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ÜBERSICHT

I. Ein­lei­tung

II. Das DESY und sei­ne Koope­ra­tio­nen am Bei­spiel von HERA, Euro­pean XFEL und CTA

1. HERA

2. Euro­pean XFEL

3. Che­ren­kov Tele­scope Array (CTA)

III. Bewer­tung von Koope­ra­ti­ons­for­men am Bei­spiel der von der ESFRI aus­ge­wähl­ten Charakteristika

IV. The­sen zu den Erfolgs­fak­to­ren bei der Orga­ni­sa­ti­on inter­na- tio­na­ler Forschungseinrichtungen

I. Ein­lei­tung

Der weit über­wie­gen­de Teil aktu­el­ler For­schungs­vorha- ben ist inter­na­tio­nal. For­schungs­er­geb­nis­se wer­den inter­na­tio­nal ver­öf­fent­licht und bewer­tet, For- schungs­teams sind mul­ti­na­tio­nal und jeden­falls in Euro- pa wer­den auch Res­sour­cen für grö­ße­re Pro­jek­te in immer stär­ke­rem Maße inter­na­tio­nal ver­ge­ben. Die Fra- ge, wie die­se inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit von For- schern in geeig­ne­te Orga­ni­sa­ti­ons­for­men gegos­sen wer- den kann, nimmt damit eben­falls eine wach­sen­de Bedeu- tung ein.

Dabei ist die ein­her­ge­hen­de Ver­recht­li­chung des The­mas den agie­ren­den Wis­sen­schaft­lern und zum Teil auch den sie beschäf­ti­gen­den Insti­tu­tio­nen viel­fach nicht bewusst. Dort wo sie es ist, wer­den Rege­lungs­an­sprü­che aus den betei­lig­ten Rechts­sys­te­men viel­fach als ein läs­ti- ges Bei­werk emp­fun­den, wel­ches Zeit kos­tet, die für die eigent­li­che For­schung fehlt und Anfor­de­run­gen mani- fes­tiert, denen sich die For­schung glaub­te ent­zie­hen zu kön­nen. Frü­her waren For­schungs­vor­ha­ben durch Ab- spra­chen hoch­in­tel­li­gen­ter und ein­an­der gut bekann­ter Akteu­re gefühlt um ein viel­fa­ches ein­fa­cher. Heu­ti­ge Kon­struk­te aus den ver­schie­dens­ten natio­na­len und in- ter­na­tio­na­len Rechts­ge­bie­ten, die für eine moder­ne For- schungs­ko­ope­ra­ti­on wie etwa den im Sep­tem­ber dieses

* Schrift­li­che Ver­si­on eines Vor­trags gehal­ten anläss­lich des Sym- posi­ums „For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen Plä­doy­er für eine wis­sen- schafts­ad­äqua­te Rechts­form“ am 6. Okto­ber 2017 in Ber­lin. Die in die­sem Auf­satz geäu­ßer­ten Ansich­ten sind die des Autors und geben nicht not­wen­di­ger­wei­se die offi­zi­el­le Mei­nung des DESY wieder.

Jah­res ein­ge­weih­ten euro­päi­schen Rönt­gen­la­ser Euro- pean XFEL nötig sind, wer­den dage­gen als äußerst kom- plex empfunden.

Der unlängst unter­nom­me­ne Anlauf,1 auf­bau­end auf den Insti­tu­ten des deut­schen Gesell­schafts­rechts eine für wis­sen­schaft­li­che Koope­ra­tio­nen beson­ders geeig­ne­te Ko- ope­ra­ti­ons­form zu ent­wi­ckeln, kann hier sehr hilf­rei­che Diens­te leis­ten. Dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn die In- itia­ti­ve von der Mög­lich­keit Gebrauch macht, eine umfas- sen­de Lösung unter Ein­schluss nicht nur von gesellschafts‑, son­dern auch von haf­tungs- und ins­be­son­de­re steu­er­recht- lichen Fra­ge­stel­lun­gen zu ent­wi­ckeln. In wel­cher Form die- se Koope­ra­tio­nen künf­tig nor­miert und stan­dar­di­siert wer- den kön­nen, bzw. wel­cher Kata­log erprob­ter Rechts­konst- ruk­te hier­für sinn­voll wäre, wird in den wei­te­ren Bei­trä­gen diesesHeftesbeleuchtet.

ImZen­tr­umdes­hier­ver­schrift­lich­ten­Sym­po­si­um­s­bei- trags geht es dar­um, eini­ge Bei­spie­le aus der erprob­ten Ko- ope­ra­ti­ons­pra­xis einer seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten inter­na­ti- onal agie­ren­den For­schungs­ein­rich­tung auf­zu­zei­gen. Im Anschluss wer­den die­se Bei­spie­le gemäß den vom Euro- pean Stra­te­gy Forum on Rese­arch Infra­st­ruc­tures (ESFRI) der EU gewähl­ten Charakteristika2 ein­ge­ord­net. Die vom ESFRI gewähl­ten Cha­rak­te­ris­ti­ka wer­den dabei um jene er- gänzt,diesichinderPraxisdesDESYalsbesonderswesent- lich für die Erfolgs­aus­sich­ten einer Koope­ra­ti­on erwie­sen haben. Schließ­lich wer­den dann, gestützt auf die prak­ti­sche Erfah­rung am DESY, The­sen zu erfolgs­kri­ti­schen Orga­ni­sa- tions­cha­rak­te­ris­ti­ka von For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen ent­wi- ckelt, die bei der vor­ge­se­he­nen recht­li­chen Abbil­dung künf- tiger wis­sen­schaft­li­cher Koope­ra­tio­nen Ori­en­tie­rung bie- ten können.

