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Über­sicht

I. Ein­füh­rung: Besitzt das Vor­sor­ge­prin­zip nor­ma­ti­ve Kraft? II. Das Vor­sor­ge­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen
III. Das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen
IV. Aus­blick – Wie kön­nen Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­le bewer­tet werden?

I. Ein­füh­rung: Besitzt das Vor­sor­ge­prin­zip nor­ma­ti­ve Kraft?

In sei­ner im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nah­me zur Sicher­heits­pro­ble­ma­tik in den Bio- wis­sen­schaf­ten mit dem Titel Bio­si­cher­heit – Frei­heit und Ver­ant­wor­tung in der Wis­sen­schaft nimmt der Deut­sche Ethik­rat Bezug auf zwei Prin­zi­pi­en, die bei der Beur­tei- lung von Bio­si­cher­heits­maß­nah­men sowie der Begrün- dung von Schutz­maß­nah­men eine Rol­le spie­len kön- nen.1 Die­se Prin­zi­pi­en sind, ers­tens, das in der öffent­li- chen Dis­kus­si­on zur Umwelt­pro­ble­ma­tik weit ver­brei­te­te Vor­sor­ge­prin­zip, das auch in der Poli­tik der Euro­päi- schen Uni­on eine wich­ti­ge Rol­le spielt, und, zwei­tens, das in der phi­lo­so­phi­schen Risi­koethik viel dis­ku­tier­te Verantwortungsprinzip.2 Das Vor­sor­ge­prin­zip besagt, dass es bei Anwen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie auch ohne das Vor­lie­gen einer kon­kre­ten Risi­ko­ab­schät­zung mög­lich sein muss, vor­sorg­lich Schutz­maß­nah­men zu ergrei­fen. Das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip bezieht sich auf unse­re Ver­ant­wor­tung für das Fort­be­stehen mensch­li- chen Lebens und besagt, dass alle Hand­lun­gen (und ins- beson­de­re Anwen­dun­gen neu­er Tech­no­lo­gien) die­ses Fort­be­stehen nicht gefähr­den dür­fen. Bei­de Prin­zi­pi­en wer­den im Fol­gen­den näher erläutert.

Die Erwä­gun­gen des Ethik­rats bezie­hen sich pri­mär auf das Vor­sor­ge­prin­zip; das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip spielt in der Stel­lung­nah­me des Ethik­rats eine deut­lich unter­ge­ord­ne­te Rol­le. In Fra­ge steht für den Ethik­rat ins-

* Ich dan­ke Herrn Simon Loh­se, Herrn Gero Kel­ler­mann und Herrn Con­stan­tin Teetz­mann für hilf­rei­che Kom­men­ta­re zu einer frü­he- ren Fas­sung die­ses Artikels.

  1. 1  Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit – Frei­heit und Ver­ant­wor­tung in der Wis­sen­schaft (Stel­lung­nah­me), Ber­lin: Deut­scher Ethik­rat, 2014, 12 ff., http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme- biosicherheit.pdf (21.1.2015).
  2. 2  In ihrer Mit­tei­lung zum Vor­sor­ge­prin­zip misst die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on dem Vor­sor­ge­prin­zip eine zen­tra­le Rol­le mit Bezug auf den Schutz von Men­schen, Tie­ren, Pflan­zen sowie der Umwelt

beson­de­re die Taug­lich­keit des Vor­sor­ge­prin­zips als nor- mati­ve Bewer­tungs­grund­la­ge für Bio­si­cher­heits­fra­gen sowie als argu­men­ta­ti­ves Ele­ment für die Begrün­dung weit­ge­hen­der Schutz­maß­nah­men, dar­un­ter auch Ein- schrän­kun­gen der For­schungs­frei­heit in der Form von For­schungs- oder Publikationsverboten.

Wäh­rend der Ethik­rat dem Vor­sor­ge­prin­zip eine Rol­le als nor­ma­ti­ve Bewer­tungs­grund­la­ge von Bio­si- cher­heits­fra­gen bei­misst, möch­te ich im Fol­gen­den zei- gen, dass in wich­ti­gen Fäl­len weder das Vor­sor­ge­prin­zip noch das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip eine gute Grund­la­ge für die Bewer­tung von Bio­si­cher­heits­fra­gen oder die Be- grün­dung von Schutz­maß­nah­men sein können.

Wie in der inter­na­tio­na­len Dis­kus­si­on üblich, macht der Ethik­rat einen grund­le­gen­den Unter­schied zwi­schen Bio­safe­ty und Bio­se­cu­ri­ty als zwei Pro­blem­be­rei­che, die unter­schied­li­che Regu­lie­rungs­fra­gen aufwerfen.3 Bei­de Wör­ter las­sen sich zwar im Deut­schen mit „Bio­si­cher- heit“ über­set­zen, sie besit­zen jedoch deut­lich unter- schied­li­che Kon­no­ta­tio­nen. Die Bio­safe­ty-Pro­ble­ma­tik bezieht sich auf die Mög­lich­keit von (unbe­ab­sich­tig­ten) Unfäl­len in der bio­wis­sen­schaft­li­chen For­schung oder bei der Anwen­dung von neu­en Bio­tech­no­lo­gien bzw. neu­en Pro­duk­ten bio­wis­sen­schaft­li­cher For­schung. Bio­se­cu­ri­ty-Fra­gen hin­ge­gen bezie­hen sich auf die Mög- lich­keit, dass Ergeb­nis­se bio­wis­sen­schaft­li­cher For- schung oder auch neue bio­tech­no­lo­gi­sche Anwen­dun- gen und Pro­duk­te absicht­lich miss­braucht wer­den, z. B. für ter­ro­ris­ti­sche Zwe­cke. Sol­che Fäl­le wer­den übli­cher- wei­se auch als „Dual-Use“-Fäl­le bezeich­net, da es um eine mög­li­che dop­pel­te Ver­wen­dung wis­sen­schaft­li­cher For­schung – den inten­dier­ten Gebrauch und einen mög- lichen Miss­brauch – geht. Der Miss­brauchs­aspekt bringt in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len die Absich­ten und Inter­es­sen ver- schie­dens­ter Indi­vi­du­en und Grup­pie­run­gen als – typi- scher­wei­se kaum ein­schätz­ba­re – Fak­to­ren ins Spiel. Die­se Fak­to­ren, so die Über­le­gung, spie­len in Bio­safe­ty-

bei – dazu: Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Mit- tei­lung der Kom­mis­si­on COM 2000(1): Die Anwend­bar­keit des Vor­sor­ge­prin­zips, Brüs­sel, 12–13.

3 Zum Hin­ter­grund der Begrif­fe ‚Bio­safe­ty’ und ‚Bio­se­cu­ri­ty’ sie­he z. B. das Hin­ter­grund­do­ku­ment Bio­safe­ty and Bio­se­cu­ri­ty der Ver­ei­nig­ten Natio­nen, http://www.unog.ch/80256EDD006B8954/ (httpAssets)/46BE0B4ACED5F0E0C125747B004F447E/$file/ biosafety+background+paper+-+advanced+copy.pdf (12.07.2014).

Tho­mas A. C. Reydon

Epis­te­mo­lo­gi­sche Aspek­te der Anwen­dung
des Vor­sor­ge­prin­zips bei Biosicherheitsfragen*

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2015, ISSN 2197–9197

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Fäl­len hin­ge­gen kei­ne Rol­le, sodass die zwei Arten von Bio­si­cher­heits­pro­ble­men unter­schied­li­che Arten der Re- gulie­rung erfor­dern würden.

Der Unter­schied zwi­schen einer Bio­safe­ty-Pro­ble­ma- tik und einer Bio­se­cu­ri­ty-Pro­ble­ma­tik soll zwei Arten von Situa­tio­nen des Unwis­sens wider­spie­geln. Fäl­le der Bio­safe­ty-Pro­ble­ma­tik wer­den dadurch gekenn­zeich­net, dass es im Rah­men bio­wis­sen­schaft­li­cher For­schung oder bei der Anwen­dung neu­er Bio­tech­no­lo­gien zu ver- hee­ren­den Unfäl­len kom­men kann. Wenn die mög­li- chen Unfall­sze­na­ri­en gut bekannt sind und die Ein­tritts- wahr­schein­lich­kei­ten die­ser ver­schie­de­nen Sze­na­ri­en gut ein­ge­schätzt wer­den kön­nen (in der Ent­schei­dungs- theo­rie spricht man dann von Risi­ko­si­tua­tio­nen), kön- nen die eta­blier­ten Regel­wer­ke des Risi­ko­ma­nage­ments ein­ge­setzt wer­den. Man befin­det sich in sol­chen Fäl­len zwar in einer Situa­ti­on der begrenz­ten Unwis­sen­heit be- züg­lich zukünf­ti­ger Ereig­nis­se (man weiß ziem­lich ge- nau, was auf­tre­ten kann, aber nicht, was tat­säch­lich auf- tre­ten wird), jedoch sind die bestehen­den Risi­ken gut abschätz­bar. Bestehen zu den Unfall­sze­na­ri­en oder de- ren Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten jedoch grö­ße­re Unsi- cher­hei­ten, sodass eine Risi­ko­ab­schät­zung nicht gut mög­lich ist (die Ent­schei­dungs­theo­rie spricht von Situa- tio­nen der Unge­wiss­heit), dann kann auf das Vor­sor­ge- prin­zip zurück­ge­grif­fen wer­den, das Schutz­maß­nah­men auch ohne eine hin­rei­chen­de Risi­ko­ab­schät­zung ermög- lichen wür­de. In Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len hin­ge­gen hat man immer mit grund­le­gen­den Unsi­cher­hei­ten bezüg­lich der Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten der ver­schie­de­nen Sze­na- rien zu tun: Es geht hier schließ­lich um die Ein­schät­zung der Wahr­schein­lich­keit, dass bestimm­te For­schungser- geb­nis­se, mate­ri­el­le Pro­duk­te bio­wis­sen­schaft­li­cher For- schung (wie z. B. Toxi­ne oder hoch­pa­tho­ge­ne Viren) oder Tech­no­lo­gien absicht­lich für ter­ro­ris­ti­sche oder sons­ti­ge kri­mi­nel­le Zwe­cke miss­braucht wer­den. Aber wie will man sol­che Wahr­schein­lich­kei­ten ein­schät­zen? Eine Risi­ko­ein­schät­zung ist in den meis­ten Bio­se­cu­ri­ty-

Dual-Use-Fäl­le sind wesent­lich Fäl­le der Unsi­cher­heit, nicht eines wis­sen­schaft­lich abschätz­ba­ren Risi­kos. Das heißt jedoch, dass in sol­chen Fäl­len die bekann­te Risi­koethik auch nicht zum Tra­gen kom­men kann. Dazu: Ethik­rat, op. cit., 168–170. Zum Unter­schied zwi­schen Risi­ko und Unsi­cher­heit bzw. Unge­wiss­heit, sie­he z. B.

