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I. Ein­füh­rung
Das Jura­stu­di­um in Polen steht auch 30 Jah­re nach der Wen­de von 1989 am Schei­de­weg. Einer­seits bleibt es der Linie einer typi­schen aka­de­mi­schen Aus­bil­dung treu ver­haf­tet, ande­rer­seits jedoch ver­sucht es, sowohl dem inter­na­tio­na­len Bolo­gna-Umfeld als auch dem natio­na­len Druck nach mehr prag­ma­ti­scher Fle­xi­bi­li­tät gerecht zu wer­den. Denn die grund­sätz­li­che Fra­ge bleibt wei­ter­hin offen: Geht es um eine sol­che juris­ti­sche Aus­bil­dung, in Fol­ge deren auf den Arbeits­markt bloß rei­ne Fach­leu­te kom­men? Oder, doch anders, sol­len die­je­ni­gen kom­men, die zusätz­lich, über brei­te­re geis­ti­ge Hori­zon­te ver­fü­gen? Also kurz gefragt, will man die juris­ti­schen „Tech­no­kra­ten“, oder, um sich des obso­le­ten Wor­tes zu bedie­nen, die Zuge­hö­ri­gen einer Klas­se von Staats­die­nern bzw., um nach dem moder­nen Begriff zu grei­fen, Gesell­schafts­die­nern?
Das Dilem­ma ist natür­lich nicht neu und ganz bestimmt nicht nur ein pol­ni­sches. Den­noch lohnt es sich, gera­de am Bei­spiel des pol­ni­schen Aus­bil­dungs­mo­dells der Juris­ten in spe, noch­mals Gedan­ken dar­über zu machen, was wir eigent­lich von einem Kan­di­da­ten zum Juris­ten erwar­ten? Wer darf sich aus­ge­bil­de­ter Jurist nen­nen und was für Eigen­schaf­ten soll­ten ihn dann aus­zeich­nen? Vor allem muss uns jedoch stets eine ande­re Fra­ge vor Augen ste­hen: Wie will man eine Aus­ba­lan­cie­rung zwi­schen der Siche­rung des not­wen­di­gen Grund­wis­sens all die­ser Kan­di­da­ten und zugleich dem Drang nach Frei­raum bei der Spe­zia­li­sie­rung, um einen eige­nen beruf­li­chen Weg zu gehen, gewähr­leis­ten?
II. Zur Vor­ge­schich­te: Eine Reform des pol­ni­schen Jura­stu­di­ums im Geis­te der euro­päi­schen Fle­xi­bi­li­tät
Es klingt nach einer bana­len Fest­stel­lung, wenn hier ange­merkt wird, dass die Aus­bil­dungs­mo­del­le, nach denen man heut­zu­ta­ge in Euro­pa die Adep­ten des Jura­stu­di­ums formt, sich in zwei­er­lei Hin­sicht unter­schei­den: Zum einen in his­to­ri­scher, zum ande­ren in poli­tisch-gesell­schaft­li­cher. Den­noch, unab­hän­gig von all solch arti­ku­lier­ten Prä­mis­sen, Eins ist sicher: Im euro­päi­schen Kul­tur­raum stützt sich das juris­ti­sche Stu­die­ren auf dem Fun­da­ment des römi­schen Rechts. Und dar­an, was von Rele­vanz für des­sen Ver­ständ­nis ist, hat in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa auch der Kom­mu­nis­mus nichts geän­dert. Dies soll aber nicht bedeu­ten, dass der Kom­mu­nis­mus spur­los in Bezug auf den Inhalt und die Form des Jura­stu­di­ums vor­bei­ge­gan­gen ist. Auch im Fall von Polen.
Zwei­fels­oh­ne ist der Bei­tritt Polens zur Euro­päi­schen Uni­on im Jah­re 2004 eine der mar­kan­ten Zäsu­ren in der neu­es­ten Geschich­te des Lan­des. Auch wenn immer wie­der betont wird, dass die­ser Schritt kei­ne Rück­kehr nach Euro­pa bedeu­tet, weil Polen immer in Euro­pa gewe­sen sei, bleibt unbe­strit­ten, dass 50 Jah­re der Zwangs­zu­ge­hö­rig­keit zum sowje­ti­schen Macht­be­reich mit ihrer Plan­wirt­schaft und All­macht des Staa­tes sich tief in das kol­lek­ti­ve Bewusst­sein ein­ge­gra­ben haben. Es ist daher offen­kun­dig, dass der mühe­vol­le Weg nach Wes­ten, zu einem Kul­tur­raum, zu dem die Gotik von Kra­kau eben­so wie die Gotik von Köln, Char­tres und Can­ter­bu­ry gehört, durch die­se Kul­tur­iden­ti­tät erleich­tert wird, die not­wen­di­gen Refor­men aber nicht ersetzt.
