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I. Ein­lei­ten­de Bemerkungen

Dass sich das kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sungs­ver­fah­ren der Media­ti­on auch auf dem Cam­pus öffent­lich-recht­li­cher Hoch­schu­len als hilf­reich erwei­sen kann, ist eine Erkennt­nis, die erst in jün­ge­rer Zeit und immer noch eher zöger­lich an Boden gewinnt. Ob frei­lich inso­weit von dem am 26.07.2012 in Kraft getre­te­nen Media­ti­ons- förderungsgesetz1 unmit­tel­bar wirk­sa­me Impul­se aus­ge- hen, die auch gera­de die öffent­lich-recht­li­chen Hoch- schu­len für die­ses Ver­fah­ren sen­si­bi­li­siert haben könn- ten, erscheint eher frag­lich. Zwar ist der Gesetz­ge­ber bei der Umset­zung der ein­schlä­gi­gen EU-Richt­li­nie2 deut- lich über die­se hin­aus­ge­gan­gen, aber das für öffent­lich- recht­li­che Behör­den maß­geb­li­che, kodi­fi­zier­te Ver­wal- tungs­ver­fah­ren wur­de nicht in das Media­ti­ons­för­de- rungs­ge­setz ein­be­zo­gen. Der Emp­feh­lung der Abtei­lung „Media­ti­on“ des 67. Deut­schen Juris­ten­ta­ges 2008 in Erfurt,3 das Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht sol­le aus­drück- lich die Mög­lich­keit regeln, ein Media­ti­ons­ver­fah­ren „im“ oder par­al­lel zum Ver­wal­tungs­ver­fah­ren durch­zu- füh­ren, wur­de nicht Rech­nung getragen.

Auf­ge­grif­fen hat der Gesetz­ge­ber dage­gen den Vor- schlag des 67. DJT, die gerichts­in­ter­ne Media­ti­on in allen Pro­zess­ord­nun­gen der Fach­ge­rich­te und damit auch in der für die Ver­wal­tungs­ge­rich­te maß­geb­li­chen VwGO vorzusehen,4 so dass in öffent­lich-recht­li­chen Strei­tig- kei­ten nach § 40 VwGO den Betei­lig­ten eines anhän­gi- gen Ver­fah­rens – also auch in einem Streit unter Beteili-

* Bei die­sem Auf­satz han­delt es sich um die über­ar­bei­te­te Fas­sung eines Bei­tra­ges, der in dem von Frit­jof Haft und Katha­ri­na Grä­fin von Schlief­fen her­aus­ge­ge­be­nen „Hand­buch Media­ti­on“, 3. Aufl. 2016, als § 43 erschie­nen ist.

  1. 1  Gesetz zur För­de­rung der Media­ti­on und ande­rer Ver­fah­ren der außer­ge­richt­li­chen Kon­flikt­bei­le­gung v. 21.7.2012, BGBl. 2012 I,
    S. 1577. Dem § 1 des in Art. 1 nor­mier­ten Media­ti­ons­ge­set­zes sind frei­lich nun mehr zen­tra­le Begriffs­be­stim­mun­gen zu ent­neh­men: Nach § 1 Abs. 1 ist die Media­ti­on „ein ver­trau­li­ches und struk­tu- rier­tes Ver­fah­ren, bei dem Par­tei­en mit­hil­fe eines oder meh­re­rer Media­to­ren frei­wil­lig und eigen­ver­ant­wort­lich die ein­ver­nehm­li- che Bei­le­gung ihres Kon­flik­tes anstre­ben“. Nach § 1 Abs. 2 ist ein Media­tor „eine unab­hän­gi­ge und neu­tra­le Per­son ohne Entsch­ei- dungs­be­fug­nis, die die Par­tei­en durch die Media­ti­on führt“.
  2. 2  Richt­li­nie 2008/52/EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 21.5.2008 über bestimm­te Aspek­te der Media­ti­on in Zivil- und Han­dels­sa­chen v. 24.5.2008, ABl. EU 2008, L 136/3.
  3. 3  Vgl. unter http://www.djt.de, Die Tagun­gen, Beschlüs­se, 67. DJT, Media­ti­on, D 19. Sie­he aber nun­mehr das am 1.1.2015 in Kraft

gung einer öffent­lich-recht­li­chen Hoch­schu­le – nun- mehr auf gesi­cher­ter recht­li­cher Grund­la­ge als Alter­na- tive zum kon­ven­tio­nel­len Pro­zess die Mög­lich­keit einer Media­ti­on durch einen ent­spre­chend geschul­ten, nicht zur Streit­ent­schei­dung befug­ten Rich­ter – den Güte­rich- ter – ange­bo­ten wer­den kann.5 Die­ses Ange­bot ist in den Gerich­ten und ins­be­son­de­re in den Ver­wal­tungs­ge­rich- ten frei­lich nicht neu. Bereits Jah­re vor dem Inkraft­tre­ten des Media­ti­ons­för­de­rungs­ge­set­zes gab es eine rasant wach­sen­de Zahl an Modellprojekten,6 die sich zuneh- men­der Wert­schät­zung erfreuten.

Zwar hat das Media­ti­ons­för­de­rungs­ge­setz – wie er- wähnt – das Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht aus­ge­klam- mert, aber auch in den Berei­chen, die die­ses Recht regelt, wird die Media­ti­on bereits seit meh­re­ren Jah­ren – und nicht erst seit Inkraft­tre­ten des Media­ti­ons­för­de­rungs­ge- set­zes – prak­ti­ziert. Das gilt für die nach außen wirk­sa­me Ver­wal­tungs­tä­tig­keit (vor allem bei raum­re­le­van­ten Vor- haben), aber dar­über hin­aus für die inter­ne Bear­bei­tung ver­wal­tungsinter­ner Kon­flik­te. Sol­che soge­nann­ten In- house-Media­tio­nen sind vor allem in gro­ßen pri­va­ten Wirt­schafts­un­ter­neh­men ein bevor­zug­tes Mit­tel des Konfliktmanagements.7 Es gibt indes z.B. auch Kom­mu- nal­ver­wal­tun­gen, die mit Inhouse-Media­tio­nen gute Er- fah­run­gen gesam­melt haben.8 Dazu gehört schon seit gerau­mer Zeit die Stadt Heidelberg.9 Selbst in einem Bun­des­mi­nis­te­ri­um wird inzwi­schen die Ein­füh­rung ei- nes Kon­flikt­ma­nage­ment­sys­tems erwo­gen und der Fra­ge nach­ge­gan­gen, ob den Kon­flikt­be­tei­lig­ten die Möglich-

getre­te­ne Umwelt­ver­wal­tungs­ge­setz Baden-Würt­tem­berg vom 25.11.2014, GBl. S. 592, „§ 4 Umwelt­me­dia­ti­on“; vgl. dazu Feld- mann, NVwZ 2015, 321, 324 ff.

4 Sie­he Fn. 3, D 21. Vgl. § 278 Abs. 5 ZPO und § 173 S. 1 VwGO, jeweils in der Fas­sung des Media­ti­ons­för­de­rungs­ge­set­zes (Fn. 1), Art. 2 Ziff. 5 u. Art. 6.

5 Vgl. Haft/Schlieffen, Hand­buch Media­ti­on, 3. Aufl. 2016, §§ 9 u. 51.

6 Vgl. Jan Mal­te von Bar­gen, Gerichts­in­ter­ne Media­ti­on, 2008, S. 70 ff.

7 Vgl. zum „Round Table Media­ti­on und Kon­flikt­ma­nage­ment der deut­schen Wirt­schaft“ (RTMKM), unter: http://www.rtmkm.de; sowie Hand­buch Media­ti­on (Fn. 5), § 36; sie­he auch Hoormann/ Mat­heis, Kon­flikt­ma­nage­ment in Hoch­schu­len, 2014, S. 7 ff.; Henkel/Göhler, Media­ti­on im Betrieb, in: AuR 2014, 703.

Hoormann/Matheis (Fn. 7) nen­nen in die­sem Zusam­men­hang die Städ­te Kemp­ten und Wup­per­tal (S. 9).

Wei­g­le, in: Nie­dost­a­dek (Hrsg.), Pra­xis­hand­buch Media­ti­on, 2010, S. 154, 157.

Joa­chim von Bargen

Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus* Media­ti­on in öffent­lich-recht­li­chen Hochschulen

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2016, ISSN 2197–9197

140 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2016), 139–152

keit eröff­net wer­den soll­te, die Hil­fe einer Media­to­rin oder eines Media­tors in Anspruch zu nehmen.10

Im Bereich der öffent­lich-recht­li­chen Hoch­schu­len wer­den Media­tio­nen zur Lösung hoch­schul­in­ter­ner Kon­flik­te der­zeit noch am ehes­ten dann ange­bo­ten, wenn Hoch­schu­len eine Kon­flikt­be­ra­tungs­stel­le ein­ge- rich­tet haben, die allen Hoch­schul­an­ge­hö­ri­gen offen steht und die­se im Fal­le unspe­zi­fi­scher, nicht spe­zi­ell wis­sen­schafts­be­zo­ge­ner Kon­flik­te – wie es sie in jedem Wirt­schafts­un­ter­neh­men und jeder Ver­wal­tungs­be­hör- de geben kann – unter­stützt (dazu unter II.). Deut­lich gerin­ge­re Erfah­run­gen – wenn über­haupt –, aber einen wach­sen­den Bedarf an einem Kon­flikt­ma­nage­ment (ein- schließ­lich der Media­ti­on) gibt es, wenn spe­zi­fisch wis- sen­schafts­be­zo­ge­ne Kon­flik­te zu bear­bei­ten sind. Das gilt im Rah­men der immer dring­li­che­ren Bemü­hun­gen um die „Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Praxis“11 zum einen für das wei­te Feld der For­schung (III.), zum ande­ren aber auch spe­zi­ell für den Bereich der Pro­mo­ti- on (IV.). Nach ein paar Stich­wor­ten zu Mög­lich­kei­ten, zur kon­sen­sua­len Lösung inter­ner Kon­flik­te exter­ne Hil- fe in Anspruch zu neh­men (V.), soll abschlie­ßend nur ange­ris­sen wer­den, dass sich öffent­lich-recht­li­che Hoch- schu­len auch im Bereich der Leh­re (VI.) und der Wis- sen­schaft in Sachen „Media­ti­on“ enga­gie­ren (VII.).

II. Bear­bei­tung unspe­zi­fi­scher Kon­flik­te am Arbeits- und Studienplatz

Eine der ers­ten deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die eine Stel­le für eine inter­ne pro­fes­sio­nel­le „Sozi­al- und Kon­flikt­be- ratung“ ein­ge­rich­tet hat, ist die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt (TUD).12 Die­se vor­bild­li­che Ein­rich­tung, die inzwi­schen seit ca. 15 Jah­ren ihre Hil­fe anbie­tet, steht allen Beschäf­tig­ten der Uni­ver­si­tät u.a. im Fal­le von Kon­flik­ten am Arbeits­platz offen, geht aber in ihrem Bei- stands-Ange­bot weit dar­über hin­aus. Sie ist mit zwei Media­to­rin­nen besetzt (davon eine Voll­zeit­stel­le) und direkt als Stabs­stel­le dem Prä­si­di­um zuge­ord­net, die

  1. 10  Wag­ner, Media­ti­on in Behör­den, NJW 2014, 1344.
  2. 11  Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft, Siche­rung guter wis­sen­schaft-licher Pra­xis – Denk­schrift; die­se ist sowohl in der ers­ten (1998) als auch in der zwei­ten (Juli 2013), ergänz­ten Auf­la­ge im Inter­net ver­füg­bar unter: http://www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft. de, wei­te­re Infor­ma­tio­nen; vgl. fer­ner das Posi­ti­ons­pa­pier des Wis­sen­schafts­ra­tes „Emp­feh­lun­gen zur Siche­rung wis­sen­schaft- licher Inte­gri­tät“ v. 24.4.2015, unter http://www.wissenschaftsrat.de; sie­he dazu Schmoll, FAZ v. 27.4.2015, S. 2.
  3. 12  Vgl. hier und im Fol­gen­den: http://www.intern.tu-darmstadt.de/sokobe/ und die dort genann­ten Pres­se­ar­ti­kel. Sie­he fer­ner den Vor­trag von Mada Mevis­sen über die von ihr gesam­mel­ten Erfah­run­gen in der Sozi­al- und Kon­flikt­be­ra­tung an der TUD im Rah­men des

Media­to­rin­nen arbei­ten aber in gesi­cher­ter Unab­hän­gig- keit.13

An die bei­den Media­to­rin­nen Mada Mevis­sen und Bea­tri­ce Wypych her­an­ge­tra­gen wer­den Kon­flik­te zwi- schen­Hier­ar­chie-Ebe­ne­n­eben­so­wiein­ner­halb­von­Ab- tei­lun­gen und Teams. Ver­än­der­te Auf­ga­ben und per­so- nel­ler Wech­sel am Arbeits­platz kön­nen eben­so zu eska- lie­ren­den Span­nun­gen füh­ren wie Über­for­de­rung, per- sön­li­che Aver­sio­nen oder Riva­li­tä­ten. Ent­wür­di­gen­des und respekt­lo­ses Ver­hal­ten wie Mob­bing, Schi­ka­nen, Dis­kri­mi­nie­run­gen und „sexu­al harass­ment“ oder „stal- king“ sind häu­fig die Fol­ge unge­klär­ter Kon­flik­te. Bis ein­schließ­lich 2012 hat die Sozi­al- und Kon­flikt­be­ra­tung der TUD 1500 Rat­su­chen­de betreut. 2012 nah­men 180 Per­so­nen den Ser­vice in Anspruch, dar­un­ter ca. 10 bis 15% Pro­fes­so­ren und knapp 30% Dok­to­ran­den. Die Zahl der Media­tio­nen beläuft sich der­zeit auf ein bis zwei im Monat. Die Media­to­rin­nen haben so gut zu tun, dass sie drei bis vier Wochen im Vor­aus aus­ge­bucht sind.

