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Über­sicht
I. Vor­ge­schich­te und Kon­text der Ent­schei­dun­gen
II. Inhalt und Bedeu­tung der bei­den Nichtannahmebeschlüsse

  1. Zum Beschluss vom 5. Febru­ar 2020, die Dua­le Hoch­schu­le Baden-Würt­tem­berg betreffend
  2. Zum Beschluss vom 6. März 2020, die Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver betref­fend
    III. Zusam­men­fas­sen­de Bewer­tung der Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se in ihrem Kon­text
    I. Vor­ge­schich­te und Kon­text der Ent­schei­dun­gen
    Seit den spä­ten 1990er Jah­ren ziel­ten Refor­men des Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­ons­rechts dar­auf, die Auto­no­mie der Hoch­schu­len dem Staat gegen­über zu erwei­tern und gleich­zei­tig inner­halb der Hoch­schu­len Kom­pe­ten­zen bei einer gestärk­ten Hoch­schul­lei­tung zu konzentrieren.1 Dies warf und wirft immer wie­der neu die Fra­ge auf, wie weit der Hoch­schul­ge­setz­ge­ber dabei – sowohl auf der zen­tra­len als auch auf der dezen­tra­len Ebe­ne (der Fakul­tä­ten bzw. Fach­be­rei­che) – gehen und die Ent­schei­dungs­spiel­räu­me und Ein­fluss­mög­lich­kei­ten des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans zuguns­ten einer mono­kra­ti­schen oder eben­falls kol­le­gia­len, aber deut­lich klei­ne­ren Hoch­schul- oder Fakul­täts­lei­tung beschnei­den darf.2
    Mit zwei Nicht­an­nah­me­be­schlüs­sen vom 5. Februar3 und vom 6. März 20204 setzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Rei­he von Ent­schei­dun­gen zu die­ser Fra­ge fort. Wesent­li­che Mei­len­stei­ne waren die Beschlüs­se über die Stär­kung des Prä­si­den­ten und der Deka­ne im Bran­den­bur­gi­schen Hoch­schul­ge­setz von 2004 (BVerfGE 111, 333), über die Befug­nis­se des Deka­nats nach dem Ham­bur­gi­schen Hoch­schul­ge­setz von 2010 (BVerfGE 127, 87), über die Rechts­stel­lung des Fach­be­reichs- bzw. Fakul­täts­rats und des Senats an der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver (MHH) von 2014 (BVerfGE 136, 338) und über die Ein­set­zung einer vor­über­ge­hen­den, nicht durch ein kol­le­gia­les Selbst­ver­wal­tungs­or­gan kon­trol­lier­ten Lei­tung an der durch Fusi­on neu­ge­grün­de­ten Bran­den­bur­gi­schen Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Cott­bus-Senf­ten­berg von 2015 (BVerfGE 139, 148).5
    In den drei zuletzt genann­ten Ent­schei­dun­gen sah das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Wis­sen­schafts­frei­heit durch zu weit­ge­hen­de Befug­nis­se des Lei­tungs­or­gans ver­letzt. Die grund­le­gen­den Wei­chen­stel­lun­gen des Hochschulurteils6 aus­bau­end hielt es fest, dass die Wis­sen­schafts­frei­heit (Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG) Hoch­schu­len, ihre Unter­glie­de­run­gen und die ein­zel­nen Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit vor hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ent­schei­dun­gen schützt, die die Erfül­lung ihrer Auf­ga­be, freie Wis­sen­schaft ermög­li­chen oder zu betrei­ben, geRe­na­te
    Pen­ßel
    Zu den Anfor­de­run­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit an die Rechts­stel­lung des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans — Anmer­kun­gen zu den Nicht­an­nah­me­be­schlüs­sen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 5.2. und 6.3.2020
    1 Für einen Über­blick über die­se Ent­wick­lung und ihre Hin­ter­grün­de s. nur Löwer, Hoch­schul­me­di­zin­recht nach der MHH-Ent­schei­dung, WissR 48 (2015), 193 (201ff.); Sand­ber­ger, Die Neu­ord­nung der Lei­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on der Hoch­schu­len durch die Hoch­schul­rechts­no­vel­len der Län­der, WissR 44 (2011), 118; ders., Neue­re Ent­wick­lun­gen im Hoch­schul­ver­fas­sungs- und Hoch­schul­recht, 2009; Gär­ditz, Hoch­schul­recht und ver­wal­tungs­recht­li­che Sys­tem­bil­dung, 2009, S. 33ff.
    2 Näher zu die­ser Pro­ble­ma­tik s. (u.a.) auch Mager, Steue­rung, Frei­heit und Par­ti­zi­pa­ti­on in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on, OdW 2019, 7; Groß, Kol­le­gi­al­prin­zip und Hoch­schul­selbst­ver­wal­tung, DÖV 2016, 449; Kraus­nick, Staat und Hoch­schu­le im Gewähr­leis­tungs­staat, 2012, S. 75ff., 442ff.; Burgi/Gräf, Das (Verwaltungs-)organisationsrecht der Hoch­schu­len im Spie­gel der neue­ren Gesetz­ge­bung und Ver­fas­sungs­recht­spre­chung, DVBl. 2010, 1125; Feh­ling, Neue Her­aus­for­de­run­gen an die Selbst­ver­wal­tung in Hoch­schu­le und Wis­sen­schaft, Die Ver­wal­tung 35 (2002), 399 (416–420).
    3 BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss v. 5.2.2020, Az. 1 BvR 1586/14 – juris; auch abruf­bar über die Home­page des Gerichts (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2020/02/rk20200205_1bvr158614.html) und als Beck­RS 2020, 4223.
    4 BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss v. 6.3.2020, Az. 1 BvR 2862/16 – juris; auch abruf­bar über die Home­page des Gerichts (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2020/03/rk20200306_1bvr286216.html) und als Beck­RS 2020, 7865.
    5 Näher zu die­sen Ent­schei­dun­gen und der sich in ihnen voll­zie­hen­den Recht­spre­chungs­ent­wick­lung s. z.B. anschau­lich Mager (Fn. 2), 9–11; Löwer (Fn. 1), 204–219; Ennu­schat, Das Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­ons­recht nach der MHH-Ent­schei­dung des BVerfG vom 24.6.2014, RdJB 2017, 34.
    6 BVerfGE 35, 79.
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
    2 5 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 5 3 — 2 6 0
    7 BVerfGE 111, 333 (354f.).
    8 BVerfGE 111, 333 (355f.).
    9 So zumin­dest sinn­ge­mäß BVerfGE 136, 338 (364, Rn. 59). Die in
    BVerfGE 111, 333 (356) for­mu­lier­te Aus­sa­ge, dass „kein Vor­rang
    von Kol­le­gi­al­or­ga­nen gegen­über mono­kra­ti­schen Lei­tungs­or­ga­nen“
    besteht, wird damit – zu Recht – ein Stück weit rela­ti­viert bzw.
    prä­zi­siert: BVerfGE 136, 338 (364, Rn. 60) spricht nun nur noch
    davon, dass „kein grund­sätz­li­cher Vor­rang (plu­ral zusam­men­ge­setz­ter)
    Orga­ne gegen­über den Lei­tungs­or­ga­nen“ anzu­neh­men
    sei. Aus­führ­li­cher zur Rol­le der kol­le­gia­len Reprä­sen­ta­ti­ons­or­ga­ne
    als „legitimatorische(n) Basisorgane(n) der Hoch­schu­le“ Gär­ditz
    (Fn. 1), S. 535ff.
