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I. Ein­lei­tung
II. Recht­li­che Grund­la­gen und Ver­fah­ren zur Befangenheit

  1. Ver­fas­sungs­recht­li­che Grundlagen
  2. Gesetz­li­che und sons­ti­ge Rege­lun­gen
    a) Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­ze
    b) Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze
    c) Sat­zungs­recht­li­che Rege­lun­gen
    d) Sons­ti­ge hoch­schul­in­ter­ne Rege­lun­gen
    e) Hin­wei­se der Deut­schen Forschungsgemeinschaft
  3. Ver­fah­rens­gang gem. §§ 20 f. VwVfG in Beru­fungs­ver­fah­ren
    a) Pflich­ten der ein­zel­nen Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    b) Amts­er­mitt­lungs­grund­satz und Pflich­ten des oder der Vor­sit­zen­den
    c) Beschluss der Beru­fungs­kom­mis­si­on über die Befan­gen­heit und Doku­men­ta­ti­ons­pflicht
    d) Befan­gen­heit von Per­so­nen, die nicht Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on sind
    III. Tat­be­stand und Rechts­fol­gen der Befangenheit
  4. Tat­be­stand
    a) Von Geset­zes wegen aus­ge­schlos­se­ne Per­so­nen
    b) Besorg­nis der Befangenheit
  5. Rechts­fol­gen
    a) Recht­mä­ßi­ger Aus­schluss
    b) Rechts­wid­rig unter­las­se­ner Aus­schluss
    c) Rechts­wid­ri­ger Aus­schluss
    d) Rüge­pflicht der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber
    IV. Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren im Lich­te des Fachprinzips
  6. Ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­gen des Fachprinzips
  7. Wider­streit von Fach­prin­zip und Prin­zip der Neu­tra­li­tät und Objektivität
  8. In der Pra­xis anzu­tref­fen­de Vor­ge­hens­wei­sen
    a) Vor­ge­hens­wei­se A: dau­er­haf­ter, voll­stän­di­ger Aus­schluss
    b) Vor­ge­hens­wei­se B: vor­über­ge­hen­der, par­ti­el­ler Aus­schluss
    c) Vor­ge­hens­wei­se C: vor­über­ge­hen­der, voll­stän­di­ger Ausschluss
  9. Recht­li­che Bewer­tung
    V. Zusam­men­fas­sung
    I. Ein­lei­tung
    Die Beru­fungs­ver­fah­ren an Hoch­schu­len sind ein wesent­li­cher Bau­stein für die Gewähr­leis­tung der Frei­heit von For­schung und Lehre2, denn sie die­nen der Aus­wahl der eigent­li­chen Trä­ger des Grund­rechts aus Art. 5 Abs. 3 GG inner­halb der Universität3. Sach­frem­de Ein­flüs­se auf die Aus­wahl­ent­schei­dung ver­let­zen daher nicht nur den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch aus Art. 33 Abs. 2 GG4, son­dern gefähr­den auch unmit­tel­bar die Wissenschaftsfreiheit5.
    Die Exzel­lenz ihrer Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren ist ein ent­schei­den­der Fak­tor für den Erfolg einer Hoch­schu­le. Bei einem durch­schnitt­li­chen Beru­fungs­al­ter von 42 Jahren6 wir­ken sich Beru­fun­gen bis zur Pen­sio­nie­rung zumeist über Jahr­zehn­te aus. Die mit einer Beru­fung ein­her­ge­hen­den Aus­stat­tungs- und Per­so­nal­kos­ten sind erheb­lich und gehen in die Mil­lio­nen. Sach­frem­de Ein­flüs­se auf die Aus­wahl­ent­schei­dung ste­hen somit auch im Gegen­satz zum Inter­es­se der Hoch­schu­le.
    Die Beru­fungs­kom­mis­sio­nen müs­sen nach­voll­zieh­bar ent­schei­den, ob Mit­glie­der von Geset­zes wegen von der Mit­wir­kung am Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen sind (§ 20 VwVfG) oder die Besorg­nis der Befan­gen­heit besteht und sie des­halb von der Mit­wir­kung aus­zu­schlie­ßen sind (§ 21 VwVfG)7. Den Hoch­schu­len kommt dabei weder ein Beur­tei­lungs- noch ein Ermes­sens­spiel­raum
    1 Der vor­lie­gen­de Bei­trag fußt auf Neukirchen/Emmrich (Hrsg.), Beru­fun­gen, Befan­gen­heit und Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch: Ein Kom­pen­di­um für Beru­fungs­kom­mis­sio­nen, Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber, Nomos Ver­lags­ge­sell­schaft, Baden Baden 2021, das gemein­sam von Neu­kir­chen, Emmrich, Büg­geln, Kur­le­mann, Bre­der und Rock­mann ver­fasst wur­de.
    2 Detmer, in: Hartmer/Detmer (Hrsg.), Hoch­schul­recht – Ein Hand­buch für die Pra­xis, 3. Aufl., Hei­del­berg 2017, Kap. 4 Rn. 70.
    3 BVerfGE 35, 79.
    4 Art. 33 Abs. 2 GG gewährt jedem Deut­schen nach Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­cher Leis­tung ein grund­rechts­glei­ches Recht auf glei­chen Zugang zu jedem öffent­li­chen Amt, also auch dem eines Hoch­schul­pro­fes­sors, vgl. OVG S‑H, B 8.12.2020, 2 MB 28/20, Rn. 6 – juris; Epping/Nölle, in: Epping, NHG, § 26 Rn. 15 m. w. N. Dabei ist es uner­heb­lich, ob ein Beam­ten- oder ein Ange­stell­ten­ver­hält­nis begrün­det wer­den soll. Vgl. inso­weit auch Feld­mann, OdW 2019, S. 55, zur Recht­spre­chung bzgl. Rechts­weg bei der Siche­rung des aus Art. 33 Abs. 2 GG her­rüh­ren­den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruchs, wenn die Anstel­lung in einem pri­vat­recht­li­chen Dienst­ver­hält­nis erfol­gen soll.
    5 BVerfGE 35, 79.
    6 Bun­des­be­richt Wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs (BuWiN) 2017, 117 – zuletzt abge­ru­fen unter www.buwin.de am 20.6.2020.
