v. 16. 7. 2009 — C‑5/08, EuZW 2009, 655.
  2. 17  RL 2001/29/EG.
  3. 18  Beck­OK Urhe­ber­recht, Ahl­ber­g/­Göt­ting-Hage­mei­er, 20. Edi-tion, Stand: 20.04.2018, § 60d Rn. 9; Raue, CR 2017, 656, 657m.w.Nachw.
  4. 19  Erw­Gr 42 Info­Soc-Richt­li­nie, BT-Drs. 18/12329, S. 39; Raue, CR2017, 656, 657.
  5. 20  Raue, CR 2017, 656, 657; BT-Drs. 18/12329, S. 39.

kom­mer­zi­el­len Zweck.20 For­schung, die ein Unter­neh- men betreibt, um Waren oder Dienst­leis­tun­gen zu ent- wickeln und die­se dann zu ver­mark­ten, dient aller­dings kom­mer­zi­el­len Zwecken.21 Die For­schung selbst muss inso­fern nicht-gewinn­ori­en­tiert erfolgen.22

3. Ver­hält­nis zu ver­trag­li­chen Regelungen

Das Ver­hält­nis von gesetz­li­chen Schran­ken­re­ge­lun­gen und Ver­trag ist seit jeher umstrit­ten. Erfasst das jewei­li- ge Aus­schließ­lich­keits­recht in sei­nem Schutz­be­reich zunächst grund­sätz­lich auch den von der Schran­ken­be- stim­mung abge­deck­ten Bereich, so kann der Recht­sin- haber vor­be­halt­lich anders­lau­ten­der gesetz­li­cher Rege- lun­gen im Grund­satz auch mit ding­li­cher Wir­kung über die­sen Bereich dis­po­nie­ren, die Schran­ken­re­ge­lun­gen also abbe­din­gen und ein­schrän­ken. Wird die Schran- ken­re­ge­lung indes so ver­stan­den, dass sie das Aus­schließ- lich­keits­recht beschränkt, ist dem Rechts­in­ha­ber eine Dis- posi­ti­on über den Bereich der Schran­ken­re­ge­lung jeden- falls mit ding­li­cher Wir­kung entzogen.23 Dar­an an schließt sich die Fra­ge der Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis über den Ver­gü- tungs­an­spruch für erlaub­nis­freie Nut­zun­gen nach § 60h UrhG. Auch über ihn kann der Rechts­in­ha­ber nur dis­po- nie­ren, wenn der Bereich der Schran­ken­re­ge­lung vom Aus- schließ­lich­keits­recht mit­um­fasst ist.

Art. 5 Abs. 2 und 3 Info­Soc-Richt­li­nie nennt für die Aus­ge­stal­tung des Ver­hält­nis­ses von Schran­ken­be­stim- mun­gen und Ver­trag die Mög­lich­keit, die Schran­ken­be- stim­mun­gen als Aus­nah­me zum Aus­schließ­lich­keits- recht aus­zu­ge­stal­ten, oder aber als Beschränkung.24 Der natio­na­le Gesetz­ge­ber kann also ent­schei­den, im mate­ri- ellen Gel­tungs­be­reich einer Schran­ken­be­stim­mung jede Befug­nis der Rechts­in­ha­ber zur Geneh­mi­gung der Ver- viel­fäl­ti­gung ihrer Wer­ke oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen- stän­de aus­zu­schlie­ßen. In die­sem Fall bestimmt die Schran­ken­be­stim­mung die Reich­wei­te des Aus­schließ- lich­keits­rechts („Aus­nah­me“). Zwei­tens kann er regeln, dass die Befug­nis der Rechts­in­ha­ber, die jewei­li­ge Nut- zungs­hand­lung zu geneh­mi­gen, nicht völ­lig aus­ge­schlos- sen, son­dern ledig­lich beschränkt ist. In die­sem Fall muss der Gesetz­ge­ber ent­schei­den, ob das Aus­schließ- lich­keits­recht dabei auf­recht erhal­ten bleibt oder durch die Schran­ken­re­ge­lung in sei­ner Reich­wei­te begrenzt wird.25 Der deut­sche Gesetz­ge­ber woll­te zunächst von letztbenanntemModellGebrauchmachen,hatsichdann