II. Das DESY und sei­ne Koope­ra­tio­nen am Bei­spiel von HERA, Euro­pean XFEL und CTA

Das DESY baut und betreibt seit 1959 in Ham­burg als Stif­tung des Bür­ger­li­chen Rechts Teilchenbeschleuniger,

1 Vgl. Wolf­ram Eber­bachPeter Hom­mel­hoffJohan­nes Lap­pe: Eine Koope­ra­ti­ons­form für die Wis­sen­schaft, Ord­nung der Wis­sen- schaft 1/2017, S. 1ff.

2 Report of the Work­shop on the Legal forms of rese­arch infra- struc­tures of pan-Euro­pean inte­rests, Brussels 23 March 2006.

Chris­ti­an Harringa

Zwi­schen Völ­ker­recht und Fras­ca­ti: Prak­ti­sche As- pek­te der Aus­ge­stal­tung inter­na­tio­na­ler Koope­ra­tio- nen am Deut­schen Elek­tro­nen-Syn­chro­tron (DESY)*

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2018, ISSN 2197–9197

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die der Erfor­schung der Mate­rie in maxi­ma­ler zeit­li­cher und räum­li­cher Auf­lö­sung die­nen. Seit 1992 hat DESY einen zwei­ten Stand­ort in Zeu­then bei Ber­lin, der sich vor allem der Astro­teil­chen­phy­sik wid­met. Mit heu­te mehr als 2.300 Beschäf­tig­ten und einem Jah­res­etat vön mehr als 350 Miö. € zählt das DESY zu den größ­ten Beschleu­ni­g­er­zen­tren welt­weit. Mehr als 3.000 Gast­for- scher arbei­ten jähr­lich für eini­ge Zeit am DESY, mehr als 1.000 Koope­ra­tio­nen wur­den zwi­schen dem DESY und For­schungs­part­nern im In- und Aus­land geschlossen.3 DESY ist Grün­dungs­mit­glied der Helm­holtz-Gemein- schaft.

Für die Zwe­cke die­ser Dar­stel­lung wer­den drei we- sent­li­che Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te gewählt, die DESY in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten geprägt haben bzw. im Fall von CTA künf­tig tun wer­den. Allen drei Pro­jek­ten ist gemein, dass es sich um inter­na­tio­na­le Koope­ra­tio- nen mit einer grö­ße­ren Zahl von Teil­neh­mern und ei- nem Bud­get im drei- bis vier­stel­li­gen Mil­lio­nen-Euro- Bereich han­delt. Die Pro­jek­te, die hier in ihrer phy­si­ka- lisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Kon­zep­ti­on nur im An- satz beschrie­ben wer­den kön­nen, die­nen als Bei­spie­le für ver­schie­de­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen, an denen sich Vor­schlä­ge für die recht­li­che Ver­fasst­heit von For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen mes­sen las­sen müs­sen. Ihre Dar­stel­lung beschränkt sich daher an die­ser Stel­le im Wesent­li­chen auf orga­ni­sa­to­ri­sche Rahmendaten.

1. HERA

Die der Unter­su­chung der inne­ren Pro­ton-Struk­tur gewid­me­te Hadron-Elek­tron-Ring-Anla­ge HERA ist mit einem Umfang von 6.336 Metern die größ­te Beschleu­ni­ger­an­la­ge, die DESY je errich­tet hat. In die­ser Anla­ge wer­den Teil­chen beschleu­nigt und an vor­be­stimm­ten Punk­ten zur Kol­li­si­on gebraucht. Aus den zer­bers­ten­den sub-ato­ma­ren Teil­chen las­sen sich dann durch auf­wen­di­ge Detek­to­ren unter Ein­satz rie- siger Rechen­ka­pa­zi­tä­ten Rück­schlüs­se auf die Teil- chen­struk­tur zie­hen. Der Bau der unter­ir­di­schen Anla­ge begann 1984. Die ers­ten Expe­ri­men­te konn­ten 1992 ihren Mess­be­trieb begin­nen. Her­aus­ra­gen­der wis­sen­schaft­li­cher Erfolg der Anla­ge war die Ent­de- ckung des Gluons. HERA war bis Ende Juni 2007 in Betrieb.

