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I. Ein­lei­tung

Ende 2014 erließ der ver­fas­sungs­än­dern­de Gesetz­ge­ber einen neu­en Art. 91b GG. Die Bestim­mung legi­ti­miert – in Abwei­chung vom grund­sätz­li­chen Tren­nungs­ge­bot des Art. 104a Abs. 1 GG (wonach Bund und Län­der nur jeweils ihre eige­nen Auf­ga­ben finan­zie­ren dür­fen und müs­sen) – gemein­sa­me För­der­ak­ti­vi­tä­ten von Bund und Län­dern im Wis­sen­schafts­be­reich. War dies seit 1969 aus Rück­sicht auf die Zustän­dig­keit der Län­der für die Hoch­schu­len zunächst auf die For­schungs­för­de­rung beschränkt, erfolg­te 2006 eine – aller­dings nur vorha- ben­be­zo­ge­ne – Aus­wei­tung auf die Hoch­schul­leh­re. Erst die jüngs­te Neu­fas­sung des Art. 91b GG schuf die Vor- aus­set­zun­gen für eine zeit­lich und the­ma­tisch unbe- grenz­te Bun­des­för­de­rung nicht nur der Hoch­schul­leh­re, son­dern zugleich der Hoch­schu­len in insti­tu­tio­nel­ler Hinsicht.1 Die ein­zi­ge qua­li­ta­ti­ve Hür­de stellt das Erfor- der­nis einer über­re­gio­na­len Bedeu­tung des För­de­rungs- gegen­stan­des dar. Betrifft eine För­der­maß­nah­me schwer­punkt­mä­ßig den Hoch­schul­be­reich, ist die Zustim­mung aller Län­der erfor­der­lich (Art. 91b Abs. 1 S. 2 GG).

Die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung des Art. 91b GG ist seit 2006 der Gemein­sa­men Wis­sen­schafts­kon­fe­renz über­tra­gen. Dort wir­ken die Wis­sen­schafts- und Finanz­mi­nis­ter von Bund und Län­dern zusam­men, um (vor­be­halt­lich der Bil­li­gung durch die Regie­rungs­chefs und –che­fin­nen) die ein­zel­nen För­der­maß­nah­men und –pro­gram­me zu ent­wi­ckeln sowie deren Finan­zie­rung sicherzustellen.2 Daher ist es nahe­lie­gend, dass die GWK die wei­te­re Aus- wei­tung des Anwen­dungs­be­reichs von Art. 91b GG zum Anlass genom­men hat, die damit ver­bun­de­nen neuen

  1. 1  Aus­führ­li­cher zu die­ser Ent­wick­lung mit kri­ti­schen Anmer­kun­gen Haug, Die Gemein­sa­me Wis­sen­schafts­kon­fe­renz (GWK): Das zen­tra­le Steue­rungs­or­gan der natio­na­len Wis­sen­schafts­för­de­rung, OdW 2016, S. 85 (86 f.).
  2. 2  Zur Orga­ni­sa­ti­on und Arbeits­wei­se der GWK näher Haug (Fn. 1), S. 85 (91–94).
  3. 3  Die Staats­se­kre­tärs­ar­beits­grup­pe ist ist im GWK-Abkom­men nicht vor­ge­se­hen; dort erfolgt die ver­wal­tungs­mä­ßi­ge Unter­stüt­zung der aus Regie­rungs­mit­glie­dern bestehen­den Kon­fe­renz durch den Aus- schuss, der in der Regel auf Abtei­lungs­lei­ter­ebe­ne beschickt wird (vgl. § 6 Abs. 1 GWKA). Gleich­wohl betraut die GWK die­ses infor­mel­le Gre­mi­um immer wie­der mit wich­ti­gen Arbeitsaufträgen.

