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Übersicht1
Prolog
I. Wis­sen­schaft­lich­keit und Wahr­heits­ori­en­tie­rung im
Modus auf­ge­klär­ten Zweifelns
II. Kri­tik des Wis­sen­schafts­be­triebs – Struk­tu­ren und
Finan­zen hinterfragen
III. Irri­ta­ti­on, Per­spek­tiv­wech­sel, Komplexitätssteigerung
IV. Sach­lich­keit, Gelas­sen­heit, Eindringlichkeit
V. Dif­fe­ren­zie­ren von Argu­men­ta­ti­ons­ebe­nen, Ausstrahlen
auf den poli­ti­schen Journalismus
Epilog
Der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus steht im vermeintlich
post­fak­ti­schen Zeit­al­ter vor beson­de­ren Herausforderungen.
Auf ihn rich­ten sich auch beson­de­re Hoffnungen.
Der Bei­trag ent­wirft ein nor­ma­ti­ves Leit­bild für den
Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus. Die­ses Leit­bild setzt auf
Wahr­heits- und Fak­ten­ori­en­tie­rung, warnt zugleich aber
vor szi­en­tis­ti­schem Über­ei­fer. Es mahnt dazu, auch die
Struk­tu­ren des Wis­sen­schafts­be­triebs kri­tisch zu
beleuch­ten und sich nicht mit der Rol­le des Übersetzens
und Popu­la­ri­sie­rens von For­schungs­er­geb­nis­sen zu
begnü­gen. Und schließ­lich warnt es davor, sich treiben
zu las­sen von einer emo­tio­na­li­sier­ten und überreizten
Kommunikationskultur.
Prolog
Lässt sich über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus
spre­chen, ohne über die Zukunft des Journalismus
zu spre­chen? Und lässt sich, so mag man apokalyptisch
gestimmt wei­ter fra­gen, über die Zukunft des Journalismus
spre­chen, ohne über die Zukunft als sol­che zu sprechen?
Es sind Wis­sen­schaft­ler und Wissenschaftsjournalisten,
die den Men­schen vor Augen füh­ren, wie es um
die­sen Pla­ne­ten steht: nicht gera­de glän­zend. Auf der
ande­ren Sei­te sind es eben­falls Wis­sen­schaft­ler und Wissenschaftsjournalisten,
die mit Fak­ten und guten Argumenten
dazu mah­nen, vor­han­de­ne glo­ba­le Fortschritte,
zum Bei­spiel bei den Impf­quo­ten oder im Kampf gegen
den Hun­ger, nicht im nega­ti­ven Nachrichtenstrom
unter­ge­hen zu las­sen. Der gro­ße Erfolg von Hans Roslings
Buch „Fact­ful­ness“ (Ros­ling 2018), das vor einer
unbe­rech­tig­ten Kata­stro­phen­stim­mung warnt, ist ein
Beleg dafür, dass vie­le Men­schen genug haben vom
Nega­ti­vis­mus der Medien.
Wie so oft ent­zieht sich die Wirk­lich­keit mit ihren
Her­aus­for­de­run­gen einem ein­fa­chen Schematismus.
Dar­aus den Schluss zu zie­hen, es gäbe kei­ner­lei Dringlichkeiten,
wäre jedoch falsch. So zu tun, als sei die Welt
zu wider­sprüch­lich, um sich auf irgend­et­was fest­le­gen zu
kön­nen, zeugt von unver­ant­wort­li­cher Bequemlichkeit.
Die Erkennt­nis­se, die bei­spiels­wei­se über den Schwund
der Arten (den Ver­lust der Bio­di­ver­si­tät) oder über den
Wan­del des Kli­mas exis­tie­ren, erschei­nen so soli­de, dass
es gera­de­zu kin­disch anmu­tet, wenn erwach­se­ne Menschen
– Poli­ti­ker und Prä­si­den­ten – die Augen davor
ver­schlie­ßen. Als ob das Unheil schwin­det, wenn man
nicht hinsieht.
Die Bereit­schaft zur Igno­ranz hat vie­le Ursa­chen. Es
hilft ihr, dass sie sich als Wider­stand gegen mediale
Über­hit­zun­gen und Hys­te­rie aus­ge­ben kann. Es ist der
Witz unse­rer Zeit: dass sich Anti-Auf­klä­rer als Aufklärer
der durch­aus vor­han­de­nen Irra­tio­na­li­tä­ten fortgeschrittener
Medi­en­de­mo­kra­tien aufspielen.
