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I. Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung in den ein­schlä­gi­gen Regel­wer­ken

  1. Kodex der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft
    Am 1. 8. 2019 ist der neue Kodex „Leit­li­ni­en zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis“ der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) in Kraft getreten.1 Die Leit­li­nie 19 betrifft das Ver­fah­ren in Ver­dachts­fäl­len wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens. Danach erwar­tet die DFG von Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen For­schungs­ein­rich­tun­gen, dass sie Ver­fah­ren zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­ten eta­blie­ren und auf Basis einer hin­rei­chen­den Rechts­grund­la­ge ent­spre­chen­de Regel­wer­ke erlas­sen. Die zu eta­blie­ren­den Regel­wer­ke sol­len ins­be­son­de­re Defi­ni­tio­nen von Tat­be­stän­den wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens, Ver­fah­rens­vor­schrif­ten und Maß­nah­men bei Fest­stel­lung eines wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens umfas­sen.
    In den Erläu­te­run­gen zur Leit­li­nie 19 stellt die DFG fest, dass nicht jeder Ver­stoß gegen die Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis ein wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten dar­stellt. Als wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten kom­men danach „nur sol­che vor­sätz­li­chen oder grob fahr­läs­si­gen Ver­stö­ße in Betracht, die in einem Regel­werk nie­der­ge­legt sind“. Als Tat­be­stän­de wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens gäl­ten ins­be­son­de­re die Erfin­dung und Ver­fäl­schung von Daten und das Pla­gi­at. Nach den Erläu­te­run­gen haben die Regel­wer­ke ver­schie­de­ne Maß­nah­men auf­zu­zei­gen, die in Abhän­gig­keit vom Schwe­re­grad des nach­ge­wie­se­nen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens anzu­wen­den sind.
    Für sich selbst hat die DFG den Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten in einer eige­nen Ver­fah­rens­ord­nung geregelt.2 Die Ord­nung beschreibt in einem aus­führ­li­chen Katalog3 die mög­li­chen Fäl­le vor­sätz­li­chen
    und grob fahr­läs­si­gen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens, regelt das Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung von Ver­stö­ßen und legt die Maß­nah­men fest, wel­che der Haupt­aus­schuss bei fest­ge­stell­tem Fehl­ver­hal­ten beschließt. Die­se Maß­nah­men rei­chen je nach Art und Schwe­re des Ver­sto­ßes von einer schrift­li­chen Rüge über den zeit­wei­sen Aus­schluss von der Antrags­be­rech­ti­gung und die Rück­nah­me von För­der­ent­schei­dun­gen bis hin zur Auf­for­de­rung, die inkri­mi­nier­te Ver­öf­fent­li­chung zurück­zu­zie­hen oder fal­sche Daten zu berich­ti­gen. Auch kann die Nichtin­an­spruch­nah­me als Gut­ach­ter, der Aus­schluss aus Gre­mi­en der DFG und die Aberken­nung des Wahl­rechts für die Gre­mi­en der DFG beschlos­sen wer­den.
  2. Ord­nun­gen der Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen For­schungs­ein­rich­tun­gen
    a. Hoch­schu­len
    Auch die Hoch­schu­len gren­zen das wis­sen­schaft­li­che Fehl­ver­hal­ten auf vor­sätz­li­ches und grob fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten ein. So bestimmt etwa § 9 der Grund­sät­ze der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis, dass wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten vor­liegt, wenn in einem wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­hang die erfor­der­li­che Sorg­falt vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig ver­letzt wird, indem z.B. Falsch­an­ga­ben gemacht wer­den, geis­ti­ges Eigen­tum ande­rer ver­letzt oder die For­schungs­tä­tig­keit ande­rer beein­träch­tigt wird.4 Die­sel­be For­mu­lie­rung ver­wen­den auch § 4 der Richt­li­ni­en der Ludwig-Maximilians-Universität München zur Selbst­kon­trol­le in der Wissenschaft5 und § 1 der Sat­zung der Universität Hei­del­berg zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und zum Umgang mit Fehl­ver­hal­ten in der Wissenschaft.6
    Man­fred Löwisch/Jonathan Tim Jocher
    Die sub­jek­ti­ve Sei­te wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens
    1 Zu ihm Riescher/Haas, Ver­bind­lich und kom­pakt. Der neue DFG-Kodex „Leit­li­ni­en zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis“, OdW 2020, 33ff.
    2 Ver­fah­rens­ord­nung zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten vom 26. 10. 2001, geän­dert durch Beschlüs­se des Haupt­aus­schus­ses vom 5. 7. 2011, 30. 6. 2015, 3. 7. 2018 und 2. 7. 2019.
    3 Zu die­sem unten unter III 1.
    4 Grund­sät­ze der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und Ver­fah­rens­re­geln für den Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten vom 10. 2. 1999 mit Aktua­li­sie­run­gen vom 10. 9. 2008, 12. 10. 2011 und vom 18. 10. 2017, her­aus­ge­ge­ben vom Prä­si­den­ten der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver.
    5 https://www.uni-muenchen.de/einrichtungen/orga_lmu/beauftragte/selbstkontrolle/Wiss-Fehlverhalten-r00.pdf.
    6 https://backend-484.uni-heidelberg.de/sites/default/files/2019–01/sicherung_guter_wissenschaftlicher_praxis.pdf.
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
    1 7 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 1 6 9 — 1 7 6
    7 Ord­nung der Albert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg zur Siche­rung
    der Red­lich­keit in der Wis­sen­schaft vom 10. 6. 2011 (Amtl.