Inzwi­schen gibt es ähn­li­che Ein­rich­tun­gen wie die Sozi­al- und Kon­flikt­be­ra­tungs­stel­le der TUD in zahl­rei- chen öffent­lich-recht­li­chen Hoch­schu­len, die sich frei- lich in ihrer Viel­falt erheb­lich unter­schei­den. Umso ver- dienst­vol­ler ist es, dass es die Autoren Josef Hoor­mann und Alfons Mat­heis in einer 2014 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die unter­nom­men haben, im Zuge einer Bestands­auf­nah­me erst­mals Aus­maß und Art des Kon­flikt­ma­nage­ments an öffent­lich-recht­li­chen Hoch­schu­len in der Bun­des­re­pu- blik Deutsch­land zu erfassen.14 Die Idee der Autoren ist – wie es im Vor­wort heißt –, wei­te­re Hoch­schu­len zu moti­vie­ren, sich für ein Kon­flikt­ma­nage­ment zu öff­nen. Die Stu­die gibt nicht nur den ein­schlä­gi­gen Stand der For­schung wieder,15 son­dern skiz­ziert auch aus­ge­wähl­te Bei­spie­le aus der Pra­xis des hoch­schul­in­ter­nen Kon­flikt- managements.16 Hier wird u.a. näher auf die Akti­vi­tä­ten an der TUD, aber auch auf die an der Hoch­schu­le für Ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten Ham­burg, der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ilmen­au und an der Hoch­schu­le Rhein­Main in Wies­ba­den ein­ge­gan­gen. In allen hier genannten

vier­ten Netz­werk­tref­fens „Kon­flikt­ma­nage­ment und Media­ti­on“ der HIS Hoch­schul­ent­wick­lung am 20.11.2013 in Han­no­ver, unter: http://www.his-he.de/veranstaltung/dokumentation/Netzwerktreffen_2013. Lesens­wert sind auch wei­te­re der im Rah­men die­ser Netz­werk- tref­fen gehal­te­nen und doku­men­tier­ten Refe­ra­te, zB das beim 5. Tref­fen Mit­te Dezem­ber 2014 vor­ge­tra­ge­ne Refe­rat von Joa­chim Kepp­lin­ger, der sich u.a. zur inner­be­hörd­li­chen Media­ti­on in der Poli­zei Baden-Würt­tem­bergs äußert.

13 Vgl. Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 56.
14 Vgl. zu die­ser Stu­die Kno­ke, in: duz 10/2014, S. 26.
15 Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 43 ff. mwN., sie­he auch das umfas-

sen­de Lite­ra­tur­ver­zeich­nis, S. 105 ff. 16 Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 50 ff.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 4 1

Hoch­schu­len sind aus­ge­bil­de­te Media­to­rin­nen bzw. Me- dia­to­ren tätig, allein an der zuletzt genann­ten Hoch­schu- le sind es sechs.

Von hohem Wert ist die Stu­die aber vor allem auch des­halb, weil sie sich auf umfas­sen­de empi­ri­sche Erhe- bun­gen stützt.17 Die Ver­fas­ser der Stu­die haben an 238 staat­li­che Hoch­schu­len und zwei staat­lich aner­kann­te (pri­va­te) Fach­hoch­schu­len einen detail­lier­ten Fra­gen­bo- gen ver­schickt, der von 86 Hoch­schu­len beant­wor­tet wur­de (40 Uni­ver­si­tä­ten und 46 Fach­hoch­schu­len); die Rück­lauf­quo­te lag bei 35,8%. In knapp mehr als der Hälf- te die­ser Hoch­schu­len gibt es Regeln für die Kon­flikt­be- arbei­tung wie z.B. fixier­te Ver­ein­ba­run­gen, infor­mel­le Abspra­chen oder Gewohn­hei­ten, die in der Hoch­schu­le all­ge­mei­ne Pra­xis sind. Auf die Fra­ge nach der Form der Kon­flikt­be­ar­bei­tung nen­nen knapp 43% der Hoch­schu- len die Media­ti­on; mehr als ein Vier­tel (26,7%) neh­men exter­ne Hil­fe in Anspruch.18 Knapp mehr als die Hälf­te (52,4%) schät­zen die Kon­flikt­häu­fig­keit an ihrer Hoch- schu­le als „mit­tel“ (meh­re­re Kon­flik­te pro Monat) ein.19

Im Rah­men der empi­ri­schen Stu­die sind nicht nur quan­ti­ta­ti­ve Daten aus­ge­wer­tet, son­dern in aus­ge­wähl- ten Hoch­schu­len auch per­sön­li­che Inter­views mit den Akteu­ren der Kon­flikt­be­ra­tungs­stel­len geführt wor- den.20 In die­sem Zusam­men­hang wer­den die Uni­ver­si­tä- ten Mainz und Stutt­gart sowie die Hoch­schu­len Ost- west­fa­len Lip­pe und Harz genannt, in denen aus­ge­bil­de- te Media­to­rin­nen und Media­to­ren Hil­fe bei der inter­nen Kon­flikt­be­ar­bei­tung anbie­ten. Dass das auch für die TUD gilt, ist bereits dar­ge­legt worden.21

III. Bear­bei­tung spe­zi­fisch wis­sen­schafts­be­zo­ge­ner Kon­flik­te im Bereich der Forschung

1. Grund­la­gen

Wäh­rend noch vor ca. zwei Jahr­zehn­ten die Hoff­nung ver­brei­tet war, dass es in den Hoch­schu­len, in denen wis-

  1. 17  Vgl. hier und im Fol­gen­den Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 59 ff.
  2. 18  Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 67.
  3. 19  Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 74.
  4. 20  Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 90 ff., 111 ff.
  5. 21  Sie­he oben bei Fn. 12 ff.
  6. 22  Vgl. hier und im Fol­gen­den DFG-Denk­schrift, 2. Aufl. (Fn. 11),S. 8, 13 f.; Apel, Ver­fah­ren und Insti­tu­tio­nen zum Umgang mit Fäl­len wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens, 2009, S. 313; Hüt- temann, Selbst­kon­trol­le in der Wis­sen­schaft, F&L 2011, 80; Schif­fers, Ombuds­man und Kom­mis­si­on zur Auf­klä­rung wis­sen- schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens an staat­li­chen Hoch­schu­len, 2012, S. 17 ff.; von Bar­gen, Wis­sen­schaft­li­che Red­lich­keit und zen­tra­les hoch­schul­in­ter­nes Ver­fah­rens­recht, JZ 2013, 716 f.

sen­schaft­lich geforscht wird, so gut wie kei­ne Kon­flik­te gibt, jeden­falls kei­ne, die Anlass geben könn­ten, aus­rei- chen­de orga­ni­sa­ti­ons- und ver­fah­rens­recht­li­che Vor­keh- run­gen zu tref­fen, hat sich das im Jahr 1997 schlag­ar­tig geändert.22 Sei­ner­zeit ver­dich­te­ten sich Hin­wei­se auf mas­si­ve Vor­wür­fe wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens gegen zwei bis dahin renom­mier­te Medi­zi­ner und Krebs- for­scher, näm­lich Fried­helm Herr­mann sowie sei­ne ehe- mali­ge Kol­le­gin und Lebens­ge­fähr­tin Mari­on Brach. In einem Mit­te des Jah­res 2000 vor­ge­leg­ten Abschluss­be- richt kam eine „Task For­ce F.H.“ zu dem Ergeb­nis, dass sich in 94 Ver­öf­fent­li­chun­gen, in denen Herr­mann als Co-Autor genannt wor­den war, Hin­wei­se auf Daten­ma- nipu­la­tio­nen fänden.23

Die­ser soge­nann­te „Sündenfall“24 war für die Deut- sche For­schungs­ge­mein­schaft und ande­re Wis­sen- schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen Anlass, die Initia­ti­ve zu ergrei­fen und auf grund­le­gen­de Ände­run­gen zu drin­gen. Wäh- rend in den letz­ten 10 Jah­ren vor 1997 ledig­lich in sechs Fäl­len Ad-hoc-Kom­mis­sio­nen gebil­det wor­den waren, haben Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­ein­rich­tun­gen die in einer 1998 beschlos­se­nen Mus­ter­ver­fah­rens­ord­nung der Hochschulrektorenkonferenz25 emp­foh­le­nen Ände- run­gen auf­ge­grif­fen und – inzwi­schen auch fort­ge­schrie- bene – Regeln zur Siche­rung der Selbst­ver­ant­wor­tung in der For­schung und zum Umgang mit wis­sen­schaft­li- chem Fehl­ver­hal­ten ver­ab­schie­det. Vor­ge­se­hen sind nun­mehr in den Hoch­schu­len stän­di­ge zen­tra­le Insti­tu- tio­nen, näm­lich sowohl Ombuds­per­so­nen als auch Un- ter­su­chungs­kom­mis­sio­nen. Dar­über hin­aus hat die DFG ein – aus drei Wis­sen­schaft­lern bestehen­des – Bera- tungs- und Ver­mitt­lungs-Gre­mi­um, den „Ombuds­man für die Wis­sen­schaft“ eingerichtet.26

Eine wesent­li­che Ursa­che dafür, dass es im Inter­es­se der Red­lich­keit in der Wis­sen­schaft zwin­gend gebo­ten war, ele­men­ta­re Grund­la­gen für ein Kon­flikt­ma­na­ge- ment zu nor­mie­ren, sind fun­da­men­ta­le Strukturverän-

23 Vgl. Koenig, Panel Calls Fal­si­fi­ca­ti­on in Ger­man Case ’Unpre­ce- den­ted’, Sci­ence 277, 894.

24 Finetti/Himmelrath, Der Sün­den­fall. Betrug und Fäl­schung in der deut­schen Wis­sen­schaft, 1999.

25 HRK-Beschluss v. 6.7.1998 „Zum Umgang mit wis­sen­schaft­li- chem Fehl­ver­hal­ten in den Hoch­schu­len“, http://www.hrk.de, Beschlüs­se; sie­he dort auch die über­ar­bei­te­te und prä­zi­sier­te Fas­sung v. 14.5.2013.

26 DFG-Denk­schrift, 2. Aufl. (Fn. 11), S. 35 ff.; sowie unter: http:// www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de.

142 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2016), 139–152

derun­gen des inter­na­tio­na­len Wissenschaftssystems,27 die hier nur mit ein paar Stich­wor­ten skiz­ziert wer­den kön­nen. Cha­rak­te­ris­tisch ist ein zuneh­men­der inter­na­ti- ona­li­sier­ter Wett­be­werb zwi­schen For­scher­grup­pen, bei dem sich kei­nes­wegs alle Betei­lig­ten aus­schließ­lich fair ver­hal­ten, und der auch in rui­nö­se For­men aus­ar­ten kann („cut throat com­pe­ti­ti­on“). Immer schwe­rer zu kon­trol­lie­ren ist eine wach­sen­de Beschleu­ni­gung des For­schungs­pro­zes­ses, die u.a. einen stei­gen­den Ver­öf- fent­li­chungs­druck bewirkt. Kon­kur­renz­den­ken und Pro­fi­lie­rungs­zwän­ge wer­den zuneh­mend selbst­ver­ständ- licher. Das nie enden­de Rin­gen um Stel­len und För­der- mit­tel prägt den All­tag des Wis­sen­schaft­lers, des­sen Leis­tungs­kraft an quan­ti­fi­zie­ren­den Kenn­zah­len wie Dritt­mit­tel, Pro­mo­tio­nen und Publi­ka­tio­nen gemes­sen wird.