Eine Gefahr besteht nun dar­in, sich von der Logik
des Pola­ri­sie­rens trei­ben zu las­sen. Freund oder Feind,
wahr oder falsch, Ret­tung oder Unter­gang – ehe man
sich’s ver­sieht, gerät man selbst unter Zug- und Entscheidungszwang.
Und es lau­ert stets die Ver­su­chung, überzogen
zu reagie­ren auf die noto­ri­schen Igno­ran­ten und
Ver­ein­fa­cher. Es ist das Prin­zip, das auch poli­ti­sche Extremisten
und Ter­ro­ris­ten so gefähr­lich macht; über ihre
kon­kre­ten Anschlä­ge und über das Lei­den, das die­se verursachen,
hin­aus. Sie nis­ten sich ein in unse­ren Köpfen,
sie pro­vo­zie­ren und sie rei­zen uns, und sie kön­nen auf
die­se Wei­se die Mode­ra­ten, die Fried­fer­ti­gen und Frei-
Tan­jev Schultz
Wahr­heit und Zweifel
Zur Zukunft des Wissenschaftsjournalismus
1 Der Auf­satz beruht auf einem Fest­vor­trag, den der Autor am

  1. Dezem­ber 2019 bei der Ver­lei­hung des Uni­ver­si­tas-Prei­ses für
    Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus der Hanns Mar­tin Schley­er-Stif­tung in
    Ber­lin gehal­ten hat. Preis­trä­ge­rin war die Wissenschaftsjournalistin
    Ste­pha­nie Kus­ma (Neue Zür­cher Zei­tung). Tan­jev Schultz hat
    den Uni­ver­si­tas-Preis im Jahr 2013 erhalten.
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
    9 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 2 ( 2 0 2 0 ) , 9 5 — 1 0 0
    heits­lie­ben­den dazu ver­lei­ten, Ver­rat an ihren Idea­len zu
    bege­hen und den Recht­staat und den Raum der Freiheit
    über Gebühr einzuschränken.
    Wir erle­ben, ich hal­te das für kei­ne Über­trei­bung, in
    der Gegen­wart auch eine Form des epis­te­mi­schen Terrorismus.
    Wir erle­ben Anschlä­ge auf die Fun­da­men­te wissenschaftlichen
    und auf­klä­re­ri­schen Den­kens. Wir erleben
    Anschlä­ge auf die Spra­che, eine Ver­dre­hung von Begriffen,
    eine Ver­ro­hung der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir erleben,
    inmit­ten eta­blier­ter Demo­kra­tien, alte und neue
    For­men dreis­ter Pro­pa­gan­da, an die wir uns entweder
    auf bedroh­li­che Wei­se zu schnell gewöh­nen – oder die
    uns dazu ver­lei­ten, mit Mit­teln zurück­zu­schla­gen, die alles
    nur schlim­mer machen.
    Eine der vie­len Her­aus­for­de­run­gen in die­sem Zusammenhang
    liegt in der Fra­gi­li­tät und Plu­ra­li­tät wissenschaftlicher
    Metho­den und Welt­zu­gän­ge. Wer wie
    Donald Trump und ande­re Popu­lis­ten zuguns­ten der eigenen
    Pro­pa­gan­da „alter­na­ti­ve Fak­ten“ konstruiert,
    schließt damit auf per­fi­de Wei­se an erkenntnistheoretische
    und metho­do­lo­gi­sche Kon­tro­ver­sen der Wissenschaft
    an. Es ist ja längst Gemein­gut und zum Allzweckeinwand
    gewor­den, dass es fast kei­ne Dis­zi­plin gibt, in
    der nicht zwei Exper­ten drei unter­schied­li­che Auffassungen
    vor­brin­gen können.
    Der Jour­na­lis­mus und spe­zi­ell der Wissenschaftsjournalismus
    wären schlecht bera­ten, auf die­se Situation
    mit einem szi­en­tis­ti­schen Über­ei­fer zu reagie­ren. Dass
    die Zei­ten eines nai­ven Wis­sen­schafts­glau­bens vorbei
    sind, braucht nicht betrau­ert zu wer­den, es dür­fen nur
    Wis­sen­schafts­feind­lich­keit und Wahrheitsverachtung
    nicht die Ober­hand gewin­nen. Epis­te­mi­sche Autoritäten
    exis­tie­ren auch heu­te noch. Sie zu sta­bi­li­sie­ren, ohne sie
    unan­ge­mes­sen zu über­hö­hen, ist eine zen­tra­le Funktion
    des Wissenschaftsjournalismus.
