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Andre­as Held­rich (1935–2007), 1979 bis 1982 Vor­sit­zen- der des Wis­sen­schafts­rats und 1994 bis 2002 Rek­tor der LMU Mün­chen wäre am 30. Janu­ar 2015 80 Jah­re alt gewor­den. Held­rich hat sich Zeit sei­nes Lebens mit dem Ver­hält­nis von Wis­sen­schafts­frei­heit und Recht und des- sen prak­ti­schen Aus­wir­kun­gen beschäf­tigt. Das heu­te im Wis­sen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setz gere­gel­te Hoch­schul­be- fris­tungs­recht geht maß­geb­lich auf sei­ne Initia­ti­ve zurück. Aber auch die zivil­recht­li­chen Impli­ka­tio­nen der Wis­sen­schafts­frei­heit haben ihn beschäf­tigt. So ent­hält sein 1987 vor Juris­ti­schen Stu­di­en­ge­sell­schaft Karls­ru­he gehal­te­ner Vor­trag „Frei­heit der Wis­sen­schaft – Frei­heit zum Irr­tum? Haf­tung für Fehl­leis­tun­gen in der For- schung“ ein aus­führ­li­ches Kapi­tel zur zivil­recht­li­chen Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betä­ti- gung. Die dort ange­stell­ten Über­le­gun­gen sind heu­te so aktu­ell wie vor 28 Jahren.

Ergänzt um weni­ge Hin­wei­se gibt OdW die­se Über- legun­gen nach­fol­gend wie­der. Auf den Abdruck des Fuß­no­ten­ap­pa­rats wur­de dabei ver­zich­tet. Er kann in der Druck­fas­sung des gan­zen Vor­trags in Heft 179 der Schrif­ten­rei­he der Juris­ti­schen Stu­di­en­ge­sell­schaft Karls- ruhe nach­ge­le­sen wer­den. Dem Ver­lag C. F. Mül­ler ist für die Erlaub­nis zum Nach­druck zu danken.

Man­fred Löwisch

Die zivil­recht­li­che Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betätigung

In den Grund­rechts­vor­schrif­ten der Ver­fas­sung ver­kör- pert sich zugleich eine objek­ti­ve Wer­te­ord­nung, die als ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­ent­schei­dung für alle Berei- che des Rechts, mit­hin auch für das Pri­vat­recht gilt. Eine sol­che Wert­ent­schei­dung ent­hält auch Art. 5 III GG. Sie wirkt auf das Pri­vat­recht bei der Anwen­dung von Gene- ral­klau­seln und sons­ti­ger aus­le­gungs­fä­hi­ger und aus­fül- lungsbedürftigerBegriffeein.DiesemittelbareDrittwir- kung des Grund­rechts i.S. der Recht­spre­chung des Bun- des­ver­fas­sungs­ge­richts erfaßt ins­be­son­de­re das pri­va­te Haf­tungs­recht. Die Bedro­hung mit einer Scha­den­ser- satz- oder Unter­las­sungs­pflicht hat eine frei­heit­sein- schrän­ken­de Wir­kung. Bei der Anwen­dung haf­tungs- recht­li­cher Vor­schrif­ten ist daher auch der Aus­strah- lungs­wir­kung des Grund­rechts der Wissenschaftsfreiheit

Rech­nung zu tra­gen. Ein­schrän­kun­gen der Frei­heit der For­schung durch haf­tungs­recht­li­che Vor­schrif­ten sind nur inso­weit statt­haft, als sie zum Schutz ande­rer ver­fas- sungs­recht­lich geschütz­ter Güter, wie Men­schen­wür­de, Leben oder Gesund­heit, erfor­der­lich sind. Dar­über hin- aus besitzt die­ses Grund­recht auch unmit­tel­ba­re Bedeu- tung als Recht­fer­ti­gungs­grund. Die Fra­ge einer Haf­tung für Fehl­leis­tun­gen in der For­schung stellt sich zivil­recht- lich vor allem in zwei Zusam­men­hän­gen: zum einen bei Schä­di­gun­gen im Ver­lauf des Arbeits­pro­zes­ses der For- schung selbst, zum ande­ren bei Schä­den, die durch Bekannt­ga­be oder Ver­wen­dung von For­schungs­er­geb- nis­sen entstehen.

1. Haf­tung gegen­über Drit­ten bei Forschungsunfällen

In der moder­nen natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung gelan­gen Mate­ria­li­en, Ver­fah­ren und Tech­no­lo­gien zum Ein­satz, die ein nicht uner­heb­li­ches Sicher­heits­ri­si­ko dar­stel­len. Dies gilt für die Kern­for­schung eben­so wie für die bak­te­rio­lo­gi­sche For­schung, die Hoch­en­er­gie- phy­sik eben­so wie für die Che­mie oder Radio­lo­gie. Es spricht für das Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein und den hohen Sicher­heits­stan­dard der deut­schen Wis­sen­schaft, daß Unfäl­le in der For­schung anschei­nend trotz­dem außer­or­dent­lich sel­ten sind. Wo sie den­noch ein­mal auf- tre­ten, gel­ten die all­ge­mei­nen haf­tungs­recht­li­chen Grund- sät­ze. Die Frei­heit der Wis­sen­schaft gewährt dem For- scher inso­weit kei­ner­lei Pri­vi­le­gi­en. Auch darf er sich – wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [BVerfGE 47, 327 (369)] bemerkt – „bei sei­ner Tätig­keit, ins­be­son­de­re bei etwai­gen Ver­su­chen, nicht über die Rech­te sei­ner Mit- bür­ger auf Leben, Gesund­heit und Eigen­tum hin­weg- setz­ten“. Dabei gel­ten kei­ner­lei Unter­schie­de zwi­schen Grund­la­gen­for­schung und ange­wand­ter For­schung, zwi­schen Hoch­schu­lEfor­schung und Indus­trie­for- schung. Soweit durch einen For­schungs­un­fall die Rechts- güter Drit­ter betrof­fen wer­den, die am For­schungs­vor- gang selbst nicht betei­ligt sind (sog. Außen­un­fäl­le), wird Ersatz nach den all­ge­mei­nen delikts­recht­li­chen Vor- schrif­ten geschul­det. Bei der Begrün­dung einer Scha- dens­er­satz­pflicht nach § 823 I BGB wird es in der Regel auf die Ver­let­zung einer Ver­kehrs­pflicht ankom­men. Bei deren Kon­kre­ti­sie­rung ist ein stren­ger Maß­stab anzu­le- gen. Gera­de von einer For­schungs­an­la­ge ist zu erwar­ten, daß sie sich an den durch den gegen­wär­ti­gen Stand von Wis­sen­schaft und Tech­nik gekenn­zeich­ne­ten Sicher-

Andre­as Heldrich †

Die zivil­recht­li­che Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betätigung

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2015, ISSN 2197–9197

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heits­stan­dard hält. Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht trifft dabei grund­sätz­lich nicht den ein­zel­nen Wis­sen­schaft­ler, son­dern den Unter­neh­mer, der die For­schungs­an­la­ge betreibt, bei einem Hoch­schul­in­sti­tut also bei­spiels­wei­se die Universität.

Ein Bei­spiel aus der Recht­spre­chung bie­tet ein Urteil des OLG Frank­furt vom 28.2.1985 [NJW 1985, 2425 ff.]. Das Insti­tut für Bie­nen­kun­de einer hes­si­schen Uni­ver­si- tät hat­te seit 1969 zu Ver­suchs­zwe­cken Bie­nen­völ­ker aus Indi­en, Afgha­ni­stan und Paki­stan impor­tiert. Im Früh- jahr 1977 stell­te das Insti­tut fest, daß auf sei­nen Bie­nen- stän­den eine para­si­tä­re Mil­ben­art auf­ge­taucht war, wie sie bei den asia­ti­schen Bie­nen­völ­kern häu­fig vor­kommt. Die Mil­be lös­te eine Bie­nen­seu­che aus, die sog. Var­roa- tose. Wenig spä­ter wur­de der Mil­ben­be­fall auch bei den Bie­nen­völ­kern eines Imkers fest­ge­stellt, des­sen Bie­nen- haus in unmit­tel­ba­rer Nähe des Uni­ver­si­täts­in­sti­tuts stand. Sämt­li­che Bie­nen­völ­ker des Imkers fie­len der Var- roa­to­se zum Opfer. Das Gericht gab der Scha­dens­er­satz- kla­ge des Imkers gegen das Land Hes­sen statt, weil im Insti­tut für Bie­nen­kun­de die mit der Bie­nen­hal­tung ver- bun­de­ne Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht schuld­haft ver­letzt wor­den sei. Zwar sei die Var­roa­to­se als Bie­nen­seu­che bis 1977 in Deutsch­land selbst in Fach­krei­sen nicht bekannt gewe­sen. Trotz­dem sei vor dem Import der Bie­nen eine Unter­su­chung auf den Mil­ben­be­fall gebo­ten gewe­sen, weil bei der asia­ti­schen Bie­nen­art Apis cer­ana mit die­ser Bie­nen­seu­che immer zu rech­nen sei und eine Über­tra- gung auf die in Deutsch­land hei­mi­sche Apis mel­li­fe­ra nahe­lie­gend gewe­sen sei. Ein wis­sen­schaft­li­ches Insti­tut han­de­le fahr­läs­sig, wenn es sich beim Import eines Tie- res nicht dar­über infor­mie­re, inwie­weit das Tier zum In- fek­ti­ons­herd für die inlän­di­schen Tie­re wer­den kön­ne. Für den ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen dem In- ver­kehr­brin­gen der aus Asi­en impor­tier­ten Bie­nen und der bei den Bie­nen­völ­kern des Imkers aus­ge­bro­che­nen Var­roa­to­se spre­che der Beweis des ers­ten Anscheins.

