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Über­sicht

I. Bio­si­cher­heit als nor­ma­ti­ve Herausforderung

II. Frei­heit: Das epis­te­mi­sche Ethos der Wissenschaft

III. Ver­ant­wor­tung: Die ethi­sche Dimen­si­on der Wissenschaft

1. Der Zusam­men­hang von Fort­schritt und Freiheit

2. Das Ver­hält­nis von Frei­heit und Verantwortung

3. Die kon­se­quen­tia­lis­ti­sche Pra­xis der Ver­ant­wor­tung und ihre deon­to­lo­gi­schen Grenzen

I. Bio­si­cher­heit als nor­ma­ti­ve Herausforderung

Die Fra­ge, Was und wozu ist Wis­sen­schaft?, ist ein Gegen­stand von phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen seit der Anti­ke, wo sci­en­tia bereits durch einen Objektivitäts‑, Begrün­dungs-und­Wahr­heits­an­spruch­cha­rak­te­ri­siertund auf die­se Wei­se von Dog­men, Ideo­lo­gien oder blo­ßen Mei- nun­gen unter­schie­den wur­de. Gegen­wär­tig steht „Wis­sen- schaft“ als Ober­be­griff für die ver­schie­de­nen dis­zi­pli­nä­ren For­schun­gen, die auf sys­te­ma­tisch struk­tu­rier­te und metho- disch kon­trol­lier­te Wei­se Erkennt­nis­se über die Natur oder die mensch­li­che Lebens­welt theo­rie­för­mig erfas­sen, um natür­li­che Phä­no­me­ne zu erklä­ren bzw. lebens­welt­li­che Phä­no­me­ne ver­steh­bar zu machen. Objek­ti­vi­tät, inter­sub- jek­ti­ve Über­prüf­bar­keit, Repro­du­zier­bar­keit, Klar­heit, Ein- fach­heit, Kohä­renz sind Merk­ma­le sol­cher Theo­rien, die ihre „Wis­sen­schaft­lich­keit“ definieren.1 Die­ses Ethos der Wis­sen­schaft – der epis­te­mi­sche, metho­do­lo­gi­sche und insti­tu­tio­nel­le Kon­text, in den sich das moder­ne Wis­sen- schafts­ver­ständ­nis ein­bet­tet – bil­det sich, his­to­risch betrach­tet, erst in der Neu­zeit aus. Was seit Aris­to­te­les theo­ria hieß, mein­te eine kon­tem­pla­ti­ve, selbst­ge­nüg­sa- me, mit­hin pas­si­ve Schau ewi­ger unver­än­der­li­cher Din- ge – und die­se „bie­tet uns ja außer dem Den­ken und Betrach­ten sonst nichts.“2 Dem­ge­gen­über beschränkt sich die Sci­en­tia Nova nicht mehr auf ein zweck­frei­es Wis­sen­wol­len, son­dern sucht die Umset­zung, Anwen- dung und Nutz­bar­ma­chung des Wis­sens mit­hil­fe von

  1. 1  Zur Geschich­te und Sys­te­ma­tik der Phi­lo­so­phie der Wis­sen­schaf- ten vgl. das Lem­ma „Wis­sen­schaft“ von E. Bren­del, in:
    P. Kolmer/A. G. Wild­feu­er (Hrsg.), Neu­es Hand­buch phi­lo­so­phi- scher Grund­be­grif­fe, Band 3 (2011), 2588–2601.
  2. 2  Aris­to­te­les, Niko­ma­chi­sche Ethik, in der Über­set­zung von E. Rol­fes (1995), 1177b.
  3. 3  F. Bacon, Neu­es Orga­non, Band 1, 1990, 81. Zu den Unter­schie­den von anti­kem (Aris­to­te­li­schen) und moder­nem (Bacon­schen)

Technik(en). In der ein­fluss­rei­chen wis­sen­schafts­theo­re- tischen Grund­le­gung die­ser „neu­en Wis­sen­schaft“, dem 1620 erschie­ne­nen Novum orga­num sci­en­tiar­um des Phi­lo­so­phen und Poli­ti­kers Fran­cis Bacon, wird ihr ein sol­cher prak­ti­scher Zweck gera­de­zu ein­ge­schrie­ben: Ipsa sci­en­tia potes­tas est.3 Mensch­li­ches Wis­sen und Kön­nen ergän­zen sich, Wis­sen ist eine Form von Macht, Wis­sen- schaft und Mach­bar­keit ver­wei­sen auf­ein­an­der. Ver­bun- den mit der hoff­nungs­fro­hen Erwar­tung eines ste­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen (wie auch poli­ti­schen und ethi­schen) Fort­schritts wird ein tech­no­lo­gisch-prak­ti­scher Impe­ra- tiv zum fes­ten Bestand­teil von Wis­sen­schaft und For- schung, der ste­tig dazu auf­for­dert, jeder prak­ti­schen Umset­zungs­mög­lich­keit theo­re­ti­schen Wis­sens, jeder Gele­gen­heit ihrer tech­ni­schen Nutz­bar­ma­chung, zu fol- gen. Zugleich wirft die­se „uto­pi­sche Treib­ten­denz“ (Hans Jonas) des Bacon­schen Pro­gramms immer neue wis­sen­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen auf und ermög­licht damit auch neu­ar­ti­ge tech­ni­sche Nutz­bar­ma­chun­gen. Mit­hin ist unse­re gan­ze „moder­ne Welt (…) das Pro­dukt von Wis­sen­schaft und Tech­nik, wis­sen­schaft­li­cher und tech­ni­scher Ratio­na­li­tät. [Eine sol­che] Leo­nar­do-Welt ist Aus­druck der Aneig­nung der Welt durch den Men­schen und sie ist Aus­druck der Aneig­nung des Men­schen durch die (ange­eig­ne­te) Welt: sie löst nicht nur Pro­ble- me, indem Wis­sen­schaft und Tech­nik Pro­ble­me lösen; sie schafft auch Probleme.“4

Ein sol­ches Pro­blem, das erst durch die Ent­ste­hung der moder­nen Mikro­bio­lo­gie (ein­schließ­lich ihrer gen- tech­ni­schen, syn­the­ti­schen, infor­ma­ti­ons- und inge­ni- eurs­wis­sen­schaft­li­chen Zwei­ge) und die poten­ti­ell risi- kobe­haf­te­te oder gar miss­bräuch­li­che Nut­zung ihrer For­schungs­er­geb­nis­se auf­ge­kom­men ist, wird gegen­wär- tig unter dem Begriff der „Bio­si­cher­heit“ dis­ku­tiert. Ne- ben der Iden­ti­fi­zie­rung bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For- schungs­fel­der und der Ein­schät­zung ihres Gefah­ren­po- ten­ti­als geht es um die ethi­sche, poli­ti­sche und schließ- lich recht­li­che Eva­lu­ie­rung die­ser For­schun­gen und

Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis sie­he F. Cohen, Die zwei­te Erschaf­fung der Welt. Wie die moder­ne Natur­wis­sen­schaft ent­stand, 2011; E. Özmen, Die nor­ma­ti­ven Grund­la­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit, in: F. Voigt (Hrsg.), Frei­heit der Wis­sen­schaft. Bei­trä­ge zu ihrer Bedeu­tung, Nor­ma­ti­vi­tät und Funk­ti­on (2012), 11–132.

J. Mit­tel­straß, Von der Frei­heit der For­schung und der Ver­ant- wor­tung des Wis­sen­schaft­lers, in: Ders., Leo­nar­do-Welt. Über Wis­sen­schaft, For­schung und Ver­ant­wor­tung (1992), 155–173, 155.

