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I. Das zugrun­de­lie­gen­de Pro­blem und Eva­lua­tio­nen als des­sen mög­li­che Lösung Eva­lua­tio­nen, Akkre­di­tie­run­gen und ande­re Steue­rungs­in­stru­men­te der Wis­sen­schafts­po­li­tik haben in den letz­ten Jah­ren enor­me Auf­merk­sam­keit gewon­nen. Es gibt kaum noch einen Wissenschaftler2 an Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­in­sti­tu­ten, der nicht einen beträcht­li­chen Teil sei­ner Zeit auf sie ver­wen­det. Seit der Ein­füh­rung des New Public Manage­ment im Hoch­schul­be­reich wer­den an Eva­lua­tions- und Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren wich­ti­ge struk­tu­rel­le und finan­zi­el­le Ent­schei­dun­gen geknüpft, die bis hin zur Schlie­ßung eines Stu­di­en­gangs, einer Uni­ver­si­tät oder einer außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tung rei­chen kön­nen. Die Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­en zie­hen sich dabei immer stär­ker aus den Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren zurück und knüp­fen ihre Ent­schei­dun­gen an die Voten von Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren. Die­se Ten­denz ist nicht unpro­ble­ma­tisch, da die demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on von Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren zumin­dest dann bis­lang deut­lich zu schwach gesetz­lich im Sin­ne von Art. 20 Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 GG kon­tu­riert war, wenn an deren Ent­schei­dun­gen unmit­tel­bar recht­li­che Fol­ge­run­gen für Stu­di­en­gän­ge oder gar Uni­ver­si­tä­ten geknüpft wer­den. Auf der ande­ren Sei­te aber wäre es auch nicht zutref­fend, eva­lua­ti­ven Ver­fah­ren von vor­ne­her­ein jeg­li­chen Erkennt­nis­wert abzu­spre­chen. Denn Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren stel­len Steue­rungs­in­stru­men­te eines wis­sens­ori­en­tier­ten Gemein­we­sens dar. Sie sind für die Gesetz­ge­bung nütz­li­che Hilfs­mit­tel, da sie es erlau­ben, bei knap­pen Finanz­mit­teln und bei der hohen zeit­li­chen Belas­tung von Abge­ord­ne­ten Anhalts­punk­te für ihre Ent­schei­dun­gen zu bie­ten. Auch die Ver­wal­tung kann von Infor­ma­tio­nen pro­fi­tie­ren, die sie aus (selbst-) eva­lua­ti­ven Ver­fah­ren, wie etwa dem Bench­mar­king gewinnt, wenn die Voten von Akkre­di­tie­rungs- und Eva­lua­ti­ons­agen­tu­ren eben rechts­staat­lich und demo­kra­tisch ein­ge­fan­gen wer­den. Was bei aller Eupho­rie über der­ar­ti­ge neue Steue­rungs­in­stru­men­te jedoch zumeist unter­be­lich­tet blieb, war der Machtaspekt.3 Auf­grund eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren wer­den, nament­lich im Wis­sen­schafts­be­reich, enor­me Sum­men ver­scho­ben, man den­ke nur an die deut­sche Exzel­lenz­in­itia­ti­ve bzw. ‑stra­te­gie oder die For­schungs­rah­men­pro­gram­me der Euro­päi­schen Uni­on. Der Ein­satz eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren, ins­be­son­de­re im grund­rechts­ak­zes­so­ri­schen Bereich (wie bei der Eva­lua­ti­on ein­zel­ner Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler) wirft daher enor­me legi­ti­ma­to­ri­sche Fra­gen auf. Die­se rufen nach einer Ver­recht­li­chung – und akti­vie­ren bei Staats­han­deln mit Grund­rechts­be­rüh­rung sogar den insti­tu­tio­nel­len Geset­zes­vor­be­halt der betrof­fe­nen sub­jek­ti­ven Rech­te von Ver­fas­sungs­rang (wie hier der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG). Die vor­zu­stel­len­de Habi­li­ta­ti­ons­schrift, die an der Deut­schen Uni­ver­si­tät für Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten ent­stand, beschäf­tigt sich mit die­sen Fra­gen. Die Autorin hat die Habi­li­ta­ti­ons­schrift berufs­be­glei­tend zu ihrer Tätig­keit als Geschäfts­füh­re­rin des Deut­schen For­schungs­in­sti­tuts für öffent­li­che Ver­wal­tung in Spey­er ange­fer­tigt und ver­fügt über viel­fäl­ti­ge prak­ti­sche Erfah­run­gen mit eva­lua­ti­ven Ver­fah­ren. II. For­schungs­fra­gen und Gang der Unter­su­chung 1. Erkennt­nis­lei­ten­des Inter­es­se