    7 Im Fol­gen­den wer­den nur die ein­schlä­gi­gen Nor­men des VwVfG auf­ge­führt, die ent­spre­chen­den lan­des­recht­li­chen Nor­men müs­sen mit­be­rück­sich­tigt wer­den.
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2022, ISSN 2197–9197
    Mathi­as Neu­kir­chen, Eti­en­ne Emmrich und Hen­drik Büg­geln
    Befan­gen­heit im Berufungsverfahren1
    2 3 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    8 OVG NRW, U 24.1.1995, 5 A 1746/91; Wernsmann/Gatzka,
    Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren bei der Neu­be­set­zung
    einer Pro­fes­so­ren­stel­le, DÖV 2017, S. 609, 612; Kopp/Ramsauer,
    Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz – Kom­men­tar, 20. Aufl., Mün­chen,
    2019, § 20 Rn. 50, § 21 Rn. 5.
    9 Vgl. auch Wis­sen­schafts­rat 2015, Emp­feh­lun­gen zu wis­sen­schaft­li­cher
    Inte­gri­tät, Posi­ti­ons­pa­pier, S. 40, für die Begut­ach­tung im
    Peer-Review-Ver­fah­ren.
    10 So Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 609.
    11 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609–620.
    12 Geis, Pro­ble­me bei der Zusam­men­set­zung und Ver­fah­ren von
    Beru­fungs­aus­schüs­sen und Ten­u­re-Track-Gre­mi­en, Ord­nung der
    Wis­sen­schaft 2020, S. 23–32.
    13 Burgi/Hagen, Unpar­tei­lich­keit ver­sus Fach­kom­pe­tenz: Zum
    Umgang mit befan­ge­nen Mit­glie­dern in Beru­fungs­aus­schüs­sen,
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2021, S. 1–6.
    14 Gläser/Krauth/Windbichler/Zürn, Befan­gen­heit und Exper­ti­se in
    Beru­fungs­ver­fah­ren: Ein wis­sen­schafts­po­li­ti­scher Denk­an­stoß,
    Denk­an­stö­ße aus der Aka­de­mie, Schrif­ten­rei­he der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen
    Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Heft 4, März 2021.
    Glä­ser et al. sehen auf der Grund­la­ge von Inter­views „Hin­wei­se
    dar­auf, dass gege­be­ne Befan­gen­heits­re­geln […] zuneh­mend
    uner­wünsch­te Neben­fol­gen zei­ti­gen“: den Aus­schluss „tie­fer
    Kennt­nis eines Fach­ge­biets“ und damit den Aus­schluss der
    „qualifizierte[n] Bewer­tung von fach­li­cher Kom­pe­tenz“ sowie die
    ver­stärk­te Instru­men­ta­li­sie­rung kom­ple­xer Befan­gen­heits­re­gel­wer­ke.
    Sie stel­len vier Model­le zum Umgang mit Befan­gen­heit
    in Beru­fungs­ver­fah­ren vor, die auf einer Unter­schei­dung star­ker
    und schwa­cher aka­de­mi­scher Ver­bin­dun­gen sowie inter­ner und
    exter­ner Mit­glie­der beru­hen.
    15 Geis, OdW 2020, S. 23, 23 m. w. N.
    16 Geis, OdW 2020, S. 23, 23.
    17 Geis, OdW 2020, S. 23, 23.
    zu; die Ent­schei­dun­gen zur Befan­gen­heit sind im vol­len
    Umfan­ge durch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te überprüfbar8.
    Schon die mit der Erör­te­rung der mög­li­chen Befan­gen­heit
    ein­her­ge­hen­de Trans­pa­renz kann einer Beein­träch­ti­gung
    der Recht­mä­ßig­keit des Ver­fah­rens ent­ge­gen­wir­ken.
    Die Offen­le­gung von Sach­ver­hal­ten, die geeig­net
    sind, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den,
    ist zugleich eine Vor­aus­set­zung der
    Wissenschaftsfreiheit9.
    Trotz der Bedeu­tung für die Beru­fungs­ver­fah­ren
    scheint die Pro­ble­ma­tik der Befan­gen­heit bis vor weni­gen
    Jah­ren häu­fig „noch völ­lig oder weit­ge­hend aus­ge­blen­det“
    wor­den zu sein10. Die­ser Arti­kel will dem, wie
    die ein­schlä­gi­gen Publi­ka­tio­nen der letz­ten fünf Jah­re
    ins­be­son­de­re von Werns­mann und Gatzka11, Geis12 sowie
    Bur­gi und Hagen13, ent­ge­gen­wir­ken. Glä­ser et al.14
    befas­sen sich mit dem The­ma aus wis­sen­schafts­po­li­ti­scher
    Sicht.
    Sub­jek­tiv ungüns­ti­ge Aus­wahl­ent­schei­dun­gen wer­den
    zuneh­mend gericht­lich angefochten15. Auf­grund
    der Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Hoch­schu­le in fach­li­cher
    Hin­sicht zie­len sol­che Kla­gen in der Regel auf Ver­fah­rens­feh­ler,
    was zu einer zuneh­men­den Ver­recht­li­chung
    der Ver­fah­ren führt16.
    Zwar gibt es mehr oder weni­ger klar eta­blier­te Ver­fah­rens­schrit­te
    für Beru­fun­gen, die bun­des­weit ähn­lich
    sind, da sie sich zum Teil schon aus §§ 42 ff. Hoch­schul­rah­men­ge­setz
    (HRG) ablei­ten las­sen. Hin­sicht­lich der
    Details erge­ben sich auf der Grund­la­ge der 16 ver­schie­de­nen
    Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze (LHG), die eine unter­schied­li­che
    Rege­lungs­dich­te und teil­wei­se diver­gie­ren­de
    Rege­lun­gen auf­wei­sen, aber viel­fäl­ti­ge Abweichungen17.
    Eine wei­te­re Aus­dif­fe­ren­zie­rung erfolgt auf­grund des
    Sat­zungs­rechts der Hoch­schu­len in den jewei­li­gen Beru­fungs­ord­nun­gen
    der Hoch­schu­len.
    Inso­weit sind in der Rechts­pra­xis diver­gie­ren­de Auf­fas­sun­gen
    zur Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen Grund­sät­ze
    und Nor­men anzu­tref­fen.