Elif Özmen

Wis­sen­schaft. Frei­heit. Ver­ant­wor­tung. Über Ethik und Ethos der frei­en Wis­sen­schaft und Forschung

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2015, ISSN 2197–9197

66 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 65–72

der­je­ni­gen regu­lie­ren­den und sank­tio­nie­ren­den Maß- nah­men, die die Men­schen, aber auch die Tie­re, Pflan- zen und die Umwelt vor den Gefah­ren schüt­zen sol­len, die durch den Umgang mit bio­lo­gi­schen Agen­zi­en (also poten­ti­ell schäd­li­chen Mikro­or­ga­nis­men, Toxi­nen und ande­ren B‑Waffen rele­van­ten Stof­fen) zu erwar­ten sind.5 Die in der Wis­sen­schafts- und Tech­nik­ethik eta­blier­ten Prin­zi­pi­en – etwa der ver­nünf­ti­gen Zweck-Mit­tel-Abwä- gung, Scha­dens­ver­mei­dung, Risi­ko­ab­schät­zung und das Vor­sor­ge- und Ver­ant­wor­tungs­prin­zip – schei­nen ge- gen­wär­tig nur mit Ein­schrän­kun­gen geeig­net zu sein, um die­se kom­ple­xe Eva­lu­ie­rung anzu­lei­ten. Zum einen fällt hier eine begrün­de­te Gefähr­dungs­ein­schät­zung re- gel­mä­ßig schwer, „da mit den For­schungs­ak­ti­vi­tä­ten die rele­van­ten Fak­to­ren, wie zum Bei­spiel die Gefähr­lich­keit eines Erre­gers, erst ver­än­dert wer­den und ihre Ergeb­nis- se und deren Aus­wir­kun­gen auf ande­re gefah­ren­re­le­van- te Fak­to­ren mit­un­ter nur schwer vor­her­seh­bar sind.“6 Es han­delt sich, spiel­theo­re­tisch gespro­chen, um eine Situa- tion der Ent­schei­dung unter Unsi­cher­heit: den ver­schie- denen Welt­zu­stän­den kön­nen kei­ne Ein­tritts­wahr- schein­lich­kei­ten zuge­ord­net wer­den. Ohne Wahr­schein- lich­keits­an­nah­men gehen Risi­ko- und Tech­nik­fol­gen­ab- schät­zun­gen aber ins Lee­re. Zum ande­ren sind in Zei­ten der orga­ni­sier­ten Groß­for­schung die unter­schied­li­chen For­schungs- und Tech­nik­fel­der so mit­ein­an­der ver- knüpft, dass das Gefähr­dungs­po­ten­ti­al ein­zel­ner For- schungs­pro­jek­te sel­ten iso­liert betrach­tet wer­den kann bzw. ihre zwei­fel­los nütz­li­chen und mut­maß­lich miss- brauchs­an­fäl­li­gen Poten­tia­le kei­ner ver­nünf­ti­gen Zweck- Mit­tel-Abwä­gung zuge­führt wer­den kön­nen. Zum drit- ten erschwe­ren die Inter­na­tio­na­li­sie­rung, Anony­mi­sie- rung und Anwen­dungs­ori­en­tie­rung der Big und Tech­no Sci­ence die Zuschrei­bung von Ver­ant­wor­tung für die mut­maß­li­chen Fol­gen von bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For- schung.7 Wer soll­te hier wem gegen­über für was Rechen- schaft able­gen müs­sen? Zum vier­ten wer­den ganz grund- sätz­li­che Fra­gen der Legi­ti­mi­tät, Publi­zi­tät und Zugäng-

  1. 5  Eine besorg­nis­er­re­gen­de Bio­se­cu­ri­ty-Rele­vanz wird For­schungs- arbei­ten zuge­schrie­ben, die Impf­stof­fe inef­fek­tiv machen, Resis­ten­zen erzeu­gen, die Viru­lenz von patho­ge­nen Mikro­or­ga- nis­men erhö­hen, Patho­ge­ne leich­ter über­trag­bar machen bzw. ihr Wirts­spek­trum ver­än­dern, Dia­gnos­tik- oder Nach­weis­me­tho­den zu umge­hen ermög­li­chen oder ein bio­lo­gi­sches Agens bio­waf­fen- fähig machen. Vgl. die ent­spre­chen­de Auf­lis­tung des US-ame­ri- kani­schen Natio­nal Rese­arch Coun­cil, Bio­tech­no­lo­gy Rese­ar­chin an Age of Ter­ro­rism. Com­mit­tee on Rese­arch Stan­dards and Prac­ti­ces to Pre­vent the Dest­ruc­ti­ve App­li­ca­ti­on of Bio­tech­no­lo­gy, 2004, und die Ergän­zungs­vor­schlä­ge des Deut­schen Ethik­ra­tes, Bio­si­cher­heit – Frei­heit und Ver­ant­wor­tung in der Wis­sen­schaft (2014), Abschnitt 11 und Anhang I.2.
  2. 6  Deut­scher Ethik­rat (Fn. 5), 47f.
  3. 7  Bei­de Aus­drü­cke ste­hen für einen epo­cha­len Umbruch der Wis-sen­schafts­kul­tur und des Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis­ses. Big Science

lich­keit von Wis­sen­schaft auf­ge­wor­fen. Soll­te man bei- spiels­wei­se auf die gen­tech­ni­sche Mani­pu­la­ti­on von Krank­heits­er­re­gern, die sie viru­len­ter und damit gefähr- licher machen, als sie es natür­li­cher­wei­se sind, nicht schlicht­weg ver­zich­ten ange­sichts des dra­ma­ti­schen und unkon­trol­lier­ba­ren Scha­dens, den ein ver­se­hent­li­ches Ent­wei­chen oder der öko­no­mi­sche, kri­mi­nel­le oder gar ter­ro­ris­ti­sche Miss­brauch sol­cher hoch­ag­gres­si­ven Viren bedeu­ten wür­de? Soll­ten For­schun­gen mit dua­len Ver- wen­dungs­mög­lich­kei­ten, die also ein erheb­li­ches Poten­ti­al auf­wei­sen, Wis­sen oder Tech­no­lo­gien her­vor­zu­brin­gen, die sowohl nütz­li­chen, wie auch schäd­li­chen Zwe­cken zuge- führt wer­den kön­nen, nicht restrik­ti­ver regu­liert wer­den als die „nor­ma­len“ Wis­sen­schaf­ten? Könn­ten nicht zumin­dest die Metho­den, Daten und Ergeb­nis­se sol­cher For­schun­gen unver­öf­fent­licht blei­ben, deren miss­bräuch­li­che Nut­zung das Leben und die Gesund­heit einer Viel­zahl von Men- schen gefähr­den wür­de? Schluss­end­lich: Kann und soll­te die Frei­heit der Wis­sen­schaft, ange­sichts der dra­ma­ti- schen Gefah­ren, die bio­si­cher­heits­re­le­van­te For­schun- gen mit sich brin­gen kön­nen, nicht ein­ge­schränkt wer- den dürfen?

Die Stel­lung­nah­me des Deut­schen Ethik­rats „Bio­si- cher­heit – Frei­heit und Ver­ant­wor­tung in der Wis­sen- schaft“ aus dem Jah­re 2014 bringt sowohl den kom­ple­xen und inter­dis­zi­pli­nä­ren Cha­rak­ter die­ses Pro­blem­fel­des zum Aus­druck wie auch die bis in das Selbst­ver­ständ­nis der Wis­sen­schaft hin­ein­rei­chen­den Her­aus­for­de­run­gen, vor die sich das Bemü­hen um eine ein­heit­li­che inter­na­ti- ona­le recht­li­che Rege­lung von bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For­schung (im Fol­gen­den DURC — Dual Use Rese­arch of Con­cern) gestellt sieht. Den Vor­be­hal­ten, Ängs­ten und escha­to­lo­gi­schen Sze­na­ri­en, die ange­sichts einer ver- meint­lich gren­zen­lo­sen pro­me­t­hei­schen Wis­sen­schaft – in Bezug auf miss­brauchs­an­fäl­li­ge For­schung viel­leicht auch gren­zen­los bedroh­li­chen Wis­sen­schaft – aus­ge­malt wer­den, ste­hen die Ansprü­che und Hoff­nun­gen gegen- über, die mit dem Bacon­schen Pro­gramm einer freien,