Der Fall ist mei­nes Erach­tens rich­tig ent­schei­den [sic]. Der ein­ge­tre­te­ne Scha­den hielt sich zum Glück für die Uni­ver­si­tät und Staat in beschei­de­nen Gren­zen. Der Klä­ger mach­te ins­ge­samt eine Ersatz­for­de­rung von 25 000,- DM gel­tend. Sehr viel gra­vie­ren­der erschei­nen die Risi­ken, die mit gen­tech­no­lo­gi­schen Expe­ri­men­ten ver­bun­den sind. Indes­sen ist auch hier die Gefahr zu- nächst über­schätzt wor­den. Vor die­sem Hin­ter­grund er- scheint die von der Enquete-Kom­mis­si­on des 10. Deut- schen Bun­des­ta­ges emp­foh­le­ne Ein­füh­rung einer Ge- fähr­dungs­haf­tung für bestimm­te Anwen­dungs­be­rei­che der Gen­tech­no­lo­gie nicht ganz über­zeu­gend [Sie ist al- ler­dings mit § 32 Abs. 1 GenTG v. 20.6.1990 ein­ge­führt wor­den; s. dazu Lut­ter­mann, Gen­tech­nik und zivil­recht- liches Haf­tungs­sys­tem, JZ 1998, 174 ff]. Die von der Bun-

des­re­gie­rung beschlos­se­nen „Richt­li­ni­en zum Schutz von Gefah­ren durch in-vitro neu­kom­bi­nier­te Nuklein- säu­ren“ i. d. F. vom 28.5.1986 rei­chen als Kon­kre­ti­sie­rung von Ver­kehrs­pflich­ten für die Begrün­dung einer delikti- schen Scha­dens­er­satz­pflicht aus. Da die Richt­li­ni­en den Stand von Wis­sen­schaft und Tech­nik wider­spie­geln, prä- gen sie den haf­tungs­recht­lich maß­ge­ben­den Sicher­heits- stan­dard auch in den von ihrem Gel­tungs­be­reich nicht unmit­tel­bar erfaß­ten For­schungs­ein­rich­tun­gen. Das ver- blei­ben­de Rest­ri­si­ko bei Ein­hal­tung der Richt­li­ni­en ist anschei­nend sehr gering. Des­halb besteht auch kein über­zeu­gen­des Bedürf­nis für die ein wenig lächer­lich anmu­ten­de Anwen­dung der Tier­hal­ter­haf­tung nach § 833 S. 1 BGB auf labor­ge­züch­te­te Mikro­or­ga­nis­men. Sie könn­te in der Kon­se­quenz auch den gewöhn­li­chen Schnup­fen-Pati­en­ten aus juris­ti­scher Sicht zum Tierhal- ter emporstilisieren.

2. Haf­tung gegen­über Versuchspersonen

Das Risi­ko außen­ste­hen­der Drit­ter sind die Gefah­ren, die bei Expe­ri­men­ten für das Per­so­nal der For­schungs­ein­rich- tun­gen selbst oder für mit­wir­ken­de Ver­suchs­per­so­nen erwach­sen kön­nen. Indes­sen reicht das Instru­men­ta­ri­um der ver­trag­li­chen und delik­ti­schen Haf­tungs­auf­lö­sung der hier auf­tre­ten­den Pro­ble­me grund­sätz­lich aus. Eini­ge Beson­der­hei- ten gel­ten für den Schutz von Ver­suchs­per­so­nen.

Art. 5 Abs. 3 GG gewährt dem For­schungs­stand tat­be- stands­mä­ßig nicht das Recht, die Rechts­gü­ter Drit­ter zu For­schungs­zwe­cken in Anspruch zu neh­men. Die Frei­heit der For­schung ver­leiht dem ein­zel­nen For­scher nicht etwa das Pri­vi­leg, nach Belie­ben ande­re Men­schen in sein Ver- suchs­pro­gramm ein­zu­span­nen. Man mag viel­mehr im Gegen­teil aus dem im Grund­ge­setz ver­bürg­ten Per­sön- lich­keits­schutz das Recht ablei­ten, von frem­den For- schungs­ge­lüs­ten ver­schont zu blei­ben, also nicht ohne Ein­wil­li­gung „beforscht“ zu wer­den. Bedeu­tung gewinnt die­ses der Wis­sen­schafts­frei­heit „wider­ste­hen­de“ Per- sön­lich­keits­recht vor allem bei so genann­ten Hum­anex- peri­men­ten.

Ihre Unent­behr­lich­keit für die medi­zi­ni­sche For- schung ist evi­dent. Über die damit ver­bun­de­nen Pro­ble- me hat Deutsch vor zehn Jah­ren von die­ser Gesell­schaft refe­riert [Deutsch, Medi­zin und For­schung vor Gericht, Heft 135 der Schrif­ten­rei­he der juris­ti­schen Stu­di­en­ge- sell­schaft 1978]. Sie sei­en des­halb hier nur kurz berührt.

Kli­ni­sche For­schung am Men­schen ver­lässt den gesi- cher­ten Boden des gegen­wär­ti­gen Erkennt­nis­stan­des der Wis­sen­schaft und stößt in medi­zi­ni­sches Neu­land vor. Dabei unter­schei­det man das der Kran­ken­be­hand­lung im Ein­zel­fall die­nen­de the­ra­peu­ti­sche Expe­ri­ment, z.B. eine Pio­nier­leis­tung in der Chir­ur­gie wie die ers­te Herz- trans­plan­ta­ti­on, von dem zu For­schungs­zwe­cken vorge-

Held­rich · Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung 1 5 7

nom­me­nen rein wis­sen­schaft­li­chen Expe­ri­ment, wel- ches der Ver­suchs­per­so­nen selbst kei­nen unmit­tel­ba­ren Vor­teil brin­gen kann. Die­se Unter­schei­dung liegt auch der Rege­lung der kli­ni­schen Prü­fung von Medi­ka­men- ten nach §§ 40, 41 des Part­ner Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes zu- grun­de. Sowohl der the­ra­peu­ti­sche als auch der rein wis- sen­schaft­li­che Ver­such am Men­schen setzt grund­sätz­lich eine auf aus­rei­chen­der Auf­klä­rung beru­hen­de Ein­wil­li- gung (infor­med con­sent) des Pati­en­ten bzw. Pro­ban­den vor­aus. Aller­dings wer­den an den Inhalt der Auf­klä­rung und die Not­wen­dig­keit der Ein­wil­li­gung beim Heil­ver- such gerin­ge­re Anfor­de­run­gen gestellt als bei einem Ex- peri­ment zu For­schungs­zwe­cken. Jeden­falls bei die­sem schul­det der For­scher sei­ner Ver­suchs­per­so­nen aber voll­stän­di­ge Auf­klä­rung über Anla­ge, Durch­füh­rung, Zweck und mög­li­che Risi­ken des geplan­ten Ver­suchs. Die­se Auf­klä­rungs­pflicht gerät oft in Kon­flikt mit den Bedürf­nis­sen der medi­zi­ni­schen For­schung. Um den Er- folg einer neu­en Behand­lungs­me­tho­de zuver­läs­sig ab- schät­zen zu kön­nen, muss einer Ver­suchs­grup­pe eine Kon­troll­grup­pe von Pati­en­ten und Pro­ban­den gegen- über­ge­stellt wer­den, wel­che unbe­han­delt bleibt oder an- ders the­ra­piert wird.