Die Fol­ge ist, dass sich eine Ten­denz hin zu einer un- gesun­den, ver­krampf­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur und zur Ent­so­li­da­ri­sie­rung entwickelt.28 Coach- und Team- fähig­keit haben kei­nen hohen Stel­len­wert. Die offe­ne Aus­tra­gung von Kon­flik­ten oder die Ein­be­zie­hung Drit- ter wer­den aus Sor­ge vor einer Skan­da­li­sie­rung ver­mie- den. Umso häu­fi­ger fin­det die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Drit- ten ein­sei­tig „hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand“ statt. Posi­ti­ve Ergeb­nis­se wer­den über­be­tont, nega­ti­ve ver­schwie­gen oder klein­ge­re­det. Eige­ne Feh­ler wer­den eher sel­ten the- mati­siert, Ande­ren Feh­ler vor­zu­hal­ten, gilt als Affront. Zu den Ursa­chen, die ein Gegen­steu­ern zwin­gend gebo- ten haben und noch heu­te bie­ten, zählt frei­lich auch, dass die frü­her geschätz­ten Kon­troll­in­stru­men­te „peer review“ und „repli­ca­ti­on“ erheb­lich an Effek­ti­vi­tät ver­lo- ren haben und mehr denn je über­schätzt wer­den. Der in den Nie­der­lan­den leh­ren­de deut­sche Sozialpsychologe

  1. 27  Vgl. hier und im Fol­gen­den Schul­ze-Fie­litz, Reak­ti­ons­mög­lich- kei­ten des Rechts auf wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten, in: WissR, Bei­heft 21 (2012), 1 ff.; ders., Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen von Ombuds- und Unter­su­chungs­ver­fah­ren zur Auf­klä­rung wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens, in: WissR 2004, 122; Fohr­mann, Zur Unver­wech­sel­bar­keit ver­pflich­tet, sie­he unter: http://www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de, wei­te­re Infor- matio­nen; auf­schluss­reich ist auch das Inter­view mit dem Jena­er Sozio­lo­gen Hart­mut Rosa, in: Die Zeit, Nr. 45 v. 3.11.2011: „Jeden Tag schul­dig ins Bett – Das Hams­ter­rad für Pro­fes­so­ren dreht sich immer schnel­ler, teils mit rui­nö­sen Fol­gen für die Men­schen und die For­schung“; vgl. fer­ner: Die Zeit Nr. 24 v. 11.6.2015, S. 59 ff. („Pro­fes­so­ren pro­tes­tie­ren gegen die Uni“).
  2. 28  Vgl. hier und im Fol­gen­den Baum, Wist­leb­lowing in der Wis­sen- schaft, in: F&L 2012, 38 ff. Chris­to­pher Baum war in der Medi­zi- nischen Hoch­schu­le Han­no­ver Ombuds­man und ist seit 1.4.2013 ihr Präsident.
  3. 29  Stroebe/Postmes/Spears, Sci­en­ti­fic Mis­con­duct and the Myth of Self-Cor­rec­tion in Sci­ence, in: APS 2012, 670 ff.
  4. 30  Fang/Steen/Casadevall, Mis­con­duct accounts for the majo­ri­ty of

Wolf­gang Stro­e­be und sein Team haben sie in ihrer 2012 erschie­ne­nen Stu­die zum Mythos erklärt.29 Eine For- scher­grup­pe um den an der Uni­ver­si­tät Seat­tle leh­ren- den Wis­sen­schaft­ler Fer­ric C. Fang hat in einer eben­falls 2012 ver­öf­fent­lich­ten Unter­su­chung nach­ge­wie­sen, dass nicht nur die Zahl zurück­ge­zo­ge­ner Arti­kel rasant steigt, son­dern auch, dass – anders als bis­her ange­nom­men – die meis­ten Rück­nah­men kei­nes­wegs die Fol­ge blo­ßer Irr­tü­mer sind.30 Viel­mehr beru­hen ca. 67 % der Rück- nah­men auf wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten, am häu- figs­ten dar­un­ter mit 43 % Fäl­schun­gen bzw. Fäl­schungs- ver­dachts­fäl­le. Der Göt­tin­ger Bio­che­mi­ker Cor­ne­li­us Fröm­mel nennt in einem Bei­trag in der „Zeit“ meh­re­re gera­de­zu haar­sträu­ben­de Bei­spie­le und Ergeb­nis­se von Studien.31

Der Zufall woll­te es, dass unmit­tel­bar vor dem „Umschalt“-Jahr 1997 ein rich­tung­wei­sen­des Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zu der in Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG ohne Geset­zes­vor­be­halt garan­tier­ten Wis­sen­schafts- frei­heit ergan­gen war, die auch die Frei­heit von For- schung und Leh­re einschließt.32 Um zu ver­hin­dern, dass Uni­ver­si­täts­gre­mi­en in unkon­ven­tio­nel­le Ein­fäl­le und Vor­ha­ben ein­grei­fen, wird jeder wis­sen­schaft­lich Täti­ge umfas­send geschützt, und er hat es weit­ge­hend selbst in der Hand, sich die­sen Schutz zu erhal­ten: Das BVerwG schließt sich der Recht­spre­chung des BVerfG im Hoch- schul­re­form-Urteil an, nach der „alles, was nach Inhalt und Form als ernst­haf­ter, plan­mä­ßi­ger Ver­such zur Er- mitt­lung von Wahr­heit anzu­se­hen ist“, als wis­sen­schaft- liche Tätig­keit gilt.33 Zwar sei es Auf­ga­be der Hoch­schu- len, kon­kre­ten Anhalts­punk­ten für einen Miss­brauch der For­schungs­frei­heit nach­zu­ge­hen. Vor­aus­set­zung sei- en aber „schwer­wie­gen­de Vor­wür­fe“. Dass die Miss-

retrac­ted sci­en­ti­fic publi­ca­ti­ons in: PNAS, Bd. 109 (2012), 17028

ff.
31 Fröm­mel, Bit­te nur die gan­ze Wahr­heit, in: Die Zeit v. 24.7.2014,

Nr. 31, S. 31.
32 Urt. v. 11.12.1996, BVerw­GE 102, 104; der Klä­ger, Wolfgang

Loh­mann, Bio­phy­sik-Pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Gie­ßen, gegen den Fäl­schungs­vor­wür­fe erho­ben wor­den waren, hat­te mit sei­ner Kla­ge in allen drei Instan­zen Erfolg. Das BVerfG hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Uni­ver­si­tät nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men: BVerfG, Beschl. v. 8.8.2000, NJW 2000, S. 3635; vgl. auch die DFG-Denk­schrift, 2. Aufl. (Fn. 11), S. 26 f. Sie­he hier und im Fol­gen­den fer­ner von Bar­gen (Fn. 22), in: JZ 2013, 717 ff. Anders als Wolf­gang Loh­mann hat­te der Phy­si­ker Jan Hen­drik Schön, dem der Dok­tor­grad wegen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens ent­zo­gen wor­den war, mit sei­ner Kla­ge letzt­lich kei­nen Erfolg, vgl. BVerwG, Urt. v. 31.7.2013, BVerw­GE 147, 292 und BVerfG, Beschl. v. 3.9.2014, NVwZ 2014, 1571; vgl. dazu von Bar­gen, Der Ent­zug des red­lich erwor­be­nen Dok­tor­gra­des, in: JZ 2015, 819 ff.

33 Urt. v. 29.5.1973, BVerfGE 35, 79, 113.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 4 3

brauchs­gren­ze vom Klä­ger „zwei­fels­frei“ über­schrit­ten wor­den sei, habe die Ad-hoc-Kom­mis­si­on in dem von ihr beur­teil­ten Fall nicht fest­stel­len können.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt weist in sei­nem Ur- teil dar­auf hin, dass das hoch­schul­in­ter­ne Ver­fah­ren der wis­sen­schaft­li­chen Selbst­kon­trol­le nor­ma­tiv gere­gelt wer­den soll­te, und es regt an, es am förm­li­chen Dis­zi­pli- nar­ver­fah­ren zu ori­en­tie­ren. Letz­te­rem ist mit über­zeu- gen­den Grün­den wider­spro­chen worden.34 Nicht der Typ des streng for­ma­li­sier­ten, kon­tra­dik­to­ri­schen Dis­zi- pli­nar­ver­fah­rens kön­ne als Leit­bild die­nen, son­dern das der Wis­sen­schaft als kom­mu­ni­ka­ti­vem Pro­zess gemä­ße- re, weit­ge­hend auf Koope­ra­ti­on aller Betei­lig­ten ange­leg- te Ver­fah­ren des Dis­kur­ses. Dar­an haben sich die Hoch- schu­len bei der Umset­zung der HRK-Mus­ter­Ver­fO35 ori­en­tiert, wenn auch die Aus­ge­stal­tung im Detail höchst unter­schied­lich aus­ge­fal­len ist. Als Ermäch­ti­gungs- grund­la­ge für den Erlass der wis­sen­schafts­ei­ge­nen Klä- rungs­ver­fah­ren dient in acht Bun­des­län­dern unmit­tel- bar Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG, in den übri­gen acht Bun­des­län- dern sind die Hoch­schul­ge­set­ze ergänzt, alle wis­sen- schaft­lich Täti­gen zu wis­sen­schaft­li­cher Red­lich­keit ver­pflich­tet und die Hoch­schu­len zum Erlass ent­sp­re- chen­der Regeln ermäch­tigt worden.36 Vie­les spricht da- für, dass dadurch die wis­sen­schaft­li­che Selbst­kon­trol­le nach­hal­ti­ger legi­ti­miert, der recht­li­che Rah­men siche­rer gestal­tet, ins­be­son­de­re aber das Klä­rungs­ver­fah­ren in der Pra­xis erns­ter genom­men wird. War auch in den ers- ten nach 1998 erlas­se­nen Ord­nun­gen die gebo­te­ne Form einer Sat­zung nicht die Regel, so ist das inzwi­schen der Fall.37

2. Ombuds­per­so­nen

a) Funk­ti­on

Die Bestel­lung, die Amts­zeit, die Zahl, der Sta­tus und der fach­li­che Hin­ter­grund der Ombudspersonen38 sind in

  1. 34  Vgl. Schmidt-Aßmann, Fehl­ver­hal­ten in der For­schung – Reak­ti- onen des Rechts, in: NVwZ 1998, 1231 ff.; Apel (Fn. 22), S. 306 ff., 309 f.; Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in: WissR, Bei­heft 21 (2012), 51 f.
  2. 35  Sie­he oben Fn. 25.
  3. 36  Vgl. von Bar­gen (Fn. 22), in: JZ 2013, 718 m. Fn. 46; sowie Löwer,Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis zwi­schen Ethik und Hoch-schul­recht, in: Dreier/Ohly (Hrsg.), Pla­gia­te, 2013, S. 51, 55 f.
  4. 37  Vgl. Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in: WissR, Bei­heft 21 (2012), 38;Schif­fers (Fn. 22), S. 78 ff., 87 ff.; eine Zusam­men­stel­lung von in den Hoch­schu­len erlas­se­nen Red­lich­keits-Ord­nun­gen fin­det sich bei Apel (Fn. 22), S. 335 ff. Sie ist frei­lich nicht mehr auf dem neu­es­ten Stand.
  5. 38  Vgl. in die­sem Zusam­men­hang ein­ge­hend Schif­fers (Fn. 22), S. 25 ff., 170 ff.
  6. 39  HRK-Mus­ter­Ver­fO (Fn. 25) unter C. II.: „Ombuds­mann“, hier: Abs. 1.

den ein­schlä­gi­gen Sat­zun­gen von Hoch­schu­le zu Hoch- schu­le anders gere­gelt. Nicht ein­mal die Bezeich­nung ist ein­heit­lich, vor allem sind auch ihre Kom­pe­ten­zen unter­schied­lich aus­ge­stal­tet. Ganz über­wie­gend über- nom­men wird frei­lich die Emp­feh­lung der HRK-Mus- terVerfO,39 sowohl denen, die Vor­wür­fe wis­sen­schaft­li- chen Fehl­ver­hal­tens vor­zu­brin­gen haben, als auch denen, die sich dem Ver­dacht wis­sen­schaft­li­chen Fehl- ver­hal­tens aus­ge­setzt sehen, als „Ansprech­part­ner“, als „Ver­trau­ens­per­son“ zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Über­nom- men wird dar­über hin­aus häu­fig der Vor­schlag, dass die Ombuds­per­so­nen von sich aus Hin­wei­se auf­zu­grei­fen haben, die ihnen (ggf. über Drit­te, ins­be­son­de­re sog. „Whist­leb­lower“) zur Kennt­nis kom­men. Und auch die Anre­gung, dass es zu den Auf­ga­ben der Ombuds­per­so- nen gehö­re, Vor­wür­fe unter Plau­si­bi­li­täts­ge­sichts­punk- ten auf Kon­kret­heit und Bedeu­tung zu prü­fen, fin­det sich in einer Rei­he von Sat­zun­gen wieder.

Weni­ger selbst­ver­ständ­lich ist, dass die Hoch­schu­len in ihren Red­lich­keits­sat­zun­gen den letz­ten Teil des Ab- sat­zes 1 (C. II.) auf­grei­fen, in dem die Emp­feh­lun­gen der HRK-Mus­ter­Ver­fO for­mu­liert sind.40 Dort heißt es, dass sich die Prü­fung auch „auf mög­li­che Moti­ve und im Hin­blick auf Mög­lich­kei­ten der Aus­räu­mung der Vor- wür­fe“ erstre­cken soll­te. Berück­sich­ti­gung fin­det die­se Emp­feh­lung etwa in den Sat­zun­gen der Uni­ver­si­tä­ten Hamburg,41 Göttingen,42 Bayreuth43 und Köln44. Gera­de die bei­den zuerst genann­ten Uni­ver­si­tä­ten mes­sen der Ombuds­funk­ti­on erheb­li­che Rele­vanz bei. Das kommt z.B. dar­in zum Aus­druck, wie ein­ge­hend sie gere­gelt wird, aber auch durch die Zahl der Per­so­nen, die die­se Funk­ti­on wahr­neh­men. In der Göt­tin­ger Sat­zung sind es für den gesam­ten Uni­ver­si­täts­be­reich mit Aus­nah­me der Medi­zin drei und spe­zi­ell für die Medi­zin noch ein­mal fünf, die jeweils ein­zeln, aber ggf. auch als Kol­le­gi­al­or­gan tätig wer­den. Vor allem aber zählt in bei­den Sat­zun­gen auch zu den Auf­ga­ben der Ombuds­per­so­nen, „zwi­schen

40 Sie­he Fn. 39.
41 Sat­zung „zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und zur

Ver­mei­dung wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens an der Uni­ver­si­tät Ham­burg“ v. 15.5.2014, sie­he unter: http://www.uni-hamburg.de, §§ 6 f. und ins­be­son­de­re § 7 Abs. 3.