meint die Ver­än­de­rung der von ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lern selb- stän­dig an Uni­ver­si­tä­ten betrie­be­nen Wis­sen­schaft hin zur qua­si- indus­tri­el­len Form der For­schung in Grup­pen, an eng­um­grenz­ten Pro­jek­ten, an inter­na­tio­na­len, zumeist außer­uni­ver­si­tä­ren, z.T. an Unter­neh­men gebun­de­nen For­schungs­ein­rich­tun­gen, an denen der ein­zel­ne Wis­sen­schaft­ler letzt­lich als wei­sungs­ge­bun­de­ner Arbeit­neh­mer agiert. Vgl. D. J. de Sol­la Pri­ce, Litt­le sci­ence, big sci­ence (1963). Hin­ter dem Begriff Tech­no­sci­ence steht die The­se, dass in der gegen­wär­ti­gen Wis­sen­schafts­pra­xis wis­sen­schaft­li­che Inter­es­sen, ihre tech­no­lo­gi­schen Kon­tex­te und öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen mit­ein­an­der ver­schmel­zen, so dass die Vor­stel­lung einer „rei­nen“ Wis­sen­schaft illu­sio­när und die Ori­en­tie­rung an Wahr­heit über­flüs­sig gewor­den sei­en. Vgl. A. Nortmann/H. Radder/G. Schie­mann (Hrsg.), Sci­ence Trans­for­med? Deba­ting Claims of an Epo­chal Break, 2011.

d.h. nur ihren eige­nen epis­te­mi­schen Regeln ver­pflich­te- ten Wis­sen­schaft ver­bun­den sind. So ist auch für den Deut­schen Ethik­rat die Grund­la­ge der ethi­schen und wis­sen­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on von DURC ein auf Selbst­ver­pflich­tung und Selbst­kon­trol­le grün­den­des, „über Jahr­hun­der­te von brei­tem Kon­sens in der Wis­sen- schaft­ler­ge­mein­schaft getra­ge­nes spe­zi­fi­sches inter­nes Wis­sen­schaft­ler-Ethos (…), [das] seit Beginn der Neu­zeit die Grund­la­ge für das Ver­trau­en [bil­de­te], das die Wis- sen­schaft­ler und die Wis­sen­schaft in der Öffent­lich­keit erfuhren.“8 Die­ses Ethos besteht in einem insti­tu­tio­na­li- sier­ten Nor­men­ge­fü­ge, das Kri­te­ri­en für Wis­sen­schaft- lich­keit und wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten bestimmt und dadurch die Pra­xis der Gewin­nung wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens funk­tio­nal anlei­tet. Wie im nächs­ten Abschnitt aus­ge­führt wer­den wird, ist die Frei­heit von Wis­sen- schaft und For­schung kon­sti­tu­ti­ver Bestand­teil die­ses Ethos’, mit­hin ein Merk­mal guter Wis­sen­schaft. Aber Wis­sen­schafts­frei­heit hat nicht nur eine funk­tio­na­le, son­dern auch eine ethi­sche Dimen­si­on, die im drit­ten Abschnitt ver­han­delt wer­den wird. In die­sen Über­le­gun- gen zu Ethos und Ethik der Wis­sen­schaft kommt auch das chro­ni­sche Pro­blem der Ver­ant­wor­tung der Wis­sen- schaft zur Spra­che, jedoch blei­ben die Aus­füh­run­gen auf das Kon­zept der Wis­sen­schafts­frei­heit fokus­siert. Die­ses schul­det sich der Erwar­tung, dass sich die nor­ma­ti­ven Her­aus­for­de­run­gen bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For­schung – die Pro­ble­me der Legi­ti­mi­tät und gesell­schaft­li­chen Akzep­tanz der Wis­sen­schaft sowie ein­zel­ner For- schungs­fel­der und –zie­le einer­seits, die Pro­ble­me des Ver­trau­ens in die sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty und in ihre Be- reit­schaft und Fähig­keit zur Selbst­re­gu­lie­rung, Fol­gen- abschät­zung und eben auch Ver­ant­wor­tung ande­rer­seits – am The­ma der Frei­heit der Wis­sen­schaft ver­dich­ten lassen.

II. Frei­heit: Das epis­te­mi­sche Ethos der Wissenschaft

Die moder­ne Wis­sen­schaft als Metho­de und Pra­xis der Wis­sens­bil­dung wird durch ein Ethos epis­te­mi­scher Ratio­na­li­tät gelei­tet, das einer­seits die ratio­na­le Güte der For­schungs­tä­tig­keit und ihrer Ergeb­nis­se, mit­hin die

  1. 8  Deut­scher Ethik­rat (Fn. 5), 57f.
  2. 9  Vgl. hier­zu mei­ne Aus­füh­run­gen in Özmen (Fn. 3) und J. Nida-Rüme­lin, Wis­sen­schafts­ethik, in: ders. (Hrsg.), Ange­wand­te
    Ethik. Die Bereichs­ethi­ken und ihre theo­re­ti­sche Fun­die­rung. Ein Hand­buch, 2. Aufl. (2005), 834–860, Abschnitt I.
  3. 10  Zugleich ver­folg­te Mer­ton das Anlie­gen, die poli­ti­schen und sozia­len Vor­aus­set­zun­gen von „ech­ter“ und von „Anti-Wis­sen- schaft“ offen­zu­le­gen. Gute, ergo freie Wis­sen­schaft ver­lan­ge nach demo­kra­ti­schen und ethi­schen Sozi­al­struk­tu­ren. Dem­ge­gen­über kön­ne es in anti-demo­kra­ti­schen (genau­er: nationalsozialisti-

Wis­sen­schaft­lich­keit der Wis­sen­schaft gewähr­leis­ten soll. Sys­te­ma­ti­sche Wider­spruchs­frei­heit, inter­ne Kohä- renz, Klar­heit, aber auch Spar­sam­keit und Ele­ganz (Ockham’s Razor), Genau­ig­keit und Über­prüf­bar­keit sind bekann­te und aner­kann­te Bestand­tei­le die­ses Ethos, die defi­nie­ren, was als good sci­en­ti­fic prac­ti­ce und wer als good sci­en­tist betrach­tet wer­den muss. Zum ande­ren sichert die­ses Ethos aber auch die Auto­no­mie der Wis- sen­schaft und die Unab­hän­gig­keit der Wis­sen­schaft­ler von poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Interessenslagen.9 Der Wis­sen­schafts­so­zio­lo­ge Robert King Mer­ton unter- nahm in den 1940er Jah­ren ers­te Unter­su­chun­gen, um eine Sys­te­ma­ti­sie­rung die­ses Nor­men­ge­fü­ges und sei­ner Funk­ti­ons­wei­se zu leisten.10 Das sci­en­ti­fic ethos ist durch nor­ma­ti­ve (und sozi­al­wis­sen­schaft­lich zugäng­li­che) ins- titu­tio­na­li­sier­te Impe­ra­ti­ve und Sank­tio­nen, Begrün- dungs- und Ver­fah­rens­re­geln, Beloh­nungs- und Kri­tik- sys­te­me kon­sti­tu­iert, die die Pra­xis der Wis­sen­schaft und das Selbst­ver­ständ­nis der Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft metho­disch anlei­ten. Mer­ton fasst die­ses Ethos in den vier soge­nann­ten CUDOS-Prin­zi­pi­en zusammen:11

- KOMMUNITARISMUS (com­mo­na­lism). Wis­sen- schaft­li­che Erkennt­nis­se sind das Resul­tat kol­lek­ti­ver und koope­ra­ti­ver Unter­neh­mung und Anstren­gung. Je- der hat das Recht auf Teil­ha­be und Zugang zu wis­sen- schaft­li­chem Wissen.

- UNIVERSALISMUS (uni­ver­sa­lism). Wis­sen­schaft- liche Gel­tungs­an­sprü­che sind all­ge­mein und objek­tiv. Ihre Bewer­tung erfolgt unab­hän­gig von Per­so­nen, Sta­tus und Stel­lun­gen; sie folgt aus­schließ­lich Argu­men­ten und Sachverhalten.

