Menü Schließen
Klicke hier zur PDF-Version des Beitrags!

Über­sicht

I. Befug­nis zur Abga­be von Son­der­vo­ten 1. Rechts­quel­len
a) Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze
b) Grund­ord­nun­gen

c) Rah­men­be­stim­mun­gen für die Bun­des­wehr­uni­ver­si­tä­ten 2. Gegenstand

II. Berück­sich­ti­gung abge­ge­be­ner Son­der­vo­ten 1. Ver­fah­ren
a) Mit­tei­lung und Wei­ter­ga­be
b) Recht zur Stellungnahme

2. Ent­schei­dung
3. Mate­ri­el­le Bedeu­tung von Son­der­vo­ten
a) Fach­li­che Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung b) Erfül­lung des Anfor­de­rungs­pro­fils
c) Erhö­hung des Frau­en­an­teils in der Wis­sen­schaft d)Einschränkung von Hausberufungen

III. „Inof­fi­zi­el­le“ Son­der­vo­ten IV. Zusammenfassung

Son­der­vo­ten in Beru­fungs­ver­fah­ren sind Audruck abwei­chen­der Ein­schät­zun­gen der Eig­nung der Bewer- ber für eine Pro­fes­so­ren­stel­le. Inwie­weit sie zu berück- sich­ti­gen sind, ist bis­lang kaum ein­ge­hend erör­tert. Der nach­fol­gen­de Bei­trag stellt die gel­ten­den unter­schied­li- chen Rege­lun­gen über die Abga­be von Son­der­vo­ten dar (I.) und unter­sucht deren Berück­sich­ti­gung in ver­fah- rens­recht­li­cher und mate­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht (II.). Stel­lung genom­men wird auch zu weder in den Lan- des­hoch­schul­ge­set­zen noch in Sat­zun­gen der in Hoch- schu­len vor­ge­se­he­nen „inof­fi­zi­el­len“ Son­der­vo­ten (III.).

I. Befug­nis zur Abga­be von Sondervoten

1. Rechts­quel­len

a) Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze

Fünf Bun­des­län­der, näm­lich Baden-Würt­tem­berg, Bay- ern, Ber­lin, Sach­sen-Anhalt und Schles­wig-Hol­stein, sehen in ihren Hoch­schul­ge­set­zen die Abga­be von Son- der­vo­ten in Beru­fungs­ver­fah­ren vor:

In Baden-Würt­tem­berg kön­nen die ein­zel­nen Mit- glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on ein Son­der­vo­tum ab-

geben (§ 48 Abs. 4 S. 6 LHG). Mit­glie­der der Beru­fungs- kom­mis­si­on sind Pro­fes­so­ren (wel­che über die Mehr­heit der Stim­men ver­fü­gen), min­des­tens eine hoch­schulex- ter­ne, sach­ver­stän­di­ge Per­son, zwei fach­kun­di­ge Frau­en sowie ein Stu­die­ren­der (§ 48 Abs. 4 S. 2 LHG).

Auch in Bay­ern kön­nen die ein­zel­nen stimm­be­rech- tig­ten Mit­glie­der des Beru­fungs­aus­schus­ses ein Son­der- votum abge­ben, das dem Beru­fungs­vor­schlag bei­zu­fü- gen ist (Art. 18 Abs. 4 S. 12 BayHSchPG). Stimm­be­rech- tig­te Mit­glie­der sind neben den Pro­fes­so­ren die jewei­li­ge Frau­en­be­auf­trag­te und je ein wis­sen­schaft­li­cher oder künst­le­ri­scher Mit­ar­bei­ter und ein Stu­die­ren­der (Art. 18 Abs. 4 S. 2 BayHSchPG). Die Pro­fes­so­ren der jeweils be- trof­fe­nen Fakul­tät sind eben­falls zu einem Son­der­vo­tum befugt (Art. 18 Abs. 4 S. 12 BayHSchPG). Zusätz­lich kann der Prä­si­dent der Hoch­schu­le zu dem von der Hoch- schul­lei­tung beschlos­se­nen Beru­fungs­vor­schlag ein Son- der­vo­tum abge­ben (Art. 18 Abs. 5 S. 4 BayHSchPG).

In Ber­lin kann jedes Mit­glied des für den Beru­fungs- vor­schlag zustän­di­gen Gre­mi­ums ver­lan­gen, dass ein von der Mehr­heit abwei­chen­des Votum dem Beru­fungs- vor­schlag bei­gelegt wird (§ 101 Abs. 3 S. 3 BerlHG). Gre- mien sind die Beru­fungs­kom­mis­sio­nen (§ 73 Abs. 3 BerHG), der Fach­be­reichs­rat (§ 71 Abs. 1 Nr. 3 BerlHG) sowie der Aka­de­mi­sche Senat (§ 61 Abs. 1 Nr. 8 BerlHG).

In Sach­sen-Anhalt kön­nen die Mit­glie­der der Beru- fungs­kom­mis­si­on dem Beru­fungs­vor­schlag ein Son­der- votum anfü­gen (§ 36 Abs. 5 S. 7 HSG). Mit­glie­der der Be- rufungs­kom­mis­si­on sind neben Pro­fes­so­ren der Hoch- schu­le min­des­tens ein Pro­fes­sor aus einer wei­te­ren Hoch­schu­le, zwei wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter, zwei Stu­die­ren­de und die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te (§ 36 Abs. 4 S. 2 HSG). Das Votum der Gleich­stel­lungs­be­auf- trag­ten ist dem Beru­fungs­vor­schlag auf jeden Fall bei­zu- fügen (§ 36 Abs. 5 S. 8 HSG).