Die Auf­tei­lung der Betrof­fe­nen auf die bei­den Grup- pen muss dabei mög­lichst dem Zufall über­las­sen blei­ben (sog. Ran­do­mi­sa­ti­on). Das Inter­es­se der For­schung ge- bie­tet es, die Teil­neh­mer vor und wäh­rend des Expe­ri- ments dar­über im Unkla­ren zu las­sen, ob sie der Ver- suchs­grup­pe oder der Kon­troll­grup­pe ange­hö­ren (sog. Blind­ver­such). Die Auf­klä­rung der Ver­suchs­per­so­nen muss sich aber gera­de auch auf die­se Begleit­um­stän­de des Expe­ri­ments erstre­cken. Han­delt es sich um einen Ver- such an Kran­ken, so wer­den die­se das Ansin­nen, ihre Be- hand­lung dem Zufall zu über­las­sen, zumin­dest „als bedrü- cken­de Zumu­tung emp­fin­den“. Die Bereit­schaft zur Mit- wir­kung wird jeden­falls durch die­se Auf­klä­rung nicht ge- för­dert. Für den For­scher ergibt sich dar­aus die Ver­su­chung, den Pati­en­ten nähe­re Ein­zel­hei­ten über den geplan­ten Ver- lauf des Expe­ri­ments zu ver­schwei­gen. Die auf unvoll­stän- diger Infor­ma­ti­on beru­hen­de Ein­wil­li­gung ist jedoch feh- ler­haft. Eine auf die­ser Grund­la­ge durch­ge­führ­te ärzt­li­che Behand­lung ist grund­sätz­lich rechts­wid­rig, auch wenn sie selbst kunst­ge­recht und feh­ler­frei vor­ge­nom­men wird. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Ver­suchs­per­so- nen hat also unbe­ding­ten Vor­rang vor dem Erkennt- nis­stre­ben des For­schers. Erlei­det der unzu­rei­chend in- for­mier­te Pro­band durch die Teil­nah­me an dem Expe­ri- ment einen Gesund­heits­scha­den, so ist der Ver­suchs­lei- ter scha­dens­er­satz­pflich­tig nach § 823 Abs. 1 BGB. Dabei macht es m.E. kei­nen Unter­schied, ob der Gesund­heits- scha­den auf die Behand­lung im Rah­men der Ver­suchs- grup­pe des Expe­ri­ments zurück­zu­füh­ren ist oder etwa

auch das Unter­blei­ben einer Erfolg ver­spre­chen­den an- deren Behand­lung im Rah­men der Kontrollgruppe.

Ent­spre­chen­de Regeln gel­ten auch für die For­schung an Men­schen in ande­ren Human­wis­sen­schaf­ten, ins­be- son­de­re der Psy­cho­lo­gie oder Sozio­lo­gie. Ein berüch­tig- tes Bei­spiel für ein sol­ches Expe­ri­ment ist die Gehor- sams-Stu­die des ame­ri­ka­ni­schen Sozi­al­psy­cho­lo­gen Mil- gram. Ziel der Ver­suchs­rei­he war es, die Bereit­schaft zu Befol­gung ver­bre­che­ri­scher Befeh­le zu tes­ten. Dabei be- rief sich Mil­gram aus­drück­lich auf die auf Befehl began- genen Unta­ten des NS-Regimes. Die wirk­li­che Ziel­set- zung des Expe­ri­ments wur­de den Ver­suchs­per­so­nen ver- heim­licht. Ihnen wur­de nur mit­ge­teilt, daß es sich um ein Lern­ex­pe­ri­ment han­de­le, bei wel­chem die „Schü­ler“ mit Strom­schlä­gen von zuneh­men­der Stär­ke für fal­sche Ant­wor­ten bestraft wer­den soll­ten. Es war Auf­ga­be der Ver­suchs­per­so­nen, die­se Stra­fe zu ver­fol­gen. Obwohl der angeb­li­che Schü­ler vor Schmerz schrie, pro­tes­tier­te und den sofor­ti­gen Abbruch des Expe­ri­ments ver­lang­te, be- folg­ten etwa zwei Drit­tel der Ver­suchs­per­so­nen die ih- nen erteil­ten Befeh­le auch über die Gren­ze von 220 Volt hin­aus, bei wel­cher Sie Lebens­ge­fahr für das „Opfer“ an- neh­men muss­ten. Erst nach Been­di­gung des Ver­su­ches wur­den die Pro­ban­den dar­über auf­ge­klärt daß die Reak- tio­nen des „Opfers“ nur gespielt waren und in Wirk­lich- keit kei­ne Strom­schlä­ge erfolgt waren.

Das Mil­gram-Expe­ri­ment macht ein gra­vie­ren­des Pro­blem der­ar­ti­ger Ver­su­che deut­lich: Ihr wis­sen­schaft- liches Gelin­gen setzt bis zu einem gewis­sen Grad die Täu­schung der Ver­suchs­per­so­nen vor­aus. Wür­de die­se näm­lich die Ver­suchs­si­tua­ti­on voll durch­schau­en, so wür­de sie sich bewusst oder unbe­wusst dar­auf ein­stel­len und damit den Erfolg des Expe­ri­ments zunich­te ma- chen. Die­ses wis­sen­schaft­li­che Inter­es­se kann aber aus juris­ti­scher Sicht die Täu­schung nicht legi­ti­mie­ren. Das Grund­recht der For­schungs­frei­heit bie­tet dazu kei­ne Hand­ha­be, weil es schon tat­be­stands­mä­ßig nicht die Be- fug­nis gewährt, ande­re Men­schen als For­schungs­ob­jekt zu benüt­zen. Die Ein­wil­li­gung der Ver­suchs­per­so­nen zur Mit­wir­kung an dem geplan­ten Expe­ri­ment ist daher grund­sätz­lich unver­zicht­bar. Die Trag­wei­te die­ser Ein- wil­li­gung hängt aber von der Auf­klä­rung über die Anla- ge des Expe­ri­ments – ein­schließ­lich der Tat­sa­che einer dabei geplan­ten Täu­schung der Teil­neh­mer als sol­cher – ab. Die Auf­klä­rung ist nur dann ent­behr­lich, wenn die Ver­suchs­per­son wirk­sam dar­auf ver­zich­tet hat. Die De- müti­gung der Pro­ban­den durch den Ver­suchs­lei­ter im Mil­gram-Expe­ri­ment war des­halb nicht von einer Ein- wil­li­gung gedeckt.

Das Feh­len einer wirk­sa­men Ein­wil­li­gung ist aller- dings so lan­ge uner­heb­lich, als der Ver­such Rechts­gü­ter der Ver­suchs­per­so­nen nicht berührt. So braucht etwa bei

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einer demo­sko­pi­schen Umfra­ge der Befrag­te nicht not- wen­dig im ein­zel­nen über ihre Ziel­set­zung auf­ge­klärt zu wer­den. Mit der blo­ßen frei­wil­li­gen Beant­wor­tung der gestell­ten Fra­gen wer­den sei­ne Per­sön­lich­keits­rech­te je- den­falls dann nicht tan­giert, wenn die Anony­mi­tät des Befrag­ten gewähr­leis­tet ist. Soweit For­schung am Men- schen aber – wie im Mil­gram-Expe­ri­ment – durch Er- nied­ri­gung der Ver­suchs­per­so­nen die Men­schen­wür­de angreift oder in unzu­läs­si­ger Wei­se in die Pri­vat- oder Intim­sphä­re der Pro­ban­den ein­dringt, ver­letzt sie deren all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht. Bei Feh­len einer recht- fer­ti­gen­den Ein­wil­li­gung, d.h. ins­be­son­de­re bei unzu­rei- chen­der Auf­klä­rung, ergibt sich dar­aus eine delik­ti­sche Scha­dens­er­satz­pflicht, die bei schwe­rem Ver­schul­den oder erheb­li­cher Beein­träch­ti­gung ein Schmer­zens­geld ein­schlie­ßen kann.

For­schung am Men­schen, die durch Täu­schung von Ver­suchs­per­so­nen betrie­ben wird, birkt daher aus zivil- recht­li­cher Sicht erheb­li­che Risiken.

3. Haf­tung aus der Bekannt­ga­be von Forschungsergebnissen

Das Scha­dens­po­ten­zi­al im Arbeits­pro­zeß der For­schung wirkt ver­schwin­dend gering im Ver­gleich mit den Gefah- ren, die von den Arbeits­er­geb­nis­sen der For­schung aus­ge- hen kön­nen. Die Erkennt­nis­se der Wis­sen­schaft die­nen nicht not­wen­dig dem Nut­zen der Gesell­schaft. Ver­schie­de- ne Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten des natur­wis­sen­schaft­lich- tech­ni­schen Fort­schritts bedro­hen heu­te das Über­le­ben der zivi­li­sier­ten Mensch­heit. Oder um ein ver­gleichs­wei­se harm­lo­ses Bei­spiel zu wäh­len – eine publi­kums­wirk­sa- me sozio­lo­gi­sche Auf­klä­rung hat in den letz­ten 20 Jah- ren die Wert­ord­nung unse­rer Gesell­schaft und die integ- rie­ren­de Kraft ihrer Insti­tu­tio­nen nach­hal­tig erschüt­tert. „Risi­ken“ die­ser Art sind in der Frei­heit der Wis­sen- schaft not­wen­dig mit angelegt.

a) Aus­strah­lun­gen des Grund­rechts der Wissenschaftsfreiheit

Zur grund­ge­setz­lich ver­bürg­ten Frei­heit der For­schung gehört auch und gera­de die Frei­heit der Wei­ter­ga­be und Ver­brei­tung des For­schungs­er­geb­nis­ses, gleich­gül­tig ob es vom sozia­len Stand­punkt erwünscht oder uner- wünscht erscheint. Wür­de ein Wis­sen­schaft­ler bei sei­ner Arbeit etwa zu dem Schluss kom­men, daß zwi­schen Män­nern und Frau­en gene­tisch beding­te Bega­bungsun- ter­schie­de bestehen, so dürf­te er die­se Befun­de ver­öf- fent­li­chen, auch wenn er die Ver­wirk­li­chung der Gleich- berech­ti­gung der Geschlech­ter erschwert. Das Pri­vi­leg der For­schungs­frei­heit unter­schei­det auch nicht zwi- schen rich­ti­gen und unrich­ti­gen Erkennt­nis­sen. Wird das bekannt­ge­ge­be­ne For­schungs­er­geb­nis als­bald von

ande­ren wider­legt, so bleibt es auch in der Rück­schau von der Wis­sen­schafts­frei­heit gedeckt. Die­se garan­tiert im Prin­zip auf die Frei­heit des Irrtums.