Eva­lua­ti­on heißt letzt­lich nichts ande­res als Ein­schät­zung oder Bewer­tung. Und auch Wis­sen­schaft und wis­sen­schaft­li­chen Sozia­li­sa­ti­ons­pro­zes­sen ist Bewer­tung imma­nent, man den­ke nur an das Ver­fah­ren zur Beset­zung eines Lehr­stuhls. Die Leit­fra­gen der Arbeit lau­tet Mar­grit Seckel­mann Eva­lua­ti­on und Recht. Ansät­ze zu einem wis­sen­schafts­ad­äqua­ten Modell der staat­li­chen Indienst­nah­me eva­lua­ti­ver Verfahren1 1 Vor­stel­lung des Buches von Mar­grit Seckel­mann, Eva­lua­ti­on und Recht. Struk­tu­ren, Pro­zes­se und Legi­ti­ma­ti­ons­fra­gen staat­li­cher Wis­sens­be­schaf­fung durch (Wissenschafts-)Evaluationen, Tübin­gen 2018. Der Autorin wur­de für die­se Arbeit der vom Ver­ein zur För­de­rung des deut­schen & inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts aus­ge­lob­te Preis für Wis­sen­schafts­recht ver­lie­hen. 2 Oder eine Wis­sen­schaft­le­rin. 3 Dazu jedoch ein­ge­hend Chris­ti­ne Schwarz, Eva­lua­ti­on als moder­nes Ritu­al. Zur Ambi­va­lenz gesell­schaft­li­cher Ratio­na­li­sie­rung am Bei­spiel vir­tu­el­ler Uni­ver­si­täts­pro­jek­te, Ham­burg 2006, S. 12; Peter Wein­gart, Das Ritu­al der Eva­lu­ie­rung und die Ver­füh­rung der Zah­len, in: ders. (Hrsg.), Die Wis­sen­schaft der Öffent­lich­keit, Wei­ler­swist 2005, S. 102–122. Ord­nung der Wis­sen­schaft 2019, ISSN 2197–9197 120 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2019), 119–124 4 Dazu u. a. auch Mar­tin Bur­gi, Die Funk­ti­on des Ver­fah­rens­rechts in pri­va­ti­sier­ten Berei­chen – Ver­fah­ren als Gegen­stand der Regu­lie­rung nach Ver­ant­wor­tungs­tei­lung, in: Wolf­gang HoffmannRiem/Eberhard Schmidt-Aßmann (Hrsg.), Ver­wal­tungs­ver­fah­ren und Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz, Baden-Baden 2002, S. 155- 191, 179 f.; Oli­ver Lep­si­us, Ver­fas­sungs­recht­li­cher Rah­men der Regu­lie­rung (§ 4), in: M. Fehling/M. Ruf­fert (Hrsg.), Hand­buch Regu­lie­rungs­recht, Tübin­gen 2010, S. 143–211, Rn. 6; Achim Sei­del, Pri­va­ter Sach­ver­stand und staat­li­che Garan­ten­stel­lung im Ver­wal­tungs­recht, Mün­chen 2000, S. 167 ff. 5 Begriff selbst ent­wi­ckelt in Anspie­lung auf Fritz Flei­ner, Insti­tu­tio­nen des Deut­schen Ver­wal­tungs­rechts, 8. Aufl., Tübin­gen 1928, S. 326 („Flucht in das Pri­vat­recht“). 6 Begriff nach Nina Baur/Cristina Besio/Maria Nor­kus, Orga­ni­sa­tio­na­le Inno­va­ti­on am Bei­spiel der Pro­jek­ti­fi­zie­rung der Wis­sen­schaft. Eine figu­ra­ti­ons­so­zio­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve auf Ent­ste­hung, Ver­brei­tung und Wir­kun­gen, in: Wer­ner Rammert/Michael Hutter/Hubert Knoblauch/Arnold Win­de­ler (Hrsg.), Inno­va­ti­ons­ge­sell­schaft heu­te. Per­spek­ti­ven, Fel­der und Fäl­le, Wies­ba­den 2016, S. 373–402, 373. 7 Das gilt erst recht für Claus Die­ter Clas­sen, Wis­sen­schafts­frei­heit außer­halb der Hoch­schu­le. Zur Bedeu­tung von Arti­kel 5 Absatz 3 Grund­ge­setz für außer­uni­ver­si­tä­re For­schung und For­schungs­för­de­rung, Tübin­gen 1994. 8 Klaus Fer­di­nand Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on und ver­wal­tungs­recht­li­che Sys­tem­bil­dung, Tübin­gen 2009. 9 Hans-Hein­rich Tru­te, Die For­schung zwi­schen grund­recht­li­cher Frei­heit und staat­li­cher Insti­tu­tio­na­li­sie­rung. Das Wis­sen­schafts­recht als Recht koope­ra­ti­ver Ver­wal­tungs­vor­gän­ge, Tübin­gen 1994. daher, inwie­weit ein ursprüng­lich durch­aus wis­sen­schafts­ad­äqua­tes Instru­ment der Selbst­be­wer­tung von Pro­fes­sio­nen von Gesetz­ge­bung und Ver­wal­tung als Instru­ment der Fremd­be­wer­tung in Dienst genom­men wur­de und wel­che recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen (und Gren­zen) zu beach­ten sind, um die­se Ent­wick­lung demo­kra­tie- wie wis­sen­schafts­kon­form zu beglei­ten. Denn die Indienst­nah­me eines wis­sen­schaft­li­chen Selbst­be­wer­tungs­in­stru­ments durch den Staat führt, ers­tens, zu einer Hybri­di­sie­rung zwi­schen Selbst- und Fremd­kon­trol­le sowie zwi­schen Instru­men­ten des pri­va­ten wie des öffent­li­chen