21 BT-Drs. 18/12329, S. 39.
22 Beck­OK Urhe­ber­recht, Ahl­ber­g/­Göt­ting-Hage­mei­er, 20. Edition,

Stand: 20.04.2018, § 60d Rn. 8.
23 Dazu aus­führ­lich: Specht, Dik­tat der Tech­nik, im Erschei­nen.
24 EuGH ECLI:EU:C:2003:294, GRUR 2013, 812 Tz. 37 ff. – Drucker

und Plot­ter II.
25 EuGH ECLI:EU:C:2003:294, GRUR 2013, 812 Tz. 37 ff. – Drucker

und Plot­ter II.

288 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2018), 285–290

aber unter teils mas­si­ver Kri­tik der Ver­la­ge dafür ent- schie­den, das Aus­schließ­lich­keits­recht auf­recht zu erhal- ten und die Befug­nis­se des Rechts­in­ha­bers ledig­lich zu beschränken.26 § 60g UrhG bestimmt dann zwar, dass sich der Rechts­in­ha­ber auf Ver­ein­ba­run­gen, die erlaub­te Nut­zun­gen nach den §§ 60a bis 60f UrhG zum Nach­teil der Nut­zungs­be­rech­tig­ten beschrän­ken oder unter­sa- gen, nicht beru­fen kann (dies aller­dings allein für Ver- trä­ge, die ab dem 01.03.2018 geschlos­sen wur­den, § 137o UrhG). Der Unter­schied zwi­schen dem zunächst vor­ge- sehe­nen und dem dann gewähl­ten Modell liegt aber da- rin, dass die Ver­gü­tungs­an­sprü­che auch für sol­che Nut- zun­gen, die gesetz­lich gestat­tet sind, der Höhe nach von den Ver­trags­par­tei­en fest­ge­legt und an den Ver­trags- part­ner (und nicht an die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft) aus- geschüt­tet wer­den, sofern der Ver­trag dies vorsieht.27

Öko­no­misch betrach­tet, ist die Grund­aus­rich­tung des gewähl­ten Modells falsch. Bedenkt man, dass das Urhe­ber­recht einen Inter­es­sen­aus­gleich v.a. zwi­schen den Rech­te­inha­bern und der All­ge­mein­heit vor­nimmt und inso­fern – auf öko­no­mi­schen Modell­an­nah­men be- ruhend – exakt so zuge­schnit­ten ist, dass es weder zu ei- ner Unter- noch einer Über­nut­zung des geschütz­ten Wer­kes führt, geht jede Ver­schie­bung im Sin­ne einer ver­trag­li­chen Erwei­te­rung der Mono­pol­stel­lung des Rechts­in­ha­bers zulas­ten der Nach­ah­mungs­frei­heit und bedeu­tet daher einen unge­recht­fer­tig­ten Wohl­fahrts­ver- lust.28 Vor die­sem Hin­ter­grund kann es allein über­zei- gen, das Urhe­ber­recht als Insel von Exklu­si­vi­tät in einem Meer von Frei­heit zu erachten,29 die Schran­ken­re­ge­lun- gen als Rechts­tech­nik zur Bestim­mung sei­nes Inhalts und sei­ner Grenzen.30 Der Rege­lungs­be­reich der Schran- ken­be­stim­mun­gen und damit auch der Ver­gü­tungs­an- spruch für erlaub­nis­freie Nut­zun­gen muss inso­fern (bei Erman­ge­lung einer expli­zit gegen­tei­li­gen gesetzlichen