J. Nida-Rüme­lin, Ethik des Risi­kos, in: ders. (Hg.), Ange­wand­te Ethik: Die Bereichs­ethi­ken und ihre theo­re­ti­sche Fun­die­rung, Stutt­gart: Alfred Krö­ner Ver­lag, 1996, 807–830, 810; J. Nida- Rüme­lin, Ethik des Risi­kos, in: ders., Ethi­sche Essays, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 2002, 344–368, 347; J. Nida-Rüme­lin, B. Rath / J. Schu­len­burg, Risi­koethik, Ber­lin: De Gruy­ter, 2012; D. Birn­ba­cher
/ B. Wag­ner
, Risi­ko, in: M. Düwell / K. Steig­le­der (Hg.): Bio­ethik: Eine Ein­füh­rung, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 2003, 435–446; T.A.C. Rey­don, Wis­sen­schafts­ethik: Eine Ein­füh­rung, Stutt­gart: Ulmer/ UTB, 2013, 87–93.

Fäl­len nur sehr unvoll­stän­dig mög­lich, sodass Bio­se­cu­ri- ty-Fäl­le im Gegen­satz zu Bio­safe­ty-Fäl­len grund­sätz­lich immer Unsi­cher­heits­si­tua­tio­nen sind, für die – so der Ethik­rat – das Vor­sor­ge­prin­zip eine beson­de­re Bedeu- tung hat.4

Bezüg­lich Bio­se­cu­ri­ty-Fra­gen kommt der Ethik­rat dem­entspre­chend zu dem Schluss, dass sich „[f]ür die nor­ma­ti­ve Beur­tei­lung sol­cher Sze­na­ri­en […] in Erman- gelung bes­ser geeig­ne­ter Prin­zi­pi­en das Vor­sor­ge­prin­zip her­an­zie­hen“ lässt.5 Es lie­ßen sich, so der Ethik­rat, „kei- ne Argu­men­te erken­nen, die zu einer Auf­ga­be des Vor- sor­ge­prin­zips […] als nor­ma­ti­ven Bewer­tungs­maß­stab für die Gewähr­leis­tung von Bio­se­cu­ri­ty zwin­gen“ würden.6 Viel­mehr lie­ßen sich „plau­si­ble Grün­de dar­stel­len, die mit Blick auf Bio­se­cu­ri­ty auf der Grund­la­ge des Vor­sor- geprin­zips in Ver­bin­dung mit den Schutz­pflich­ten des Staa­tes für sei­ne Bür­ger ein weit­rei­chen­des Spek­trum von Vor­sor­ge- und Abwehr­maß­nah­men bis hin zur Ein- schrän­kung oder dem Ver­bot von For­schungs­vor­ha­ben im Prin­zip recht­fer­ti­gen können“.7 In der Tat wird das Vor­sor­ge­prin­zip (zumin­dest in eini­gen der vor­lie­gen­den For­mu­lie­run­gen) auch von eini­gen Phi­lo­so­phin­nen und Phi­lo­so­phen als nor­ma­ti­ves Prin­zip gese­hen, das zu Ent- schei­dungs­pro­zes­sen in Situa­tio­nen von Unsi­cher­heit hin­zu­ge­zo­gen wer­den kann.8 Mit Bezug auf eine sol­che Anwen­dung des Vor­sor­ge­prin­zips bei Bio­se­cu­ri­ty-Fra- gen stellt sich jedoch die Fra­ge, ob das Vor­sor­ge­prin­zip über­haupt in der Lage ist, eine wirk­li­che nor­ma­tiv-be- grün­den­de Rol­le als Bewer­tungs­maß­stab für die Ge- währ­leis­tung von Bio­se­cu­ri­ty zu spie­len. Bei der Erör­te- rung die­ser Fra­ge müs­sen die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Vor­sor­ge­prin­zips, die ver­schie­de­nen For­mu­lie­run­gen die­ses Prin­zips sowie die mit die­sen For­mu­lie­run­gen ver­knüpf­ten Inhal­te mit in Betracht gezo­gen werden.

Ich möch­te in die­sem Bei­trag dafür argu­men­tie­ren, dass das Vor­sor­ge­prin­zip in Fäl­len eines mög­li­chen Miss­brauchs bio­wis­sen­schaft­li­cher For­schung nicht als nor­ma­ti­ve Grund­la­ge für die Bewer­tung sol­cher Fälle

5 Ethik­rat, op. cit., 170; eige­ne Kur­si­vie­rung.
6 Id., 173; eige­ne Kur­si­vie­rung.
7 Id. Der Ethik­rat schreibt außer­dem: „Da ande­rer­seits bioterroris-

tische Anschlä­ge und sons­ti­ge Schä­di­gun­gen von Men­schen und der Lebens­welt, die vom Ver­ur­sa­cher als sol­che inten­diert sind, durch den Miss­brauch von lebens­wis­sen­schaft­li­cher For­schung und For­schungs­er­geb­nis­sen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, muss sich eine nor­ma­ti­ve Bewer­tung in die­sen Fäl­len ins­be­son­de­re auf das Vor­sor­ge­prin­zip stüt­zen.“ (Id., 169; eige­ne Kursivierung).

8 Z. B. D.B. Res­nik, Is the pre­cau­tio­na­ry princip­le unsci­en­ti­fic?, Stu­dies in Histo­ry and Phi­lo­so­phy of Bio­lo­gi­cal and Bio­me­di­cal Sci­ence 34, 2003, 329–344, 330; F. Kuh­lau, A.T. Hög­lund, K. Evers / S. Eriks­son, A pre­cau­tio­na­ry princip­le for dual use rese­arch in the life sci­en­ces, Bio­ethics 25, 2011, 1–8, 2.

geeig­net ist. Dabei bezie­he ich mich ins­be­son­de­re auf die Bewer­tung der Not­wen­dig­keit von Schutz­maß­nah­men oder gar von Maß­nah­men zur Ein­schrän­kung der Frei- heit der For­schung. Der Grund ist, dass das Vor­sor­ge- prin­zip im Wesent­li­chen auf die Exis­tenz epis­te­mi­scher Lücken hin­weist: Gera­de weil wir nicht genug über die mög­li­chen Anwen­dun­gen eines bestimm­ten Wis­sens­be- stands bzw. einer bestimm­ten Tech­no­lo­gie wis­sen, d. h. uns in einer Situa­ti­on epis­te­mi­scher Unsi­cher­heit befin- den, gebie­tet das Vor­sor­ge­prin­zip uns, mit größ­ter Vor- sicht vor­zu­ge­hen. Aller­dings sind in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len die­se epis­te­mi­schen Lücken nicht von einer sol­chen Art, dass das Vor­sor­ge­prin­zip tat­säch­lich ein Werk­zeug sein könn­te, um mit die­sen Lücken umzu­ge­hen – so mei­ne The­se. Dar­über hin­aus wer­de ich ver­su­chen zu zei­gen, dass sowohl die moral­phi­lo­so­phi­sche Begrün­dung des Vor­sor­ge­prin­zips als auch des­sen For­mu­lie­run­gen mit Pro­ble­men behaf­tet sind, die das Prin­zip in der Pra­xis schwer anwend­bar machen.

II. Das Vor­sor­ge­prin­zip bei Biosicherheitsfragen

Das Vor­sor­ge­prin­zip wur­de in den 1970er und 1980er Jah­ren als poli­ti­sches Ent­schei­dungs­prin­zip in der öffent­li­chen und poli­ti­schen Dis­kus­si­on über den Umgang mit Umwelt­pro­ble­men eingeführt.9 Sei­ne Wur- zeln lie­gen nicht in der Moral­phi­lo­so­phie – das Vor­sor- geprin­zip tritt erst nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung in poli- tischen Doku­men­ten als Dis­kus­si­ons­ob­jekt in der moral- phi­lo­so­phi­schen Lite­ra­tur auf.10 Dem­entspre­chend wird das Vor­sor­ge­prin­zip oft pri­mär als poli­ti­sches Steue- rungs­prin­zip – als „a gui­de for using sci­en­ti­fic con­side- rati­ons in social/legal decisi­on-making contexts“11 – und nicht so sehr als mora­li­sche bzw. moralphilosophische