    Bekannt­ma­chun­gen Jg 42, S. 395) in der Fas­sung der zwei­ten
    Ände­rungs­sat­zung vom 20. 11. 2014 (Amtl. Bekannt­ma­chun­gen
    Jg 45, S. 653).
    8 Die Ord­nung der Uni­ver­si­tät Frei­burg nimmt auf den Kata­log von
    Fehl­ver­hal­tens­wei­sen der Ver­fah­rens­ord­nung der Max-Planck-Gesell­schaft
    Bezug, der die­se Ein­gren­zung aus­drück­lich vor­nimmt.
    Dazu sogleich unter b.
    9 Anla­ge 1 der Ver­fah­rens­ord­nung bei Ver­dacht auf wis­sen­schaft­li­ches
    Fehl­ver­hal­ten der Max-Planck-Gesell­schaft vom 14. 11. 1997,
    geän­dert am 24. 11. 2000.
    10 Sat­zung zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis am Karls­ru­her
    Insti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) vom 23. 5. 2018, Amt­li­che
    Bekannt­ma­chung Nr. 32/2018 S. 160.
    11 Nr. 5 der Fraun­ho­fer Poli­cy zur Umset­zung wis­sen­schaft­li­cher
    Inte­gri­tät, Ver­si­on 1.0, Novem­ber 2016.
    12 https://www.helmholtz-muenchen.de/fileadmin/HZM-Corporate-
    Website/Bilder/HZM/Forschung/pdf/Regeln_zur_Sicherung_
    guter_wissenschaftlicher_Praxis_06-10–2015.pdf.
    13 RGBl I S. 985. Das Gesetz wur­de auf­gebo­ben am 23.11.2007,
    Bun­des­ge­setz­blatt Jahr­gang 2007 Teil 1 Nr. 59, Arti­kel 9, der § 6
    des genann­ten Geset­zes ändert, wonach das Gesetz nach § 6 Abs.
    2 als Bun­des­recht auf­ge­ho­ben wird. Den Län­dern obliegt es nach
    § 6 Abs. 1 abwei­chen­de Rege­lun­gen zu tref­fen.
    14 VG Düs­sel­dorf, Urt. v. 20. 3. 2014, 15 K 2271/13, juris, unter c zu
    § 20 Satz 2 der Pro­mo­ti­ons­ord­nung der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät
    der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf, der sinn­ge­mäß in glei­cher Wei­se auf
    das Vor­lie­gen einer Täu­schung abstellt.
    Auch soweit die Regel­wer­ke der Hoch­schu­len, wie
    etwa das der Uni­ver­si­tät Freiburg7, kei­ne aus­drück­li­che
    Ein­gren­zung auf vor­sätz­li­ches oder grob fahr­läs­si­ges
    Ver­hal­ten ent­hal­ten, müs­sen sie doch im Sin­ne einer sol­chen
    Ein­gren­zung ver­stan­den wer­den. Dass die­se Hoch­schu­len
    einen von den Grund­sät­zen der DFG abwei­chen­den
    Son­der­weg beschrei­ten wol­len, liegt fern. Dies
    gilt jeden­falls dann, wenn sie sich, wie das auf die Rege­lung
    der Uni­ver­si­tät Frei­burg zutrifft, für die Defi­ni­ti­on
    des wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens auf Rege­lun­gen
    bezie­hen, wel­che die­se Ein­gren­zung enthalten.8
    b. For­schungs­ein­rich­tun­gen
    Die Max-Planck-Gesell­schaft hat in einer Anla­ge zu
    ihrer Ver­fah­rens­ord­nung bei Ver­dacht auf wis­sen­schaft­li­ches
    Fehl­ver­hal­ten einen Kata­log von Ver­hal­tens­wei­sen
    auf­ge­stellt, die als wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten anzu­se­hen
    sind. Die­sem Kata­log vor­ge­schal­tet ist eine Defi­ni­ti­on:
    Wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten liegt danach
    vor, „wenn in einem wis­sen­schafts­er­heb­li­chen Zusam­men­hang
    bewusst oder grob fahr­läs­sig Falsch­an­ga­ben
    gemacht wer­den, geis­ti­ges Eigen­tum ande­rer ver­letzt
    oder sonst wie deren For­schungs­tä­tig­keit beein­träch­tigt
    wird.“9
    Auch nach § 7 der Sat­zung zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher
    Pra­xis des Karls­ru­her Insti­tuts für Tech­no­lo­gie
    (KIT)10 liegt wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten
    vor, wenn in einem wis­sen­schafts­er­heb­li­chen Zusam­men­hang
    bewusst oder grob fahr­läs­sig Falsch­an­ga­ben
    gemacht wer­den, geis­ti­ges Eigen­tum ande­rer ver­letzt
    oder die For­schungs­tä­tig­keit ande­rer auf ande­re Wei­se
    beein­träch­tigt wird.
    Die Fraun­ho­fer-Gesell­schaft erklärt in ihren Regeln
    zum Umgang bei wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten, ein
    sol­ches lie­ge z.B. vor, wenn wäh­rend des wis­sen­schaft­li­chen
    Arbei­tens bewusst oder grob fahr­läs­sig Falsch­an­ga­ben
    gemacht wer­den, sach­lich nicht gerecht­fer­tig­te Ein­fluss­nah­men
    von außen zu Ände­run­gen von Ergeb­nis­sen
    füh­ren, geis­ti­ges Eigen­tum ande­rer ver­letzt oder die
    For­schungs­tä­tig­keit ander­weit beein­träch­tigt wird.11
    Die Regeln zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher
    Pra­xis der Helm­holtz-Zen­tren defi­nie­ren in Punkt 9 wis­sen­schaft­li­ches
    Fehl­ver­hal­ten. Auch hier wird Bezug auf
    Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit genommen.12
  3. Son­der­be­reich Pro­mo­ti­ons­ord­nun­gen
    Die Stan­dards guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis gel­ten für
    die Arbeit an einer Dis­ser­ta­ti­on in glei­cher Wese wie für
    jede wis­sen­schaft­li­che Arbeit. Vor­sätz­li­che oder grob
    fahr­läs­si­ge Ver­stö­ße bei einer sol­chen Arbeit stel­len des­halb
    ein wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten dar, das den­sel­ben
    Sank­tio­nen unter­liegt wie jedes ande­re wis­sen­schaft­li­che
    Fehl­ver­hal­ten.