Obgleich Polen die Bolo­gna-Erklä­rung schon im Jahr 1999 unter­zeich­net hat, wur­den dies­be­züg­li­che ers­te ein­schnei­den­de Refor­men in der hie­si­gen Aus­bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on von Juris­ten mehr als zehn Jah­re spä­ter, erst im Jahr 2011 durch­ge­führt. Dies ver­wun­dert wenig, wenn man berück­sich­tigt, dass laut der hier genann­ten Erklä­rung unser Kon­ti­nent zu einem Raum als „Euro­pa des Wis­sens“ umge­wan­delt wer­den soll. Die Rea­li­sie­rung einer solch ehr­gei­zi­gen Ziel­set­zung erfor­dert jedoch zual­ler­erst die Schaf­fung von gemein­sa­men Mecha­nis­men, die dazu füh­ren könn­ten. Kei­ne leich­te Auf­ga­be, wenn man bloß in Erwä­gung zieht, wie unter­schied­lich die natio­na­len Hoch­schul­we­sen orga­ni­siert wer­den. Es ist daher nach­voll­zieh­bar, war­um man sich ers­tens zuerst auf den all­ge­mei­nen Rah­men ver­stän­digt hat, und zwei­tens, dass die Erfül­lung des­sen den natio­na­len Regie­run­gen über­las­sen wur­de.
Jan Wik­tor Tkaczyński/Wiktor Kor­dyś
Über das Jura­stu­di­um in Polen
Zwi­schen Anpas­sung und Kon­ti­nui­tät
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
1 9 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 1 9 5
1 Załącz­nik nr 85 do Rozpor­ządze­nia Minis­tra Nau­ki i Szkol­nict­wa
Wyżs­ze­go z 12 lip­ca 2007 w spra­wie stan­dar­dów ksz­tałce­nia dla
poszc­ze­gól­nych kie­run­ków oraz pozio­mów ksz­tałce­nia, a także
try­bu twor­ze­nia warun­ków, jakie musi speł­niać uczel­nia, by
pro­wad­zić stu­dia międ­zy­kie­run­kowe oraz makro­kie­run­ki, [in:]
Dz. U. RP 2007, Pos. 1166.
2 Usta­wa z 18 mar­ca 2011 o zmia­nie usta­wy – Pra­wo o szkol­nict­wie
wyżs­zym, usta­wy o stop­niach nau­ko­wych i tytu­le nau­ko­wym oraz
o stop­niach i tytu­le w zak­re­sie sztu­ki oraz o zmia­nie niek­tó­rych
innych ustaw, [in:] Dz. U. RP 2011, Pos. 455.
3 Rozpor­ządze­nie Minis­tra Nau­ki i Szkol­nict­wa Wyżs­ze­go z 8
sierp­nia 2011 w spra­wie obs­zarów wied­zy, dzied­zin nau­ki i sztu­ki
oraz dys­cy­plin nau­ko­wych i arty­sty­cz­nych, [in:] Dz. U. RP 2011,
Pos. 1065.
4 Rozpor­ządze­nie Minis­tra Nau­ki i Szkol­nict­wa Wyżs­ze­go z 2 lis­topa­da
2011 w spra­wie Kra­jo­wych Ram Kwa­li­fi­ka­c­ji dla Szkol­nict­wa
Wyżs­ze­go, [in:] Dz. U. RP 2011, Pos. 1520.
Dass die Idee eines „Euro­pa des Wis­sens“ mühe­voll ver­wirk­licht
sein wird, hat man von Anfang an gewusst und
daher konn­te man sich dem Ziel nur schritt­wei­se nähern.
Unter den ers­ten ein­ge­führ­ten Moda­li­tä­ten fin­det man
die fol­gen­den Ver­än­de­run­gen:
– Erar­bei­tung von kla­ren und, was man für beson­ders
wich­tig hielt, ver­gleich­ba­ren Beno­tungs­sys­te­men
– Auf­tei­lung des Stu­di­ums in zwei Stu­di­en­gän­ge:
Bache­lor und Mas­ter
– Ergän­zung des natio­na­len Abschluss­di­ploms um
sog. Sup­ple­ments nach dem auf­ok­troy­ier­ten Mus­ter
von Euro­päi­scher Kom­mis­si­on, Euro­pa­rat und
UNESCO
– Anwen­dung eines all­ge­mein ange­wand­ten ECTS­Punk­te-
Sys­tems
– För­de­rung von Mobi­li­tät der Stu­die­ren­den, der Wis­sen­schaft­ler
sowie des Fach­per­so­nals.
Im Gegen­satz zu ande­ren Stu­di­en­gän­gen, für die
man schon in den Jah­ren 2002 und 2003 die ent­spre­chen­den
Stan­dards ein­führ­te, hat der pol­ni­sche Gesetz­ge­ber
mit sol­chen für das Jura­stu­di­um bis 2007 gezögert1.
Laut die­ser Ver­ord­nung wur­den zwei Unter­richts­grup­pen
ein­ge­führt: Grund­stu­di­um und Haupt­stu­di­um.
Das ers­te umfasst in mini­ma­lem Umfang 450 Unter­richts­stun­den
und nicht weni­ger als 80 ECTS-Punk­te:
Ein­füh­rung in die Rechts­kun­de, Logik, Staats‑, Straf‑,
Ver­wal­tungs- und Zivil­recht sowie Verwaltungs‑, Zivi­lund
Straf­pro­zess­recht und Ver­wal­tungs­ge­richts­ver­fah­ren.