In Schles­wig-Hol­stein kön­nen die stimm­be­rech­tig­ten Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on ein Son­der­vo­tum abge­ben (§ 62 Abs. 5 S. 4 HSG). Dem Beru­fungs­aus- schuss gehö­ren min­des­tens drei Hoch­schul­leh­rer, ein Ange­hö­ri­ger des wis­sen­schaft­li­chen Diens­tes und ein Stu­die­ren­der an (§ 62 Abs. 3 S.2 HSG). Die Gleichs­tel- lungs­be­auf­trag­te ist in die Bera­tun­gen ein­zu­be­zie­hen; ihre Äuße­rung ist der Vor­schlags­lis­te bei­zu­fü­gen (§ 62 Abs. 5 S. 1 HSG). Zur päd­ago­gi­schen Eig­nung der Vor­zu- schla­gen­den sind die Stu­die­ren­den im Fachbereichskon-

Man­fred Löwisch und Sarah Tarantino

Son­der­vo­ten in Berufungsverfahren

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2014, ISSN 2197–9197

12 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2014), 11–18

vent zu hören; ihre Äuße­rung ist der Vor­schlags­lis­te eben­falls bei­zu­fü­gen (§ 62 Abs. 5 S. 3 HSG). Auch in Schles­wig-Hol­stein kön­nen die Pro­fes­so­ren des jeweils betrof­fe­nen Fach­be­reichs unab­hän­gig von ihrer Zuge­hö- rig­keit zum Beru­fungs­aus­schuss ein Son­der­vo­tum abge- ben (§ 62 Abs. 5 S. 4 HSG).

b) Grund­ord­nun­gen

des Fach­be­reichs, dem die zu beset­zen­de Stel­le zuge­wie- sen ist, dem Beru­fungs­aus­schuss ange­hö­ren­de Pro­fes­so- ren sowie dem aka­de­mi­schen Senat ange­hö­ren­de Pro­fes- soren und der Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät dem Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung über die zustän­di­gen Uni­ver­si­täts­or­ga­ne ein Son­der­vo­tum vor­le­gen, das die Vor­schlä­ge des Beru­fungs- aus­schus­ses ergänzt.

2. Gegen­stand

Die genann­ten Rege­lun­gen äußern sich nicht über den mög­li­chen Gegen­stand von Son­der­vo­ten. Die­ser ergibt sich aber aus dem Zusam­men­hang mit dem Beru­fungs- verfahren:

Son­der­vo­ten zie­len auf Abwei­chun­gen von Beru­fungs- vor­schlä­gen. Sol­che Abwei­chun­gen kom­men in zwei Rich­tun­gen in Betracht: Sie kön­nen sich dar­auf be- schrän­ken, eine ande­re Rei­hen­fol­ge der in einem Beru- fungs­vor­schlag genann­ten Kan­di­da­ten vor­zu­schla­gen. Sie kön­nen aber auch für die Auf­nah­me im Beru­fungs- vor­schlag nicht genann­ter Per­sön­lich­kei­ten oder für die Her­aus­nah­me einer genann­ten Per­sön­lich­keit eintreten.

Begrün­det wer­den Son­der­vo­ten häu­fig mit einer vom Beru­fungs­vor­schlag abwei­chen­den fach­li­chen Bewer- tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung der Bewer- ber. In Betracht kommt wei­ter eine ande­re Beur­tei­lung der Eig­nung der Bewer­ber für die Funk­ti­on der zu beset- zen­den Pro­fes­so­ren­stel­le. Aber auch die För­de­rung von Frau­en in der Wis­sen­schaft oder die Pro­ble­ma­tik von Haus­be­ru­fun­gen kön­nen Gegen­stand von Son­der­vo­ten sein.

II. Berück­sich­ti­gung abge­ge­be­ner Sondervoten

1. Ver­fah­ren

a) Mit­tei­lung und Weitergabe

Son­der­vo­ten kön­nen in ver­schie­de­nen Sta­di­en des Beru- fungs­ver­fah­rens anset­zen. Regel­mä­ßig erfol­gen sie nach Beschluss des Beru­fungs­vor­schlags durch die Beru- fungs­kom­mis­si­on. Denk­bar ist aber auch eine Abga­be nach der Beschluss­fas­sung durch ein ande­res Uni­ver­si- täts­or­gan, ins­be­son­de­re den Senat, oder nach Vor­la­ge des Beru­fungs­vor­schlags an das zustän­di­ge Minis­te­ri- um.

Soweit die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze Son­der­vo­ten zu- las­sen, bestim­men sie auch, dass sie dem Beru­fungs­vor- schlag bei­zu­fü­gen sind. Die­se Bestim­mun­gen sind nicht als Aus­schluss­tat­be­stand auf­zu­fas­sen. Sie bestehen nicht im Inter­es­se in den Beru­fungs­vor­schlag auf­ge­nom­me­ner Bewer­ber, son­dern die­nen ledig­lich der Ver­ein­fa­chung des Ver­fah­rens­ab­laufs. Wer­den Son­der­vo­ten nachge-

In Bun­des­län­dern, deren Hoch­schul­ge­set­ze kei­ne Aus­sa- gen über Son­der­vo­ten ent­hal­ten, wer­den die­se teil­wei­se in den Grund­ord­nun­gen oder ande­ren uni­ver­si­täts­in­ter- nen Rege­lun­gen der Hoch­schu­len zugelassen.

So sieht § 25 Abs. 9 der Grund­ord­nung der Georg-Au- gust-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen in der Fas­sung vom 20.12.2010 vor,dassjedesMitgliedderBerufungskommissioneinen Min­der­hei­ten­vor­schlag vor­le­gen kann. Nach § 11 Abs. 3 der Beru­fungs­ord­nung der Uni­ver­si­tät Pots­dam vom 23.08.2007 kön­nen bei der Abstim­mung unter­le­ge­ne Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on, die Gleichs­tel- lungs­be­auf­trag­te und die Schwer­be­hin­der­ten­ver­trau­ens- per­son dem Beru­fungs­vor­schlag ein Son­der­vo­tum bei- fügen. Nach § 13 der Beru­fungs­ord­nung der Uni­ver­si­tät Ham­burg vom 20.11.2008 kann jedes Mit­glied des Beru- fungs­aus­schuss einen Min­der­hei­ten­vor­schlag vor­le­gen. Zu die­sem kann nach § 14 der Beru­fungs­ord­nung der Fakul­täts­rat Stel­lung neh­men. Nach Nr. 6.3 der Richt­li- nie zur Durch­füh­rung von Beru­fungs­ver­fah­ren der Jo- hann-Wolf­gang-Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt am Main vom 15.03.2005 ist im Beru­fungs­be­richt gege­be­nen­falls auf abge­ge­be­ne Son­der­vo­ten zu verweisen.