  1. 26  Vgl. hier­zu auch: De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 563; Hoe­ren, IWRZ 2018, 120, 124.
  2. 27  De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 563 ff.
  3. 28  Schäfer/Ott, Lehr­buch der öko­no­mi­schen Ana­ly­se des Zivilrechts,2005, S. 618.
  4. 29  Voor­hoof, Free­dom of Expres­si­on, Par­o­dy, Copy­right andTrade­marks, in: Ginsburg/Besek, Adjuncts and Alter­na­ti­ves to Copy­right, Pro­cee­dings of the ALAI Con­gress 2001, 2002, S. 636, 639: „Copy­right and trade­mark pro­tec­tions are the mono­po­ly islands in the oce­an of free­dom.“; Gei­ger, GRUR Int. 2004, 815; 818 ff.; ders., GRUR Int. 2008, 459, 461; Gei­ger, Die Schran­ken des Urhe­ber­rechts im Lich­te der Grund­rech­te Zur Rechts­na­tur der Beschrän­kun­gen des Urhe­ber­rechts, in: Hilty/Peukert, Inter­es­sen- aus­gleich im Urhe­ber­recht, 2004, S. 143, 150; Drei­er, GRUR Int. 2015, 648, 656; hier­zu aus­führ­lich: Specht, Dik­tat der Tech­nik, im Erscheinen.
  5. 30  So auch: Drei­er, GRUR Int. 2015, 648, 656; Gei­ger, GRUR Int. 2004, 815; 818 ff.; ders. GRUR Int. 2008, 459, 461; Gei­ger, Die Schran­ken des Urhe­ber­rechts im Lich­te der Grund­rech­te , Zur Rechts­na­tur der Beschrän­kun­gen des Urhe­ber­rechts, in: Hilty/

Rege­lung, die die Schran­ken­re­ge­lung abding­bar aus­ge- stal­tet) von vorn­her­ein vom Schutz­be­reich des Aus- schließ­lich­keits­rechts exklu­diert sein.31 Dog­ma­tisch wäre es frei­lich den­noch mög­lich, eine Schran­ken­re­ge- lung ver­gü­tungs­pflich­tig aus­zu­ge­stal­ten und die Ver­gü- tung für die­se eigent­lich frei­ge­stell­te Nut­zung durch ent- spre­chen­de gesetz­li­che Rege­lung zur Dis­po­si­ti­on der Ver­trags­par­tei­en zu stel­len. Der Effekt wäre der­sel­be, rechts­tech­nisch aber wür­de dies eine sehr viel sau­be­re­re Lösung bedeuten.

IV. Unge­lös­te Fra­gen und Aus­blick auf uni­ons­recht­li- che Lösungen

Wird die kom­mer­zi­el­le For­schung vom Anwen­dungs­be- reich des § 60d UrhG nicht erfasst, droht das Poten­ti­al des Text- und Data Minings in die­sem Bereich nicht abge­ru­fen wer­den zu können.32 Die vor­erst auf euro­päi- scher Ebe­ne geschei­ter­te Richt­li­nie für den digi­ta­len Bin­nen­markt woll­te daher zumin­dest auch sol­che Nut- zun­gen im Rah­men des Text- und Data Minings ges­tat- ten, die For­schungs­ein­rich­tun­gen in Part­ner­schaft mit der Pri­vat­wirt­schaft vornehmen.33

Nicht uni­ons­recht­lich erfor­der­lich ist die Ver­gü- tungs­pflicht nach § 60h UrhG. Der vor­erst geschei­ter­te Richt­li­ni­en­vor­schlag sah daher auch kei­ne sol­che Ver­gü- tung vor.34 Die Hand­lun­gen des Text- und Data Minings sind einer­seits zwar schwer auf­zu­de­cken, sie ver­ur­sa- chen ande­rer­seits aber auch kei­ne erheb­li­che Beein- träch­ti­gung des Rechts­in­ha­bers, weil sie den Zugang zum Werk bereits vor­aus­set­zen und die­sen nicht erst konstituieren.35 Auf euro­päi­scher Ebe­ne soll­te daher ins- beson­de­re auch wei­ter­hin auf eine Ver­gü­tungs­frei­heit hin­ge­wirkt werden.36

Peu­kert, Inter­es­sen­aus­gleich im Urhe­ber­recht, 2004, S. 143, 150; Hugen­holtz, Fier­ce Crea­tures, Copy­right Exemp­ti­ons: Towards Extinc­tion?, in: IFLA/Imprimatur, Rights, Limi­ta­ti­ons and Excep­ti­ons: Striking a Pro­per Balan­ce, 1997, S. 4.; ders., Adap­ting Copy­right to the Infor­ma­ti­on Super­high­way, in: Hugen­holtz, The Future of Copy­right in a Digi­tal Envi­ron­ment, 1996, S. 81, 93.: „Copy­right exemp­ti­ons are not, necessa­ri­ly, exemp­ti­ons.“; vgl. hier­zu aus­führ­lich: Specht, Dik­tat der Tech­nik, im Erscheinen.