Spiel­räu­me abzu­ste­cken und mög­li­che neue För­de­run- gen zu iden­ti­fi­zie­ren. Sie hat des­halb die Staats­se­k­re- tärsarbeitsgruppe3 um eine Zusam­men­stel­lung der er- wei­ter­ten Mög­lich­kei­ten gebe­ten. Die­ser Auf­trag wur­de mit der Vor­la­ge des „Berichts zu Mög­lich­kei­ten der An- wen­dung des neu­en Arti­kels 91b im Hoch­schul­be­reich“ vom 7.4.2017 erfüllt. Eine Ver­öf­fent­li­chung die­ses für die Zukunft des deut­schen Wis­sen­schafts- und Hoch­schul- sys­tems grund­le­gen­den Stra­te­gie­pa­piers ist gleich­wohl noch nicht erfolgt. Im Gegen­teil wur­de der Bericht zu- nächst als Geheiman­ge­le­gen­heit behan­delt, wes­halb der Text weder auf infor­mel­lem Weg noch auf förm­li­che Gel­tend­ma­chung der Rech­te aus dem IFG durch die OdW-Schrift­lei­tung zu erhal­ten war: Sowohl die GWK als auch das nord­rhein-west­fä­li­sche Wis­sen­schafts­mi- nis­te­ri­um haben ent­spre­chen­de Anfra­gen abschlä­gig be- schieden.4 Erst das BMBF hat durch die Zur­ver­fü­gung- stel­lung des Berichts die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Trans­pa- renz hergestellt.5

II. Wesent­li­cher Inhalt des „Berichts zu Mög­lich­kei- ten der Anwen­dung des neu­en Arti­kels 91b im Hoch- schul­be­reich“ vom 7.4.2017

1. Struk­tur und Themen

Neben der für poli­ti­sche Arbeits­pa­pie­re übli­chen Beto- nung der Bedeu­tung des Gegen­stan­des der Erör­te­rung (also der Hoch­schu­len und ihrer För­de­rung durch Bund und Län­der, S. 4 f.6) ent­hält der Bericht vor allem eine in fünf (soge­nann­te) „Leis­tungs­di­men­sio­nen“ von Hoch- schu­len ein­ge­teil­te Struk­tur: Leh­re, For­schung, Infra- struk­tur, Trans­fer und Quer­schnitts- bzw. spe­zi­fi­sche The­men. Anhand die­ser fünf Berei­che wer­den Heraus-

4 Schrei­ben der Gene­ral­se­kre­tä­rin der GWK vom 19.5.2017 (weil die GWK kei­ne Bun­des­be­hör­de sei und des­halb nicht unter das IFG fal­le) und des Minis­te­ri­ums für Inno­va­ti­on, Wis­sen­schaft und For­schung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len vom 28.6.2017, Az. 411 (wegen angeb­lich feh­len­der Dis­po­si­tons­be­fug­nis ange­sichts der Mit­wir­kung vie­ler ande­rer Ministerien).

5 Schrei­ben des BMBF v. 4.7.2017, GZ 123–18501/25(2017).
6 Alle Sei­ten­an­ga­ben im Text bezie­hen sich auf den der OdW vom

BMBF über­sand­ten Umdruck des „Berichts zu Mög­lich­kei­ten der Anwen­dung des neu­en Arti­kels 91b GG im Hoch­schul­be­reich“ vom 7.4.2017.

Vol­ker M. Haug

Per­spek­ti­ven der gemein­sa­men Bund-Län­der- För­de­rung unter dem neu­en Art. 91b GG: Chan­cen und Streitpunkte

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2017, ISSN 2197–9197

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for­de­run­gen beschrie­ben, bis­her Geleis­te­tes refe­riert und Per­spek­ti­ven ent­wi­ckelt, wobei letz­te­re aus­drück- lich nicht abschlie­ßend zu ver­ste­hen sind. Hier­bei wer- den in sechs – teil­wei­se sehr(finanz-)gewichtigen – Fra- gen kla­re Mei­nungs­un­ter­schie­de zwi­schen dem Bund einer­seits und den Län­dern ande­rer­seits durch ent­sp­re- chen­de Posi­ti­ons­be­schrei­bun­gen doku­men­tiert (was viel­leicht ein Grund für die Zurück­hal­tung der Wei­ter- gabe des Berichts gewe­sen sein mag). Wäh­rend drei die- ser Kon­flikt­fel­der zur Leis­tungs­di­men­si­on „For­schung“ zäh­len, betref­fen zwei ganz beson­ders kapi­tal­in­ten­si­ve Streit­fra­gen die Leis­tungs­di­men­si­on „Infra­struk­tur“ (näher dazu unten, Ziff. 3).