    Zugleich muss er allen Auto­ri­tä­ten, auch den epistemischen,
    stets mit einem ver­nünf­ti­gen Maß an Misstrauen
    und Zwei­fel begeg­nen. Und mit der furcht­lo­sen Bereitschaft,
    sich jeder­zeit gegen das Eta­blier­te und gegen
    die Eta­blier­ten zu stel­len und herr­schen­de Leh­ren und
    Struk­tu­ren anzu­grei­fen, wenn es dafür gute Grün­de gibt.
    Die Wahr­heit wird nur ret­ten kön­nen, wer sich ihrer
    nicht gewiss ist. Die Wahr­heit in einem wissenschaftlichen
    und in einem jour­na­lis­ti­schen Sin­ne zu verteidigen,
    kann nur bedeu­ten, stets auch den Zwei­fel zu kultivieren.
    Für For­scher wie auch für Jour­na­lis­ten ist es nie verkehrt,
    sich die eige­nen Beschrän­kun­gen bewusst zu machen.
    Die sym­pa­thi­sche Ein­sicht, nur zu wis­sen, dass
    man im Grun­de nichts weiß, mutet frei­lich hilf­los und
    sogar gefähr­lich an in Zei­ten, in denen das selbstbewusste,
    von Zwei­feln oder gar von Tat­sa­chen unge­trüb­te Ausrufen
    abstru­ser The­sen um sich greift. Den­noch ist eine
    grund­sätz­li­che erkennt­nis­theo­re­ti­sche Demut, auch für
    Jour­na­lis­ten, die tra­di­tio­nell eher nass­for­sche Pragmatiker
    sind, ein wich­ti­ges Kor­rek­tiv. Sie muss kei­nes­wegs in
    Rela­ti­vis­mus oder Apa­thie mün­den, schützt aber vor einem
    Abglei­ten in Dog­ma­tis­mus und Into­le­ranz. Und solange
    wir die Welt, die natür­li­che und die sozia­le, bewusst
    gestal­ten, lässt sich die­se Demut auf einer anderen
    Stu­fe der Refle­xi­on sehr wohl ver­ein­ba­ren mit einem
    empi­ri­schen und prag­ma­ti­schen Ansatz, der den Zweifel
    (zeit­wei­se) wie­der in die Schran­ken weist und dem alten
    Gedan­ken John Lockes folgt, der tref­fend bemerkte:
    „Wenn wir alles bezwei­feln wol­len, weil wir nicht alles mit
    Gewiss­heit erken­nen kön­nen, so han­deln wir ungefähr
    eben­so wei­se wie der­je­ni­ge, der sei­ne Bei­ne nicht gebrauchen
    woll­te, son­dern still saß und zugrun­de ging, weil er
    kei­ne Flü­gel zum Flie­gen hat­te.“ (John Locke, Ver­such über
    den mensch­li­chen Ver­stand, Ein­lei­tung §5, hier zitiert
    nach Locke 1981 [1689]: 26)
    Die Zurück­hal­tung und die Beschei­den­heit, die den
    Jour­na­lis­mus und die Wis­sen­schaft aus­zeich­nen und
    zie­ren soll­ten, darf nicht ver­wech­selt wer­den mit einer
    Unter­wer­fung unter die Stra­te­gien der Beque­men und
    Betu­li­chen, der Dum­men oder der Dreis­ten. Es stimmt
    eben nicht alles, auch wenn vie­les mög­lich und wenig
    oder nichts ganz gewiss ist.
    Der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus hat in die­ser vermeintlich
    post­fak­ti­schen Kon­stel­la­ti­on kei­ne leichte
    Auf­ga­be. Wäh­rend sich ande­re mit fadenscheinigen
    Stof­fen begnü­gen, ist er mit dich­tem Gewe­be konfrontiert
    und oft mit dicken, har­ten Bret­tern. Ohne solides
    Fach­wis­sen und Fort­bil­dung als Dau­er­zu­stand, ohne die
    Zeit, das Geld, die Kraft und den Wil­len für intensive
    und kon­ti­nu­ier­li­che Recher­chen ver­kommt der Wissenschaftsjournalismus
    zu einer Unter­ab­tei­lung des Vermischten,
    die ein paar bun­te Bäl­le aus der For­schung ins
    jour­na­lis­ti­sche Spaß­bad wirft. Oder zur blo­ßen Verlängerung
    einer Wis­sen­schafts-PR, die vie­ler­orts professioneller
    und damit raf­fi­nier­ter gewor­den ist, getrie­ben von
    Exzel­lenz­ver­spre­chen, Auf­merk­sam­keits­spi­ra­len und
    Geschäf­tig­keits­er­war­tun­gen. Gibt man ihm die Mittel
    und die Spiel­räu­me, die er benö­tigt, kann der Wissenschaftsjournalismus
    ein Boll­werk gegen Desinformation
    sein – und ein Boll­werk gegen die Boulevardisierung
    (vgl. Berg 2018).
    Ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit las­sen sich fünf
    Punk­te nen­nen, die den Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus in
    die­sen Zei­ten aus­zeich­nen und wert­vol­ler denn je machen
    könn­ten. Der ers­te Punkt schließt unmit­tel­bar an
    die Vor­be­mer­kun­gen an:
    Schultz · Wahr­heit und Zwei­fel 9 7
    I. Wis­sen­schaft­lich­keit und Wahrheitsorientierung
    im Modus auf­ge­klär­ten Zweifelns
    Im öffent­li­chen Dis­kurs kur­sie­ren vie­le Mei­nun­gen. Wo
    aber sind die rele­van­ten Fak­ten und Erklä­run­gen? Der
    Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus soll dazu bei­tra­gen, Ergebnisse
    seriö­ser For­schung zugäng­lich zu machen. Er kann
    hel­fen, Bei­trä­ge aus der Wis­sen­schaft zu drängenden
    Fra­gen der Zeit zu erschlie­ßen und für ein brei­te­res Publikum
    auf­zu­be­rei­ten. Er kann sich stem­men gegen Scharlatane,
    Wahr­heits­zy­ni­ker und Wis­sen­schafts­fein­de, die
    Fak­ten und For­schungs­be­fun­de ent­we­der ignorieren
    oder zu ihren Guns­ten verbiegen.
    Wis­sen­schaft und Wahr­heits­ori­en­tie­rung zu verteidigen,
    kann aller­dings nur im Modus eines aufgeklärten
    Zwei­felns und im Bewusst­sein des Plu­ra­lis­mus in der
    Wis­sen­schaft gelin­gen. Des­halb sind Wissenschaftsjournalisten
    auch die­je­ni­gen, die in den Redak­tio­nen ihren
    Kol­le­gen in den Arm fal­len müs­sen, wann immer diese
    der jour­na­lis­ti­schen Nei­gung erlie­gen, Tat­sa­chen, Thesen,
    Bezü­ge und Zusam­men­hän­ge durch Mit­tel der Dramatisierung,
    Ver­knap­pung oder Ver­dich­tung in einem
    Maße zu ent­stel­len, das sich auch bei groß­zü­gi­ger Auslegung
    nicht mehr als zuläs­si­ge Poin­tie­rung rechtfertigen
    lässt. Der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus darf sich zwar
    nicht den sprach­li­chen Marot­ten und Verstiegenheiten
    der aka­de­mi­schen Welt aus­lie­fern und unterordnen,
    muss aber höchst sen­si­bel blei­ben für not­wen­di­ge Differenzierungen
    und Nuan­cie­run­gen. Er muss den Sinn bewahren
    und sei­ne Sin­ne scharf hal­ten für Konjunktive,
    Rela­ti­vie­run­gen und die gan­ze Palet­te von Abtönungspartikeln
    und Gel­tungs­mo­di­fi­ka­tio­nen. Er benö­tigt die
    Urteils­kraft, einer­seits gute Exper­ten aus­zu­wäh­len und
    den Stand der For­schung ein­schät­zen und kor­rekt wiedergeben
    zu kön­nen, ande­rer­seits rele­van­ten wissenschaftlichen
    Dis­sens und mög­li­che Inno­va­tio­nen zu erkennen
    und herr­schen­de Lehr­mei­nun­gen zu hinterfragen,
    ohne sich zu ver­ren­nen in Obsku­rem. Das bedeutet
    auch, dass der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus nicht nur auf
    die Ergeb­nis­se und Inhal­te der For­schung bli­cken darf.
    II. Kri­tik des Wis­sen­schafts­be­triebs – Struk­tu­ren und
    Finan­zen hinterfragen
    Oft wird dem Jour­na­lis­mus der Vor­wurf gemacht, zu
    stark auf Orga­ni­sa­tio­nen, deren Reprä­sen­tan­ten und
    Pro­zes­se zu bli­cken, zu sehr auf poli­tics und zu wenig auf
    poli­ci­es. Inter­es­san­ter­wei­se lässt sich für den Wissenschaftsjournalismus
    eine ande­re Dia­gno­se stel­len: dass
    er sich auf die (fas­zi­nie­ren­den) Inhal­te der Forschung
    kon­zen­triert und dar­über die Bedin­gun­gen der Wissensproduktion
    ten­den­zi­ell ver­nach­läs­sigt. Dass er also eher
    zu wenig als zu viel befasst ist mit den Struk­tu­ren der
    For­schung, den Orga­ni­sa­tio­nen der Wis­sen­schaft und
    den Geld­flüs­sen, die ja ins­ge­samt beacht­li­che Summen
    betref­fen und schon des­halb das Inter­es­se der Öffentlichkeit
    und des Jour­na­lis­mus wecken müss­ten. Doch die
    Medi­en inter­es­sie­ren sich nur bedingt dafür. Die Infrastruktur
    der For­schung gilt als langweilig.