- INTERESSELOSIGKEIT (dis­in­te­res­ted­ness). Wis- sen­schaft wird nicht durch die per­sön­li­chen Prä­fe­ren- zen, eigen­nüt­zi­gen Moti­ve und sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen der Wis­sen­schaft­ler, son­dern durch rei­nes Erkennt­nisin- ter­es­se, durch Wahr­heit, geleitet.

- ORGANISIERTER SKEPTIZISMUS (orga­ni­zed scep­ti­cism). Wis­sen­schaft­li­che Über­zeu­gun­gen kön­nen Feh­ler und Irr­tü­mer auf­wei­sen. Sie ste­hen der wis­sen- schaft­li­chen Kri­tik, Über­prü­fung und Revi­si­on jeder­zeit offen.

schen) unethi­schen und unfrei­en Gesell­schaf­ten genau­ge­nom­men über­haupt kei­ne ech­te Wis­sen­schaft geben, vgl. R. K. Mer­ton, Sci­ence and the Social Order, EA (1938), in: ders., The Socio­lo­gy of Sci­ence. Theo­re­ti­cal and Empi­ri­cal Inves­ti­ga­ti­ons (1973), 254- 266; ders., A Note on Sci­ence and Demo­cra­cy, Jour­nal of Legal and Poli­ti­cal Socio­lo­gy 1 (1942) 115–26.

11 Benannt nach den eng­li­schen Anfangs­buch­sta­ben der Prin­zi- pien, sie­he R. K. Mer­ton, The Nor­ma­ti­ve Struc­tu­re of Sci­ence, EA (1942), in: ders., The Socio­lo­gy of Sci­ence. Theo­re­ti­cal and Empi­ri­cal Inves­ti­ga­ti­ons (1973), 267–278.

Özmen · Wis­sen­schaft. Frei­heit. Ver­ant­wor­tung. 6 7

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Wäh­rend sich Mer­ton auf die sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty und ihr gemein­schaft­li­ches Ethos kon­zen­triert, rücken ab den 1970er Jah­ren mit der Fra­ge nach der Ver­ant­wor- tung der Wis­sen­schaft für ihre risi­ko­rei­chen tech­ni­schen Anwen­dun­gen die Indi­vi­du­al­tu­gen­den des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers in den Vor­der­grund. Der Medi­zi­ner und Nobel­preis­trä­ger André Cour­nand zählt zu die­sem scientist’s code eine Rei­he von mora­li­schen Tugen­den, die die epis­te­mi­sche Inte­gri­tät und Qua­li­tät der Wis­sen- schaft sichern sol­len: „an attempt was made to refor­mu- late the norms of sci­ence with expli­cit refe­rence to the con­duct of indi­vi­du­al sci­en­tists. In that effort (…) the moral atti­tu­des necessa­ry for the effec­ti­ve working of the sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty were emphasised.“12 Zu den Tu- gen­den des idea­len Wis­sen­schaft­lers gehö­ren dem­zu­fol- ge:13

- OBJEKTIVITÄT (objec­ti­vi­ty). Per­sön­li­che Lei­den- schaf­ten, Wün­sche und Prä­fe­ren­zen des Wis­sen­schaft- lers haben jeder­zeit zurück­zu­ste­hen, da sie unver­ein­bar sind mit der intel­lek­tu­el­len Red­lich­keit, Unauf­ge­regt­heit und Unpar­tei­lich­keit, die die wis­sen­schaft­li­che Tätig­keit vom Ein­zel­nen verlangt.

- EHRLICHKEIT (hones­ty). Die Aus­wahl der Prob- leme, Hypo­the­sen und Mit­tel, die die For­schungs­tä­tig- keit des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers lei­ten, ist von die­sem gewis­sen­haft, ein­sich­tig und ehren­haft vorzunehmen.

- TOLERANZ (tole­ran­ce). Dem krea­ti­ven Poten­ti­al ande­rer Wis­sen­schaft­ler, ihrer For­schungs­tä­tig­keit sowie ihren For­schungs­er­geb­nis­sen gebührt Respekt und Auf- merk­sam­keit, gera­de dann, wenn die­se den eige­nen wis- sen­schaft­li­chen Über­zeu­gun­gen widersprechen.

- DISZIPLINIERTE SKEPSIS (doubt of certi­tu­de). Wis­sen­schaft­li­che Über­zeu­gun­gen, Hypo­the­sen, Metho- den und For­schungs­er­geb­nis­se stel­len kei­ne Gewiss­hei- ten oder abso­lu­ten Wahr­hei­ten dar und sind mit gebüh- ren­der und ver­nünf­ti­ger Skep­sis zu betrach­ten und durch kon­ti­nu­ier­li­che Kri­tik zu überprüfen.

- SELBSTLOSE HINGABE (unsel­fi­sh enga­ge­ment). Die wis­sen­schaft­li­che Tätig­keit hat ihre eige­nen inhä­ren- ten Zwe­cke, denen der ein­zel­ne Wis­sen­schaft­ler unei- gen­nüt­zig, unpar­tei­lich und altru­is­tisch fol­gen soll.

Es ist das Ver­dienst von Cour­nand, auf die indi­vi­du- elle Ver­ant­wor­tung für das epis­te­mi­sche Ethos der Wis- sen­schaft hin­ge­wie­sen zu haben, aber auch auf die Unzu-

  1. 12  A. Cournand/M. Mey­er, The Scientist’s Code, Miner­va 14 (1976), 79–96.
  2. 13  A. Cournand/H. Zucker­man, The Code of Sci­ence: Ana­ly­sis and Some Reflec­tions on Its Future, Stu­di­um Gene­ra­le 10 (1970), 941- 962.

läng­lich­kei­ten eines bloß inter­nen Nor­men­ge­fü­ges, das zwar ein funk­tio­na­les Ethos bereit­stel­len mag, aber den exter­nen Anfor­de­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen wenig ent­geg­nen kann, denen die zur Groß­for­schung verän- der­ten Natur- und Lebens­wis­sen­schaf­ten seit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts unwei­ger­lich unter­lie­gen. Cour­nand for­dert die Ergän­zung der wis­sen­schafts­in­ter­nen kol­lek- tiven Ethos- und indi­vi­du­el­len Ethik-Nor­men um eine neue ethics of deve­lo­p­ment: „the [sci­en­ti­fic] code should expli­ci­tly take cogniz­an­ce of the fact that the sci­en­tist is an indi­vi­du­al who lives in a socie­ty which has ends other than the cogni­ti­ve ends of sci­en­tists, and that the cogni- tive achie­ve­ments of sci­en­tists do not always and neces- sari­ly ser­ve the­se ends.“14 Die Ver­tei­di­gung der Auto­no- mie der Wis­sen­schaft darf also nicht mit der ganz anders gela­ger­ten The­se der Aut­ar­kie der Wis­sen­schaft ver- wech­selt wer­den. Zwar folgt Wis­sen­schaft ihren eige­nen Zwe­cken – und ist in die­sem Sin­ne frei von poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Fina­li­sie­run­gen zu hal­ten –, aber sie ist nicht ethisch neu­tral oder indif- ferent, ohne Ver­ant­wor­tung für ihre mög­li­chen tech­ni- schen Anwen­dun­gen und gesell­schaft­li­chen Fol­gen. For- schun­gen, die dem mensch­li­chen Wohl (human wel­fa­re) oder den frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Wer­ten (libe­ral and demo­cra­tic tra­di­ti­ons) zuwi­der­lau­fen, sind wis­sen- schafts­in­tern und –extern kri­tisch zu evaluieren.15

