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Die Coro­na-Pan­de­mie stellt die Hoch­schu­len nament­lich in den Berei­chen Leh­re und Prü­fun­gen qua­si von heu­te auf mor­gen vor neue, noch nie da gewe­se­ne Her­aus­for­de­run­gen. Aus die­sem Anlass befass­te sich eine vom Ver­ein zur För­de­rung des deut­schen und inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts e.V. aus­ge­rich­te­te, erst­ma­lig online statt­fin­den­de Tagung am 30.10.2020 mit aktu­el­len recht­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen bezüg­lich Leh­re und Prü­fun­gen in der Coro­na­zeit. Die Tagung nahm die­se beson­de­re Situa­ti­on zum Anlass, um sich mit dem Prü­fungs­recht in Hin­blick auf Online-Prü­fun­gen sowie mit daten­schutz­recht­li­chen Pro­ble­men der Online-Leh­re und Online-Prü­fun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen, recht­li­chen Anpas­sungs­be­darf zu beschrei­ben und pra­xis­na­he Mög­lich­kei­ten einer sol­chen Anpas­sung auf­zu­zei­gen.
Prof. Vol­ker Epping eröff­ne­te die Tagung als Vor-stands­mit­glied des Ver­eins zur För­de­rung des deut­schen und inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts mit der Beob­ach­tung, dass die etwa 200 Teil­neh­men­den ein star­kes Anzei­chen für die Rele­vanz des The­mas sei­en, wel­ches die Hoch­schu­len aktu­ell vor vie­le Fra­gen stel­le. Als Prä­si­dent der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver müs­se er sich seit Beginn der Coro­na-Pan­de­mie mit viel­zäh­li­gen prak­ti­schen und recht­li­chen Pro­ble­men aus­ein­an­der­set­zen, um rechts­si­che­re Prü­fun­gen durch­füh­ren zu kön­nen, die gleich­zei­tig dem gel­ten­den Daten­schutz­recht ent­spre­chen.
I. Prü­fungs­recht in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie
Mit prü­fungs­recht­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen befass­te sich der Vor­trag mit anschlie­ßen­der Fra­ge­run­de von Edgar Fischer (Vor­sit­zen­der Rich­ter am Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin) und Dr. Peter Die­te­rich (Rich­ter, der­zeit am Ver­wal­tungs­ge­richt Berlin).1
Die Refe­ren­ten mach­ten zunächst deut­lich, dass im Prü­fungs­recht streng zwi­schen dem Prü­fungs­ver­fah­ren selbst und der Bewer­tung der Leis­tung, wel­che im Prü­fungs­ver­fah­ren abge­lie­fert wur­de, zu unter­schei­den sei. Durch die Coro­na-Pan­de­mie stel­len sich Schwie­rig­kei­ten haupt­säch­lich in der Gewähr­leis­tung eines feh­ler­frei­en Prü­fungs­ver­fah­rens. Die­se soll­ten aber nicht zu Anpas­sun­gen in der Bewer­tung, son­dern nur zu Anpas­sun­gen im Prü­fungs­ver­fah­ren füh­ren.
Hoch­schul­prü­fun­gen hät­ten immer auch Grund­rechts­re­le­vanz. Wegen der nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen im Fal­le des Nicht­be­stehens einer berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Prü­fung stel­le jede Prü­fung dabei einen Ein­griff in die Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG dar, wel­cher aber regel­mä­ßig dadurch gerecht­fer­tigt sei, dass durch die Prü­fung der Nach­weis der für den Beruf erfor­der­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on gebracht wer­den sol­le. Die­ser Ein­griff muss dabei unter Ein­hal­tung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes gesche­hen. Gleich­zei­tig ver­mit­te­le Art. 12 Abs. 1 GG den Stu­die­ren­den auch ein sub­jek­ti­ves Recht auf Durch­füh­rung der Prü­fung, wel­ches beach­tet wer­den müs­se.
Zudem sei bei der Aus­ge­stal­tung des Prü­fungs­ver­fah­rens der sich aus dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach Art. 3 Abs. 1 GG erge­ben­de Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit zu wah­ren. Ein Prüf­ling im Prü­fungs­ver­fah­ren habe das Recht dar­auf, nicht durch ein unter­schied­li­che­res und womög­lich schwie­ri­ge­res Ver­fah­ren schlech­ter gestellt zu wer­den als sei­ne Mitprüflinge.2
Auf­grund des Ein­griffs in Art. 12 Abs. 1 GG sei­en für die Prü­fung, deren kon­kre­te Prü­fungs­art sowie die Prü­fungs­mo­da­li­tä­ten hin­rei­chen­de Rechts­grund­la­gen erfor­der­lich. Wäh­rend die wesent­li­chen Ent­schei­dun­gen dabei vom par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber getrof­fen wer­den müs­sen, dür­fen Ein­zel­hei­ten der Prü­fung in unter­ge­setz­li­chen Nor­men wie Prü­fungs­ord­nun­gen der Hoch­schu­len gere­gelt wer­den. Die­se müs­sen aber genaue Anga­ben zum Prü­fungs­ver­fah­ren, zuläs­si­gen Prü­Ka­ro­li­ne
Haa­ke
Leh­re und Prü­fun­gen in der Coro­na­zeit – aktu­el­le recht­li­che Fra­ge­stel­lun­gen
Bericht über die Tagung des Ver­eins zur För­de­rung des deut­schen und inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts e.V. am 30.10.2020
1 Fischer ist Her­aus­ge­ber und Die­te­rich neu­er Autor des Stan­dard­werks Niehues/Fischer/Jeremias, Prü­fungs­recht. Die Refe­ren­ten ver­fass­ten schon zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie einen Auf­satz zum Prü­fungs­recht in Coro­na­zei­ten, ver­öf­fent­licht in NVwZ 2020, 657 ff.
2 Soweit im Fol­gen­den allein aus Grün­den bes­se­rer Les­bar­keit die Form des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums ver­wen­det wird, sind stets alle Geschlech­ter mit­um­fasst.