Eben­so wie die For­schungs­ar­beit als sol­che kann aber auch die Ver­brei­tung eines For­schungs­er­geb­nis­ses aus zivil­recht­li­cher Sicht einen haf­tungs­be­grün­den­den Tat- bestand bil­den, wenn sie ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Rechts­gü­ter Drit­ter ver­letzt. Die Gren­ze zwi­schen dem Grund­recht der For­schungs­frei­heit und den mit ihm kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­wer­ten, d.h. die Gren­ze zwi- schen Haf­tungs­frei­heit und Haft­bar­keit, ist dabei jeweils durch Güter­ab­wä­gung im Ein­zel­fall zu bestim­men [hier- zu ver­weist Held­rich auf die in sei­nem Vor­trag vor­an­ge- hen­den Aus­füh­run­gen zur Ver­fas­sungs­ga­ran­tie der Wis- sen­schafts­frei­heit und ihrer Schran­ken]. Den­noch las­sen sich eini­ge all­ge­mei­ne Regeln zur Lösung der denk­ba­ren Kon­flik­te entwickeln.

b) Haf­tungs­frei­heit bei lege artis gewon­ne­nen Erkenntnissen

Die Bekannt­ga­be eines For­schungs­er­geb­nis­ses kann als sol­che grund­sätz­lich kei­ne Haf­tungs­fol­ge aus­lö­sen, wenn es in Über­ein­stim­mung mit den­je­ni­gen Stan­dards erar- bei­tet wor­den ist, die der­zeit in der wis­sen­schaft­li­chen Fach­welt aner­kannt wer­den. Die­se inter­nen Stan­dards der jewei­li­gen „sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty“ sind natur­ge­mäß von Fach zu Fach ver­schie­den. Es läßt sich aber kei­ne ent­wi­ckel- te Wis­sen­schaft den­ken, in wel­cher nicht wenigs­tens ein Grund­kon­sens über den bereits erreich­ten Stand der Erkennt­nis und die – mög­li­cher­wei­se viel­fäl­ti­gen – Metho- den sei­ner Wei­ter­ent­wick­lung besteht. Auf die­ser Grund­la- ge „lege artis“ gewon­ne­ne For­schungs­er­geb­nis­se kön­nen grund­sätz­lich auch dann ohne Haf­tungs­ri­si­ko ver­brei­tet wer­den, wenn sie ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen Drit­ter beein­träch­ti­gen. So darf etwa eine zeit­ge­schicht­li­che Unter­su­chung auch noch ein außer­or­dent­lich uner­freu­li­ches Cha­rak­ter­bild eines noch leben­den oder jüngst ver­stor­be­nen Poli­ti­kers zeich­nen, wenn der Ver­fas­ser die der­zeit zugäng­li­chen Quel­len unpar­tei­isch und gewis­sen­haft aus­ge­wer­tet hat und sei­ne Ana­ly­se nach Kon­zep­ti­on, Metho­de und For­mu­lie­rung den wis­sen­schaft­li­chen „Zunft­re­geln“ ent­spricht. Die Frei- heit der Ver­brei­tung einer die­sem Stan­dard genü­gen­den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis besitzt den Vor­rang vor dem Per­sön­lich­keits­schutz des Betrof­fe­nen. Zwar hat das Bun- des­ver­fas­sungs­ge­richt in der bekann­ten Mephis­to-Ent- schei­dung [BVerfGE 30, 173 ff.] einen ähn­li­chen Kon­flikt zwi­schen der Frei­heit der Kunst und dem ver­fas­sungs­recht- lich geschütz­ten Per­sön­lich­keits­be­reich im Ergeb­nis zuguns­ten des letz­te­ren ent­schie­den. Die Begrün­dung stellt jedoch ganz klar auf die Umstän­de des Ein­zel­falls ab, d.h. auf die Beur­tei­lung eines Werks der erzäh­len­den Kunst,

Held­rich · Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung 1 5 9

das an Vor­gän­ge der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit anknüpft und dabei ein nega­tiv-ver­fälsch­tes Por­trät der dar­ge­stell- ten Per­son zeich­net. Zwar genießt auch eine sol­che „Schmäh­schrift in Roman­form“ den Schutz der Kunts- frei­heit gem Art. 5 III GG. Bei der Abwä­gung zwi­schen die­sem Grund­recht und der Unver­letz­lich­keit der Men- schen­wür­de gem. Art. 1 I GG hat das Gericht jedoch dem beson­de­ren Cha­rak­ter eines nicht hin­läng­lich ver­frem- deten Schlüs­sel­ro­mans Rech­nung getra­gen. Ein „ten- den­ziö­ses“ Kunst­werk – so lässt sich dar­aus fol­gern – genießt im Kon­flikt mit ande­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen garan­tier­ten Rechts­gü­tern gerin­ge­ren Schutz als ein „rei- nes“ Kunst­werk. Die­se Unter­schei­dung ent­spricht in den Grund­zü­gen auch der hier vor­ge­schla­ge­nen Wer­tung, die ein den Stan­dards der wis­sen­schaft­li­chen Fach­welt ent­spre­chen­des For­schungs­er­geb­nis höher stellt als ande­re wis­sen­schaft­li­che Leistungen.

Der beson­de­re Schutz lege artis gewon­ne­ner wis­sen- schaft­li­cher Erkennt­nis­se besteht unab­hän­gig davon, ob sie rich­tig oder falsch sind. Soweit sich ein Urteil dar­über über­haupt fäl­len läßt – was in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten pro­ble­ma­tisch erscheint – ist es häu­fig nur in der Rück- schau aus der Per­spek­ti­ve einer fort­ge­schrit­te­nen Wis- sen­schaft mög­lich. Ent­schei­dend ist des­halb allein, daß das For­schungs­er­geb­nis unpar­tei­isch, in dem Bemü­hen um objek­ti­ve Rich­tig­keit und in Über­ein­stim­mung mit dem der­zei­ti­gen Stand der Wis­sen­schaft erar­bei­tet wor- den ist. Auch die Bekannt­ga­be eines auf die­ser Grund­la- ge gewon­ne­nen, zunächst nicht als sol­chen erkenn­ba­ren wis­sen­schaft­li­chen Irr­tums ist daher unein­ge­schränkt von der For­schungs­frei­heit gedeckt. Unab­hän­gig von den spe­zi­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen delik­ti­scher Scha- dens­er­satz- oder Unter­las­sungs­an­sprü­che kön­nen sich kei­ner­lei Haf­tungs­fol­gen dar­aus ergeben.

Ein Bei­spiel mag dies ver­deut­li­chen. Die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft hat eine Senats­kom­mis­si­on zur Prü­fung gesund­heit­li­cher Arbeits­stof­fe ein­ge­rich­tet, die jähr­lich eine Lis­te „Maxi­ma­le Arbeits­platz­kon­zen­tra­tio- nen und Bio­lo­gi­sche Arbeits­stoff­to­le­ranz­wer­te“ ver­öf- fent­licht. Die­se sog. MAK-Wer­te-Lis­te hat erheb­li­che prak­ti­sche Bedeu­tung für die Rechts­set­zung im Bereich des Arbeits­schut­zes. Sie wird u.a. vom Bun­des­mi­nis­ter für Arbeit und Sozi­al­ord­nung in die von ihm erlas­se­nen „Tech­ni­schen Regeln für gefähr­li­che Arbeits­stof­fe (TRgA 900)“ über­nom­men. In der MAK-Wer­te-Lis­te 1985 wer- den erst­mals Buchen­holz­staub und Eichen­holz­staub als ein­deu­tig krebs­er­re­gen­de Arbeits­stof­fe aus­ge­wie­sen mit Hin­weis: „Ver­ur­sa­chen­des krebs­er­re­gen­des Prin­zip der- zeit noch nicht iden­ti­fi­ziert“. Gegen die­se Ein­stu­fung wen­det sich eine Fir­ma, die Holz­gra­nu­la­te und Hpöz- stäu­be her­stellt und einen Markt­an­teil von etwa 60 % be- sitzt. Sie befürch­tet erheb­li­che Absatz­ein­bu­ßen und

macht eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te auf freie Be- ruf­s­aus­übung und am ein­ge­rich­te­ten und aus­ge­üb­ten Gewer­be­be­trieb geltend.