    Hin­sicht­lich der Prü­fung der Befan­gen­heit ist sowohl
    zwi­schen der Tat­be­stands- und der Rechts­fol­gen­ebe­ne
    als auch den ver­schie­de­nen Sta­di­en inner­halb des Aus­wahl­ver­fah­rens
    (Vor­auswahl und Aus­wahl) zu
    unter­schei­den.
    Liegt ein Sach­ver­halt vor, der unter einen der gesetz­lich
    detail­liert beschrie­be­nen Tat­be­stän­de des § 20 VwVfG
    zu sub­su­mie­ren ist oder der geeig­net ist, die weni­ger
    klar beschrie­be­ne Besorg­nis der Befan­gen­heit gem.
    § 21 VwVfG eines Mit­glieds der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    (oder einer ande­ren für die Hoch­schu­le täti­gen Per­son)
    zu begrün­den, muss die Hoch­schu­le han­deln.
    Nach­fol­gend wer­den drei typi­sche, in der Rechts­pra­xis
    anzu­tref­fen­de und in den Beru­fungs­ord­nun­gen der
    Hoch­schu­len nor­mier­te Vor­ge­hens­wei­sen vor­ge­stellt
    und erör­tert:
    A) Das betref­fen­de Mit­glied wird unwi­der­ruf­lich von
    der wei­te­ren Mit­wir­kung im Beru­fungs­ver­fah­ren
    dau­er­haft aus­ge­schlos­sen.
    (Vor­ge­hens­wei­se A: dau­er­haf­ter, voll­stän­di­ger Aus­schluss)
    B) Das betref­fen­de Mit­glied wird allein von der
    Behand­lung der die Befan­gen­heit aus­lö­sen­den
    Bewer­bung bei der Vor­auswahl (ers­ten Sich­tung)
    aus­ge­schlos­sen und bleibt aus­ge­schlos­sen, sofern
    die­se Bewer­bung wei­ter­ver­folgt wird. Sofern die­se
    Bewer­bung nicht wei­ter­ver­folgt wird, kann das
    betref­fen­de Mit­glied wie­der mit­wir­ken.
    (Vor­ge­hens­wei­se B: vor­über­ge­hen­der, par­ti­el­ler
    Aus­schluss)
    C) Das betref­fen­de Mit­glied wird von der gesam­ten
    Vor­auswahl (ers­ten Sich­tung sämt­li­cher BewerbunNeukirchen/
    Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 3 7
    18 Das VG Bre­men, B. 24.4.2019, 6 V 328/19, hielt es nicht für
    lebens­fremd, dass eine Beru­fungs­kom­mis­si­on in einer sechs­stün­di­gen
    Sit­zung sämt­li­che 124 Bewer­bun­gen „aus­führ­lich gesich­tet
    hat“.
    19 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG
    – Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz – Kom­men­tar, 5. Aufl., Mün­chen
    2018, § 20 Rn. 1, 158.
    20 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    20 Rn. 1 m. w. N.
    21 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    20 Rn. 1 m. w. N.
    gen) aus­ge­schlos­sen und bleibt aus­ge­schlos­sen,
    sofern die die Befan­gen­heit aus­lö­sen­de Bewer­bung
    wei­ter­ver­folgt wird. Sofern die­se Bewer­bung nicht
    wei­ter­ver­folgt wird, kann das betref­fen­de Mit­glied
    wie­der mit­wir­ken.
    (Vor­ge­hens­wei­se C: vor­über­ge­hen­der, voll­stän­di­ger
    Aus­schluss)
    In der Pra­xis fin­den sich wei­te­re Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen
    und Modi­fi­ka­tio­nen die­ser drei gene­rel­len
    Vor­ge­hens­wei­sen.
    Vor­ge­hens­wei­se A stützt sich auf den Wort­laut der
    §§ 20 Abs. 1 Satz 1 und 21 Abs. 1 Satz 1 VwVfG, ist jedoch
    geeig­net, das Fach­prin­zip als Aus­fluss von
    Art. 5 Abs. 3 GG zu ver­let­zen: Bei Ver­fah­ren mit vie­len
    Bewer­bun­gen – Beru­fungs­ver­fah­ren mit bis zu 100 Bewer­bun­gen
    sind durch­aus kein Einzelfall18 – müs­sen
    fach­lich aus­ge­wie­se­ne Mit­glie­der die Kom­mis­si­on dau­er­haft
    ver­las­sen und auch exter­ne Fach­ver­tre­te­rin­nen
    und Fach­ver­tre­ter kön­nen nur schwer als Ersatz gefun­den
    wer­den, denn bei einer gro­ßen Zahl von Bewer­bun­gen
    kön­nen sich auch bei die­sen Grün­de erge­ben, Befan­gen­heit
    bzgl. einer Bewer­bung zu besor­gen.
    So kann selbst eine Bewer­bung, die die gesetz­li­chen
    Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt oder schon bei
    der ers­ten Sich­tung aus­schei­det, unwi­der­ruf­lich zum
    Aus­schluss eines Mit­glieds füh­ren. Dabei tritt die­ser Fall
    sehr häu­fig auf.
    In der Pra­xis führ­te dies – um der Rechts­fol­ge des
    dau­er­haf­ten Aus­schlus­ses zu ent­ge­hen – zu einer Rela­ti­vie­rung
    auf der Tat­be­stands­ebe­ne, die einem unpar­tei­ischen
    und neu­tra­len Ver­fah­ren gera­de nicht dien­lich ist.
    Vor­ge­hens­wei­se B ist zwar geeig­net, die Mit­wir­kung
    fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­ten­ter Per­so­nen am Aus­wahl­ver­fah­ren
    sicher­zu­stel­len, kann jedoch dazu füh­ren, dass
    das Prin­zip des unpar­tei­ischen und neu­tra­len Han­delns
    in nur unge­eig­ne­ter Wei­se umge­setzt wird, wenn befan­ge­ne
    Mit­glie­der an der Vor­auswahl der übri­gen Bewer­bun­gen
    mit­wir­ken.
    Vor­ge­hens­wei­se C sucht im Wege der prak­ti­schen
    Kon­kor­danz einen Aus­gleich zwi­schen unpar­tei­ischem
    und neu­tra­lem Ver­fah­ren sowie Fach­prin­zip.