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2021, ISSN 2197–9197
6 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 5 9 — 6 4
3 Das BVerwG ver­langt etwa eine Fest­le­gung der kon­kre­ten Zahl
der Prü­fer und des Ver­fah­rens im Fal­le von Bewer­tungs­dif­fe­ren­zen,
Urteil v. 10.4.2019 – BVerwG 6 C 19.18.
4 In Ber­lin als digi­ta­le Prü­fung, in Bay­ern als Fern­prü­fung bezeich­net.
5 Vgl. die Unter­schei­dung zwi­schen elek­tro­ni­scher und Online-Prü­fung
in §§ 96a, 107a der fächer­über­grei­fen­den Prü­fungs­ord­nung
der Hum­boldt Uni­ver­si­tät zu Ber­lin (ZSP-HU).
6 In § 32 Abs. 8 BerlHG heißt es etwa: „Hoch­schul­prü­fun­gen kön­nen
auch in digi­ta­ler Form durch­ge­führt wer­den. Nähe­res regelt
die Hoch­schu­le in der Rah­men­stu­di­en- und ‑prü­fungs­ord­nung.“
7 Akzep­tiert von OVG Bre­men, Beschluss v. 2.12.2010 – 2 A 47/08. Die
Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg hat eine sol­che Mög­lich­keit in § 4 ihrer
Sat­zung über Abwei­chun­gen im Zulassungs‑, Stu­di­en- und Prü­fungs­recht
wäh­rend der SARS-CoV-2-Pan­de­mie 2020 kodi­fi­ziert.
fungs­ar­ten und wesent­li­chen Prü­fungs­mo­da­li­tä­ten ent­hal­ten.
3 Ent­spre­che im Fol­gen­den die Gestal­tung einer
Prü­fung nicht den in der Prü­fungs­ord­nung nie­der­ge­leg­ten
Vor­ga­ben, sei sie rechts­wid­rig und bei Anfech­tung
durch den Prüf­ling grund­sätz­lich zu wie­der­ho­len. Ob
pan­de­mie­be­ding­te Anpas­sun­gen der Prü­fungs­ord­nung
ins­be­son­de­re hin­sicht­lich Online-Prü­fun­gen vor­ge­nom­men
wer­den müs­sen, hän­ge daher davon ab, ob die kon­kret
gewähl­te Prü­fungs­art und ‑moda­li­tä­ten von der bestehen­den
Prü­fungs­ord­nung gedeckt wer­den.
Im Prü­fungs­ver­fah­ren sei dabei grund­sätz­lich zwi­schen
drei Prü­fungs­ar­ten zu unter­schei­den: Schrift­li­che
Prü­fun­gen, unter denen Haus­ar­bei­ten und Klau­su­ren
ver­stan­den wer­den, dane­ben münd­li­che Prü­fun­gen, zu
denen auch prak­ti­sche Prü­fun­gen gezählt wer­den kön­nen,
und elek­tro­ni­sche Prü­fun­gen.
Trotz unter­schied­li­cher Bezeichnung4 sei­en die auf­grund
der Coro­na-Pan­de­mie online durch­ge­führ­ten
Prü­fun­gen nicht unter den Begriff der elek­tro­ni­schen
Prü­fung zu sub­su­mie­ren. Denn bei letz­te­rer han­delt es
sich um eine eige­ne Prü­fungs­art, bei der die Prü­fungs­ant­wort
am Com­pu­ter mit­tels eines Prüf­pro­gramms unmit­tel­bar
in ein Daten­ver­ar­bei­tungs­sys­tem der Prü­fungs­be­hör­de
ein­ge­ge­ben wird.5 Eine sol­che Prü­fung
kann durch audio­vi­su­el­le oder inter­ak­ti­ve Ele­men­te
stark von schrift­li­chen oder münd­li­chen Prü­fun­gen abwei­chen
und erfor­dert dafür in der Prü­fungs­ord­nung
eine eige­ne Rechts­grund­la­ge.
Eine Online-Prü­fung sei dage­gen eine Prü­fung mit
elek­tro­ni­schen Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln,
bei der Prü­fer und Prüf­ling sich in unter­schied­li­chen,
nicht offi­zi­el­len Prü­fungs­räu­men befin­den. Dabei
han­de­le es sich grund­sätz­lich um kei­ne eige­ne Prü­fungs­art,
son­dern nur einen ande­ren Über­mitt­lungs­weg für
eine schrift­li­che oder münd­li­che Prü­fung, sodass grund­sätz­lich
auf­grund des Online-Statt­fin­dens allein kei­ne
neue Rechts­grund­la­ge geschaf­fen wer­den müs­se.
Online-Prü­fun­gen kön­nen dabei als münd­li­che Online-
Prü­fung, als Take Home-Arbeit oder als Klau­sur
unter Video­auf­sicht (sog. Proc­to­ring) durch­ge­führt wer­den.
Münd­li­che Online-Prü­fun­gen sei­en dabei grund­sätz­lich
ohne Ände­rung der Prü­fungs­ord­nung mög­lich,
es sei denn, es gebe spe­zi­el­le Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen (z.B.
zur Öffent­lich­keit der Prü­fung, räum­li­chen Anwe­sen­heit
wäh­rend der Prü­fung oder zur Anzahl der Prüf­lin­ge),
von denen abge­wi­chen wer­de. Bei der Take Home-Arbeit,
bei der regel­mä­ßig auch die Nut­zung von Hilfs­mit­teln
zuläs­sig, zumin­dest aber nicht zu ver­hin­dern sei,
han­de­le es sich jedoch nicht um eine Klau­sur, son­dern
um eine Haus­ar­beit. Cha­rak­te­ris­tisch für Haus­ar­bei­ten
sei es, dass die­se mit Hilfs­mit­teln ohne Auf­sicht ange­fer­tigt
wer­den dür­fen, wäh­rend eine Klau­sur per defi­ni­tio­nem
eine Auf­sichts­ar­beit ist. Daher kann unter einer online
durch­ge­führ­ten Klau­sur nur eine Leis­tung ver­stan­den
wer­den, die mit­hil­fe von Proc­to­ring über­wacht
wird. Soll eine Take Home-Arbeit ange­fer­tigt wer­den,
wäh­rend die Prü­fungs­ord­nung eine Klau­sur ver­langt,
muss die­se folg­lich ange­passt wer­den.