Aus zivil­recht­li­cher Sicht erscheint zwei­fel­haft, ob ein ein­zel­nes Unter­neh­men über­haupt aus die­sem Sach­ver- halt einen Unter­las­sungs- oder Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft als Trä­ger der betref­fen­den Senats­kom­mis­si­on her­lei­ten kann. Zwar ist die Auf­stel­lung und Ver­öf­fent­li­chung der MAK- Wer­te-Lis­te ein dem Pri­vat­recht unter­lie­gen­der Vor- gang. Die Ein­stu­fung bestimm­ter Stof­fe als krebs­er­zeu- gend ist aber kein unmit­tel­ba­rer, auf den Betrieb eines ein­zel­nen Unter­neh­mens bezo­ge­ner Ein­griff. Eine Ver- let­zung des Rechts am ein­ge­rich­te­ten und aus­ge­üb­ten Gewer­be­be­trieb als sons­ti­ges Recht i.S. von § 823 I BGB kommt daher nicht in Betracht. Auch für die Anwen- dung von § 824 BGB wäre erfor­der­lich, daß die behaup- tete oder ver­brei­te­te (unwah­re) Tat­sa­che sich unmit­tel- bar mit die­sem Unter­neh­men befasst oder doch in enger Bezie­hung zu sei­nen Ver­hält­nis­sen, sei­ner Betä­ti­gung oder sei­ner gewerb­li­chen Leis­tung steht. Die­se Vor­aus- set­zung scheint hier trotz des beacht­li­chen Markt­an­teils des betref­fen­den Unter­neh­mens der holz­ver­ar­bei­ten­den Indus­trie nicht erfüllt. Unab­hän­gig davon kommt ein zi- vil­recht­li­cher Scha­dens­er­satz- oder Unter­las­sungs­an- spruch aber schon des­halb nicht in Fra­ge, weil – wie hier unter­stellt wer­den darf – die Emp­feh­lun­gen der Senats- kom­mis­si­on der DFG zur Prü­fung gesund­heits­schäd­li- cher Arbeits­stof­fe nach dem der­zei­ti­gen Stan­dards erar- bei­tet wer­den. Die Bekannt­ga­be der auf die­ser Basis ge- won­ne­nen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se ist unbe- dingtvomPrivilegderForschungsfreiheitgedeckt,selbst wenn sie schäd­li­che Rück­wir­kun­gen auf Drit­te hat. Aus die­sem Grund müß­te eine Haf­tung zum Bei­spiel auch dann ent­fal­len, wenn ein Arbeit­neh­mer auf Grund eines irr­tüm­lich zu hoch ange­setz­ten MAK-Wer­tes durch Schad­stoff-Expo­si­ti­on einen gesund­heit­li­chen Scha­den erleidet.

c) Ver­pflich­tung zur Berich­ti­gung eines aner­kann­ten Irrtums

Eine ande­re Beur­tei­lung wäre aller­dings gebo­ten, wenn ein nach­träg­lich als falsch erkann­tes For­schungs­er­geb­nis nicht als­bald nach Auf­de­ckung des Irr­tums kor­ri­giert wird. Zwar mag sei­ne Bekannt­ga­be ursprüng­lich vom Grund­recht der For­schungs­frei­heit gedeckt gewe­sen sein. Das dar­aus abge­lei­te­te Haf­tungs­pri­vi­leg ent­fällt aber mit der Erkennt­nis des Irr­tums. Wird die unrich­ti- ge Erkennt­nis nicht umge­hend in ange­mes­se­ner Form berich­tigt, so setzt sich der­je­ni­ge, der sie bekannt­ge­ge- ben hat, bei Vor­lie­gen der all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen des nega­to­ri­schen Rechts­gü­ter­schut­zes einem Unterlas-

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sungs­an­spruch aus. Auch wäre er gege­be­nen­falls für den aus der Auf­recht­erhal­tung des Irr­tums ent­stan­de­nen Scha­den nach den Vor­schrif­ten des Delikts­rechts ersatz- pflich­tig. Die Rich­tig­stel­lung eines Drit­ten bekannt gewor­de­nen Irr­tums gehört zu den selbst­ver­ständ­li­chen Grund­sät­zen der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit. Wer sie unter­läßt, befin­det sich nicht mehr im Ein­klang mit dem Arbeits­ethos der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit. Ver­letzt er dadurch ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio- nen ande­rer, so wie­gen die­se schwe­rer als die Garan­tie der Wis­sen­schafts­frei­heit. Für den ent­deck­ten Irr­tum gel­ten die glei­chen Regeln wie für die wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis, die feh­ler­haft erar­bei­tet oder in unrich­ti­ger Form mit­ge­teilt wird.

d) Haf­tungs­pri­vi­leg bei leich­ter Fahrlässigkeit

Der­ar­ti­ge feh­ler­haf­te Erkennt­nis­se, deren Gewin­nung oder Prä­sen­ta­ti­on nicht den wis­sen­schaft­li­chen Stan- dards ent­spricht, sind geläu­fi­ge Begleit­erschei­nun­gen der Wis­sen­schaft. Sie kön­nen z.B. auf Denk­feh­lern, unge­nü­gen­der Daten­ba­sis, metho­di­schen Män­geln, nicht aus­rei­chen­den Lite­ra­tur­stu­di­en oder unge­nau­er For­mu­lie­rung beru­hen. Die tat­säch­li­che Bedeu­tung von Feh­ler­quel­len die­ser Art ist kei­nes­wegs gering. For- schung wird heu­te nicht mehr von eini­gen weni­gen hoch­qua­li­fi­zier­ten Gelehr­ten betrie­ben. Mit der brei­ten Ver­meh­rung der Per­so­nal­stel­len im Wis­sen­schafts­be- reich dürf­te auch die Zahl der nicht aus­rei­chend talen- tier­ten oder enga­gier­ten For­scher gestie­gen sein. Dabei ist zu beach­ten, daß die Teil­ha­be an der For­schung inzwi­schen zum Sta­tus­sym­bol gewor­den ist, wel­ches schon aus Pres­ti­ge­be­dürf­nis ange­strebt wird. Die anschei­nend unauf­halt­sa­me Ein­eb­nung der Unter­schie- de zwi­schen Auf­ga­ben­stel­lung von Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len gibt dafür ein bered­tes Bei­spiel. Hin­zu kommt die Flut von Dis­ser­ta­tio­nen, wel­che die Aka­de- miker­schwem­me mit sich bringt. Aber auch die Pro­fi­lie- rungs­be­dürf­nis­se der eigent­li­chen Wis­sen­schaft­ler aller Berufs- und Alters­grup­pen sor­gen für eine wach­sen­de Zahl oft eilig hin­ge­wor­fe­ner Publi­ka­tio­nen, deren Qua­li- tät nicht über jeden Zwei­fel erha­ben ist. Bei rea­lis­ti­scher Betrach­tung des moder­nen Wis­sen­schafts­be­triebs ist also auch in der For­schung kei­nes­wegs alles Gold, was glänzt.

(1) Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, in- wie­weit „dubio­se“ For­schungs­er­geb­nis­se zu einer Haf- tung für den dar­aus ent­ste­hen­den Scha­den füh­ren kön- nen. Zwar gilt die Garan­tie der Wis­sen­schafts­frei­heit un- abhän­gig von der Qua­li­tät der jewei­li­gen For­schung. Das Grund­recht schützt das ein­fäl­ti­ge Bemü­hen eben­so wie die anspruchs­volls­te Grund­la­gen­for­schung. Bei einer

Kol­li­si­on mit ande­ren ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten WertensindjedochDifferenzierungenstatthaft,dieauch der Qua­li­tät der For­schung Rech­nung tragen.

Ein bekann­tes Bei­spiel ist die Ent­schei­dung des Bun- des­ge­richts­hofs vom 7.7.1970 [BGH JZ 1971, 63ff. mit An- mer­kung von Deutsch] zu Haf­tung des Ver­le­gers für die Fol­gen eines Druck­feh­lers in einem medi­zi­ni­schen Lehr- buch. In einem Werk über die „Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­se in- nerer Krank­hei­ten“ wur­de die Kon­zen­tra­ti­on der Koch- salz­lö­sung, die beim sog. Car­ter-Rob­bins-Test infun- diert wird, statt rich­tig mit 2,5 % ver­se­hent­lich mit 25 % ange­ge­ben. Ein jun­ger Assis­tenz­arzt hielt sich buchs­ta- ben­ge­treu an die­se fal­sche Anlei­tung. Die Infu­si­on der hoch­pro­zen­ti­gen Lösung führ­te fast zum Tod des Pati­en- ten. Eine Scha­dens­er­satz­kla­ge gegen den Ver­le­ger des Buches hat der Bun­des­ge­richts­hof mit der Begrün­dung abge­wie­sen, daß die­ser die Kor­rek­tur auf Druck­feh­ler ohne Ver­stoß gegen eine Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht – wie im Ver­lags­we­sen all­ge­mein üblich – dem Autor über­las­sen durf­te. Der Ver­fas­ser füh­re die Kor­rek­tur­tä- tig­keit auch nicht als Ver­rich­tungs­ge­hil­fe des Ver­le­gers i.S. von § 831 BGB aus. Die Anlei­tung zur intra­ve­nö­sen Infu­si­on einer Koch­salz­lö­sung betref­fe im übri­gen kei­ne beson­ders gefähr­li­che oder unge­wöhn­li­che ärzt­li­che Maß­nah­me. Es habe des­halb für den Ver­le­ger auch kein Anlass zu außer­or­dent­li­chen Vor­keh­run­gen zur Ver­mei- dung von Druck­feh­lern bestanden.