Zwölf Län­der mit mehr als 40 For­schungs­in­sti­tu­ten waren am Bau der mehr als 1 Mil­li­ar­de Mark teu­ren An- lage betei­ligt, rund 77 % der Kos­ten wur­den von Deutsch- land getra­gen. Inter­es­sant ist das seit­her ins­be­son­de­re im Bereich der damals feder­füh­ren­den Teil­chen­phy­sik im-

3 Vgl. Ehrich Loh­man und Paul Söding, Von schnel­len Teil­chen und hel­lem Licht, 50 Jah­re Deut­sches Elek­tro­nen Synchrotron,

mer wie­der höch­ge­löb­te sög. „HERA-Mödell“.4 Die­ses Modell beschreibt die Orga­ni­sa­ti­on von Pla­nung, Bau und Betrieb einer For­schungs­in­fra­struk­tur von hoher Kom­ple­xi­tät und enor­mem Res­sour­cen­be­darf im Rah- men einer Gemein­schaft inter­es­sier­ter For­schungsein- rich­tun­gen, die sich ohne eine eige­ne aus­drück­li­che recht­li­che Orga­ni­sa­ti­on rund um einen zen­tra­len „Orga- nisa­tör“ – in die­sem Fal­le DESY – auf­stellt. Kon­kret be- stand die Kol­la­bo­ra­ti­on im Wesent­li­chen aus Sach­bei­trä- gen in Form von Kom­po­nen­ten der Gesamt­an­la­ge, über deren Not­wen­dig­keit man sich in Form eines recht­lich nicht bin­den­den Kon­zepts zwi­schen DESY und den üb- rigen Betei­lig­ten ver­stän­digt hat­te. Zur Lie­fe­rung die­ser In-Kind-Bei­trä­ge in der erfor­der­li­chen Spe­zi­fi­ka­ti­on hat­ten sich die Betei­lig­ten bila­te­ral gegen­über DESY ver- pflich­te­tet. Auf die­se Wei­se war die Beschaf­fung signi­fi- kan­ter Res­sour­cen ein­schließ­lich deren Umwand­lung in ent­spre­chend bepreis­te Sach­bei­trä­ge den inter­na­tio­na­len Part­nern über­las­sen. Finan­zi­el­le Direkt­bei­trä­ge wur­den weit­ge­hend vermieden.

Im Betrieb der Anla­ge lagen die Ver­ant­wor­tung für den Beschleu­ni­ger und die gesam­te Admi­nis­tra­ti­on bei DESY. Die Ver­ant­wor­tung für die Expe­ri­men­te ein- schließ­lich der zuge­hö­ri­gen Detek­tor­kom­po­nen­ten wur- de vom jewei­li­gen Part­ner­in­sti­tut bzw. der für die ein­zel­nen Expe­ri­men­te ver­ein­bar­ten Koope­ra­ti­on meh­re­rer Insti­tu­te über­nom­men. Die erfor­der­li­chen Abstim­mun­gen erfolg­ten im Rah­men der regel­mä­ßig statt­fin­den­den Tref­fen der bei- tra­gen­den Län­der, in der auch die Finanz­pla­nung für die kom­men­den Jah­re vor­ge­nom­men wur­de. Hilf­reich für die- se Koope­ra­ti­on war die Tat­sa­che, dass sie sich inner­halb der Com­mu­ni­ty der Teil­chen­phy­si­ker kon­sti­tu­ier­te, die lang- jäh­ri­ge Erfah­run­gen mit ähn­li­chen, wenn auch im Umfang klei­ne­ren Pro­jek­ten hatte.

In der Rück­schau wird das nun­mehr seit mehr als zehn Jah­ren nicht mehr betrie­be­ne Modell, des­sen Da- ten­aus­wer­tung gleich­wohl noch immer andau­ert, von Sei­ten aller Betei­lig­ten als ein gro­ßer Erfolg gewer­tet. Dies gilt ins­be­son­de­re für die schein­bar kaum wahr­nehm­ba­re Natur der Orga­ni­sa­ti­on im Sin­ne einer ins­be­son­de­re in der Teil­chen­phy­sik erprob­ten Koope­ra­ti­on zahl­rei­cher Akteu- re, die sich pri­mär um ein wis­sen­schaft­li­ches Kon­zept für eine zen­tra­le Anla­ge organisieren.

2. Euro­pean XFEL

Der Line­ar­be­schleu­ni­ger Euro­pean X‑Ray Free Elec­tron Laser XFEL ist die hells­te Licht­quel­le der Welt. In Betrieb seit Sep­tem­ber 2017, dient die Anla­ge u. a. dazu, mole­ku- lare Pro­zes­se mit bis zu 27.000 Bil­dern pro Sekun­de zu

Wein­heim 2009.
Loh­man und Söding a.a.O S. 124 ff.

ana­ly­sie­ren. Damit sind drei­di­men­sio­na­le Auf­nah­men che­mi­scher und bio­lo­gi­scher Pro­zes­se mög­lich, die völ- lig neue wis­sen­schaft­li­che Poten­tia­le in vie­len Gebie­ten erschließen.

DESY hat mit dem Pro­jekt FLASH die tech­no­lo­gi- schen Vor­aus­set­zun­gen für die Elek­tro­nen­la­ser­tech­no­lo- gie geschaf­fen und ist für die ursprüng­li­che Kon­zep­ti­on des Gesamt­pro­jekts sowie als Kon­sor­ti­al­füh­rer für Bau und Betrieb des Beschleu­ni­gers, der auf dem DESY-Ge- län­de in Ham­burg-Bah­ren­feld sei­nen Anfang nimmt, verantwortlich.