Dass die Frei­heit der Wis­sen­schaft sie nicht von Ver- ant­wor­tung ent­bin­det, wird auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes zu Art. 5 Abs. 3 GG her- aus­ge­stellt. In dem Hoch­schu­l­ur­teil aus dem Jah­re 1973 heißt es: „Damit sich For­schung und Leh­re unge­hin­dert an dem Bemü­hen um Wahr­heit als ‚etwas noch nicht ganz Gefun­de­nes und nie ganz Auf­zu­fin­den­des‘ (Wil- helm von Hum­boldt) aus­rich­ten kön­nen, ist die Wis­sen- schaft zu einem von staat­li­cher Fremd­be­stim­mung frei- en Bereich per­sön­li­cher und auto­no­mer Ver­ant­wor­tung des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers erklärt wor­den.“ Als „frei“ gel­ten dem Gericht „ins­be­son­de­re die Fra­ge­stel- lung und die Grund­sät­ze der Metho­dik sowie die Bewer- tung des For­schungs­er­geb­nis­ses und sei­ner Ver­brei- tung“; dazu dient „ein Recht auf Abwehr jeder staat­li- chen Ein­wir­kung auf den Pro­zeß der Gewin­nung und Ver­mitt­lung wis­sen­schaft­li­cher Erkenntnisse“.16 An die- sen For­mu­lie­run­gen zeigt sich, dass mit der Rede von „Wahr­heit“ als Zweck der Wis­sen­schaft kein meta­phy- sisch hypo­st­asier­ter Wahr­heits­an­spruch konstatiert

14 Cournand/Meyer (Fn. 12), 90.
15 A. Cour­nand, The Code of the Sci­en­tist and Its Rela­ti­ons­hip to

Ethics, Sci­ence 198 (1977) 699–705. 16 BVerfGE 35, 79 (113).

wird, son­dern (Wil­helm von Hum­boldt zitie­rend) Wahr- heit im Sin­ne einer regu­la­ti­ven Idee, als „etwas noch nicht ganz Gefun­de­nem und auch nie ganz Auf­zu­fin- den­dem“. Die­se für Wis­sen­schaft und For­schung kon­sti- tuti­ve Wahr­heits­ori­en­tie­rung unter­liegt der Bedin­gung der Frei­heit. Wer also die Frei­heit der Wis­sen­schaft be- schnei­det, behin­dert das Bemü­hen um Wahr­heit und damit den Zweck der Wis­sen­schaft selbst. Die Idee der Wis­sen­schaft und die Idee der frei­en Wis­sen­schaft ver- wei­sen auf­ein­an­der; die Frei­heit von Wis­sen­schaft und For­schung ist eine Bedin­gung der Mög­lich­keit, dass eine rea­li­täts­na­he erkennt­nis­ori­en­tier­te Wahr­heits­su­che ge- lingt.17 Aber zugleich ist Frei­heit ohne Ver­ant­wor­tung nicht zu haben: Die Frei­heit von Fremd­be­stim­mung ver- pflich­tet die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft und ihre Mit­glie­der zu ver­ant­wort­li­cher Selbst­be­stim­mung. Des- wegen wird das „Recht auf Abwehr jeder staat­li­chen Ein- wir­kung“ im sel­ben Argu­men­ta­ti­ons­zug ver­knüpft mit der „per­sön­li­chen und auto­no­men Ver­ant­wor­tung des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers“. Zwar ist die Frei­heit der Wis­sen­schaft, For­schung und Leh­re als ein defen­si­ves und kon­sti­tu­ti­ves Indi­vi­du­al­recht ohne Geset­zes­vor­be- halt garan­tiert, so dass die Ein­schrän­kung des Schutz­be- reichs des Grund­rechts der Wis­sen­schafts- und For- schungs­frei­heit nur durch eine Kol­li­si­on mit gleich­wer­ti- gen Rechts­gü­tern begrün­det wer­den kann (nament­lich Wür­de, Leben, kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, Gesund­heit oder Tier- und Umwelt­schutz, die den Rang von Staats- zie­len haben).18 Aber zugleich wird auf eine nicht-recht- liche Ebe­ne der Regu­lie­rung und Kon­trol­le ver­wie­sen, näm­lich die Ver­ant­wor­tung des ein­zel­nen Wis­sen­schaft- lers und der Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft. Inter­ne Ver­ant- wor­tung trägt der Wis­sen­schaft­ler gegen­über den Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Exter­ne Ver­ant­wor­tung im Sin­ne der Rechen­schafts­pflicht für die mög­li­chen An- wen­dun­gen und Fol­gen sei­ner For­schung ist hin­ge­gen kein kon­sti­tu­ti­ver Bestand­teil des epis­te­mi­schen Ethos der Wis­sen­schaft oder der Inte­gri­täts­nor­men des einzel-

  1. 17  Vgl. hier­zu die sys­te­ma­ti­schen Aus­füh­run­gen von T. Wil­holt, Die Frei­heit der For­schung. Begrün­dun­gen und Begren­zun­gen, 2012.
  2. 18  Somit kann nur die Kol­li­si­on mit ande­ren Grund­rech­ten oder gleich­wer­ti­gen Rechts­gü­tern eine Ein­schrän­kung des Schutz­be- reichs des Grund­rechts der Wis­sen­schafts- und For­schungs­frei- heit begrün­den, vgl. R. Scholz, Art. 5 Abs. III, in: Th. Maunz / G. Düring et al (Hrsg.), Grund­ge­setz. Kom­men­tar, Band 1, 2001; E. Den­nin­ger, Art. 5 Abs. III, in: R. Bäum­lin et. al. (Hrsg.), Kom- men­tar zum Grund­ge­setz für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Band 1 (1989); H. Wag­ner, Zur Stel­lung der For­schungs­frei­heit im Gefü­ge der Grund­rech­te, in: Ders. (Hrsg.), Recht­li­che Rah­men­be- din­gun­gen für Wis­sen­schaft und For­schung. For­schungs­frei­heit und staat­li­che Regu­lie­rung, 2002, 229–266; I. Augs­berg, Sub­jek­ti­ve und objek­ti­ve Dimen­sio­nen der Wis­sen­schafts­frei­heit, in: F. Voigt (Hrsg.), Frei­heit der Wis­sen­schaft. Bei­trä­ge zu ihrer Bedeutung,

nen Wis­sen­schaft­lers, son­dern eine genu­in ethi­sche Norm.

III. Ver­ant­wor­tung: Die ethi­sche Dimen­si­on der Wis- senschaft

Die Ergän­zung des wis­sen­schafts­in­ter­nen, weit­ge­hend funk­tio­na­len epis­te­mi­schen Ethos um eine wis­sen- schafts­ex­ter­ne Ethik der Ver­ant­wor­tung wird seit der Betei­li­gung von Wis­sen­schaft­lern an der Ent­wick­lung von mili­tä­ri­schen Mas­sen- bzw. Welt­ver­nich­tungs­waf­fen (also seit dem Man­hat­tan Pro­jekt in den 1940er Jah­ren) dis­ku­tiert. Ab den 1960er Jah­ren (in Ver­bin­dung mit der öko­lo­gi­schen Kri­tik des tech­no­lo­gi­schen Impe­ra­tivs) neh­men die­se For­de­run­gen eine sys­te­ma­ti­sche wis­sen- schafts­ethi­sche Form an.19 Wäh­rend sich die Anläs­se für eine sol­che ethi­sche Eva­lu­ie­rung fort­set­zen (gegen­wär­tig ste­hen vor allem die moder­nen Gen- und Bio­tech­no­lo­gi- en und damit auch DURC im Fokus) und die öffent­li­che Kri­tik, viel­leicht auch die gesell­schaft­li­che Skep­sis gegen- über der Wis­sen­schaft (oder jeden­falls gegen­über ein­zel- nen For­schungs­fel­dern) eher zunimmt,20 bleibt die Fra- ge nach der Ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft umstrit­ten. Wie bei ande­ren exter­nen Zwe­cken, sei­en sie öko­no­mi- scher, poli­ti­scher oder gesell­schaft­li­cher Pro­ve­ni­enz, könn­te auch bei ethi­schen Zweck­set­zun­gen eine Kon- ven­tio­na­li­sie­rung, Funk­tio­na­li­sie­rung oder Fina­li­sie- rung – und damit eine Ver­let­zung des epis­te­mi­schen Ethos, eine Gefähr­dung der Auto­no­mie der Wis­sen- schaft – befürch­tet wer­den. Da die ehe­mals strik­te Tren- nung zwi­schen Grund­la­gen­for­schung und anwen­dungs- ori­en­tier­ter For­schung aber zuneh­mend ver­schwimmt, erscheint eine gänz­li­che Zurück­wei­sung exter­ner Ver- ant­wor­tung, wie sie noch für For­scher wie Wer­ner Hei- sen­berg oder Edward Tel­ler cha­rak­te­ris­tisch war, aber weder zeit- noch sach­ge­mäß. Die­ser Zuwachs an Ver­ant- wor­tung und die damit ver­bun­de­ne Ver­än­de­rung des inner­wis­sen­schaft­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses wird auch

Nor­ma­ti­vi­tät und Funk­ti­on (2012), 65–89.
19 Für den deut­schen Sprach­raum sind hier die Bei­trä­ge der

Wis­sen­schaft­ler um Jür­gen Haber­mas und Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker am Starn­ber­ger Max Planck Insti­tut zur Erfor­schung der Lebens­be­din­gun­gen der wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Welt zu nen­nen sowie die Arbei­ten von Hans Jonas. Sie­he G. Böhme/W. van den Daele/W. Krohn, Die Fina­li­sie­rung der Wis­sen­schaft, in: Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 2 (1973), 128–144; H. Jonas, Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung: Ver­such einer Ethik für die tech­no­lo­gi­sche Zivi­li­sa­ti­on, (1979); J. Haber­mas, Tech­nik und Wis­sen­schaft als „Ideo­lo­gie“, (1981).