Im zwei­ten von mini­ma­lem Umfang von 330 Unter­richts­stun­den
und ins­ge­samt 40 ECTS-Punk­ten sind fol­gen­de
Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu fin­den: Rechts­theo­rie
und ‑phi­lo­so­phie, Geschich­te der poli­ti­schen und recht­li­chen
Dok­tri­nen, Arbeits‑, Finanz‑, Steuer‑, Völker‑,
Europa‑, Wirt­schafts­recht, Geschich­te des pol­ni­schen
Rechts, all­ge­mei­ne Rechts­ge­schich­te, römi­sches Recht
sowie Han­dels­recht. Des Wei­te­ren fin­det man im pol­ni­schen
Unter­richts­aus­bil­dungs­pro­fil der zukünf­ti­gen
Juraab­sol­ven­ten zusätz­lich sowohl Umweltschutz‑, Kirchen‑,
Urheber‑, sowie Wett­be­werbs­recht als auch eine
Ein­füh­rung in die latei­ni­sche Rechts­ter­mi­no­lo­gie.
Sofern die Fächer, die dem Grund- und Haupt­stu­di­um
zuge­ord­net wur­den, obli­ga­to­ri­scher Natur, also kei­ne
Wahl­fä­cher sind, ist die letzt­ge­nann­te Grup­pe als ledig­lich
den Hoch­schu­len (nicht den Stu­die­ren­den) vom
Minis­te­ri­um zur Wahl gestell­te Ergän­zungs­lis­te der
Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu bezeich­nen. Ins­ge­samt durf­te
das Pen­sum des zehn­se­mest­ri­gen Jura­stu­di­ums nicht
weni­ger als 2.400 Unter­richt­stun­den (inklu­si­ve der obli­ga­to­ri­schen
für Magis­ter­se­mi­nar, Fremd­spra­chen­un­ter­richt,
Sport) und 300 ECTS-Punk­ten betra­gen. Um die
Stu­di­en von prak­ti­scher Sei­te abzu­si­chern, hat man sich
für den admi­nis­tra­ti­ven Schritt ent­schie­den, dem zufol­ge
min­des­tens 30% des Unter­richt­s­pen­sums in einer ande­ren
Form als Vor­le­sun­gen aus­ge­führt wer­den muss.
Dem so vor­ge­ge­ben Unter­richts­plan kann auch ent­nom­men
wer­den, min­des­tens ein drei­wö­chi­ges Berufs­prak­ti­kum
zu absol­vie­ren.
Nach­dem man das Hoch­schul­we­sen im Jahr 2011 erneut
einer Reform unter­zo­gen hat2, änder­ten sich auch
Art und Wei­se, wie man Jura stu­die­ren konn­te. Die ers­te,
eher sym­bol­träch­ti­ge Ver­än­de­rung wur­de mit der Plat­zie­rung
der Rechts­wis­sen­schaft in dem Bereich der Sozi­al­wis­sen­schaft
statt, wie bis­her, in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten,
vollzogen3. Die viel bedeut­sa­me­re Ände­rung
betrifft jedoch die Natio­na­len Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­men
(Kra­jo­we Ramy Kwa­li­fi­ka­c­ji, KRK)4, die in den meis­ten
Län­dern Euro­pas in Anleh­nung an den Euro­päi­schen
Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­men (EQF) für lebens­lan­ges Ler­nen
ent­wi­ckelt wur­den. Laut die­sem Rah­men durf­ten die
Hoch­schu­len seit­her selbst die Stu­di­en­gän­ge bil­den und
aus­füh­ren, vor­aus­ge­setzt jedoch die Erfül­lung von fol­gen­den
Kri­te­ri­en:
– Die Lern­er­geb­nis­se sol­len sich auf einen Bil­dungs­be­reich,
eine wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin oder eine
Fach­rich­tung bezie­hen.
– Die Hoch­schu­le muss einer Stra­te­gie sowie einer
Mis­si­on (Bil­dungs­ziel) fol­gen müs­sen.
– Die Bil­dung ent­spricht den Bedürf­nis­sen der gesell­schaft­li­chen
und wirt­schaft­li­chen Umge­bung.
– Die all­ge­mei­ne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung muss um
die kon­kre­ten prak­ti­schen Züge ergänzt und
dadurch pro­fi­liert wer­den.
Ziel des Natio­na­len Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­mens (NQR)
ist die Schaf­fung von Trans­pa­renz und Ver­gleich­bar­keit
zwi­schen Bil­dungs­ab­schlüs­sen („Qua­li­fi­ka­tio­nen“) sowohl
im natio­na­len als im auch euro­päi­schen Kon­text.
Tkaczyński/Kordyś · Über das Jura­stu­di­um in Polen 1 9 7
5 Rozpor­ządze­nie Minis­tra Nau­ki i Szkol­nict­wa Wyżs­ze­go z 5
paźd­zier­ni­ka 2011 w spra­wie warun­ków pro­wadze­nia stu­diów
na okreś­l­onym kie­run­ku i pozio­mie ksz­tałce­nia, [in:] Dz. U. RP
2011, Pos. 1445.
6 Kry­sty­na Wojt­c­zak, O refor­mach stu­diów praw­nic­zych i nauc­za­niu
pra­wa w Polsce w lat­ach 1918–2015, [in:] Stu­dia Pra­wa
Publi­cz­ne­go 9 (2015), S. 68.