    10 BVerfGE 127, 87 (117f.).
    11 BVerfGE 136, 338 (365, Rn. 60).
    12 In einem sol­chen enge­ren Sin­ne konn­te BVerfGE 35, 79 (123)
    durch­aus noch ver­stan­den wer­den, selbst wenn auch dort bereits
    z.B. die „haus­halts­mä­ßi­ge Betreu­ung“ von For­schungs­vor­ha­ben
    und Lehr­ver­an­stal­tun­gen als „For­schung und Leh­re unmit­tel­bar
    berüh­rend“ und damit „wis­sen­schafts­re­le­vant“ ein­ge­ord­net wer­den.
    13 BVerfGE 136, 338 (371, Rn. 71).
    14 BVerfGE 136, 338 (364, Rn. 58).
    15 Zu die­ser s. nur Mager (Fn. 2), 8f.
    16 Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Baden-Würt­tem­berg,
    14.11.2016, Az. 1 VB 16/15 – juris; auch ver­öf­fent­licht in LVerfGE 27,
    31; VBlBW 2017, 61; WissR 2016, 302.
    fähr­den können.7 Die Wis­sen­schafts­frei­heit ist ver­letzt,
    wenn eine Gesamt­be­trach­tung des hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen
    Gefü­ges ergibt, dass die freie For­schung und
    Leh­re „struk­tu­rell gefähr­det“ sind.8 Eine sol­che struk­tu­rel­le
    Gefähr­dung kann ent­ste­hen, wenn die zen­tra­le Ebe­ne
    gegen­über der wis­sen­schafts­nä­he­ren dezen­tra­len
    Ebe­ne zu sehr gestärkt wird. Oder sie kann ent­ste­hen,
    wenn die Befug­nis­se mono­kra­ti­scher oder auch kol­le­gia­ler
    Lei­tungs­or­ga­ne (Prä­si­di­um, Rek­to­rat, Deka­nat usw.)
    zulas­ten des grö­ße­ren, reprä­sen­ta­ti­ve­ren kol­le­gia­len
    Selbst­ver­wal­tungs­or­gans (Senat, Fach­be­reichs- bzw. Fakul­täts­rats)
    zu sehr aus­ge­wei­tet wer­den. Denn ein breit
    besetz­tes, kol­le­gia­les Selbst­ver­wal­tungs­or­gan kann sowohl
    durch die in ihm ver­sam­mel­te wis­sen­schaft­li­che
    Kom­pe­tenz als auch durch die Plu­ra­li­tät sei­ner Zusam­men­set­zung
    die ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te Selbst­be­stim­mung
    der Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit grds.
    bes­ser sichern und vor wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen
    schüt­zen, als klei­ne Lei­tungs­or­ga­ne, die
    sich umge­kehrt durch die Fähig­keit zu effi­zi­en­ter Ent­schei­dungs­fin­dung
    und eine grö­ße­re Distanz zu ein­zel­nen
    Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern aus­zeich­nen.
    9 In sei­ner Ent­schei­dung zum Ham­bur­gi­schen
    Hoch­schul­ge­setz führ­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    näher aus, wann eine sol­che „struk­tu­rel­le Gefähr­dung“
    der frei­en Wis­sen­schaft vor­liegt und kon­sta­tier­te, dass
    das hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Gesamt­ge­fü­ge ins­be­son­de­re
    dann ver­fas­sungs­wid­rig ist, „wenn dem Lei­tungs­or­gan
    sub­stan­ti­el­le per­so­nel­le und sach­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    im wis­sen­schafts­re­le­van­ten Bereich zuge­wie­sen
    wer­den, dem mit Hoch­schul­leh­rern besetz­ten
    Gre­mi­um im Ver­hält­nis hier­zu jedoch kaum Kom­pe­ten­zen
    und auch kei­ne maß­geb­li­chen Mit­wir­kungs- und
    Kon­troll­rech­te ver­blei­ben“. Zwar kön­ne der Gesetz­ge­ber
    dem Lei­tungs­or­gan umfang­rei­che Kom­pe­ten­zen in Berei­chen
    mit Wis­sen­schafts­be­zug ein­räu­men. „Je stär­ker
    (er) jedoch (…) das Lei­tungs­or­gan mit Kom­pe­ten­zen
    aus­stat­tet, des­to stär­ker muss er im Gegen­zug die direk­ten
    oder indi­rek­ten Mitwirkungs‑, Einfluss‑, Infor­ma­ti­ons-
    und Kon­troll­rech­te der Kol­le­gi­al­or­ga­ne aus­ge­stal­ten,
    damit Gefah­ren für die Frei­heit von Leh­re und For­schung
    ver­mie­den werden“.10 Noch ein wenig kon­kre­ter
    for­mu­lier­te das Gericht in sei­ner Ent­schei­dung zur Medi­zi­ni­schen
    Hoch­schu­le Han­no­ver, dass „je mehr, je
    grund­le­gen­der und je sub­stan­ti­el­ler wis­sen­schafts­re­le­van­te
    per­so­nel­le und sach­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    dem kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gan ent­zo­gen und
    einem Lei­tungs­or­gan zuge­wie­sen wer­den, des­to stär­ker
    (muss) im Gegen­zug die Mit­wir­kung des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans
    an der Bestel­lung und Abbe­ru­fung die­ses
    Lei­tungs­or­gans und an des­sen Ent­schei­dun­gen aus­ge­stal­tet
    sein“.11 Gleich­zei­tig stell­te es klar, dass „wis­sen­schafts­re­le­van­te
    Ent­schei­dun­gen“ nicht nur sol­che sind,
    die For­schung und Leh­re unmit­tel­bar betreffen,12 son­dern
    dass dazu auch die Pla­nung der wei­te­ren Ent­wick­lung
    einer Ein­rich­tung, die Ent­schei­dung über die von
    ihr intern zu beach­ten­den Ord­nun­gen sowie alle „den
    Wis­sen­schafts­be­trieb prä­gen­den“ Ent­schei­dun­gen über
    die inne­re Orga­ni­sa­ti­on und – „ange­sichts der Ange­wie­sen­heit
    von For­schung und Leh­re auf Aus­stat­tung mit
    Ressourcen“13 – über den Haus­halt gehören.14 Es erstreckt
    den Ein­fluss­be­reich der Wis­sen­schafts­frei­heit
    also expli­zit auch auf sol­che Ent­schei­dun­gen, die nur
    mit­tel­ba­re Wir­kun­gen auf For­schung und wis­sen­schaft­li­che
    Leh­re ent­fal­ten, ohne dabei eine genaue Grenz­zie­hung,
    etwa im Sin­ne der tra­di­tio­nel­len Unter­schei­dung
    zwi­schen Staats­an­ge­le­gen­hei­ten, Selbst­ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten
    und Kooperationsangelegenheiten15
    vor­zu­neh­men.
    Auch die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit hat­te sich
    inzwi­schen mit die­ser The­ma­tik zu befas­sen: Mit Urteil
    vom 14. Novem­ber 201616 erklär­te der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof
    für das Land Baden-Würt­tem­berg die Bestim­mun­gen
    des Lan­des­hoch­schul­ge­set­zes (LHG BW) über
    die Wahl und Abbe­ru­fung der haupt­amt­li­chen Rek­to­rats­mit­glie­der
    für mit der Lan­des­ver­fas­sung unver­ein­Pen­ßel
    · Wis­sen­schafts­frei­heit und die Rechts­stel­lung 2 5 5
    17 Vgl. dazu die Ent­schei­dungs­be­spre­chun­gen von Feh­ling, OdW
    2017, 63, Goerlich/Sandberger, Zurück zur Pro­fes­so­ren-Uni­ver­si­tät?