  1. 9  Die Geschich­te des Vor­sor­ge­prin­zips ist in der Lite­ra­tur ver­brei­tet dis­ku­tiert wor­den. Sie­he z. B.: A. Jor­dan / T. O’Riordan, The pre­cau­tio­na­ry princip­le in con­tem­pora­ry envi­ron­men­tal poli­cy and poli­tics, in: C. Raf­fen­sper­ger / J. Tick­ner (Hg.), Pro­tec­ting Public Health & the Envi­ron­ment: Imple­men­ting the Pre­cau­tio- nary Princip­le, Washing­ton, DC: Island Press, 1999, 15–35, 19 ff.; S.M. Gar­di­ner, A core pre­cau­tio­na­ry princip­le, Jour­nal of Poli­ti­cal Phi­lo­so­phy 14, 33–60, 35 ff.; M. Ahteen­su / P. San­din, The pre­cau- tio­na­ry princip­le, in: S. Roe­ser, R. Hil­ler­brand, P. San­din / M. Peter­son (Hg.), Hand­book of Risk Theo­ry, Dor­drecht: Sprin­ger, 2012, 961–978, 965–966; Nida-Rüme­lin, Rath / Schu­len­burg, op. cit., 105ff.; Rey­don, op. cit., 87–93.
  2. 10  Nida-Rüme­lin, Rath / Schu­len­burg, op. cit., 105–106.
  3. 11  C.F. Cra­nor, Lear­ning from the law to address uncer­tain­ty in the pre­cau­tio­na­ry princip­le, Sci­ence and Engi­nee­ring Ethics 7, 2001,313–326, 315.
  4. 12  Eine gegen­tei­li­ge Mei­nung ver­tritt z. B. Gar­di­ner, op. cit., 40.
  5. 13  Gar­di­ner, op. cit., 33.
  6. 14  „[T]he Pre­cau­tio­na­ry Princip­le still has neit­her a commonly

Maxi­me angesehen.12 Durch die­se Ent­ste­hungs­ge­schich- te sowie die feh­len­de Ver­an­ke­rung in der moral­phi­lo­so- phi­schen Dis­kus­si­on genießt das Vor­sor­ge­prin­zip inner- halb der phi­lo­so­phi­schen Gemein­schaft nach Ansicht eini­ger Autoren kei­nen sehr guten Ruf: „it remains ill- defi­ned, and its phi­lo­so­phi­cal repu­ta­ti­on is low“.13 Kurz zusam­men­ge­fasst ist das Pro­blem, dass das Vor­sor­ge- prin­zip sowohl (1.) einer ein­deu­ti­gen moral­phi­lo­so­phi- schen Fun­die­rung als auch (2.) einer ein­deu­ti­gen For- mulie­rung und (3.) ein­deu­ti­ger mora­li­scher bzw. regu­la- tiver Impli­ka­tio­nen ent­behrt. Das heißt: Wäh­rend sich die meis­ten Per­so­nen für das Vor­sor­ge­prin­zip aus­sp­re- chen und es all­ge­mein als eine gute Sache ange­se­hen wird, weiß letzt­lich nie­mand so genau, wor­in das Prin­zip begrün­det ist, was es beinhal­tet und was es genau für die Pra­xis bedeutet.14

Um die mög­li­che Bedeu­tung des Vor­sor­ge­prin­zips für die nor­ma­ti­ve Bewer­tung von Bio­safe­ty- und Bio­se- curi­ty-Fäl­len beur­tei­len zu kön­nen, sol­len zuerst eini­ge all­ge­mei­ne Grund­zü­ge des Prin­zips skiz­ziert wer­den. Obwohl kei­ne ein­deu­ti­ge For­mu­lie­rung des Vor­sor­ge- prin­zips exis­tiert und das Prin­zip in stark unter­schied­li- chen For­mu­lie­run­gen vor­liegt (dazu spä­ter mehr), be- zie­hen sich alle For­mu­lie­run­gen des Prin­zips auf die Fra- ge, ob in Fäl­len epis­te­mi­scher Unsi­cher­heit Schutz­maß- nah­men gegen even­tu­el­le Schä­den ergrif­fen wer­den kön­nen oder gar sol­len. So spricht die Welt­kom­mis­si­on für Ethik in Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie der UNESCO, COMEST, in ihrer Arbeits­de­fi­ni­ti­on des Vor­sor­ge­prin- zips von Fäl­len, in denen das Auf­tre­ten von Schä­den auf Grund einer wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­se als plau­si­bel aber unge­wiss erach­tet wer­den muss, und erklärt, dass in sol- chen Fäl­len Schutz­maß­nah­men gebo­ten sind.15 Für die Anwend­bar­keit des Vor­sor­ge­prin­zips gel­ten dement-

accep­ted defi­ni­ti­on nor a set of cri­te­ria to gui­de its imple­men­ta- tion. […] While it is applau­ded as a ‘good thing,’ no one is qui­te sure about what it real­ly means or how it might be imple­men- ted.“ Sie­he Jor­dan / O’Riordan, op. cit., 22. Das Vor­sor­ge­prin­zip wur­de in der Lite­ra­tur stark kri­ti­siert und ist nach wie vor Gegen­stand einer kon­tro­ver­sen Debat­te. Für eine Über­sicht eini­ger weit ver­brei­te­ten Ein­wän­de gegen das Vor­sor­ge­prin­zip sowie Ver­tei­di­gun­gen gegen die­se Ein­wän­de, sie­he P. San­din, M. Peter­son, S.O.Hansson, C. Rudén / A. Juthe, Five char­ges against the pre­cau­tio­na­ry princip­le, Jour­nal of Risk Rese­arch 5, 2002, 287- 299; M. Ahteen­su, Defen­ding the pre­cau­tio­na­ry princip­le against three cri­ti­cisms, Tra­mes 11, 2007, 366–381; P. San­din, Com­mon- sen­se pre­cau­ti­on and varie­ties of the pre­cau­tio­na­ry principle,

in: T. Lewens (Hg.), Risk: Phi­lo­so­phi­cal Per­spec­ti­ves, Abing­don: Rout­ledge, 99–112; A. Stir­ling, The pre­cau­tio­na­ry princip­le, in: J.K. Berg Olsen, S.A. Peder­sen / V.F. Hend­ricks (Hg.), A Com­pa­n­ion to the Phi­lo­so­phy of Tech­no­lo­gy, Chi­ches­ter: Wiley-Black­well, 2009, 248–262; Nida-Rüme­lin, Rath / Schu­len­burg, op. cit., 119–122.

15 COMEST, The Pre­cau­tio­na­ry Princip­le, Paris: UNESCO, 2005, 14.

Rey­don · Vor­sor­ge­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen 7 5

76 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 73–82

spre­chend zwei Vor­aus­set­zun­gen: (i) Es muss eine Situa- tion epis­te­mi­scher Unsi­cher­heit vor­lie­gen – d.h., wir müs- sen uns in einer Wis­sens­la­ge befin­den, die an und für sich nicht als Grund­la­ge für eine schlüs­si­ge Risi­ko­ab- schät­zung aus­reicht, die wie­der­um Schutz­maß­nah­men begrün­den würde.16 (ii) Es muss aller­dings auch eine be- grün­de­te Gefähr­dungs­ver­mu­tung vor­lie­gen, d.h., die Annah­me einer Gefähr­dung darf nicht ledig­lich auf blo- ßen Befürch­tun­gen oder Ängs­ten beruhen.17 Die Ge- fähr­dungs­ver­mu­tung darf also nicht rein hypo­the­ti­scher Natur sein, son­dern muss aus einer Wis­sens­la­ge her­vor- gehen, die aus­rei­chend ist, um eine poten­ti­el­le Gefähr- dung zu begrün­den, aber nicht aus­rei­chend, um auch ent­spre­chen­de Schutz­maß­nah­men begrün­den zu kön- nen. Eine sol­che Situa­ti­on liegt z. B. vor, wenn kon­kre­te Gefah­ren benannt und plau­si­bel gemacht wer­den kön- nen, aber es nicht mög­lich ist, die ent­spre­chen­den Ein- tritts­wahr­schein­lich­kei­ten einzuschätzen.

Hier zeigt sich bereits ein wesent­li­cher Unter­schied zwi­schen Bio­safe­ty-Fäl­len und Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len. In Fäl- len der ers­te­ren Kate­go­rie bezie­hen sich die bei­den Vor- aussetzungen(i)und(ii)aufdenGegenstandderbetref- fen­den bio­wis­sen­schaft­li­chen For­schung. Wenn in Bio­safe- ty-Fäl­len die Wis­sens­la­ge über den For­schungs­ge­gen­stand aus­rei­chend ist, um eine gute Gefähr­dungs­ein­schät­zung (d. h. eine Ein­schät­zung der Unfall­ri­si­ken) zu ermög­li­chen und Schutz­maß­nah­men zu begrün­den, liegt eine Risi­ko­si- tua­ti­on vor. Folgt aus der Wis­sens­la­ge hin­ge­gen, dass von einer wirk­li­chen Gefähr­dung gespro­chen wer­den kann, ohne dass jedoch die Wahr­schein­lich­kei­ten von Unfäl­len oder das zu erwar­ten­de Aus­maß der Schä­den kon­kret an- gege­ben wer­den kön­nen, so kann das Vor­sor­ge­prin­zip ins Spiel gebracht wer­den. In sol­chen Situa­tio­nen der Unge­wiss­heit kön­nen unter Rück­griff auf das Vor­sor­ge- prin­zip den­noch Schutz­maß­nah­men ein­ge­lei­tet wer­den. Es muss her­vor­ge­ho­ben wer­den, dass in sol­chen Fäl­len die getrof­fe­nen Schutz­maß­nah­men ledig­lich vor­läu­fig sein kön­nen: Sie gehen ja para­do­xer­wei­se aus der Tat­sa- che her­vor, dass die Wis­sens­la­ge gera­de kei­ne Schutz- maß­nah­men begrün­den kann, sodass sie den Sta­tus von nicht hin­rei­chend begrün­de­ten Maß­nah­men haben. Die­se aller­dings kön­nen nur vor­läu­fig als legi­tim ange­se- hen wer­den, näm­lich so lan­ge bis eine hin­rei­chen­de Be-