Grund­ord­nun­gen oder beson­de­re Beru­fungs­ord­nun- gen tref­fen häu­fig Ver­fah­rens­re­geln für die Abga­be von Son- der­vo­ten. Die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze ent­hal­ten teil­wei­se ent­spre­chen­de aus­drück­li­che Ermäch­ti­gun­gen (§ 48 Abs. 4 S. 7 LHG BW; Art. 18 Abs. 4 S. 13 BayHSchPG). Soweit das Son­der­vo­tum von Mit­glie­dern der Beru­fungs­kom­mis­si- on abge­ge­ben wird, ist es zumeist in der Sit­zung anzu- kün­di­gen, in der über den Beru­fungs­vor­schlag abge- stimmt wird. Son­der­vo­ten sind schrift­lich zu begrün­den und dem Pro­to­koll der Sit­zung des betref­fen­den Organs bei­zu­fü­gen. Für die Abga­be sind meist kur­ze Fris­ten, etwa von einer Woche, nach der Been­di­gung der Sit­zung des betref­fen­den Organs vorgesehen.

c) Rah­men­be­stim­mun­gen für die Bundeswehruniversitäten

Nach § 39 der Rah­men­be­stim­mun­gen für Struk­tur und Orga­ni­sa­ti­on der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Ham­burg vom 07.10.1993 und nach § 50 der Rah­men­be­stim­mun- gen für Struk­tur und Orga­ni­sa­ti­on der Bun­des­wehr­uni- ver­si­tät Mün­chen vom 08.02.2000 kön­nen Professoren

Löwisch/Tarantino · Son­der­vo­ten in Beru­fungs­ver­fah­ren 1 3

reicht, müs­sen sie so lan­ge berück­sich­tigt wer­den, wie über den Beru­fungs­vor­schlag noch kei­ne Ent­schei­dung getrof­fen wor­den ist. Ent­spre­chen­des gilt für Son­der­vo- ten nach den Rah­men­be­stim­mun­gen für die Bun­des- wehr­uni­ver­si­tä­ten Ham­burg und München.

Auch Fris­ten für die Vor­la­ge von Son­der­vo­ten haben kei­nen Aus­schluss­cha­rak­ter. Wie im Ver­wal­tungs­ver­fah- ren sonst auch, müs­sen nach dem dort gel­ten­den Unter- suchungs­grund­satz (§ 24 VwVfG und die ent­spre­chen- den Vor­schrif­ten der Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge- set­ze) bei einer zu tref­fen­den Ent­schei­dung alle rele- van­ten Umstän­de berück­sich­tigt wer­den, es sei denn, das Gesetz selbst schließt das aus. Das aber tun die Lan- des­hoch­schul­ge­set­ze nicht. Ins­be­son­de­re kann man Be- stim­mun­gen, nach denen die Grund­ord­nun­gen nähe­re Regeln über das Beru­fungs­ver­fah­ren zu tref­fen haben, nicht die Kraft zuspre­chen, die Pflicht zur Berück­sich­ti- gung aller Umstän­de auszuschließen.

Für das Son­der­vo­tum des Prä­si­den­ten gilt das Gesag- te sinn­ge­mäß: Es ist dem Beru­fungs­vor­schlag bei­zu­fü- gen und kann nach­ge­reicht wer­den, solan­ge über die Be- rufung noch nicht ent­schie­den ist.

b) Recht zur Stellungnahme

Die mit Beru­fungs­ver­fah­ren befass­ten Orga­ne kön­nen zu ein­ge­reich­ten Son­der­vo­ten Stel­lung neh­men. Das gilt nicht nur dann, wenn ein sol­ches Recht zur Stel­lung­nah- me gesetz­lich oder in der ein­schlä­gi­gen Sat­zung der Hoch­schu­le aus­drück­lich vor­ge­se­hen ist. Auch ohne sol- che Rege­lung kann sich jedes Hoch­schul­or­gan zu Ange- legen­hei­ten äußern, die sei­ne Zustän­dig­keit berüh­ren. So kann dem Fakul­täts­rat nicht ver­wehrt wer­den, zu einem Son­der­vo­tum, wie zum Beru­fungs­vor­schlag der Beru­fungs­kom­mis­si­on über­haupt, Stel­lung zu neh­men und es aus sei­ner Sicht – posi­tiv, nega­tiv oder dif­fe­ren- zie­rend – zu bewerten.

Man­che uni­ver­si­tä­ren Rege­lun­gen räu­men dem Fa- kul­täts­rat und/oder dem Senat die Mög­lich­keit ein, den Beru­fungs­vor­schlag an die Beru­fungs­kom­mis­si­on zu- rück­zu­ge­ben. Das ist mög­lich. Soweit aber bestimmt wird, dass das Beru­fungs­ver­fah­ren erle­digt sein soll, wenn nach einer sol­chen Rück­ga­be kei­ne Eini­gung zwi- schen Beru­fungs­kom­mis­si­on und Senat erfolgt, bedarf das einer beson­de­ren Ermäch­ti­gung im betref­fen­den Lan­des­hoch­schul­ge­setz, wie sie etwa das LHG Baden Würt­tem­berg ent­hält. Dort sieht § 48 Abs. 4 S. 7 vor, dass die Grund­ord­nung die Art der Betei­li­gung des Fakul- täts­rats und des aka­de­mi­schen Senats regelt und meint mit Betei­li­gungs­recht, wie sich aus § 25 Abs. 1 S. 2 und §

27 d Abs. 1 S. 3 Nr. 4 ergibt, auch ein über das Recht zur Stel­lung­nah­me her­aus­ge­hen­des Beteiligungsrecht.