Auf die Fra­ge einer etwai­gen Haf­tung des Autors, der den Druck­feh­ler über­se­hen hat, geht das Urteil nicht ein, weil die­ser nicht ver­klagt wor­den war. Immer­hin be- merkt das Gericht, das Auf­tre­ten eines ein­zel­nen Druck- feh­lers gestat­te nicht den Schluss, daß der für die Kor- rek­tur Ver­ant­wort­li­che die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt ver­nach­läs­sigt habe. Eine Häu­fung von Druck- feh­lern im Lehr­buch des Ver­fas­sers wer­de von der Revi- sion nicht behaup­tet. Hier­aus wird man wohl den Schluss zie­hen dür­fen, daß auch nach Ansicht des Senats den Autor, der vie­le Druck­feh­ler über­sieht, ein Ver­schul­den trifft. Was aber für ver­meid­ba­re Druck­feh­ler gilt, muss füg­lich auch für ver­meid­ba­re inhalt­li­che Feh­ler gelten.

Spä­tes­tens an die­ser Stel­le stockt dem Ver­fas­ser wis- sen­schaft­li­cher Publi­ka­tio­nen der Atem. Soll der Bear- bei­ter eines Pra­xis­kom­men­tars zum BGB, der exen­tri- sche Ansich­ten ver­tritt, eine neue höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung über­sieht oder phan­ta­sie­voll Fehl­zi­tat an Fehl­zi­tat reiht, etwa für die Kos­ten des ver­lo­re­nen Pro- zes­ses auf­kom­men müs­sen, der von einem Rechts­an­walt im Ver­trau­en auf die Rich­tig­keit die­ser Erläu­te­run­gen ange­strengt wur­de? Soll der geschei­ter­te Examens­kan­di- dat vom Ver­fas­ser eines in vie­ler Hin­sicht über­hol­ten Lehr­buchs Scha­dens­er­satz ver­lan­gen kön­nen, weil sich

Held­rich · Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung 1 6 1

die­ser Unglücks­ra­be mit die­sem Buch auf die Prü­fung vor­be­rei­tet hat? Die blo­ße ent­fern­te Mög­lich­keit einer sol­chen fast unüber­seh­ba­ren Haf­tung könn­te den wis- sen­schaft­li­chen Publi­ka­ti­ons­be­trieb nahe­zu zum Erlie- gen brin­gen. Ihre Vor­aus­set­zun­gen sei­en des­halb im fol- gen­den etwas genau­er untersucht.

(2) Da eine Ver­trags­be­zie­hung zwi­schen Autor und Leser in der Regel aus­schei­den dürf­te, kommt nur eine delik­ti­sche Haf­tung in Betracht. Sie lässt sich schwer­lich bereits mit dem Argu­ment ver­nei­nen, den Ver­fas­ser tref- fe kei­ne Ver­kehrs­pflicht, sei­ne Leser oder deren Ver- trags­part­ner (z.B. die Pati­en­ten oder Man­dan­ten) vor mit­tel­ba­ren Schä­den auf Grund feh­ler­haf­ter Infor­ma­tio- nen zu bewah­ren. Wis­sen­schaft­li­che Wer­ke sind poten­ti- ell eine Gefah­ren­quel­le für Drit­te, weil sie beim Leser ein beson­de­res Ver­trau­en in ihre inhalt­li­che Rich­tig­keit er- wecken. Die­ser wird gewöhn­lich davon aus­ge­hen, die betref­fen­de Publi­ka­ti­on ent­spre­che den für das jewei­li­ge Fach­ge­biet gel­ten­den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards, be- ruhe also ins­be­son­de­re auf dem aktu­el­len Stand der Wis- sen­schaft. Allein der Autor hat es auch in der Hand, den von ihm geschaf­fe­nen „Gefah­ren­herd“ zu kon­trol­lie­ren, d.h. Abwei­chun­gen von die­sen Stan­dards soweit mög­lich zu vermeiden.

Auch das Erfor­der­nis des adäqua­ten Kau­sal­zu­sam- men­hangs ver­spricht in der Regel kei­nen Haf­tungs­aus- schluss. Zwar wen­det sich ein wis­sen­schaft­li­ches Werk an einen sach­kun­di­gen Leser­kreis, von dem erwar­tet wer­den darf, daß er sei­nen Inhalt nicht unbe­se­hen über- nimmt. Es liegt aber kei­nes­wegs außer­halb aller Wahr- schein­lich­keit, daß zahl­rei­che Benut­zer im „blin­den Ver- trau­en“ auf sei­ne Rich­tig­keit han­deln. Das unkri­ti­sche Befol­gen selbst offen­kun­dig fal­scher Auf­fas­sun­gen ist zwar ein schuld­haf­tes Fehl­ver­hal­ten des Lesers. So hät­te in dem vom BGH ent­schie­de­nen Fall der behan­deln­de Arzt ohne wei­te­res die Unver­träg­lich­keit von fast 160g bin­nen kur­zer Zeit in den Blut­kreis­lauf ver­brach­ten Koch­sal­zes erken­nen müs­sen. Ihn trifft des­halb ein er- heb­li­ches Ver­schul­den. Den­noch wird man nicht sagen kön­nen, daß eine sol­che skla­vi­sche Befol­gung der in ei- nem aner­kann­ten Lehr­buch ent­hal­te­nen Anwei­sung nach der Lebens­er­war­tung ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mehr in Betracht gezo­gen wer­den dürf­te. Eben­so wird man zwar vom Anwalt bei der Bera­tung eines Man­dan- ten ver­lan­gen kön­nen, daß er sich „in wesent­li­chen Rechts­fra­gen nicht mit der Fund­stel­len­an­ga­be im Pa- landt begnügt, son­dern die ange­führ­te BGH-Entsch­ei- dung selbst über­prüft“. Es erscheint aber immer­hin zwei- fel­haft, ob das unkri­ti­sche Ver­trau­en auf den Kom­men- tar ein so unge­wöhn­lich gro­bes Fehl­ver­hal­ten dar­stellt, daß der adäqua­te Kau­sal­zu­sam­men­hang unter­bro­chen wird. Der als Neben­tä­ter mit­haf­ten­de Assis­tenz­arzt oder

Rechts­an­walt ist aber für den wis­sen­schaft­li­chen Autor, der sich einen Fehl­tritt geleis­tet hat, nur ein schwa­cher Trost. Ledig­lich das mit­wir­ken­de Ver­schul­den des Be- nut­zers, der den Scha­den selbst erlit­ten hat, z.B. die all­zu gro­ße Nai­vi­tät des am schlech­ten Lehr­buch geschei­ter- ten Examens­kan­di­da­ten, stellt wenigs­tens die Reduk­ti­on der Ersatz­pflicht in Aus­sicht. Auch von Haf­tungs­be­gren- zung nach dem Schutz­zweck der Norm ist Abhil­fe kaum zu erwar­ten. In der Regel wird der gel­tend gemach­te Scha­den inner­halb des Schutz­be­reichs der Ver­kehrs- pflicht lie­gen, deren Ver­let­zung dem Autor vor­ge­wor­fen wird. Obgleich der Ver­stoß gegen die­se Ver­kehrs­pflicht nicht ohne wei­te­res mit einer Außer­acht­las­sung der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt im Sinn des objek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stabs gleich­ge­setzt wer­den kann, wird in der Pra­xis aus dem einen gewöhn­lich auch das ande­re folgen.

Wenigs­tens den juris­ti­schen Autor ret­tet am Ende zwar eine der Seg­nun­gen unse­res Haft­pflicht­rechts: das Feh­len einer all­ge­mei­nen delikts­recht­li­chen Gene­ral- klau­sel. Die blo­ße fahr­läs­si­ge Beein­träch­ti­gung frem­der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen, wie etwa die irr­tüm­li­che Ver­lei- tung zur nutz­lo­sen Auf­wen­dung von Pro­zeß­kos­ten, ist als sol­che grund­sätz­lich kein haf­tungs­be­grün­den­der Tat- bestand nach §§ 823 ff. BGB. Cana­ris hat die­se Entsch­ei- dung des Gesetz­ge­bers wegen ihrer frei­heits­schüt­zen­den Wir­kung zu Recht eine Tat genannt [Cana­ris, Schutz­ge- setz­ver­kehrs­pflich­ten, FS Larenz II, 1983, S. 27, 36]. Sie ist jedoch heu­te nicht mehr unum­strit­ten. Eine im Vor­drin- gen befind­li­che neue­re Auf­fas­sung will bei Ver­let­zung bestimm­ter ver­mö­gens­be­zo­ge­ner Ver­kehrs­pflich­ten eine delik­ti­sche Haf­tung unab­hän­gig von den in § 823 I BGB nor­mier­ten Tat­be­stan­den ein­tre­ten las­sen. Eine sol­che Schutz­pflicht für frem­des Ver­mö­gen wird dabei u.a. aus der Ver­ant­wor­tung gegen­über dem­je­ni­gen abge­lei­tet, der auf pro­fes­sio­nell oder infor­ma­tio­nell Über­le­ge­nen ange­wie­sen ist. Auf die­ser schie­fen Bahn wäre auch für die juris­ti­sche Lite­ra­tur kein Halten.