20 Hier­zu A. Bora/D. Kal­dew­ey, Die Wis­sen­schafts­frei­heit im Spie­gel der Öffent­lich­keit, in: F. Voigt (Hrsg.), Frei­heit der Wis­sen­schaft. Bei­trä­ge zu ihrer Bedeu­tung, Nor­ma­ti­vi­tät und Funk­ti­on (2012), 9–36.

Özmen · Wis­sen­schaft. Frei­heit. Ver­ant­wor­tung. 6 9

70 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 65–72

durch die Ethik-Kodi­zes der wis­sen­schaft­li­chen Gesell- schaf­ten und ande­re For­men und Ebe­nen der Insti­tu­tio- nali­sie­rung und orga­ni­sier­ten Selbst­re­gu­lie­rung einer ethisch ver­ant­wort­ba­ren For­schung und Wis­sen­schaft belegt.21 Wenn­gleich sich also die ethi­sche Ver­ant­wor- tung der Wis­sen­schaft für ihre mög­li­chen Anwen­dun­gen und Fol­gen nicht seri­ös abwei­sen lässt, bleibt die Fra­ge, wem die­se Ver­ant­wor­tung sinn­voll und/oder effek­tiv zuge­wie­sen und wie sie aus­ge­übt wer­den kann, dis­kus­si- ons­wür­dig. Man könn­te einer­seits dafür argu­men­tie­ren, Ver­ant­wor­tung zu indi­vi­dua­li­sie­ren, um sich über sol­che fach- und ethik­kun­di­gen ein­zel­nen Wis­sen­schaft­ler der Auto­no­mie der Wis­sen­schaft zu ver­si­chern. Ande­rer- seits könn­te die Ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft auch durch exter­ne Akteu­re, d.h. poli­tisch-recht­lich „von außen“ gesteu­ert wer­den. Bei­de Posi­tio­nen argu­men­tie- ren letzt­lich für eine Ent­las­tung der Wis­sen­schaft: ers­te- re für eine Abwehr von äuße­rer Regu­lie­rung und den damit ver­bun­de­nen Gefah­ren der Fremd­steue­rung der Wis­sen­schaft, die in Span­nung zu ihrem epis­te­mi­schen Ethos, ins­be­son­de­re ihrem Auto­no­mie­an­spruch, steht. Die zwei­te Posi­ti­on plä­diert für eine voll­stän­di­ge Ver­ant- wortungs­ent­las­tung der Wis­sen­schaft, sei es, weil ein sol­ches ethi­sches Recht­fer­ti­gungs­er­for­der­nis nicht zum Wis­sen­schafts­ethos pas­se, sei es, weil der ein­zel­ne Wis- sen­schaft­ler durch die­se Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung heil­los über­for­dert wäre. Als radi­ka­le End­punk­te des wei­ten Spek­trums von Stand­punk­ten, die in der zeit­ge- nös­si­schen Wis­sen­schafts­ethik ver­tre­ten wer­den, mar- kie­ren die­se bei­den Posi­tio­nen das Span­nungs­feld, inner­halb des­sen sich die ethi­sche Dis­kus­si­on (und die sich dar­an anschlie­ßen­de poli­ti­sche und recht­li­che Regu­lie­rung) von bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For­schung bewe­gen und beweh­ren muss. Eine Auf­lö­sung die­ses Span­nungs­ver­hält­nis­ses ist mei­nes Erach­tens weder zu erwar­ten, noch anzu­stre­ben. Denn die For­de­rung nach strik­ter Inter­na­li­sie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung der Ver- ant­wor­tung stellt sowohl eine kogni­ti­ve und ethi­sche Über­for­de­rung des Ein­zel­nen als auch eine Unter­schät- zung der Wis­sen­schaft als eines gesell­schaft­li­chen Sub- sys­tems dar. Dem­ge­gen­über birgt der Vor­schlag, Ver­ant- wor­tung zu exter­na­li­sie­ren mit­tels einer Abkop­pe­lung ethi­scher Anwen­dungs­fra­gen von ihren theo­re­ti­schen Grund­la­gen die Gefahr der Bana­li­sie­rung der nor­ma­ti- ven Dimen­sio­nen der Wis­sen­schaft selbst. Daher kann es auch im Fal­le von DURC ledig­lich um eine sen­si­ble Abwä­gung von Frei­heit einer­seits – der indi­vi­du­el­len Berech­ti­gung und gesell­schaft­li­chen Ver­pflich­tung zu

  1. 21  Vgl. Deut­scher Ethik­rat (Fn. 5), Abschnitt 7.
  2. 22  Vgl. E. Özmen, Ecce homo faber! Anthro­po­lo­gi­sche Uto­pien und­das Argu­ment von der Natur des Men­schen, in:

For­schung und Wis­sen­schaft –, und von Ver­ant­wor­tung ande­rer­seits – der indi­vi­du­el­len und gesell­schaft­li­chen Pflicht zum ver­nünf­ti­gen und gerech­ten Umgang mit Risi­ken und Schä­den – gehen. Die fol­gen­den Über­le­gun- gen zum Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft, Fort­schritt, Frei- heit und Ver­ant­wor­tung wer­fen eher Fra­gen auf als dass sie Argu­men­te für eine sol­che Abwä­gung bereit­stel­len. Aber viel­leicht haben sie ihre Berech­ti­gung dar­in, auf die Plu­ra­li­tät von nor­ma­ti­ven Gesichts­punk­ten hin­zu­wei- sen, die es bei der Regu­lie­rung von DURC zu berück- sich­ti­gen gilt.