    – Neue Lei­tungs­struk­tu­ren auf dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Prüf­stand,
    DVBl. 2017, 667; Ennu­schat (Fn. 5), 43f.; Hufen, JuS 2017, 279;
    Jacob­sen, VBlBW 2017, 69.
    18 BVerfGE 35, 79 (126f.).
    19 Vgl. z.B. BVerfGE 136, 338 (381, Rn. 95), wo es ledig­lich heißt,
    dass es „auf erheb­li­che Beden­ken“ sto­ße, wenn die Mehr­heit für
    die Abbe­ru­fung von Mit­glie­dern des Lei­tungs­or­gans „von den
    Wis­sen­schaft­lern und Wis­sen­schaft­le­rin­nen allein nicht erreicht
    wer­den kann.“ Auch in BVerfGE 127, 87 (130f.) wird zwar pro­ble­ma­ti­siert,
    dass der Vor­schlag des Fakul­täts­rats zur Abwahl des
    Dekans an eine ¾ Mehr­heit gebun­den ist, die von der Grup­pe der
    Hoch­schul­leh­rer allein nicht erreicht wer­den kann. Die Unzu­läng­lich­keit
    die­ser Rege­lung wird aber letzt­lich nicht (bereits) dar­auf
    gestützt, son­dern damit begrün­det, dass der Fakul­täts­rat nur das
    Recht hat­te, die Abwahl vor­zu­schla­gen, wäh­rend die Abwahl selbst
    dem Prä­si­di­um mit Zustim­mung des Hoch­schul­rats über­tra­gen
    war. In BVerfGE 111, 333 (364) wird es dage­gen als ver­fas­sungs­kon­form
    gewer­tet, wenn das kol­le­gia­le Selbst­ver­wal­tungs­or­gan
    die Hoch­schul­lei­tung mit 2/3 Mehr­heit abwäh­len kann, ohne zu
    pro­ble­ma­ti­sie­ren, ob die­se Mehr­heit von den dar­in ver­tre­te­nen
    Hoch­schul­leh­ren­den erreicht wer­den kann (was nicht der Fall ist).
    S. dazu auch Kraus­nick (Fn. 2), S. 76.
    20 BVerfGE 35, 79.
    21 Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Baden-Würt­tem­berg,
    14.11.2016, Az. 1 VB 16/15 – juris, Rn. 131.
    22 Zur kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Unter­schei­dung s.
    bar17. Dabei stell­te er die Fra­ge ins Zen­trum, ob nicht
    nur das kol­le­gia­le Selbst­ver­wal­tungs­or­gan als sol­ches,
    son­dern auch die in ihm ver­tre­te­nen Hoch­schul­leh­ren­den
    – als die nach Maß­ga­be des Hoch­schu­l­ur­teils zen­tra­len
    Trä­ger der Wissenschaftsfreiheit18 – hier­bei beson­de­re
    Rech­te haben müss­ten. Wäh­rend das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    die­se Fra­ge ledig­lich streif­te, ohne sie als
    ent­schei­dungs­er­heb­lich einer kla­ren Lösung zuzu­füh­ren,
    19 lei­te­te der baden-würt­tem­ber­gi­sche Ver­fas­sungs­ge­richts­hof
    kon­kre­te Mit­wir­kungs­be­fug­nis­se gera­de der
    Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den inner­halb des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans
    aus den Prä­mis­sen des Hochschulurteils20
    ab: Er hielt fest, dass „(h)insichtlich der Wahl der
    Mit­glie­der eines Lei­tungs­or­gans (…) ein hin­rei­chen­des
    Mit­wir­kungs­ni­veau gewähr­leis­tet (ist), wenn ein Selbst­ver­wal­tungs­gre­mi­um
    mit der Stim­men­mehr­heit der gewähl­ten
    Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer die Wahl eines
    Mit­glieds, das das Ver­trau­en die­ser Grup­pe nicht genießt,
    ver­hin­dern kann“ und dass „(d)ie in ein Selbst­ver­wal­tungs­or­gan
    gewähl­ten Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer
    (…) sich von dem Mit­glied eines Lei­tungs­or­gans, das ihr
    Ver­trau­en nicht mehr genießt, tren­nen kön­nen (müs­sen),
    ohne im Selbst­ver­wal­tungs­gre­mi­um auf eine Eini­gung
    mit den Ver­tre­tern ande­rer Grup­pen und ohne auf
    die Zustim­mung eines wei­te­ren Organs oder des Staa­tes
    ange­wie­sen zu sein“.21 Dabei arbei­te­te er her­aus, dass
    die­se beson­de­ren Rech­te grds. nur „gewähl­ten Ver­tre­tern
    der Hoch­schul­leh­rer“, also nicht Hoch­schul­leh­rern
    zuste­hen, die dem Selbst­ver­wal­tungs­or­gan kraft Amtes
    angehören,22 und stütz­te auf die­se Berech­nungs­re­gel sei­ne
    Ver­wer­fung der Rege­lung über die Wahl der Rek­to­rats­mit­glie­der
    als ver­fas­sungs­wid­rig. Ohne dies ganz
    ein­deu­tig und unab­weis­lich zu for­mu­lie­ren, klingt in
    dem Urteil zumin­dest an, dass die­se Anfor­de­run­gen
    nicht unter­schrit­ten wer­den dür­fen, wenn dem Lei­tungs­or­gan
    ein star­kes kom­pe­tenz­recht­li­ches Über­ge­wicht
    zukommt.
    II. Inhalt und Bedeu­tung der bei­den Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se
    An die­se Rechts­spre­chungs­li­nie knüp­fen die bei­den im
    Früh­jahr erlas­se­nen Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts
    vom 5. Febru­ar und 6. März 2020
    an:
    Der Nicht­an­nah­me­be­schluss aus dem Febru­ar setzt
    sich mit den Rege­lun­gen des baden-würt­tem­ber­gi­schen
    Hoch­schul­ge­set­zes über die Wahl und Abwahl von Rek­to­rats­mit­glie­dern
    aus­ein­an­der, die teil­wei­se infol­ge der
    Ent­schei­dung des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­hofs neu
    gefasst wor­den waren. Dar­über hin­aus grif­fen die ihm
    zugrun­de­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den Spe­zi­al­be­stim­mun­gen
    an, die sich mit der Ver­wal­tung der dezen­tral
    in Stu­di­en­aka­de­mien geglie­der­ten „Dua­len Hoch­schu­le
    Baden-Würt­tem­berg“ befas­sen und dem Prä­si­di­um
    der zen­tra­len Ebe­ne weit­ge­hen­den Zugriff auf die
    Ver­wal­tung der Stu­di­en­aka­de­mien sichern. Der Beschluss
    hat damit jeden­falls z.T. die Son­der­si­tua­ti­on die­ser
    spe­zi­el­len, aus Berufs­aka­de­mien her­vor­ge­gan­ge­nen
    und der „dua­len Aus­bil­dung“ die­nen­den Hoch­schul­form
    zum Gegen­stand.
    Gegen­stand des Nicht­an­nah­me­be­schlus­ses aus dem
    März sind die Ände­run­gen der Bestim­mun­gen des Nie­der­säch­si­schen
    Hoch­schul­ge­set­zes über die Medi­zi­ni­sche
    Hoch­schu­le Han­no­ver (MHH), die der Umset­zung
    der MHH-Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts
    aus dem Jahr 2014 dien­ten.