Rechts. Dar­aus folgt, dass die Zuord­nung des Eva­lua­ti­ons­vor­gangs zu einem der bei­den Rechts­krei­se nicht immer leicht fällt, wie die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Stu­di­en­gangs­ak­kre­di­tie­rung vom 17. Febru­ar 2016 (BVerfGE 141, 143) gezeigt hat. Eine zen­tra­le The­se der Arbeit ist daher, dass sich der Staat sei­ner Ver­ant­wor­tung zur demo­kra­ti­schen und grund­rechts­kon­for­men Verfahrensgestaltung4 nicht durch eine Flucht in die Selbstregulierung5 ent­zie­hen darf. Neben der Hybri­di­sie­rung von Ver­fah­ren ist, zwei­tens, im Zuge der zuneh­men­den Umstel­lung der For­schungs­fi­nan­zie­rung auf Dritt­mit­tel­ein­nah­men eine Pro­jek­ti­fi­zie­rung von Wis­sen­schaft zu beob­ach­ten, die dadurch gekenn­zeich­net ist, dass Wis­sen­schaft mit einem „Lebens­zy­klus“, also einem „Angang“ und einem „Ende“ ver­se­hen wird.6 Zuneh­mend müs­sen sich nicht nur Dritt­mit­tel­an­trä­ge, son­dern sogar Ein­zel­for­scher selbst als Pro­jekt begrei­fen, wie anhand der Juni­or­pro­fes­su­ren mit ihrer Zwi­schen­eva­lua­ti­on deut­lich wird. Und zwi­schen Pro­jek­ten und Eva­lua­tio­nen besteht ein enger Zusam­men­hang. Pro­jek­ti­fi­zie­rung erzwingt Eva­lua­tio­nen – und Eva­lua­tio­nen set­zen ihrer­seits eine pro­jekt­för­mi­ge Dimen­sio­nie­rung des zu Unter­su­chen­den vor­aus. Daher wird in der Arbeit davor gewarnt, nun­mehr alles, also auch die Wis­sen­schaft, nur noch als „Pro­jekt“ zu begrei­fen, auch wenn das die Funk­ti­ons­lo­gik eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren nahe­legt. 2. For­schungs­stand Eva­lua­tio­nen wur­den bis­lang von der Rechts­wis­sen­schaft eher stief­müt­ter­lich behan­delt. Erst die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu den Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren vom 17. Febru­ar 2016 (also zu einem Zeit­punkt, in dem das der Arbeit zugrun­de­lie­gen­de Habi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren bereits abge­schlos­sen war) hat die The­ma­tik inten­si­ver unter recht­li­chen Aspek­ten ana­ly­siert. Die Ent­schei­dung lag auf der Linie der in der Habi­li­ta­ti­ons­schrift bereits ange­stell­ten Über­le­gun­gen; sie wur­de in die Druck­fas­sung inte­griert. Die Unter­su­chung ist durch zwei gro­ße Strän­ge gekenn­zeich­net: Zum einen will sie auf­klä­re­risch die Mög­lich­kei­ten der ideo­lo­gi­schen Ver­ein­nahm­bar­keit von Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren auf­zei­gen. Zum ande­ren kon­tu­riert sie – und das ist das eigent­lich Neue – recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, wie der­ar­ti­ge Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che künf­tig mit Mit­teln des Rechts abge­wehrt wer­den kön­nen. § 11 der Arbeit, der in gewis­ser Wei­se ihr pra­xeo­lo­gi­sches Herz­stück dar­stellt, ent­hält daher grund­le­gen­de Über­le­gun­gen zu einem „Eva­lua­ti­ons­recht“ und skiz­ziert des­sen Umris­se, um die Auto­no­mie von Wis­sen­schaft bes­ser als in den letz­ten Jahr­zehn­ten mit Mit­teln des Rechts gewähr­leis­ten zu kön­nen. Die Arbeit geht bezo­gen auf das spe­zi­el­le The­ma „Eva­lua­tio­nen“ inso­weit auch über die gro­ße wis­sen­schafts­recht­li­che Unter­su­chung von Klaus Fer­di­nand Gär­ditz hin­aus, die zwar ein­ge­hend die Ein­füh­rung des New Public Manage­ment in das Hoch­schul­sys­tem (und die damit ver­bun­de­nen Rechts­pro­ble­me) behan­delt, jedoch das The­ma „Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren“ in die­sem Zusam­men­hang nur streift (denn sei­ner­zeit stand die Ein- Seckel­mann · Eva­lua­ti­on und Recht 121 10 Skep­ti­scher hin­ge­gen aus jün­ge­rer Zeit Hans-Hein­rich Tru­te, In der Grau­zo­ne: Akkre­di­tie­rung zwi­schen öffent­lich-recht­li­cher und pri­vat­recht­li­cher Rechts­durch­set­zung, RW 2014, S. 341–377, 341. 11 Cris­ti­na Fra­en­kel-Haeber­le, Die Uni­ver­si­tät im Meh­re­be­nen­sys­tem. Moder­ni­sie­rungs­an­sät­ze in Deutsch­land, Ita­li­en und Öster­reich, Tübin­gen 2014. 12 Dani­el Kraus­nick, Staat und Hoch­schu­le im Gewähr­leis­tungs­staat, Tübin­gen 2012. 