Auch wenn dies nicht der Fall ist, kön­ne eine Anpas­sung
der Prü­fungs­ord­nung sinn­voll sein, um Rechts­si­cher­heit
für die Prü­fun­gen zu gewähr­leis­ten. So kön­ne
klar­stel­lend ergänzt wer­den, dass Prü­fun­gen auch über
elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel statt­fin­den kön­nen.
Eine Anpas­sung der Prü­fungs­ord­nung hin­sicht­lich
der Online-Prü­fun­gen sei auch not­wen­dig, wenn dies
durch den Lan­des­ge­setz­ge­ber vor­ge­schrie­ben wird.6
Eine Alter­na­ti­ve zur Ände­rung der Prü­fungs­ord­nung
kön­ne auch das bewuss­te Abwei­chen von der Prü­fungs­ord­nung
mit vor­he­ri­gem Ein­ver­ständ­nis des Prüf­lings
sein.7 Sofern das Ein­ver­ständ­nis frei­wil­lig und voll infor­miert
gewe­sen sei, sei es für den Prüf­ling im Anschluss
nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 242 BGB unzu­läs­sig,
sich auf einen Ver­stoß gegen die Prü­fungs­ord­nung zu
beru­fen und die Prü­fung aus die­sem Grund
anzu­fech­ten.
Im Anschluss ord­ne­ten die Refe­ren­ten ein, inwie­weit
wel­che Online-Prü­fungs­for­men mit den grund­recht­li­chen
Prü­fungs­grund­sät­zen über­ein­stim­men. Aus dem
Leis­tungs­recht der Stu­die­ren­den aus Art. 12 Abs. 1 GG
(Recht auf Prü­fung) fol­ge grund­sätz­lich die Pflicht der
Hoch­schu­le, die Prü­fungs­ver­fah­ren ohne ver­meid­ba­re
Ver­zö­ge­run­gen durch­zu­füh­ren und in ange­mes­se­ner
Zeit abzu­schlie­ßen.
Beson­de­re Schwie­rig­kei­ten kön­nen sich durch die
Online-Prü­fun­gen bei der Absi­che­rung der Chan­cen­gleich­heit
aus Art. 3 Abs. 1 GG bie­ten, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich
der tech­ni­schen Aus­stat­tung der Prüf­lin­ge. Pro­ble­me
im Prü­fungs­ver­fah­ren dür­fen dabei jedoch nicht
zu inhalt­li­chen Absen­kun­gen der Prü­fungs­an­for­de­run­gen
füh­ren, son­dern müs­sen im Rah­men des Prü­fungs­Haa­ke
· Leh­re und Prü­fun­gen in der Coro­na­zeit 6 1
8 Ähn­lich VG Ber­lin, Beschluss v. 20.6.2008 – 3 A 226.08.
9 Ein sol­ches dür­fe jedoch wie in § 8 der Baye­ri­schen Fern­prü­fungs­er­pro­bungs­ver­ord­nung
(Bay­FEV) frei­wil­lig in der Prü­fungs­ord­nung
nor­miert wer­den. Soll ein Wahl­recht zwi­schen Online- und
Prä­senz­prü­fun­gen durch die Prü­fungs­ord­nung ver­mit­telt wer­den,
sei aber wich­tig, an bei­de Prü­fungs­for­men die glei­chen Leis­tungs­an­for­de­run­gen
zu stel­len, um nicht die Chan­cen­gleich­heit zwi­schen
den Prüf­lin­gen zu ver­let­zen. So dür­fe die Online-Prü­fung
dann etwa nicht als Take Home-Arbeit und damit als Kurz­haus­ar­beit
durch­ge­führt wer­den, wäh­rend die Prä­senz­prü­fung als
Klau­sur ange­fer­tigt wird.
10 Z. B. ein Anspruch auf eine Online-Prü­fung wegen Zuge­hö­rig­keit
zu einer Risi­ko­grup­pe (vom OVG Nie­der­sach­sen zu Zei­ten nied­ri­ger
Infek­ti­ons­ra­ten für einen Rau­cher noch abge­lehnt, Beschluss
v. 2.9.2020 – 2 ME 349/20).
11 VG Sig­ma­rin­gen, Urteil v. 28.1.2020 – 4 K 5085/19, nach­fol­gend
VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss v. 15.6.2020 – 9 S 1116/20,
vgl. auch § 9 Abs. 1 S. 3 Bay­FEV.
12 VG Ber­lin, Beschluss v. 20.4.2020 –3 L 155.20, 3 L 159.20; bestä­tigt
durch OVG Berlin‐Brandenburg, Beschluss v. 21.4.2020 –
OVG 3 S 30.20, 3 S 31.20; vgl. auch VG Braun­schweig, Beschluss
v. 6.10.2020 – 6 B 160/20.
ver­fah­rens (etwa durch Zeit­zu­schlag) selbst aus­ge­gli­chen
wer­den. Eine Ver­let­zung der Chan­cen­gleich­heit gegen­über
ande­ren Prü­fungs­durch­gän­gen sei eher unwahr­schein­lich,
da Ver­gleichs­grup­pen zur Ermitt­lung
eines Ver­sto­ßes gegen Art. 3 Abs. 1 GG nicht jahr­gangs­über­grei­fend
gebil­det wer­den kön­nen, son­dern immer
nur durch die jewei­li­gen Prü­fungs­ko­hor­ten abge­bil­det
wer­den.
Die erhöh­te Täu­schungs­an­fäl­lig­keit ins­be­son­de­re der
Take Home-Arbei­ten ber­ge eben­falls Rechts­un­si­cher­heit:
Gelin­ge durch Täu­schung vie­len Prüf­lin­gen die
Prü­fung beson­ders gut, kön­ne sich der rela­ti­ve Bewer­tungs­maß­stab
des Prü­fers nach oben ver­schie­ben, wodurch
die Bewer­tung der Prü­fung ver­zerrt wer­de. Der
beson­ders gute Aus­fall einer Prü­fung beein­flus­se näm­lich
in der Regel die Ein­schät­zung des Prü­fers von der
Schwie­rig­keit der Prü­fung sowie des­sen Annah­me, wor­in
eine durch­schnitt­li­che Leis­tung liegt, auf deren Basis
die abge­stuf­ten Noten gebil­det wer­den. Dies stel­le einen
Bewer­tungs­feh­ler dar, der zur gericht­li­chen Annul­lie­rung
der Prü­fung füh­ren könne.8
Wer­de eine Take Home-Arbeit zudem allein durch
Täu­schung gelöst, sei die­se nicht mehr geeig­net, einen
Nach­weis über die Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on des Prüf­lings dar­zu­stel­len.