    Hier­von zu unter­schei­den ist als Fol­ge wis­sen­schaft­li­chen
    Fehl­ver­hal­tens die Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des,
    der mit Hil­fe wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens erwor­ben
    wor­den ist. Dies betrifft die Fra­ge nach Maß­nah­men
    und Fol­gen des wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens. Die
    Bun­des­län­der unter­schei­den sich hier: Eine Rei­he von
    ihnen wen­det in der Sache nach wie vor § 4 Abs. 1 Satz 1
    lit.a Fall 1 des inzwi­schen auf­ge­ho­be­nen Geset­zes über
    die Füh­rung aka­de­mi­scher Gra­de vom 7. 6. 193913 an. Danach
    ist der Dok­tor­grad dann zu ent­zie­hen, „wenn sich
    nach­träg­lich her­aus­stellt, dass er durch Täu­schung erwor­ben“
    wor­den ist. Zum Tat­be­stand der Täu­schung gehört
    hier wie sonst auch ein Täu­schungs­vor­satz: Dem
    Täu­schen­den muss bewusst sein dass er bei dem Getäusch­ten
    einen Irr­tum her­vor­ruft, oder er muss jeden­falls
    bil­li­gend in Kauf neh­men, dass das geschieht.14
    Löwisch/Jocher · Die sub­jek­ti­ve Sei­te wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens 1 7 1
    15 VGH BW, Urt. v. 19. 4. 2000, 9 S 2435/99, juris.
    16 Dem Fol­gen­den ist der Kata­log der Ver­fah­rens­ord­nung zum
    Umgang mit wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­ten der DFG zugrun­de
    gelegt. Die Kata­lo­ge der Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen
    For­schungs­ein­rich­tun­gen stim­men damit im Wesent­li­chen über­ein.
    Fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten, selbst wenn es grob ist, genügt
    nach die­ser Rege­lung nicht.
    Ande­re Bun­des­län­der, so etwa Baden-Würt­tem­berg
    in § 36 Abs. 7 LHG ver­wei­sen für den Ent­zug des Dok­tor­gra­des
    auf die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die
    Rück­nah­me rechts­wid­ri­ger Ver­wal­tungs­ak­te und ergän­zen
    die­sen Ver­weis durch das Erfor­der­nis, dass der Inha­ber
    gra­vie­rend gegen die aner­kann­ten Grund­sät­ze guter
    wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und Red­lich­keit ver­sto­ßen hat.
    Täu­schungs­vor­satz ist damit an sich nicht vor­aus­ge­setzt.
    Aller­dings folgt aus der all­ge­mei­nen Vor­schrift des § 48
    Abs. 4 Satz 2 iVm Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 LVwVfG, dass nach
    Ablauf eines Jah­res seit Kennt­nis­nah­me der zustän­di­gen
    Stel­le der Uni­ver­si­tät von den die Rechts­wid­rig­keit begrün­den­den
    Umstän­den der Ent­zug nur mehr mög­lich
    ist, wenn der Dok­tor­grad durch arg­lis­ti­ge Täu­schung,
    Dro­hung oder Bestechung erlangt wor­den ist.15
    II. Wah­rung der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5
    Abs. 3 GG als Grund der Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung
    Der Wis­sen­schafts­be­trieb ist über alle Dis­zi­pli­nen hin­weg
    äußerst kom­plex. Er erfor­dert die Ver­ar­bei­tung gro­ßer,
    oft schwer über­schau­ba­rer Daten­men­gen. Im Inno­va­ti­ons­pro­zess
    bedingt er die Beur­tei­lung und Beherr­schung
    viel­fäl­ti­ger Risi­ken. Sei­ne fort­schrei­ten­de
    Dif­fe­ren­zie­rung führt zur Zusam­men­ar­beit vie­ler Wis­sen­schaft­ler,
    die auf­ein­an­der Rück­sicht neh­men müs­sen.
    Die Sys­te­me der For­schungs­för­de­rung ver­lan­gen die
    Prä­sen­ta­ti­on von For­schungs­er­geb­nis­sen, die oft nur
    Zwi­schen­er­geb­nis­se sein kön­nen.
    Die­se Kom­ple­xi­tät über­trägt sich auf die Maß­stä­be
    der Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Was rich­tig
    und was falsch ist, was noch ver­ant­wor­tet wer­den
    kann und was nicht, ist oft nicht ein­fach zu über­schau­en.
    Woll­te man in die­ser Situa­ti­on jeden Ver­stoß gegen die­se
    Maß­stä­be als wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten brand­mar­ken
    und mit Sank­tio­nen bele­gen, könn­te das vie­len
    Wis­sen­schaft­lern die Unbe­fan­gen­heit neh­men und leicht
    zu Ängst­lich­keit und Risi­ko­scheu füh­ren. Zurück­hal­tung
    im gera­de in der Wis­sen­schaft not­wen­di­gen stän­di­gen
    Inno­va­ti­ons­pro­zess wäre die Fol­ge.