    Wenn sich nicht, oft eher zufäl­lig, ein handfester
    Skan­dal zeigt oder wenigs­tens etwas, das aus­sieht wie ein
    Skan­dal, über­lässt man die Wis­sen­schaft­ler und Forschungspolitiker
    sich selbst. Das fin­den die­se vermutlich
    sogar recht ange­nehm. Die Fra­ge ist, ob dem Journalismus
    und der Öffent­lich­keit Wich­ti­ges ent­geht. In der
    For­schungs­po­li­tik wer­den Ent­schei­dun­gen getrof­fen, die
    nicht nur auf wis­sen­schaft­li­chem Sach­ver­stand beruhen,
    son­dern tat­säch­lich poli­tisch sind. Wo wer­den welche
    Prio­ri­tä­ten gesetzt? Wel­che medi­zi­ni­sche Forschung
    wird geför­dert, wel­che nicht? Wie geht ein Land mit seinem
    kul­tu­rel­len Erbe um? Aber auch im enge­ren Sinne
    insti­tu­tio­nel­le Fra­gen – wel­che Akteu­re tun was, wie und
    wie gut? – las­sen sich nicht so ein­fach als institutionelles
    Gedöns abtun. Den­noch gibt es im deutschsprachigen
    Raum tra­di­tio­nell nur weni­ge Jour­na­lis­tin­nen und Journalisten,
    die sich auf sol­che Fra­gen ein­las­sen und genügend
    Kennt­nis­se haben, fun­dier­te Ant­wor­ten zu liefern.
    Das hängt auch mit der Aus­rich­tung und den Ressourcen
    in den Redak­tio­nen zusammen.
    III. Irri­ta­ti­on, Per­spek­tiv­wech­sel, Komplexitätssteigerung
    Aus Sicht der Wis­sen­schaft mag es kein Scha­den sein,
    wenn sich der Jour­na­lis­mus nicht in ihre Organisationsbedingungen
    ein­mischt. Aus ihrer Sicht mag die Anforderung
    an den Jour­na­lis­mus vor allem lau­ten, wichtige
    Ergeb­nis­se der For­schung in die Gesell­schaft zu tragen,
    und das bit­te­schön kor­rekt und einer­seits ansprechend
    und ande­rer­seits anspruchs­voll, auch wenn hier großzügig
    ein paar Abstri­che hin­ge­nom­men wer­den. Die Funktion
    des Jour­na­lis­mus soll­te sich jedoch nicht in der
    Popu­la­ri­sie­rung der Wis­sen­schaft erschöp­fen – also
    einer ein­sei­ti­gen „Zweck­pro­gram­mie­rung“ zugunsten
    der Inter­es­sen und der Sys­tem­lo­gik der Wissenschaft
    (Kohring 1997: 183). Die Funk­ti­on lässt sich viel weiter
    fas­sen, gekop­pelt an eine weit­ge­hen­de Auto­no­mie des
    Jour­na­lis­mus. Wer Jour­na­lis­mus und PR nicht verwechselt
    oder ver­mischt, gibt sich als Jour­na­list nicht zufrieden
    mit der Rol­le eines „Über­set­zers“ und „Popu­la­ri­sie­rers“
    (vgl. Peters & Jung 2019). Es geht um die schon
    ange­spro­che­ne Kon­troll- und Kri­tik­funk­ti­on, also das
    jour­na­lis­ti­sche Wäch­ter­amt, das sich bei allem Respekt
    und allen Schwie­rig­kei­ten, es mit der Selbstverwaltung
    9 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 2 ( 2 0 2 0 ) , 9 5 — 1 0 0
    und dem Exper­ten­tum der For­scher auf­zu­neh­men, auch
    auf die Struk­tu­ren der Wis­sen­schaft erstre­cken sollte.
    Und es geht, nicht unbe­dingt schon inves­ti­ga­tiv und
    poli­tisch, auch um die Irri­ta­ti­on, die der Journalismus
    erzeu­gen kann, indem er Infor­ma­tio­nen aus anderen
    Teil­sys­te­men lie­fert. Sol­che Irri­ta­tio­nen mögen gleichsam
    auto­ma­tisch und ohne beson­de­res Zutun erfolgen,
    der Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus könn­te sich die­ser Aufgabe
    aber noch bewuss­ter verschreiben.