    In bei­den Ver­fah­ren war damit u.a. zu beant­wor­ten,
    ob die durch die vor­aus­ge­hen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts
    bzw. des baden-würt­tem­ber­gi­schen
    Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­hofs ange­sto­ße­nen Geset­zes­kor­rek­tu­ren
    aus­reich­ten, um die aus
    Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG abzu­lei­ten­den Mit­wir­kungs­rech­te
    des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans zu wah­ren.
    2 5 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 5 3 — 2 6 0
    nur Goerlich/Sandberger (Fn. 17), 670; 672; Feh­ling (Fn. 17), S. 68f.
    m.w.N.
    23 Bei den Pas­sa­gen in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen, auf die hier­bei rekur­riert
    wird, han­delt es sich um sol­che, in denen zwar von den
    beson­de­ren Rech­ten der „Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit“ die
    Rede ist, die aber die hier auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge nicht expli­zit behan­deln
    und ent­schei­den.
    24 Allg. M., s. nur BVerfGE 35, 79 (125).
    25 Aller­dings wird wie­der­um an ande­rer Stel­le die Grup­pe der
    „Grund­rechts­be­rech­tig­ten“ – ent­ge­gen dem Hoch­schu­l­ur­teil – mit
    der­je­ni­gen der „Hoch­schul­leh­rer“ gleich­ge­setzt, s. Rn. 27 a.E. bei
    Bezug­nah­me auf § 10 Abs. 3 i.V.m. Abs. 1 S. 2 Nr. 1 LHG BW.
    26 S. die Umschrei­bung der Auf­ga­ben­stel­lung der ver­schie­de­nen
    Hoch­schul­ty­pen in § 2 Abs. 1 S. 3 LHG BW.
  3. Zum Beschluss vom 5. Febru­ar 2020, die Dua­le Hoch­schu­le
    Baden-Würt­tem­berg betref­fend
    Bemer­kens­wert ist zunächst, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    im Rah­men der Erör­te­rung der „grund­sätz­li­chen
    Bedeu­tung“ der Ver­fas­sungs­be­schwer­de
    (§ 93a Abs. 2 a BVerfGG) (Rn. 8) fest­hält, dass offen­blei­ben
    kön­ne, ob dem baden-würt­tem­ber­gi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hof
    dar­in zuzu­stim­men sei, dass zur Grup­pe
    der „Hoch­schul­leh­ren­den“ in Selbst­ver­wal­tungs­gre­mi­en
    nur die gewähl­ten Reprä­sen­tan­ten die­ser Grup­pe
    zu zäh­len sei­en. Gleich­zei­tig bleibt es dabei nicht ste­hen,
    son­dern ergänzt in einem knap­pen Halb­satz unter
    Bezug­nah­me auf die For­mu­lie­run­gen vor­aus­ge­hen­der
    Ent­schei­dun­gen, dass „für die Beur­tei­lung der nöti­gen
    Mit­wir­kung (…) der Ein­fluss der wis­sen­schaft­lich Täti­gen
    bezie­hungs­wei­se der Wis­sen­schaft­le­rin­nen und
    Wis­sen­schaft­ler ins­ge­samt (Her­vor­heb. d. Verf.) ent­schei­dend“
    sei.23 Die­se Aus­sa­ge kann kaum anders inter­pre­tiert
    wer­den, als dass damit Son­der­rech­ten gera­de der
    „Hoch­schul­leh­ren­den“ im Sin­ne des Hoch­schu­l­ur­teils
    eine Absa­ge erteilt und wei­te­re wis­sen­schaft­lich Täti­ge
    (wozu ins­be­son­de­re die Wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter
    gehören24) in den Kreis der beson­ders geschütz­ten Per­so­nen
    ein­be­zo­gen wer­den. Auch wenn das Gericht mit
    die­ser For­mu­lie­rung nicht expli­zit fest­legt, son­dern als
    Fra­ge im Raum ste­hen lässt, ob „Mit­glie­der kraft Amtes“
    als „wis­sen­schaft­lich Täti­ge“ bzw. „Wis­sen­schaft­le­rin­nen
    und Wis­sen­schaft­ler“ anzu­se­hen sind, hat es damit die
    zwei­te, durch den baden-würt­tem­ber­gi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hof
    auf­ge­wor­fe­ne Rechts­fra­ge nach einer
    Son­der­rol­le der Grup­pe der „Hoch­schul­leh­ren­den“ für
    die Wahl und Abwahl eines mit weit­rei­chen­den wis­sen­schafts­re­le­van­ten
    Befug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Lei­tungs­or­gans
    an ver­gleichs­wei­se ver­steck­ter Stel­le mit knap­pest
    mög­li­chen Wor­ten nega­tiv beant­wor­tet. Eine Stu­fung
    zwi­schen der „Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den“ und
    ande­ren „wis­sen­schaft­lich Täti­gen“ inner­halb des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans
    erfolgt nicht. Statt­des­sen ist an ande­rer
    Stel­le ein­heit­lich von den Mit­wir­kungs­rech­ten der
    „Grup­pe der Grund­rechts­trä­ge­rin­nen und Grund­rechts­trä­ger“
    bei der Krea­ti­on der Lei­tungs­or­ga­ne die Rede
    (Rn. 19).25
    Im nach­fol­gen­den, zen­tra­len Ent­schei­dungs­teil führt
    das Gericht aus, dass die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de
    nicht zur Durch­set­zung der Wis­sen­schafts­frei­heit
    ange­zeigt sei (§ 93a Abs. 2 b BVerfGG), weil sie – soweit
    zuläs­sig – unbe­grün­det ist.
    Obwohl die Ent­schei­dung hier die in der vor­aus­ge­hen­den
    Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze anwen­det
    und ihr Ergeb­nis inso­fern nicht über­rascht, ent­hält
    sie trotz­dem – auch für das Ver­ständ­nis der Wis­sen­schafts­frei­heit
    – bedeut­sa­me, bis­her noch nicht getrof­fe­ne
    Aus­sa­gen. So wird z.B. fest­ge­hal­ten, dass die
    Beschwer­de­füh­rer, Pro­fes­so­ren an der Dua­len Hoch­schu­le
    Baden-Würt­tem­berg, Trä­ger des Grund­rechts der
    Wis­sen­schafts­frei­heit sei­en, da sie der Gesetz­ge­ber damit
    betraut habe „wis­sen­schaft­lich eigen­stän­dig zu for­schen
    und zu leh­ren“ (Rn. 13). Die Fra­ge, ob dies evtl. dadurch
    aus­ge­schlos­sen wird, dass For­schung an der Dua­len
    Hoch­schu­le Baden-Würt­tem­berg gem. § 2 Abs. 1 S. 3
    Nr. 5 LHG BW nur als „koope­ra­ti­ve For­schung“ im Zusam­men­wir­ken
    mit einer Aus­bil­dungs­stät­te vor­ge­se­hen
    ist, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt damit impli­zit
    (ohne expli­zi­te Erör­te­rung die­ser im Zuge des Ver­fah­rens
    von den Par­tei­en pro­ble­ma­ti­sier­ten Bestim­mung)
    ver­neint. Es hat damit die Anfor­de­run­gen an die „Eigen­ver­ant­wort­lich­keit“
    der den Schutz­be­reich der Wis­sen­schafts­frei­heit
    eröff­nen­den Tätig­keit so zurück­ge­nom­men,
    dass auch For­schung in obli­ga­to­ri­scher Koope­ra­ti­on
    mit Ande­ren davon erfasst wird.