7 Usta­wa z 11 lip­ca 2014 o zmia­nie usta­wy – Pra­wo o szkol­nict­wie
wyżs­zym oraz niek­tó­rych innych ustaw, [in:] Dz. U. RP 2014,
Pos. 1198 sowie Rozpor­ządze­nie Minis­tra Nau­ki i Szkol­nict­wa
Wyżs­ze­go z 3 paźd­zier­ni­ka 2014 w spra­wie warun­ków pro­wadze­nia
stu­diów na okreś­l­onym kie­run­ku i pozio­mie ksz­tałce­nia, [in:]
Dz. U. RP 2014, Pos. 1370.
8 https://pl.wikipedia.org/wiki/Ludno%C5%9B%C4%87_
Polski#Po_II_wojnie_%C5%9Bwiatowej.
9 Usta­wa z 20 lip­ca 2018 — Pra­wo o szkol­nict­wie wyżs­zym i nauce,
[in:] Dz. U. RP 2018, Pos. 1668.
10 Wil­liam M. Sul­li­van et al., Edu­ca­ting Lawy­ers: Pre­pa­ra­ti­on for the
Pro­fes­si­on of Law, San Fran­cis­co 2007, S. 46 f.
11 Jolan­ta Jabłońs­ka-Bon­ca, Pro­ble­my ze spó­j­nością pra­wa i regu­lac­ja­mi
poza­prawny­mi a siła spraw­c­za państ­wa – zarys tema­tu, [in:]
Kry­ty­ka Pra­wa 1 (2015), S. 157–175.
Dabei ist es grund­sätz­lich uner­heb­lich, in wel­cher Bil­dungs­ein­rich­tung
ein Abschluss erwor­ben wur­de. Denn
für die Ein­stu­fung sind die Lern­er­geb­nis­se maß­ge­bend,
die durch eine Qua­li­fi­ka­ti­on zer­ti­fi­ziert wer­den. Abhän­gig
vom kon­kre­ten Pro­fil einer Qua­li­fi­ka­ti­on kön­nen
sich die­se Lern­er­geb­nis­se auf eine wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin,
ein Stu­di­en­fach oder auf einen kon­kre­ten Beruf
bzw. ein Berufs­feld bezie­hen. Dar­aus folgt, dass sehr unter­schied­li­che
Qua­li­fi­ka­tio­nen auf der glei­chen Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fe
lie­gen kön­nen, ohne dass die­se Abschlüs­se
aber gleich­ar­tig in Bezug auf ihre kon­kre­ten Inhal­te sind.
Im Fall des Jura­stu­di­ums bedeu­te­te die neu­ein­ge­führ­te
Lösung, dass das Stu­di­en­fach Jura außer als Ein­heits­struk­tur
in Form des zehn­se­mest­ri­gen Stu­di­ums
auch als sechs­se­mest­ri­ges sowie als vier­se­mest­ri­ges Auf­bau­stu­di­um
ange­bo­ten wer­den konnte5. Dies fand aber
kei­ne brei­te Zustim­mung in der aka­de­mi­schen Welt Polens.
Im Gegen­teil, die Mög­lich­keit den Weg zum juris­ti­schen
Abschluss­di­plom zu ver­kür­zen, stieß auf Ablehnung6.
Man argu­men­tier­te dabei, die Juraab­sol­ven­ten
auf die­se Art und Wei­se auf den Arbeits­markt zuzu­las­sen,
bedeu­tet eine unglei­che Start­po­si­ti­on und, was viel
wich­ti­ger schien, ihnen kei­ne vol­le Aus­bil­dung anbie­ten
zu kön­nen. Das Minis­te­ri­um folg­te die­ser Kri­tik und
mach­te einen Rückzieher7. Seit­her gilt in Polen, dass Jura
nur als zehn­se­mest­ri­ges Ein­heits­stu­di­um ange­bo­ten
wer­den darf.
Die­ser Zick-Zack-Kurs bezeugt, dass man kei­ne kla­re
Vor­stel­lung zum dama­li­gen Zeit­punkt hat­te, wie der
Ver­lauf des Jura­stu­di­ums in Polen eigent­lich aus­se­hen
soll. Die­se kri­ti­sche Aus­sa­ge muss jedoch durch eine ande­re
Fest­stel­lung rela­ti­viert und gemil­dert wer­den, der­zu­fol­ge
das Spek­trum an Her­aus­for­de­run­gen in dem Anpas­sungs­pro­zess
nach wie vor groß ist. Die Ska­la der
Umwäl­zungs­pro­ble­me im pol­ni­schen Hoch­schul­we­sen
spie­gelt am bes­ten der demo­gra­phi­sche Indi­ka­tor wider.
In der ers­ten Deka­de des 21. Jahr­hun­derts muss­ten die
Hoch­schu­len hier­zu­lan­de sich mit dem mas­sen­haf­ten
Ansturm von star­ken Geburts­jahr­gän­gen aus den Jah­ren
1982–1985 (ca. 700.000 Gebur­ten jähr­lich) aus­ein­an­der­set­zen,
wäh­rend­des­sen variiert(e) die­se Zahl davor und
danach um ca. 400.000 pro Jahr8. Dies führ­te zu einer
Grün­dungs­wel­le von pri­va­ten Bache­lor-Hoch­schu­len einer­seits,
ande­rer­seits zur Locke­rung der Stu­di­en­stan­dards
und im End­ef­fekt zur Sen­kung des
Aus­bil­dungs­ni­veaus.