    Dass DFG und ihr fol­gend Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen
    das Ver­dikt „Wis­sen­schaft­li­ches
    Fehl­ver­hal­ten“ nur sol­chen Ver­stö­ßen gegen die Regeln
    guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis zumes­sen, die auch per­sön­lich
    ver­schul­det sind, dient des­halb der Wis­sen­schafts­frei­heit.
    Nur so las­sen sich auch die gra­vie­ren­den,
    von der Brand­mar­kung durch eine Rüge über die Ver­sa­gung
    der For­schungs­för­de­rung bis hin zum tem­po­rä­ren
    Aus­schluss aus Gre­mi­en rei­chen­den, Nach­tei­le für den
    betrof­fe­nen Wis­sen­schaft­ler recht­fer­ti­gen.
    Die Wah­rung der Wis­sen­schafts­frei­heit recht­fer­tigt
    dabei auch die Ein­gren­zung auf Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit.
    Die Lebens­er­fah­rung zeigt, dass auch im All­tag
    des Wis­sen­schafts­be­triebs nicht anders als sonst im
    betrieb­li­chen All­tag immer wie­der Ver­hal­tens­wei­sen
    vor­kom­men, die zwar gegen die recht­lich gebo­te­ne Sorg­falt
    ver­sto­ßen, aber doch weni­ger schwer wie­gen. Das
    gilt gera­de auch für den Umgang mit den Regeln der guten
    wis­sen­schaft­li­chen Pra­xis. Dort schon leich­te­re Sorg­falts­pflicht­ver­let­zun­gen
    als wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten
    zu qua­li­fi­zie­ren, eng­te die wis­sen­schaft­li­che Ent­fal­tungs­frei­heit
    über Gebühr ein.
    III. Die Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung im Ein­zel­nen
  4. Tat­be­stän­de regel­wid­ri­gen Ver­hal­tens
    Im Rechts­sin­ne schuld­haft han­delt nur, wer gegen
    das für ihn maß­ge­ben­de Recht ver­stößt. Maß­ge­ben­des
    Recht für den wis­sen­schaft­lich Täti­gen sind im vor­lie­gen­den
    Zusam­men­hang die in der Ver­fah­rens­ord­nung
    zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­ten der
    DFG und in den Ord­nun­gen der Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen
    For­schungs­ein­rich­tun­gen fest­ge­leg­ten
    Tat­be­stän­de wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens.
    Zu die­sen Tat­be­stän­den gehören16:
    Falsch­an­ga­ben durch
    – das Erfin­den oder Ver­fäl­schen von Daten oder For­schungs­er­geb­nis­sen,
    ins­be­son­de­re durch Unter­drü­cken
    oder Besei­ti­gen von im For­schungs­pro­zess
    gewon­ne­nen Daten oder Ergeb­nis­sen, ohne dies
    offen zu legen, oder durch Mani­pu­la­ti­on einer Dar­stel­lung
    oder Abbil­dung,
    – die inkon­gru­en­te Dar­stel­lung von Bild und dazu­ge­hö­ri­ger
    Aus­sa­ge,
    – wis­sen­schafts­be­zo­ge­ne unrich­ti­ge Anga­ben in
    einem För­der­an­trag oder im Rah­men einer Berichts­pflicht,
    – die Inan­spruch­nah­me der (Mit-)Autorschaft ohne
    Ein­ver­ständ­nis;
    1 7 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 1 6 9 — 1 7 6
    17 Aus­drück­lich in Bezug auf sol­che Ord­nun­gen Staudinger/Caspers
    [2019], § 276 BGB Rn. 11.
    18 BGH Urt. v. 2. 3. 2017, III ZR 271/15, juris, Rn. 25ff; Stelkens/
    Bonk/Sachs/Sachs, VwVfG, 9. Aufl. 2018, § 48 Rn 161.
    – unbe­rech­tig­tes Zu-eigen-machen frem­der wis­sen­schaft­li­cher
    Leis­tun­gen durch
    – die unge­kenn­zeich­ne­te Über­nah­me von Inhal­ten
    Drit­ter ohne die gebo­te­ne Quel­len­an­ga­be („Pla­gi­at“),
    – die Aus­beu­tung von For­schungs­an­sät­zen und Ideen
    („Ideen­dieb­stahl“),
    – die unbe­fug­te Wei­ter­ga­be von Daten, Theo­rien und
    Erkennt­nis­sen an Drit­te,
    – die Anma­ßung oder unbe­grün­de­te Annah­me einer
    Autor- oder Mit­au­tor­schaft, ins­be­son­de­re, wenn
    kein genui­ner, nach­voll­zieh­ba­rer Bei­trag zum wis­sen­schaft­li­chen
    Inhalt der Publi­ka­ti­on geleis­tet wur­de
    – die Ver­fäl­schung des Inhalts,
    – die unbe­fug­te Ver­öf­fent­li­chung und das unbe­fug­te
    Zugäng­lich­ma­chen gegen­über Drit­ten, solan­ge das
    Werk, die Erkennt­nis, die Hypo­the­se, die Leh­re oder
    der For­schungs­an­satz noch nicht ver­öf­fent­licht ist;
    – die Beein­träch­ti­gung der For­schungs­tä­tig­keit ande­rer,
    ins­be­son­de­re durch
    – Sabo­ta­ge von For­schungs­tä­tig­keit (ein­schließ­lich des
    Beschä­di­gens, Zer­stö­rens oder Mani­pu­lie­rens von
    Ver­suchs­an­ord­nun­gen, Gerä­ten, Unter­la­gen, Hard­ware,
    Soft­ware, Che­mi­ka­li­en oder sons­ti­gen Sachen,
    die ande­re zu For­schungs­zwe­cken benö­ti­gen),
    – Ver­fäl­schung oder unbe­fug­te Besei­ti­gung von For­schungs­da­ten
    oder For­schungs­do­ku­men­ten,
    – Ver­fäl­schung oder unbe­fug­te Besei­ti­gung der Doku­men­ta­ti­on
    von For­schungs­da­ten.