2. Ent­schei­dung

Die Ent­schei­dung über die Berück­sich­ti­gung von Son- der­vo­ten liegt bei den für die Beru­fung zustän­di­gen Orga­nen. Das ist inner­halb der Uni­ver­si­tät regel­mä­ßig das Prä­si­di­um oder Rek­to­rat, wel­ches über den an das zustän­di­ge Minis­te­ri­um wei­ter­zu­lei­ten­den Beru­fungs- vor­schlag beschließt. Da Prä­si­di­um oder Rek­to­rat nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten nicht an den Vor­schlag des Fakul­täts­rats oder, wo die­se unmit­tel­bar zustän­dig ist, der Beru­fungs­kom­mis­si­on gebun­den sind, kön­nen sie dabei einem Son­der­vo­tum fol­gend nicht nur die Rei- hen­fol­ge der in die Lis­te auf­ge­nom­me­nen Per­sön­lich­kei- ten ändern, son­dern auch vom Fakul­täts­rat bzw. Beru- fungs­kom­mis­si­on nicht benann­te Per­sön­lich­kei­ten auf- neh­men oder vor­ge­schla­ge­ne Per­so­nen nicht auf­neh­men. Eine vol­le Berück­sich­ti­gung der Son­der­vo­ten ist also grund­sätz­lich möglich.

Die Befug­nis des zustän­di­gen Minis­te­ri­ums zur Be- rück­sich­ti­gung von Son­der­vo­ten ist nach jet­zi­ger Rechts- lage in der Regel beschränkt. Die Lan­des­hoch­schul­ge­set- ze sehen ledig­lich vor, dass das Minis­te­ri­um nicht an die vor­ge­schla­ge­ne Rei­hen­fol­ge der Beru­fungs­lis­te gebun- den ist. Nicht auf der Lis­te ste­hen­de Per­sön­lich­kei­ten kann es nicht beru­fen, son­dern nur auf eine Beru­fung ver­zich­ten und den ihm vor­ge­leg­ten Beru­fungs­vor­schlag an die Hoch­schu­le zurückgeben.

Im Ergeb­nis das­sel­be gilt, wenn das Beru­fungs­ver- fah­ren so aus­ge­stal­tet ist, dass die Beru­fung durch das Prä­si­di­um oder Rek­to­rat erfolgt, aber der Zustim­mung des Minis­te­ri­ums bedarf: Auch dann kann das Prä­si­di- um oder Rek­to­rat nicht nur über die Rei­hen­fol­ge der zu Beru­fen­den ent­schei­den, son­dern auch nicht im Vor- schlag der Beru­fungs­kom­mis­si­on auf­ge­führ­te Per­sön- lich­kei­ten für die Beru­fung in Aus­sicht neh­men oder dort Auf­ge­führ­te von der Beru­fung aus­schlie­ßen. Dem- gegen­über hat das Minis­te­ri­um nur eine nega­ti­ve Kom- petenz, Es kann sei­ne Zustim­mung zu der vor­ge­schla­ge- nen Beru­fung verweigern.

Eine Aus­nah­me von dem Gesag­ten gilt in Ber­lin. Dort kann das für die Hoch­schu­len zustän­di­ge Mit­glied des Senats den Beru­fungs­vor­schlag gem. § 101 Abs. 6 und 7 BerlHG mit der Auf­for­de­rung an die Hoch­schu­le zurück­ge­ben, inner­halb von 6 Mona­ten einen neu­en Be- rufungs­vor­schlag vor­zu­le­gen. Hat es Beden­ken gegen den neu­en Vor­schlag oder wird die Frist nicht ein­gehal- ten, kann es eine Beru­fung außer­halb der Vorschlagslis-

14 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2014), 11–18

teaussprechen.DasRechtzurBerufungaußerhalbeiner Vor­schlags­lis­te besteht auch, wenn 8 Mona­te nach Frei- gabe der Stel­le kein Beru­fungs­vor­schlag vor­liegt. Eine ähn­li­che Rege­lung besteht nach § 18 Abs. 4 BremHG in Bre­men, wo frei­lich kei­ne Son­der­vo­ten vor­ge­se­hen sind.

In Schles­wig-Hol­stein liegt die Ent­schei­dung über den Beru­fungs­vor­schlag allein beim Prä­si­den­ten. Die­ser kann von der Rei­hen­fol­ge des Beru­fungs­vor­schlags ab- wei­chen oder einen neu­en Vor­schlag anfor­dern. Ohne Vor­schlag des Fach­be­reichs kann er eine Beru­fung aus- spre­chen, wenn auch in einem zwei­ten Vor­schlag kei­ne geeig­ne­te Per­son benannt ist oder wenn der Fach­be­reich der Auf­for­de­rung zur Vor­la­ge eines Vor­schlags nicht bin­nen sechs Mona­ten nach­ge­kom­men ist (§ 62 Abs. 9 HSG Schles­wig-Hol­stein). Eine ähn­li­che Rege­lung be- steht in Nord­rhein-West­fa­len (§ 37 Abs. 1 HG NRW). Im Saar­land hat das für die Beru­fung zustän­di­ge Uni­ver­si- täts­prä­si­di­um ohne wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen das Recht, nach Anhö­rung des Senats und des Uni­ver­si­täts­rats vom Beru­fungs­vor­schlag abzu­wei­chen oder die Beru­fungs- kom­mis­si­on auf­zu­for­dern, einen neu­en Vor­schlag ein- zurei­chen (§ 36 Abs. 8 UG Saarland).

Bei der Bun­des­wehr­uni­ver­si­tät Ham­burg kann der Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung nach § 40 Abs. 2 der Rah­men­be­stim­mung im Ein­ver­neh­men mit der zustän- digen Lan­des­be­hör­de von der vor­ge­schla­ge­nen Rei­hen- fol­ge abwei­chen. Die Beru­fung einer nicht vor­ge­schla­ge- nen Per­son kommt § 38 Abs. 6 der Rah­men­be­stim­mung nur in Betracht, wenn die Uni­ver­si­tät kei­ne Vor­schlags- lis­te vor­legt. Bei der Bun­des­wehr­uni­ver­si­tät Mün­chen ist nach § 51 Abs. 1 S. 2 der Rah­men­be­stim­mun­gen der Bun- des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung nicht an die Rei­hen­fol­ge der Vor­schlä­ge gebun­den. Hat er gegen die Vor­schlä­ge Beden­ken, kann er nach § 51 Abs. 2 der Rah­men­be­stim- mun­gen die Vor­schlags­lis­te zurück­ge­ben und die Uni- ver­si­tät auf­for­dern in ange­mes­se­ner Frist eine neue Vor- schlags­lis­te vor­zu­le­gen. Wer­den auch in die­ser kei­ne ge- eig­ne­ten Per­so­nen benannt oder wird über­haupt kei­ne neue Vor­schlags­lis­te vor­ge­legt, kann er nach § 51 Abs. 3 der Rah­men­be­stim­mun­gen auch einen nicht Vor­ge- schla­ge­nen berufen.