Die Sta­bi­li­sie­rung des demo­gra­phi­schen Pen­dels
heut­zu­ta­ge auf dem oben genann­ten Niveau mach­te die
not­wen­di­gen Anpas­sungs­re­for­men ein­zu­füh­ren mög­lich,
die nicht mehr auf das Wider­stre­ben der pri­va­ten
Hoch­schul­we­sens­lob­by, son­dern auf einen brei­ten Kon­sens
sto­ßen. Das neue Hochschulgesetz9, wel­ches nach
über zwei­jäh­ri­gen zähen Ver­hand­lun­gen zustan­de gekom­men
ist, stellt den Aus­druck einer Über­ein­kunft dar,
die sowohl den Erwar­tun­gen des Arbeits­mark­tes, als
auch den hohen EU-Hür­den Rech­nung tra­gen soll­te.
Dass die­se Erwar­tun­gen jedoch nach wie vor mühe­voll
zu ver­wirk­li­chen sind, zeigt die wei­ter­ge­führ­te Dis­kus­si­on
in Bezug auf die opti­ma­le Gestal­tung des
Jura­stu­di­ums.
III. Wozu eigent­lich wird das neue Modell des Jura­stu­di­ums
gebraucht?
Es lohnt sich, die Dis­kus­si­on um das (neue) Modell des
Jura­stu­di­ums, wel­ches heut­zu­ta­ge in Polen ver­wirk­licht
wird, aus der Per­spek­ti­ve einer grund­sätz­li­chen Fra­ge
nach den Zie­len die­ses Stu­di­ums dar­zu­stel­len. Bei ideel­ler
Annah­me ist ein gut gerüs­te­ter Jurist der­je­ni­ge der,
ähn­lich wie im Aus­bil­dungs­we­sen des Com­mon Law,
enga­giert wird und die Ände­run­gen im Sin­ne von „das
Recht in Bewe­gung“ im gesetz­ge­be­ri­schen Lauf beglei­ten
kann10. Man muss die so aus­ge­leg­te Defi­ni­ti­on des
Juris­ten­be­griffs jedoch um zusätz­li­chen Züge ergän­zen.
Dem­nach ist ein gut aus­ge­bil­de­ter Jurist der­je­ni­ge, wel­cher
nicht nur die Struk­tur und alles, was Recht aus­macht,
ver­steht, son­dern auch die Rechts­um­ge­bung
wahrnimmt11. Im unter­schied­li­chen Aus­maß soll­ten die
so zuge­schnit­te­nen Rol­len dann all die­se Per­so­nen erfül­len,
die eine juris­ti­sche Aus­bil­dung hin­ter sich haben
1 9 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 1 9 5
12 Filip Rakoc­zy, Czy praw­ni­cy powin­ni być prag­ma­ty­st­ami? Kil­ka
słów o edu­ka­c­ji praw­nic­zej z per­spek­ty­wy neo­prag­ma­tyzmu R.
Rorty’ego, [in:] Kry­ty­ka Pra­wa 3 (2016), S. 120 f.
13 Tomasz Braun, Uwa­gi o stu­diach praw­nic­zych i apli­ka­c­jach z per­spek­ty­wy
współc­zes­nych ocze­ki­wań ryn­ku, [in:] Kry­ty­ka Pra­wa 3
(2018), S. 163.
14 Mateusz Mro­c­zek, Ksz­tałce­nie praw­ni­ków a wyzwa­nia
współc­zes­ności, [in:] Na Wokan­dzie 32 (2017), https://nawokandzie.
ms.gov.pl/numer-32/aplikacja-i-kariera-14-numer-32/
ksztalcenie-prawnikow-a-wyzwania-wspolczesnosci.html.
15 Bro­nisław Sitek, Rynek pra­cy praw­ni­ków w Polsce po dere­gu­lac­ji
zawo­dów praw­nic­zych (adwo­ka­ta i rad­cy praw­n­e­go), [in:] Stu­dia
Praw­nou­s­tro­jo­we 32 (2016), S. 176–177.
16 Kry­sty­na Wojt­c­zak, O refor­mach stu­diów praw­nic­zych i nauc­za­niu
pra­wa w Polsce 1918–2015, [in:] Stu­dia Pra­wa Publi­cz­ne­go 1
(2015), S. 66, FN 110.
17 Jolan­ta Jabłońs­ka-Bon­ca / Kamil Zeid­ler, Praw­nik a sztu­ka reto­ry­ki
i negoc­ja­c­ji, Wars­za­wa 2016, S. 34 f.
18 Andrzej J. Szwarc, Pro­ble­my ksz­tałce­nia praw­nic­ze­go (wpro­wadze­nie
do dys­kus­ji), [in:] Państ­wo i Pra­wo 1 (2010), S. 3–9.
und gleich­zei­tig in den fol­gen­den Berei­chen den Juris­ten­be­ruf
aus­üben:
– Anwen­dung des Rechts im Rah­men des
Gerichts­we­sens
– Bera­tung (Finanz‑, Personal‑, Fir­men- usw.)
– Gesetz­ge­bung und Legis­tik
– For­schung und Leh­re an den Uni­ver­si­tä­ten
bzw. Fach­in­sti­tu­ten
– Mei­nungs­bil­dung und jour­na­lis­ti­sche Ver­mitt­lung
von Recht.