Recht­li­che Grund­la­ge des Pro­jekts ist eine völ­ker- recht­li­che Übereinkunft,5 auf deren Basis eine von 11 Ge- sell­schaf­tern gehal­te­ne deut­sche GmbH – die Euro­pean XFEL GmbH — gegrün­det wur­de. Größ­ter Gesell­schaf­ter ist mit rund 58 % die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, für die DESY die Gesell­schaf­ter­rol­le inne­hat, zweit­grö­ßer Gesell­schaf­ter die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on mit rund 27 % der Antei­le. Die mit den rus­si­schen Antei­len ver­knüpf­te Finan­zie­rungs­zu­sa­ge in Höhe von mehr als 250 Miö. € wur­de als wich­ti­ger Durch­bruch für den Beginn der Re- ali­sie­rung gesehen.6 Der­zeit neun wei­te­re euro­päi­sche Part­ner fol­gen mit Antei­len von 3 % und weniger.

Die Euro­pean XFEL GmbH ist ver­ant­wort­lich für den Betrieb der Expe­ri­men­te, wel­che rund drei Kilo­me­ter von DESY ent­fernt im schles­wig-hol­stei­ni­schen Sche­ne- feld statt­fin­den. Die GmbH ist zudem Ver­trags­part­ner für die mit den Part­nern ein­schließ­lich Deutsch­land ver- ein­bar­ten In-Kind-Bei­trä­ge. Die Bau­kos­ten betru­gen mehr als 1,5 Mrd. €.

Die stra­te­gi­sche Lei­tung der Euro­pean XFEL GmbH erfolgt durch den sog. XFEL-Coun­cil, in dem die Gesell- schaf­ter zusam­men­kom­men. Im Übri­gen liegt die Lei- tung bei der Geschäfts­füh­rung der GmbH.

Admi­nis­tra­ti­ve und recht­li­che Her­aus­for­de­run­gen des Pro­jekts erge­ben sich immer wie­der aus der als sög. „Cöm­pa­ny-Lösung“ benann­ten recht­li­chen Selbst­stän- dig­keit. Wäh­rend die­se Selbst­stän­dig­keit im Sin­ne einer trans­pa­ren­ten und von DESY als Haupt­ge­sell­schaf­ter unab­hän­gi­gen Orga­ni­sa­ti­ons­form geschätzt wird, erge- ben sich gleich­zei­tig eine Rei­he von Schwie­rig­kei­ten ge- gen­über dem zuvor geschil­der­ten HERA-Modell. Bei- spie­le sind etwa Umsatz­steu­er­tat­be­stän­de für die von DESY erbrach­ten Leis­tun­gen. Hier ist der­zeit zu klä­ren, inwie­weit das zwi­schen den zustän­di­gen Steu­er­ver­wal­tun- gen und den ein­zel­nen Zen­tren der Helmholtz-Gemein-

  1. 5  Con­ven­ti­on con­cer­ning the Con­struc­tion and Ope­ra­ti­on of a Euro­pean X‑Ray Free-Elec­tron Laser Faci­li­ty, Ham­burg 2009.
  2. 6  Olof Hal­lons­ten, The Poli­tics of Euro­pean Col­la­bo­ra­ti­on in Big Sci­ence, in May­er et al. The Glo­bal Poli­tics of Sci­ence and Tech- nolo­gy, Ber­lin 2014.
  3. 7  Hier­bei geht es um den Umfang der Vorsteuerabzugsfähigkeit,

schaft ver­ein­bar­te sog. Fras­ca­ti-Model­l7 auch auf die Euro- pean XFEL GmbH Anwen­dung fin­det. Wei­te­re Her­aus­for- derun­gen erge­ben sich etwa bei der Per­so­nal­über­las­sung zwi­schen DESY und der GmbH und nicht zuletzt bei der Zurech­nung der erwar­te­ten wis­sen­schaft­li­chen Erfol­ge und der dar­aus resul­tie­ren­den Reputation.

3. Che­ren­kov Tele­scope Array (CTA)

Bei CTA han­delt es sich um ein Pro­jekt, das am DESY- Stand­ort in Zeu­then im Bereich der Astro­teil­chen­phy­sik betrie­ben wird. Hier geht es um die Errich­tung und den Betrieb zwei­er Obser­va­to­ri­en für die Detek­ti­on hoch- ener­ge­ti­scher Gam­ma­strah­len in Chi­le und auf der Kana­ren­in­sel La Pal­ma. Das Pro­jekt befin­det sich mit sei­nen 11 Part­nern der­zeit noch in der Vor­be­rei­tungs- pha­se. Zusa­gen für das ins­ge­samt rund 400 Miö. € teu­re Vör­ha­ben lie­gen aus meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern vor, dar­un­ter Deutsch­land mit rund 19 %. Momen­tan exis­tiert ein Inte­rim-Rechts­trä­ger in Form einer in Hei- del­berg behei­ma­te­ten gGmbH. Der Umzug zum neu­en Haupt­quar­tier nach Bolo­gna einer­seits und zum Sci­ence Data Manage­ment Cen­ter bei DESY in Zeu­then ist zwi- schen den Akteu­ren ver­ein­bart. Mit­tel­fris­tig wird der Über­gang in die noch rela­tiv jun­ge euro­pa­recht­li­che Rechts­form des ERIC8 geplant.