Regel­mä­ßig hat das über den Beru­fungs­vor­schlag ent­schei­den­de Organ, wenn es vom Vor­schlag der Beru- fungs­kom­mis­si­on abwei­chen will, vor­ab den zustän­di- gen Fakul­täts­rat anzu­hö­ren. Die­ses Anhö­rungs­recht gibt dem Fakul­täts­rat nicht nur Gele­gen­heit, den Vorschlag

  1. 1  BVerfG vom 29. 5. 1973, 1 BvR 424/71, BVerfGE 35, 79, Rn 138 ff.
  2. 2  Weit­ge­hend in die­se Rich­tung zielt Detmer, Die Bin­dung der­staat­li­chen Sei­te an Beru­fungs­vor­schlä­ge, WissR 1997, 193 ff und Das Recht der (Universitäts-)Professoren, in Hartmer/Detmer, Hand­buch Hoch­schul­recht, 2. Aufl 2011, Kap IV Rn 70 ff.

der Beru­fungs­kom­mis­si­on zu bekräf­ti­gen. Viel­mehr kann er die Anhö­rung auch zu einer abwei­chen­den Be- wer­tung nut­zen und sich dem Son­der­vo­tum ganz oder teil­wei­se anschlie­ßen. Das eröff­net dann dem entsch­ei- den­den Organ die Mög­lich­keit, die Befol­gung des Son- der­vo­tums hoch­schul­in­tern zu rechtfertigen.

3. Mate­ri­el­le Bedeu­tung von Sondervoten

a) Fach­li­che Bewer­tung der For­schungs- und Lehrbefähigung

Die Aus­ge­stal­tung der Beru­fungs­ver­fah­ren in den Lan- des­hoch­schul­ge­set­zen muss Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG wah­ren. Weil im Beru­fungs­ver­fah­ren die eigent­li­chen Trä­ger der frei­en For­schung und Leh­re bestimmt wer­den, müs­sen nach dem grund­le­gen­den Hoch­schu­l­ur­teil des BVerfG in den Beru­fungs­kom­mis­sio­nen die Pro­fes­so­ren die Mehr­heit haben.1 Das heißt aber nicht, dass die Ent- schei­dung über Beru­fun­gen allein bei den Beru­fungs- kom­mis­sio­nen oder auch den Fakul­tä­ten lie­gen müss­te, in denen eine Pro­fes­so­ren­stel­le zu beset­zen ist.2 Schon das Hoch­schu­l­ur­teil geht davon aus, dass über die Ernen- nung von Pro­fes­so­ren letzt­lich der zustän­di­ge Minis­ter oder die sonst zustän­di­ge staat­li­che Stel­le ent­schei­det und die staat­li­chen Behör­den die – frei­lich kaum gebrauch­te – Mög­lich­keit des Oktrois haben.3 Wie das BVerfG in sei­nem das Bran­den­bur­gi­sche Hoch­schul­ge- setz betref­fen­den Urteil dann all­ge­mein fest­ge­stellt hat, for­dert Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG nur, die Hoch­schul­or­ga­ni­sa- tion und damit auch die hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Wil- lens­bil­dung so zu regeln, dass in der Hoch­schu­le freie Wis­sen­schaft mög­lich ist und unge­fähr­det betrie­ben wer­den kann.4 Ins­be­son­de­re ist auch die gesetz­li­che Zuwei­sung von Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen an mono- kra­ti­sche Lei­tungs­or­ga­ne mit Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG ver- ein­bar, sofern die­se Kom­pe­ten­zen sach­lich begrenzt sind und zugleich orga­ni­sa­to­risch hin­rei­chend gewähr­lei­tet ist, dass ihre Wahr­neh­mung die Wis­sen­schafts­frei­heit nicht struk­tu­rell gefährdet.5

Aus Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG folgt also kein rei­nes Koop- tati­ons­recht, wel­ches Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen der Zen­tral­or­ga­ne der Hoch­schu­le oder des Staa­tes für Be- rufun­gen ausschlösse.6 Viel­mehr muss zwi­schen der in Beru­fungs­kom­mis­si­on und Fakul­tät reprä­sen­tier­ten fach­li­chen Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaft­ler auf der einen Sei­te und den Kom­pe­ten­zen der Zen­tral­or­ga­ne der

3 BVerfG aaO Rn 142.
4 BVerfG vom 26.10.2004, 1 BvR 911/00, BVerfGE 111, 333, Rn 137. 5 BVerfG aaO Rn 139.
6 Für die staat­li­che Mit­wir­kung Bay VerfGH vom 7.5.2008, Vf 19-

VII-06, VerfGHE By, 61, 103, Rn 121.