    Die Fra­ge, ob ein Sach­ver­halt geeig­net ist, die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit zu begrün­den, ist in unter­schied­li­chen
    Ver­wal­tungs­ver­fah­ren unter­schied­lich zu beant­wor­ten:
    So ist der Betreu­er oder die Betreue­rin einer
    Pro­mo­ti­on beim Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren durch­aus als
    Gut­ach­ter oder Gut­ach­te­rin zuge­las­sen, beim Beru­fungs­ver­fah­ren
    dage­gen nicht. Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten
    bei den diver­sen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren
    an Hoch­schu­len (Pro­mo­tio­nen, Habi­li­ta­tio­nen, Eva­lu­ie­run­gen
    und Bewäh­rungs­fest­stel­lun­gen bei Juni­or­pro­fes­su­ren,
    Ver­lei­hung der Wür­de eines apl. Pro­fes­sors, Bestel­lung
    zum Hono­rar­pro­fes­sor, …) her­aus­zu­ar­bei­ten,
    bleibt künf­ti­gen Arbei­ten vor­be­hal­ten.
    II. Recht­li­che Grund­la­gen und Ver­fah­ren zur Befangenheit
  10. Ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­gen
    Das rechts­staat­li­che Ver­fah­ren ver­langt unpar­tei­isches,
    neu­tra­les, fai­res und sach­li­ches Han­deln und ver­bie­tet
    das Han­deln in eige­ner Sache19. Das Unbe­fan­gen­heitsund
    das Unpar­tei­lich­keits­ge­bot fol­gen aus dem Rechts­staats­prin­zip
    gem. Art. 20 GG20.
    Bei der Bewer­bung um ein öffent­li­ches Amt wie das
    einer Pro­fes­sur folgt zudem aus Art. 33 Abs. 2 GG das
    Recht der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber auf ermes­sen­sund
    beur­tei­lungs­feh­ler­freie Ent­schei­dung über ihre Bewer­bung
    und damit auch auf eine ord­nungs­ge­mäß zusam­men­ge­setz­te
    Beru­fungs­kom­mis­si­on ohne befan­ge­ne
    Mit­glie­der oder sol­che, die den Anschein der Befan­gen­heit
    erwe­cken kön­nen. Aus Art. 33 Abs. 2 GG und
    Art. 5 Abs. 3 GG folgt jedoch eben­so, dass die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    so zusam­men­ge­setzt sein muss, dass genü­gend
    fach­li­che Exper­ti­se der Mit­glie­der vor­han­den ist,
    um die Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    zu recht­fer­ti­gen.
    Soweit Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on Beam­tin­nen
    oder Beam­te sind, gehört ihre Ver­pflich­tung zur
    unpar­tei­ischen Amts­füh­rung zu den her­ge­brach­ten
    Grund­sät­zen des Beam­ten­tums gem. Art 33 Abs. 5 GG21
    und ist in §§ 60 Abs. 1 Satz 2 und 61 Abs. 1 Satz 2 BBG
    bzw. den ent­spre­chen­den Lan­des­ge­set­zen kodifiziert.
  11. Gesetz­li­che und sons­ti­ge Rege­lun­gen
    Rege­lun­gen und Emp­feh­lun­gen zum Umgang mit Fra­gen
    der Befan­gen­heit fin­den sich auf unter­schied­li­chen
    Ebe­nen (Bund und Land) und in unter­schied­li­chen
    Geset­zen (VwVfG und LHG).
    2 3 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    22 a. A. Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 611, m. w. N.
    23 Vgl. Geis, OdW 2020, S. 23, 25 m. w. N.; Pokor­ny, Die Bedeu­tung
    der Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­ze für die wis­sen­schaft­li­chen
    Hoch­schu­len – unter Berück­sich­ti­gung der Rechts­la­ge in
    Nord­rhein-West­fa­len, Frank­furt 2002, S. 14 ff., 36 ff; VGH BW, B
    10.9.2020, 4 S 1657/20, Rn. 5 – juris.
    24 Aus Grün­den der Ein­heit­lich­keit wird im Fol­gen­den all­ge­mein
    auf die §§ der bun­des­ge­setz­li­chen Rege­lun­gen des VwVfG abge­stellt.
    25 Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßmann, Ver­wal­tungs­ver­fah­ren und
    Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz, Baden-Baden 2002, S. 172 m. w. N.;
    Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    20 Rn. 9 m. w. N.
    26 Kopp/Ramsauer, VwVfG § 20 Rn. 6.
    27 OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 19 ff. – juris; VG Stutt­gart,
    U 30.6.2021, 6 K 1377/20, Rn. 47.
    28 VG Hal­le (Saa­le), B 29.9.2020, 5 B 222/19, Rn. 17 – juris.
    29 Vgl. allg. zum Maß­stab Kopp/Ramsauer, VwVfG § 21 Rn. 13, 16;
    Epping/Nölle, in: Epping (Hrsg.), Nie­der­säch­si­sches Hoch­schul­ge­setz
    mit Hoch­schul­zu­las­sungs­ge­setz – Hand­kom­men­tar, 1. Aufl.,
    Baden-Baden 2016, § 26 Rn. 61 mit Ver­weis auf OVG, RhPf B
    28.9.2007, 2 B 10825/07, Rn. 5 ff. – juris.
    30 VG Müns­ter, B 22.4. 2015, 5 K 2799/12, Rn. 90 – juris. Vgl. auch
    BVerfG, B 5.12.2019, 1 BvL 7/18, zur Besorg­nis der Befan­gen­heit
    eines Rich­ters; VGH BW, B 27.9.2021, 1 VB 85/17, Rn. 8 – juris.
    31 OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 25 – juris.
    32 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 609.
    33 Kopp/Ramsauer, VwVfG, § 21 Rn. 11.
    34 Kopp/Ramsauer, VwVfG, § 21 Rn. 17; Wernsmann/Gatzka, DÖV
    2017, S. 609, 615.