31 Hier­zu aus­führ­lich: Specht, Dik­tat der Tech­nik, im Erschei­nen; Aus­führ­lich hier­zu eben­falls: Stie­per, Schran­ken des Urhe­ber- rechts.

32 Schack, ZUM 2017, 802, 806; Spind­ler, GRUR 2016, 1112, 1118; Raue, GRUR 2017, 11, 15.

33 De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 562.
34 De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 562.
35 Raue, CR 2017, 656, 656; De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 562;

De la Duran­taye, All­ge­mei­ne Bil­dungs- und Wissenschaftsschran-

ke, 2014, 8; Schack, ZUM 2016, 266; Erw­Gr 13 EU DS-GVO.
36 Erw­Gr 13 EU DS-GVO; De la Duran­taye, GRUR 2017, 558, 562;

Schack, ZUM 2016, 266; Spind­ler, GRUR 2016, 1112, 1119.

Specht · Neue Schran­ken­re­ge­lung für Text und Data Mining 2 8 9

Im Gegen­satz zum Urhe­ber­recht hält das Daten- schutz­recht für das Text- und Data Mining kei­ne expli­zi- te Rege­lung vor. Kommt es zur Ana­ly­se per­so­nen­be­zo­ge- ner Daten mit den dar­ge­stell­ten Nut­zungs­hand­lun­gen (Ver­viel­fäl­ti­gung, öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung etc.) rich­tet sich die Recht­mä­ßig­keit die­ser Daten­ver­ar­bei- tungs­vor­gän­ge viel­mehr nach einer Inter­es­sen­ab­wä­gung im Ein­zel­fall, Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Die hier­durch ent­ste­hen­de Rechts­un­si­cher­heit dürf­te erheb­lich wie- gen.37 Die lang­fris­ti­ge Auf­be­wah­rung von Kor­pus und Ver­viel­fäl­ti­gun­gen des Ursprungs­ma­te­ri­als dürf­te daten- schutz­recht­lich nur schwer­lich mit dem Grund­satz der Spei­cher­be­gren­zung ver­ein­bar sein.

VI. Fazit

Die Schran­ken­be­stim­mung des Text- und Data Minings ist ins­ge­samt eine begrü­ßens­wer­te Neu­re­ge­lung für die wis­sen­schaft­li­che For­schung, auf die sich zwar nur beru- fen kann, wer nicht-kom­mer­zi­el­le Zwe­cke ver­folgt. In Anbe­tracht der Vor­ga­ben der Info­Soc-Richt­li­nie38 kann

der natio­na­le Gesetz­ge­ber die kom­mer­zi­el­len Zwe­cke aber kei­ner erwei­ter­ten Schran­ken­re­ge­lung für das Text- und Data Mining zuführen.

Auch die Ver­gü­tungs­pflicht für das Text und Data Mining ist kri­tisch zu betrach­ten und die Aus­ge­stal­tung des § 60d UrhG als Beschrän­kung des und nicht als Aus- nah­me vom Aus­schließ­lich­keits­recht ist öko­no­misch und rechts­tech­nisch frag­lich. Dies darf aber den Blick dar­auf nicht ver­stel­len, dass § 60d UrhG in einem tech- nisch nicht leicht zu fas­sen­den Umfeld in vie­ler­lei Hin- sicht Rechts­klar­heit mit sich bringt und inhalt­lich einen durch­aus ange­mes­se­nen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen den betei­lig­ten Akteu­ren her­bei­führt. Das Daten­schutz- recht soll­te hier gleichziehen.

Die Ver­fas­se­rin ist Inha­be­rin des Lehr­stuhls für Bür­ger- liches Recht, Infor­ma­ti­ons- und Daten­recht an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn und Direk­to­rin des Insti­tuts für Han­dels- und Wirt­schafts- recht.

37 Specht, GRUR Int. 2017, 1040, 1046.

38 RL 2001/29/EG.

290 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2018), 285–290