    Zu den Tat­be­stän­den wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens
    gehört die vor­sätz­li­che oder grob fahr­läs­si­ge Ver­nach­läs­si­gung
    der Auf­sichts­pflicht. Aus der Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung
    folgt zwar, dass der lei­ten­de Wis­sen­schaft­ler
    nicht als eine Art Geschäfts­herr Garant der wis­sen­schaft­li­chen
    Red­lich­keit sei­ner Mit­ar­bei­ter ist. Wohl
    aber haf­tet er für deren wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten,
    wenn er die erfor­der­li­che und zumut­ba­re Auf­sicht vor­sätz­lich
    oder grob fahr­läs­sig ver­nach­läs­sigt.
    Wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten kann auch aus der
    Über­nah­me von Mit­ver­ant­wor­tung resul­tie­ren. Wer die
    Mit­au­tor­schaft an einer Ver­öf­fent­li­chung über­nimmt,
    muss auch sei­ner­seits dafür sor­gen, dass Falsch­an­ga­ben
    oder die Auf­nah­me unbe­rech­tigt zu eigen gemach­ter
    frem­der wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen in die Ver­öf­fent­li­chung
    unter­blei­ben. All­ge­mein kann aus enger wis­sen­schaft­li­cher
    Zusam­men­ar­beit, etwa im Rah­men eines
    Pro­jekts, die Pflicht jedes betei­lig­ten Wis­sen­schaft­lers
    fol­gen, Regel­ver­stö­ßen ent­ge­gen­zu­tre­ten und dies nöti­gen­falls
    auf­zu­de­cken.
    Die Ver­fah­rens­ord­nung der DFG wie auch die Ord­nun­gen
    der Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen
    For­schungs­ein­rich­tun­gen erwe­cken durch die For­mu­lie­rung
    „als wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­ten gel­ten ins­be­son­de­re“
    den Ein­druck, den in ihnen auf­ge­zähl­ten Tat­be­stän­den
    kom­me kein abschlie­ßen­der Cha­rak­ter zu.
    Soweit damit den über das Vor­lie­gen eines wis­sen­schaft­li­chen
    Fehl­ver­hal­tens urtei­len­den Stel­len die Mög­lich­keit
    gege­ben wer­den soll, wei­te­re Ver­hal­tens­wei­sen von
    Wis­sen­schaft­lern als vor­sätz­li­ches oder grob fahr­läs­si­ges
    Fehl­ver­hal­ten zu qua­li­fi­zie­ren, führt das nicht zum Ziel.
    Der Vor­wurf schuld­haf­ten Fehl­ver­hal­tens lässt sich nur
    auf den Ver­stoß gegen vor­ab ein­deu­tig fest­ge­leg­te Regeln
    grün­den, wenn nicht das all­ge­mei­ne rechts­staat­li­che
    Prin­zip „nul­la poe­na sine lege“ (Art. 103 Abs. 2 GG) ver­letzt
    wer­den soll.
  5. Gel­tung der Maß­stä­be des Zivil­rechts
    Mit „Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit“ neh­men DFG
    und Ord­nun­gen auf Begrif­fe des Zivil­rechts Bezug, das
    in § 276 Abs. 1 BGB Vor­satz und Fahr­läs­sig­keit zu Kri­te­ri­en
    der Ver­ant­wort­lich­keit erklärt, in § 276 Abs. 2 BGB
    die Fahr­läs­sig­keit als Außer­acht­las­sung der ver­kehrs­er­for­der­li­chen
    Sorg­falt defi­niert und in ein­zel­nen Vor­schrif­ten
    inner­halb und außer­halb des BGB die Ver­ant­wort­lich­keit
    auf die „gro­be“ Fahr­läs­sig­keit beschränkt.17
    Die Anknüp­fung an die Begriffs­bil­dung des Zivil­rechts
    (und nicht des Straf­rechts, das kei­ne gro­be Fahr­läs­sig­keit
    kennt) steht im Ein­klang mit dem all­ge­mei­nen
    Ver­ständ­nis der Ver­schul­dens­vor­aus­set­zun­gen im öffent­li­chen
    Recht, nach dem dort die zivil­recht­li­chen
    Maß­stä­be gel­ten, sofern nicht etwas ande­res aus­drück­lich
    bestimmt ist.18
  6. Vor­satz und Täu­schung
    Vor­satz setzt auch im Zivil­recht wis­sent­li­ches und wil­lent­li­ches
    Han­deln vor­aus. Der Han­deln­de muss die
    Umstän­de des inkri­mi­nier­ten Ver­hal­tens ken­nen und
    gleich­wohl sei­ne Hand­lung wol­len, sei es, dass er den
    Löwisch/Jocher · Die sub­jek­ti­ve Sei­te wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens 1 7 3
    19 Staudinger/Caspers aaO Rn 22; MüKoBGB/Grundmann BGB
    § 276 Rn. 154.