    Ob im Wirt­schafts­le­ben, im Gesund­heits­we­sen, in
    Bil­dungs­ein­rich­tun­gen oder auf den vie­len unterschiedlichen
    Poli­tik­fel­dern: Die dort ablau­fen­den Operationen
    und Pro­gram­me sind in der Regel geknüpft an empirische
    Annah­men und wis­sen­schaft­li­che Vorstellungen.
    Mit­un­ter bestehen des­halb sogar direk­te Verbindungen
    in die For­schungs­welt. Aber nicht immer, und sel­ten erschöpfend.
    Nun kommt der Wissenschaftsjournalismus
    ins Spiel. Er schafft neue Ver­bin­dun­gen, bie­tet Anlässe
    für Per­spek­tiv­wech­sel und stei­gert so die kommunikative
    und gesell­schaft­li­che Kom­ple­xi­tät, ent­ge­gen der gängigen
    Vor­stel­lung, der Jour­na­lis­mus betrei­be lediglich
    ein Geschäft der Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on. Er kann dabei
    übri­gens in meh­re­re Rich­tun­gen wir­ken und so auch das
    Wis­sen­schafts­sys­tem durch die Kon­fron­ta­ti­on mit den
    Ansprü­chen und Erkennt­nis­sen, die in ande­ren gesellschaftlichen
    Teil­sys­te­men gewon­nen wor­den sind, irritieren.
    Der Hang bestimm­ter Sphä­ren oder Sys­te­me, dem eigenen
    Pro­gramm zu fol­gen und das zu tun, was dort
    schon immer getan wur­de, oder das, was der eigenen
    Sys­tem­lo­gik am nächs­ten liegt, trifft nun auf wissenschaftliche
    Befun­de und Dis­kur­se, die womög­lich etwas
    ganz ande­res nahe­le­gen. Nicht immer erkennt die Wissenschaft
    die Bri­sanz und das Irri­ta­ti­ons­po­ten­zi­al ihrer
    eige­nen Arbei­ten (für ande­re Sys­te­me oder Sphä­ren), es
    ist ihr even­tu­ell auch gleich­gül­tig – und selbst wenn sie
    es erkennt und wich­tig nimmt, tut sie sich nicht immer
    leicht damit, es zu ver­mit­teln. Das ist die Stun­de des
    Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus. Obwohl er dar­auf spezialisiert
    ist, Abs­trak­tes anschau­lich und Kom­pli­zier­tes verständlich
    zu machen, steckt in der beschrie­be­nen Funktion
    das Poten­ti­al, die Gesell­schaft auf­zu­wüh­len und
    neue Kom­ple­xi­tä­ten zu erzeu­gen. Ador­no hat der Kunst
    die Auf­ga­be zuge­schrie­ben, „Cha­os in die Ord­nung zu
    brin­gen“ (Ador­no 2001 [1951]: 428). Das ist so gesehen
    auch für den Jour­na­lis­mus kein ver­rück­ter Anspruch.
    Guter Jour­na­lis­mus kann, zumal in Auseinandersetzung
    mit der Wis­sen­schaft, dazu bei­tra­gen, die gesellschaftlichen
    Ansich­ten aus der Blen­dung des Offensichtlichen
    zu lösen. Er raut glat­te Ober­flä­chen auf. Manch­mal gelingt
    es ihm viel­leicht sogar, den Din­gen auf den Grund
    zu gehen.
    IV. Sach­lich­keit, Gelas­sen­heit, Eindringlichkeit
    Hört das Publi­kum noch hin, wenn eine lei­se Stim­me der
    Ver­nunft spricht? Alle Kanä­le sind zuge­stopft vom Proll
    oder vom Troll, von den Mili­tan­ten und den Penetranten.
    Und wer zu lang­sam ist, dringt ohne­hin nicht mehr durch.