Löwisch/Tarantino · Son­der­vo­ten in Beru­fungs­ver­fah­ren 1 5

Hoch­schu­le und des Staa­tes auf der ande­ren Sei­te Kon- kordanz her­ge­stellt wer­den. Kon­kret bedeu­tet das: Den Beru­fungs­kom­mis­sio­nen kommt zwar eine fach­li­che Ein- schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve zu, über die sich das Zen­tral­or­gan der Uni­ver­si­tät wie der Staat nicht ein­fach hin­weg­set­zen kön­nen. Ste­hen die­sen aber Sach­grün­de zur Sei­te, kön- nen sie von den Vor­schlä­gen der Beru­fungs­kom­mis­si­on abweichen.7

Ein sol­cher Sach­grund ist in der abwei­chen­den fach­li- chen Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung in einem Son­der­vo­tum zu sehen. Dass sich Hoch­schul­lei- tung und Minis­te­ri­um nur dann über die fach­li­che Ein- schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Beru­fungs­kom­mis­si­on hin- weg­set­zen kön­nen, wenn sie „sach­li­che Grün­de“ dafür vor­brin­gen kön­nen, darf näm­lich nicht zu dem Schluss ver­lei­ten, dass die fach­li­che Ein­schät­zung durch die Be- rufungs­kom­mis­si­on stets hin­zu­neh­men sei und nur an- dere sach­li­che Grün­de eine Abwei­chung vom Vor­schlag der Beru­fungs­kom­mis­si­on oder der Fakul­tät recht­fer­ti- gen könn­ten. Das wür­de der Funk­ti­on gesetz­lich oder sat­zungs­recht­lich vor­ge­se­he­ner Son­der­vo­ten nicht ge- recht. Die­se erschöpft sich nicht in der Doku­men­ta­ti­on abwei­chen­der Mei­nun­gen zu einer getrof­fe­nen Entsch­ei- dung, wie das etwa auf die Son­der­vo­ten in einer Abstim- mung unter­le­ge­ner Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge- richts nach § 30 Abs. 2 BVerfGG zutrifft. Soweit Son­der- voten von Pro­fes­so­ren der jewei­li­gen Fakul­tät abge­ge­ben wer­den, haben sie viel­mehr gera­de auch den Zweck, eine von den Vor­schlä­gen der Beru­fungs­kom­mis­si­on oder der Fakul­tät abwei­chen­de fach­li­che Bewer­tung der For- schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung der Bewer­ber zur Gel­tung zu bringen.8

Die­nen Son­der­vo­ten aber eben­falls der Gewähr­leis- tung des Fach­prin­zips, muss die Hoch­schul­lei­tung als letzt­lich ent­schei­den­des Organ der Hoch­schu­le in einer sorg­fäl­ti­gen Abwä­gung auch dem fach­li­chen Urteil eines Son­der­vo­tums fol­gen dür­fen, sofern die­ses sei­ner­seits sorg­fäl­tig begrün­det ist und sach­lich nach­voll­zo­gen wer- den kann. Das gilt sowohl für die Auf­nah­me eines nicht Plat­zier­ten in den Beru­fungs­vor­schlag wie eine Abwei- chung von der von der Beru­fungs­kom­mis­si­on vor­ge- schla­ge­nen Reihenfolge.

  1. 7  Bay VGH vom 6.2.1998, VGH nF 51, 185, 189 f und vom 4.11.2002, 7 CE 02.1902, NJW 2003, 1682; Bay VerfGH aaO Rn 121 ff; Epping, Das Letzt­ent­schei­dungs­recht der zustän­di­gen staat­li­chen Stel­len bei der Beru­fung von Hoch­schul­leh­rern, WissR 1992, 166 ff; Krüger/Leuze in Hailbronner/Geis, Kom­men­tar zum HRG, Stand Sep­tem­ber 2004, § 45 Rn 41.
  2. 8  Bay VerfGH vom 7.5.2008, Vf 19-VII-06, VerfGHE By 61, 103 Rn 123; im Prin­zip eben­so Krüger/Leuze aaO § 45 Rn 40; auch Detmer aaO WissR 1997, 2011 räumt ein, dass pro­fes­so­ra­le Son- der­vo­ten, die sich „sub­stan­ti­iert und über­zeu­gend“ mit der für

Aller­dings kön­nen nur Son­der­vo­ten der Pro­fes­so­ren der jewei­li­gen Fakul­tät (gleich­gül­tig ob die­se der Beru- fungs­kom­mis­si­on ange­hö­ren oder nicht) eine Abwei- chung von der fach­li­chen Ein­schät­zung durch die Beru- fungs­kom­mis­si­on tra­gen. Denn nur die­se haben die Kom­pe­tenz zur fach­li­chen Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung. Son­der­vo­ten der Gleich­stel­lungs- beauf­trag­ten oder aus­wär­ti­ger Mit­glie­der kommt die­se Kraft nicht zu. Soweit es um die Lehr­be­fä­hi­gung geht, wird man aller­dings Son­der­vo­ten der Stu­die­ren­den­ver- tre­ter das glei­che Gewicht zumes­sen müs­sen wie Son- der­vo­ten von Pro­fes­so­ren. Sie ledig­lich als Hil­fe für die Mei­nungs­bil­dung der Pro­fes­so­ren zu betrachten,9 unter- schätz­te die Bedeu­tung des Urteils der Ler­nen­den für die Bewer­tung der Lehrbefähigung.

Die Recht­spre­chung steht auf dem Stand­punkt, dass letzt­lich auch das Minis­te­ri­um der abwei­chen­den fach­li- chen Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung in einem Son­der­vo­tum fol­gen und dem­entspre­chend ei- nen nicht Plat­zier­ten beru­fen oder von der vor­ge­schla­ge- nen Rei­hen­fol­ge abwei­chen kann; erfor­der­lich sei nur, dass es sich um eine wirk­li­che und zudem sorg­fäl­tig be- grün­de­te Aus­nah­me handele.10 Das ist rich­tig, soweit Son­der­vo­ten durch die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze auto­ri- siert sind (was mit­tel­bar auch für die Rah­men­be­stim- mun­gen für die Bun­des­wehr­uni­ver­si­tä­ten gilt). Denn damit wird zum Aus­druck gebracht, dass sich der Staat bei sei­nen Beru­fungs­ent­schei­dun­gen auch der Fach- kom­pe­tenz nicht den Beru­fungs­kom­mis­sio­nen ange­hö- ren­der oder dort oder in der Fakul­tät in der Min­der­heit geblie­be­ner Pro­fes­so­ren ver­ge­wis­sern will. Soweit aller- dings Son­der­vo­ten nur in Sat­zun­gen der Hoch­schu­len selbst zuge­las­sen sind, gilt das nicht. Die­se die­nen nur der Ent­schei­dungs­fin­dung im Zen­tral­or­gan der Hoch- schu­le selbst und kön­nen des­halb nur dort eine Abwei- chung vom Vor­schlag der Beru­fungs­kom­mis­si­on recht- fertigen.

b) Erfül­lung des Anforderungsprofils

Unab­hän­gig von der fach­li­chen Bewer­tung der For- schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung stellt es einen sach­li­chen Grund für die Abwei­chung vom Berufungsvorschlag

den Lis­ten­vor­schlag maß­geb­li­chen Begrün­dung aus­ein­an­der­set- zen, eine „Über­prüf­bar­keit“ des Beru­fungs­vor­schlags begrün­den können.