42 Ord­nung der Göt­tin­ger Uni­ver­si­tät „zur Siche­rung guter wis­sen- schaft­li­cher Pra­xis“ v. 12.12.2012, sie­he unter: http://www.uni-goettingen.de, §§ 7 f., 10 f.

43 Sat­zung „zur Siche­rung der Stan­dards guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten“ v. 10.5.2012, sie­he unter: http://www.uni-bayreuth.de, § 6 Abs. 2.

44 Ord­nung „zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und zum Umgang mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten“ v. 22.7.2011, sie­he unter: http://www.uni-koeln.de, § 11.

144 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2016), 139–152

den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu ver­mit­teln, soweit dies mög­lich und sach­lich gerecht­fer­tigt ist“.45

Die HRK hat ihre Emp­feh­lun­gen in der Mus­ter­Ver­fO v. 06.07.199846 durch Beschluss v. 14.05.2013 noch ein­mal über­ar­bei­tet und präzisiert.47 Die Über­schrift unter C. II. lau­tet nun – anders als bis­her – nicht mehr „Ombuds- mann“, son­dern „Ombuds­sys­tem an den Hoch­schu­len“. Aus­ge­führt wird sodann, dass sich zur Siche­rung der gu- ten wis­sen­schaft­li­chen Pra­xis im deut­schen Wis­sen- schafts­sys­tem ein Sys­tem der Selbst­kon­trol­le (Ombuds- man) eta­bliert habe. Hoch­schu­len soll­ten „unab­hän­gi­ge Ombuds­per­so­nen“ haben (emp­feh­lens­wert sei ein aus min­des­tens drei Per­so­nen bestehen­des Ombuds­gre­mi- um an jeder Hoch­schu­le), an die sich ihre Mit­glie­der in Fra­gen guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und in Fra­gen ver­mu­te­ten Fehl­ver­hal­tens wen­den könn­ten „(Prä­ven­ti- on und Media­ti­on)“. Die Hoch­schu­len hät­ten Sor­ge da- für zu tra­gen, dass die Ombuds­per­so­nen in ihre Arbeit „best­mög­lich ein­ge­führt“ wür­den und dass sie in der Ein­rich­tung bekannt seien.

Wie der Hin­weis auf die „Media­ti­on“ gemeint ist, lässt sich wohl nicht anders ver­ste­hen, als dass die Mit- glie­der der Hoch­schu­le die Mög­lich­keit haben soll­ten, sich mit dem Anlie­gen an die Ombuds­per­so­nen – als „Vertrauenspersonen“48 – wen­den zu kön­nen, die ihnen – den Hoch­schul-Mit­glie­dern – zur Lösung ihres Kon- flikts ggf. eine Media­ti­on oder zumin­dest ein sach­o­ri­en- tier­tes Kon­flikt­ma­nage­ment unter Ein­satz media­ti­ver Ele­men­te – z.B. Akti­ves Zuhö­ren und Para­phra­sie­ren, Fra­ge­tech­ni­ken, Reframing, pro­fes­sio­nel­ler Umgang mit Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen und Emo­tio­nen – anbie- ten.49 Dar­auf deu­tet hin, wenn die HRK im sel­ben Satz, in dem sie von „Media­ti­on“ spricht, davon aus­geht, dass die Hoch­schu­len die Unab­hän­gig­keit der Ombuds­per­so- nen sichern, die Vor­aus­set­zung dafür ist, Betei­lig­te durch das – ver­trau­li­che – Ver­fah­ren einer Media­ti­on zu füh- ren.50 Offen­bar sieht die HRK in die­sem durch­dach­ten Ver­fah­ren eine Chan­ce, in geeig­ne­ten Fäl­len zu einem frü­hen Zeit­punkt mit allen Betei­lig­ten eine inter­es­sen­ge- rech­te, für alle befrie­di­gen­de, nach­hal­ti­ge Lösung zu er- arbei­ten und so vor allem auch in Zukunft eine störungs-

  1. 45  So ist es in der Göt­tin­ger Sat­zung gere­gelt, vgl. Fn. 42. Die Re- gelung in der Ham­bur­ger Sat­zung lau­tet: Die Ombuds­per­so­nen „bera­ten die Betei­lig­ten und ver­mit­teln zwi­schen ihnen mit dem Ziel, Kon­flik­te so weit wie mög­lich güt­lich bei­zu­le­gen“, vgl. Fn. 41.
  2. 46  Vgl. Fn. 25.
  3. 47  Sie­he unter: http://www.hrk.de, Beschlüs­se, Beschluss v. 14.5.2013unter II. 1.
  4. 48  Sie­he nach Fn. 39.
  5. 49  Vgl. Hand­buch Media­ti­on (Fn. 5), §§ 14 und 16.
  6. 50  Vgl. § 1 Abs. 2 Media­ti­onsG, vgl. Fn. 1; sie­he auch unter II. 1.Abs. 3 des HRK- Beschlus­ses v. 14.5.2013 (Fn. 47).
  7. 51  Vgl. Fn. 47.

freie Koope­ra­ti­on etwa in der­sel­ben For­scher­grup­pe zu ermög­li­chen. Das hät­te beson­de­re Bedeu­tung gera­de dann, wenn die Kon­flikt­be­tei­lig­ten – wie das in Hoch- schu­len häu­fig der Fall sein dürf­te – in wech­sel­sei­ti­ger Abhän­gig­keit ste­hen. Ein sol­ches Vor­ge­hen wür­de im Übri­gen nicht nur die Red­lich­keits­kom­mis­si­on ent­las- ten, deren Ver­fah­ren in aller Regel mit grö­ße­rem Auf- wand ver­bun­den sein dürf­te, son­dern es wäre auch für die Betrof­fe­nen weni­ger belastend.

b) „best­mög­lich eingeführt“

Wür­de von den Hoch­schu­len die aktua­li­sier­te Emp­feh- lung zu den Auf­ga­ben der Ombuds­per­so­nen im Beschluss der HRK vom 14.05.2013 (unter II. 1., Abs. 1)51 auf­ge­grif­fen, dann hät­ten die Hoch­schu­len frei­lich auch den letz­ten Satz des oben wie­der­ge­ge­be­nen Absat­zes zu beach­ten, in dem es heißt, sie hät­ten Sor­ge dafür zu tra- gen, „dass die Ombuds­per­so­nen in ihre Arbeit best­mög- lich ein­ge­führt“ wür­den. Damit kann nur das Ange­bot einer opti­ma­len Schu­lung gemeint sein, und das hie­ße in ers­ter Linie, Ombuds­per­so­nen die Gele­gen­heit einer Media­ti­ons­aus­bil­dung zu bie­ten. Eine sol­che Aus­bil­dung ist in zahl­rei­chen Hoch­schu­len selbst möglich.52

Eine auf die Ombuds­per­so­nen zuge­schnit­te­ne Ein- füh­rung in ihre Arbeit – wenn auch kei­ne Media­ti­ons- aus­bil­dung – bie­tet das Zen­trum für Wis­sen­schafts­ma- nage­ment in Zusam­men­ar­beit mit der Deut­schen For- schungs­ge­mein­schaft. Seit Dezem­ber 2012 wer­den im Rah­men eines Wei­ter­bil­dungs­pro­gramms Work­shops spe­zi­ell zu dem The­ma „Media­ti­on und Kon­flikt­ma- nage­ment für Ombudspersonen“53 ver­an­stal­tet. An zwei Tagen erör­tern zwei Dozen­tin­nen mit den Teil­neh- merin­nen und Teil­neh­mern Rol­le und Auf­ga­ben der Ombuds­per­so­nen, das Ver­fah­ren und die Rah­men­be- din­gun­gen. Vor­ge­stellt wer­den ua das Ver­fah­ren der Me- dia­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken, ein ide­al­ty­pi­scher Gesprächs­auf­bau und Tech­ni­ken zum Umgang mit Emo­tio­nen. Vor allem aber wer­den in Rol­len­spie­len ex- empla­ri­sche Fäl­le aus dem umfas­sen­den Spek­trum der Konflikte54 bear­bei­tet, die an die Ombuds­per­so­nen her- ange­tra­gen wer­den könn­ten. Ziel die­ser Work­shops ist

52 Eine aktu­el­le Über­sicht der Hoch­schu­len, die eine Media­ti­ons­aus- bil­dung anbie­ten, fin­det sich unter: https://www.mediationaktuell.de/news/mediation-auf-suche- nach-ausbildungsangeboten-hochschulen.

53 http://www.zwm-speyer.de; die DFG über­nimmt für die Betei- lig­ten aus ihren Mit­glieds­ein­rich­tun­gen die Tagungs­ge­büh­ren, ledig­lich für die Ver­pfle­gung und eine Über­nach­tung wird ein Eigen­bei­trag erhoben.

54 Vgl. die hilf­rei­che – auf den Jahr­bü­chern des DFG-Ombuds­g­re- miums für die Wis­sen­schaft (Fn. 26) basie­ren­de – empi­ri­sche Bestands­auf­nah­me v. Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in: WissR, Bei­heft 21 (2012), 10 ff.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 4 5

c) Bei­spie­le

Die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen einer kon­sen­sua­len Kon­flikt­lö­sung sol­len im Fol­gen­den noch ein­mal anhand von zwei Bei­spie­len erläu­tert wer­den:
Der Stu­die­ren­de nahm zu Beginn sei­nes Ger­ma­nis­tik- Stu­di­ums an einem von Pro­fes­sor ver­an­stal­te­ten Semi- nar mit dem The­ma „Die Funk­ti­on der Spra­che in der Kom­mu­ni­ka­ti­on Jugend­li­cher“ teil. Er schrieb eine Arbeit, für die er Pro­to­kol­le von 120 Chat-Kon­tak­ten zwi­schen sei­nen Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­lern und ihm selbst in anony­mi­sier­ter Form ver­wer­te­te. Die­se hat­te er wäh­rend sei­ner gesam­ten Schul­zeit gesam­melt. war von der Arbeit außer­or­dent­lich ange­tan. Er lob­te und bat ihn, die nicht anony­mi­sier­ten Chat-Pro­to­kol­le im Ori­gi­nal ein­se­hen zu dür­fen. freu­te sich über das Lob und lei­te­te die Ori­gi­nal-Pro­to­kol­le zu. Wei­te­re Ver­ab­re­dun­gen wur­den nicht getroffen.

Gegen Ende sei­nes Stu­di­ums erfährt von M, einem Mit­ar­bei­ter P’s, dass er – – gera­de die Druck­fah­nen ei- nes von für eine Zeit­schrift ver­fass­ten Bei­tra­ges lese. stüt­ze sich in dem Bei­trag auf die von gesam­mel­ten Chat-Pro­to­kol­le und ver­wen­de sie in nicht anony­mi­sier- ter Form. ist empört und bit­tet um ein Gespräch, in dem er vor­wirft, ihn hin­ter­gan­gen zu haben. Er sei mit der Ver­öf­fent­li­chung kei­nes­falls ein­ver­stan­den. re- agiert ver­är­gert und beharrt dar­auf, das es sein – P’s – gu- tes Recht sei, Mate­ria­li­en in Ver­öf­fent­li­chun­gen zu ver- wer­ten, die in ein von ihm ver­an­stal­te­tes Semi­nar ein­ge- bracht wor­den sei­en. Die nicht anony­mi­sier­te Fas­sung der Chat-Pro­to­kol­le wir­ke authen­ti­scher. wen­det sich an die Ombuds­per­son, die und zu einem Gespräch einlädt.

Wie geht die Ombuds­per­son mit die­sem Kon­flikt um? Denk­bar wäre, dass sie – wenn sich der Sach­ver­halt in dem Gespräch zu Dritt nicht voll­kom­men anders dar- stellt, Anhalts­punk­te für ein Fehl­ver­hal­ten P’s bejaht.59 Dafür spricht, dass P’s Stand­punkt, er kön­ne alle in sei­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen ein­ge­brach­ten Mate­ria­li­en der Stu- die­ren­den auch ohne Ein­ver­ständ­nis für eige­ne Ver­öf- fent­li­chun­gen ver­wer­ten, nicht halt­bar sein dürf­te. Hin- zu kommt aber hier, dass die Chat-Pro­to­kol­le in sei­ner Arbeit nur anony­mi­siert ver­wen­det hat. Dass P’s Bit­te,

58 Vgl. in die­sem Zusam­men­hang detail­liert: Glasl (Fn. 57), S. 395 ff.

59 Vgl. in die­sem Zusam­men­hang: Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in: WissR, Bei­heft 21 (2012), S. 18; Apel (Fn. 22), S. 385. Vgl. zum Fall eines Pro­fes­sors der Uni­ver­si­tät Bonn, der die Staats­examens- arbeit einer Stu­den­tin unter sei­nem Namen ver­öf­fent­licht hat, den Beschluss des OVG NRW v. 19.12.2008 — 6 B 1607/08 — juris; und dazu Schmoll, FAZ v. 11.12.2012.

auch, ein Netz­werk unter den Betei­lig­ten auf­zu­bau­en, das dazu dient, Erfah­run­gen aus­zu­tau­schen, sich mit Rat zu Sei­te zu ste­hen und zu informieren.