Ande­ren Wis­sen­schaf­ten, deren Feh­ler zu einer Rechts­guts­ver­let­zung i.S. von § 823 I BGB füh­ren kön- nen, ist das Delikts­recht ohne­hin weni­ger wohl geson- nen. So käme für den Autor eines medi­zi­ni­schen Lehr- buchs durch­aus eine Haf­tung wegen Gesund­heits­ver­let- zung in Betracht, wenn ein Pati­ent nach sei­nen Anwei- sun­gen falsch behan­delt wird. Der Ver­fas­ser einer Anlei­tung zur Sta­tik-Berech­nung beim Brü­cken­bau, der in der Auf­re­gung Sinus und Kosi­nus ver­wech­selt hat, müss­te mit noch weit schlim­me­ren Haf­tungs­fol­gen rech- nen, wenn die feh­ler­haft errich­te­te Brü­cke bei ihrem Ein­sturz Mensch, Tier und Gefährt in die Tie­fe reißt.

(3) Daß das Risi­ko einer der­ar­ti­gen Scha­dens­er­satz- pflicht emp­find­li­che Rück­wir­kun­gen auf die Bereitschaft

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zur Ver­öf­fent­li­chung auch ganz ein­wand­frei­er wis­sen- schaft­li­cher Bücher und auf deren Inhalt haben wür­de, liegt auf der Hand. jeden­falls poten­ti­ell scha­dens­stif­ten- de Aus­sa­gen wür­den soweit wie mög­lich aus­ge­merzt, küh­ne The­sen, die den gesi­cher­ten Boden des all­ge­mein geteil­ten Erkennt­nis­stan­des ver­las­sen, müß­te der Ver­fas- ser für sich behal­ten. Die leben­di­ge Viel­falt eines rei­chen Publi­ka­ti­ons­we­sens mit ihren Licht- und Schat­ten­sei­ten wür­de ver­küm­mern. Eine sol­che Ent­wick­lung wäre mit der ver­fas­sungs­recht­li­chen Wert­ent­schei­dung für Frei- heit der Wis­sen­schaft unver­ein­bar. Die Bedro­hung mit einer Scha­dens­er­satz­pflicht darf im Ergeb­nis nicht dazu füh­ren, daß der freie Aus­tausch von wis­sen­schaft­li­cher Mei­nung, Kri­tik und Gegen­mei­nung behin­dert oder gar unter­bro­chen wird. Die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zeß ist für den Fort­schritt der Wis­sen­schaft unent­behr­lich. Bei der gebo­te­nen Abwä­gung zwi­schen Grund­recht der For- schungs­frei­heit und ande­ren ver­fas­sungs­recht­lich ge- schütz­ten Wer­ten ist also der Wis­sen­schaft auch eine ge- wis­se Feh­ler­to­le­ranz zuzu­bil­li­gen. Wis­sen­schaft­li­che Pu- bli­ka­tio­nen rich­ten sich — wie bereits erwähnt – an den sach­kun­di­gen und kri­ti­schen Leser. Sie wol­len ihm eige- ne Über­prü­fung und Wür­di­gung nicht ein­fach abneh- men. Die Bekannt­ga­be eines For­schungs­er­geb­nis­ses, das nach Begrün­dung oder Inhalt nicht dem in der jewei­li- gen Wis­sen­schaft akzep­tier­ten Stan­dard ent­spricht, ist daher auch dann von der Wis­sen­schafts­frei­heit gedeckt, wenn die Abwei­chung auf ein­fa­cher Fahr­läs­sig­keit be- ruht. Eine Schä­di­gung Drit­ter durch eine leicht fahr­läs­si- ge wis­sen­schaft­li­che Fehl­in­for­ma­ti­on ist nach Art. 5 III GG nicht rechts­wid­rig und begrün­det des­halb auch kei- ne delik­ti­sche Haftung.

(4) Das Haf­tungs­pri­vi­leg des wis­sen­schaft­li­chen Au- tors gilt auch für des­sen Ver­le­ger. Die­ser übt eine „unent- behr­li­che Mitt­ler­funk­ti­on“ zwi­schen dem Ver­fas­ser und sei­nen Lesern aus. Ohne ihn wäre die ange­mes­se­ne Ver- brei­tung von For­schung nicht mög­lich. Die Garan­tie der Wis­sen­schafts­frei­heit erstreckt sich des­halb auch auf sei- ne Tätig­keit. Eine Ein­schrän­kung der Publi­ka­ti­ons­frei- heit des wis­sen­schaft­li­chen Ver­le­gers über die für den Autor gel­ten­den Haf­tungs­schran­ken hin­aus müß­te not- wen­dig nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf den Kom­mu­ni­ka- tions­pro­zeß haben, wel­cher die Grund­la­ge der Wis­sen- schaft bildet.

Zwar gel­ten die all­ge­mei­nen Regeln der Pro­du­zen­ten- haf­tung grund­sätz­lich auch für den Her­stel­ler eines Bu- ches [zur Pro­dukt­haf­tung für Druck­wer­ke inzwi­schen auch Foers­te, Die Pro­dukt­haf­tung für Druck­wer­ke, NJW 1991, 1433]. Den Ver­le­ger trifft damit im Prin­zip eine Ver- kehrs­pflicht, durch geeig­ne­te Maß­nah­men dafür zu sor- gen, daß die von ihm pro­du­zier­ten Bücher in gefahr­lo- sem Zustand auf den Markt gelan­gen. Eine fahrlässige

Ver­let­zung die­ser Pflicht könn­te zu einer delikts­recht­li- chen Haf­tung nicht nur gegen­über dem Benut­zer, son- dern auch gegen­über einem mit­tel­bar geschä­dig­ten Drit- ten füh­ren. Indes­sen bezieht sich die Ver­kehrs­pflicht des Ver­le­gers in ers­ter Linie auf die ein­wand­freie Her­stel­lung des Wer­kes, d.h. ins­be­son­de­re auf die Ver­mei­dung von Druck­feh­lern. Für die inhalt­li­che Rich­tig­keit zu sor­gen, ist bei wis­sen­schaft­li­chen Büchern Sache des Autors. Vom Ver­le­ger wird man inso­weit neben der sorg­fäl­ti­gen Aus­wahl nur eine Über­prü­fung auf ekla­tan­te Feh­ler ver- lan­gen kön­nen, die auch ohne beson­de­res Fach­wis­sen auf dem betref­fen­den Gebiet sofort auf­fal­len. Eine Ver- let­zung die­ser ein­ge­schränk­ten Ver­kehrs­pflicht kann aber nach der hier ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nur dann zu einer delik­ti­schen Haf­tung des Ver­le­gers füh­ren, wenn sie grob fahr­läs­sig oder gar vor­sätz­lich erfolgt ist. Unter die­sen Umstän­den wird dem Ver­le­ger der Ent­las­tungs- beweis des feh­len­den Ver­schul­dens ver­hält­nis­mä­ßig leicht gelin­gen. Dabei kommt ihm auch zustat­ten, daß sich die Her­kunft eines Feh­lers an Hand von Manu- skript, Druck- und Kor­rek­tur­fah­nen in der Regel ein­fach auf­klä­ren lässt.

Die Haf­tung des Buch­pro­du­zen­ten unter­schei­det sich also nicht uner­heb­lich von der des gewöhn­li­chen Waren­her­stel­lers. Die­ser muß sich bei Kon­struk­ti­on, Fa- bri­ka­ti­on und Instruk­ti­on nach dem neue­ren Stand von Wis­sen­schaft und Tech­nik rich­ten, soweit er objek­tiv er- kenn­bar und ermit­tel­bar ist. Ledig­lich für Gefah­ren, die in der Ent­wick­lungs- und Kon­struk­ti­ons­pha­se bei aller nach die­sem Stan­dard gebo­te­nen Sorg­falt nicht erkenn- bar waren, wird – von der Gefähr­dungs­haf­tung im Phar­ma­be­reich nach § 84 AMG abge­se­hen – grund­sätz- lich nicht gehaf­tet. Auch für sol­che Ent­wick­lungs­ri­si­ken trifft den Her­stel­ler jedoch eine Haf­tung bei Ver­let­zung sei­ner Pro­dukt­be­ob­ach­tungs­pflicht. Sie gebie­tet ihm, „lau­fend den Fort­gang der Ent­wick­lung von Wis­sen- schaft und Tech­nik auf dem ein­schlä­gi­gen Gebiet zu ver- fol­gen“. Bei Groß­un­ter­neh­men, die ihre Erzeug­nis­se in der gan­zen Welt ver­trei­ben, gehö­ren dazu auch „die Ver- fol­gung der Ergeb­nis­se wis­sen­schaft­li­cher Kon­gres­se und Fach­ver­an­stal­tun­gen sowie die Aus­wer­tung des ge- sam­ten inter­na­tio­na­len Schrift­tums“. Kon­se­quen­ter­wei- se wird dem Her­stel­ler daher auch ange­son­nen, sich nicht auf den ver­meint­lich gesi­cher­ten Stand der Wis- sen­schaft allein zu ver­las­sen, son­dern auch abwei­chen­de Außen­sei­ter- und Min­der­mei­nun­gen zu berück­sich­ti- gen, die wis­sen­schaft­lich vor­ge­tra­gen und begrün­det werden.