Da die Prü­fung aber einen Grund­rechts­ein­griff
in Art. 12 Abs. 1 GG bedeu­te, sei die­se man­gels Eig­nung
dann nicht mehr ver­hält­nis­mä­ßig. Die Vor­tei­le
durch Täu­schung sol­len daher durch die Prü­fungs­er­stel­ler
durch eine ent­spre­chen­de Auf­ga­ben­stel­lung (z.B.
mehr Trans­fer­auf­ga­ben, weni­ger rei­ne Wis­sens­ab­fra­ge)
mög­lichst gering gehal­ten wer­den.
Die anschlie­ßen­de Fra­ge­run­de mode­rier­ten Prof. Ulri­ke
Gut­heil (ehe­ma­li­ge Kanz­le­rin der TU Ber­lin, Staats­se­kre­tä­rin
im Minis­te­ri­um für Wis­sen­schaft, For­schung
und Kul­tur des Lan­des Bran­den­burg a.D.) und Prof. Vol­ker
Epping. Teil­neh­men­de konn­ten ihre Fra­gen dabei
nicht nur bereits im Vor­feld online ein­rei­chen, son­dern
auch wäh­rend der Ver­an­stal­tung mit­hil­fe der Chat­funk­ti­on
stel­len.
Die Refe­ren­ten stell­ten dabei zunächst klar, dass ein
Anspruch auf Durch­füh­rung einer kon­kre­ten Prü­fungs­art
oder ‑form sich grund­sätz­lich nicht aus Art. 12 Abs. 1 GG
her­lei­ten lie­ße. Viel­mehr ste­he den Hoch­schu­len das Orga­ni­sa­ti­ons­er­mes­sen
in die­ser Hin­sicht zu, sofern nicht
eine bestimm­te Prü­fungs­art im Hoch­schul­ge­setz oder in
der Prü­fungs­ord­nung kodi­fi­ziert sei. Wenn in abseh­ba­rer
Zeit Prä­senz­prü­fun­gen nicht mög­lich sind, kön­ne sich aus
dem Anspruch auf Prü­fung aus Art. 12 Abs. 1 GG im Ein­zel­fall
die Pflicht erge­ben, alle zumut­ba­ren Maß­nah­men
zu tref­fen, um irgend­ei­ne Form von Prü­fung zu ermög­li­chen.
Ein Wahl­recht des Prüf­lings zwi­schen Prä­senz- und
Online-Prü­fun­gen besteht dabei aber grund­sätz­lich
nicht.9 Ansprü­che auf bestimm­te Prü­fungs­for­men kön­nen
sich aller­dings im Ein­zel­fall ver­dich­ten, wenn dem
Prüf­ling die Prü­fung anders nicht mög­lich oder zumut­bar
ist.10
Auch tech­ni­sche Stö­run­gen im Ver­lauf der Online-
Prü­fung dür­fen nicht allein der Ver­ant­wor­tung des Prüf­lings
zuge­wie­sen wer­den. Die Beweis­last lie­ge viel­mehr
bei der Hochschule.11 Kön­ne die­se sich exkul­pie­ren und
nach­wei­sen, dass von ihrer Sei­te aus tech­nisch kei­ne
Feh­ler vor­la­gen, müs­se der Prüf­ling den Gegen­be­weis
antre­ten, dass die Stö­rung eben­falls nicht aus sei­ner Ver­ant­wor­tungs­sphä­re
stam­me. Gleich­zei­tig gel­te aber für
tech­ni­sche Stö­run­gen wie auch für ande­re Stö­run­gen im
Prü­fungs­ver­fah­ren die Rüge­o­b­lie­gen­heit für den Prüf­ling.
Unter­las­se der Prüf­ling eine unver­züg­li­che Rüge eines
Feh­lers im Prü­fungs­ver­fah­ren, kön­ne er sich spä­ter
nicht mehr auf die Beacht­lich­keit des Feh­lers beru­fen.
Prak­tisch zu emp­feh­len sei den Hoch­schu­len die Durch­füh­rung
eines Funk­ti­ons­tests mit dem Prüf­ling, um Rügen
vor­zu­beu­gen.
Ein ver­än­der­ter Umgang mit Prü­fungs­rück­trit­ten sei
jedoch auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie nicht gerecht­fer­tigt.
Rück­trit­te mit Wie­der­ho­lungs­recht sei­en wei­ter­hin
nur unter den übli­chen Vor­aus­set­zun­gen – Nach­weis der
Prü­fungs­un­fä­hig­keit und unver­züg­li­che Rück­tritts­er­klä­rung
– mög­lich. Schwie­ri­ge Prü­fungs­be­din­gen im Rah­men
der Pan­de­mie sei­en allein kein Rücktrittsgrund.12
Die Gewäh­rung eines vor­aus­set­zungs­lo­sen Rück­tritts
nur auf­grund der Pan­de­mie eröff­ne eine zusätz­li­che Prü­fungs­chan­ce
trotz nicht nach­ge­wie­se­ner Prü­fungs­un­fä­hig­keit
und stel­le daher einen Ver­stoß gegen die Chan­cen­gleich­heit
aus Art. 3 Abs. 1 GG dar.
6 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 5 9 — 6 4
13 Ableh­nend im Mai noch VG Göt­tin­gen, Urteil v. 27.5.2020 – 4 B
112/20; beja­hend VG Köln, Beschluss v. 17.7.2020 – 6 L 1246/20.