13 Hin­sicht­lich der Dis­ser­ta­ti­ons­schrif­ten ist ins­be­son­de­re zu ver­wei­sen auf Ste­fan Kracht, Das neue Steue­rungs­mo­dell im Hoch­schul­be­reich. Ziel­ver­ein­ba­run­gen im Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Kon­sens und hier­ar­chi­schem Ver­wal­tungs­auf­bau, Baden-Baden 2006 sowie Simon Sie­we­ke, Manage­ment­struk­tu­ren und out­pu­t­ori­en­tier­te Finan­zie­rung im Hoch­schul­be­reich: Zum Instru­men­ta­ri­um des Neu­en Steue­rungs­mo­dells im Hin­blick auf Wis­sen­schafts­frei­heit und Hoch­schul­au­to­no­mie, Baden-Baden 2010 (aus Platz­grün­den wird an die­ser Stel­le die inzwi­schen zahl­rei­che Lite­ra­tur zur Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen nicht auf­ge­führt). 14 Epo­che machend inso­weit die Aus­füh­run­gen von Klaus Schlaich, Die Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit im Gefü­ge der Staats­funk­tio­nen, VVDStRL 39 (1981), S. 99–146, 109; vgl. aus neue­rer Zeit etwa Chris­ti­an Wald­hoff, „Der Gesetz­ge­ber schul­det nichts als das Gesetz“. Zu alten und neu­en Begrün­dungs­pflich­ten des par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­bers, in: Otto Depenheuer/Markus Heintzen/ Mat­thi­as Jestaedt/Peter Axer (Hrsg.), Staat im Wort, Fest­schrift für Josef Isen­see, Hei­del­berg 2007, S. 325–343. 15 Vgl. nur Nils Peter­sen, Ver­hält­nis­mä­ßig­keit als Ratio­na­li­täts­kon­trol­le. Eine rechts­em­pi­ri­sche Stu­die ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Recht­spre­chung zu den Frei­heits­grund­rech­ten, Tübin­gen 2015, S. 271. 16 Armin Stein­bach, Ratio­na­le Gesetz­ge­bung, Tübin­gen 2017. 17 Der Gedan­ke des Ler­nens von Orga­ni­sa­tio­nen und wohl auch Insti­tu­tio­nen fin­det sich ange­legt u. a. bei Chris Argyris/Donald A. Schön, Die Ler­nen­de Orga­ni­sa­ti­on: Grund­la­gen, Metho­den, Pra­xis, Stutt­gart 1999. füh­rung eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren wie der Akkre­di­tie­rung in das deut­sche Hoch­schul­sys­tem noch ganz am Anfang7 ).8 In man­cher Hin­sicht bezieht sich die Arbeit auch zurück auf die Fra­gen der bedeu­ten­den Habi­li­ta­ti­ons­schrift von Hans-Hein­rich Trute,9 wel­che jedoch Eva­lua­tio­nen pri­mär in der Sphä­re der wis­sen­schaft­li­chen Selbst­be­wer­tung verortet.10 Inter­es­sant waren natür­lich auch die von Cris­ti­na Fra­en­kel-Haeber­le beschrie­be­nen Erfah­run­gen mit dem ita­lie­ni­schen und öster­rei­chi­schen (und deut­schen) Modell der Akkre­di­tie­rung von Studiengängen11 und die von Dani­el Kraus­nick ana­ly­sier­te Ver­bin­dung des Neu­en Steue­rungs­mo­dells im Hoch­schul­be­reich mit dem Modell des Gewährleistungsstaats,12 um nur die ein­schlä­gi­gen juris­ti­schen Habi­li­ta­ti­ons­schrif­ten zu nennen.13 3. Gang der Unter­su­chung Die Arbeit ist in zwei Tei­le geglie­dert, die von einem Ein­gangs- und einem Schluss­ka­pi­tel umrahmt wer­den (§§ 1 und 14). Die §§ 2–6 wid­men sich als eine Art „All­ge­mei­ner Teil“: der Her­kunft eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren und ihren theo­re­ti­schen Grund­an­nah­men. Dabei wird in § 2 das Modell eines Eva­lua­ti­ons­rechts als Teil eines Infor­ma­ti­ons­rechts ent­wi­ckelt. Daher wer­den in die­sem Abschnitt die erkennt­nis­lei­ten­den Fra­gen der Arbeit in den aktu­el­len For­schungs­stand zum Infor­ma­ti­ons­recht ein­ge­bet­tet. a) „All­ge­mei­ner Teil“ eines Eva­lua­ti­ons­rechts: Grund­la­gen und metho­disch-theo­re­ti­sche Annah­men In § 3 der Arbeit wird die Fra­ge auf­ge­ru­fen, ob Gesetz­ge­bung und Ver­wal­tung nicht sogar eine Eva­lua­ti­ons­pflicht in Form einer Beob­ach­tungs­pflicht trifft. So hat es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wie­der­holt pos­tu­liert. In die­sem Teil wird her­aus­ge­ar­bei­tet, dass aus dem Gewal­ten­tei­lungs­grund­satz folgt, dass den Gesetz­ge­ber nur eine Oblie­gen­heit zur Schaf­fung eines „guten“ Geset­zes trifft;14 anders ist es aber dann, wenn dem Gesetz­ge­ber zuvor ein wei­ter Pro­gno­se­spiel­raum zuer­kannt wur­de, der zugleich mit einer Grund­rechts­be­rüh­rung