Auf höhe­rer Ebe­ne bie­tet das DFG-Ombuds­gre­mi­um für die Wis­sen­schaft eben­falls sei­ne Hil­fe an. Auf der Home­page steht dafür ein Anfra­ge­for­mu­lar zur Ver­fü- gung. Dar­über hin­aus wird dort eine Lis­te aller Om- buds­per­so­nen an deut­schen Hoch­schu­len und For- schungs­ein­rich­tun­gen geführt, aber auch eine Fül­le hilf­rei­cher Mate­ria­li­en ange­bo­ten. Ertrag­reich sind schließ­lich die vom DFG-Ombuds­gre­mi­um für Om- buds­per­so­nen ver­an­stal­te­ten Tagun­gen, bei denen die­se aus­gie­big Gele­gen­heit haben, den eige­nen Hori­zont zu erwei­tern. Das gilt nicht zuletzt inso­weit, als bei die­sen Tagun­gen auch von Ombuds­per­so­nen Erfah­rungs­be- rich­te vor­ge­tra­gen werden.55

Unter­bleibt die von der HRK emp­foh­le­ne „best­mög- liche“ Einführung56 der Ombuds­per­so­nen in ihr Amt, sind die­se bei der Wahr­neh­mung ihrer Auf­ga­be rasch über­for­dert. Dabei kann es nicht nur miss­lich sein, wenn sie ihre Mög­lich­kei­ten unter­schät­zen, son­dern auch, wenn sie sich zu viel zutrau­en. Nicht in jedem Kon­flikt, in dem die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen emo­tio­nal hoch erreg­ten oder ver­stockt unein­sich­ti­gen Betei­lig­ten tief- grei­fend gestört ist, soll­te allein schon des­halb der Ver- such einer güt­li­chen Streit­bei­le­gung unter­blei­ben. Ande- rer­seits könn­te genau das der Fall sein, wenn ein Kon­flikt bereits eine Eska­la­ti­ons­stu­fe erreicht hat, auf der nur noch ein Macht­ein­griff, z.B. die Ent­schei­dung eines Ge- richts, den Kon­flikt been­den kann, weil weder z.B. eine Mode­ra­ti­on noch selbst eine Media­ti­on – wenn sich die Betei­lig­ten über­haupt auf sie ein­las­sen – Aus­sicht auf Er- folg ver­spricht. Um Anhalts­punk­te dafür zu gewin­nen, auf wel­cher Eska­la­ti­ons­stu­fe der Kon­flikt ein­zu­ord­nen ist, hat Fried­rich Glasl ein neun­stu­fi­ges Modell der Eska- lati­on entwickelt,57 das in einer Abwärts­be­we­gung von einer blo­ßen Ver­här­tung der Stand­punk­te (Stu­fe 1) bis hin zur Ver­nich­tung des „Fein­des“ auch um den Preis der Selbst­ver­nich­tung (Stu­fe 9: „Gemein­sam in den Ab- grund“) reicht. Bis zur Eska­la­ti­ons­stu­fe 3 genügt in der Regel eine blo­ße Mode­ra­ti­on, eine Media­ti­on kommt maxi­mal bis Stu­fe 7 in Betracht.58

  1. 55  Sie­he unter Fn. 26. Die letz­te Tagung am 21. und 22.05.2015 stand unter dem Gene­ral­the­ma: „Gefähr­de­te Wis­sen­schaft? – Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis als Bei­trag zur Qua­li­täts­si- cherung“.
  2. 56  Vgl. Fn. 47.
  3. 57  Glasl, Kon­flikt­ma­nage­ment, 11. Aufl. 2013; ein­ge­hen­de Erläu­te-run­gen des Modells und der ein­zel­nen Stu­fen fin­den sich ab S. 199 ff. und ins­be­son­de­re ab S. 235 ff.

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ihm Ein­sicht in die Ori­gi­nal-Pro­to­kol­le zu gewäh­ren, nicht das Recht gibt, sie in die­ser Form in einer Publi­ka- tion zu ver­wer­ten, liegt auf der Hand.

Die Ombuds­per­son könn­te und des­halb beim Abschluss des Gesprächs dar­auf hin­wei­sen, dass sie selbst die Red­lich­keits­kom­mis­si­on infor­mie­ren wer­de. Sie könn­te frei­lich inso­weit auch die Initia­ti­ve über­las- sen. Käme die Red­lich­keits­kom­mis­si­on im Rah­men ih- res Ver­fah­rens eben­falls zum Ergeb­nis, dass die Ver­wer- tung der nicht anony­mi­sier­ten Chat-Pro­to­kol­le als ein Fehl­ver­hal­ten P’s zu wer­ten sei, wür­de sie die Lei­tungs- ebe­ne der Hoch­schu­le von ihrem Befund in Kennt­nis set­zen, und die­se hät­te zu ent­schei­den, ob eine Sank­ti­on in Betracht käme und ggf. welche.

Denk­bar wäre indes auch, dass die Ombuds­per­son den Kon­flikt – und das liegt durch­aus nahe – noch nicht einer Eska­la­ti­ons­stu­fe zuord­net, auf der eine güt­li­che Ei- nigung offen­sicht­lich aus­sichts­los ist. Beim sach­o­ri­en- tier­ten Durch­ar­bei­ten des Kon­flikts, bei dem es dar­um geht, die sich blo­ckie­ren­den Posi­tio­nen (kei­ne Ver­öf­fent- lichung –Ver­öf­fent­li­chung) zu hin­ter­fra­gen und die Inte- res­sen bzw. per­sön­li­chen Anlie­gen zu ermit­teln, um Ei- nigungs­räu­me zu öff­nen, könn­te sich erge­ben, dass gar nichts gegen die Ver­öf­fent­li­chung als sol­che hat, dass sich sein Wider­stand ledig­lich gegen die nicht anony­mi- sier­te Ver­wen­dung der Chat-Pro­to­kol­le rich­tet, weil es in ihnen um höchst pri­va­te Inhal­te geht und eine Ver­öf­fent- lichung sei­ne Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­ler und ihn – – bloß­stel­len wür­de. wie­der­um könn­te zu der Ein- sicht kom­men, dass ihm die Ver­öf­fent­li­chung des Bei­tra- ges als sol­che erheb­lich wich­ti­ger sei, als die Ver­wen- dung der nicht anony­mi­sier­ten Fas­sung, dass er aber auch nach­voll­zie­hen kön­ne, wie viel an der anony­mi- sier­ten Ver­öf­fent­li­chung lie­ge, und dass er in jedem Fall hät­te Gele­gen­heit geben müs­sen, sich zu der geplan- ten Ver­öf­fent­li­chung in der nicht anony­mi­sier­ten Form zu äußern. Ergeb­nis könn­te eine Ver­ein­ba­rung sein, in der der Ver­öf­fent­li­chung in anony­mi­sier­ter Form zu- stimmt, eine Anony­mi­sie­rung in den Fah­nen zusagt, die­se zur Kennt­nis gibt und sich dafür ent­schul­digt, ihn nicht über sei­ne Plä­ne infor­miert zu haben.

Das zwei­te Bei­spiel ist einem Fall nach­ge­bil­det, der sich in der Yale Uni­ver­si­ty zuge­tra­gen hat. Über ihn wur- de in der Süd­deut­schen Zei­tung mit der Über­schrift „Fi- sche ver­gif­ten im Labor“60 berich­tet. war Post­doc- Wis­sen­schaft­le­rin im Insti­tut für Ent­wick­lungs­bio­lo­gie der Uni­ver­si­tät U. Sie arbei­te­te gemein­sam in einer For-

  1. 60  SZ v. 10.3.2014; vgl. in die­sem Zusam­men­hang nach Fn. 27.
  2. 61  Vgl. zu die­ser Form des Fehl­ver­hal­tens Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in:WissR, Bei­heft 21 (2012), 13; Apel (Fn. 22), S. 386.

scher­grup­pe mit ande­ren Post­docs an einem Pro­jekt, für das in einem arbeits- und zeit­auf­wän­di­gen Ver­fah­ren trans­ge­ne Zebra­fi­sche zu züch­ten waren. Nach eini­gen Mona­ten muss­te fest­stel­len, dass nach und nach alle von ihr gezüch­te­ten Fische star­ben, wäh­rend die Zucht- bemü­hun­gen ihrer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus- nahms­los Erfolg hat­ten. züch­te­te nun­mehr eine neue Char­ge trans­ge­ner Zebra­fi­sche und teil­te sie in zwei Grup­pen ein. Die eine Grup­pe setz­te sie in einen Behäl- ter, den sie – wie üblich – mit ihren Initia­len kenn­zeich- nete. Die­ser wur­de mit einer ver­steck­ten Kame­ra über- wacht. Den ande­ren Behäl­ter mar­kier­te sie nicht. Nur die Fische in dem mit A’s Initia­len gekenn­zeich­ne­ten Be- häl­ter star­ben. Die Über­wa­chung ergab zwei­fels­frei die Iden­ti­tät des Täters; B, ein ande­rer Post­doc der­sel­ben For­scher­grup­pe, hat­te zum zwei­ten Mal die Fische mit Etha­nol vergiftet.

Wür­de sich an die Ombuds­per­son wen­den und ihr mit der Bit­te um Rat den Sach­ver­halt vor­tra­gen, könn­te die­se zwar um eine Stel­lung­nah­me bit­ten, ob aber die Anre­gung eines gemein­sa­men Gesprächs mit dem Ziel des Ver­suchs einer güt­li­chen Eini­gung emp­feh­lens­wert wäre, erscheint frag­lich. Alles spricht dafür, dass ein evi- den­ter Fall wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens in der Form eines – eher sel­te­nen – Sabotageaktes61 vor­liegt, der sich sogar wie­der­holt hat. Hier dürf­te eine Eska­la­ti- ons­stu­fe erreicht sein, die einer kon­sen­sua­len Kon­flikt- lösung ent­ge­gen­steht. Es bleibt daher nur ein Macht­ein- griff. Auf Initia­ti­ve der Ombuds­per­son oder A’s wird die Red­lich­keits­kom­mis­si­on ein Ver­fah­ren ein­lei­ten und die Hoch­schul­lei­tung auf der Grund­la­ge des Ver­fah­ren­ser- geb­nis­ses über eine Sank­ti­on ent­schei­den, die gericht- lich über­prü­fen las­sen kann.

3. Unter­su­chungs­kom­mis­sio­nen

Auch die in der HRK-Mus­ter­Ver­fO vor­ge­se­he­nen Unter- suchungskommissionen62 haben die Hoch­schu­len in ihre Red­lich­keits­sat­zun­gen als Insti­tu­ti­on über­nom­men, aber eben­so wie die Insti­tu­ti­on der Ombuds­per­so­nen im Detail unter­schied­lich aus­ge­stal­tet. Die HRK-Mus­ter- Ver­fO sieht vor, die Kom­mis­si­on „etwa“ mit drei oder fünf erfah­re­nen Pro­fes­so­ren der eige­nen Hoch­schu­le zu beset­zen oder mit drei Pro­fes­so­ren und zwei exter­nen Mit­glie­dern, von denen eines die Befä­hi­gung zum Rich- ter­amt oder „Erfah­run­gen mit außer­ge­richt­li­chen Schlich­tun­gen hat“. Auf­ga­be der Kom­mis­si­on ist die „Förm­li­che Unter­su­chung“, in der die Kom­mis­si­on in

62 Fn. 25, sie­he unter C. III.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 4 7

nicht­öf­fent­li­cher münd­li­cher Ver­hand­lung berät.63 Zu die­ser kön­nen wei­te­re Mit­glie­der – wie z.B. „Schlich- tungs­be­ra­ter“ – mit bera­ten­der Stim­me hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Hält die Kom­mis­si­on – so die Vor­ga­be der HRK-Mus­ter­Ver­fO – ein Fehl­ver­hal­ten für nicht erwie- sen, wird das Ver­fah­ren ein­ge­stellt. Hält sie es für erwie- sen, legt sie das Ergeb­nis ihrer Unter­su­chung der Hoch- schul­lei­tung mit einem Vor­schlag zum wei­te­ren Ver­fah- ren und zur wei­te­ren Ver­an­las­sung vor.