Außer­dem ord­net das Papier den neu­en Art. 91b GG in das grund­ge­setz­li­che Kom­pe­tenz- und Finanz­ver­fas- sungsgefügeein.Allemvoranwirdder(durchdieseNorm frei­lich stark auf­ge­weich­te) Grund­satz der Län­der­zu­stän- dig­keit für die Hoch­schu­len als „nicht berührt“ betont. Eben­so ent­schie­den wird die Gemein­schafts­auf­ga­be des Art.91bGGgegenübernichtzweckgebundenenGeldtrans- fers einer­seits und Rege­lun­gen des Bund-Län­der- Finanz- aus­gleichs ande­rer­seits abge­grenzt (S. 13 f.). Schließ­lich er- folgt eine Her­vor­he­bung des fakul­ta­ti­ven Cha­rak­ters die­ser Gemein­schafts­auf­ga­be, die ein Zusam­men­wir­ken von Bund und Län­dern ermög­licht, ohne aber dazu zu ver- pflich­ten (S. 14), bevor die ein­zel­nen Anwen­dungs­vor­aus- set­zun­gen des Art. 91b GG kurz erör­tert wer­den (S. 15 f.).7

2. Her­aus­for­de­run­gen und unstrit­ti­ge Perspektiven

a) Leh­re

Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung im Bereich der Leh­re war und ist der star­ke Anstieg der Stu­di­en­an­fän­ger, deren Zahl sich laut Bericht von 2005 bis 2015 um 40 % erhöht hat (S. 6). Dem hat die GWK – frei­lich schon unter der alten Fas­sung des Art. 91b GG (näm­lich als zeit­lich limi- tier­tes „Vor­ha­ben“) – durch den Hoch­schul­pakt 2020 Rech­nung getra­gen, der im Jahr 2014 mit 3,36 Mrd. € ein star­kes Vier­tel aller Art. 91b-För­de­run­gen (13,05 Mrd. €) aus­ge­macht hat (S. 11). Wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen sieht die GWK in der zuneh­men­den Hete­ro­ge­ni­tät der Stu­die- ren­den, der stei­gen­den Zahl inter­na­tio­na­ler Stu­die­ren- der, der „Dyna­mik, die das The­ma Inklu­si­on aus­ge­löst hat“ und der Erschlie­ßung „nichttraditionelle[r] Studierende[r] als Ziel­grup­pe hoch­schu­li­scher Bil­dungs- ange­bo­te“, nament­lich durch eine „Aka­de­mi­sie­rung bis- her nicht aka­de­mi­scher Beru­fe“ (S. 6). Per­spek­ti­visch sieht die GWK hier­zu die Mög­lich­keit, die im Hoch- schul­pakt und im Qua­li­täts­pakt Leh­re zur Verfügung

7 Näher zu den ein­zel­nen Anwen­dungs­vor­aus­set­zun­gen von Art. 91b GG n.F. und ihre Aus­le­gungs­pro­ble­me vgl. Haug (Fn. 1), S. 85 (87–89).

gestell­ten Mit­tel – was wegen des bestimm­ten Arti­kels „die“ deren beträcht­li­che Höhe (von z.B. rund 3,5 Mrd. € in 2014) ein­schließt – über das Aus­lau­fen der bei­den För­der­pro­gram­me im Jahr 2020 hin­aus „in die­sem Sin­ne für die Hoch­schu­len ein­zu­set­zen“ (S. 17). Außer­dem könn­ten För­der­maß­nah­men die „Ent­wick­lung inno­va­ti­ver Lehr-undStudienformate“wieE-LearningoderBlended Lear­ning-Ange­bo­te unter­stüt­zen und damit beruf­lich oder fami­li­är gebun­de­nen Men­schen ein Stu­di­um ermög­li­chen; eben­so ist ange­sichts der zuneh­men­den Bedeu­tung der Digi­ta­li­sie­rung auch eine Unter­stüt­zung der Hoch­schu­len „in den Fel­dern Daten­ma­nage­ment, Daten­ana­ly­se und Daten­ku­ra­tie­rung“ ein denk­ba­res För­der­the­ma (S. 18).