ver­bun­den war. In den §§ 3–6 wird zudem der Fra­ge nach­ge­gan­gen, inwie­weit Eva­lua­tio­nen zu einer „ratio­na­len“ Gesetz­ge­bung bei­tra­gen kön­nen, wie es in jün­ge­rer Zeit gele­gent­lich pro­kla­miert wird.15 Dazu wer­den zunächst ver­schie­de­ne Ratio­na­li­täts­be­grif­fe (etwa von Max Weber und von Karl Rai­mund Pop­per) ana­ly­siert, die zu ganz unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen kom­men. Inso­fern ist davor zu war­nen, den Ratio­na­li­täts­be­griff rein „ökonomisch“-affirmativ zu ver­ste­hen (und bei­spiels­wei­se für Kür­zungs­maß­nah­men her­an­zu­zie­hen). Die Unter­schie­de zwi­schen dem Ratio­na­li­täts­be­griff, wie er der­zeit in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten (und teil­wei­se in der öko­no­mi­schen Ana­ly­se des Rechts) benutzt wird und der poli­ti­schen Ratio­na­li­tät, deren Hand­lungs­form gera­de der par­la­men­ta­ri­sche Kom­pro­miss ist, wer­den auf­ge­zeigt. Im Unter­schied zu der kürz­lich (jedoch nach Annah­me der vor­lie­gen­den Schrift) erschie­ne­nen Habi­li­ta­ti­ons­schrift von Armin Steinbach16 wird in der vor­lie­gen­den Unter­su­chung indes nicht das pro­ze­du­ra­le Recht als ein „drit­ter Weg“ zur Lösung der Pro­ble­me ange­se­hen, die sich aus den Unter­schie­den zwi­schen poli­ti­scher und öko­no­mi­scher „Ratio­na­li­tät“ erge­ben. Denn auch die pro­ze­du­ra­le Gesetz­ge­bung kennt Gren­zen, soll sie nicht War­te­schlei­fen her­vor­brin­gen, in der die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zuneh­mend unwil­li­ger fest­hän­gen. Pro­ze­du­ra­len Ansät­zen „lernender“17 Orga­ni­sa­tio­nen und „ler­nen­den“ Rechts, egal, ob sie sich auf Wis­sen­schafts­po­li­tik oder auf ande­re Fel­der bezie­hen, liegt die Annah­me zugrun­de, dass man den poli­ti­schen Pro­zess (in Gesetz­ge­bung wie Ver­wal­tung) in ein­zel­ne Schrit­te auf­tei­len und ent­spre­chend „abar­bei­ten“ kön­ne (poli­cy cycle18). 122 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2019), 119–124 18 Dazu Wer­ner Jann/Kai Weg­rich, Pha­sen­mo­del­le und Poli­tik­pro­zes­se: Der Poli­cy Cycle, in: Klaus Schubert/Nils C. Ban­de­low (Hrsg.), Lehr­buch der Poli­tik­feld­ana­ly­se 2.0, 2. Aufl., Mün­chen 2009, S. 75–113. 19 Sie­he die Fuß­no­te zuvor sowie Mari­on Albers, Eva­lua­ti­on sicher­heits­be­hörd­li­cher Kom­pe­ten­zen: Schrit­te von der sym­bo­li­schen Poli­tik zum ler­nen­den Recht, Ver­wArch 99 (2008), S. 481–508; Karl-Heinz Ladeur, Post­mo­der­ne Rechts­theo­rie, 2. Aufl., Ber­lin 1995; S. 103 ff.; Gralf-Peter Cal­liess, Pro­ze­du­ra­les Recht, Baden­Ba­den 1999, S. 121 f. 20 Dazu Nähe­res bei Nils C. Ban­de­low, Poli­ti­sches Ler­nen: Begrif­fe und Ansät­ze im Ver­gleich, in: Klaus Schubert/ders. (Hrsg.), Lehr­buch der Poli­tik­feld­ana­ly­se 2.0, Mün­chen 2009, S. 313–347. 21 Oder der ein­zel­nen Wis­sen­schaft­le­rin. 22 Bzw. die Grund­rechts­trä­ge­rin. 23 Dazu auch Arne Pil­ni­ok, Gover­nan­ce im euro­päi­schen For­schungs­för­der­ver­bund. Eine rechts­wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se der For­schungs­po­li­tik und For­schungs­för­de­rung im Meh­re­be­nen­sys­tem, Tübin­gen 2011. 24 Van­ne­var Bush, Sci­ence the End­less Fron­tier. A Report to the Pre­si­dent by Van­ne­var Bush, Direc­tor of the Office of Sci­en­ti­fic Rese­arch and Deve­lo­p­ment, July 1945. Die­se Vor­stel­lung geht letzt­lich auf den US-ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus zurück, eine Phi­lo­so­phie­r­ich­tung, die in § 4 der Unter­su­chung näher behan­delt wird. In die­sem Kapi­tel wer­den die theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen von Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren und ihre Vor­läu­fer in der Imple­men­ta­ti­ons­for­schung ana­ly­siert. Dabei wer­den auch die Vor­tei­le von Eva­lua­tio­nen als Selbst­be­wer­tungs­ver­fah­ren dar­ge­stellt, die sich aus einer kyber­ne­ti­schen, ite­ra­ti­ven Dimen­sio­nie­rung von Poli­tik erge­ben. In § 5 wer­den not­wen­di­ge Begriffs­ab­gren­zun­gen vor­ge­nom­men und unter­schied­li­che