Schon die Vor­schlä­ge der HRK-Mus­ter­Ver­fO zur Be- set­zung las­sen erken­nen, dass auch das Bemü­hen um eine güt­li­che Eini­gung zu den Auf­ga­ben der Kom­mis­sio- nen gehört. Das wird in der DFG-Denk­schrift ein­ge­hend dar­ge­legt und als Vor­zug der „insti­tu­ti­ons­in­ter­nen Ver- fah­ren“ gewürdigt.64 Inter­ne Rege­lun­gen könn­ten je nach Art und Schwe­re des Fehl­ver­hal­tens Wege zu ein- ver­nehm­li­chen Lösun­gen vor­zeich­nen. Die­se hät­ten all- gemein den Vor­teil, dass sie Ver­fah­ren auf der Basis ei- ner Eini­gung, also ohne streit­ent­schei­den­des Urteil eines Drit­ten, zügig been­de­ten. Dadurch hät­te das Ver­hält­nis der Betei­lig­ten für die Zukunft eine Chan­ce. Der oft auf Dau­er ange­leg­te Cha­rak­ter von Arbeits- und Dienst­ver- hält­nis­sen lege ein sol­ches Ver­fah­ren in vie­len Fäl­len nahe, wie die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Güte­ver­hand­lung im arbeits­ge­richt­li­chen Prozess65 zei­ge. Eine Ver­fah­rens- bei­le­gung auf der Basis einer Eini­gung habe Poten­zi­al zur Befrie­dung und kön­ne unter Umstän­den dem Ein- zel­fall bes­ser gerecht wer­den als ein Urteil auf der Grund- lage abs­trakt gefass­ter Tat­be­stän­de und Rechts­fol­gen. Gleich­zei­tig dür­fe die­se Fle­xi­bi­li­tät aber nicht zur per- sön­li­chen Bevor­zu­gung füh­ren oder dazu, dass Vor­wür- fe unge­klärt unter den Tep­pich gefegt würden.

Obwohl es der DFG und ihr fol­gend der HRK er- sicht­lich dar­um ging, das Ver­fah­ren der Unter­su­chungs- kom­mis­sio­nen als der „Wis­sen­schaft gewid­me­te Wahr- heitskommissionen“66 ledig­lich hoch­schul­in­tern aus­zu- gestal­ten, d.h. so, dass es aus­schließ­lich der Bera­tung der Hoch­schul­lei­tung durch ein sach­ver­stän­di­ges Votum zu wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen dient und kei­ne Außen­wir- kung hat,67 ist das Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz zu einer

  1. 63  Fn. 25, sie­he unter C. IV. 2.
  2. 64  Vgl. hier und im Fol­gen­den: DFG-Denk­schrift, 2. Aufl. (Fn. 11),S. 24.
  3. 65  Vgl. § 54 Abs. 6 ArbGG, nun­mehr i.d.F. des Art. 4 Ziff. 1 des­Me­dia­ti­ons­för­de­rungs­ge­set­zes (Fn. 1).
  4. 66  Häber­le, Die Erin­ne­rungs­kul­tur im Ver­fas­sungs­staat, 2011, S. 137ff.
  5. 67  Sie­he bei Fn. 64.
  6. 68  3 K 844/09.MZ — juris; die­sem – rechts­kräf­ti­gen – Urteil folgt­das VG Ber­lin in sei­nem Beschluss v. 1.11.2011 — 12 L 1036/.11; anders dage­gen das OVG Ber­lin-Bran­den­burg, das mit sei­nem Beschluss v. 26.4.2012, NVwZ 2012, S. 1491, 1493 ff., die Ent- schei­dung des VG Ber­lin geän­dert hat. Sie­he in die­sem Zusam-

ande­ren Bewer­tung gekom­men. In sei­nem Urteil vom 08.09.201068 inter­pre­tiert das Gericht die – von zahl­rei- chen Hoch­schu­len und auch von der Uni­ver­si­tät Mainz aus der HRK-Mus­ter­Ver­fO über­nom­me­nen – Rege­lun- gen in der Wei­se, dass sowohl die Ein­stel­lung des Ver­fah- rens durch die Kom­mis­si­on, wenn es ein Fehl­ver­hal­ten ver­neint, als auch die Fest­stel­lung eines Fehl­ver­hal­tens für die Hoch­schul­lei­tung ver­bind­lich sei. Es han­de­le sich, wenn die Kom­mis­si­on ein Fehl­ver­hal­ten beja­he, um ei- nen fest­stel­len­den Ver­wal­tungs­akt in der Form eines Grund­la­gen­be­scheids, wie ihn z.B. das Abga­ben- und Steu­er­recht ken­ne. Die Hoch­schul­lei­tung habe nur noch über die Sank­ti­on zu entscheiden.

In dem vom VG Mainz ent­schie­de­nen Fall hat sich die Klä­ge­rin, eine Pro­fes­so­rin und Lehr­stuhl­in­ha­be­rin, gegen die von der Red­lich­keits­kom­mis­si­on getrof­fe­ne Fest­stel­lung gewehrt, ihr sei ein Fehl­ver­hal­ten unter­lau- fen. Das Gericht gab der Kla­ge statt, weil es die Fest­stel- lung als einen Ein­griff in die Wis­sen­schafts­frei­heit wer- tete, die einer mate­ri­ell­recht­li­chen Ermäch­ti­gungs- grund­la­ge bedür­fe. Die Red­lich­keits-Ord­nung der Uni- ver­si­tät Mainz war aber sei­ner­zeit – noch – nicht als Sat­zung erlassen.69 Auf die Fra­ge, ob die Kom­mis­si­on das Fehl­ver­hal­ten zu Recht fest­ge­stellt habe, kam es des- halb gar nicht mehr an. Auf­grund die­ses Urteils haben vie­le Hoch­schu­len klar­ge­stellt, dass die Red­lich­keits- Kom­mis­si­on ledig­lich die Auf­ga­be habe, die Hoch­schul- lei­tung „zu bera­ten“ und dass eine „recht­li­che Bin­dung“ nicht bestehe.70

Dem Tat­be­stand des Urteils des VG Mainz ist zu ent- neh­men, dass der Ombuds­man der Uni­ver­si­tät „zu- nächst fach­be­reichs­in­ter­ne Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen“ ange­regt habe, die sich aber zer­schla­gen hät­ten. Offen­bar waren die Kon­flikt­be­tei­lig­ten, die spä­ter kla­gen­de Lehr- stuhl­in­ha­be­rin und eine an ihrem Lehr­stuhl beschäf- tig­te wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin W, zu einer kon- sen­sua­len Lösung des Kon­flik­tes nicht bereit. Rück­bli- ckend gese­hen stellt sich die Fra­ge, ob die bei­den Wis- sen­schaft­le­rin­nen nicht doch bes­ser dar­an getan hät­ten, sich auf die­sen Weg ein­zu­las­sen und sich güt­lich zu eini-

men­hang auch Löwer (Fn. 36), in: Dreier/Ohly (Hrsg.), Pla­gia­te, S. 51, 58 m. Fn. 28; Schul­ze-Fie­litz (Fn. 27), in: WissR, Bei­heft 21 (2012), 42 f.; Apel (Fn. 22), S. 410 ff., 425 f.; Schif­fers (Fn. 22), S. 193 ff.

69 Inzwi­schen ist das der Fall; vgl. die nun­mehr als Anla­ge zur Grund­ord­nung beschlos­se­ne Ord­nung der Uni­ver­si­tät Mainz zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis in For­schung und Leh­re v. 15.12.2011, unter: http://www.uni-mainz.de.

70 Vgl. z.B. die Sat­zung der Frei­bur­ger Uni­ver­si­tät „zur Siche- rung der Red­lich­keit in der Wis­sen­schaft“ v. 10.6.2011 i.d.F. v. 30.4.2013, unter: http://www.uni-freiburg.de, § 8 Abs. 2 Satz 1, sie­he auch § 9 Abs. 5 Satz 1.

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gen, anstatt auf eine Ent­schei­dung im Rechts­weg zu set- zen. Der Ver­such, den Kon­flikt durch eine Ver­stän­di- gung bei­zu­le­gen, hät­te – auch wenn er im ers­ten Anlauf nicht erfolg­reich war – ohne Wei­te­res im Ver­fah­ren der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on noch ein­mal unter­nom­men wer­den kön­nen, soweit die Kon­flikt­be­tei­lig­ten damit ein­ver­stan­den gewe­sen wären.71

Dafür spre­chen die oben wie­der­ge­ge­be­nen Erwä­gun- gen in der DFG-Denk­schrift, in der u.a. dar­auf hin­ge- wie­sen wird, dass gera­de im Fal­le auf Dau­er ange­leg­ter Arbeits- und Dienst­ver­hält­nis­se eine zügi­ge Been­di­gung des Strei­tes durch güt­li­che Eini­gung die Zusam­me­n­ar- beit der Betei­lig­ten in der Zukunft weni­ger belas­te als ein sich län­ger hin­zie­hen­der, unge­lös­ter Kon­flikt. In dem ent­schie­de­nen Fall hat sich Ende August 2008 an den Ombuds­man gewandt, Ende März 2009 ist von der Kom­mis­si­on ein Fehl­ver­hal­ten K’s fest­ge­stellt wor­den, im Sep­tem­ber 2009 hat Kla­ge erho­ben, über die ein Jahr spä­ter ent­schie­den wor­den ist. Es liegt nahe, dass im Zuge die­ses Zeit­rau­mes, des Kom­mis­si­ons­er­geb­nis­ses, der Kla­ge und des Urteils, mit dem den Pro­zess ge- winnt und die Uni­ver­si­tät ihn ver­liert, die Span­nun­gen zwi­schen den Betei­lig­ten zu- und nicht abge­nom­men haben. Die dem Tat­be­stand zu ent­neh­men­den Umstän- de deu­ten auch dar­auf hin, dass es sich um einen Ein­zel- fall gehan­delt hat, der sich geeig­net hät­te, das Befrie- dungs­po­ten­zi­al einer kon­sen­sua­len Kon­flikt­lö­sung zu nut­zen. Das gilt nicht zuletzt des­halb, weil Anhalts­punk- te dafür feh­len, dass hier schon eine Eska­la­ti­ons­stu­fe er- reicht gewe­sen wäre, die dem Ver­such einer güt­li­chen Eini­gung ent­ge­gen gestan­den hät­te. Zwar wäre das Er- geb­nis einer ver­trau­li­chen Kon­flikt­be­ar­bei­tung im Zuge eines erfolg­rei­chen Eini­gungs­ver­fah­rens nicht öffent­lich gewor­den. Im Urteil des VG Mainz wird aber der Kon- flikt der bei­den Wis­sen­schaft­le­rin­nen, also die Fra­ge, ob ein Fehl­ver­hal­ten unter­lau­fen ist, gar nicht ent­schie- den. Die recht­li­chen Aus­füh­run­gen sind in mehr­fa­cher Hin­sicht für vie­le Hoch­schu­len hilf­reich. Die Betei­lig­ten des Kon­flik­tes indes, der dem Rechts­streit zugrun­de liegt, bringt das Urteil kei­nen Schritt auf dem Weg zur Lösung ihres Kon­flik­tes weiter!

  1. 71  Wür­de in einem ver­gleich­ba­ren Fall Kla­ge bei einem Ver­wal- tungs­ge­richt erho­ben, käme auch hier noch eine Media­ti­on durch einen ent­spre­chend geschul­ten Güte­richter in Betracht, vgl. bei Fn. 4 f.
  2. 72  Vgl. oben nach Fn. 22.
  3. 73  Vgl. von Münch, Gute Wis­sen­schaft, 2012, S. 107 ff.; Gär­ditz, Die­Fest­stel­lung von Wis­sen­schafts­pla­gia­ten im Ver­wal­tungs­ver­fah-ren, in: WissR 2013, 3 ff.; von Bar­gen (Fn. 22), in: JZ 2013, 715.
  4. 74  Schmoll, in: FAZ v. 22.11.2012.
  5. 75  DFG-Denk­schrift, 2. Aufl. (Fn. 11), S. 18 f.
  6. 76  Vgl. z.B. das Posi­ti­ons­pa­pier des WR v. 9.11.2011 „Anfor­de­run-

IV. Bear­bei­tung spe­zi­fisch wis­sen­schafts­be­zo­ge­ner Kon­flik­te im Bereich der Promotion

Bei dem einen – oben näher skiz­zier­ten – Sün­den­fall Ende der neun­zi­ger Jah­re, der der DFG und ande­ren Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen Anlass zu grund­le­gen­den Ände­rungs­vor­schlä­gen gab,72 ist es nicht geblie­ben. Ein zwei­ter Sün­den­fall ist ver­bun­den mit dem Namen Frei- herr zu Gut­ten­berg, dem eine erheb­li­che Zahl an Pla­gia- ten in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on vor­ge­wor­fen wur­de, und dem des­halb die Pro­mo­ti­ons­kom­mis­si­on der Rechts­wis­sen- schaft­li­chen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Bay­reuth Ende Feb- ruar 2011 den Dok­tor­grad ent­zog. Der Fall lös­te eine gan­ze Wel­le wei­te­rer Pla­gi­ats­vor­wür­fe aus, die sich gegen pro­mi­nen­te Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker rich­te­ten. Soweit sich die­se über­haupt mit einer Kla­ge bei den zustän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­rich­ten wehr­ten, hat­ten sie damit kei­nen Erfolg.73