    35 Vgl. etwa die eher zurück­hal­ten­de For­mu­lie­rung in § 9 Abs.
    5 Satz 1 LHG BW: „Wer eine Tätig­keit in der Selbst­ver­wal­tung
    über­nom­men hat, muss die ihm über­tra­ge­nen Geschäf­te unei­gen­nüt­zig
    und ver­ant­wor­tungs­be­wusst füh­ren.“
    36 VG Gera, B 20.5.2016, 1 E 1183/15.
    37 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 612.
    a) Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­ze
    Das Beru­fungs­ver­fah­ren beginnt mit der Aus­schrei­bung
    und endet i. d. R. mit der Ernen­nung einer Per­son aus
    dem Kreis der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber – und
    damit mit dem Erlass eines Verwaltungsaktes22. Es ist
    somit ein Ver­wal­tungs­ver­fah­ren im Sin­ne von § 9
    VwVfG23. Die wesent­li­chen Regeln zum Umgang mit der
    mög­li­chen Befan­gen­heit fin­den sich in den Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zen
    des Bun­des (VwVfG) und der
    Län­der (LVwVfG)24. §§ 20 f. VwVfG und die ent­spre­chen­den
    lan­des­recht­li­chen Rege­lun­gen spe­zi­fi­zie­ren den
    Grund­satz der Objek­ti­vi­tät und Neu­tra­li­tät für das Verwaltungsverfahren25:
    Nur unpar­tei­ische und neu­tra­le
    Per­so­nen dür­fen an einem Ver­wal­tungs­ver­fah­ren mitwirken26.
    §§ 20 f. VwVfG sind bei Beru­fungs­ver­fah­ren unmit­tel­bar
    anzu­wen­den, soweit lan­des­ge­setz­lich nichts ande­res
    gere­gelt ist27. In eini­gen Bun­des­län­dern waren oder
    sind Hoch­schu­len oder Beru­fungs­ver­fah­ren an Hoch­schu­len
    von der Anwen­dung des LVwVfG ganz oder teil­wei­se
    aus­ge­nom­men. Dann gel­ten §§ 20 f. VwVfG (bzw.
    die ent­spre­chen­den lan­des­ge­setz­li­chen Nor­men) zwar
    nicht unmit­tel­bar, aber §§ 20 f. VwVfG kodi­fi­zie­ren die
    all­ge­mei­nen Regeln, auf die zurück­ge­grif­fen wer­den
    kann28.
    Bereits von Geset­zes wegen sind bestimm­te Per­so­nen­grup­pen
    von der Mit­wir­kung bei der Ent­schei­dungs­fin­dung
    in Ver­wal­tungs­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen
    (§ 20 VwVfG). Dar­über hin­aus ist zu prü­fen, ob bei den
    Mit­wir­ken­den ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en
    gegen eine unpar­tei­ische Amts­füh­rung zu besor­gen
    (§ 21 VwVfG). Maß­geb­lich ist dabei, ob bei ver­nünf­ti­ger
    Wür­di­gung der kon­kre­ten Umstän­de aus Sicht eines
    abs­trak­ten Mit­be­wer­bers Anlass besteht, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit
    zu zweifeln29. Tat­säch­li­che
    Befan­gen­heit muss nicht vor­lie­gen, schon der böse
    Schein ist zu vermeiden30. Auf die Sicht des­je­ni­gen, der
    eine Befan­gen­heits­rü­ge erhebt, oder ob das betref­fen­de
    Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on sich selbst für befan­gen
    hält, kommt es nicht an31.
    Aus­wahl­kri­te­ri­en sind allein Eig­nung, Befä­hi­gung
    und fach­li­che Leis­tung; ande­re Aspek­te sind außer Acht
    zu lassen32. Die Besorg­nis der Befan­gen­heit kann daher
    auch in ande­ren Ver­fah­rens­ver­stö­ßen begrün­det sein,
    wie z. B. der dis­kri­mi­nie­ren­den Behand­lung von Bewer­be­rin­nen
    und Bewerbern33 oder der früh­zei­ti­gen Vor­fest­le­gung
    auf eine Bewer­be­rin oder einen Bewerber34.
    b) Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze
    Die Hoch­schul­ge­set­ze der Län­der (LHG) kön­nen die
    Bestim­mun­gen der §§ 20 f. VwVfG als lex spe­cia­lis
    grund­sätz­lich ver­drän­gen. Hier ist jedoch eine gesetz­ge­be­ri­sche
    Zurück­hal­tung zu bemerken35: Soweit sich in
    den Hoch­schul­ge­set­zen Rege­lun­gen zu Beru­fungs­ver­fah­ren
    oder all­ge­mei­ner zu Ver­fah­ren in den Hoch­schul­gre­mi­en
    fin­den, so i. d. R. nicht zur Befan­gen­heit.
    c) Sat­zungs­recht­li­che Rege­lun­gen
    Soweit die Hoch­schu­len die gesetz­li­chen Vor­ga­ben zu
    Fra­gen der Befan­gen­heit von Amts­trä­gern bzw. Aus­schuss­mit­glie­dern
    kon­kre­ti­sie­ren, geschieht dies im
    Rah­men ihres Sat­zungs­rechts.
    Eine (Beru­fungs-) Sat­zung kann von der Hoch­schu­le
    im Rah­men der ihr vom jewei­li­gen Lan­des­ge­setz­ge­ber
    ver­lie­he­nen (Recht­set­zungs-) Auto­no­mie erlas­sen wer­den
    und bin­det die Hochschule36. Die Sat­zungs­au­to­no­mie
    gewährt einen wei­ten Spiel­raum, der aller­dings
    durch die Vor­ga­ben des LHG (bei­spiels­wei­se zur Zusam­men­set­zung
    der Gre­mi­en) und ande­res, höher­ran­gi­ges
    Recht begrenzt wird37.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 3 9
    In man­chen Bun­des­län­dern sind die Hoch­schu­len
    durch das LHG ver­pflich­tet wor­den, eine Beru­fungs­ord­nung
    als Sat­zung zu erlassen38, in ande­ren ist die Über­tra­gung
    des Beru­fungs­rechts an den Erlass einer Beru­fungs­ord­nung
    geknüpft39.
    Die Hoch­schu­len sind gut bera­ten, in den Beru­fungs­ord­nun­gen
    exem­pla­risch die Fall­grup­pen, die mit Blick
    auf § 21 VwVfG geeig­net sein kön­nen, die Besorg­nis der
    Befan­gen­heit zu begrün­den, klar und ein­deu­tig zu nor­mie­ren.