b) For­schung

Im For­schungs­be­reich wird ange­sichts zuneh­men­der Kom­ple­xi­tät und oft auch Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät von Fra­ge- stel­lun­gen der Ver­bund­for­schung eine erheb­li­che Bedeu- tung zuge­mes­sen, sowohl hoch­schul­in­tern als auch insti- tutio­nen­über­grei­fend. Dies kön­nen die Hoch­schu­len jeden­falls dann nicht mehr aus ihrem Bestand leis­ten, wenn eine inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit erreicht wer­den soll. Hin­zu kom­men die Belas­tun­gen der Hoch- schu­len mit indi­rek­ten Kos­ten bei erfolg­rei­chen Dritt- mit­tel­ein­wer­bun­gen. Hier sieht die GWK dank des neu- en Art. 91b GG wei­ter­ge­hen­de Mög­lich­kei­ten, weil nun auch eine dau­er­haf­te För­de­rung von Ver­bün­den zuläs­sig wäre (S. 7). Die­sel­be Absi­che­rung ist auch für beson­ders risi­ko­be­haf­te­te For­schung (z.B. Emer­ging fiel­ds) von erheb­li­cher Bedeu­tung (S. 19). Des­halb kann sich die GWK eine insti­tu­tio­nel­le För­de­rung von stand­ort- (gar län­der-) und the­men­über­grei­fen­den Koope­ra­tio­nen zwi­schen ein­zel­nen oder meh­re­ren Hoch­schu­len einer- seits und außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tun­gen ande­rer­seits vor­stel­len (S. 20).

c) Infra­struk­tur

Neben strit­ti­gen Punk­ten – dazu unten – benennt die GWK den Aus­bau der digi­ta­len Infra­struk­tur als wesent- liche Vor­aus­set­zung für die Zukunfts­fä­hig­keit der Hoch- schu­len und Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka. Denn der digi­ta­le Wan- del wird sowohl die Aus­ge­stal­tung der Leh­re als auch die Durch­füh­rung von For­schung, die Ver­füg­bar­ma­chung von For­schungs­er­geb­nis­sen und die Anfor­de­run­gen an Biblio­the­ken ver­än­dern. Der Zugang zu den expo­nen­ti- ell stei­gen­den digi­ta­len Wis­sens­res­sour­cen ist für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der deut­schen Hoch­schu­len essen­ti­ell (S. 7 f.). Auch der wei­te­re Aus­bau von Open Access und natio­na­len Lizen­zen sowie die Stär­kung der

Haug · Gemein­sa­me Bund-Län­der-För­de­rung unter dem neu­en Art. 91b GG 2 6 9

Daten- und Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit sind von erheb­li­cher Bedeu­tung (S. 22). Hier­für ist schon eini­ges unter­nom- men wor­den (Bil­dungs­of­fen­si­ve für die digi­ta­le Wis­sen- schafts­ge­sell­schaft des BMBF, Stra­te­gie „Bil­dung in der digi­ta­len Welt“ der KMK, Ein­set­zung des Rates für Infor­ma­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren der GWK), wobei der ange­dach­ten Ein­füh­rung einer „Natio­na­len For­schungs- daten­in­fra­struk­tur (NFDI)“ beson­de­re Bedeu­tung zuge- mes­sen wird (S. 8). Beson­de­re wei­te­re För­der­po­ten­tia­le erkennt der GWK­Be­richt in der Nach­hal­tig­stel­lung erfolg­rei­cher Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te über­re­gio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Art sowie in der För­de­rung tech­ni­scher Infra­struk­tu­ren von über­re­gio­na­ler Bedeu­tung, z.B. in Form über­re­gio­na­ler Kom­pe­tenz­zen­tren und –net­ze (S. 22 f.). Aber auch eine Wei­ter­ent­wick­lung der För­de- rung von For­schungs­bau­ten und Groß­ge­rä­ten soll in Betracht kom­men. Dabei geht es nicht nur um eine mög- liche Erhö­hung der zur Ver­fü­gung gestell­ten Mit­tel, son- dern auch um die Ertüch­ti­gung bestehen­der For­schungs- bau­ten und die För­de­rung von Bau­ten für ange­wand­te For­schung an Fach­hoch­schu­len (S. 21 f.).