    20 VG Düs­sel­dorf Urt. v. 20. 3. 2014, 15 K 2271/13, juris, unter 2;
    ZUM 2014, 602; vgl. auch VGH BW Beschl. v. 13. 10. 2008, 9 S
    494/08, Leit­satz 1 sowie Rn. 9, juris; VBIBW 2009, 191, der die
    nicht gekenn­zeich­ne­te Über­nah­me kom­plet­ter Pas­sa­gen aus dem
    Werk eines ande­ren Autors in eine Dis­ser­ta­ti­on als Täu­schung
    über die Eigen­stän­dig­keit der erbrach­ten Leis­tung ansieht.
    21 BVerwG Urt. v. 22.03.2017, 5 C 4/16, juris unter Rn. 25.
    22 Das VG Düs­sel­dorf aaO ist der Fra­ge, ob in dem vom ihm zu
    beur­tei­len­den Fall eine sol­che expli­zi­te Bil­li­gung vor­lag, nicht
    nach­ge­gan­gen, was dar­an gele­gen haben mag, dass es sich für den
    Begriff der Täu­schung an § 263 StGB und damit am straf­recht­li­chen
    Vor­satz­be­griff ori­en­tiert hat, der sich nicht auf die Rechts­wid­rig­keit
    des Ver­hal­tens erstreckt.
    23 Im Ein­zel­nen Staudinger/Caspers aaO § 276‚ Rn 29ff, MüKoBGB/
    Grund­mann BGB § 276 Rn. 54.
    24 Staudinger/Caspers aaO § 276 Rn. 44.
    miss­bil­lig­ten Erfolg beab­sich­tigt (Absicht), die­sen als
    not­wen­di­ge Fol­ge sei­ner Hand­lung ansieht (direk­ter
    Vor­satz) oder aber auch nur als mög­li­cher­wei­se ein­tre­tend
    in Kauf nimmt (beding­ter Vorsatz).19 Auf das wis­sen­schaft­li­che
    Fehl­ver­hal­ten bezo­gen muss der Wiss­schaft­ler,
    wenn ihm Vor­satz vor­ge­wor­fen wer­den soll,
    also min­des­tens in Kauf genom­men haben, dass er ein­schlä­gi­ge
    Regeln ver­letzt.
    Anders als im Straf­recht muss sich der Vor­satz dabei
    über­wie­gen­der Mei­nung nach auf die Rechts­wid­rig­keit
    des Han­delns erstre­cken. Der Han­deln­de muss also min­des­tens
    in Kauf neh­men, dass er sich rechts­wid­rig ver­hält.
    Ver­kennt der Wis­sen­schaft­ler, dass sein Ver­hal­ten
    gegen ein­schlä­gi­ge Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis
    ver­stößt, han­delt er auch nicht vor­sätz­lich.
    Letzt­lich nichts ande­res gilt in Bezug auf das Merk­mal
    der Täu­schung als Vor­aus­set­zung für den Ent­zug
    des Dok­tor­gra­des. Täu­schung im Sin­ne der den Ent­zug
    des Dok­tor­gra­des betref­fen­den Bestim­mun­gen ist das
    vor­sätz­li­che Vor­spie­geln oder Unter­drü­cken von für die
    Beur­tei­lung einer Dis­ser­ta­ti­on als selb­stän­di­ge wis­sen­schaft­li­che
    Leis­tung rele­van­ten Tat­sa­chen, das zu einem
    Irr­tum der zur Beur­tei­lung beru­fe­nen Stel­len führt.20 So
    wird auch der Begriff der arg­lis­ti­gen Täu­schung in § 48
    Abs. 2 Satz 3 Nr. 1 LVwVfG ver­stan­den: Von einer sol­chen
    ist aus­zu­ge­hen, wenn der Täu­schen­de weiß und
    will, dass die Behör­de durch die Vor­spie­ge­lung fal­scher
    Tat­sa­chen zum Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes ver­an­lasst
    wird, den sie andern­falls nicht oder nicht mit die­sem Inhalt
    erlas­sen hät­te, wobei „Erwir­ken“ im Sin­ne die­ser
    Vor­schrift vor­aus­setzt, dass die arg­lis­ti­ge Täu­schung für
    den Erlass des rechts­wid­ri­gen Ver­wal­tungs­ak­tes zumin­dest
    objek­tiv mit­ur­säch­lich war.21
    Die Wie­der­ga­be frem­der Text­stel­len ohne Beleg stellt
    eine sol­che vor­sätz­li­che Täu­schungs­hand­lung dar. Dabei
    wird sich der Vor­satz regel­mä­ßig auch auf die Rechts­wid­rig­keit
    der Täu­schung erstre­cken. Aber es kann auch
    ein­mal anders lie­gen: Bil­ligt der Betreu­er einer Dis­ser­ta­ti­on
    eine Zitier­pra­xis, die von dem im Fach übli­chen
    Stan­dard abweicht, wird deren Ver­fas­ser regel­mä­ßig davon
    aus­ge­hen, dass er sich recht­mä­ßig verhält.22
  7. Gro­be Fahr­läs­sig­keit
    a. Fahr­läs­sig­keit
    § 276 Abs. 2 BGB beschreibt die Fahr­läs­sig­keit als Außer­acht­las­sung
    der ver­kehrs­er­for­der­li­chen Sorg­falt und
    wählt damit einen objek­ti­ven Maß­stab, der sich am
    jeweils in Rede ste­hen­den Ver­kehrs­kreis orientiert.23
    Maß­ge­bend für die Beur­tei­lung des Ver­hal­tens von Wis­sen­schaft­lern
    sind damit die von der Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft
    ent­wi­ckel­ten Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher
    Pra­xis. Sind sie ein­ge­hal­ten, liegt von vorn­her­ein kei­ne
    Fahr­läs­sig­keit vor. Ist gegen sie ver­sto­ßen, ist vor­be­halt­lich
    der jeweils gege­be­nen Situa­ti­on an sich von Fahr­läs­sig­keit
    aus­zu­ge­hen.