1. Der Zusam­men­hang von Fort­schritt und Freiheit

Das moder­ne Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis ist durch einen dyna­mi­schen Wis­sens­be­griff cha­rak­te­ri­siert, in wel­chem Fort­schritt der zen­tra­le Impe­ra­tiv, Inno­va­ti­on das Ziel und der sys­te­ma­ti­sche Zwei­fel an den eta­blier­ten Theo­ri- en der Motor ist. 22 Die kon­sti­tu­ti­ve Rol­le und der inhä- ren­te Wert von Frei­heit für das wis­sen­schaft­li­che Ethos wur­den bereits the­ma­ti­siert. Aber die Frei­heit der Wis- sen­schaft von poli­ti­schen, reli­giö­sen und öko­no­mi­schen Ein­mi­schun­gen und Begren­zun­gen ist nicht oder jeden- falls nicht aus­schließ­lich eine Frei­heit zum wert­frei­en Wis­sen­wol­len und Machen­kön­nen, son­dern ihrer­seits ethisch affi­ziert. Das Ide­al der frei­en Wis­sen­schaft erhellt sich erst im Lich­te einer Ver­pflich­tung auf das mensch­li- che Wohl­erge­hen, was sich schon an den his­to­ri­schen wis­sen­schafts­phi­lo­so­phi­schen Anfän­gen des Bacon- schen Pro­gramms zei­gen lässt. Hier wird die Legi­ti­mi­tät einer frei­en Wis­sen­schaft – und in die­sem Zuge ihre Pro- fes­sio­na­li­sie­rung und Insti­tu­tio­na­li­sie­rung – mit Ver- weis auf den Zusam­men­hang von wis­sen­schaft­lich-tech- nischem mit ethi­schem und sozio-poli­ti­schem Fort- schritt gerecht­fer­tigt. Die Frei­heit der Wis­sen­schaft führt zu Erkennt­nis­sen und Erfin­dun­gen, die ihrer­seits Frei- heit ermög­li­chen, ins­be­son­de­re die lebens­welt­li­che Eman­zi­pa­ti­on von den Zwän­gen der äuße­ren und inne- ren Natur des Men­schen. Das ist das kei­nes­wegs leer geblie­be­ne Ver­spre­chen der moder­nen Wis­sen­schaft: dass For­schung, Wis­sen­schaft und Tech­nik zu einer Huma­ni­sie­rung des mensch­li­chen Lebens bei­tra­gen und somit einen ethi­schen Effekt zei­ti­gen. In einer wis­sen- schaft­lich-tech­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on wird es uns bes­ser gehen, wir wer­den als bes­se­re Men­schen unter huma­ne- ren Lebens­be­din­gun­gen zusam­men­le­ben kön­nen. Eine Bedin­gung der Erfül­lung die­ses dau­er­haf­ten Ver­sp­re- chens ist aber, gera­de­zu para­dox anmu­tend, die Frei­heit der Wis­sen­schaft von sol­chen ethi­schen oder sonstigen

J. Nida-Rüme­lin/K. Kufeld (Hrsg.), Die Gegen­wart der Uto­pie. Zeit­kri­tik und Denk­wen­de (2011), 101–124.

gesell­schaft­li­chen Nütz­lich­keits- und Zweck­mä­ßig­keits- vorgaben.

2. Das Ver­hält­nis von Frei­heit und Verantwortung

Das Fort­schritts­ver­spre­chen von Wis­sen­schaft und Tech­nik erscheint auch gegen­wär­tig noch glaub­wür­dig und wün­schens­wert genug, wie­wohl wir nicht nur die huma­ni­sie­ren­den, son­dern auch die zer­stö­re­ri­schen Effek­te der ange­wand­ten Wis­sen­schaft ken­nen und fürch­ten gelernt haben. Wenn­gleich also das Bacon­sche Pro­gramm die zeit­ge­nös­si­sche Wis­sen­schafts­kul­tur und ihre gesell­schaft­li­che Wert­schät­zung noch immer prägt, ist es doch um eine neue und bit­te­re Ein­sicht ergänzt wor­den. In einer ande­ren Zeit, unter ande­ren his­to­ri- schen und gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen konn­te man (viel­leicht) wie der Phy­si­ker Max Born der Auf­fas­sung sein, dass Wis­sen­schaft „nie zum Schlech­ten füh­ren kön­ne, weil die Suche nach Wahr­heit an sich gut sei.“ Für das Gelin­gen und die Legi­ti­mi­tät einer sol­chen Wis­sen- schaft mag das epis­te­mi­sche Ethos, das wis­sen­schaftsin- ter­ne Nor­men­ge­fü­ge von Regeln, Impe­ra­ti­ven, Frei­hei- ten und Ver­ant­wor­tun­gen, nicht nur not­wen­dig, son- dern auch hin­rei­chend sein. Aber, so Born wei­ter, „Das war ein schö­ner Traum, aus dem wir durch die Wel­ter- eig­nis­se geweckt wor­den sind. Auch die fes­tes­ten Schlä- fer erwach­ten, als im August 1945 die ers­ten Atom­bom- ben auf japa­ni­sche Städ­te fielen.“23 Die Erkennt­nis, dass sich das Zer­stö­rungs­po­ten­ti­al der Wis­sen­schaft und das Miss­brauchs­po­ten­ti­al der For­schung seit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts dras­tisch erhöht, ja viel­leicht sogar qua­li­ta- tiv ver­än­dert haben, las­sen eine nor­ma­ti­ve Ergän­zung der funk­tio­nel­len wis­sen­schaft­li­chen Selbst­kon­trol­le und Selbst­re­gu­lie­rung unum­gäng­lich erschei­nen. Der pro­mi­nen­tes­te, phi­lo­so­phisch mit dem Namen von Hans Jonas ver­bun­de­ne Vor­schlag für ein sol­ches ethi­sches Sur­plus der Wis­sen­schaft ist das Prin­zip Ver­ant­wor­tung: „Hand­le so, daß die Wir­kun­gen dei­ner Hand­lun­gen ver- träg­lich sind mit der Per­ma­nenz ech­ten mensch­li­chen Lebens auf Erden. Hand­le so, daß die Wir­kun­gen dei­ner Hand­lung nicht zer­stö­re­risch sind für die künf­ti­ge Mög- lich­keit sol­chen Lebens. Gefähr­de nicht die Bedin­gun- gen für den inde­fi­ni­ten Fort­be­stand der Mensch­heit auf Erden.“24

Für Hans Jonas ist der Adres­sat des Ver­ant­wor­tungs- impe­ra­tivs pri­mär die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft; das Prin­zip Ver­ant­wor­tung wird auf die Fähig­keit und den Wil­len zur ver­ant­wort­li­chen Selbst­be­schrän­kung von For-

23 M. Born, Von der Ver­ant­wor­tung des Natur­wis­sen­schaft­lers. Gesam­mel­te Vor­trä­ge (1965), 192.

schung und Wis­sen­schaft gegrün­det. Eine sol­che wis­sen- schafts­in­ter­ne Ver­ant­wor­tungs­ethik erscheint schon des­we­gen not­wen­dig, weil natür­lich auch die exter­ne nor­ma­ti­ve Eva­lu­ie- rung, z.B. der ethi­schen und recht­li­chen Dimen­sio­nen von DURCdurchdenDeutschenEthikrat,aufwissenschaftli- chen Sach­ver­stand ange­wie­sen ist. Das ist weni­ger tri­vi­al, als es auf den ers­ten Blick erschei­nen mag, jeden­falls dann, wenn­wiruns­Wis­sen­schaft­ler­nicht­in­zwei­ver­schie­de­nen Modidenkenwollen,einmalauswissenschaftsinternerPer- spek­ti­ve, rein der Wis­sen­schaft und For­schung ver­pflich­tet, ein­mal aus wis­sen­schafts­ex­ter­ner Per­spek­ti­ve, z.B. als Mit- glied einer Ethik-Kom­mis­si­on, in der Lage und auf­ge­for- dert, die eige­ne Wis­sen­schaft nor­ma­tiv zu eva­lu­ie­ren. Inso- fern die Wis­sen­schaft ein kol­lek­ti­ves und öffent­li­ches Gut ist, zu des­sen Frei­heits­ga­ran­tie übri­gens auch die staat­li­che För­de­rung, ins­be­son­de­re die Finan­zie­rung durch die Bür- gerschaftgehört,findetdieUnterscheidungvon„interner“ und „exter­ner“ Ver­ant­wor­tung ohne­hin ihre Gren­ze in dem Erfor­der­nis der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Aner­ken- nung von Wis­sen­schaft und For­schung. Die­sem Erfor­der- nis kann nur durch die Bereit­schaft der sci­en­ti­fic com­mu­ni- ty ent­spro­chen wer­den, an den außer­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen über Wis­sen­schaft zu par­ti­zi­pie­ren, mit der Öffent­lich­keit zu kom­mu­ni­zie­ren, sie zu infor­mie­ren, gege- benen­falls auch Rechen­schaft abzu­le­gen und in die­sem Sin- ne Ver­ant­wor­tung zu übernehmen.