d) Trans­fer

Unter Bezug­nah­me auf ein Posi­ti­ons­pa­pier des Wis­sen- schafts­ra­tes, wonach die mög­li­chen Poten­zia­le an „Ide- en‑, Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer“ aus den Hoch- schu­len in die Gesell­schaft noch nicht aus­ge­schöpft sind (S. 9),8 sieht die GWK über die bereits bestehen­de För- der­initia­ti­ve „Inno­va­ti­ve Hoch­schu­le“ hin­aus Anlass, die­sen Bereich – auch bezüg­lich nicht­tech­no­lo­gi­scher Wis­sen­schafts­dis­zi­pli­nen – stär­ker zu för­dern (S. 23). Dies gilt etwa für von Hoch­schu­len bereits gegrün­de­te regio­na­le Netz­wer­ke und Zen­tren von natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Bedeu­tung, die bis­lang aber nur befris­tet ein­ge­rich­tet sind. Hier könn­te eine nach­hal­ti­ge För­de- rung von Bund und Län­dern zur Stär­kung von Inno­va­ti- onen und der Ver­wer­tung von For­schungs­er­geb­nis­sen „durch Vali­die­rung und die geziel­te Wei­ter­ent­wick­lung bis zu deren Anwend­bar­keit“ bei­tra­gen (S. 24).

e) Quer­schnitts- und spe­zi­fi­sche Themen

Beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen im Quer­schnitts­be­reich sieht der Bericht in der Wei­ter­ent­wick­lung der Inter­na­ti- ona­li­sie­rung der Hoch­schu­len, in der Gestal­tung attrak- tiver Kar­rie­re­we­ge und Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se (die den Betrof­fe­nen Pla­nungs­si­cher­heit ermög­li­chen) sowie in der Errei­chung eines aus­ge­gli­che­ne­ren Geschlech­ter- ver­hält­nis­ses ins­be­son­de­re in wis­sen­schaft­li­chen Füh-

8 Posi­ti­ons­pa­pier des WR „Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­trans­fer als Gegen­stand insti­tu­tio­nel­ler Stra­te­gien“ (Drs. 5665–16) vom Okto- ber 2016, S. 7 f.

rungs­po­si­tio­nen. Hin­zu benennt der Bericht als spe­zi­fi- sche The­men die Rekru­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der Fach­hoch­schu­len für ihren Pro­fes­su­ren­nach­wuchs, den Erhalt der Klei­nen Fächer und die Siche­rung der Wett- bewerbs­fä­hig­keit der Uni­ver­si­täts­me­di­zin (S. 9 f.). Um hier zu Ver­bes­se­run­gen zu gelan­gen, erwägt das Papier eine insti­tu­tio­nel­le För­de­rung von Hoch­schu­len hin- sicht­lich ihrer Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­stra­te­gie (S. 24) und eine För­de­rung der Fach­hoch­schu­len zur Stär­kung deren Rol­le „im (regio­na­len) Inno­va­ti­ons­sys­tem“, indem die­sen eine „lang­fris­ti­ge stra­te­gi­sche und fach­li­che Pro- filie­rung in Leh­re, Trans­fer und ange­wand­te For­schung und Ent­wick­lung“ ermög­licht wird (S. 25). Bezüg­lich der Kar­rie­re­we­ge und der Chan­cen­ge­rech­tig­keit beschränkt sich der kon­sen­sua­le Teil des Berichts auf die bereits ein- gelei­te­ten Maß­nah­men (Bund-Län­der-Pro­gramm zur För­de­rung des Wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses – Tenu- re-Track-Pro­gramm; Pro­fes­so­rin­nen­pro­gramm), wäh- rend zuguns­ten des Erhalts der Klei­nen Fächer lang­fris- tig finan­zier­te Siche­rungs­maß­nah­men (durch „Erpro- bung von exem­pla­ri­schen Instru­men­ten, Maß­nah­men und Struk­tur­mo­del­len“) für denk­bar gehal­ten wer­den (S. 25 f.). Zur Stär­kung der Uni­ver­si­täts­me­di­zin erwägt das Papier „wir­kungs­vol­le Maß­nah­men zur struk­tu­rel­len Ver­bes­se­rung“ und „eine Wei­ter­ent­wick­lung der For- schungs­för­de­rung in die­sem Bereich“ (S. 26 f.).