9 So Detmer aaO WissR 1997, 210 f.
10 Bay VerfGH vom 7.5.2008 aaO, Rn 126; auch Bay VerfGH vom

4.11.2002 aaO, Rn 23; BVerwG vom 9.5.1985, 2 C 16/83, NVWZ 1986, 374 sieht ein Abwei­chen von der Rei­hen­fol­ge als unpro- ble­ma­tisch an, weil auch das Son­der­vo­tum ein Vor­schlag der Hoch­schu­le sei.

16 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2014), 11–18

dar, dass ein nach dem Son­der­vo­tum neu in den Beru- fungs­vor­schlag auf­zu­neh­men­der oder bes­ser zu plat­zie- ren­der Bewer­ber oder eine sol­che Bewer­be­rin eben­so oder bes­ser geeig­net ist, das von der Hoch­schu­le und der Aus­schrei­bungs­stel­le for­mu­lier­te Anfor­de­rungs­pro­fil zu erfül­len. In die­sem Rah­men darf das ent­schei­den­de Organ auch ein­schät­zen, ob im Son­der­vo­tum genann­te Bewer­ber oder Bewer­be­rin­nen zu einer aus­ge­wo­ge­ne- ren, viel­schich­ti­ge­ren Zusam­men­set­zung der in der Uni- ver­si­tä­ten ver­tre­te­nen unter­schied­li­chen Lehr­meinun- gen bei­zu­tra­gen vermögen.11 Auch kann im Rah­men des Anfor­de­rungs­pro­fils die Fähig­keit der Bewer­ber und Bewer­be­rin­nen berück­sich­tigt wer­den, ihre For­schungs- tätig­keit auch außer­halb der Uni­ver­si­tät dar­zu­stel­len und teil­ge­biets­über­grei­fend und fach­ge­biets­über­grei- fend mit ande­ren Hoch­schul­leh­rern zu kooperieren.12 Inso­weit sind nicht nur die Son­der­vo­ten von Pro­fes­so- ren, son­dern auch die Son­der­vo­ten ande­rer dazu Auto­ri- sier­ter von Gewicht.13

c) Erhö­hung des Frau­en­an­teils in der Wissenschaft

Die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze ver­pflich­ten die Uni­ver­si­tä- ten bei der Erstel­lung von Beru­fungs­vor­schlä­gen auf die Erhö­hung des Anteils der Frau­en in der Wis­sen­schaft hin­zu­wir­ken. Dem durch eine Ände­rung des Beru­fungs- vor­schlags Rech­nung zu tra­gen, ist legi­tim. Dabei braucht sich das ent­schei­den­de Organ auch nicht damit zu begnü­gen, dass im Vor­schlag des Beru­fungs­aus­schus- ses bereits eine Bewer­be­rin an vor­de­rer Stel­le plat­ziert ist. Denn es muss damit gerech­net wer­den, dass die­se Bewer­be­rin einen erteil­ten Ruf ablehnt. Für die­sen Fall durch die Auf­nah­me einer vom Beru­fungs­aus­schuss nicht Plat­zier­ten aber gleich wie männ­li­che Bewer­ber qua­li­fi­zier­ten Frau an wei­te­rer Stel­le des Beru­fungs­vor- schlags vor­zu­sor­gen, ist legi­tim. Eben­so legi­tim ist es, die­sem Gesichts­punkt durch eine Ände­rung der Rei- hung Rech­nung zu tra­gen, solan­ge dadurch nicht männ- liche Bewer­ber schwer­wie­gend benach­tei­ligt werden.14 Einen Aus­tausch der in der Lis­te plat­zier­ten weib­li­chen Bewer­be­rin­nen trägt die­ser Gesichts­punkt frei­lich nicht.

d) Ein­schrän­kung von Hausberufungen

Die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze beschrän­ken in unter- schied­li­cher Form Haus­be­ru­fun­gen. Meist begnü­gen sie sich mit der For­mel, Haus­be­ru­fun­gen sei­en nur „in

  1. 11  Sie­he dazu die Ent­schei­dung des BVerwG vom 9.5.1985, 2 C 16/83, DVBl 1985, 1233, wel­ches die­se Ent­schei­dung sogar in das Ermes- sen des zustän­di­gen Minis­ters stellt.
  2. 12  Vgl Bay VGH vom 6.2.1998, 7 CE 97.3209, KNK-HSchR/nF 42 H Nr. 22; auch BVerfG aaO.
  3. 13  Bay VGH vom 6.12.1998 aaO.

begrün­de­ten Aus­nah­me­fäl­len“ zuläs­sig (so § 48 Abs. 3 Satz 4 LHG BW). Ob von die­ser Aus­nah­me­mög­lich­keit Gebrauch gemacht wer­den soll, kann Gegen­stand eines Son­der­vo­tums sein. Auch einem sol­chen Son­der­vo­tum kann der Ent­schei­dungs­trä­ger im Rah­men sei­nes hoch- schul­po­li­ti­schen Ermes­sens fol­gen. Etwa kön­nen Rek­to- rat oder Prä­si­di­um oder auch das Minis­te­ri­um dar­auf hin­wir­ken, dass sich die Zahl der Haus­be­ru­fun­gen in einer Hoch­schu­le in Gren­zen hält. Auf der ande­ren Sei­te kön­nen sie sich auf der Grund­la­ge eines Son­der­vo­tums über den Aus­schluss eines Bewer­bers von der Beru- fungs­lis­te wegen des Haus­be­ru­fungs­ver­bots hin­weg­s­et- zen.