    Man­geln­de Kennt­nis des Regel­werks ent­las­tet dabei
    vom Vor­wurf ein­fa­cher Fahr­läs­sig­keit regel­mä­ßig nicht.
    Auch kann sich der Wis­sen­schaft­ler nicht dar­auf beru­fen,
    dass er erst am Anfang sei­ner Kar­rie­re steht oder
    noch uner­fah­ren ist. Die Eigen­schaft als Berufs­an­fän­ger
    ver­min­dert die Sorg­falts­an­for­de­run­gen als sol­che nicht.
    Es ist an sich des­sen Sache, gege­be­nen­falls die not­wen­di­ge
    Unter­stüt­zung durch einen Berufs­er­fah­re­nen
    sicherzustellen.24
    b. Gro­be Fahr­läs­sig­keit
    Den Begriff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit, wie er hier in
    Rede steht, ver­wen­den das Zivil­recht (z.B. §§ 277, 300
    Abs. 2, 309 Nr. 7 lit b) BGB) und auch das öffent­li­che
    1 7 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 1 6 9 — 1 7 6
    25 Sie die Nach­wei­se aus der Recht­spre­chung bei Staudinger/Caspers
    aaO § 276 Rn. 93.
    26 BSG Urt. v. 20. 9. 1977 – 8/12 RKg 8/76, juris, NJW 1978, 1175,
    1176; BGH Urt. v. 26. 1. 2016, XI ZR 91/14, juris, Rn. 71;
    wei­te­re Nach­wei­se bei Staudinger/Caspers aaO § 276 Rn. 94.
    27 Staudinger/Caspers aaO § 276 Rn. 95; Jauernig/Stadler BGB § 276
    Rn. 33; BGH NJW 1989, 1612; BGH NJW 1980, 887, 888.
    28 Dar­auf wei­sen auch Riescher/Haas aaO, OdW 2020 S. 39 Fn. 29
    zutref­fend hin.
    Recht (z.B. Art. 34 Satz 2 GG, § 75 Abs. 1 Satz 1 BBG; § 48
    BeamtStG), ohne ihn zu defi­nie­ren. Ledig­lich das Sozi­al­recht
    ent­hält in § 45 Abs. 2 Satz 3 Nr. 3 Halb­satz 2 SGB X
    eine Bestim­mung. Über das Ver­ständ­nis besteht aber im
    Wesent­li­chen Einig­keit: Grob fahr­läs­sig ist nur ein Ver­hal­ten,
    wel­ches die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt in
    beson­ders schwe­rem, unge­wöhn­li­chen Maße ver­letzt. Es
    muss das­je­ni­ge unbe­ach­tet geblie­ben sein, was im gege­be­nen
    Fall jedem ein­leuch­ten muss.25 Die gro­be Fahr­läs­sig­keit
    hat dabei nicht nur eine objek­ti­ve Sei­te. Viel­mehr
    beinhal­tet sie auch einen schwe­ren sub­jek­ti­ven Vor­wurf.
    Gro­be Fahr­läs­sig­keit erfor­dert nach einer For­mu­lie­rung
    des Bun­des­so­zi­al­ge­richts, der der Bun­des­ge­richts­hof in
    der Sache gefolgt ist, „eine beson­ders gro­be und auch
    sub­jek­tiv schlecht­hin unent­schuld­ba­re Pflicht­ver­let­zung,
    die das gewöhn­li­che Maß an Fahr­läs­sig­keit erheb­lich
    übersteigt“.26 Dem­entspre­chend kön­nen Uner­fah­ren­heit
    und man­geln­de Kennt­nis­se gro­be Fahr­läs­sig­keit
    ausschließen.27
    Bezo­gen auf die in der Wis­sen­schaft Täti­gen heißt
    das, dass nicht vor­sätz­lich began­ge­ne Ver­stö­ße gegen die
    Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis nur ganz aus­nahms­wei­se
    den Vor­wurf des wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens
    im Sin­ne des Kodex der DFG und der genann­ten
    Ord­nun­gen begrün­den kön­nen. Der Wis­sen­schaft­ler
    muss ekla­tant gegen die­se Regeln ver­sto­ßen
    und dabei schlecht­hin unent­schuld­bar gehan­delt haben.
    Uner­fah­ren­heit und man­geln­de Kennt­nis­se wer­den dem
    Vor­wurf grob fahr­läs­si­gen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens
    oft ent­ge­gen­ste­hen.
  8. Berück­sich­ti­gung des Ver­schul­dens bei der Sank­tio­nie­rung
    des Fehl­ver­hal­tens
    Die Ver­fah­rens­ord­nung der DFG und eben­so die Ord­nun­gen
    der Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen
    For­schungs­ein­rich­tun­gen sehen vor, dass die bei wis­sen­schaft­li­chem
    Fehl­ver­hal­ten zu beschlie­ßen­den Maß­nah­men
    nach Art und Schwe­re des fest­ge­stell­ten Fehl­ver­hal­tens
    zu dif­fe­ren­zie­ren sind. All­ge­mein gespro­chen müs­sen
    die Maß­nah­men ver­hält­nis­mä­ßig sein. Der Grad des
    Ver­schul­dens ist hier­für ein wesent­li­cher Gesichts­punkt:
    Auch gro­be Fahr­läs­sig­keit fällt weni­ger ins Gewicht als
    Vor­satz. Im Vor­satz­be­reich ist beding­ter Vor­satz weni­ger
    schlimm als direk­ter Vor­satz und die­ser weni­ger schlimm
    als Absicht.