    Offe­ne und all­ge­mei­ne For­mu­lie­run­gen mögen
    durch eine jeweils gelun­ge­ne Aus­le­gung zwar der Viel­falt
    der Fäl­le bes­ser gerecht wer­den – sie ber­gen aber auch
    ein grö­ße­res Risi­ko für ggf. schwer­wie­gen­de Feh­ler der
    Beru­fungs­kom­mis­sio­nen und ver­hin­dern ein ein­heit­li­ches,
    trans­pa­ren­tes und vor­her­seh­ba­res Han­deln der
    Hoch­schu­le.
    d) Sons­ti­ge hoch­schul­in­ter­ne Rege­lun­gen
    Die Hoch­schul­lei­tun­gen haben – zum Teil schon vor den
    Beru­fungs­ord­nun­gen bzw. auch par­al­lel dazu – sog.
    Beru­fungs­leit­fä­den oder Hand­rei­chun­gen ver­öf­fent­licht.
    Dabei han­delt es sich um Verwaltungsvorschriften40,
    durch deren regel­mä­ßi­ge Anwen­dung eine Selbst­bin­dung
    ent­steht, von der die Hoch­schu­le nicht unbe­grün­det
    abwei­chen darf. Auch die Recht­spre­chung prüft
    Beru­fungs­ver­fah­ren an Hand sol­cher Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten
    und geht von einem Feh­ler aus, wenn die Hoch­schu­le
    die­se sie selbst bin­den­den Vor­schrif­ten verletzt41.
    e) Hin­wei­se der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft
    Die DFG-Hin­wei­se zu Fra­gen der Befan­gen­heit (DFGVor­druck
    10.210–4/10) sind in Beru­fungs­ver­fah­ren nicht
    ein­schlä­gig und kön­nen allen­falls zur wis­sen­schafts­spe­zi­fi­schen
    Kon­kre­ti­sie­rung des § 21 Abs. 1 Satz 1 VwVfG
    her­an­ge­zo­gen werden42.
    Die Leit­li­ni­en der DFG zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher
    Pra­xis umfas­sen unter ande­rem Hin­wei­se
    zur Autoren­schaft. Die­se Hin­wei­se kön­nen ggf. zur Bewer­tung
    von Sach­ver­hal­ten im Zusam­men­hang mit der
    Besorg­nis der Befan­gen­heit bei gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen
    her­an­ge­zo­gen werden.
  12. Ver­fah­rens­gang gem. §§ 20 f. VwVfG in Beru­fungs­ver­fah­ren
    Im Beru­fungs­ver­fah­ren haben jedes Mit­glied, die oder
    der Vor­sit­zen­de, die Beru­fungs­kom­mis­si­on als Gan­zes
    und die nach­fol­gen­den Gre­mi­en die Grund­sät­ze bzgl.
    der Befan­gen­heit zu beach­ten.
    a) Pflich­ten der ein­zel­nen Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    Jedes Mit­glied einer Beru­fungs­kom­mis­si­on ist ver­pflich­tet,
    der oder dem Vor­sit­zen­den sowohl eine Betrof­fen­heit
    aus der abschlie­ßen­den Auf­zäh­lung des § 20 VwVfG
    als auch sol­che Sach­ver­hal­te, die geeig­net sind, die
    Besorg­nis der Befan­gen­heit gem. § 21 VwVfG zu begrün­den,
    unver­züg­lich, also in der Regel unmit­tel­bar nach
    Kennt­nis der ein­ge­gan­ge­nen Bewer­bun­gen zu offen­ba­ren,
    § 20 Abs. 4 Satz 1 VwVfG. Auch erst spä­ter ein­tre­ten­de
    Sach­ver­hal­te sind unver­züg­lich anzuzeigen43.
    b) Amts­er­mitt­lungs­grund­satz und Pflich­ten des oder
    der Vor­sit­zen­den
    Die oder der Vor­sit­zen­de ist ver­pflich­tet, die Mit­glie­der
    auf­zu­for­dern, ent­spre­chen­de Anga­ben zur Befan­gen­heit
    zu machen44. Dafür haben die meis­ten Hoch­schu­len
    Merk­blät­ter und For­mu­la­re ent­wi­ckelt, die von den Mit­glie­dern
    einer Beru­fungs­kom­mis­si­on aus­zu­fül­len sind45.
    Die Beru­fungs­kom­mis­si­on darf jedoch nicht dar­auf vertrauen46,
    son­dern hat dem Amts­er­mitt­lungs­grund­satz
    ent­spre­chend auch selbst auf­klä­rend zu wir­ken, soweit
    Anhalts­punk­te vor­lie­gen.
    Die oder der Vor­sit­zen­de muss gem. § 89 VwVfG
    (oder einer ana­lo­gen Rege­lung des LHG, der Grundo­der
    Beru­fungs­ord­nung) Hin­wei­sen nach­ge­hen und
    nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen über die Befas­sung der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on entscheiden47. Bekannt gewor­de­ne
    Befan­gen­heits­grün­de sind unab­hän­gig von der Offen­ba­rungs­pflicht
    auch von Amts wegen zu berücksichtigen48.
    Äußern ande­re Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    einen Ver­dacht oder geben Hin­wei­se, so hat die
    oder der Vor­sit­zen­de den Sach­ver­halt aufzuklären49. Sie
    38 So § 101 Abs. 8 BerlHG.
    39 Z. B. § 40 Abs. 5 Satz 4 BbgHG.
    40 BVerfG, B 2.3.1999, 2 BvF 1/94, Rn. 38 – juris.
    41 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 30 – juris: „Prä­si­di­ums­hand­rei­chung“;
    VG Ber­lin, B 15.12.2017, 5 L 315/17, Rn. 17 – juris.
    Im Rah­men der Rechts­auf­sicht kön­nen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten
    jedoch nicht durch­ge­setzt wer­den, sie­he Hail­bron­ner in Geis
    (Hrsg.), Hoch­schulR in Bund und Län­dern, HRG §59 Rn. 3 (16.
    Lfg. 1996).