III. „Inof­fi­zi­el­le“ Sondervoten

Soweit weder die Lan­des­hoch­schul­ge­setz­te noch Sat­zun- gen der Hoch­schu­len Son­der­vo­ten zulas­sen, heißt das nicht, dass dort kei­ne von Beru­fungs­vor­schlä­gen abwei- chen­den Vor­stel­lun­gen arti­ku­liert wer­den könn­ten. Sol- che „inof­fi­zi­el­len“ Son­der­vo­ten sind auch nicht ein­fach unbe­acht­lich. Viel­mehr sind sie nach dem im Ver­wal- tungs­ver­fah­ren gel­ten­den Unter­su­chungs­grund­satz (§ 24 VwVfG und die ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten der Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­ze) wie jede Äuße- rung im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren von der über den Beru- fungs­vor­schlag ent­schei­den­den Stel­le ent­ge­gen­zu­neh- men und bei der Ent­schei­dung inso­weit zu berück­sich­ti- gen als sich aus ihnen für die Ent­schei­dung bedeut­sa­me Anhalts­punk­te ergeben.15

„Inof­fi­zi­el­le“ Son­der­vo­ten kön­nen die über einen Be- rufungs­vor­schlag ent­schei­den­de Stel­le aller­dings nicht zu einer vom Beru­fungs­vor­schlag abwei­chen­den fach­li- chen Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung von Bewer­bern legi­ti­mie­ren. Indem die betref­fen­den Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze oder Sat­zun­gen kei­ne Son­der- voten vor­se­hen, brin­gen sie zum Aus­druck, dass allein die Beru­fungs­kom­mis­sio­nen über die For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung zu urtei­len haben.

IV. Zusam­men­fas­sung

Son­der­vo­tensin­di­nei­ner­Rei­he­von­Lan­des­hoch­schul- geset­zen und Grund­ord­nun­gen sowie in den Rah­men- bestim­mun­gen für die Bun­des­wehr­uni­ver­si­tä­ten vorge-

14 Hier­zu EuGH vom 28.3.2000, C‑158/97, EuGHE I 2000, 1875; zu eng Detmer aaO, Hand­buch Hoch­schul­recht, Rn 80 mit Fn 14.

15 Sie­he all­ge­mein Bader/Ronellenfitsch/Heßhaus, Beck’scher Online- Kom­men­tar VwVfG, § 24 Rn 19; Ober­may­er, Ver­wal­tungs­ver­fah- rens­ge­setz, 3. Aufl 1999, § 24, Rn 191 ff.

Löwisch/Tarantino · Son­der­vo­ten in Beru­fungs­ver­fah­ren 1 7

sehen. Sie kön­nen sowohl die Rei­hen­fol­ge in den Beru- fungs­vor­schlag auf­ge­nom­me­ner Bewer­ber, wie die Auf­nah­me oder Nicht­auf­nah­me von Bewer­bern über- haupt betref­fen. Mög­li­che Begrün­dun­gen sind eine abwei­chen­de Bewer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä- higung, eine abwei­chen­de Ein­schät­zung der Eig­nung der Bewer­ber für das Anfor­de­rungs­pro­fil der Pro­fes­so­ren- stel­le, die Erhö­hung des Frau­en­an­teils in der Wis­sen- schaft und die Zulas­sung oder Ableh­nung einer Haus­be- rufung.

Son­der­vo­ten sind nach Maß­ga­be der gesetz­li­chen und sat­zungs­mä­ßi­gen Rege­lun­gen in das Beru­fungs­ver- fah­ren ein­zu­brin­gen. Die Ver­säu­mung in Grund­ord­nun- gen oder Beru­fungs­ord­nun­gen vor­ge­se­he­ner Fris­ten steht der Berück­sich­ti­gung nicht entgegen.

Die über Beru­fun­gen ent­schei­den­den Hoch­schulor- gane kön­nen grund­sätz­lich sowohl von der vor­ge­se­he- nen Rei­hen­fol­ge der Bewer­ber abwei­chen, wie auch Be- wer­ber aus dem Beru­fungs­vor­schlag strei­chen oder nicht Genann­te neu auf­neh­men. Den staat­li­chen Stel­len steht regel­mä­ßig nur das Recht auf Ände­rung der Rei- hen­fol­ge zu. Aller­dings kön­nen sie von einer Beru­fung über­haupt Abstand neh­men. Regel­mä­ßig ist vor Abwei- chun­gen der zustän­di­ge Fakul­täts­rat zu hören.

Im Gesetz oder Sat­zung vor­ge­se­he­ne Son­der­vo­ten von Pro­fes­so­ren kön­nen eine von der Bewer­tung durch die Beru­fungs­kom­mis­si­on abwei­chen­de fach­li­che Be- wer­tung der For­schungs- und Lehr­be­fä­hi­gung von Be- wer­bern durch das über die Beru­fung ent­schei­den­de Hoch­schul­or­gan recht­fer­ti­gen. Soweit staat­li­che Stel­len über Beru­fun­gen ent­schei­den, gilt das nur für gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Sondervoten.

Son­der­vo­ten, wel­che die Erfül­lung des Anfor­de- rungs­pro­fils durch Bewer­ber, die Erhö­hung des Frau­en- anteils in der Wis­sen­schaft oder Aus­nah­men von einem Haus­be­ru­fungs­ver­bot betref­fen, kön­nen vom Entsch­ei- dungs­trä­ger stets berück­sich­tigt werden.

„Inof­fi­zi­el­le Son­der­vo­ten“ sind nach Maß­ga­be des im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren gel­ten­den Unter­su­chungs­grund- sat­zes zu berück­sich­ti­gen, kön­nen aber kei­ne abwei- chen­de fach­li­che Bewer­tung der For­schungs- und Lehr- befä­hi­gung rechtfertigen.

Der Autor ist Pro­fes­sor an der Albert-Lud­wigs-Uni­ver- sität Frei­burg und Lei­ter der For­schungs­stel­le für Hoch­schul­recht und Hoch­schul­ar­beits­recht. Die Auto- rin ist wis­sen­schaft­li­che Ange­stell­te dar­selbst und Refe­ren­tin im Rek­to­rat der Albert-Ludwigs-Universität.

18 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2014), 11–18