14 Z.B. § 7 der Coro­na-Ver­ord­nung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg.
15 Schwart­mann ist zudem Sach­ver­stän­di­ger des Deut­schen Hoch­schul­ver­ban­des
für IT- und Daten­recht und Vor­sit­zen­der der Gesell­schaft
für Daten­schutz und Daten­si­cher­heit (GDD) e.V. sowie
Her­aus­ge­ber der daten­schutz­recht­li­chen Kom­men­ta­re Schwartmann/
Jaspers/Thüsing/Kugelmann, Hei­del­ber­ger Kom­men­tar zu
DS-GVO/BDSG und Schwartmann/Pabst, Kom­men­tar zum LDG
NRW.
16 Ent­spre­chen­de Vor­la­gen stel­le etwa die Gesell­schaft für Daten­schutz
und Daten­si­cher­heit e.V. online bereit.
Um das Infek­ti­ons­ri­si­ko zu ver­rin­gern, sei es auf
Grund­la­ge des Haus­rechts der Hoch­schu­le auch gerecht­fer­tigt,
in der Hoch­schu­le zur Anfer­ti­gung der Prü­fung
eine Mas­ken­pflicht zu verhängen.13 Einem Prüf­ling mit
Erkäl­tungs­sym­pto­men die Teil­nah­me an einer Prä­senz­prü­fung
zu ver­wei­gern, wür­de einen Ein­griff in sein
Recht auf Prü­fung aus Art. 12 Abs. 1 GG dar­stel­len. Ein
sol­cher Ein­griff könn­te etwa aus gefah­ren­ab­wehr­recht­li­cher
Sicht gerecht­fer­tigt sein, sofern ein sol­ches Betre­tungs­ver­bot
in einer Rechts­grund­la­ge kodi­fi­ziert sei.14
II. Daten­schutz in Zei­ten der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie
Der Vor­trag von Prof. Rolf Schwart­mann (Lei­ter der Köl­ner
For­schungs­stel­le für Medi­en­recht an der Tech­ni­schen
Hoch­schu­le Köln) beleuch­te­te die daten­schutz­recht­li­che
Per­spek­ti­ve von Online-Leh­re und ‑Prü­fun­gen.
15
Schwart­mann beton­te zunächst, dass selbst, wenn im
Online-Prü­fungs­ver­fah­ren nicht gegen das Prü­fungs­recht
ver­sto­ßen wor­den sei, unab­hän­gig davon trotz­dem
noch ein Ver­stoß gegen das Daten­schutz­recht vor­lie­gen
und ein gericht­li­ches Ver­fah­ren nach sich zie­hen kön­ne.
Denn die Stu­die­ren­den­da­ten, wel­che bei Online-Leh­re
und ‑Prü­fun­gen ver­ar­bei­tet wer­den, sind per­so­nen­be­zo­ge­ne
Daten und unter­ste­hen daher dem Regime der DSGVO.
Die­se set­ze einen engen Rah­men für den Daten­schutz,
der nicht pan­de­mie­be­dingt aus­ge­setzt wer­den
kön­ne. Weder die DSGVO noch die kon­kre­ti­sie­ren­den
Bun­des- und Lan­des­da­ten­schutz­ge­set­ze bie­ten den
Hoch­schu­len Spiel­räu­me beim Daten­schutz.
Die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten müs­se
für die Recht­mä­ßig­keit der Online-Leh­re und ‑Prü­fun­gen
daher durch Art. 6 DSGVO erlaubt sein. In Betracht kom­me
eine Ein­wil­li­gung der betrof­fe­nen Per­son nach Art. 6
Abs. 1 lit. a), die Ver­ar­bei­tung zur Erfül­lung einer recht­li­chen
Ver­pflich­tung i. S. d. Art. 6 Abs. 1 lit. c) oder die Erfor­der­lich­keit
der Ver­ar­bei­tung zur Erfül­lung einer Auf­ga­be,
die im öffent­li­chen Inter­es­se liegt oder in Aus­übung
öffent­li­cher Gewalt erfolgt, die dem Ver­ant­wort­li­chen
über­tra­gen wur­de, Art. 6 Abs. 1 lit. e) DSGVO. Eine Ein­wil­li­gung
zur Daten­ver­ar­bei­tung müs­se also nicht ein­ge­holt
wer­den, wenn die Ver­ar­bei­tung nach ande­ren Erlaub­nis­tat­be­stän­den
des Art. 6 Abs. 1 DSGVO recht­mä­ßig sei.
Für die Online-Leh­re bedeu­te dies, dass die Ver­ar­bei­tung
der Stu­die­ren­den­da­ten in der Video­kon­fe­renz
grund­sätz­lich zur Auf­ga­ben­er­fül­lung – Durch­füh­rung
der Leh­re und die Ver­mei­dung eines „Null­se­mes­ters“ –
erfor­der­lich sei, weil es in der Coro­na­zeit im Mas­sen­be­trieb
kei­ne Alter­na­ti­ven gebe. Der Mit­schnitt die­ser Video­kon­fe­renz
sei jedoch weder zur Her­stel­lung einer
„Kon­ser­ve“ für die Stu­die­ren­den noch zur Ver­fol­gung
von Lern­fort­schrit­ten erfor­der­lich. Die betrof­fe­nen Stu­die­ren­den
müss­ten die Hoch­schu­le daher per Ein­wil­li­gung
dazu legi­ti­mie­ren. Die­se Ein­wil­li­gung kann jedoch
jeder­zeit gem. Art. 7 Abs. 3 DSGVO mit Wir­kung für die
Zukunft wider­ru­fen wer­den. Fak­tisch sei die­se laut
Schwart­mann daher unbrauch­bar, da selbst bei Ein­wil­li­gung
aller Teil­neh­men­den der Video­kon­fe­renz unter
münd­li­cher Betei­li­gung der Mit­schnitt gelöscht wer­den
müs­se, wenn nur eine Per­son die Ein­wil­li­gung spä­ter wider­ru­fe
und die Bei­trä­ge der Per­son nicht aus dem Mit­schnitt
ent­fernt wer­den kön­nen.