3. Kon­flik­te zwi­schen Bund und Ländern

a) in der Leis­tungs­di­men­si­on „For­schung“

Der ers­te Kon­flikt­punkt im For­schungs­be­reich betrifft die För­de­rung the­ma­ti­scher Zen­tren an ein­zel­nen Hoch- schu­len. Aus Sicht der Län­der benö­ti­gen sol­che inter­dis- zipli­nä­ren Leis­tungs­be­rei­che quer zu den Fakul­täts-/ Fach­be­reichs­struk­tu­ren zur Erlan­gung einer inter­na­tio- nalen Wett­be­werbs­fä­hig­keit eine dau­er­haf­te För­de­rung nach Art. 91b GG (S. 18 f.). Der Bund hin­ge­gen möch­te sich an Finan­zie­run­gen inner­halb ein­zel­ner Hoch­schu- len nicht betei­li­gen und ver­or­tet dies im pri­mä­ren Inter- esse des jewei­li­gen Sitz­lan­des. Er ver­weist zudem dar­auf, dass dies bereits im Zusam­men­hang mit der Exzel­lenz- stra­te­gie dis­ku­tiert und zuguns­ten ande­rer För­der­for­ma- te ver­wor­fen wor­den sei (S. 19).9 Für den Bund ist daher – s.o., For­schung – der stand­ort- oder (noch bes­ser) län- der­über­grei­fen­de Cha­rak­ter sol­cher Zen­tren eine maß- gebli­che Vor­aus­set­zung für die För­de­rung nach Art. 91b GG.

9 Zur Exzel­lenz­stra­te­gie vgl. den Bericht von Haug, Exzel­lenz­in­itia- tive zum Drit­ten!, OdW 2016, 187 ff.

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Einen wei­te­ren for­schungs­be­zo­ge­nen Kon­flikt­punkt stellt die For­de­rung der Län­der nach einer Ver­ste­ti­gung und Aus­wei­tung der der­zeit bis 2020 befris­te­ten DFG- Pro­gramm­pau­scha­len dar. Zur Begrün­dung ver­wei­sen die Län­der auf die segens­rei­chen Aus­wir­kun­gen der Pro- gramm­pau­scha­len zur Abde­ckung der indi­rek­ten Kos- ten (S. 20 f.). Aus Sicht des Bun­des sind die­se Fra­gen der schon nach dem alten Art. 91b GG mög­li­chen Pro­jekt- för­de­rung zuzu­ord­nen. Bezüg­lich der DFG sei die Ver- ste­ti­gung dar­an geschei­tert, dass die Pro­gramm­pau­scha- len allein vom Bund bezahlt wer­den und die Län­der nach 2020 nicht zur DFG-übli­chen Kos­ten­tei­lung von Bund und Län­dern (58:42) bereit waren (S. 21).

Schließ­lich wün­schen sich die Län­der eine Ver­län­ge- rung des „sehr erfolg­rei­chen“ Pakts für For­schung und Inno­va­ti­on (PFI), durch den die insti­tu­tio­nel­le För­de- rung der gemein­sam finan­zier­ten außer­uni­ver­si­tä­ren Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen ver­läss­lich gestei­gert wur­de (2006–2010 um 3 %, 2011–2015 um 5 % und 2016–2020 wie­der um 3 %). Wäh­rend aber die Kos­ten­stei­ge­run­gen von 2006–2015 von Bund und Län­dern gemein­sam (ent- spre­chend ihres gene­rel­len Verteilungsschlüssels)10 ge- tra­gen wur­den, trägt der Bund die 3 %-Stei­ge­run­gen seit 2016 allein. Eine denk­ba­re Fort­set­zung des PFI ist für den Bund nur dann mög­lich, wenn die Län­der die Stei- gerun­gen wie­der schlüs­sel­an­tei­lig mit­fi­nan­zie­ren (S. 21).