Ähn­lich der Euro­pean XFEL GmbH soll der künf­ti­ge CTA-ERIC eine völ­ker- bzw. gemein­schafts­recht­li­che Grün­dungs­kon­ven­ti­on erhal­ten und dann Ver­trags­part- ner von In-Kind-Ver­trä­gen über zu erbrin­gen­de Kom- ponen­ten wie etwa ein­zel­ne Tele­sko­pe wer­den. Auch hier ist geplant, dass die deut­sche Mit­glied­schaft im CTA-ERIC maß­geb­lich von DESY wahr­ge­nom­men wird.

Das CTA-Pro­jekt stößt der­zeit auf ähn­li­che recht­lich- orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen wie die Euro­pean XFEL GmbH, auch hier gilt es ins­be­son­de­re steu­er- und arbeits­recht­li­che Fra­gen zu klä­ren, die durch den vor­ge- sehe­nen Umzug von Hei­del­berg nach Bolo­gna noch ein- mal kom­ple­xer sind. Die Fra­ge der Repu­ta­ti­ons­zu­rech- nung hat eine Rol­le gespielt bei der Ent­schei­dung, Haupt­quar­tier und Sci­ence Data Manage­ment Cen­ter an zwei unter­schied­li­chen Orten unter­zu­brin­gen, wird der CTA-ERIC unter Ein­schluss der geplan­ten Obser­va­to­ri- en am Ende an ins­ge­samt vier Stand­or­ten inner­halb und außer­halb von Euro­pa behei­ma­tet sein.

der auf der Grund­la­ge der Klas­si­fi­zie­run­gen wis­sen­schaft­li­cher Tätig­keit nach dem sog. Fras­ca­ti-Manu­al der OECD gere­gelt wird.

8 Ver­ord­nung (EG) Nr. 723/2009 des Rates vom 25. Juni 2009 über den gemein­schaft­li­chen Rechts­rah­men für ein Kon­sor­ti­um für eine euro­päi­sche For­schungs­in­fra­struk­tur (ERIC).

Har­rin­ga · Zwi­schen Völ­ker­recht und Fras­ca­ti 7 1

72 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2018), 69–74

III. Bewer­tung von Koope­ra­ti­ons­for­men am Bei­spiel der von der ESFRI aus­ge­wähl­ten Charakteristika

Die vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­spie­le schil­dern alle­samt For- schungs­ko­ope­ra­tio­nen, die unter maß­geb­li­cher deut­scher Betei­li­gung gemein­sam mit euro­päi­schen Part­nern betrie- ben wer­den. Auch künf­tig ist davon aus­zu­ge­hen, dass Vor- haben, bei denen eine wis­sen­schaft­lich-inhalt­li­che Koope- rati­on zwi­schen meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern und ein Finanz­bud­get im höhe­ren Mil­lio­nen­be­reich erfor­der­lich ist, auf der Ebe­ne der EU orga­ni­siert wer­den. Die EU selbst hat die­sem Umstand nicht nur 2009 mit der Schaf­fung des for­schungs­spe­zi­fi­schen Rechts­trä­gers ERIC Rech­nung getra­gen, son­dern hat aus die­sem Grund bereits im Jahr 2002 das Euro­pean Stra­te­gy Forum on Rese­arch Infra­st­ruc- tures begrün­det. Es dient mit sei­nen Dele­gier­ten aus den Mit­glied­staa­ten der EU als wich­ti­ges Koor­di­na­ti­ons­in­stru- ment und spielt eine Schlüs­sel­rol­le bei der Arti­ku­la­ti­on von Anfor­de­run­gen an aktu­el­le und künf­ti­ge For­schungs- koope­ra­tio­nen. In die­ser Funk­ti­on hat das ESFRI 2006 einen Work­shop über recht­li­che For­men von For­schungs- infrastrukturenimgesamteuropäischenInteresse,darunter auch Euro­pean XFEL, vorgenommen.9

Ange­sichts der Bedeu­tung des euro­päi­schen Rechts- raums und nicht zuletzt dem Pri­mat des EU-Rechts für die künf­ti­ge Rechts­ge­stal­tung von For­schungs­ko­ope­ra­ti- onen auch in Deutsch­land macht es Sinn, die Ein­schät- zun­gen des ESFRI in die Dis­kus­si­on mit ein­zu­be­zie­hen. Dies gilt umso mehr, als nicht alle der im ESFRI-Report getrof­fe­nen Wer­tun­gen mit den prak­ti­schen Erfah­run- gen des Jah­res 2017 am DESY übereinstimmen.

Das ESFRI nimmt zunächst eine Klas­si­fi­zie­rung mög­li­cher For­men der For­schungs­ko­ope­ra­ti­on nach ih- rer Rechts­form, nament­lich Völ­ker­recht, EU-Recht und natio­na­les Recht, vor.