Wei­te­re Unsi­cher­hei­ten hin­sicht­lich der Durch­füh­rung
der Online-Leh­re bie­ten sich bei der Aus­wahl des
rich­ti­gen Tools für Video­kon­fe­ren­zen. Dabei müs­sen die
Hoch­schu­len nach Art. 32 DSGVO tech­nisch-orga­ni­sa­to­ri­sche
Maß­nah­men unter Berück­sich­ti­gung des Stands
der Tech­nik ergrei­fen, um die Sicher­heit der Daten­ver­ar­bei­tung
zu gewähr­leis­ten. Schwart­mann mach­te deut­lich,
dass auch, wenn sich die Kon­fe­renz der unab­hän­gi­gen
Daten­schutz­auf­sichts­be­hör­den des Bun­des und der
Län­der (DSK) etwa in einem Posi­ti­ons­pa­pier gegen die
Nut­zung von Micro­soft 365 aus­sprach oder in der öffent­li­chen
Dis­kus­si­on Kri­tik an nicht in der EU gehos­te­ten
Tools wie Zoom bestehe, die Benut­zung die­ser Tools bis­lang
nicht recht­lich unzu­läs­sig sei, da weder eine bin­den­de
Unter­sa­gungs­ver­fü­gung durch die Daten­schutz­auf­sichts­be­hör­den
noch eine gericht­li­che Unter­sa­gung
vor­lie­ge.
Die Aus­wahl des Tools oblie­ge dabei der Hoch­schu­le.
Daten­schutz­recht­lich müs­sen Hoch­schu­len mit Soft­ware-
Anbie­tern eine Ver­ein­ba­rung zur Auf­trags­ver­ar­bei­tung
abschlie­ßen, die den inhalt­li­chen Anfor­de­run­gen
des Art. 28 Abs. 3 DSGVO ent­spre­chen muss.16
Fer­ner müs­se die Hoch­schu­le Betrof­fe­nen­rech­te sowie
tech­nisch-orga­ni­sa­to­ri­sche Pflich­ten nach der DSGVO
beach­ten. Nicht nur aus dienst­recht­li­chen Grün­den
soll­ten sich die Hoch­schul­leh­rer an die­se Vor­ga­ben
Haa­ke · Leh­re und Prü­fun­gen in der Coro­na­zeit 6 3
17 Trotz der Wahl­mög­lich­keit in § 8 Bay­FEV schätz­te Schwart­mann
die Klau­sur­an­fer­ti­gung unter Video­auf­sicht i. S. d. § 6 Bay­FEV
als daten­schutz­recht­lich unzu­läs­sig ein. Unzu­läs­sig sei zudem die
Mög­lich­keit der Auf­zeich­nung und auto­ma­ti­schen Aus­wer­tung
nach § 6 Abs. 4 Bay­FEV.
18 Etwa über die Platt­for­men Mood­le oder ILIAS.
19 Aus die­sen Grün­den emp­fahl Schwart­mann das zen­tra­le Sam­meln
der Prü­fungs­un­ter­la­gen, wel­che dann aus­ge­druckt und außer­halb
von digi­ta­len Medi­en dem Kor­rek­tor über­ge­ben wer­den.
der Hoch­schu­len hal­ten, son­dern auch aus daten­schutz­recht­li­chen
Erwä­gun­gen. Denn trotz der grund­sätz­li­chen
Erlaubtheit von abwei­chen­den For­ma­ten auf­grund
der Lehr- und Wei­sungs­frei­heit tref­fen den Hoch­schul­leh­rer
die Kon­se­quen­zen von Allein­gän­gen, da nun­mehr
der Leh­ren­de selbst daten­schutz­recht­lich allein ver­ant­wort­lich
sei.
Bezüg­lich der Durch­füh­rung von Online-Prü­fun­gen
muss auch im Daten­schutz­recht zwi­schen den ver­schie­de­nen
Prü­fungs­ar­ten unter­schie­den wer­den. Für Haus­ar­bei­ten
ände­re sich dabei nichts, da die­se wei­ter­hin auf­sichts­frei
unter Ver­füg­bar­keit von Hilfs­mit­teln ange­fer­tigt
wer­den.
Online-Klau­su­ren, die mit­hil­fe einer Video­auf­sicht
über­wacht wer­den (Proc­to­ring), sei­en jedoch daten­schutz­recht­lich
nicht zuläs­sig. Denn beim Proc­to­ring
den Prüf­lin­gen die tech­ni­sche und räum­li­che Hoheit
über ihre eige­ne Beauf­sich­ti­gung zu ver­ant­wor­ten und
dies per Video­ka­me­ra zu über­wa­chen, ver­let­ze die Prüf­lin­ge
in Art. 13 Abs. 1 GG, da die Klau­sur i.d.R. in der eige­nen
Woh­nung und damit im pri­va­ten räum­li­chen
Rück­zugs­be­reich ange­fer­tigt wer­de, sowie in deren Recht
auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung aus Art. 2 Abs. 1 i.
V. m. Art. 1 Abs. 1 GG. Die­se Video­auf­sicht sei auch nicht
nach Art. 6 Abs. 1 lit. e) DSGVO zur Auf­ga­ben­wahr­neh­mung
der Hoch­schu­le erfor­der­lich, da ein mil­de­res Mit­tel
die Anfer­ti­gung von Take Home-Arbei­ten dar­stel­le.
Eine Ein­wil­li­gung in die Video­auf­sicht müs­se zudem
frei­wil­lig sein. Hier sei jedoch sehr frag­lich, ob im Ver­hält­nis
zwi­schen Prü­fer und Prüf­ling auf­grund des
Mach­t­un­gleich­ge­wichts nicht ein fak­ti­scher Zwang zum
Ein­ver­ständ­nis vor­lie­ge. Zudem bestün­de kei­ne ech­te
und freie Wahl, wenn der Prüf­ling bei Ver­wei­ge­rung der
Video­auf­sicht auf die Durch­füh­rung sei­ner Prü­fung ver­zich­ten
müss­te. Aber auch ein Wahl­recht zwi­schen der
Online-Klau­sur mit Ein­wil­li­gung in die Video­auf­sicht
und der Able­gung einer Prä­senz­klau­sur kön­ne das Pro­blem
der Frei­wil­lig­keit der Ein­wil­li­gung oft­mals nicht
über­win­den. Denn eine ech­te und freie Wahl zwi­schen
zwei gleich­wer­ti­gen Prü­fungs­al­ter­na­ti­ven lie­ge zumin­dest
für einen Risi­ko­pa­ti­en­ten wäh­rend der Coro­na-
Pan­de­mie nicht vor, wenn die­ser bei Durch­füh­rung einer
Prä­senz­prü­fung eine Infek­ti­on und damit ein erheb­li­ches
Gesund­heits­ri­si­ko befürch­ten muss.17 Eine Auf­zeich­nung
und auto­ma­ti­sche Aus­wer­tung der
Online-Klau­sur zu Auf­sichts­zwe­cken sei daten­schutz­recht­lich
erst recht unzu­läs­sig.