    Bei den fol­gen­den Aus­füh­run­gen dazu, ob die Wis­sen­schafts­frei­heit
    der Beschwer­de­füh­rer durch die bestehen­den
    Orga­ni­sa­ti­ons­re­geln ver­letzt, weil „struk­tu­rell
    gefähr­det“ wird, fällt auf, dass das Gericht den Schutz
    der Wis­sen­schafts­frei­heit bei sei­ner Bewer­tung des orga­ni­sa­ti­ons­recht­li­chen
    „Gesamt­ge­fü­ges“ nicht danach abstuft,
    dass die Beschwer­de­füh­rer durch den Gesetz­ge­ber
    einen weni­ger eigen­ver­ant­wort­li­chen Auf­trag zu wis­sen­schaft­li­cher
    For­schung und Leh­re ein­ge­räumt bekom­men
    haben, als dies etwa für Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren der
    Fall ist und dass es sich bei der Dua­len Hoch­schu­le um
    eine Hoch­schul­form han­delt, in der der Auf­trag zur For­schung
    gegen­über dem zur pra­xis­be­zo­ge­nen Aus­bil­dung
    den im Ver­gleich der Hoch­schul­ar­ten gerings­ten Stel­len­wert
    hat.26 Das Gericht hat damit das Kon­zept eines im
    Rah­men der Güter­ab­wä­gung (zwi­schen der Wis­sen­schafts­frei­heit
    einer­seits und dem Erfor­der­nis der Funk­ti­ons­fä­hig­keit
    der Hoch­schu­le und den grund­recht­lich
    geschütz­ten Aus­bil­dungs­in­ter­es­sen der Stu­die­ren­den
    Pen­ßel · Wis­sen­schafts­frei­heit und die Rechts­stel­lung 2 5 7
    27 Für die dezen­tra­le Ebe­ne, auf der dem ört­li­chen Senat in gewis­ser
    Hin­sicht eine stär­ke­re Stel­lung zukommt als dem Senat auf zen­tra­ler
    Ebe­ne, gelangt der Beschluss kon­se­quen­ter- und gut nach­voll­zieh­ba­rer
    Wei­se zu einem ent­spre­chen­den Ergeb­nis.
    28 S. BVerfGE 136, 338 (371f., Rn. 70–74). Zu die­sen und ihrer Inter­pre­ta­ti­on
    im Schrift­tum s. nur Ennu­schat (Fn. 5), S. 42; Groß (Fn.
    2), S. 453 m.w.N.
    29 Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re das neu ein­ge­führ­te, wenn­gleich
    unter dem Vor­be­halt des „Ein­ver­neh­mens des Vor­stan­des“
    ste­hen­de Recht, die Ent­wick­lungs­pla­nung zu beschlie­ßen
    (§ 41 Abs. 2 NHG), und das neu ein­ge­führ­te „Ein­ver­neh­mens­er­for­der­nis“
    bei Vor­stands­ent­schei­dun­gen mit „grund­sätz­li­cher
    Bedeu­tung“ für For­schung und Leh­re, s. § 63e Abs. 4 S. 2 Nie­der­säch­si­sches
    Hoch­schul­ge­setz (NHG). Näher BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schl.
    v. 6.3.2020, Rn. 20–24.
    30 Dort wird der wesent­li­che Gehalt der Ent­schei­dung wie folgt
    zusam­men­ge­fasst: „Der Gesetz­ge­ber hat dem Vor­stand der
    Hoch­schu­le zwar weit­rei­chen­de wis­sen­schafts­re­le­van­te Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    über­tra­gen (aa), und der Gesetz­ge­bungs- und
    Bera­tungs­dienst des Nie­der­säch­si­schen Land­tags hat­te des­halb inso­weit
    zutref­fend auf ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken hin­ge­wie­sen
    (vgl. LTDrucks 17/4810, S. 16 f.). Die Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se des
    aka­de­mi­schen Senats sind im Gesamt­ge­fü­ge aber so aus­ge­stal­tet,
    dass jeden­falls ein maß­geb­li­cher Ein­fluss auf Wahl und Abwahl
    des Vor­stands als Lei­tung der Hoch­schu­le gesi­chert ist (bb).“
    31 S. dazu § 16 Abs. 3 S. 1, § 41 Abs. 4 NHG; Heun/Lange, in: von
    Coelln/Pautsch (Hg.), Beck­OK Hoch­schul­recht Nie­der­sach­sen (16.
    Ed., Stand: 1.12.2019), § 41 Rn. 16.
    ande­rer­seits) nach Hoch­schul­ar­ten abge­stuf­ten Schut­zes
    der Wis­sen­schafts­frei­heit, das im Zuge des Ver­fah­rens
    the­ma­ti­siert wor­den war, zumin­dest nicht aus­drück­lich
    auf­ge­grif­fen.
    Viel­mehr beschränkt sich der Nicht­an­nah­me­be­schluss
    dar­auf, in Anwen­dung der in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen
    ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be fest­zu­hal­ten, dass ange­sichts
    der Erfor­der­lich­keit der Zustim­mung des Senats
    zum Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plan der Hoch­schu­le
    (§ 19 Abs. 1 S. 2 Nr. 3 LHG BW) und der Bin­dung wei­te­rer,
    dem Lei­tungs­or­gan über­las­se­ner Ent­schei­dun­gen an
    den Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plan, ange­sichts des
    Umfangs der beim Senat ver­blei­ben­den Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se,
    sei­ner Rech­te auf Infor­ma­ti­on durch das Prä­si­di­um,
    und schließ­lich auf­grund der infol­ge der Ent­schei­dung
    des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­hofs ein­ge­führ­ten
    Sperr­mi­no­ri­tät der Grup­pe der
    Hoch­schul­leh­ren­den bei der Wahl der Prä­si­di­ums­mit­glie­der
    sowie des eigen­stän­di­gen Abwahl­rechts die­ser
    „Grup­pe“, das orga­ni­sa­ti­ons­recht­li­che „Gesamt­ge­fü­ge“
    zu kei­ner „struk­tu­rel­len Gefähr­dung“ der Wis­sen­schafts­frei­heit
    führe.27 Auch stren­ger inter­pre­tier­ba­re
    Pas­sa­gen des MHH-Beschlus­ses28 prä­zi­sie­rend hält er
    außer­dem fest, dass es im Rah­men einer „Gesamt­wür­di­gung“
    kom­pen­sier­bar ist, wenn der Senat bezüg­lich des
    gemäß der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung emi­nent „wis­sen­schafts­re­le­van­ten“
    Haus­halts­vor­anschlags oder Wirt­schafts­plans
    nur ein Recht zur „Stel­lung­nah­me“ hat
    (s. § 19 Abs. 1 S. 2 Nr. 4), (Rn. 24).
    Eine Ver­tie­fung der durch den Ver­fah­rens­stoff auf­ge­wor­fe­nen
    Fra­ge, ob bzw. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen
    es eine Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit bedeu­ten
    kann, dass das zen­tra­le Lei­tungs­or­gan der Dua­len Hoch­schu­le
    die Lei­tung der Stu­di­en­aka­de­mien (bei Vor­lie­gen
    von Grün­den) an sich zie­hen kann (s. § 16 Abs. 3 S. 2 Nr. 15
    i.V.m. Abs. 8 LHG BW), wird mit dem Hin­weis ver­mie­den,
    dass bei sach­ge­rech­ter Aus­le­gung der ein­schlä­gi­gen
    Bestim­mun­gen eine „zen­tra­le Lei­tung“ der Stu­di­en­aka­de­mien
    nicht vor­lie­ge (Rn. 32).