Wenn wir uns die­ses Kon­zept näher betrach­ten wol­len,
dann kön­nen wir nicht umhin, auch danach zu fra­gen,
ob das prak­ti­zier­te Modell, immer mehr von dem
Theo­rie­wis­sen an die Stu­die­ren­den wei­ter­zu­ge­ben und
die­ses wäh­rend der Examens abzu­fra­gen, ein sinn­vol­les
ist12.Es ist unbe­streit­bar, dass die uni­ver­si­tä­re juris­ti­sche
Aus­bil­dung durch soli­des Theo­rie­wis­sen gekenn­zeich­net
wer­den soll. Die­sem Pos­tu­lat steht es aber nicht ent­ge­gen,
die­ses Wis­sen nicht nur in der Anleh­nung an die
Vor­schrif­ten zu lie­fern, son­dern auch auf dem Weg der
Anwen­dung die­ser Vor­schrif­ten in der Pra­xis zu ana­ly­sie­ren.
Wäh­rend­des­sen folgt die prak­ti­sche Aus­bil­dung
in Polen in Form eines Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats wei­ter­hin
dem theo­re­ti­schen Wie­der­ho­lungs­mo­dell des Uni­ver­si­täts­wis­sens.
Bei allem Respekt für die Tra­di­ti­on, ein so
kon­zi­pier­tes zwei­stu­fi­ges Modell zu durch­lau­fen, um an
die vol­le beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on zu gelan­gen, muss man
sich doch fra­gen, ob es nach wie vor zeit­ge­mäß ist13.
In Bezug auf die Erfor­der­nis­se des Arbeits­mark­tes ist
die Kri­tik von einem so beschrie­be­nen Modell leicht. Sie
stützt sich auf die fol­gen­den Argu­men­te:
– Das jet­zi­ge, zwei­stu­fi­ge Modell dau­ert viel zu lang.
Im Ver­gleich zu ande­ren Stu­di­en­gän­gen in Polen ist
dies unver­hält­nis­mä­ßig. Zusätz­lich ist zu beach­ten,
dass das so kon­zi­pier­te Modell in vie­len ande­ren
Staa­ten nicht vor­kommt und, was noch viel wich­ti­ger
sein wird, den pol­ni­schen Absol­ven­ten somit
den Weg, schnel­ler in die beruf­li­che Selb­stän­dig­keit
zu gelan­gen, erschwert14.
– Das Jura­stu­di­um gehört nach dem Medi­zin­stu­di­um
zum meist gewähl­ten der pol­ni­schen Abitu­ri­en­ten.
Das impli­ziert im End­ef­fekt den mas­sen­haf­ten
Ansturm auf das Stu­di­um, sowie an die wei­te­re
beruf­li­che Aus­bil­dung in Form des Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats.
Die­ses soll modell­haft unter den Fit­ti­chen
eines prak­ti­zie­ren­den Juris­ten statt­fin­den. Ange­sichts
der Über­zahl von Wil­li­gen ist dies jedoch
kaum zu bewäl­ti­gen und daher über­rascht es nicht,
dass die­ses, völ­lig an den Aus­bil­dungs­zie­len vor­bei,
in einer fik­ti­ven Betreu­ung mündet15.
Es wird bei der bis­he­ri­gen (tra­di­tio­nel­len) Art und
Wei­se, wie die Juris­ten aus­zu­bil­den sind, ange­nom­men,
dass das ange­streb­te Stu­di­en­ziel mit der Vor­be­rei­tung
der Juraab­sol­ven­ten zum Refe­ren­da­ri­at und anschlie­ßend
zur Aus­übung eines sog. Robe-Beru­fes (Rich­ter,
Staats- und Rechts­an­walt sowie Jus­ti­ti­ar) gleich­zu­setz­ten
ist16. Heut­zu­ta­ge wis­sen wir, dass ein so prak­ti­zier­tes Modell
obso­let ist und kei­nes­falls den Erwar­tun­gen des Arbeits­mark­tes
ent­spricht. Zwar stimmt es, dass das Jura­stu­di­um
im All­ge­mei­nen auch dem Ziel dien­lich sein
soll­te, den Nach­wuchs für die Gesell­schafts­eli­te zu gene­rie­ren,
den­noch liegt es eben im Inter­es­se die­ser Gesell­schaft,
die Fach­leu­te aus­zu­bil­den, die einen Ein­stieg in
die juris­ti­sche Berufs­welt weder scheu­en noch fürch­ten.
In die­sem Zusam­men­hang muss man die grund­sätz­li­che
Fra­ge nach der Rol­le von Juris­ten in der Gesell­schaft
wie­der­ho­len. Sol­len sie die Trä­ger der juris­ti­schen
Kul­tur sein, wel­che im Stan­de sind, im öffent­li­chen Bereich
tätig zu wer­den, oder doch nur die hoch­qua­li­fi­zier­ten
Fachleute?17 Die Ansicht, die die Rol­le von Juris­ten
nur auf die Hoch­spe­zia­li­sie­rung bei der Aus­bil­dung beschränkt,
wird wegen pra­xis­be­zo­ge­ner Gewinn­ma­xi­mie­rung
von Sei­te der Jura-Indus­trie (Kanz­lei­en, Rechts­be­ra­tung
etc.) ver­tre­ten. Die­sen immer lau­ter wer­den­den
Stim­men muss aller­dings ent­ge­gen­hal­ten wer­den, dass
dies vor­an­zu­trei­ben bedeu­tet, dass die Bedeu­tung des Juris­ten­be­rufs
gesell­schaft­lich ver­min­dert wird. Es wun­dert
daher nicht, schon vor Jah­ren eine vor einem sol­chen
Abbau war­nen­de Stim­me zu hören18.