eva­lua­ti­ve Ansät­ze (ex ante‑, ongo­ing- /in inti­ne­re- und ex post-Eva­lua­tio­nen, ver­schie­de­ne Arten der Geset­zes­fol­gen­ab­schät­zung etc.) vor­ge­stellt. § 6 ist sodann der Aus­ein­an­der­set­zung mit der gän­gi­gen Annah­me gewid­met, durch Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren kön­ne Poli­tik sich bzw. die Ver­wal­tung zum „Ler­nen“ anhalten.19 Dabei wur­de ana­ly­siert, wie vor­aus­set­zungs­voll der Lern­be­griff ist und dass nach moder­nen sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Ansät­zen Aus­hand­lungs- und Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­se (framing und bar­gai­ning) im Vor­der­grund stehen.20 Bedenk­lich wird es immer dann, wenn näm­lich die zugrun­de­lie­gen­den Macht­fra­gen dadurch ver­schlei­ert wer­den, dass Eva­lua­tio­nen – wie in den §§ 3 und 4 der Arbeit dar­ge­stellt – vor­geb­lich zur einer „Ratio­na­li­sie­rung“ (wissenschafts-)politischer Ent­schei­dun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den und dass Wis­sen­schaft selbst als „Pro­jekt“ auf­ge­fasst wird. Denn Pro­jek­ti­fi­zie­rung erzwingt Eva­lua­tio­nen – und Eva­lua­tio­nen set­zen (wie ein­gangs gezeigt) ihrer­seits eine pro­jekt­för­mi­ge Dimen­sio­nie­rung des zu Unter­su­chen­den vor­aus – nur soll­ten wir nicht ver­ges­sen, dass unse­rer Annah­me, Wis­sen­schaft las­se sich „als Pro­jekt“ auf­fas­sen, eine Set­zung vor­aus­geht. b) „Beson­de­rer Teil“ eines Eva­lua­ti­ons­rechts am Bei­spiel der Wis­sen­schafts­po­li­tik aa) „Neu­be­grün­dung“ der Wis­sen­schafts­frei­heit Im „Beson­de­ren Teil“ der Arbeit, den §§ 7–13, wer­den die­se all­ge­mei­nen Vor­über­le­gun­gen dann auf den Bereich der Wis­sen­schaft und der Wis­sen­schafts­po­li­tik bezo­gen. Zunächst wer­den die Grund­la­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit als recht­li­chem Haupt­be­zugs­punkt von Eva­lua­tio­nen (neben dem Demo­kra­tie­prin­zip) neu ver­mes­sen (§7). In § 7 wird auch eine eige­ne, dyna­mi­sche Begrün­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG ent­wi­ckelt: Das Grund­recht hat dem­nach, wie im Ein­zel­nen näher kon­tu­riert wird, zwei, sich durch­aus in einem Span­nungs­ver­hält­nis befin­den­de, Pole: Krea­ti­vi­tät und Inno­va­ti­vi­tät. Die Ver­or­tung der kon­kre­ten Tätig­keit des ein­zel­nen Wissenschaftlers21 inner­halb die­ses Span­nungs­fel­des gibt Auf­schluss dar­über, auf wel­che Gewähr­leis­tung der Wis­sen­schafts­frei­heit sich der Grundrechtsträger22 bezie­hen kann: das „blo­ße“ Abwehr­recht oder mehr. In § 8 wird die Ent­wick­lung eva­lua­ti­ver Ver­fah­ren aus einem Selbst­be­wer­tungs­in­stru­ment („peer review“) dar­ge­stellt, das seit der Roy­al Socie­ty bekannt ist. Dar­über hin­aus wer­den die Grün­de für die Ein­füh­rung „moder­ner“ Ver­fah­ren der Qua­li­täts­be­wer­tung in der deut­schen Wis­sen­schafts­po­li­tik, auch unter euro­päi­schem Einfluss,23 ana­ly­siert (§ 8) und unter­sucht, wel­che Fol­gen die Anfor­de­rung der Eva­lu­ier­bar­keit für die Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on und die Wis­sen­schaft selbst hat (§ 9). Es wird in den §§ 7–9 her­aus­ge­ar­bei­tet, wie – etwa durch den Inge­nieur und Wis­sen­schafts­po­li­ti­ker Van­ne­var Bush – Wis­sen­schaft „als Pro­jekt“ dimen­sio­niert wurde24 und wie die Ein­füh­rung des Neu­en Steue­rungs­mo­dells Seckel­mann · Eva­lua­ti­on und Recht 123 25 Dazu die Nach­wei­se in den Fn. 8 und 11–13 sowie die Bei­trä­ge in Jörg Bogumil/Rolf G. Hein­ze (Hrsg.), Neue Steue­rung von Hoch­schu­len. Eine Zwi­schen­bi­lanz, Ber­lin 2009, S. 67–92. 26 Jostein Askim, Bench­mar­king in Local Government Ser­vice Deli­very: Win­dow-Dres­sing or a Potent Dri­ver for Impro­ve­ment? Evi­dence from Nor­way, in: Sabi­ne Kuhlmann/Jörg Bogumil/ Hel­mut Woll­mann (Hrsg.), Leis­tungs­mes­sung und ‑ver­gleich in Poli­tik und Ver­wal­tung. Kon­zep­te und Pra­xis, Wies­ba­den 2004, S. 277–301. 