Die dar­aus resul­tie­ren­den Anfor­de­run­gen sind sehr hoch. Sie kon­tras­tie­ren auf­fäl­lig zu der Groß­zü­gig­keit, mit wel­cher der Bun­des­ge­richts­hof die Haf­tung des Ver- legers eines medi­zi­ni­schen Lehr­buchs beur­teilt hat. Bei

Held­rich · Haf­tung für Schä­den durch wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung 1 6 3

ihr soll es – wie gesagt – auf ein paar Druck­feh­ler hin oder her nicht ankom­men. Dies läßt sich mit der Erwä- gung begrün­den, daß für den Pro­du­zen­ten eines wis­sen- schaft­li­chen Buches im Inter­es­se der For­schungs­frei­heit die glei­che Feh­ler­to­le­ranz gel­ten muß wie für den Autor. Dage­gen wird die Fra­ge, ob und inwie­weit sich der Wa- ren­her­stel­ler bei sei­ner Haf­tung auf das auch für ihn gel- ten­de Grund­recht der For­schungs­frei­heit beru­fen könn- te, soweit ersicht­lich nicht ein­mal dis­ku­tiert. Dabei ist nicht zu bezwei­feln, daß in der Ent­wick­lung vie­ler hö- her­wer­ti­ger Pro­duk­te eine For­schungs­kom­po­nen­te ent- hal­ten ist, deren freie Ent­fal­tung durch das Haf­tungs­ri­si- ko emp­find­lich beein­träch­tigt wird. Die für die EG- Richt­li­nie [gemeint ist die EG-Pro­dukt­haf­tungs­richt­li­nie 85/374/EWG] ursprüng­lich vor­ge­schla­ge­ne Gefähr- dungs­haf­tung für Ent­wick­lungs­ri­si­ken ist daher wegen ihrer inno­va­ti­ons­hem­men­den Wir­kung nicht in die Tat umge­setzt wor­den. Aber auch die gel­ten­de ver­schul­den- sun­ab­hän­gi­ge­Re­ge­lung­d­er­Pro­du­zen­ten­haf­tun­ger­rich- tet für die For­schungs- und Ent­wick­lungs­tä­tig­keit in der Indus­trie gewis­se Bar­rie­ren. Den­noch ist ihre Ver­fas- sungs­mä­ßig­keit nicht zu bezwei­feln. Bei einer kom­mer- ziell ver­floch­te­nen For­schung tritt das Grund­recht des Art. 5 III GG im Kon­flikt mit ande­ren ver­fas­sungs­recht- lich geschütz­ten Wer­ten, wie Leben, Gesund­heit oder Ei- gen­tum der Ver­brau­cher, zurück (vgl. oben IV. 4.). Der Haf­tungs­aus­schluß für die auf ein­fa­cher Fahr­läs­sig­keit beru­hen­de Fehl­in­for­ma­ti­on gilt nur für die von poli­ti- schen, welt­an­schau­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Inte­res- sen unab­hän­gi­ge For­schung, wie sie etwa in Uni­ver­si­tä- ten, Max-Planck-Insti­tu­ten oder Groß­for­schungsein- rich­tun­gen betrie­ben wird.

e) Haf­tung bei bewuß­ter Fälschung

Für eine leicht­fer­ti­ge oder gar vor­sätz­li­che Schä­di­gung Drit­ter ver­sagt im Übri­gen auch die­ses Haf­tungs­pri­vi­leg. Inso­weit bleibt es bei der Anwen­dung der all­ge­mei­nen delikts­recht­li­chen Vor­schrif­ten. Die dar­aus erwach­sen- den Haf­tungs­ri­si­ken sind mit der Frei­heit der Wis­sen- schaft zu ver­ein­ba­ren. Sie wer­den allen­falls mit­tel­bar der Qua­li­tät der For­schung zugu­te kom­men, weil sie kras­se Abwei­chun­gen von den Regeln sorg­fäl­ti­ger, beson­ne­ner gewis­sen­haf­ter wis­sen­schaft­li­cher Arbeit ver­hin­dern helfen.

Daß sol­che den­noch immer wie­der vor­kom­men, ist kein Geheim­nis. Auch die Geschich­te der Wis­sen­schaft ist nicht frei von Skan­da­len. Ein Astro­nom erfin­det sich

einen Komet, ein berühm­ter Psy­cho­lo­ge belegt sei­ne Theo­rie der Ver­erb­lich­keit der Intel­li­genz mit erdich­te- ten Unter­su­chun­gen an ein­ei­igen Zwil­lin­gen, ein Phy­si- ker ent­deckt eine neue Art von Strah­lung, die es gar nicht gibt und hält damit für ein Jahr die Fach­welt zum Nar­ren, ein Krebs­for­scher beweist die Über­win­dung der Immun­bar­rie­re an Hand von wei­ßen Mäu­sen mit her- vor­ra­gend ange­wach­se­nen schwar­zen Haut­im­plan­ta­ten, die das Pro­dukt eines Filz­stifts waren. Beson­de­re Be- rühmt­heit hat in den USA vor eini­gen Jah­ren der Fall John Dar­see erlangt, der als einer der erfolg­reichs­ten Fäl- scher der Geschich­te der Wis­sen­schaft gilt. Im Alter von 31 Jah­ren war er an die renom­mier­te Har­vard Medi­cal School beru­fen wor­den und konn­te mit 33 Jah­ren bereits über hun­dert wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen auf expe- rimen­tel­ler Grund­la­ge vor­wei­sen, die aller­dings zum Teil auf geschick­te Mehr­fach-Ver­öf­fent­li­chun­gen zu- rück­zu­füh­ren waren. Sei­ne Fäl­schun­gen muß­ten in müh­sa­mer Klein­ar­beit durch ande­re Wis­sen­schaft­ler auf­ge­deckt wer­den. Her­aus­ge­ber wis­sen­schaft­li­cher Fach­zeit­schrif­ten und Mit­au­toren hat­ten nichts davon bemerkt, obgleich Unstim­mig­kei­ten nicht zu über­se­hen waren. So fin­det sich anschei­nend in einem Stamm- baum, mit dem Dar­see den Erb­gang einer sel­te­nen Herz- krank­heit beschreibt, ein 17jähriger Mann mit vier Kin- dern im Alter von acht, sie­ben, fünf und vier Jah­ren, was zumin­dest auf eine höchst unge­wöhn­li­che Akze­le­ra­ti­on der Geschlechts­rei­fe des Vaters hindeutet.

Fäl­le die­ser Art bewei­sen, daß Ehr­geiz und Kar­rie­re- stre­ben auch Wis­sen­schaft­ler kor­rum­pie­ren kön­nen. Selbst Nobel­preis­trä­ger sind dage­gen anschei­nend nicht gefeit. Zugleich sind sol­che Affä­ren aber auch die uner- freu­li­che Begleit­erschei­nung eines har­ten Wett­be­werbs um die knapp gewor­de­nen Stel­len und For­schungs­mit- tel. Sie deu­ten damit auf struk­tu­rel­le Män­gel unse­res Wis­sen­schafts­be­trie­bes hin. Die Maxi­me „publish or pe- rish“ ent­wi­ckelt sich zur Gei­ßel der Forschung.

Aus juris­ti­scher Sicht ist zu der­lei Skan­da­len nur we- nig anzu­mer­ken. Das Grund­recht der Wis­sen­schafts­frei- heit deckt die bewuß­te Fäl­schung nicht (vgl. oben IV 1). Für die dar­aus ent­ste­hen­den Schä­den, etwa von For- schungs­or­ga­ni­sa­tio­nen oder von Fach­kol­le­gen, die sich ver­geb­lich abmü­hen, die gefälsch­ten Expe­ri­men­te zu re- pro­du­zie­ren, wird nach den all­ge­mei­nen delikts­recht­li- chen Vor­schrif­ten gehaf­tet. Dabei ist ins­be­son­de­re auch eine Ersatz­pflicht wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung nach § 826 BGB in Betracht zu ziehen.

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