Zugleich gibt es aber eine Kluft zwi­schen den wis­sen- schaft­lich-tech­ni­schen und den mora­li­schen Kom­pe­ten­zen der sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty – die­se kann (und soll­te) die ethi- sche Eva­lu­ie­rung bestimm­ter For­schungs­fel­der gar nicht auto­nom leis­ten, son­dern bleibt auf eine gesamt­ge­sell- schaft­li­che Eva­lu­ie­rung und eine exter­ne, ins­be­son­de­re recht­li­che Regu­lie­rung ange­wie­sen. Auch die unter­schied­li- chen Geschwin­dig­kei­ten von Fort­schrit­ten in der Wis­sen- schaft und ihren zum Teil ineins gege­be­nen Anwen­dungs- mög­lich­kei­ten einer­seits und der Zeit, die eine ver­nünf­ti­ge ethi­sche Eva­lu­ie­rung benö­tigt, spre­chen für eine sol­che au- ßer­wis­sen­schaft­li­che Beur­tei­lung und Regu­lie­rung von DURC, des­sen Wir­kun­gen sich tat­säch­lich als unver­träg- lich erwei­sen könn­ten mit der „Per­ma­nenz [unbe­schä­dig- ten] mensch­li­chen Lebens auf Erden“.

3. Die kon­se­quen­tia­lis­ti­sche Pra­xis der Ver­ant­wor­tung und ihre deon­to­lo­gi­schen Grenzen

Wenn Ver­ant­wor­tung, wie es in Jonas’ For­mu­lie­rung anklingt, als Rechen­schafts­pflicht für die poten­ti­ell zer- stö­re­ri­schen und gefähr­li­chen „Wir­kun­gen von Hand-

24 H. Jonas 1979 (Fn. 19), 36.

Özmen · Wis­sen­schaft. Frei­heit. Ver­ant­wor­tung. 7 1

72 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 65–72

lun­gen“ ver­stan­den wird, liegt eine kon­se­quen­tia­lis­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on nahe. Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung könn­te dann in Begrif­fe und Metho­den der Fol­gen­ab­schät­zung über­setzt, ope­ra­tio­na­li­siert und dadurch auch ratio­na­li- siert wer­den. Eine ratio­na­le Risi­ko­pra­xis grün­det auf ent­schei­dungs­theo­re­ti­schen Kri­te­ri­en – etwa cost-bene- fit-Abwä­gun­gen, dem pre­cau­tio­na­ry princip­le oder, bei Situa­tio­nen der Unsi­cher­heit, wie sie für DURC cha­rak- teris­tisch sind, dem Maxi­min-Kri­te­ri­um. Aber neben den Grün­den, die für eine epis­te­mi­sche und vor allem ethi­sche Unzu­läng­lich­keit kon­se­quen­tia­lis­ti­scher Ratio- nali­tät im All­ge­mei­nen und inner­halb der Risi­koethik im Beson­de­ren sprechen,25 stellt sich eine grund­sätz­li- che­re Fra­ge nach der wis­sen­schafts­ethi­schen Rele­vanz bzw. der Reich­wei­te der Fol­gen­ab­schät­zung und Risi­ko- abwä­gung. Wenn­gleich eine Ethik der Ver­ant­wor­tung den mög­li­chen Miss­brauch von bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For­schung, d.h. ihre poten­ti­el­len schäd­li­chen Kon­se- quen­zen, zum Gegen­stand hat, hat eine Beschrän­kung auf die risi­koethi­sche Eva­lu­ie­rung die­ser Kon­se­quen­zen die Ten­denz, nor­ma­ti­ve Prin­zi­pi­en zu mar­gi­na­li­sie­ren (bzw. für irra­tio­nal oder unwis­sen­schaft­lich zu erklä­ren), die sich einer kon­se­quen­tia­lis­ti­schen Logik ver­wei­gern, die also kate­go­ri­scher bzw. deon­to­lo­gi­scher Natur sind. Zu die­sen deon­to­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en gehört etwa die „Auto­no­mie“, die in Bereichs­ethi­ken wie der Medi­zi- nethik oder der poli­ti­schen Ethik eine zen­tra­le Rol­le spielt, wenn es um die Legi­ti­mi­tät und die Gren­zen von Hand­lun­gen geht, die das ein­zel­ne Indi­vi­du­um und sei- ne Frei­heit betref­fen, über sich, sei­nen Kör­per und sein Leben, selbst zu bestim­men. In der ethi­schen Eva­lu­ie- rung von DURC wird die­ses nor­ma­ti­ve Grund­prin­zip mei­nem Ein­druck nach aller­dings sel­ten dis­ku­tiert. Es ist eine offe­ne Fra­ge, ob und in wel­cher Wei­se Auto­no- mie in die ethi­sche Beur­tei­lung bio­si­cher­heits­re­le­van­ter For­schung auf­ge­nom­men wer­den könn­te (z.B. in Form eines Zustim­mungs­vor­be­halts der Bür­ger/-innen). Ein zwei­tes deon­to­lo­gi­sches Prin­zip setzt der Instrumentali-

sie­rung von Men­schen und damit auch jeder Risi­ko­ab- wägung kla­re Gren­zen: das Prin­zip „Men­schen­wür­de“. Wie­wohl in ethi­scher, poli­ti­scher und auch recht­li­cher Hin­sicht zu Unklar­heit und Mehr­deu­tig­kei­ten nei­gend, hat die­ses Prin­zip sich in bemer­kens­wer­ter Wei­se in dem Teil der Wis­sen­schafts­ethik fest eta­bliert, in dem es um die For­schun­gen am Men­schen geht, in der Ethik der Lebens­wis­sen­schaf­ten. Eine wei­te­re offe­ne und dis­kus­si- ons­wür­di­ge Fra­ge scheint mir daher, ob und in wel­cher Wei­se das Prin­zip der Men­schen­wür­de für die ethi­sche Eva­lua­ti­on von DURC in Anschlag gebracht wer­den kann.

Mit die­sen abschlie­ßen­den Hin­wei­sen auf mög­li­che nor­ma­ti­ve Erwei­te­run­gen des ethi­schen Instru­men­ta­ri- ums soll vor allem auf die Pro­ble­ma­tik einer kon­se­quen- tia­lis­tisch ver­eng­ten Pra­xis der wis­sen­schaft­li­chen Ver- ant­wor­tung hin­ge­wie­sen werden.26 Dass die ethi­sche Be- wer­tung und poli­ti­sche und recht­li­che Regu­lie­rung von DURC dadurch wei­ter erschwert und kom­pli­ziert wer- den könn­ten, muss ange­sichts der Bedeu­tung und des Wer­tes von Frei­heit der Wis­sen­schaft und For­schung hin­ge­nom­men wer­den. Der Plu­ra­lis­mus und die Kom- ple­xi­tät der Nor­men, die für das Ethos und die Ethik der Wis­sen­schaft cha­rak­te­ris­tisch sind und in die­sem Bei- trag skiz­ziert wur­den, bil­den auch für die ethi­sche Eva- luie­rung ein­zel­ner besorg­nis­er­re­gen­der For­schungs­fel- der einen ange­mes­se­nen nor­ma­ti­ven Rahmen.

Prof. Elif Özmen ist Pro­fes­so­rin für prak­ti­sche Phi­lo­so- phie an der Uni­ver­si­tät Regens­burg. Sie hat Phi­lo­so- phie, Wis­sen­schafts­ge­schich­te und Deut­sche Phi­lo­lo- gie stu­diert und sich zu begrün­dungs­theo­re­ti­schen Pro­ble­men der Phi­lo­so­phie des Libe­ra­lis­mus habi­li- tiert. Zu ihren der­zei­ti­gen For­schungs­in­ter­es­sen gehört die Fra­ge nach Wahr­heits­an­sprü­chen und Kri- tik in der Demo­kra­tie und nach der Rele­vanz anthro- polo­gi­scher Topoi in mora­li­schen und poli­tik­ethi­schen Theorien.

  1. 25  Für die­se Kri­tik ste­hen ins­be­son­de­re die Arbei­ten von Juli­an Nida Rüme­lin, vgl. ders., Kri­tik des Kon­se­quen­tia­lis­mus, 2. Aufl. (1995), und J. Nida-Rüme­lin/B. Rath/J. Schu­len­burg, Risi­koethik (2012).
  2. 26  So auch Deut­scher Ethik­rat (Fn. 5), Abschnitt 4.