  1. 16  Sie­he auch Kuh­lau et al., op. cit., 5; Nida-Rüme­lin, Rath / Schu­len- burg, op. cit., 108.
  2. 17  Sie­he auch Cra­nor, op. cit., 318; Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on sieht den Anwen­dungs­be­reich des Vor­sor­ge­prin­zips in „Fäl­len,
    in denen auf­grund einer objek­ti­ven wis­sen­schaft­li­chen Bewer­tung berech­tig­ter Grund für […] Besorg­nis besteht“, sie­he: Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, op. cit., 2–3 (eige­ne Kur­si­vie- rung). Auch die COMEST-Defi­ni­ti­on des Vor­sor­ge­prin­zips geht

grün­dung bzw. eine hin­rei­chen­de wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se der Gefähr­dungs­si­tua­ti­on vor­liegt. Die argu- men­ta­ti­ve Rol­le des Vor­sor­ge­prin­zips liegt hier also dar- in, dass es in sol­chen Situa­tio­nen ein Gebot zur wei­te­ren For­schung impli­ziert, d. h. ein Gebot, durch wei­te­re Un- ter­su­chun­gen am For­schungs­ge­gen­stand Situa­tio­nen der Unsi­cher­heit in Risi­ko­si­tua­tio­nen umzu­wan­deln, in de- nen Schutz­maß­nah­men durch die Wis­sens­la­ge begrün- det wer­den können.18

In Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len wäre ein ähn­li­ches Argu­men­ta- tions­sche­ma unter Ein­be­zie­hung des Vor­sor­ge­prin­zips jedoch nur mit gro­ßen Schwie­rig­kei­ten anwend­bar. Hier bezie­hen sich die Vor­aus­set­zun­gen (i) und (ii) pri­mär auf exter­ne Umstän­de, wie z. B. die geo­po­li­ti­sche Lage, kon­kre­te Infor­ma­tio­nen über Akti­vi­tä­ten ter­ro­ris­ti­scher Grup­pen, usw. – es geht ja um die Mög­lich­keit absicht­li- chen Miss­brauchs – und erst in zwei­ter Linie auf den For­schungs­ge­gen­stand. In Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len wird eine Anwen­dung des Vor­sor­ge­prin­zips in Situa­tio­nen der Unge­wiss­heit dem­entspre­chend nicht dar­auf aus­ge­rich- tet sein kön­nen, sol­che Situa­tio­nen durch wei­te­re wis- sen­schaft­li­che For­schung an dem eigent­li­chen For- schungs­ge­gen­stand in Risi­ko­si­tua­tio­nen umzu­wan­deln. Außer­dem wird davon aus­zu­ge­hen sein, dass eine sol­che Umwand­lung in den meis­ten Fäl­len nicht erreich­bar sein wird, da die Wahr­schein­lich­kei­ten eines absicht­li- chen Miss­brauchs eines Gegen­stands nie gut abschätz- bar sind. Somit stellt sich die Fra­ge, wel­che argu­men­ta­ti- ve bzw. begrün­den­de Rol­le das Vor­sor­ge­prin­zip bei der Beur­tei­lung von Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len spie­len könnte.

Um die mög­li­che Rol­le des Vor­sor­ge­prin­zips in Bio­se- curi­ty-Fäl­len zu klä­ren, sol­len zuerst die ver­schie­de­nen For­mu­lie­run­gen des Vor­sor­ge­prin­zips näher betrach­tet wer­den. Obwohl das Vor­sor­ge­prin­zip mitt­ler­wei­le in vie­len poli­ti­schen Doku­men­ten ent­hal­ten ist, exis­tiert kei­ne ein­deu­ti­ge For­mu­lie­rung des Prin­zips. All­ge­mein wird zwi­schen star­ken und schwa­chen Vari­an­ten des Prin­zips unterschieden.19 Laut der stärks­ten Vari­an­te, die z. B. in der sog. Erd-Char­ta auf­ge­nom­men ist, dür­fen Hand­lun­gen nur dann aus­ge­führt wer­den, wenn ihre Unschäd­lich­keit expli­zit nach­ge­wie­sen ist.20 Mit Bezug auf bio­si­cher­heits­re­le­van­te For­schungs­pro­jek­te wür­de die stärks­te Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips die Durchfüh-

davon aus, dass die Begrün­dung wis­sen­schaft­li­cher Natur sein muss. Dies scheint mir jedoch nicht unbe­dingt not­wen­dig, so lan­ge die Begrün­dung als aus­rei­chend erach­tet wird.

18 Vgl. Kuh­lau et al., op. cit., 7.
19 Nida-Rüme­lin, Rath / Schu­len­burg, op. cit., 118–119; Ethik­rat, op.

cit., 79 ff.
20 Sie­he den Text der Erd-Char­ta von 2005, Grund­satz 6, http://erd-

charta.de/fileadmin/Materialien/Erd-Charta_Text.pdf (21.1.2015).

rung eines Pro­jekts erst dann erlau­ben, wenn der Nach- weis der Unschäd­lich­keit der zu erwar­ten­den Ergeb­nis­se erbracht ist. Für bio­safe­ty-rele­van­te Pro­jek­te wür­de ein sol­cher Nach­weis aller­dings durch wei­te­re For­schung ge- lie­fert wer­den müs­sen: Um die poten­zi­el­le Schäd­lich­keit der Ergeb­nis­se gut ein­schät­zen zu kön­nen, müss­te die betref­fen­de For­schung zumin­dest zum Teil tat­säch­lich aus­ge­führt werden.21 Da die stärks­te Ver­si­on des Vor­sor- geprin­zips dies aller­dings gera­de ver­bie­tet, kann es in die­sem Rah­men leicht einen nicht erfüll­ba­ren Anspruch dar­stel­len. In Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len sind die Anfor­de­run­gen der stärks­ten Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips glei­cher­ma- ßen uner­füll­bar, jedoch aus ande­ren Grün­den: Hier stellt sich die Fra­ge, ob es über­haupt mög­lich wäre nach­zu­wei- sen, dass der Miss­brauch von bestimm­ten For­schungser- geb­nis­sen unwahr­schein­lich oder gar aus­ge­schlos­sen ist. Die stärks­te Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips ist dement- spre­chend weder in Bio­safe­ty-Fäl­len noch in Bio­se­cu­ri­ty- Fäl­len anwendbar.

Die weit ver­brei­te­te schwa­che For­mu­lie­rung des Vor- sor­ge­prin­zips, die z. B. in der Rio-Erklä­rung der Verei- nig­ten Natio­nen von 1992 ent­hal­ten ist, besagt, dass eine unsi­che­re Wis­sens­la­ge nicht gegen Schutz­maß­nah­men spre­chen darf.22 Ange­wen­det bei der Bewer­tung von bi- osi­cher­heits­re­le­van­ten For­schungs­pro­jek­ten wür­de die schwa­che Ver­si­on also ledig­lich die Mög­lich­keit von Schutz­maß­nah­men (dar­un­ter ggf. auch Ein­schrän­kun- gen der For­schungs­frei­heit) begrün­den, ohne jedoch spe­zi­fi­sche Maß­nah­men zu for­dern oder gar zu for­dern, dass über­haupt irgend­wel­che Maß­nah­men getrof­fen wer­den soll­ten. In Bio­safe­ty-Fäl­len fol­gen auch die­sem schwa­chen Prin­zip kei­ne kon­kre­ten Maß­nah­men – ins- beson­de­re kann auch kein For­schungs­ge­bot aus die­sem Prin­zip abge­lei­tet wer­den, da das Prin­zip ja ledig­lich die blo­ße Mög­lich­keit von Maß­nah­men offen zu hal­ten ver- sucht. Kon­kre­te Maß­nah­men müs­sen ander­wei­tig be- grün­det wer­den, z.B. durch die unter Punkt (ii) gefor­der- te, begrün­de­te Gefähr­dungs­ver­mu­tung in Ver­bin­dung mit den Schutz­pflich­ten des Staa­tes (z. B. mit Bezug auf das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit). Das Glei­che gilt für Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­le. Auch hier können

  1. 21  Der Phi­lo­soph Hans Jonas sowie der Sozio­lo­ge Ulrich Beck haben auf ähn­li­che Pro­ble­me hin­ge­wie­sen. Sie­he dazu Abschnitt III.
  2. 22  Rio-Erklä­rung über Umwelt und Ent­wick­lung, Grund­satz 15; http://www.un.org/depts/german/conf/agenda21/rio.pdf (21.1.2015).
  3. 23  Gar­di­ner, op. cit., 33: „[T]he recent lite­ra­tu­re tends to dis­tin­guish bet­ween weak and strong ver­si­ons of the princip­le, and to regard the first as vacuous and the second as extre­me, myo­pic and irra­ti- onal.“
  4. 24  Kuh­lau et al., op. cit., 8; eige­ne Kur­si­vie­rung. Die bekann­tes­te mode­ra­te For­mu­lie­rung ist zu fin­den in der Abschlusserklärung

kon­kre­te Schutz­maß­nah­men nicht aus dem Vor­sor­ge- prin­zip her­ge­lei­tet wer­den. Aller­dings ergibt sich – an- ders als in Bio­safe­ty-Fäl­len – hier die Not­wen­dig­keit von bestimm­ten kon­kre­ten Schutz­maß­nah­men bereits aus Ana­ly­sen der momen­ta­nen geo­po­li­ti­schen, wirt­schaft­li- chen usw. Situa­ti­on, die bele­gen, dass die Mög­lich­keit des Miss­brauchs von bestimm­ten For­schungs­er­geb­nis- sen mehr als eine blo­ße Befürch­tung ist. Weil die mo- men­ta­ne geo­po­li­ti­sche Lage uns bereits gute Grün­de gibt um anzu­neh­men, dass eine tat­säch­li­che Miss­brauchs­ge- fahr besteht (ohne dass jedoch Infor­ma­tio­nen über kon- kre­te Absich­ten ein­zel­ner Per­so­nen oder Grup­pie­run- gen, z. B. zu einem geplan­ten Atten­tat, vor­lie­gen), ergibt sich die Mög­lich­keit (eben­so wie die Not­wen­dig­keit) von Schutz­maß­nah­men hier bereits aus der Gefähr­dungs­ver- mutung in Ver­bin­dung mit den Schutz­pflich­ten des Staa- tes. Das schwa­che Vor­sor­ge­prin­zip fügt die­ser Begrün- dung nichts hin­zu. Man braucht daher das Vor­sor­ge- prin­zip (in der schwa­chen For­mu­lie­rung) nicht noch zu- sätz­lich ins Spiel zu brin­gen und es erfüllt in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len kei­ne wei­te­re argu­men­ta­ti­ve Rolle.