    Ins­ge­samt betrach­tet lässt sich kon­sta­tie­ren, dass es
    das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die­ser sich an die des
    Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs für das Land Baden-Würt­tem­berg
    anschlie­ßen­den Ent­schei­dung ver­mei­det, den
    durch die­sen for­mu­lier­ten kon­kre­te­ren, weni­ger Spiel­raum
    für eine indi­vi­du­el­le Gesamt­ab­wä­gung las­sen­den
    Leit­li­ni­en (ins­be­son­de­re über eine Abwahl­mög­lich­keit
    gera­de durch die „Hoch­schul­leh­ren­den“) aus­drück­lich
    zuzu­stim­men, um die Bestim­mung der Min­dest­be­fug­nis­se
    des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans einer freie­ren
    Gesamt­wür­di­gung offenzuhalten.
  4. Zum Beschluss vom 6. März 2020, die Medi­zi­ni­sche
    Hoch­schu­le Han­no­ver betref­fend
    Die­sen Ein­druck unter­streicht auch der Beschluss, die
    Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die neu­ge­fass­ten Rege­lun­gen
    über die Medi­zi­ni­sche Hoch­schu­le Han­no­ver
    nicht zur Ent­schei­dung anzu­neh­men. Auch in ihm
    kommt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu dem Ergeb­nis,
    dass der Gesetz­ge­ber von sei­nem ihm zuste­hen­den
    Gestal­tungs­spiel­raum in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se
    Gebrauch gemacht hat und die erneu­er­te Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur
    kei­ne „struk­tu­rel­le Gefähr­dung“ der Wis­sen­schafts­frei­heit
    (mehr) begrün­det.
    Sein Schwer­punkt liegt dabei gera­de auf der Fra­ge, ob
    ange­sichts zwar gestärk­ter, aber immer noch — ver­gli­chen
    mit denen des Vor­stands gerin­ger eige­ner Ent­schei­dungs-
    und Mit­wir­kungs­be­fug­nis­se des kol­le­gia­len
    Selbstverwaltungsorgans29 sei­ne Ein­fluss­mög­lich­kei­ten
    auf die Wahl und Abwahl der Mit­glie­der des Vor­stands
    aus­rei­chen, um das genann­te Defi­zit zu kom­pen­sie­ren (s.
    Rn. 1130).
    Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wer­tet es dabei als
    aus­rei­chend, dass der Senat mit ¾ sei­ner Mit­glie­der die
    Ent­las­sung von Vor­stands­mit­glie­dern vor­schla­gen kann
    (s. § 40 S. 1 NHG), (Rn. 26). Nicht pro­ble­ma­ti­siert wird
    dabei, dass ange­sichts der Zusam­men­set­zung des Senats31
    die Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den für sich einen
    sol­chen Vor­schlag nicht erzwin­gen kann, und nur
    2 5 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 5 3 — 2 6 0
    32 BVerfGE 136, 338 (381, Rn. 95). 33 Vgl. dazu nur BVerfGE 35, 79 (112ff.); Gär­ditz (Fn. 1), S. 300ff.
    m.w.N.
    kurz erwähnt, dass ange­sichts des über­wie­gend – wenn
    auch nicht aus­nahms­los – gege­be­nen Letzt­ent­schei­dungs­rechts
    des Senats (§ 40 S. 4 NHG) das Erfor­der­nis
    der Bestä­ti­gung durch den Hoch­schul­rat (§ 40 S. 2 NHG)
    sowie die Zustän­dig­keit des Minis­te­ri­ums für die Durch­füh­rung
    der Ent­las­sung (§ 48 Abs. 1 NHG) – wegen des­sen
    ver­fas­sungs­recht­li­cher Bin­dung – unschäd­lich sind
    (Rn. 27, 28). War im MHH-Beschluss noch die Rede davon,
    dass „es auf erheb­li­che Beden­ken (stößt), wenn (die
    qua­li­fi­zier­te Abwahl­mehr­heit) von den Wis­sen­schaft­lern
    und Wis­sen­schaft­le­rin­nen allein nicht erreicht wer­den
    kann“32, fehlt in der erneu­ten Bewer­tung des inso­fern
    unver­än­dert geblie­be­nen § 40 S. 1 NHG eine Aus­ein­an­der­set­zung
    damit, ob die erfor­der­li­che Mehr­heit ent­we­der
    durch die Grup­pe der „Hoch­schul­leh­rer“, oder
    statt­des­sen – da dies ein­deu­tig nicht der Fall ist – durch
    die Grup­pe aller „Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit“ erreicht
    wer­den kann oder nicht. Hin­sicht­lich des Ein­flus­ses
    auf die Wahl lässt es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    (in Über­ein­stim­mung mit der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung)
    genü­gen, dass sie auf Vor­schlag des Senats erfolgt
    (§ 63c Abs. 1 S. 1 i.V.m. § 38 Abs. 2 S. 1 NHG), auch wenn
    die Ent­schei­dung über die Bestel­lung dem Minis­te­ri­um
    obliegt (§ 38 Abs. 2 S. 6 NHG), (Rn. 35).
    Wäh­rend das Mit­wir­kungs­recht der Grup­pe der
    Hoch­schul­leh­ren­den bei der Wahl der Vor­stands­mit­glie­der
    auch den durch das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt Baden-
    Würt­tem­berg for­mu­lier­ten Anfor­de­run­gen ent­spricht,
    weil die­se durch ihre Mehr­heit im Senat (§ 16
    Abs. 3 S. 1 NHG) einen ent­spre­chen­den Wahl­vor­schlag
    ver­hin­dern kön­nen, bleibt ihr Ein­fluss auf die Abbe­ru­fung
    von Mit­glie­dern hin­ter die­sen Anfor­de­run­gen zurück:
    Ohne Mit­wir­kung wei­te­rer Grup­pen und Stel­len
    kann die Grup­pe der „Hoch­schul­leh­rer“ eine Abbe­ru­fung
    nicht erzwin­gen.
    III. Zusam­men­fas­sen­de Bewer­tung der Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se
    in ihrem Kon­text
    Die auf­ge­führ­ten, in den Beschlüs­sen „ver­steck­ten“,
    durch­aus grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen – ein­schließ­lich
    der Ableh­nung der durch den baden-würt­tem­ber­gi­schen
    Ver­fas­sungs­ge­richts­hof for­mu­lier­ten Anfor­de­run­gen
    an das Abbe­ru­fungs­recht der „Hoch­schul­leh­ren­den“
    im kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gan – for­dern eine
    Stel­lung­nah­me her­aus.
    Dabei ist dem die Dua­le Hoch­schu­le Baden-Würt­tem­berg
    betref­fen­den Nicht­an­nah­me­be­schluss ent­schie­den
    dar­in zuzu­stim­men, dass die gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung,
    die Dua­le Hoch­schu­le mit einem – wenn­gleich
    ein­ge­schränk­ten – For­schungs- und wis­sen­schaft­li­chen
    Lehr­auf­trag als „Hoch­schu­le“ aus­zu­ge­stal­ten, den
    Schutz­be­reich der Wis­sen­schafts­frei­heit
    (Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG) eröff­net. Ins­be­son­de­re der die­ser
    Hoch­schu­le über­tra­ge­ne Auf­trag zu „koope­ra­ti­ver For­schung“
    (§ 2 Abs. 1 Nr. 5 LHG BW) muss daher so aus­ge­legt
    wer­den, dass er die ent­spre­chend beauf­trag­ten
    Hoch­schul­leh­ren­den zu einer dem ver­fas­sungs­recht­li­chen
    Wissenschaftsbegriff33 tat­säch­lich unter­fal­len­den
    Tätig­keit ermäch­tigt und ver­pflich­tet.