Der sog. „Guttenberg-Effekt“74 hat­te nicht nur zur Fol­ge, dass Ombuds­per­so­nen, Unter­su­chungs­kom­mis­si- onen und Pro­mo­ti­ons­sau­schüs­se der Hoch­schu­len zu- neh­mend häu­fi­ger der Fra­ge nach­zu­ge­hen hat­ten, ob die Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis – und zwar kei- nes­wegs nur durch Pla­gia­te – ver­letzt wur­den, son­dern die DFG75 und ande­re Wissenschaftsorganisationen76 reg­ten auch an, dar­über nach­zu­den­ken, ob nicht das Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren neu gestal­tet wer­den soll­te. Zu den Emp­feh­lun­gen der DFG zählt u.a., neben der pri­mä­ren „Bezugs­per­son“ eine Betreu­ung durch zwei wei­te­re er- fah­re­ne Wis­sen­schaft­le­rin­nen oder Wis­sen­schaft­ler vor- zuse­hen, die für Rat und Hil­fe „und bei Bedarf zur Ver- mitt­lung in Kon­flikt­si­tua­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen“. Und in einem Beschluss der HRK77 heißt es: Als unab- ding­bar wer­de eine Stel­le ange­se­hen, „die im Kon­flikt­fall ver­mit­telnd und schlich­tend aktiv“ wer­de. „Dies kann z.B. eine Ombuds­per­son sein, die sich durch eine hohe Repu­ta­ti­on aus­zeich­net und hin­rei­chend neu­tral agie­ren kann“. Eine Ombuds­stel­le zur Kon­flikt­re­ge­lung für den Pro­mo­ti­ons­be­reich ste­he allen Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den und Betreue­rin­nen und Betreu­ern offen.78

gen an die Qua­li­täts­si­che­rung der Pro­mo­ti­on“, unter:

http://www.wissenschaftsrat.de.
77 Beschluss v. 23.4.2012, unter II. 4., letz­ter Absatz, sie­he unter:

http://www.hrk.de, Beschlüs­se.
78 Vgl. in die­sem Zusam­men­hang ein­ge­hend auch Lentsch (Aka­de-

misches Kon­flikt­ma­nage­ment: Ein Bei­trag zur Qua­li­täts­si­che­rung der Pro­mo­ti­ons­pra­xis, in: HRS 2012, 118 ff. mwN.), der zwi­schen den Model­len eines insti­tu­tio­na­li­sier­ten Ombuds­gre­mi­ums und einer pro­zess­ori­en­tier­ten Wis­sen­schafts­me­dia­ti­on unter­schei­det; sie­he dazu auch Hoormann/Matheis (Fn. 7), S. 44 ff.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 4 9

Ent­spre­chend nor­miert nun­mehr z.B. das 2014 no- vel­lier­te Lan­des­hoch­schul­ge­setz Baden-Würt­tem­berg in § 38 Abs. 4 S. 2 u.a., dass die Pro­mo­ti­ons­ord­nung die „Ein­set­zung von Ombuds­per­so­nen“ regelt.79 Die Rah- menpromotionsordnung80 der Uni­ver­si­tät Frei­burg sieht vor, dass zwei – für alle Dok­to­ran­din­nen und Dok­tor­an- den der Uni­ver­si­tät zustän­di­ge – Ombuds­per­so­nen be- stellt wer­den, die „als unab­hän­gi­ge und unpar­tei­ische Bera­tungs- und Ver­mitt­lungs­stel­le“ fun­gie­ren. Die Pro- moti­ons­ord­nun­gen der Fakul­tä­ten kön­nen statt­des­sen ein Ombuds­ver­fah­ren auf Fakul­täts­ebe­ne etablieren.

Wel­che Art Ver­mitt­lungs­auf­ga­be inso­weit auf die zu- stän­di­ge uni­ver­si­tä­re Ombuds­per­son zukom­men könn- te, zeigt fol­gen­des Bei­spiel: Pro­fes­sor und sei­ne Dok­to- ran­din – bei­de sind Mit­glie­der der Medi­zi­ni­schen Fa- kul­tät der Uni­ver­si­tät – neh­men an einem Fach­kon- gress in Irland teil. ent­deckt dort ein Pos­ter, auf dem Ergeb­nis­se eines Pro­jek­tes prä­sen­tiert wer­den, das ihrem sehr ähn­lich ist. Es stellt sich her­aus, dass das Pos­ter die Arbeit des Dok­to­ran­den zeigt, des­sen pri­mä­re „Be- zugs­per­son“ Pro­fes­sor ist. und gehö­ren der­sel­ben Uni­ver­si­tät wie und B, aber der Fakul­tät für Bio­lo­gie an. Alle vier Wis­sen­schaft­ler kom­men noch wäh­rend des Kon­gres­ses über­ein, bei­de Arbei­ten in drei Mona­ten der Zeit­schrift anzu­bie­ten, um sie im sog. „Back-to-Back- Ver­fah­ren“ zu publi­zie­ren. Bei die­sem Ver­fah­ren wer­den zwei Manu­skrip­te gleich­zei­tig ein­ge­reicht, die sich kom- plet­tie­ren. Kein Autor geht das Risi­ko ein, „unter­wer­tig“ publi­zie­ren zu müs­sen, weil ihm der jeweils ande­re zu- vor­ge­kom­men ist. und tau­schen sich in den nächs- ten Wochen inten­siv aus. Zwei Mona­te nach der Über- ein­kunft erfährt bei­läu­fig in einem Gespräch mit dem Edi­tor von Z, dass C’s Arbeit ent­ge­gen der Abspra­che ge- rade ein­ge­reicht wor­den sei. In die­sem Arti­kel sind als Erst­au­tor, an zwei­ter, an drit­ter und an vier­ter Stel- le genannt. und B, die von und nicht infor­miert wor­den waren, wen­den sich empört an die Ombudsperson.

Wür­de die­ser Kon­flikt mit Hil­fe einer media­tiv ge- schul­ten Ombuds­per­son sach­ori­en­tiert durch­ge­ar­bei- tet,81 könn­te sich erwei­sen, dass bei­de Grup­pen ein Inte- res­se an einer mög­lichst opti­ma­len Publi­ka­ti­on ihrer Ar- bei­ten haben. Vie­les hin­ge davon ab, ob es gelingt, und

  1. 79  Die Neu­fas­sung v. 1.4.2014 (GBl. S. 99) ist am 9.4.2014 in Kraft getre­ten; sie­he zu der Neu­fas­sung: The­re­sia Bau­er, Ein neu­er Königs­weg zum Dok­tor­ti­tel, in: FAZ v. 19.3.2014; Sand­ber­ger, Para­dig­men­wech­sel oder Kon­ti­nui­tät im Hoch­schul­recht, VBlBW 2014, 321; spe­zi­ell zu § 38 Abs. 4 S. 2 LHG BW: Löwi­sch/­Wür- ten­ber­ger, Betreu­ungs­ver­ein­ba­run­gen im Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren, OdW 2014, 103, 112. Vgl. zur Insti­tu­ti­on der Ombuds­per­son ein­ge­hend oben unter III. 2. a).
  2. 80  Vgl. unter: http://www.uni-freiburg.de, § 22. Die Universität

die Ein­sicht zu ver­mit­teln, dass der Bruch der Abspra- che als Fehl­ver­hal­ten gewer­tet wer­den könn­te. Hilf­reich könn­te inso­weit ein Per­spek­tiv­wech­sel sein, also die an und gerich­te­te sog. zir­ku­lä­re Frage,82 wie denn wohl sie – und – reagiert hät­ten, wenn und in der Wei­se vor­ge­gan­gen wären wie sie. Ein­sicht bewir­ken könn­te auch die sog. Zukunfts­fra­ge, ob und denn si- cher sei­en, dass der von ihnen bei ein­ge­reich­te Bei­trag ohne die Zustim­mung von und ver­öf­fent­licht wür­de. Für die Fra­ge, ob eine güt­li­che Eini­gung mög­lich ist, wird es nicht zuletzt dar­auf ankom­men, ob und ggf. un- ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und bereit sind, den bei­den ande­ren Wis­sen­schaft­lern ihr Ver­hal­ten nach­zu- sehen. Ergeb­nis des Gesprächs könn­te die Ver­ein­ba­rung sein, den ein­ge­reich­ten Bei­trag in geteil­ter Erst-Autoren- schaft von und zu ver­öf­fent­li­chen oder doch bei dem ursprüng­lich ver­ab­re­de­ten „Back-to-Back-Ver­fah­ren“ zu bleiben.

V. Inan­spruch­nah­me exter­ner Hilfe

Selbst­ver­ständ­lich besteht die Mög­lich­keit, die Hil­fe exter­ner – frei­be­ruf­lich täti­ger, auf­grund des Media­ti- ons­ge­set­zes zer­ti­fi­zier­ter – Media­to­rin­nen und Media­to- ren in Anspruch zu neh­men, wenn es gilt, einen Kon­flikt inner­halb der Hoch­schu­le zu lösen. In Betracht käme etwa, dass Ombuds­per­so­nen oder Unter­su­chungs­kom- mis­sio­nen in Fäl­len, in denen die Hil­fe einer beson­ders erfah­re­nen – exter­nen – Media­to­rin gebo­ten sein könn- te, den Kon­flikt­be­tei­lig­ten raten, deren Hil­fe in Anspruch zu neh­men. Denk­bar ist auch, dass sich meh­re­re Hoch- schu­len (z.B. am sel­ben Ort) zusam­men­tun und der Media­tor der einen Hoch­schu­le jeweils der ande­ren zur Ver­fü­gung steht. Es hät­te den Vor­teil, dass das Ver­trau­en der Kon­flikt­be­tei­lig­ten in die Unab­hän­gig­keit des Medi- ators einer ande­ren Hoch­schu­le noch selbst­ver­ständ­li- cher sein könn­te, als in die des Media­tors der eige­nen, sei sie auch noch so „gesi­chert“.

Bei­spie­le, die den Wunsch wecken, vie­le Hoch­schu- len wür­den sie sich zum Vor­bild neh­men, sind z.B. Me- dia­ti­ons­an­ge­bo­te des AStA der Uni­ver­si­tät Osna­brück und des AStA der Uni­ver­si­tät Bonn. Seit 2012 (Osna- brück) und 2013 (Bonn) gibt es in den genann­ten Uni-

Frei­burg hat seit 1.10.2014 eine Pro­rek­to­rin für Red­lich­keit in der Wis­sen­schaft, Gleich­stel­lung und Viel­falt; vgl. Badi­schen Zei­tung v. 19.11.2014 „Die Pla­ge mit den Pla­gia­ten“ u. das Inter­view mit der neu­en Pro­rek­to­rin Gise­la Riescher.

81 Vgl. oben nach Fn. 48 u. nach Fn. 59.
82 Vgl. hier und im Fol­gen­den Hand­buch Media­ti­on (Fn. 5), § 14,

Rn. 40. Vgl. zum sog. „ver­ste­hens­ba­sier­ten“ Media­ti­ons­mo­dell Friedman/Himmelstein, Kon­flik­te for­dern uns her­aus, 2013, S. 33 ff.

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ver­si­tä­ten AStA-Pro­jek­te, in deren Rah­men Stu­die­ren- den kos­ten­lo­se „Kon­flikt­be­ra­tung und Media­ti­on“ ange- boten wird. In bei­den Fäl­len sind aus­ge­bil­de­te, exter­ne Media­to­ren tätig, die jeweils einen enge­ren Bezug zu ih- rer Uni­ver­si­tät haben und die Gele­gen­heit nicht zuletzt nut­zen kön­nen, um Media­ti­ons­er­fah­rung zu sammeln.83

VI. Media­ti­on im Bereich der Lehre

1. Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­ti­on „Media­ti­on“

Die Media­ti­on und media­ti­ve Ele­men­te wer­den in den Hoch­schu­len nicht nur zur kon­sen­sua­len Lösung von Kon­flik­ten genutzt, son­dern sie sind auch Gegen­stand der Leh­re. Die wohl ers­te Erwäh­nung des Begriffs „Medi- ati­on“ in einem Bun­des­ge­setz fin­det sich in § 5a Abs. 3 des Deut­schen Rich­ter­ge­set­zes. Seit 2006 haben die Inhal­te des rechts­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­ums die recht- spre­chen­de, ver­wal­ten­de und rechts­be­ra­ten­de Pra­xis ein­schließ­lich der hier­für erfor­der­li­chen Schlüs­sel­qua­li- fika­tio­nen wie z.B. Ver­hand­lungs­ma­nage­ment, Gesprächs­füh­rung, Rhe­to­rik, Streit­schlich­tung, Ver­neh- mungs­leh­re und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit, aber auch Media­ti­on zu berücksichtigen.84 Staat­li­che und uni­ver­si- täre Prü­fun­gen haben sich auf die in § 5a Abs. 3 DRiG genann­ten Pra­xis­be­rei­che ein­schließ­lich der hier­für erfor­der­li­chen Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tio­nen zu erstre­cken (§ 5d Abs. 1 S. 1 DRiG). Seit­her sind Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu den Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tio­nen ein­schließ­lich der Media­ti- on fes­ter Bestand­teil des Lehr­an­ge­bots der Rechts­wis- sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten. Sie unter­schei­den sich frei- lich nach Schwer­punkt und Ausgestaltung.