Statt der stärks­ten Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips, die oft als extrem und sogar irra­tio­nal ange­se­hen wird, und der schwa­chen Ver­si­on, die oft als leer und zahn­los abge- lehnt wird, ent­hal­ten vie­le poli­ti­schen Doku­men­te eine zwi­schen die­sen bei­den Extre­men lie­gen­de, mode­ra­te Ver­si­on des Vorsorgeprinzips.23 Laut die­ser mode­ra­ten Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips sind in unsi­che­ren Wis- sen­s­la­gen Schutz­maß­nah­men gebo­ten. Eine sol­che For- mulie­rung lau­tet z. B.: „When and whe­re serious and cre- dible con­cern exists that legi­ti­mate­ly inten­ded bio­lo­gi­cal mate­ri­al, tech­no­lo­gy or know­ledge in the life sci­en­ces pose thre­ats of harm to human health and secu­ri­ty, the sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty is obli­ged to deve­lop, imple­ment and adhe­re to pre­cau­tious mea­su­res to meet the con- cern.“24 Auch der Deut­sche Ethik­rat lehnt in sei­ner Stel- lung­nah­me zu Bio­si­cher­heit die stärks­te Les­art des Vor- sor­ge­prin­zips ab und scheint statt­des­sen eine eher mo- dera­te Ver­si­on des Vor­sor­ge­prin­zips anzu­neh­men, ob- wohl auch die Anwen­dung einer schwa­chen Ver­si­on nicht aus­ge­schlos­sen wird.25 Der Ethik­rat spricht diesbe-

Rey­don · Vor­sor­ge­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen 7 7

25

der sog. Wings­pread Con­fe­rence von 1998: „When an acti­vi­ty rai­ses thre­ats of harm to human health or the envi­ron­ment, pre- cau­tio­na­ry mea­su­res should be taken even if some cau­se and effect rela­ti­ons­hips are not ful­ly estab­lis­hed sci­en­ti­fi­cal­ly“ (Wings­pread State­ment on the Pre­cau­tio­na­ry Princip­le, viel­fach ver­öf­fent- licht, z. B.: http://www.sehn.org/wing.html (21.1.2015), eige­ne Kur­si­vie­rung). Eine ande­re bekann­te mode­ra­te For­mu­lie­rung ist in der bereits zitier­ten Stel­lung­nah­me zum Vor­sor­ge­prin­zip der Welt­kom­mis­si­on für Ethik in Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie der UNESCO zu fin­den (COMEST, op. cit., 14).
Ethik­rat, op. cit., 78–81, 173.

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züg­lich von dem „Grund­satz, dass in Situa­tio­nen der Unge­wiss­heit zwar Maß­nah­men der Scha­dens­ab­wehr ge- boten sind, wenn schwer­wie­gen­de nega­ti­ve Fol­gen für hoch­ran­gi­ge Güter wie Men­schen­le­ben oder die Umwelt durch risi­ko­rei­che Hand­lun­gen dro­hen, dar­über hin­aus jedoch nicht per se eine Pflicht zum Unter­las­sen der Hand­lung abge­lei­tet wer­den kann.”26 Obwohl das mode- rate Vor­sor­ge­prin­zip die Ergrei­fung von Schutz­maß­nah- men in Unsi­cher­heits­si­tua­tio­nen gebie­tet statt die­se le- dig­lich zu ermög­li­chen, erfüllt es – wie das schwa­che Vor­sor­ge­prin­zip auch – m. E. in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len kei­ne wirk­li­che argu­men­ta­ti­ve Funk­ti­on. Der Grund ist auch hier, dass die unter Punkt (ii) gelie­fer­ten Daten und Ar- gumen­te gegen den Hin­ter­grund der übli­chen Schutz- pflich­ten des Staa­tes an und für sich bereits eine hin­rei- chen­de Begrün­dung von Schutz­maß­nah­men dar­stel­len und ein zusätz­li­ches, all­ge­mei­nes Gebot, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die­ser Begrün­dung nichts hinzufügt.

Der Punkt ist, dass in Situa­tio­nen der Unge­wiss­heit Schutz­maß­nah­men nicht durch die Gefähr­dungs­ver­mu- tung allein begrün­det wer­den kön­nen, son­dern es zu- sätz­li­cher Begrün­dungs­prin­zi­pi­en bedarf. Weil in Bio­se- curi­ty-Fäl­len die Schutz­pflich­ten des Staa­tes die­se ergän- zen­de Rol­le bereits erfül­len, bedarf es nicht noch zusätz- lich des Vor­sor­ge­prin­zips. Dar­über hin­aus eig­net sich das Vor­sor­ge­prin­zip nicht zur Begrün­dung kon­kre­ter Maß­nah­men (außer einem Gebot zur wei­te­ren For- schung an dem For­schungs­ge­gen­stand zur Über­füh­rung einer Situa­ti­on der Unge­wiss­heit in eine Risi­ko­si­tua­ti­on, das aller­dings in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len kei­ne Anwen­dung fin­den kann). In bei­den Fäl­len – im Fal­le des bei Bio­se­cu- rity-Fra­gen ange­wen­de­ten schwa­chen Vor­sor­ge­prin­zips sowie im Fal­le des bei sol­chen Fra­gen ange­wen­de­ten mode­ra­ten Vor­sor­ge­prin­zips – Schutz­maß­nah­men (dar- unter ggf. auch Ein­schrän­kun­gen der For­schungs­frei­heit oder Publi­ka­ti­ons­ver­bo­te) bereits durch das Bestehen ei- ner Miss­brauchs­ge­fahr begrün­det, ohne dass die blo­ße Ermög­li­chung sol­cher Maß­nah­men durch das Vor­sor­ge- prin­zip noch zusätz­lich benö­tigt wäre. Der Grund dafür liegt dar­in, so möch­te ich zumin­dest behaup­ten, dass das Vor­sor­ge­prin­zip – zwar nicht expli­zit, aber zumin­dest sei­nem Geis­te nach – ein Stre­ben nach Selbst­auf­he­bung beinhal­tet. Das Prin­zip kommt dann ins Spiel wenn die Situa­ti­on eine sol­che ist, dass zwar eine begrün­de­te Ge- fähr­dungs­wahr­neh­mung exis­tiert, aber den­noch die

  1. 26  Ethik­rat, op. cit., 80; eige­ne Kursivierung.
  2. 27  Zu einem sol­chen For­schungs­ge­bot, sie­he auch Ethik­rat, op. cit.,81, 85 & 181.
  3. 28  Maß­geb­lich: H. Jonas, Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung: Ver­such einer

Not­wen­dig­keit von Schutz­maß­nah­men nicht aus der vor­lie­gen­den Wis­sens­la­ge abge­lei­tet wer­den kann. Eine sol­che Situa­ti­on soll­te aller­dings nicht fort­dau­ern: Weil das Vor­sor­ge­prin­zip (in der mode­ra­ten For­mu­lie­rung) die Mög­lich­keit von Schutz­maß­nah­men begrün­det, so lan­ge kei­ne bes­se­re Begrün­dung vor­liegt, ent­hält es im- pli­zit auch die Auf­for­de­rung, nach einer sol­chen bes­se- ren Begrün­dung zu suchen. Das Vor­sor­ge­prin­zip ist also im Wesent­li­chen auf die Über­win­dung von Situa­tio­nen aus­ge­rich­tet, in denen es erst Gül­tig­keit bekommt. Wäh- rend in Bio­safe­ty-Fäl­len hier­aus ein Gebot zu wei­te­ren For­schung abge­lei­tet wer­den kann, gibt es in Bio­se­cu­ri­ty- Fäl­len kei­ne sol­che Mög­lich­keit zur Selbst­auf­he­bung des Vorsorgeprinzips.27 Hin­zu kom­men die oben bereits an- gespro­che­ne feh­len­de moral­phi­lo­so­phi­sche Fun­die­rung des Vor­sor­ge­prin­zips sowie die Fra­ge nach der bes­ten For­mu­lie­rung des Prin­zips, die eine Anwen­dung des Vor­sor­ge­prin­zips in Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­len zusätz­lich er- schweren.

Gibt es moral­phi­lo­so­phisch bes­ser fun­dier­te Prin­zi- pien, die das Vor­sor­ge­prin­zip bei der Bewer­tung von Bi- osi­cher­heits­fra­gen erset­zen könn­ten? Im Fol­gen­den möch­te ich mich kurz einer mög­li­chen Alter­na­ti­ve zum Vor­sor­ge­prin­zip zuwen­den, näm­lich dem in der Phi­lo- sophie breit dis­ku­tier­ten Verantwortungsprinzip.

III. Das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip bei Biosicherheitsfragen

Das „Prin­zip Ver­ant­wor­tung“, das durch den Phi­lo­so- phen Hans Jonas in sei­nem 1979 zuerst erschie­ne­nen Haupt­werk mit dem glei­chen Titel for­mu­liert wur­de, kann als impli­zi­ter Vor­gän­ger des Vor­sor­ge­prin­zips gel- ten.28 Jonas’ Ver­ant­wor­tungs­prin­zip war und ist nach wie vor ein ein­fluss­rei­ches Ele­ment in der moral­phi­lo­so- phi­schen Dis­kus­si­on. Obwohl es eine ähn­li­che Stoß­rich- tung hat wie das etwa zur glei­chen Zeit for­mu­lier­te Vor- sor­ge­prin­zip und es in der Lite­ra­tur oft zusam­men mit dem Vor­sor­ge­prin­zip dis­ku­tiert wird, spiel­te das Ver­ant- wortungs­prin­zip weder bei der For­mu­lie­rung der Vor- sor­ge­prin­zips eine expli­zi­te Rol­le, noch wird es übli­cher- wei­se in der moral­phi­lo­so­phi­schen oder rechts­phi­lo­so- phi­schen Lite­ra­tur zur Begrün­dung die­ses Prin­zips hin­zu­ge­zo­gen. Die bei­den Prin­zi­pi­en sind daher geson- dert zu betrachten.