b) in der Leis­tungs­di­men­si­on „Infra­struk­tur“

Ange­sichts des erheb­li­chen Sanie­rungs­staus im all­ge- mei­nen Hoch­schul­bau (den die KMK auf rd. 29 Mrd. € für die Hoch­schu­len und 12 Mrd. € für die Uni­ver­si­täts- kli­ni­ka im Zeit­raum 2017–2025 beziffert)11 plä­die­ren die Län­der im GWK-Papier für die Auf­le­gung von über­grei- fen­den „Pro­gram­men zur Ertüch­ti­gung von Hoch­schul- bau­ten zum Errei­chen erfor­der­li­cher bau­li­cher Stan- dards“ im Rah­men der gemein­sa­men För­de­rung nach Art. 91b GG (S. 7, 22). Zur Begrün­dung ver­wei­sen sie auf die gestie­ge­nen Stu­die­ren­den­zah­len und die Umstel­lung auf Bachelor/Master (S. 22). Der Bund lehnt dies kate­go- risch ab und macht dafür vor allem ver­fas­sungs­recht­li- che Grün­de gel­tend. Mit der im Rah­men der Föde­ra­lis- mus­re­form II im Jahr 2006 erfolg­ten Ein­stel­lung der obli­ga­to­ri­schen Gemein­schafts­auf­ga­be des all­ge­mei­nen Hoch­schul­baus sei die­se Auf­ga­be in die allei­ni­ge Län­der- zustän­dig­keit über­ge­gan­gen, wofür die Län­der vom

  1. 10  Bun­d/­Län­der-Schlüs­sel: DFG (58/42), MPG (50/50), WGL (50/50), FhG (90/10), HGF (90/10) – vgl. näher Haug (Fn. 1), S. 85 (90) mit Nachweisen.
  2. 11  Die Län­der neh­men inso­weit Bezug auf den KMK-Beschluss „So- lide Bau­ten für leis­tungs­fä­hi­ge Hoch­schu­len – Wege zum Abbau des Sanie­rungs- und Moder­ni­sie­rungs­staus im Hoch­schul­be­reich“ v. 11.2.2016, S. 3 f.

Bund bis 2019 die Ent­flech­tungs­mit­tel in Höhe von 695 Mio. € p.a. nach Art. 143c GG erhal­ten und ab 2020 zusätz­li­che Umsatz­steu­er­an­tei­le bekom­men sol­len (S. 12 f.). Wür­de man nun im Rah­men des neu­en Art. 91b GG wie­der den all­ge­mei­nen Hoch­schul­bau (teil-)finanzieren, stel­le dies eine Umge­hung der Auf­he- bung von Art. 91a GG a.F. im Jahr 2006 dar. Die Län­der negie­ren dage­gen eine sol­che Sperr­wir­kung von Art. 143c GG zu Art. 91b GG. Viel­mehr han­de­le es sich beim Hoch­schul­bau eben­so um eine in die Län­der­zu- stän­dig­keit fal­len­de Hoch­schul­an­ge­le­gen­heit wie alle ande­ren von Art. 91b GG geför­der­ten Berei­che. Die Abschaf­fung von Art. 91a GG a.F. betref­fe zudem die dama­li­ge obli­ga­to­ri­sche Gemein­schafts­auf­ga­be, wäh- rend eine För­de­rung des Hoch­schul­baus nach Art. 91b GG fakul­ta­tiv sei. Es bedür­fe nur eines ent­sp­re- chen­den poli­ti­schen Wil­lens (S. 13), der frei­lich auf Bun- des­sei­te erkenn­bar fehlt.

Eben­so umstrit­ten ist die För­der­fä­hig­keit der „sozia- len Infra­struk­tur“ nach Art. 91b GG n.F. Aus Sicht der Län­der zäh­len zwar nicht „Bau­ten der stu­den­ti­schen Für­sor­ge wie Wohn­hei­me und Mensen“ – was auch die Ent­wurfs­be­grün­dung zur Ände­rung von Art. 91b GG zum Aus­druck bringt12 – zum För­der­ge­biet die­ser Ge- mein­schafts­auf­ga­be, aller­dings sehr wohl „inklu­die­ren- de Maß­nah­men für Stu­die­ren­de mit Behin­de­rung oder chro­ni­scher Erkran­kung“, „unter­stüt­zen­de Maß­nah­men für Stu­die­ren­de mit Kin­dern, Ein­rich­tun­gen bera­tend- för­dern­den Cha­rak­ters oder eine För­de­rung all­ge­mein der geis­ti­gen, gesund­heit­li­chen, musi­schen, kul­tu­rel­len und sport­li­chen Inter­es­sen der Stu­die­ren­den“, da dies al- les einen „deut­li­chen Lehr- und Lern­be­zug“ habe. Zu- dem sei auch der Bund durch die UN-Behin­der­ten­kon- ven­ti­on gebun­den, die die „För­de­rung von Teil­ha­be- chan­cen­von­Men­schen­mit­Be­hin­de­r­un­genanaka­de­mi- scher Bil­dung“ anspre­che. Der Bund lehnt dies mit dem nicht näher begrün­de­ten Hin­weis ab, dass der „Aus­bau der sozia­len Infra­struk­tur“ nicht unter Art. 91b GG fal­le (S. 23).