Inzwi­schen wird ver­sucht, sich auf ein Mini­mum zu
ver­stän­di­gen, und zwar in dem Sin­ne, dass das Jura­stu­di­um
vor allem von einem soli­den theo­re­ti­schen Wis­sen
Tkaczyński/Kordyś · Über das Jura­stu­di­um in Polen 1 9 9
19 Bar­ba­ra Gles­ner Fines, Fun­da­men­tal Princi­ples and Chal­len­ges
of Huma­ni­zing Legal Edu­ca­ti­on, [in:] Washburn Law Jour­nal 47
(2008), S. 313–326.
20 Elliott S. Mil­stein, Cli­ni­cal Legal Edu­ca­ti­on in the United Sta­tes:
In-House Cli­nics, Externships, and Simu­la­ti­ons, [in:] Jour­nal of
Legal Edu­ca­ti­on 3 (2001), S. 375–381 pas­sim.
21 Tomasz Braun, Uwa­gi o stu­diach praw­nic­zych i apli­ka­c­jach z
per­spek­ty­wy współc­zes­nych ocze­ki­wań ryn­ku, op. cit., S. 169.
22 Gerald F. Hess, Heads and Hearts: The Tea­ching and Lear­ning
Envi­ron­ment in Law School, [in:] Jour­nal of Legal Edu­ca­ti­on 1–2
(2002), S. 75–111 pas­sim.
23 Lar­ry D. Bar­nett, The Place of Law. The Role and Limits of Law in
Socie­ty, New Bruns­wick-Lon­don 2011, S. 43–46.
unter­mau­ert und zugleich ein uni­ver­si­tä­rer Cha­rak­ter
bewahrt wer­den sollte19. Das heißt aber lan­ge nicht, dass
die Stu­die­ren­den von der Pra­xis abge­hal­ten wer­den sol­len.
Im Gegen­teil, es soll ihnen wäh­rend des Stu­di­ums
auch ermög­licht wer­den, eine Por­ti­on pra­xis­be­zo­ger Erfah­run­gen
zu sam­meln, sei es auf­grund der Teil­nah­me
an Vor­le­sun­gen, die von Prak­ti­kern gele­sen wer­den, sei
es auf­grund eines simu­la­ti­ven Ver­fah­rens, in dem man
das kon­kre­te Delikt als eine Pro­zess­par­tei über­prü­fen
kann20.
Als im Jah­re 1997 Clay­ton M. Chris­ten­sen in sei­nem
Buch Innovator‘s Dilem­ma. When New Tech­no­lo­gies
Cau­se Gre­at Firms to Fail zum ers­ten Mal den Begriff dis­rup­ti­ve
inno­va­ti­on for­mu­lier­te, hat sich damals kei­ner
dar­über Gedan­ken gemacht, dass die­se For­mu­lie­rung
auch in Bezug auf die Rechts­wis­sen­schaft ziel­tref­fend anzu­wen­den
gewe­sen wäre. Denn obgleich die Dia­gno­se
stimmt, dass wir heut­zu­ta­ge in einer tur­bu­len­ten Welt leben
und vie­les im Umbruch steht, ist das Heil­mit­tel nach
wie vor nicht gefun­den. Also die Arz­nei in Form einer
destruk­ti­ven Inno­va­ti­on, wel­che den Markt­be­dürf­nis­sen
hin­sicht­lich der Aus­bil­dung von Juris­ten einer­seits und
ande­rer­seits dem gesell­schaft­lich gewünsch­ten sowie demo­kra­tisch
gesinn­ten esprit de corps der Juris­ten nicht
zuwi­der­läuft.
Der heu­ti­ge Drang nach der Spe­zia­li­sie­rung sei­tens
des Mark­tes ist ver­ständ­lich, wenn wir die moder­ne
high-tech Wirt­schafts­ent­wick­lung beob­ach­ten. Obgleich
die Welt­wirt­schaft immer (auch wenn dies hier banal
klingt) kom­ple­xer wird, wird sie dadurch nicht weni­ger
unvor­her­seh­bar. Um all sol­chen Trends nicht nur pas­siv
zu trot­zen, son­dern auch den dar­aus resul­tie­ren­den Bedürf­nis­sen
aktiv genü­ge zu tra­gen, ver­su­chen eben die
Juris­ten Ant­wor­ten zu lie­fern, die behilf­lich sein soll­ten,
neu auf­ge­tauch­te Rechts­fra­gen zu lösen. Den­noch, zu
Recht stellt Tomasz Braun mit Bedau­ern fest, dass das
Alles zwar von der Rechts­leh­re inzwi­schen schon erkannt
wur­de, jedoch in mini­ma­lem Umfang in das Stu­di­en­pro­gramm
einsickerte21.