For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen auf der Basis einer völ­ker- recht­li­chen Ver­ein­ba­rung wie etwa beim Con­seil Euro­péen pour la Recher­che Nuclé­ai­re CERN oder dem Euro­pean Mole­cu­lar Bio­lo­gy Labo­ra­to­ry EMBL füh­ren regelmäßig10 zur Grün­dung einer mit Völ­ker­rechts­per­sön­lich­keit aus­ge- stat­te­ten Rechts­per­son. Bei der Begrün­dung einer sol­chen Koope­ra­ti­on ent­ste­hen umfas­sen­de Grün­dungs­do­ku­men­te hin­sicht­lich Mis­si­on, Funk­ti­on und Struk­tur der Koope­ra- tion, hier­zu zählt auch eine kla­re Gover­nan­ce. Mit der Völ- ker­rechts­per­sön­lich­keit sind in der Regel Pri­vi­le­gi­en im Abga­ben­be­reich und zum Teil auch in der Anwen­dung na- tio­na­ler auf­sichts­recht­li­cher Rege­lun­gen ver­knüpft, was

  1. 9  ESFRI Report of the Work­shop on the Legal forms of rese­arch in- fra­st­ruc­tures of pan-Euro­pean inte­rests, 23 March 2006, Brussels QUELLE.
  2. 10  Misch­for­men sind gleich­wohl denk­bar, wenn wie beim Euro­pean XFEL sich die Mit­glied­staa­ten auf der Basis einer völkerrechtli-

wie­der­um zu einer umfas­sen­den spe­zi­fi­schen Rege­lung etwa über ein Finanz­sta­tut führt. Nicht zuletzt wer­den durch die Gehalts­re­ge­lun­gen nach inter­na­tio­na­lem Stan- dard ein­schließ­lich steu­er­li­cher Befrei­un­gen sehr attrak­ti­ve Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen für das inter­na­tio­nal zu rekru­tie­ren- de Per­so­nal ermöglicht.

Die­sen vom ESFRI aner­kann­ten Vor­tei­len steht ein auf- wän­di­ger Grün­dungs­pro­zess ein­schließ­lich par­la­men­ta­ri- scher Rati­fi­zie­rungs­er­for­der­nis­se in den Mit­glied­staa­ten gegenüber,11 gepaart mit einer nur noch teil­wei­se zu beein- flus­sen­den Finan­zie­rungs­pflicht durch die Mitglieder.

DESY selbst hat als wich­ti­ger deut­scher Koope­ra­ti- ons­part­ner bzw. wis­sen­schaft­li­cher Nut­zer des CERN so- wie als Stand­ort einer Out­sta­ti­on des in Hei­del­berg be- hei­ma­te­ten EMBL Erfah­run­gen mit For­schungs­ko­ope- ratio­nen mit Völ­ker­rechts­per­sön­lich­keit gemacht. Dabei lässt sich fest­stel­len, dass ein umfas­sen­der und spe­zi­fi- scher Rege­lungs­ka­ta­log durch­aus vor­teil­haft sein kann. Ins­be­son­de­re kla­re Rege­lun­gen hin­sicht­lich der Anwen- dung natio­na­ler Umsatz­steu­er- und Zoll­re­ge­lun­gen sind ange­sichts einer zuneh­men­den und poli­tisch gewünsch- ten Durch­drin­gung von klas­sisch wis­sen­schaft­li­chen The­men einer­seits und Indus­trie­ko­ope­ra­tio­nen ande­rer- seits von einem nicht zu unter­schät­zen­den Vor­teil. Als Gast­ge­ber einer völ­ker­recht­lich ver­fass­ten Ein­rich­tung wie dem EMBL hat DESY aller­dings auch Erfah­run­gen gesam­melt, die sich aus der Dis­kus­si­on von Fra­gen des Völ­ker­rechts­sta­tus und dar­aus ggf. resul­tie­ren­der Befrei- ungen von natio­na­len Vor­schrif­ten erge­ben können.

Für das Modell einer euro­pa­recht­lich fun­dier­ten For- schungs­ko­ope­ra­ti­on bezog sich das ESFR noch vor Ein- rich­tung des ERIC im Jah­re 2009 auf das Gemein­sa­me Unter­neh­men i.S.v. Art. 187 AEUV (ehem. Art. 171 EGV). Hier wer­den als Vor­tei­le u. a. kla­re und trans­pa­ren­te spe- zifi­sche Manage­ment­re­geln und eine gute Anwend­bar- keit für Indus­trie­ko­ope­ra­tio­nen benannt.12

Am DESY selbst lie­gen bis­lang noch kei­ne inten­si­ven Erfah­run­gen mit euro­pa­recht­lich begrün­de­ten For- schungs­ko­ope­ra­tio­nen vor, obwohl etwa mit der als ERIC orga­ni­sier­ten Euro­päi­schen Spal­la­ti­ons­quel­le ESS in Lund eine wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit besteht, die unlängst auch um einen admi­nis­tra­ti­ven Aus­tausch ergänzt wur­de. Aktu­ell stel­len sich für das ERIC noch Fra­gen nach der Reich­wei­te einer Umsatz­steu­er­pri­vi­le- gie­rung, nament­lich inwie­weit die­se auch für die Ers­tel- lung von In-Kind-Leis­tun­gen der Koope­ra­ti­ons­part­ner Anwen­dung fin­den kann.

chen Kon­ven­ti­on zur Grün­dung einer GmbH nach deutschem

Recht ver­pflich­ten.
11 ESFRI Report, a.a.O, S. 15. 12 SFRI-Report a.a.O. S. 10.