    Schwe­rer fällt die Bewer­tung der Leit­li­ni­en für einen
    hin­rei­chen­den Ein­fluss des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans,
    die in den bei­den Beschlüs­sen in weit­ge­hen­der
    Über­nah­me der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fort­ge­führt
    wer­den.
    Zuzu­stim­men ist der – auch durch den baden-würt­tem­ber­gi­schen
    Ver­fas­sungs­ge­richts­hof auf­ge­grif­fe­nen –
    Grund­an­nah­me, dass der „hin­rei­chen­de Ein­fluss“ des
    kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans prin­zi­pi­ell durch
    eine „Gesamt­ab­wä­gung“ fest­zu­stel­len, und Zurück­hal­tung
    dabei gebo­ten ist, fes­te Vor­ga­ben für eine Min­dest­mit­wir­kung
    in kon­kre­ten Ein­zel­fra­gen zu for­mu­lie­ren.
    Eine sol­che mode­ra­te, für unter­schied­li­che Lösun­gen offe­ne
    Aus­le­gung der orga­ni­sa­to­ri­schen Anfor­de­run­gen
    der Wis­sen­schafts­frei­heit ach­tet den Gestal­tungs­spiel­raum
    des mit ste­tig wech­seln­den tat­säch­li­chen Her­aus­for­de­run­gen
    kon­fron­tier­ten, demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten
    Gesetz­ge­bers, der (eben­falls) durch das Ver­fas­sungs­recht
    vor­ge­ge­ben ist.
    Zuzu­stim­men ist außer­dem der bei­den Nicht­an­nah­me­be­schlüs­sen
    genau­so wie den vor­aus­ge­hen­den Ent­schei­dun­gen
    zugrun­de­lie­gen­den Prä­mis­se, dass allei­ne
    ein maß­geb­li­cher Ein­fluss auf Wahl und Abwahl des Lei­tungs­or­gans
    (selbst wenn er so weit geht, wie der baden­würt­tem­ber­gi­sche
    Ver­fas­sungs­ge­richts­hof for­dert) nicht
    genügt, um eine „struk­tu­rel­le Gefähr­dung“ der Wis­sen­schafts­frei­heit
    aus­zu­schlie­ßen, son­dern dass wei­te­re eigen­stän­di­ge
    Ent­schei­dungs- und Mit­ent­schei­dungs­be­fug­nis­se,
    sowie hin­rei­chen­de Infor­ma­ti­ons- und Fra­ge­rech­te
    des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans hin­zu­kom­men
    müs­sen. Der Bedeu­tung des kol­le­gia­len
    Reprä­sen­ta­tiv­or­gans für die orga­ni­sa­to­ri­sche Absi­che­rung
    der Wis­sen­schafts­frei­heit (s. dazu oben S. 254) wür­de
    es nicht gerecht, es im Wesent­li­chen auf die Ver­mitt­lung
    per­so­nel­ler Legi­ti­ma­ti­on zu beschrän­ken.
    Gleich­zei­tig zemen­tie­ren die bei­den Nicht­an­nah­me­be­schlüs­se
    jedoch die schon in den ihnen zugrun­de lie­gen­den
    Ent­schei­dun­gen vor­ge­zeich­ne­te, beträcht­li­che
    Pen­ßel · Wis­sen­schafts­frei­heit und die Rechts­stel­lung 2 5 9
    34 S. auch Wür­ten­ber­ger, Zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Rege­lun­gen
    der Hoch­schul­lei­tung im Lan­des­hoch­schul­ge­setz von Baden-
    Würt­tem­berg, OdW 2016, 1 (4): „Was ein hin­rei­chen­des Maß an
    Mit­wir­kung der wis­sen­schaft­lich Täti­gen an wis­sen­schafts­re­le­van­ten
    Ent­schei­dun­gen von Lei­tungs­or­ga­nen (usw.) (ist), ist einer
    wei­te­ren Kon­kre­ti­sie­rung bedürf­tig. Nur dadurch lässt sich jene
    Rechts­si­cher­heit stif­ten, an der sich der Hoch­schul­ge­setz­ge­ber ori­en­tie­ren
    kann.“
    35 S. Nicht­an­nah­me­be­schl. v. 5.2.2020, Rn. 24.
    36 S. Nicht­an­nah­me­be­schl. v. 6.3.2020, Rn. 26–28.
    37 Ebd. Rn. 11.
    38 So auch Kraus­nick (Fn. 2), S. 445ff.; zustim­mend wohl auch Ennu­schat
    (Fn. 5), 44.
    39 Zu deren Betrau­ung mit Staats- genau­so wie Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­ben
    und ihren unter­schied­li­chen Funk­tio­nen s. nur BVerfGE
    111, 333 (362); Gär­ditz (Fn. 1), S. 536ff.
    40 S. Fn. 25.
    41 Vgl. BVerfGE 139, 148 (188, Rn. 78).
    42 So wur­den z.B. in der Lite­ra­tur bereits Ver­su­che unter­nom­men,
    das not­wen­di­ge Aus­maß der sach­li­chen Mit­ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    des kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gans zu sys­te­ma­ti­sie­ren
    (vgl. Mager Fn. 2, 11ff.). Auch sol­che, der Her­stel­lung von Rechts­si­cher­heit
    dien­li­che Über­le­gun­gen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    in bei­den Ent­schei­dun­gen jeden­falls nicht aus­drück­lich auf­ge­grif­fen
    bzw. ange­stellt.
    Unbe­stimmt­heit: Wann in der zwin­gend durch­zu­füh­ren­den
    „Gesamt­wür­di­gung“ die Schwel­le der „struk­tu­rel­len
    Gefähr­dung“ der Wis­sen­schafts­frei­heit erreicht
    ist, weil kein „hin­rei­chen­der Ein­fluss der Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit“
    mehr gege­ben ist, bleibt in vie­len
    Punk­ten vage.34 Die Fest­stel­lung, dass ent­ge­gen frü­he­rer,
    stren­ger anmu­ten­der Andeu­tun­gen eine Beschrän­kung
    des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans auf eine blo­ße „Stel­lung­nah­me“
    zu Haus­halts­vor­anschlag oder Wirtschaftsplan35
    einer Kom­pen­sa­ti­on genau­so zugäng­lich ist wie die Ein­schrän­kung
    des Abbe­ru­fungs­rechts durch das Erfor­der­nis
    einer ¾ Mehr­heit und die Mit­wir­kung von Hoch­schul­rat
    und Ministerium36 (trotz nach wie vor weit­ge­hen­der
    „wis­sen­schafts­re­le­van­ter“ Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    des Leitungsorgans),37 ver­stärkt den Ein­druck von
    Belie­big­keit.