    42 Sie­he auch Geis, OdW 2020, S. 23, 24, der die DFG-Hin­wei­se
    inso­weit als „eigen­ge­setz­li­che“ Stan­dards der Sci­en­ti­fic Com­mu­ni­ty
    bezeich­net. Im Hin­blick auf schon von Geset­zes wegen
    aus­ge­schlos­se­nen Per­so­nen ste­hen die DFG-Hin­wei­se teils im
    Wider­spruch zu den Tat­be­stän­den des § 20 VwVfG.
    43 Steht das Mit­glied in einem Dienst­ver­hält­nis zur Hoch­schu­le, so
    ist dies eine Dienst­pflicht.
    44 Anders aber VG Stutt­gart, U 30.6.2021, 6 K 1377/20, Rn. 50: Eine
    Beleh­rungs­pflicht bestehe nicht, eine anlass­lo­se The­ma­ti­sie­rung
    von Befan­gen­heit sei nicht erfor­der­lich.
    45 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 616.
    46 VG Gera, B 20.5.2016, 1 E 1183/15, Rn. 74 – juris.
    47 Geis, OdW 2020, S. 23, 27.
    48 Schmitz, in: Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, § 21 Rn. 1.
    49 Vgl. auch Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser,
    VwVfG, § 21 Rn. 23.
    2 4 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    oder er muss sicher­stel­len, dass eine Ent­schei­dung der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on gem. §§ 20 f. VwVfG her­bei­ge­führt
    und auch voll­zo­gen wird.
    c) Beschluss der Beru­fungs­kom­mis­si­on über die Befan­gen­heit
    und Doku­men­ta­ti­ons­pflicht
    Die Beru­fungs­kom­mis­si­on ist ein Aus­schuss im Sin­ne
    von § 20 Abs. 4 VwVfG und das Beru­fungs­ver­fah­ren ein
    Ver­wal­tungs­ver­fah­ren im Sin­ne von § 9 VwVfG50.
    Wenn ein Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on eine
    nach sei­ner Ansicht bestehen­de (abso­lu­te oder rela­ti­ve)
    Befan­gen­heit oder Zwei­fel dar­über anzeigt oder die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    hier­von ander­wei­tig Kennt­nis erlangt,
    muss daher (soweit nicht lan­des­ge­setz­lich eine ande­re
    Stel­le beru­fen ist) die Beru­fungs­kom­mis­si­on hier­über
    bera­ten und über den Aus­schluss entscheiden51.
    Gem. § 20 Abs. 4 VwVfG berät und beschließt die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    ohne Mit­wir­kung der oder des Betrof­fe­nen.
    Eine gehei­me Abstim­mung ist nicht erfor­der­lich,
    aber zu emp­feh­len. Bei Stim­men­gleich­heit ent­schei­det je
    nach Grund- bzw. Beru­fungs­ord­nung ggf. die Stim­me
    der oder des Vor­sit­zen­den oder der Antrag ist abgelehnt52.
    Ist die oder der Vor­sit­zen­de selbst vom mög­li­chen
    Aus­schluss betrof­fen, so ist die Sit­zungs­lei­tung an
    die Stell­ver­tre­tung zu über­ge­ben; ggf. ist nach dem Aus­schluss
    der Vor­sitz neu zu bestim­men.
    Für die Pra­xis ist es sinn­voll, die­ses Ver­fah­ren in den
    Beru­fungs­ord­nun­gen genau­er zu regeln, denn oft sind
    meh­re­re Mit­glie­der betrof­fen, so dass sich die Fra­ge der
    Rei­hen­fol­ge der Ent­schei­dung eben­so stellt wie die Fra­ge
    der Ver­tre­tung durch Sit­zungs­ver­tre­ter. Ob das Mit­wir­kungs­ver­bot
    aus § 20 Abs. 4 Satz 3 VwVfG ein Ver­hin­de­rungs­grund
    ist, der die Ver­tre­tung des betrof­fe­nen Mit­glieds
    bei der Ent­schei­dung über den Aus­schluss durch
    einen (ohne­hin vor­ge­se­he­nen) Sit­zungs­ver­tre­ter erlaubt,
    ist offen53.
    Der Aus­schluss ist zeit­nah im Sit­zungs­pro­to­koll sub­stan­ti­iert
    zu dokumentieren54. In eini­gen Beru­fungs­leit­li­ni­en
    ist für Fäl­le mög­li­cher Befan­gen­heit eine Infor­ma­ti­ons­pflicht
    gegen­über der Hoch­schul­lei­tung vorgesehen55.
    Soweit die Beru­fungs­kom­mis­sio­nen recht­mä­ßig
    han­deln, dür­fen jedoch weder Deka­nat noch Prä­si­di­um
    über den Aus­schluss entscheiden56.
    Die die Beru­fungs­kom­mis­si­on ein­set­zen­de Stel­le – in
    der Regel der Fakul­täts- bzw. Fach­be­reichs­rat – hat dafür
    Sor­ge zu tra­gen, dass die Beru­fungs­kom­mis­si­on trotz eines
    Aus­schlus­ses von Mit­glie­dern beschluss­fä­hig bleibt.
    Ggf. muss ein Ersatz­mit­glied benannt wer­den, sofern es
    kei­ne Stell­ver­tre­tung (mehr) gibt57.
    d) Befan­gen­heit von Per­so­nen, die nicht Mit­glied der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on sind
    Von Geset­zes wegen oder wegen der Besorg­nis der
    Befan­gen­heit aus­zu­schlie­ßen sind nicht nur stimm­be­rech­tig­te,
    son­dern auch nicht stimmberechtigte58 Mit­glie­der
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on sowie Stell­ver­tre­te­rin­nen
    und Stell­ver­tre­ter. Auch Gut­ach­te­rin­nen und
    Gut­ach­ter sowie all jene, die in ande­rer Eigen­schaft mit
    dem Beru­fungs­ver­fah­ren befasst sind, dür­fen an dem
    Ver­fah­ren nicht mit­wir­ken, sofern sie von Geset­zes
    wegen aus­ge­schlos­sen sind oder Grün­de vor­lie­gen, die
    die Besorg­nis der Befan­gen­heit recht­fer­ti­gen. Hier­zu
    zäh­len u. a. Gleich­stel­lungs- oder Schwer­be­hin­der­ten­be­auf­trag­te,
    Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Fakul­täts-
    oder Zen­tral­ver­wal­tung oder einer etwai­gen Stabs­stel­le
    für Beru­fun­gen, Beru­fungs­be­auf­trag­te, die Deka­nin
    oder der Dekan, Mit­glie­der des Prä­si­di­ums sowie
    Mit­glie­der nach­fol­gend mit der Beru­fung befass­ter Gre­mi­en
    wie Fakul­täts­rat oder Senat.