Hin­sicht­lich der klas­si­schen Rechts­form­wahl unter natio­na­lem Recht bezieht sich das ESFRI neben einem voll­haf­ten­den Unter­neh­men wie der Euro­pean Syn­chro- tron Radia­ti­on Faci­li­ty ESRF in Form der fran­zö­si­schen Socie­té Civi­le u. a. auch auf die beim Euro­pean XFEL ge- wähl­te Form der GmbH sowie auf die Rechts­form einer Stif­tung nach nie­der­län­di­schem Recht, die für die Stif- tung Deutsch Nie­der­län­di­sche Wind­ka­nä­le DNW ge- wählt wur­de. Die­sen natio­nal ver­fass­ten Koope­ra­tio­nen attes­tiert das ESFRI13 neben kla­ren Manage­ment- und Buch­füh­rungs­re­geln mit Aus­nah­me der Stif­tung eine gute Anschluss­fä­hig­keit für die Indus­trie sowie eine im Ver­gleich zu völ­ker­recht­li­chen Lösun­gen deut­lich güns- tige­re Kostenstruktur.

Als deut­scher Gesell­schaf­ter des Euro­pean XFEL hat DESY, wie bereits unter II. 2 beschrie­ben, einen län­ge­ren Erfah­rungs­schatz sowohl als Koope­ra­ti­ons­part­ner wie auch als Anteils­eig­ner sam­meln kön­nen. Dabei hat sich gezeigt, dass die auf den ers­ten Blick kla­re gesell­schafts- recht­li­che Lösung viel­fach über­la­gert wird von der ge- leb­ten Pra­xis in der inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setz­ten Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung, dem XFEL-Coun­cil. Der Ver­zicht auf eine umfas­sen­de und abschlie­ßen­de (völ- ker-)rechtliche Lösung, auch hin­sicht­lich von Steu­ern und Abga­ben, stellt die Ver­wal­tung des wis­sen­schaft­lich über­aus erfolg­rei­chen Pro­jek­tes immer wie­der vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Die­se mögen zum Teil aus der Hyb- rid-Struk­tur einer auf einer völ­ker­recht­li­chen Kon­ven­ti- on begrün­de­ten Grün­dung einer deut­schen GmbH lie- gen. Aller­dings kann als frag­lich gel­ten, ob eine inter­na- tio­na­le Koope­ra­ti­on ohne eine sol­che Kon­ven­ti­on ein- schließ­lich der geüb­ten Pra­xis eines Qua­si-Erfor­der­nis­ses ein­stim­mi­ger Ent­schei­dun­gen über­haupt denk­bar ist.

IV. The­sen zu den Erfolgs­fak­to­ren bei der recht­li­chen Orga­ni­sa­ti­on inter­na­tio­na­ler For­schungs- kooperationen

In der Gesamt­schau lässt sich aus der Per­spek­ti­ve DESYs kon­sta­tie­ren, dass die Erfolgs­aus­sich­ten der unter­schied- lichen Rechts­for­men inter­na­tio­na­ler For­schungs­ein­rich- tun­gen nicht immer leicht vor­her­zu­se­hen sind. Das schein­bar rege­lungs­freie „HERA-Mödell“ fin­det nöch immer gro­ßen Anklang unter den betei­lig­ten Wis­sen- schaft­lern, dage­gen erwei­sen sich deut­lich auf­wän­di­ge­re Rechts­kon­struk­te wie der Euro­pean XFEL in der kon- kre­ten Anwen­dung als durch­aus anspruchsvoll.

Aus der natur­ge­mäß sub­jek­ti­ven, aller­dings über eine Viel­zahl von Jah­ren und Pro­jek­ten gewach­se­nen Erfah- rung DESYs als Part­ner bzw. Initia­tor las­sen sich einige

13 ESFRI-Report a.a.O. S. 7.

The­sen über rele­van­te Erfolgs­fak­to­ren bei der recht­li- chen Kon­struk­ti­on inter­na­tio­na­ler For­schungs­ko­ope­ra- tio­nen ableiten:

■ Völ­ker- bzw. uni­ons­recht­li­che Lösun­gen sind manch­mal nur auf den ers­ten Blick unan­ge­mes­sen aufwändig.

Die mehr als 60-jäh­ri­ge erfolg­rei­che Arbeit des CERN eben­so wie die des deut­lich jün­ge­ren EMBL zei­gen, dass sich indi­vi­du­el­le völ­ker­recht­li­che Lösun­gen mit ihren umfas­sen­den Befrei­un­gen in Berei­chen aktu­ell wach­sen- der Kom­ple­xi­tät wie Zoll oder Steu­ern als durch­aus prak­tisch erwei­sen kön­nen und kom­ple­xe Grün­dungs- pro­zes­se sich län­ger­fris­tig als durch­aus loh­nend erwei- sen. Dies gilt vor­aus­sicht­lich auch für das euro­pa­recht­li- che Rechts­kon­strukt ERIC, auch wenn hier­zu noch kei- ne län­ge­ren Pra­xis exis­tiert und bereits Zwei­fel an der ange­mes­se­nen Reich­wei­te der Steu­er­be­frei­ung erho­ben wer­den. Wesent­li­cher Grund hier­für ist der die­sen Rechts­per­so­nen imma­nen­te und im nächs­ten Punkt erläu­ter­te holis­ti­sche Ansatz.