Ethik für die tech­no­lo­gi­sche Zivi­li­sa­ti­on, Frank­furt am Main: Suhr­kamp, 1984; H. Jonas, Tech­nik, Medi­zin und Ethik, Frank­furt am Main: Suhr­kamp, 1987. Sie­he dazu auch: Rey­don, op. cit., 84- 87.

Jonas’ Aus­gangs­punkt bei der For­mu­lie­rung sei­nes Ver­ant­wor­tungs­prin­zips war die rasan­te Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie im 20. Jahr­hun­dert, die laut Jonas durch einen grund­le­gen­den Wan­del im Cha­rak­ter von Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie gekenn- zeich­net war. Jonas argu­men­tier­te, dass das Auf­kom­men der indus­tri­el­len Mas­sen­pro­duk­ti­on im 20. Jahr­hun­dert sowie viel­fäl­ti­ger Mög­lich­kei­ten zur groß­flä­chi­gen An- wen­dung neu­er wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se und Tech­no­lo­gien einen Ver­lust der Selbst­kon­trol­le von Wis- sen­schaft und Tech­no­lo­gie zur Fol­ge gehabt hat. Jede Anwen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie, so Jonas, nei­ge jetzt dazu „ins ‚Gro­ße’ zu wach­sen“, indem die loka­le An- wen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie – zu einem bestimm- ten Ort und einem bestimm­ten Zeit­punkt begrenzt – nicht nur für die loka­le Bevöl­ke­rung gra­vie­ren­de Fol­gen haben kön­ne, son­dern auch für weit vom Ort der An- wen­dung ent­fernt leben­de Men­schen sowie für zukünf­ti- ge Genera­tio­nen. Wäh­rend übli­cher­wei­se nur die loka­le Bevöl­ke­rung bzw. die unmit­tel­bar betrof­fe­nen Per­so­nen über die Anwen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie mit­be- stim­men dür­fen, hät­ten die mit­tel­bar Betrof­fe­nen, die, wie Jonas her­vor­hebt, „hier­bei kei­ne Stim­me hat­ten“, al- ler­dings auch ein Recht dar­auf, bei der Beschluss­fas­sung über die Anwen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie zumin- dest in Ver­tre­tung berück­sich­tigt zu werden.29 Entsch­ei- dend in Jonas’ Ana­ly­se ist der Gedan­ke, dass die in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts auf­ge­tre­te­ne Ska­len- ver­grö­ße­rung mit Bezug auf wis­sen­schaft­li­che und tech- nolo­gi­sche Anwen­dun­gen eine Ska­len­ver­grö­ße­rung un- seres Ver­ant­wor­tungs­be­reichs mit sich gebracht hat: Im Gegensatzzur„klassischen“Technik,beiderdieFolgen der Anwen­dung wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Wis­sens übli­cher­wei­se auf die unmit­tel­ba­re Umge­bung beschränkt blie­ben, betrifft heu­te fast jede Anwen­dung einer neu­en Tech­no­lo­gie gro­ße Tei­le der gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen Weltbevölkerung.30 Und weil die meis- ten der tat­säch­lich betrof­fe­nen Men­schen im Beschluss- pro­zess über die Anwen­dung kei­ne Stim­me haben, sind die­je­ni­gen mit einer Stim­me im Beschluss­pro­zess dazu ver­pflich­tet, die Inter­es­sen aller betrof­fe­nen stell­vertre- tend für sie zu ver­tre­ten, so Jonas.

  1. 29  Jonas, 1987, op. cit., 45.
  2. 30  Jonas’ Über­le­gun­gen waren maß­geb­lich durch das Auf­kom­men­der Atom­tech­no­lo­gie in der Ener­gie­pro­duk­ti­on sowie durch
    die Mög­lich­keit eines eska­lie­ren­den Kon­flikts mit Ein­satz von Atom­waf­fen geprägt. In die­sen Bei­spie­len geht es pri­mär um die Unbe­grenzt­heit der Fol­gen des Gebrauchs neu­er Tech­no­lo­gien. Ein ähn­li­cher Gedan­ke ist ent­hal­ten in der The­se der „Welt als Labor“ des Sozio­lo­gen Ulrich Beck, in der es aller­dings viel­mehr um die Unbe­grenzt­heit der mög­li­chen Fol­gen der wis­sen­schaft- lichen For­schung geht: Um die Sicher­heit von Atomkraftwerken

Jonas weist nun dar­auf hin, dass die­se neue Sach­la­ge einen neu­en Umgang mit Natur­wis­sen­schaft und Tech- nolo­gie, d. h. neue mora­li­schen Regeln und Richt­li­ni­en und viel­leicht sogar eine neue Wis­sen­schafts- und Tech- nolo­gie­ethik erfordere.31 Wie er am Anfang sei­nes Buchs Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung schreibt: „Der end­gül­tig ent- fes­sel­te Pro­me­theus, dem die Wis­sen­schaft nie genann­te Kräf­te und die Wirt­schaft den rast­lo­sen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch frei­wil­li­ge Zügel sei­ne Macht davor zurück­hält, dem Men­schen zum Unheil zu werden.“32 Jonas’ Pro­jekt ist dem­entspre­chend die Ent- wick­lung einer neu­en „Ethik für die tech­no­lo­gi­sche Zi- vili­sa­ti­on“ (wie der Unter­ti­tel sei­nes Buchs Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung lau­tet), in des­sen Zen­trum ein Bewusst- sein der Ver­ant­wor­tung steht, wel­che die Mensch­heit für ihr eige­nes Fort­be­stehen trägt – ein Ele­ment, das nach Jo- nas in der sei­ner­zeit gän­gi­gen Ethik nicht prä­sent war. Jonas weist dar­auf hin, dass die bestehen­de Ethik sich pri­mär auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen rich­tet, d. h., dass sie erör­tert, wie Men­schen mit­ein­an­der umge- hen sol­len (oder auch, mehr all­ge­mein, wie Men­schen mit ande­ren Lebe­we­sen umge­hen sollten).33 Hier kri­ti- siert Jonas nicht nur die Tat­sa­che, dass durch den Fokus auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen „[a]lle Gebo­te und Maxi­men über­lie­fer­ter Ethik [eine] Beschrän­kung auf den unmit­tel­ba­ren Umkreis der Hand­lung“ zeigen,34 son­dern auch, dass dabei die Exis­tenz der Mensch­heit ein­fach vor­aus­ge­setzt wird und nicht selbst als Objekt mora­li­scher Refle­xi­on her­vor­tritt. Der kate­go­ri­sche Im- pera­tiv der kan­ti­schen Ethik, z. B., ist laut Jonas mit der Nicht-Exis­tenz der Mensch­heit ver­ein­bar: „Es liegt aber kein Selbst­wi­der­spruch in der Vor­stel­lung, dass die Mensch­heit ein­mal auf­hö­re zu exis­tie­ren, und somit auch kein Selbst­wi­der­spruch in der Vor­stel­lung, dass das Glück gegen­wär­ti­ger und nächst­fol­gen­der Genera­tio­nen mit dem Unglück oder gar Nicht­exis­tenz spä­te­rer Gene- ratio­nen erkauft wird.“35 Die kan­ti­sche Ethik sagt uns also, wie Men­schen mit­ein­an­der umge­hen soll­ten, unter der Vor­aus­set­zung, dass es über­haupt Men­schen gibt – sie sagt uns nicht, dass wir für das Fort­be­stehen der Mensch­heit auch eine Ver­ant­wor­tung tra­gen wür­den. Die durch Jonas dia­gnos­ti­zier­te Cha­rak­ter­wand­lung der

empi­risch fest­stel­len zu kön­nen, muss zuerst ein funk­tio­nie­ren­des Atom­kraft­werk gebaut wer­den, das als Expe­ri­ment die­nen kann. Sie­he dazu U. Beck, Die Welt als Labor, in: ders., Poli­tik in der Ri- siko­ge­sell­schaft: Essays und Ana­ly­sen, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 1991, 154–166.

31 Jonas, 1984, op. cit., 15, 58.
32 Id., 7.
33 Id., 23. Jonas’ Kri­tik galt in ers­ter Linie der kan­ti­schen Ethik. 34 Id.
35 Id., 35; Kur­si­vie­rung im Original.

Rey­don · Vor­sor­ge­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen 7 9

80 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 73–82

Natur­wis­sen­schaft und der Tech­no­lo­gie im 20. Jahr­hun- dert zeigt jedoch, dass ins­be­son­de­re die Exis­tenz der Mensch­heit selbst auch in den Bereich des Mora­li­schen fal­len soll­te, da die neue Natur­wis­sen­schaft und Tech­no- logie uns die Mög­lich­keit gege­ben hat, die Exis­tenz der Mensch­heit mit unse­ren Hand­lun­gen (nega­tiv, aber auch posi­tiv) zu beeinflussen.