Schwart­mann emp­fahl statt­des­sen die Durch­füh­rung
von Take Home-Arbei­ten. Um Täu­schun­gen zu ver­mei­den,
kön­ne dabei auf Trans­fer­auf­ga­ben gesetzt und die
Bear­bei­tungs­zeit knapp gehal­ten wer­den. Außer­dem
kön­nen von den Prü­fungs­be­hör­den aus­schließ­lich hand­schrift­li­che
Aus­ar­bei­tun­gen akzep­tiert wer­den, wel­che
ein­ge­scannt ein­zu­rei­chen sind, um „Copy-Pas­te-Ant­wor­ten“
zu ver­mei­den. Zur Iden­ti­täts­fest­stel­lung des
Prüf­lings kön­ne gleich­zei­tig noch die ein­ge­scann­te Unter­schrift
ange­for­dert wer­den.
Auch bei der anschlie­ßen­den Kor­rek­tur der schrift­li­chen
Prü­fung müs­se daten­schutz­recht­lich zuläs­sig vor­ge­gan­gen
wer­den. Selbst, wenn sich anhand der Matri­kel­num­mer
nicht direkt eine Per­son zuord­nen lässt,
han­delt es sich um per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten. Eine dezen­tra­le
Abga­be der Aus­ar­bei­tung, bei der die Arbeit direkt
an den Kor­rek­tor per Mail gesen­det wird, offen­bart
neben der Matri­kel­num­mer zusätz­lich noch die Mail-
Adres­se und im Zwei­fels­fall die Per­son des Prüf­lings. Sowohl
aus daten­schutz­recht­li­cher als auch aus prü­fungs­recht­li­cher
Per­spek­ti­ve sol­le daher eine zen­tra­le Aus­ga­be
und Abga­be der Prü­fung erfolgen.18 Eine Spei­che­rung
der digi­ta­len Aus­ar­bei­tung auf dem Com­pu­ter des Kor­rek­tors
berei­te zudem Beden­ken hin­sicht­lich des Zugriffs
Drit­ter auf dem Com­pu­ter. Beim Ver­sen­den der
Prü­fungs­un­ter­la­gen an einen Kor­rek­tor außer­halb der
Uni­ver­si­tät ver­lie­ßen die Unter­la­gen schließ­lich den
Herr­schafts­be­reich der Hoch­schu­len, sodass die­se im
Zwei­fel nicht mehr nach­voll­zie­hen kön­nen, wie dort mit
den Prü­fungs­un­ter­la­gen ver­fah­ren wird. Auch bei der
Kor­rek­tur sei die Hoch­schu­le nach Art. 32 DSGVO dafür
ver­ant­wort­lich, die Sicher­heit der Daten­ver­ar­bei­tung zu
gewähr­leis­ten. Prü­fungs­recht­lich müs­se zudem die
Akten­ein­sicht des Prüf­lings in die Kor­rek­tur wei­ter­hin
mög­lich bleiben.19
Münd­li­che Prü­fun­gen per Video­kon­fe­renz sei­en
man­gels Alter­na­ti­ve zur Auf­ga­ben­wahr­neh­mung durch
die Hoch­schu­le erfor­der­lich und daher daten­schutz­recht­lich
zuläs­sig. Es sei dabei Auf­ga­be der Hoch­schu­le,
für eine sta­bi­le Infra­struk­tur zu sor­gen und das rich­ti­ge
Tool i. S. d. Art. 32 DSGVO aus­zu­wäh­len. Eben­falls wie
bei der Online-Leh­re soll­ten sich die Prü­fer an die Aus­wahl
der Tools hal­ten, um die Ver­ant­wor­tung für daten­schutz­recht­li­che
Allein­gän­ge zu ver­mei­den. Eine Auf­zeich­nung
der Prü­fung unter Ver­wen­dung per­so­nen­be­zo­ge­ner
Daten der Teil­neh­mer etwa als Ersatz für das
schrift­li­che Pro­to­koll sei dabei jedoch nicht zur Aufga6
4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 5 9 — 6 4
20 Z. B. „Prü­fun­gen kön­nen online und in elek­tro­ni­scher Form
abge­nom­men wer­den.“
ben­er­fül­lung nach Art. 6 Abs. 1 lit. e) DSGVO erfor­der­lich
und daher nur mit Ein­wil­li­gung aller Betei­lig­ten
mög­lich. Dies ber­ge auf­grund der Mög­lich­keit des Wider­rufs
der Ein­wil­li­gung wie­der­um Rechts­un­si­cher­heit.
Wenn die Daten­ver­ar­bei­tung durch die gewähl­te Art
der Online-Leh­re oder ‑Prü­fun­gen daten­schutz­recht­lich
grund­sätz­lich zuläs­sig ist, stel­le sich wei­ter­hin die Fra­ge,
ob eine Anpas­sung der Prü­fungs­ord­nung erfor­der­lich
sei. Selbst, wenn eine sol­che prü­fungs­recht­lich nicht not­wen­dig
sei, habe die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner
Daten stets auf einer Rechts­grund­la­ge zu erfol­gen.