    Alle sind bewaff­net mit ihren schlau­en Tele­fo­nen, und es
    geht zu wie im Wes­tern: Wer zieht am schnells­ten? Oder ist
    das ein kul­tur­pes­si­mis­ti­sches Zerr­bild? Viel­leicht kein Zerrbild,
    aber nur ein bestimm­ter Aus­schnitt. Es exis­tiert ja
    durch­aus noch ein Publi­kum, das es zu schät­zen weiß,
    wenn in Ruhe abge­wo­gen wird. Den­ken und Nachdenklichkeit
    erfor­dern eine gewis­se Ruhe. Schläf­rig­keit oder
    Träg­heit erfor­dern sie nicht. Sach­lich­keit und Gelassenheit
    wer­den in Zei­ten der Empö­rungs­de­mo­kra­tie zu besonderen
    Tugen­den. Sie sind aber nicht zu ver­wech­seln mit
    Stumpf­heit und Gleich­gül­tig­keit. Der Wissenschaftsjournalismus
    nutzt ande­re Mit­tel und hat ande­re Funk­tio­nen als
    eine zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­test­be­we­gung wie „Fri­days for
    Future“
    Wenn es, um im Bei­spiel zu blei­ben, um existenzielle
    und pla­ne­ta­re Fra­gen geht, kann auch der Journalismus
    ein­dring­lich wer­den – so wie dies Wis­sen­schaft­ler werden
    kön­nen, wenn sie bri­san­te empi­ri­sche Erkennt­nis­se ins Feld
    der Moral und der Poli­tik tra­gen. Die Stär­ke des Wissenschaftsjournalismus
    liegt gleich­wohl dar­in, dass er sich bei
    aller Ein­dring­lich­keit, die manch­mal gebo­ten ist, nicht in
    eine Emo­tio­na­li­sie­rungs­spi­ra­le hin­ein­zie­hen lässt. An starken
    Gefüh­len und star­ken Mei­nun­gen herrscht in der Öffentlichkeit
    kein Man­gel. Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten sollten
    sich umso mehr dar­um küm­mern, dass die Fak­ten nicht zu
    kurz kom­men und auch die Unsi­cher­hei­ten und Zweifel
    Gehör fin­den. Die Unwäg­bar­kei­ten, Ungereimtheiten,
    Tra­de-offs. Wich­tig erscheint des­halb auch der letz­te Punkt:
    zwi­schen unter­schied­li­chen Ebe­nen und Typen der Argumentation
    zu unterscheiden.
    V. Dif­fe­ren­zie­ren von Argu­men­ta­ti­ons­ebe­nen, Ausstrahlen
    auf den poli­ti­schen Journalismus
    Im öffent­li­chen Dis­kurs flie­gen unter­schied­li­che Argumente
    durch­ein­an­der. Das ist gar nicht zu ver­mei­den. Es kann
    wich­tig sein, ver­schie­de­ne Ebe­nen und Typen von Argumenten
    zu unter­schei­den. Das hilft den Diskurspartnern,
    Gemein­sam­kei­ten zu erken­nen und die Punk­te, an denen
    die Einig­keit endet, genau zu bestim­men. Es kann auch
    dazu bei­tra­gen, ver­nünf­ti­ge oder wenigs­tens vernünftigere
    Mei­nun­gen zu bil­den und ent­spre­chen­de Entscheidungen
    zu fäl­len. Typi­scher­wei­se betref­fen vie­le Kon­tro­ver­sen und
    Kon­flik­te sowohl empi­ri­sche als auch nor­ma­ti­ve Fragen.
    Wie steht es um das Kli­ma unse­res Pla­ne­ten? Das ist
    zunächst eine empi­ri­sche Fra­ge, und klar ist auch, dass sie
    Schultz · Wahr­heit und Zwei­fel 9 9
    sich in Dut­zen­de, ja Tau­sen­de Detail­fra­gen herunterbrechen
    lässt – und dass die Ant­wor­ten der Wis­sen­schaft in
    der Regel nicht tri­vi­al sind. Nicht nur, wenn es um Projektionen
    und Zukunfts­sze­na­ri­en geht, kann es erheb­li­che Unsicherheiten
    und Unwäg­bar­kei­ten geben. Den­noch ist der
    Fall des Kli­ma­wan­dels auch ein Bei­spiel dafür, dass sich
    Wis­sen­schaft­ler ver­stän­di­gen kön­nen auf einen Fun­dus an
    Befun­den, den die Poli­tik und die Öffent­lich­keit zur Kenntnis
    neh­men soll­ten. Natür­lich setzt dann die im Kern politische
    oder mora­li­sche Dis­kus­si­on ein, wel­che Konsequenzen
    aus den Befun­den zu zie­hen sind. Dabei kom­men rasch
    Erwä­gun­gen aus ande­ren Sphä­ren zum Tra­gen, mögliche
    Abwä­gun­gen, juris­ti­sche und prag­ma­ti­sche Aspekte,
    Zweck-Mit­tel-Kal­ku­la­tio­nen usw. Dabei kön­nen dann
    jeweils wie­der­um spe­zi­el­le­re empi­ri­sche und normative
    Fra­gen auftauchen.