Die Rechts­wis­sen­schaft­li­che Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Frei­burg z.B. bie­tet jeweils im Som­mer­se­mes­ter eine Vor­le­sung „Media­ti­on und Ver­hand­lungs­leh­re“ und im Win­ter­se­mes­ter einen „Work­shop Media­ti­on“ an.85 Im Mit­tel­punkt die­ses Work­shops – einer Mischung aus Vor­le­sung und Übung –, an dem ins­ge­samt fünf als Me- dia­to­rin­nen und Media­to­ren aus­ge­bil­de­te Dozen­tin­nen und Dozen­ten (dar­un­ter eine in der Media­ti­ons­aus­bil- dung enga­gier­te Diplom-Psy­cho­lo­gin) mit­wir­ken, ste- hen vier Übun­gen, in denen in klei­ne­ren Grup­pen zent-

  1. 83  In der Uni­ver­si­tät Osna­brück ist es der Media­tor Maxi­mi­li­an Geß­ner; das Ange­bot des AStA fin­det sich unter: https://www.asta.uni-osnabrueck.de/service/konfliktberatung- und-media­ti­on; Media­tor des AStA in der Uni­ver­si­tät Bonn ist Chris­ti­an Sei­wald; http://www.asta-bonn.de/Konfliktberatung_ und_Mediation.
  2. 84  Das am 1.7.2003 in Kraft getre­te­ne Gesetz zur Reform der Juris- ten­aus­bil­dung v. 11.7.2002 (BGBl. I, 2592) wur­de am 1.7.2006 ver- bind­lich, nach­dem die Bun­des­län­der den neu­en Vor­ga­ben in ihren Rege­lun­gen zur Juris­ten­aus­bil­dung Rech­nung getra­gen hat­ten. Vgl. hier und im Fol­gen­den von Bar­gen, Erfah­run­gen auf einem neu­en Aus­bil­dungs­ter­rain, in JuS-Maga­zin Sept./Okt. 2006, 14.

rale Pha­sen der Media­ti­on anhand von zwei Fäl­len im Rol­len­spiel erar­bei­tet wer­den, um dann eben­falls im Rol­len­spiel in einem der Fäl­le der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wie in einer Gerichts­ver­hand­lung „ver­fah­ren“ wür­de. Beim Ein­üben des Media­ti­ons­ver­fah­rens wird eine Vi- deoka­me­ra ein­ge­setzt, um den Stu­die­ren­den Gele­gen- heit zu geben, sich selbst beim Rol­len­spiel zu beob­ach­ten und um ein hohes Maß an detail­lier­ter, kon­struk­ti­ver Kri­tik zu gewähr­leis­ten. In den zehn Jah­ren, in denen es das Work­shop-Ange­bot gibt, haben sich mehr­fach teil- neh­men­de Stu­die­ren­de zu einer Media­ti­ons­aus­bil­dung entschlossen

2. Legal Clinics

Noch pra­xis­ori­en­tier­ter sind stu­den­ti­sche Rechts­be­ra- tungs­pro­jek­te, die ins­be­son­de­re seit der Libe­ra­li­sie­rung der Rechts­be­ra­tung durch das am 01.07.2008 in Kraft getre­te­ne Rechtsdienstleistungsgesetz86 mit zuneh­men- der­Ten­denz­aufIn­itia­ti­veau­s­den­Rechts­wis­sen­schaft­li- chen Fakul­tä­ten der Hoch­schu­len ins Leben geru­fen wer­den. Die­sen Pro­jek­ten liegt das Kon­zept zugrun­de, dass juris­tisch ent­spre­chend geschul­te Stu­die­ren­de unter Anlei­tung z.B. einer Rechts­an­wäl­tin kos­ten­lo­sen Rat ertei­len und damit nicht nur selbst prak­ti­sche Erfah­run- gen sam­meln, son­dern finanz­schwa­chen Rat­su­chen­den in der Rea­li­tät behilf­lich sind.87 Die Idee stammt aus den USA, dort sind sog. „Legal Cli­nics“ oder „Law Cli­nics“ an den Law Schools seit Jahr­zehn­ten außer­or­dent­lich verbreitet.

Seit März 2014 gibt es auch in Frei­burg einen Ver­ein „Pro Bono“, den Stu­die­ren­de der Rechts­wis­sen­schaft­li- chen Fakul­tät der Frei­bur­ger Uni­ver­si­tät unter dem Bei- stand ihres Stu­di­en­de­kans, Boris P. Paal, gegrün­det ha- ben.88 Das – kos­ten­lo­se – Bera­tungs­an­ge­bot beschränkt sich der­zeit auf die Berei­che Miet­recht, Ver­brau­cher- schutz­recht, Inter­net­recht und Exis­tenz­grün­dung. Zum Aus­bil­dungs­pro­gramm, das allen Stu­die­ren­den emp­foh- len wird, die sich beim Frei­bur­ger „Pro Bono“-Verein enga­gie­ren wol­len, gehö­ren auch Lehr­an­ge­bo­te zum The­ma Media­ti­on, wie z.B. der erwähn­te Workshop.89 Eine in die­sem Work­shop mit­wir­ken­de Dozen­tin, Rechts­an­wäl­tin und Media­to­rin Bet­ti­na Fal­ler, ist bei

85 Vgl. unter: http://www.legalclinics.uni-freiburg.de/mediation. 86 Gesetz v. 12.12.2007, BGBl. I, 2840; sie­he dort § 6.
87 Him­mer, Jura­stu­den­ten machen sich nütz­lich, in: FAZ v.

13./14.09.2014; sie­he fer­ner Horn, Stu­den­ti­sche Rechts­be­ra­tung in

Deutsch­land, in: JA 2013, 644.
88 Vgl. unter: http://www.probono-freiburg.de/. Sie­he auch

Süd­deut­sche Zei­tung v. 29./30.11.2014: „Anwalt auf Pro­be“;
vgl. fer­ner Schu­bert, Legal Cli­nics – Juris­ti­sche Aus­bil­dung mit Pra­xis­be­zug am Bei­spiel der Frei­burg Legal Cli­nics und Pro Bono Stu­den­ti­sche Rechts­be­ra­tung Frei­burg, in: OdW 2014, 241.

89 Vgl. oben unter VI. 1.

von Bar­gen · Kon­sen­sua­le Kon­flikt­lö­sung auf dem Cam­pus 1 5 1

„Pro Bono“ als anlei­ten­de Anwäl­tin und Media­to­rin tä- tig, so dass in geeig­ne­ten Fäl­len auch die Media­ti­on im Spek­trum des Ver­ein­s­an­ge­bots Berück­sich­ti­gung fin­den kann. Anders als z.B. an der Har­vard Law School oder der Law School der Uni­ver­si­ty of Michigan90 gibt es an deut­schen Hoch­schu­len wohl noch kei­ne auf Media­ti­on spe­zia­li­sier­te Cli­nic, aber viel­leicht machen auch die ge- nann­ten Bei­spie­le hier eines Tages Schule.

3. Media­ti­ons-Aus- und Fortbildung

Gegen­stand der Leh­re ist die Media­ti­on in den Hoch- schu­len fer­ner in der Form, dass die­se kom­plet­te Aus­bil- dungs- und Fort­bil­dungs­gän­ge anbie­ten. Die Band­brei­te die­ser Ange­bo­te, die sich nach Art, Spe­zia­li­sie­rung, Dau- er und Struk­tur, Kos­ten und Abschluss deut­lich unter- schei­den, ist bemerkenswert.91 Erwäh­nung ver­die­nen hier zwei Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge: Einer wird von der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na, Frankfurt/Oder ange­bo- ten.92 Die wis­sen­schaft­li­che Lei­tung liegt in den Hän­den von Ulla Glä­ßerLars Kirch­hoffSte­phan Brei­den­bach und Andre­as Nel­le. Einen wei­te­ren – inter­dis­zi­pli­när aus- gerich­te­ten – post­gra­du­ier­ten Stu­di­en­gang „Mas­ter of Media­ti­on“ hat die Fern­Uni­ver­si­tät Hagen im Pro- gramm.93 Wis­sen­schaft­lich ver­ant­wort­lich zeich­net Katha­ri­na Grä­fin von Schlief­fen.

VII. Media­ti­on im Bereich der Wissenschaft

Nicht uner­wähnt blei­ben soll, dass die Media­ti­on in den HochschulenauchGegenstandderWissenschaftist.Um hier nur punk­tu­el­le Bei­spie­le zu nen­nen, bele­gen das zum einen zwei Publi­ka­tio­nen aus jün­ge­rer Zeit, näm- lich die von der Uni­ver­si­tät Graz ange­nom­me­ne Habi­li- tati­ons­schrift von Sascha Ferz mit dem Titel „Media­ti­on im öffent­li­chen Bereich – Eine recht­stat­säch­li­che und rechts­dog­ma­ti­sche Stu­die für Öster­reich und Deutsch- land“,94 sowie eine von der Uni­ver­si­tät Kiel ange­nom­me- ne Dis­ser­ta­ti­on von Jonas Hen­nig mit dem Titel: „Medi- ati­on als ratio­na­ler Dis­kurs – Über­po­si­ti­ve Legi­ti­ma­ti­on der Media­ti­on und Ver­gleich zum Gerichts­pro­zess am

  1. 90  http://hnmcp.law.harvard.edu/negotiation-mediation-clinic- cour­se-descrip­ti­on/ und http://www.law.umich.edu/clinical/civilmediation/Pages/default. aspx. Dort wird das Kon­zept des „Nego­tia­ti­on & Media­ti­on Cli­ni­cal Pro­gram“ bzw. der „Civil Media­ti­on Cli­nic“ ein­ge­hend beschrieben.
  2. 91  Sie­he zur detail­lier­ten Über­sicht Fn. 52.
  3. 92  Vgl. unter: http://www.rewi.europa-uni.de/de/studium/master/mediation/index.html.
  4. 93  Vgl. unter: http://www.fernuni-hagen.de/ls_schlieffen/mediation/wsm.shtml.

Maß­stab der Ale­xy­schen Diskurstheorie“.95 Mit Media­ti- ons­for­schung befasst sich etwa das Insti­tut für Kon­flikt- manage­ment der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Viadrina,96 aber auch das LOEWE-Ver­bund­for­schungs­vor­ha­ben „Außer- gericht­li­che und gericht­li­che Kon­flikt­lö­sung“ der Uni- ver­si­tät Frank­furt a.M., des Max-Planck-Insti­tuts für euro­päi­sche Rechts­ge­schich­te und der Frank­furt Uni- ver­si­ty of App­lied Sciences.97 In die­sen Zusam­men­hang gehö­ren fer­ner der seit meh­re­ren Jah­ren von der Uni­ver- sität Jena ver­an­stal­te­te „Deut­sche Mediationstag“98 und die Kol­lo­qui­en des Forums „für For­schung und Wis­sen- schaft zu Media­ti­on und außer­ge­richt­li­cher Kon­flikt­lö- sung“.99

VIII. Abschlie­ßen­de Bemerkungen

Als der Ver­fas­ser die­ses Bei­trags, der sechs Jah­re als Vor- sit­zen­der einer Unter­su­chungs­kom­mis­si­on in der Uni- ver­si­tät Frei­burg tätig war, 2005 vor sei­ner Wahl gefragt wur­de, ob er bereit sei, das Amt zu über­neh­men, hat ihm die Hoch­schul­lei­tung ver­si­chert, es han­de­le sich um ein sel­ten reiz­vol­les Amt, es gäbe näm­lich nichts zu tun. Es gab sie dann aber doch, die Fäl­le, und jeder Fall war eine neue, beson­de­re und ein­sa­me Her­aus­for­de­rung! Inzwi- schen zwei­felt nie­mand mehr dar­an, dass die Hoch­schu- len auf eine pro­fes­sio­nel­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung opti­mal ein­ge­stellt sein soll­ten, und die – Dis­kurs-basier­te – Media­ti­on ist ohne Zwei­fel ein Ver­fah­ren, das die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für die Bear­bei­tung hoch­schul­in­ter­ner und gera­de auch spe­zi­fisch wis­sen­schafts­be­zo­ge­ner Kon­flik­te bie­tet. Die Hoch­schu­len sind im eige­nen Inte- res­se gut bera­ten, sich die­ses Ver­fah­rens in der Pra­xis, aber auch in Leh­re und Wis­sen­schaft noch nach­drück­li- cher als bis­her anzunehmen.

Der Autor ist Hono­rar­pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät Frei- burg. Er war Prä­si­dent des Frei­bur­ger Ver­wal­tungs­ge- richts und Mit­glied des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs Baden-Württemberg.

94 2013; vgl. dort zur Media­ti­on im öffent­li­chen Bereich in Deutsch- land, S. 213 ff.

95 2014; vgl. in die­sem Zusam­men­hang nach Fn. 34 und unter oben VIII.

96 Vgl. unter: http://www.europa-uni.de/de/forschung/institut/institut_ikm/index.html.

97 Vgl. unter: http://www.konfliktloesung.eu/.
98 Vgl. unter: http://www.rewi.uni-jena.de/mediationstagung.html. 99 Vgl. unter: https://www.mediationaktuell.de/news/2.-kolloqui-

um-in-freiburg-am-28.11.2014.

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