■ Rechts­in­sti­tu­te mit holis­ti­schem Ansatz schüt­zen vor aktu­el­len und künf­ti­gen Herausforderungen.

Bei der Wahl eines bestehen­den bzw. der Kon­zep­ti­on eines neu­en Rechts­rah­mens für wis­sen­schaft­li­che Koope­ra­tio­nen erwei­sen sich sol­che Rechts­in­sti­tu­te als anwen­dungs- freund­lich, die einen Rege­lungs­an­satz ver­fol­gen, der neben Aspek­ten des Gesell­schafts­rechts auch die Berei­che Steu­ern und Abga­ben abschlie­ßend und son­der­recht­lich regeln. Die­se Pri­vi­le­gie­rung ist zwar rechts­dog­ma­tisch unschön und auch nicht son­der­lich fan­ta­sie­voll, gleich­wohl soll­te bei einem Rege­lungs­ge­gen­stand wie der For­schung, die sich einer ste­tig wach­sen­den auch poli­ti­schen Wert­schät­zung erfreut, nicht vor­schnell dar­auf ver­zich­tet wer­den. Wer über die Kon­zep­ti­on von Spe­zi­al­rechts­for­men, maß­ge- schnei­dert für die Belan­ge von For­schungs­ko­ope­ra­tio- nen, nach­denkt, fin­det sich mit einer dezi­dier­ten Pri­vi­le- gie­rung durch­aus in guter Gesell­schaft. So zeigt sich die- ser Grund­ge­dan­ke doch deut­lich etwa in Rechts­ge­bie­ten wie dem Euro­päi­schen Bei­hil­fe­recht oder auch der lei­der z. T. der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren­den for­schungs- freund­li­chen Hand­ha­bung des Umsatzsteuerrechts.

■ „Rechts­freie“ Kon­struk­te sind möglich

Kom­ple­xe und lang­jäh­ri­ge Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te sind, wie im „HERA-Modell“, im Ein­zel­fall auf der Basis einer tech­ni­schen Ver­stän­di­gung ohne recht­li­che Ver­bind­lich- keit mög­lich. Hin­zu­kom­men müs­sen neben der tech- nisch-inhalt­li­chen Ver­stän­di­gung eine Rei­he von bila­te- ralen Ver­trä­gen zwi­schen einem zen­tra­len Organisator

Har­rin­ga · Zwi­schen Völ­ker­recht und Fras­ca­ti 7 3

74 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2018), 69–74

und den bei­tra­gen­den Part­nern. Eine sol­che Koope­ra­ti- on kann nur ent­ste­hen, wenn hin­rei­chen­de wis­sen- schafts­po­li­ti­sche Bereit­schaft besteht, sich einem zen­tra- len Orga­ni­sa­tor mit gro­ßem Mit­tel­ein­satz und über einen län­ge­ren Zeit­raum anzu­schlie­ßen. Das Feh­len einer recht­li­chen Ver­selbst­stän­di­gung der Koope­ra­ti­on löst dabei – unter der Vor­aus­set­zung einer gedeih­li­chen Zusam­men­ar­beit der Part­ner – auch das Pro­blem, dass die eine Koope­ra­ti­on tra­gen­den Part­ner ggf. in der Wahr­neh­mung hin­ter die Koope­ra­ti­on zurücktreten.

■ Kri­ti­scher Fak­tor Reputationszurechnung

Mit Aus­nah­me des „HERA-Modells“ sind die geschil­der­ten Ansät­ze alle­samt anfäl­lig für den in der Wis­sen­schaft durch- aus kri­ti­schen Fak­tor der Repu­ta­ti­ons­zu­rech­nung. Auch bei einer effi­zi­en­ten und hin­rei­chend abschlie­ßen­den rechtli-

chen Rege­lung stellt sich doch in vie­len Fäl­len die Fra­ge, ob aus Sicht der bei­tra­gen­den Part­ner eine ange­mes­se­ne Zurech­nung der zu erwar­ten­den wis­sen­schaft­li­chen Repu- tati­onüber­die­in­der­Re­gel­län­ge­re­Dau­er­der­Ko­ope­ra­ti­on sichergestelltist.Daeshiernichtprimärumwissenschaftli- che Eitel­keit, son­dern um hand­fes­te Inter­es­sen an Wahr- nehm­bar­keit, poli­ti­scher Wert­schät­zung und ein­her­ge­hen- der Siche­rung künf­ti­ger öffent­li­cher För­de­rung geht, ist die- serPunktnichtzuvernachlässigen.DieserSorgeRechnung zu tra­gen, erscheint dabei als eine der größ­ten Her­aus­for­de- run­gen im Umgang mit aktu­el­len und künf­ti­gen For- schungskooperationen.

Chris­ti­an Har­rin­ga ist Admi­nis­tra­ti­ver Direk­tor am DESY.