    Frei­lich prägt der Grad des Ver­schul­dens die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit
    nicht allein. Die Schwe­re des Fehl­ver­hal­tens
    hängt auch von den Aus­wir­kun­gen auf den Wis­sen­schafts­be­trieb
    ab, in dem der sich fehl ver­hal­ten­de Wis­sen­schaft­ler
    tätig ist. Zu berück­sich­ti­gen ist dabei nicht
    nur der Ver­trau­ens­ver­lust, den der Wis­sen­schafts­be­trieb
    in der Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft selbst erfährt. Ins Gewicht
    fällt auch das Aus­maß der Ent­täu­schung und Ver­un­si­che­rung,
    wel­che bei den der dort red­lich arbei­ten­den
    Wis­sen­schaft­lern her­vor­ge­ru­fen wer­den.
    IV. Berück­sich­ti­gung der Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung
    im Prü­fungs­ver­fah­ren
    Die Ver­fah­rens­ord­nung zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem
    Fehl­ver­hal­ten der DFG und die Ord­nun­gen der
    Hoch­schu­len und außer­hoch­schu­li­schen For­schungs­ein­rich­tun­gen
    regeln aus­führ­lich das Ver­fah­ren, in dem
    einem Ver­dacht auf wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten
    nach­zu­ge­hen ist. Die Aus­ge­stal­tung im Ein­zel­nen vari­iert.
    Im Grund­satz sehen aber alle Ord­nun­gen ein zwei­stu­fi­ges
    Ver­fah­ren vor. Zunächst ist im Rah­men einer
    Vor­prü­fung, meist durch eine beson­de­re Instanz, zu klä­ren,
    ob sich der Ver­dacht hin­rei­chend bestä­tigt. Nur
    wenn das der Fall ist, ist in einem wei­te­ren Ver­fah­ren
    durch eine wei­te­re Instanz, meist die Lei­tung der Ein­rich­tung,
    end­gül­tig über das Vor­lie­gen eines wis­sen­schaft­li­chen
    Fehl­ver­hal­tens und die zu tref­fen­den Maß­nah­men
    zu ent­schei­den. Bestä­tigt sich der Ver­dacht
    nicht hin­rei­chend, ist schon das Vor­ver­fah­ren zu been­den;
    teil­wei­se hat das auch im Fal­le der Gering­fü­gig­keit
    zu gesche­hen. Das Vor­ver­fah­ren mit einem ande­ren Ziel,
    etwa der Media­ti­on mit einem Hin­weis­ge­ber, wei­ter­zu­füh­ren,
    hiel­te das Ver­fah­ren zu Las­ten des Betrof­fe­nen in
    der Schwe­be und ist des­halb durch die Ver­fah­rens­ord­nun­gen
    nicht gedeckt.
    Auch in die­sen Prü­fungs­ver­fah­ren ist zu beach­ten,
    dass wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten nur bei vor­sätz­li­chem
    oder grob fahr­läs­si­gem Regel­ver­stoß vorliegt.28
    Löwisch/Jocher · Die sub­jek­ti­ve Sei­te wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens 1 7 5
    Kommt die mit der Vor­prü­fung betrau­te Instanz zu dem
    Schluss, dass zwar die vor­ge­ge­be­nen Regeln ver­letzt
    sind, dem Wis­sen­schaft­ler aber ledig­lich ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit
    vor­ge­wor­fen wer­den kann, muss schon sie das
    Ver­fah­ren been­den. Stellt sich dies erst im wei­te­ren Ver­fah­ren
    her­aus, muss die wei­te­re Instanz das Ver­fah­ren
    ein­stel­len und dies dem von der Prü­fung Betrof­fe­nen
    und auch even­tu­el­len Hin­weis­ge­bern unter Anga­be der
    wesent­li­chen Grün­de mit­tei­len.
    V. Fazit
    Mit die­ser Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung wah­ren die Ord­nun­gen
    die Wis­sen­schafts­frei­heit des Ein­zel­nen.
    Der Vor­wurf sol­chen schuld­haf­ten Ver­hal­tens kann
    nur erho­ben wer­den, wenn gegen expli­zit fest­ge­leg­te Regeln
    guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis ver­sto­ßen wird.
    Vor­satz umfasst Absicht, direk­ten Vor­satz und beding­ten
    Vor­satz. Grob fahr­läs­sig ist nur ein Ver­hal­ten,
    wel­ches die gebo­te­ne Sorg­falt in beson­ders schwe­rem,
    unge­wöhn­li­chem, auch sub­jek­tiv schlecht­hin unent­schuld­ba­rem
    Maße ver­letzt.
    Der Grad des Ver­schul­dens ist bei der Sank­tio­nie­rung
    eines wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens als ein Gesichts­punkt
    zu berück­sich­ti­gen.
    Die Vor­aus­set­zung Vor­satz oder gro­be Fahr­läs­sig­keit ist
    auch im Ver­fah­ren zu beach­ten. Auch Vor­prü­fun­gen
    sind zu been­den, wenn ledig­lich ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit
    in Betracht kommt.
    Man­fred Löwisch ist Pro­fes­sor an der Albert-Lud­wigs-
    Uni­ver­si­tät Frei­burg und Lei­ter der For­schungs­stel­le
    für Hoch­schul­recht und Hoch­schul­ar­beits­recht.
    Jona­than Tim Jocher ist Mit­ar­bei­ter an der For­schungs­stel­le
    für Hoch­schul­recht und Hoch­schul­ar­beits­recht.
    1 7 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 1 6 9 — 1 7 6