Jonas möch­te dem­entspre­chend die bestehen­de Ethik um einen neu­en Impe­ra­tiv ergän­zen, der in einer be- kann­ten For­mu­lie­rung lau­tet: „Hand­le so, dass die Wir- kun­gen dei­ner Hand­lung ver­träg­lich sind mit der Per- manenz ech­ten mensch­li­chen Lebens auf Erden.“36 Die- se For­mu­lie­rung zeigt, dass es Jonas nicht um das blo­ße Fort­be­stehen der Art Homo sapi­ens geht, son­dern um das Fort­be­stehen einer Mensch­heit, deren Mit­glie­der ein men­schen­wür­di­ges Leben füh­ren – es geht Jonas um „ech­tes“ mensch­li­ches Leben, um die mensch­li­che Le- bens­form. Dem­entspre­chend beinhal­tet das Ver­ant­wor- tungs­prin­zip das Gebot, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die gewähr­leis­ten, dass es auch für nach­fol­gen­de Genera­tio- nen mög­lich ist, ein men­schen­wür­di­ges Leben zu füh- ren. Der mora­li­sche Impe­ra­tiv des Ver­ant­wor­tungs­prin- zips kann laut Jonas in der Pra­xis mit­tels einer „Heu­ris- tik der Furcht“ umge­setzt wer­den, die beinhal­tet, dass in Fäl­len von Unge­wiss­heit über die Wahr­schein­lich­kei­ten der mög­li­chen – posi­ti­ven wie nega­ti­ven – Fol­gen einer neu­en Tech­no­lo­gie der pes­si­mis­tischs­ten Pro­gno­se im- mer das größ­te Gewicht bei­gemes­sen wer­den sollte.37 Das heißt, in Fäl­len in denen es meh­re­re Sze­na­ri­en gibt und wir die Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten der ver­schie- denen Sze­na­ri­en schlecht ein­schät­zen kön­nen, soll­ten wir vor­sichts­hal­ber vom schlech­tes­ten Sze­na­rio ausgehen.

In einer ähn­li­chen Wei­se wie das Vor­sor­ge­prin­zip be- ruht also auch das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip wesent­lich auf der Unter­schei­dung zwi­schen Risi­ko und Unge­wiss- heit bzw. Unsi­cher­heit, und besagt, dass in Unsi­cher- heits­si­tua­tio­nen vor­sichts­hal­ber von dem schlech­tes­ten Sze­na­rio aus­ge­gan­gen wer­den soll­te. Einer­seits macht die Tat­sa­che, dass das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip durch eine phi­lo­so­phi­sche Argu­men­ta­ti­on begrün­det ist, es zu ei- nem eigen­stän­di­gen und damit stär­ke­ren Prin­zip als das Vor­sor­ge­prin­zip. Ande­rer­seits sorgt genau die­se Grund- lage bei der Anwen­dung des Prin­zips in Bio­si­cher­heits- fäl­len für uner­wünsch­te Kon­se­quen­zen. Dadurch dass

  1. 36  Id., 36.
  2. 37  Id., 8, 70 ff., 392; Jonas, 1987, op. cit., 67.
  3. 38  Die­se Kri­tik bezieht sich aller­dings nur auf die Anwend­bar­keitdes Ver­ant­wor­tungs­prin­zips bei Bio­si­cher­heits­fra­gen und darf nicht als all­ge­mei­ne Kri­tik am Ver­ant­wor­tungs­prin­zip ver­stan­den wer­den. Wie bereits ange­merkt, hat Jonas das Ver­ant­wor­tungs- prin­zip als Ergän­zung der bereits bestehen­den Ethik ein­ge­führt, um einen beson­de­ren Fall abzu­de­cken, der von der vor­han­de­nen Ethik nicht abge­deckt wird. Da die Ver­mei­dung von Schä­den für

die phi­lo­so­phi­sche Begrün­dung auf die Per­ma­nenz men­schen­wür­di­gem Leben abzielt, greift das Ver­ant­wor- tungs­prin­zip ledig­lich in Fäl­len, in denen genau die­se Per­ma­nenz bedroht ist – d. h., in sol­chen Fäl­len, in de- nen tat­säch­lich die Gefahr besteht, dass in Zukunft kein men­schen­wür­di­ges Leben auf Erden mehr mög­lich ist. Bei den meis­ten Bio­si­cher­heits­fra­gen geht es jedoch um die Gefahr, dass durch Unfäl­le im Labor oder bei der An- wen­dung einer Tech­no­lo­gie oder auch durch Miss­brauch von bio­wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen oder Pro­duk­ten er- heb­li­che Schä­den für ein­zel­ne Per­so­nen oder Per­so­nen- grup­pen ent­ste­hen. Zu den­ken wäre an das Ent­wei­chen eines gene­tisch modi­fi­zier­ten Bak­te­ri­ums aus einem Hoch­si­cher­heits­la­bor oder den Gebrauch von Bio­ma­te- ria­li­en für ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge. An sich ist in sol- chen Fäl­len jedoch nicht unbe­dingt die wei­te­re Exis­tenz der Mensch­heit oder das Forst­be­stehen „ech­ten“ mensch­li­chen Lebens bedroht. Selbst bei ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen von extre­mer Bru­ta­li­tät ist die Reich­wei­te des Anschlags typi­scher­wei­se beschränkt und ist nicht die gesam­te Mensch­heit oder das „ech­te“ mensch­li­che Leben als sol­ches bedroht. Das heißt, dass in sol­chen Fäl- len das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip gar nicht grei­fen wür­de – oder stär­ker, dass der Miss­brauch von Bio­ma­te­ria­li­en für einen ter­ro­ris­ti­schen Anschlag mit einer beschränk­ten Reich­wei­te mit dem Jonass­chen Ver­ant­wor­tungs­prin­zip ver­ein­bar ist. Das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip hat, so könn­te man sagen, ein zu gro­ßes Ziel im Blick und igno­riert die Ver­ant­wor­tung, die wir dafür haben, Schä­den für ein­zel- ne Per­so­nen oder Grup­pen von Per­so­nen zu ver­mei- den.38 Dadurch lässt es sich bei den meis­ten Bio­si­cher- heits­fra­gen nicht anwenden.

IV. Aus­blick – Wie kön­nen Bio­se­cu­ri­ty-Fäl­le bewer­tet werden?

Zusam­men­fas­send lässt sich zu der Anwend­bar­keit des Vor­sor­ge­prin­zips und des Ver­ant­wor­tungs­prin­zips bei Bio­si­cher­heits­fra­gen Fol­gen­des sagen: Das Vor­sor­ge- prin­zip kann bei Bio­si­cher­heits­fra­gen im Prin­zip ange- wen­det wer­den, stößt dann aller­dings auf erheb­li­che Pro­ble­me, wie ich zu zei­gen ver­sucht habe. Ers­tens wür- de es, abhän­gig von der gewähl­ten For­mu­lie­rung, ledig- lich die Mög­lich­keit von Schutz­maß­nah­men begründen

Ein­zel­per­so­nen und Grup­pen von Per­so­nen bereits durch die vor­han­de­ne zwi­schen­mensch­li­che Ethik abge­deckt wird, braucht das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip sol­che Fäl­le nicht noch zusätz­lich abzu­de­cken. Dass das Jonas‘sche Ver­ant­wor­tungs­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen schlecht anwend­bar ist, liegt dem­nach dar­an, dass die meis­ten Bio­si­cher­heits­fäl­le gar nicht erst in den Bereich von Tat­be­stän­den fal­len, für die das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip über­haupt gedacht war.

(dar­un­ter auch Maß­nah­men zur Ein­schrän­kung der For­schungs­frei­heit), aber es wür­de kei­ne kon­kre­ten Maß- nah­men legi­ti­mie­ren. Es wür­de höchs­tens begrün­den, dass Maß­nah­men getrof­fen wer­den kön­nen oder gar sol- len, aber nicht in wel­cher Wei­se sol­che Maß­nah­men rea- lisiert wer­den könn­ten oder soll­ten. Zwei­tens wür­de das Vor­sor­ge­prin­zip in Bio­safe­ty-Fäl­len ein Gebot zur wei­te- ren Erfor­schung der The­ma­tik begrün­den, um die Unsi- cher­heits­si­tua­ti­on in eine Risi­ko­si­tua­ti­on zu über­füh­ren, und damit gera­de gegen Ein­schrän­kun­gen der For- schungs­frei­heit spre­chen. Drit­tens wür­de das Vor­sor­ge- prin­zip bei Anwen­dung auf Bio­se­cu­ri­ty-Fra­gen über- haupt nichts begrün­den: Schutz­maß­nah­men zur Abwen- dung von Schä­den wer­den in sol­chen Fäl­len bereits durch all­ge­mei­ne Erwä­gun­gen, Grund­sät­ze und Pflich- ten zum Schutz von Leib, Leben, Frei­heit usw. im Zusam- men­hang mit Ana­ly­sen der momen­ta­nen geo­po­li­ti­schen wirt­schaft­li­chen usw. Lage aus­rei­chend begrün­det. Das Vor­sor­ge­prin­zip fügt die­ser Begrün­dung nichts hin­zu. Hin­zu kom­men die Pro­ble­me bezüg­lich der For­mu­lie- rung des Vor­sor­ge­prin­zips: Was genau das Prin­zip leis- ten kann, hängt stark von sei­ner For­mu­lie­rung ab. Wel- che For­mu­lie­rung in einem Doku­ment gewählt wird, scheint aber pri­mär eine Sache des poli­ti­schen Wil­lens sowie der erfolg­ten Ver­hand­lun­gen zu sein und von der Tat­sa­che abzu­hän­gen, dass das Vor­sor­ge­prin­zip ein pri- mär poli­ti­sches Prin­zip ist, das nicht aus­rei­chend durch phi­lo­so­phi­sche Argu­men­te begrün­det ist. Als nor­ma­ti- ver Bewer­tungs­maß­stab für die Gewähr­leis­tung von Bio­se­cu­ri­ty, wie der Ethik­rat es vor­schlägt, ist das Vor- sor­ge­prin­zip dem­nach nicht geeignet.39 Zusätz­lich habe ich ver­sucht zu zei­gen, dass auch das phi­lo­so­phisch bes- ser begrün­de­te Jonas‘sche Ver­ant­wor­tungs­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen schlecht anwend­bar ist.