    Die Vor­stel­lung, man müs­se ein­fach nur der Wissenschaft
    und den Exper­ten fol­gen, ist im Kern unpolitisch
    und unde­mo­kra­tisch, und der Wissenschaftsjournalismus
    tut gut dar­an, sol­che Vor­stel­lun­gen nicht zu näh­ren. Aber
    dank der Ana­ly­se­kraft, die ihn aus­zeich­nen soll­te, kann er
    ver­su­chen, die Argu­men­te zu ord­nen – und die Verwirrung
    auf­zu­lö­sen, die in kom­ple­xen Kon­tro­ver­sen regelmäßig
    auch den poli­ti­schen Jour­na­lis­mus befällt.
    Epilog
    Guter Jour­na­lis­mus hilft dabei, kol­lek­ti­ves Den­ken zu
    orga­ni­sie­ren, und guter Wissenschaftsjournalismus
    kann dabei vor­an­ge­hen. Das ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen ein
    anspruchs­vol­les nor­ma­ti­ves Bild des Wissenschaftsjournalismus.
    Ist es nur ein Traum­bild? Wenn es stimmt,
    dass die­ses „ver­spä­te­te Res­sort“ (Höm­berg 1990), das erst
    in den 1990er Jah­ren auf­hol­te, in man­chen Medienhäusern
    immer noch oder schon wie­der als Luxus gilt, und
    wenn es stimmt, dass es in der Redaktionshierarchie
    immer noch oder schon wie­der auf den unte­ren Plätzen
    ran­giert (Haeming 2019), so wäre dies erschüt­ternd. In
    vie­len Regio­nal­me­di­en gilt die Lage mitt­ler­wei­le als
    „desas­trös“ (Los­sau 2016: 6). Doch auch und gera­de im
    digi­ta­len Struk­tur­wan­del, der den Jour­na­lis­mus bewegt
    und die Gesell­schaft her­aus­for­dert, ist ein anspruchsvoller
    Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus höchst rele­vant – und
    unverzichtbar.
    Tan­jev Schultz ist Pro­fes­sor für Grund­la­gen und Strategien
    des Jour­na­lis­mus an der Johannes-Gutenberg-
    Uni­ver­si­tät Mainz. Der pro­mo­vier­te Politikwissenschaftler
    war zuvor mehr als zehn Jah­re lang Redakteur
    der Süd­deut­schen Zei­tung. Er hat zahlreiche
    Fach­auf­sät­ze geschrie­ben, zudem meh­re­re Sachbücher,
    zuletzt über den Ter­ro­ris­mus des NSU.
    Literatur
    Ador­no, Theo­dor W. 2001 [1951]: Mini­ma Mora­lia. Reflexionen
    aus dem beschä­dig­ten Leben. Frankfurt/M.:
    Suhrkamp.
    Berg, Hele­na 2018: Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus zwischen
    Elfen­bein­turm und Bou­le­vard. Eine Lang­zeit­ana­ly­se der
    Wis­sen­schafts­be­richt­erstat­tung deut­scher Zeitungen.
    Wies­ba­den: Sprin­ger VS.
    Haeming, Anne 2019: Auf­blü­hen­de Wis­sen­schaft. In:
    Medi­um Maga­zin, Heft 4, S. 62–65.
    Höm­berg, Wal­ter 1990: Das ver­spä­te­te Res­sort. Die Situation
    des Wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus. Kon­stanz: UVK.
    Kohring, Mat­thi­as 1997: Die Funk­ti­on des Wissenschaftsjournalismus.
    Ein sys­tem­theo­re­ti­scher Ent­wurf. Opladen:
    West­deut­scher Verlag.
    Locke, John 1981 [1689]: Ver­such über den menschlichen
    Ver­stand [An essay con­cer­ning human understanding].
  2. Auf., Ham­burg: Meiner.
    Los­sau, Nor­bert 2016: Die Zukunft der Wissenschaftskommunikation.
    Muss die Poli­tik den Wissenschaftsjournalismus
    ret­ten? Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung, Analysen
    & Argu­men­te, Aus­ga­be 200.
    Peters, Hans Peter; Jung, Arle­na 2019: Wissenschaftler
    und Jour­na­lis­ten: Nicht unbe­dingt bes­te Freun­de, aber
    sie ver­ste­hen ein­an­der immer bes­ser. In: Win­fried Göpfert
    (Hrsg.). Wis­sen­schafts-Jour­na­lis­mus. Ein Handbuch
    für Aus­bil­dung und Pra­xis. 6. überarb. und aktu­al. Auflage,
    Wies­ba­den: Sprin­ger VS, S. 9–18.
    Ros­ling, Hans 2018: Fact­ful­ness. Wie wir ler­nen, die Welt
    so zu sehen, wie sie wirk­lich ist. Ber­lin: Ullstein.