27 Dazu aus jün­ge­rer Zeit statt vie­ler Göt­trik Wewer, Poli­tik­be­ra­tung und Poli­tik­ge­stal­tung (unter Mit­ar­beit von Olaf Bull), in: Klaus Schubert/Nils C. Ban­de­low (Hrsg.), Poli­tik­feld­ana­ly­se: Dimen­sio­nen und Fra­ge­stel­lun­gen, Lehr­buch der Poli­tik­feld­ana­ly­se 2.0, Mün­chen 2009, S. 401–428. 28 Dazu die Bei­trä­ge in Hil­de­gard Matthies/Dagmar Simon (Hrsg.), Wis­sen­schaft unter Beob­ach­tung. Effek­te und Defek­te von Eva­lua­tio­nen, Wies­ba­den 2008. 29 Dazu Ivo Appel, Pri­vat­ver­fah­ren, in: Wolf­gang Hoff­mann-Rie­m/ Eber­hard Schmidt-Aßman­n/Andre­as Voß­kuh­le (Hrsg.), Grund­la­gen des Ver­wal­tungs­rechts, Bd. 2, § 32, 1. Aufl., Mün­chen 2008, S. 801–881 sowie Bern­ward Wol­len­schlä­ger, Effek­ti­ve staat­li­che Rück­hol­op­tio­nen bei gesell­schaft­li­cher Schlech­ter­fül­lung, Baden­Ba­den 2006. 30 Ansät­ze hier­zu fin­den sich aber bei Ino Augs­berg, Infor­ma­ti­ons­ver­wal­tungs­recht. Zur kogni­ti­ven Dimen­si­on der recht­li­chen Steue­rung von Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen, Tübin­gen 2014. im Hoch­schul­be­reich mit der Eta­blie­rung von Ziel­ver­ein­ba­run­gen und ande­ren eva­lua­ti­ven Instru­men­ten einherging.25 In § 10 wer­den die sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards für Wis­sen­schafts­eva­lua­tio­nen (etwa bezo­gen auf den [Social] Sci­ence Cita­ti­on Index und den h‑Index) ana­ly­siert und die mit der­ar­ti­gen Ver­fah­ren ein­her­ge­hen­den Effek­te und mög­li­chen Fehl­steue­run­gen (wie das „win­dow dressing“26) dar­ge­stellt. In § 11 fin­den sich sodann rechts­nor­ma­ti­ve Leit­plan­ken für ein mög­li­ches Eva­lua­ti­ons­ge­setz. In den §§ 12 und 13 die­ser Arbeit wer­den abschlie­ßend ein­zel­ne eva­lua­ti­ve Ver­fah­ren wie Lehr­eva­lua­tio­nen, Juni­or­pro­fes­su­ren und Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren ana­ly­siert und auf die in § 11 auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en bezo­gen. Bei­den Tei­len gemein­sam ist die Fra­ge nach Struk­tu­ren, Ver­fah­ren und Legi­ti­ma­ti­ons­fra­gen. Letz­te­re ste­hen beson­ders im Fokus, da die Fra­ge nach der Legi­ti­ma­ti­ons­be­grün­dung (der Indienst­nah­me) von Politikberatung27 sowohl all­ge­mein in § 6 als auch am Bei­spiel der staat­li­chen Wis­sens­be­schaf­fung durch Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren in § 13 ana­ly­siert wird. Für Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker dürf­te beson­ders § 11 inter­es­sant sein, in dem unter Refle­xi­on der in § 10 geschil­der­ten sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ein recht­li­cher Rah­men für ein (sowohl all­ge­mei­nes wie dann auch bereichs­spe­zi­fisch auf die Fra­ge der Wis­sen­schafts­frei­heit bezo­ge­nes) „Eva­lua­ti­ons­recht“ skiz­ziert wird. Dabei ist von beson­de­rer Bedeu­tung, dass Eva­lua­ti­ons­recht ein refle­xi­ves Recht ist, da es auf sich selbst ange­wen­det wer­den kann. So setz­te bei­spiels­wei­se das soge­nann­te Bran­den­bur­ger Hoch­schu­l­ur­teil (BVerfGE 111, 333) dar­auf, dass die von (Lehr-)Evaluationen mög­li­cher­wei­se aus­ge­hen­den Fehl­steue­run­gen selbst wie­der ana­ly­siert wer­den könn­ten. In einem Schluss­ka­pi­tel (§ 14) wird eine Bilanz der Habi­li­ta­ti­ons­schrift gezo­gen, und es wer­den mög­li­che Per­spek­ti­ven der For­schung ent­fal­tet. So wäre bei­spiels­wei­se noch inten­si­ver, als es im Rah­men der Arbeit vor­ge­nom­men wer­den konn­te, zu unter­su­chen, inwie­weit sich Instru­ment und Rechts­fi­gu­ren aus ande­ren Rechts­be­rei­chen, die sich mit wis­sen­schafts­ba­sier­ten Fra­gen beschäf­ti­gen (etwa das Scoping und das Moni­to­ring nach § 2 Abs. 4 S. 2 Bau­GB) für ein „Beson­de­res Eva­lua­ti­ons­recht“ nutz­bar machen lie­ßen. III. Fol­ge­run­gen Ins­ge­samt erge­ben sich fol­gen­de Erkennt­nis­se: Eva­lua­tio­nen kön­nen nütz­li­che Hilfs­mit­tel für die Vor­be­rei­tung von Ent­schei­dun­gen öffent­li­cher Akteu­re oder die Bewer­tung des Voll­zugs die­ser Ent­schei­dun­gen sein. Sie hel­fen Gesetz­ge­bung und Ver­wal­tung bei der Gewin­nung des zur Ent­schei­dungs­vor­be­rei­tung nöti­gen Wis­sens (§§ 2 und 3) und der gedank­li­chen Struk­tu­rie­rung des