Wenn die im Vor­an­ge­gan­ge­nen vor­ge­stell­ten Über­le- gun­gen rich­tig sind, stellt sich unmit­tel­bar die Fra­ge, wie Bio­si­cher­heits­fra­gen denn bewer­tet wer­den kön­nen. Ins­be­son­de­re für Bio­se­cu­ri­ty-Fra­gen ist dies ein gra­vie- ren­des Pro­blem, weil dort die Plau­si­bi­li­tät der Gefähr- dungs­ein­schät­zung nicht aus rein wis­sen­schaft­li­chen Er- wägun­gen abge­lei­tet wer­den kann. Dementsprechend

39 Ethik­rat, op. cit., p. 173. Laut Ethik­rat „las­sen sich plau­si­ble Grün- de dar­stel­len, die mit Blick auf Bio­se­cu­ri­ty auf der Grund­la­ge
des Vor­sor­ge­prin­zips in Ver­bin­dung mit den Schutz­pflich­ten
des Staa­tes für sei­ne Bür­ger ein weit­rei­chen­des Spek­trum von Vor­sor­ge- und Abwehr­maß­nah­men bis hin zur Ein­schrän­kung oder dem Ver­bot von For­schungs­vor­ha­ben im Prin­zip recht­fer­ti- gen kön­nen”, 173. Ich hof­fe, gezeigt zu haben, dass das Vor­sor­ge- prin­zip hier kei­ne argu­men­ta­ti­ve Rol­le spielt und kei­ner­lei über die aus den Schutz­pflich­ten des Staa­tes fol­gen­de Begründung

von Maß­nah­men hin­aus­ge­hen­den, zusätz­li­chen Begrün­dun­gen liefert.

kann hier nicht die Hoff­nung bestehen, dass die bes­te- hen­de Unsi­cher­heits­si­tua­ti­on durch zusätz­li­che wis­sen- schaft­li­che For­schung am eigent­li­chen For­schungs­ge- gen­stand in eine Risi­ko­si­tua­ti­on umge­wan­delt wer­den kann, die dann mit Hil­fe der bewähr­ten Instru­men­te der Risi­koethik und des Risi­ko­ma­nage­ments bear­bei­tet wer- den kann.

Als Ant­wort auf die­se Fra­ge möch­te ich für Bio­se­cu­ri- ty-Fra­gen die fol­gen­de Her­an­ge­hens­wei­se vorschlagen.40 Der Vor­schlag beruht auf dem Gedan­ken, dass die Suche nach all­ge­mein­gül­ti­gen Bewer­tungs­maß­stä­ben für Bio- sicher­heits­fra­gen, wie das Vor­sor­ge­prin­zip oder das Ver- ant­wor­tungs­prin­zip, eine fehl­ge­lei­te­te Suche sein könn- te, weil Bio­si­cher­heits­fäl­le ein­zig­ar­tig sind. Es gibt selbst- ver­ständ­lich ein­zel­ne Gemein­sam­kei­ten zwi­schen ver- schie­de­nen Fäl­len, aber es gibt kei­nen Grund zu der Annah­me, dass es auch Gemein­sam­kei­ten gibt, die für den gesam­ten Pro­blem­be­reich der Bio­si­cher­heit gel­ten. Bio­si­cher­heits­fäl­le, so möch­te ich vor­schla­gen, kon­sti­tu- ieren eine Grup­pe von Fäl­len, zwi­schen denen höchs­tens Fami­li­en­ähn­lich­kei­ten exis­tie­ren, aber die als Grup­pe nicht aus­rei­chend homo­gen ist, um mit Hil­fe von all­ge- mei­nen Prin­zi­pi­en, Maxi­men, Regeln usw. regu­liert wer- den zu können.41 Statt der Suche nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen für Bewer­tung und Regu­lie­rung könn­te viel­mehr der Auf­bau einer Biblio­thek von Prä­ze­denz­fäl- len in Betracht genom­men wer­den, in der Ori­en­tie- rungs­wis­sen für spe­zi­fi­sche Fäl­le gesam­melt wird.42 Fäl- le, für die es bis­lang noch kei­ne sol­chen Prä­ze­denz­fäl­le gibt, wür­den dabei als Test­fäl­le für bereits exis­tie­ren­de sowie mög­li­che Regu­lie­rungs­maß­nah­men fun­gie­ren. Bei spä­te­ren Fäl­len, die eine Ähn­lich­keit zu vor­lie­gen­den Prä­ze­denz­fäl­len auf­wei­sen, könn­te dann auf doku­men- tier­te Prä­ze­denz­fäl­le zurück­ge­grif­fen und ver­sucht wer- den, aus die­sen posi­ti­ve Leh­ren zu zie­hen und frü­he­re Feh­ler zu ver­mei­den. Eine sol­che Her­an­ge­hens­wei­se mag nicht befrie­di­gend sein und Gefah­ren nicht aus­rei- chend ver­mei­den kön­nen, da mit jedem neu­en Prä­ze- denz­fall Neu­land betre­ten wird, für das wir in nicht aus- rei­chen­dem Maße Ori­en­tie­rungs­wis­sen besit­zen. Aber dies­be­züg­lich scheint die vor­ge­schla­ge­ne Herangehens-

40 Aus Platz­grün­den muss die­ser Vor­schlag hier unbe­grün­det und unaus­ge­ar­bei­tet bleiben.

41 Der Begriff der Fami­li­en­ähn­lich­keit als ter­mi­nus tech­ni­cus der Phi­lo­so­phie geht auf den Phi­lo­so­phen Lud­wig Witt­gen­stein zurück.

42 Z. B. im Rah­men der ELSI 2.0‑Initiative – sie­he J. Kaye, E.M. Mes­lin, B.M. Knop­pers, E.T. Juengst, M. Deschê­nes, A. Cam­bon- Thom­sen, D. Chal­mers, J. de Vries, K. Edwards, N. Hop­pe, A. Kent, C. Adeba­mo­wo, P. Mar­shall & K. Kato, ELSI 2.0 for geno­mics and socie­ty, Sci­ence 336, 673–674.

Rey­don · Vor­sor­ge­prin­zip bei Bio­si­cher­heits­fra­gen 8 1

82 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 73–82

wei­se zumin­dest nicht schlech­ter dazu­ste­hen als die ver- füg­ba­ren Alternativen.

Abschlie­ßend soll­te die Rol­le der ein­zel­nen Wis­sen- schaft­le­rin bzw. des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers noch kurz beleuch­tet wer­den. Die Fra­ge, wie schwer­wie­gend die zu erwar­ten­den Schä­den eines mög­li­chen Miss- brauchs von bio­wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen oder von Bio­ma­te­ria­li­en wären, ist auch eine bio­wis­sen­schaft­li­che Fra­ge. Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler haben somit eine Rol­le bei der Beant­wor­tung die­ser Fra­ge. Ich möch­te dafür plä­die­ren (ohne hier jedoch eine argu- men­ta­ti­ve Begrün­dung zu lie­fern), aus die­ser Tat­sa­che eine „Pflicht zur Exper­ten­tä­tig­keit“ abzu­lei­ten, die als Teil des wis­sen­schaft­li­chen Berufs­ethos auf­ge­fasst wer- den soll­te. Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler hät­ten dem­entspre­chend als Mit­glie­der der wis­sen- schaft­li­chen Com­mu­ni­ty eine (nicht fest­ge­schrie­be­ne, oder gar juris­tisch begrün­de­te) Ver­pflich­tung, gefragt oder auch unge­fragt ihre rele­van­te Fach­ex­per­ti­se in die Bewer­tung von Bio­si­cher­heits­fäl­len ein­zu­brin­gen. Als Teil des wis­sen­schaft­li­chen Berufs­ethos wäre eine sol­che Ver­pflich­tung z. B. mit der Ver­pflich­tung zur Teil­nah­me als Gut­ach­te­rin bzw. Gut­ach­ter an Peer-Review-Pro­zes- sen ver­gleich­bar: Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen- schaft­ler sind selbst­ver­ständ­lich nicht dazu ver­pflich­tet, jeder ein­zel­nen Anfra­ge zum Peer Review eines zur Ver-

öffent­li­chung ein­ge­reich­ten Arti­kels zu ent­spre­chen, aber als Mit­glied einer bestimm­ten Com­mu­ni­ty haben sie den­noch eine impli­zi­te Pflicht, einen eige­nen Bei­trag zum Peer-Review-Pro­zess zu lie­fern indem sie regel­mä- ßig Manu­skrip­te beur­tei­len. Für Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler, die selbst an einem Bio­se­cu­ri­ty-re- levan­ten For­schungs­pro­jekt betei­ligt sind, könn­te z. B. auch die (impli­zi­te) Ver­pflich­tung in Erwä­gung gezo­gen wer­den, beglei­tend zum eigent­li­chen For­schungs­pro­jekt wis­sen­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Vor­aus­set­zun­gen hypo­the­ti­scher Miss­brauchs­sze­na­ri­en zu erforschen.43 Bei der Erwä­gung sol­cher Ver­pflich­tun­gen soll­te jedoch immer bedacht wer­den, dass die­se nicht durch all­ge­mei- ne Prin­zi­pi­en wie das Vor­sor­ge­prin­zip oder das Ver­ant- wortungs­prin­zip begrün­det wer­den kön­nen – sol­che Ver­pflich­tun­gen lie­gen viel­mehr im Bereich des ethi- schen Han­delns als Mit­glied einer Berufs­ge­mein­schaft als im Bereich des mora­li­schen Handelns.

Tho­mas Rey­don ist Juni­or­pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie der Bio­lo­gie am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Leib­niz Uni­ver- sität Han­no­ver und Vor­stands­mit­glied des Cent­re for Ethics and Law in the Life Sci­en­ces (CELLS) der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver. Infor­ma­tio­nen und Kon­takt: www.reydon.info; reydon@ww.uni-hannover.de.

43 Dies par­al­lel zu der Abschät­zung von Risi­ken in bio­safe­ty- rele­van­ten Pro­jek­ten. Aller­dings müss­te in bio­se­cu­ri­ty-rele­van­ten Pro­jek­ten mit hypo­the­ti­schen Sze­na­ri­en gear­bei­tet wer­den, da kei­ne Ein­schät­zung der Ein­tritts­wahr­schein­lich­kei­ten mög­lich ist.