Schwart­mann emp­fahl daher, eine ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung
in der Prü­fungs­ord­nung aufzunehmen.20
Ver­stößt die durch­ge­führ­te Online-Prü­fung gegen
Daten­schutz­recht, blei­be frag­lich, ob ein sol­cher Ver­stoß
auch auf das Prü­fungs­recht durch­schla­ge und damit einen
Feh­ler im Prü­fungs­ver­fah­ren bedeu­te. Han­delt es
sich bei der Prü­fung um einen Ver­wal­tungs­akt, sei dies
nach § 46 VwVfG zu bestim­men: Ent­schei­dend sei im
Ein­zel­fall, ob der daten­schutz­recht­li­che Ver­stoß das Ergeb­nis
der Prü­fung beein­flusst hat.
In der anschlie­ßen­den Fra­ge­run­de, mode­riert vom
Kanz­ler der Uni­ver­si­tät Köln Dr. Micha­el Stück­radt und
Prof. Ulri­ke Gut­heil, stell­te Prof. Schwart­mann zunächst
klar, dass es zur Durch­füh­rung einer münd­li­chen Prü­fung
per Video­kon­fe­renz erfor­der­lich sei, für den Prü­fer
sicht­bar teil­zu­neh­men, sodass eine ent­spre­chen­de Pflicht
für den Prüf­ling nach Art. 6 Abs. 1 lit. e) DSGVO recht­mä­ßig
sei. Ansons­ten kön­ne die Iden­ti­täts­fest­stel­lung
des Prüf­lings nicht erfol­gen. Zudem zuläs­sig sei die Vor­ga­be
für den Prüf­ling, vor Durch­füh­rung der münd­li­chen
Online-Prü­fung die Kame­ra durch den Raum zu
schwen­ken, um zu zei­gen, dass sich kei­ne wei­te­re Per­son
im Raum befin­de. Ansons­ten kön­ne die münd­li­che Prü­fung
auf­grund ihrer Täu­schungs­an­fäl­lig­keit nicht mehr
sinn­voll durch­ge­führt wer­den, sodass die­se Über­prü­fung
eben­falls zur Auf­ga­ben­wahr­neh­mung erfor­der­lich
sei.
Der Unter­schied der münd­li­chen Online-Prü­fungmit­tels
Video­kon­fe­renz zur nach Schwart­mann unzu­läs­si­gen
Video­auf­sicht bei Online-Klau­su­ren sei zunächst,
dass das unmit­tel­ba­re Gegen­über­ste­hen von Prü­fer und
Prüf­ling der münd­li­chen Prü­fung – ob online oder in
Prä­senz – grund­sätz­lich imma­nent sei, wäh­rend dies bei
der Prä­senz­klau­sur nicht der Fall sei. Zudem gebe es anstel­le
der Online-Klau­sur mit Proc­to­ring das mil­de­re
Mit­tel der Take Home-Arbeit, sodass kei­ne Erfor­der­lich­keit
für die Video­auf­sicht nach der DSGVO vor­lie­ge.
Die Video­auf­sicht sei auch nicht ver­gleich­bar zu der
Auf­sicht, die bei Prä­senz­klau­su­ren erfol­ge. Ent­schei­den­der
Unter­schied sei, dass die Hoch­schu­len sich mit der
elek­tro­ni­schen Über­wa­chung auf­grund der Daten­ver­ar­bei­tung
dem Regime der DSGVO unter­wer­fen, wel­che
die per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten­ver­ar­bei­tung grund­sätz­lich
ver­bie­tet, wenn nicht ein Erlaub­nis­tat­be­stand des Art. 6
DSGVO vor­liegt. Die Video­über­wa­chung sei daher
eben­so unzu­läs­sig, wenn sie durch zer­ti­fi­zier­te Prü­fungs­zen­tren
oder durch Drit­te, mit der Auf­sicht beauf­trag­te
Unter­neh­men erfol­ge.
III. Resü­mee und Aus­blick
Ob Online-Leh­re und Online-Prü­fun­gen recht­mä­ßig
sind und ob ein recht­li­cher Anpas­sungs­be­darf der Prü­fungs­ord­nun­gen
besteht, ist sowohl prü­fungs­recht­lich
als auch daten­schutz­recht­lich getrennt zu beur­tei­len.
Größ­tes Pro­blem ist dabei, die Prä­senz­klau­sur zu erset­zen,
solan­ge die­se pan­de­mie­be­dingt nicht mög­lich ist.
Wäh­rend aus prü­fungs­recht­li­cher Sicht zur Gewähr­leis­tung
der Chan­cen­gleich­heit aus Art. 3 Abs. 1 GG Online-
Klau­su­ren mit Video­auf­sicht den Take Home-Arbei­ten
vor­zu­zie­hen sind, schei­nen die­se daten­schutz­recht­lich
nur schwer durch­führ­bar zu sein. Eine idea­le Alter­na­ti­ve
besteht daher wohl noch nicht.
Anpas­sun­gen der Prü­fungs­ord­nun­gen müs­sen in
prü­fungs­recht­li­cher Hin­sicht höchs­tens gemacht wer­den,
wenn von der in der Prü­fungs­ord­nung vor­ge­schrie­be­nen
Prü­fungs­art oder den Prü­fungs­mo­da­li­tä­ten abge­wi­chen
wird. Daten­schutz­recht­lich ist es jedoch not­wen­dig,
in der Prü­fungs­ord­nung oder im Hoch­schul­ge­setz
eine Rechts­grund­la­ge für die Daten­ver­ar­bei­tung zu
schaf­fen.
Im Ver­lauf der Fra­ge­run­den wur­de schnell deut­lich,
dass auf­grund der hohen Teil­neh­mer­zahl sowie des äußerst
rele­van­ten The­mas der Tagung sehr Vie­ler, teil­wei­se
spe­zi­el­le Fra­gen auf­ka­men, wel­che im zeit­li­chen Rah­men
der Tagung nicht mehr geklärt wer­den konn­ten.
Die Refe­ren­ten und Ver­an­stal­ter erklär­ten sich daher bereit,
zeit­nah noch eine zwei­te Ver­an­stal­tung
durch­zu­füh­ren.
Karo­li­ne Haa­ke ist als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin
am Insti­tut für Inter­na­tio­na­les Recht, Lehr­stuhl für
Öffent­li­ches Recht, Völ­ker- und Euro­pa­recht an der
Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver tätig.