In einer sol­chen Lage wäre es daher rat­sam, inter­dis­zi­pli­när
zu han­deln. Der inter­dis­zi­pli­nä­re Ansatz bedeu­tet
hier, den Stu­die­ren­den nicht nur ledig­lich ein Wis­sen­spen­sum
anzu­bie­ten, son­dern ihnen auch wei­ter­ge­hen­de
Kom­pe­ten­zen zu ver­mit­teln sowie dazu die not­wen­di­gen
gesell­schaft­li­chen Fähig­kei­ten aus­zu­bau­en.
Wie man ans Ziel, ein Jurist zu wer­den, kommt, zeigt in
die­sem Fall am bes­ten das angel­säch­si­sche Model. Es ist
hier bei­na­he eine typi­sche Vor­ge­hens­wei­se, dass die
Juraa­dep­ten vor ihrem Jura­stu­di­um einen ande­ren Stu­di­en­gang
absol­vie­ren. Unab­hän­gig davon, ob der­je­ni­ge
Jura­an­wär­ter sein Stu­di­um im Fach von poli­ti­scher Wis­sen­schaft,
Sozio­lo­gie, Öko­no­mie oder sogar von sol­chen
wie Medi­zin bzw. Inge­nieur­we­sen abge­schlos­sen hat,
wird ihm der Weg zu den juris­ti­schen Beru­fen nicht versperrt22.
Zwei­fels­oh­ne pro­fi­tiert von einem dop­pel­ten
Abschluss­di­plom sowohl der­je­ni­ge selbst, als auch sein
Arbeit­ge­ber. Die spe­zi­fi­schen Kennt­nis­se, die er bei dem
ers­ten Stu­di­um erwirbt, sind in Bezug auf die oben ange­spro­che­nen
Her­aus­for­de­run­gen bei der Aus­übung eines
Juris­ten­jobs ein­fach Gold wert.
Die Idee, ins Jura­stu­di­um mehr Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät
ein­zu­füh­ren, resul­tiert dar­aus, dass das Recht natur­ge­mäß
alle Berei­che des Lebens durch­dringt, denn gewiss
alle oder, genau­er gesagt, fast alle mensch­li­chen Akti­vi­tä­ten
sind vom Recht gekenn­zeich­net. Noch wich­ti­ger
scheint es jedoch, dass von einem Juris­ten heut­zu­ta­ge
nicht nur die fach­li­che Kom­pe­tenz erwar­tet wird, son­dern
auch das Ver­ste­hen der kom­pli­zier­ten Wirtschafts‑,
Gesell­schafts- und Poli­tik­ver­flech­tung. Wäh­rend­des­sen
bewei­sen an den pol­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten bei­spiel­haft
die Vor­le­sun­gen zum Wirt­schafts­recht, wie man die­ses
im eher begrenz­ten Umfang liest. Man unter­schei­det
häu­fig nur zwi­schen dem öffent­li­chen und pri­va­ten
Wirt­schafts­recht, was dazu führt, dass die Zwei­ge wie
bei­spiels­wei­se Transport‑, Arznei‑, Bör­sen­recht außen
vor blei­ben. Es man­gelt bei der Aus­bil­dung von Juris­ten
auch an einer Manage­ment­vor­le­sung. Im End­ef­fekt
kommt auf den Arbeits­markt meist ein Jurist, der sich
erst durch lear­ning by doing das erfor­der­li­che Instru­men­ta­ri­um
aneig­net.
Der größ­te Ver­lust ist aber in ande­rer Hin­sicht zu
ver­zeich­nen, näm­lich in Bezug auf die Rol­le eines Juris­ten
in der Gesell­schaft. Alle juris­ti­schen Beru­fe gehö­ren
der Berufs­spar­te an, wel­che sich durch eine Prä­gung des
öffent­li­chen Ver­trau­ens von vie­len ande­ren Berufs­grup­pen
unter­schei­det. Wenn wir hier außer Acht las­sen, was
das öffent­li­che Ver­trau­en aus­macht bzw. wie man es defi­niert,
kön­nen wir nicht umhin, fest­stel­len zu müs­sen,
dass dies eine fun­da­men­ta­le Kate­go­rie des Staats­rechts
darstellt23. Vor die­sem Hin­ter­grund klingt das Pos­tu­lat,
2 0 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 1 9 5
die Ethik­vor­le­sung um die öffent­li­chen Züge vom Ver­trau­ens­ver­ständ­nis
im Jura­stu­di­en­pro­gramm zu ergän­zen,
mehr als plausibel24. Anders­her­um mag es von­nö­ten
sein, es statt mit einem Juris­ten, mit einem als Geschäfts­mann
ver­klei­de­ten Juris­ten zu tun zu haben. Ob dies jedoch
gesell­schaft­lich gewünscht und ertrag­bar sein wird,
bleibt mehr als offen.
Prof. Dr. Jan Wik­tor Tka­c­zyń­ski ist o. Pro­fes­sor an der
Jagiel­lo­nen Uni­ver­si­tät in Kra­kau (Polen). Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te
sind ver­glei­chen­des Ver­fas­sungs­recht
sowie das Euro­päi­sche Umwelt­schutz­recht,
auch im Ver­gleich mit den Rechts­ent­wick­lun­gen
in Ost­asi­en. Wik­tor Kor­dyś ist dort Dok­to­rand.
24 Jer­zy Les­zc­zyń­ski, Ety­ka zawo­do­wa praw­ni­ków, [in:] Edu­ka­c­ja
Praw­nic­za 1 (2015/2016), S. 26 f.