c) in der Leis­tungs­di­men­si­on „Quer­schnitts­the­men“

Schließ­lich set­zen sich die Län­der dafür ein, dass im Rah­men von Art. 91b GG auch „struk­tur­bil­den­de Akzen- te“ für einen als not­wen­dig ange­se­he­nen Aus­bau von gesell­schaft­lich aner­kann­ten Dau­er­stel­len in Forschung

12 BT-Drs. 18/2710, S. 7 (zumin­dest „grund­sätz­lich“).

Haug · Gemein­sa­me Bund-Län­der-För­de­rung unter dem neu­en Art. 91b GG 2 7 1

und Leh­re gesetzt wer­den (S. 25). Aus Sicht des Bun­des kön­nen Dau­er­stel­len­kon­zep­te dage­gen „nur ein­rich- tungs­spe­zi­fisch ermit­telt und ent­wi­ckelt“ wer­den, wes- halb die­se Auf­ga­be „Sache jeder ein­zel­nen Hoch­schu­le“ (S. 26) und damit nicht der Bund-Län­der-För­de­rung nach Art. 91b GG sei.

III. Fazit

Das Papier hält einen Mit­tel­kurs zwi­schen einem soli­den „Wei­ter so“ bezüg­lich bewähr­ter För­de­run­gen (ein- schließ­lich klei­ne­rer Wei­ter­ent­wick­lun­gen) einer­seits und inno­va­ti­ven Ideen und Ansät­zen für neue För­der- mög­lich­kei­ten ande­rer­seits. Damit ist es (wegen sei­ner admi­nis­tra­tiv gepräg­ten Pro­ve­ni­enz wenig über­ra- schend) deut­lich eher als evo­lu­tio­när als revo­lu­tio­när ein­zu­stu­fen. Bemer­kens­wer­ter als die kon­sen­su­al iden­ti- fizier­ten För­der­po­ten­zia­le sind des­halb die in Umfang und Reich­wei­te durch­aus erheb­li­chen und grund­sätz­li- chen Mei­nungs­un­ter­schie­de zwi­schen Bund und Län- dern bezüg­lich der Mög­lich­kei­ten des neu­en Art. 91b GG. Dabei fällt in der Ten­denz auf, dass es die Län­der sind,

die auf ein eher exten­si­ves Ver­ständ­nis des Anwen- dungs­be­reichs von Art. 91b GG drin­gen, wäh­rend der Bund in den strit­ti­gen Fel­dern ent­we­der recht­lich oder poli­tisch kei­ne För­de­rungs­per­spek­ti­ve sehen will. Es ist nicht zu ver­ken­nen, dass die mit der Erwei­te­rung des Anwen­dungs­be­reichs die­ser Norm ver­bun­de­nen Hoff- nun­gen und Erwar­tun­gen auf Län­der­sei­te zumin­dest in Tei­len ent­täuscht wer­den. Denn der Bund möch­te offen- sicht­lich ver­mei­den, in das graue All­tags­ge­schäft der all- gemei­nen und mit­un­ter klein­tei­li­gen Hoch­schul­fi­n­an- zie­rung der Län­der hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den, weil er dort wohl wenig poli­ti­schen Gestal­tungs- und Pro­fi­lie- rungs­spiel­raum sieht. Des­halb spricht viel dafür, dass er sei­ne Res­sour­cen auf die über­re­gio­nal wie wis­sen­schafts- poli­tisch beson­ders wahr­nehm­ba­ren „Leucht­turm“- För­de­run­gen kon­zen­trie­ren will.

Minis­te­ri­al­rat Dr. Vol­ker M. Haug ist Hono­rar­pro­fes­sor im Insti­tut für Volks­wirt­schafts­leh­re und Recht der Uni- ver­si­tät Stutt­gart. Sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Arbeits- schwer­punk­te lie­gen im Partizipations‑, Hochschul‑, Medi­en- und Verfassungsrecht.

272 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2017), 267–272