Gesetz­ge­bungs­vor­gangs, der Abschät­zung mög­li­cher Geset­zes­fol­gen und der Beob­ach­tung der Fol­ge­wir­kun­gen eines Geset­zes. Außer­dem kön­nen sie beim Geset­zes­voll­zug über Fehl­steue­run­gen infor­mie­ren (§§ 4 und 5). Hier­für erhe­ben Eva­lua­to­ren Infor­ma­tio­nen, wäh­len das nach ihrer Auf­fas­sung (im Rah­men der rechts­nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben) ent­schei­dungs­er­heb­li­che Wis­sen aus, bün­deln es und neh­men eine (ers­te) Bewer­tung in Form eines Votums vor. Dabei kön­nen und sol­len eva­lua­ti­ve Ver­fah­ren durch­aus eine Refle­xi­vi­tät ent­fal­ten und als Eva­lua­tio­nen zwei­ter Ord­nung selbst wie­der Infor­ma­tio­nen über „Effek­te und Defekte“28 von Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren lie­fern. Sie tun es nur nicht auto­ma­tisch: Wie in den §§ 6 und 10 beschrie­ben, gehen Eva­lua­tio­nen Wer­tun­gen vor­aus und das „Ler­nen“ aus ihnen kann auch ein patho­lo­gi­sches sein – es bedarf also einer nach­voll­zie­hen­den Aus­wer­tung der durch Eva­lua­tions- und Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren gene­rier­ten Informationen.29 Denn der Vor­gang der Aus­wahl und Ver­dich­tung der Infor­ma­tio­nen für das (aus Sicht der Eva­lua­to­ren) Wesent­li­che ist bereits selbst ein Akt der Bewer­tung, der die Kom­ple­xi­tät der Rea­li­tät not­wen­di­ger­wei­se sim­pli­fi­ziert. Zudem soll­ten die mit Eva­lua­tio­nen ver­bun­de­nen Aus­hand­lungs- und Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­se (framing und bar­gai­ning) stär­ker in den Blick genom­men wer­den, als es die rechts­wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur bis­lang zumeist getan hat.30 Inso­fern 124 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2019), 119–124 kön­nen Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren auch immer nur zur Ent­schei­dungs­vor­be­rei­tung die­nen, Ent­schei­dun­gen aber nicht erset­zen. Die mit Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren ein­her­ge­hen­de Selek­ti­vi­tät der Wahr­neh­mung ist zudem kei­nes­falls unbe­denk­lich. Denn eva­lua­ti­ve Ver­fah­ren „fin­den“ kei­ne Rea­li­tät, son­dern sie erfin­den sie: Sie schrei­ben Qua­li­tät zu und ver­su­chen, die­se anhand von Indi­ka­to­ren zu „mes­sen“. So genau man spä­ter Para­me­ter erfas­sen kön­nen mag: Es soll­te nie ver­ges­sen wer­den, dass der Fest­le­gung von Indi­ka­to­ren zuvor Wer­tun­gen vor­aus­ge­gan­gen sind (dazu die §§ 4, 6 und 10 der Unter­su­chung). Daher bilan­ziert die Schrift mit dem Peti­tum, eine recht­li­che Absi­che­rung der mit der bei Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren zuneh­mend schwie­ri­ger wer­den­den nach­voll­zie­hen­den Amts­er­mitt­lung durch eine Ver­dich­tung des ex ante-Pro­zes­ses vor­zu­neh­men (und wie das in etwa aus­se­hen könn­te, wird in § 11 umris­sen). Inwie­weit die in der Arbeit for­mu­lier­te War­nung vor einer Flucht in die Selbst­re­gu­lie­rung dann auch von den Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­en rezi­piert wird und inwie­weit der Staat sei­ner Garan­tie­funk­ti­on für die Wis­sen­schafts­frei­heit wie­der ver­stärkt nach­kom­men wird, bleibt abzu­war­ten. Mit dem vor­lie­gen­den Buch ver­bin­det sich aber die Hoff­nung, dazu bei­getra­gen zu haben, das Instru­ment der staat­li­chen Wis­sens­be­schaf­fung durch Eva­lua­tio­nen vor­zu­stel­len, hand­hab­bar zu machen, auf­klä­re­risch vor dem mit sei­ner Nut­zung mög­li­cher­wei­se ein­her­ge­hen­den ideo­lo­gi­schen Ein­flüs­sen zu war­nen und die gera­de genann­ten Pro­ble­me durch eine Gestal­tung des Rechts­rah­mens best­mög­lich ein­zu­he­gen. PD Dr. iur. Mar­grit Seckel­mann, ist Geschäfts­füh­re­rin des Deut­schen For­schungs­in­sti­tuts für öffent­li­che Ver­wal­tung und im Win­ter­se­mes­ter 2018/2019 Ver­tre­te­rin des Lehr­stuhls für Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft, Staats­recht, Ver­wal­tungs­recht und Euro­pa­recht an der Deut­schen Uni­ver­si­tät für Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten Speyer.