    Auch wenn die Ergeb­nis­se der bei­den Ent­schei­dun­gen,
    genau wie die der ihnen vor­aus­ge­hen­den, kei­nes­wegs
    unnach­voll­zieh­bar sind, son­dern im Gro­ßen und
    Gan­zen über­zeu­gen, und außer­dem für sich in Anspruch
    neh­men kön­nen, dem Hoch­schul­ge­setz­ge­ber die
    not­wen­di­ge „Fle­xi­bi­li­tät“ zu belas­sen, kann man ihnen
    anlas­ten, es ver­säumt zu haben, den v.a. dem baden­würt­tem­ber­gi­schen
    Ver­fah­ren zugrun­de­lie­gen­den
    Rechts­stoff und die vor­aus­ge­hen­de Ent­schei­dung des baden-
    würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­hofs
    zu nut­zen, um für ein weni­ger an „Vag­heit“ und ein grö­ße­res
    Maß an Rechts­si­cher­heit für den Hoch­schul­ge­setz­ge­ber
    zu sor­gen:
    Aus Sicht der Ver­fas­se­rin über­zeugt die durch den
    baden-würt­tem­ber­gi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hof in
    sei­nen Leit­sät­zen 4 und 5 ange­leg­te Schluss­fol­ge­rung aus
    dem Hoch­schu­l­ur­teil, dass jeden­falls für den Fall, dass
    einem schmal besetz­ten Lei­tungs­or­gan signi­fi­kan­te wis­sen­schafts­re­le­van­te
    Befug­nis­se zur eigen­stän­di­gen (d.h.
    nicht mit­wir­kungs­ge­bun­de­nen) Erle­di­gung über­tra­gen
    wur­den, den in beson­de­rem Maße zur Ver­wirk­li­chung
    der Wis­sen­schafts­frei­heit beru­fe­nen „Hoch­schul­leh­ren­den“
    zumin­dest ein Veto­recht bei der Bestel­lung der Lei­tungs­per­so­nen
    und die Mög­lich­keit zu deren Abbe­ru­fung
    ver­blei­ben muss.38 Denn auf die­se Wei­se wird sicher­ge­stellt,
    dass das Han­deln der betref­fen­den Lei­tungs­per­so­nen,
    das ange­sichts der viel­fäl­ti­gen Zwe­cke
    und Auf­ga­ben von Hochschulleitung39 gera­de nicht
    prin­zi­pi­ell und pri­mär auf die Ver­wirk­li­chung der Wis­sen­schafts­frei­heit
    und Reprä­sen­ta­ti­on der Trä­ger der
    Wis­sen­schafts­frei­heit aus­ge­legt sein kann und muss, zumin­dest
    das Ver­trau­en und die Bil­li­gung der­je­ni­gen genießt,
    die in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on als die maß­geb­li­chen
    Sach­wal­ter der Wis­sen­schafts­frei­heit auf­tre­ten.
    Obwohl zu begrü­ßen ist, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    in sei­ner Distanz­be­kun­dung zu die­ser Leit­li­nie die
    Wis­sen­schafts­frei­heit ande­rer Mit­glie­der des kol­le­gia­len
    Selbst­ver­wal­tungs­or­gans, ins­be­son­de­re die der wis­sen­schaft­li­chen
    Mit­ar­bei­ter, ernst nimmt, gelingt es ihm mit
    der im Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 5. Febru­ar ver­wen­de­ten
    und zudem – wie oben dargelegt40 – kei­nes­wegs
    kon­se­quent gehand­hab­ten Umschrei­bung der maß­geb­li­chen
    Ent­schei­dungs­trä­ger als „wis­sen­schaft­li­che Täti­ge “
    nicht, die über­zeu­gend begrün­de­te, auch in jün­ge­rer Zeit
    wie­der auf­ge­grif­fe­ne und erläuterte41 Grup­pen­dif­fe­ren­zie­rung
    des Hoch­schu­l­ur­teils durch eine eben­so über­zeu­gen­de
    und klar hand­hab­ba­re zu erset­zen.
    Auch wei­te­re, v.a. im die Dua­le Hoch­schu­le Baden-
    Würt­tem­berg betref­fen­den Ver­fah­ren ange­leg­te Prä­zi­sie­rungs­ge­le­gen­hei­ten,
    z.B. die Ent­schei­dung der Fra­ge, unter
    wel­chen Vor­aus­set­zun­gen im Selbst­ver­wal­tungs­or­gan
    ver­tre­te­ne Trä­ger von Lei­tungs­äm­tern der Grup­pe
    der Hoch­schul­leh­ren­den zuge­rech­net wer­den kön­nen,
    der Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Lei­tung
    der dezen­tra­len Ebe­ne auf die zen­tra­le Ebe­ne geho­ben
    wer­den darf, oder der Fra­ge, ob eine in gerin­ge­rem Maße
    mit einem eigen­stän­di­gen For­schungs­auf­trag aus­ge­stat­te
    Hoch­schul­form einer zen­tra­lis­ti­sche­ren Lei­tung zugäng­lich
    ist als ande­re Hoch­schul­for­men (ins­be­son­de­re Uni­ver­si­tä­ten),
    hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nen
    Nicht­an­nah­me­be­schlüs­sen unge­nutzt gelas­sen.
    Die Beschlüs­se geben des­halb Anlass, auf die – der
    Rechts­si­cher­heit die­nen­de – Mög­lich­keit sol­cher Prä­zi­sie­run­gen
    hinzuweisen.42
    2 6 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 0 ) , 2 5 3 — 2 6 0
    43 Vgl. nur BVerfGE 126, 1 Rn. 55.
    44 Ebd.; s. außer­dem (sinn­ge­mäß) BVerfGE 35, 79 (125f.).
    Gleich­zei­tig lie­fern die hier zuein­an­der in Bezie­hung gesetz­ten
    Ent­schei­dun­gen ein Bei­spiel dafür, dass es der
    Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit mög­lich ist, neben der
    Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts eige­ne
    Akzen­te in der Abwä­gung ver­fas­sungs­recht­li­cher
    Rechts­gü­ter zu set­zen, gera­de wenn sie sich auf eine eigen­stän­di­ge
    Norm­grund­la­ge stütz­ten kann, wie es in Baden-
    Würt­tem­berg mit Art. 20 der Lan­des­ver­fas­sung,
    und genau­so in vie­len ande­ren Lan­des­ver­fas­sun­gen in
    Gestalt von neben der „Wis­sen­schafts­frei­heit“ ste­hen­den
    Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tien für die Hoch­schu­len der Fall
    ist. Selbst wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei­ne im
    Beschluss vom 5. Febru­ar ange­deu­te­te, groß­zü­gi­ge­re Linie
    bei­be­hal­ten oder sogar prä­zi­sie­ren soll­te, bleibt gem.
    Art. 142 GG Raum für eine stren­ge­re Aus­le­gung der Wis­sen­schafts­frei­heit
    und des Selbst­ver­wal­tungs­rechts der
    Hoch­schu­len durch die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit,
    solan­ge die­se nicht gegen­läu­fi­gen Rechts­po­si­tio­nen
    der Bun­des­ver­fas­sung, als die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
    in sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung die Funk­ti­ons­fä­hig­keit
    der Hochschulen43 und die Aus­bil­dungs­frei­heit
    der Stu­die­ren­den (aus Art. 12 GG)44 her­aus­ge­ar­bei­tet
    hat, unver­tret­bar zuwi­der­läuft.
    Rena­te Pen­ßel ist Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin
    am Lehr­stuhl für Kir­chen­recht, Staatsund
    Ver­wal­tungs­recht von Prof. Dr. Hein­rich
    de Wall (Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät
    Erlan­gen-Nürn­berg)