    Die Ent­schei­dung hier­über hat die oder der Dienst­vor­ge­setz­te
    zu tref­fen, sofern nicht ohne­hin das Ver­fah­ren
    von einer Ver­tre­te­rin oder einem Ver­tre­ter (etwa ei-
    50 Vgl. Geis, OdW 2020, S. 23, 25 m. w. N.; Pokor­ny, Die Bedeu­tung
    der Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­ze für die wis­sen­schaft­li­chen
    Hoch­schu­len – unter Berück­sich­ti­gung der Rechts­la­ge in
    Nord­rhein-West­fa­len, Frank­furt 2002, S. 14 ff., 36 ff; VGH BW,
    B 10.9.2020, 4 S 1657/20, Rn. 5 – juris. Anders aber Wernsmann/
    Gatz­ka, DÖV 2017, S. 609, 611.
    51 Gegen die unmit­tel­ba­re Anwen­dung von § 20 VwVfG auf die Beru­fungs­aus­schüs­se:
    Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 616.
    52 Geis, OdW 2020, S. 23, 27 m. w. N.
    53 Zie­kow, Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz – Kom­men­tar, 4. Aufl.,
    Stutt­gart 2019, § 20 Rn. 21, geht davon aus, dass das betrof­fe­ne
    Mit­glied schon ab Selbst­an­zei­ge bis zur Ent­schei­dung über sei­nen
    Aus­schluss von der Mit­wir­kung aus­ge­schlos­sen ist. Da regel­mä­ßig
    meh­re­re Mit­glie­der betrof­fen sind, könn­te das in der Pra­xis
    schnell zur Beschluss­un­fä­hig­keit der Kom­mis­si­on füh­ren, was für
    die Annah­me eines Ver­tre­tungs­grun­des spricht.
    54 Zur Doku­men­ta­ti­ons­pflicht vgl. VG Frank­furt (Oder), U
    25.8.2014, 3 K 840/11, Rn. 59 f. – juris (und nach­fol­gend OVG Bln-
    Bbg, U 1.3.2016, 4 N 59.14, Rn. 12 – juris); VG Hal­le, B 29.9.2020, 5
    B 222/19.
    55 Z. B. KIT, Leit­li­ni­en für Beru­fungs­ver­fah­ren zur Beset­zung von
    W1‑, W2- und W3-Pro­fes­su­ren und Stel­len für lei­ten­de Wis­sen­schaft­le­rin­nen
    und Wis­sen­schaft­ler, 1.12.2017, s. Anla­ge 6.
    56 Herrmann/Tietze, Aus­schlie­ßung und Befan­gen­heit von aka­de­mi­schen
    Mit­ar­bei­tern als Mit­glie­der einer Beru­fungs­kom­mis­si­on,
    Lan­des- und Kom­mu­nal­ver­wal­tung – LKV 2015, S. 337 m. w. N.;
    Geis, OdW 2020, S. 23, 27.
    57 OVG RhPf, B 28.9.2007, 2 B 10825/07.
    58 Zie­kow, VwVfG, § 21 Rn. 4a; VG Düs­sel­dorf, U 3.12.2015, 15 K
    7734/13; vgl. auch Thü­rO­VG, U 12.3.2019, 4 KO 128/18 – juris Rn.
    44 m. w. N. (zur Mit­wir­kung im Hoch­schul­rat).
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 4 1
    ner Pro­de­ka­nin oder einem Pro­de­kan) betrie­ben wer­den
    kann59. Bei den (stell­ver­tre­ten­den) Mit­glie­dern von im
    Ver­fah­ren befass­ten Gre­mi­en wie Fakul­täts­rat und Senat
    hat das jewei­li­ge Gre­mi­um zu ent­schei­den. Dabei wird
    man regel­mä­ßig eine Prü­fung der Sach­ver­hal­te gem.
    §§ 20 f. VwVfG in Bezug auf sämt­li­che Bewer­bun­gen
    nicht durch­füh­ren kön­nen. Hier ist es ange­mes­sen, sich
    auf die im Beru­fungs­vor­schlag gelis­te­ten Bewer­bun­gen
    zu beschrän­ken, sofern nicht dar­über hin­aus­ge­hen­de
    Anhalts­punk­te vor­lie­gen. Die Pflicht der Mit­glie­der des
    Gre­mi­ums zur Offen­le­gung ent­spre­chen­der Sach­ver­hal­te
    gilt auch hier, und zwar in Bezug auf sämt­li­che Bewer­bun­gen:
    Ist einem Senats­mit­glied etwa bekannt, dass
    sich ein Ange­hö­ri­ger bewor­ben hat, so muss es dies auch
    dann offen­ba­ren, wenn im Senat regel­mä­ßig „nur“ der
    Beru­fungs­vor­schlag erör­tert wird und der Ange­hö­ri­ge
    nicht gelis­tet ist.
    Selbst­ver­ständ­lich kön­nen Per­so­nen, die schon in einem
    frü­he­ren Sta­di­um etwa als Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    aus­ge­schlos­sen wur­den, dann auch nicht
    als Mit­glied des Fakul­täts­rats oder Senats mit­wir­ken; sie
    blei­ben aus­ge­schlos­sen. Eben­so ist schon die blo­ße Anwe­sen­heit
    von auf­grund von §§ 20 f. VwVfG aus­ge­schlos­se­nen
    Per­so­nen bei einer öffent­li­chen Vor­stel­lung
    (Fach­vor­trag, Lehr­pro­be) abzu­leh­nen.
    III. Tat­be­stand und Rechts­fol­gen der Befangenheit
  13. Tat­be­stand
    a) Von Geset­zes wegen aus­ge­schlos­se­ne Per­so­nen
    § 20 VwVfG geht von der unwi­der­leg­ba­ren Ver­mu­tung
    aus, dass bei bestimm­ten Inter­es­sens­kol­li­sio­nen und
    Sach­ver­hal­ten eine neu­tra­le Amts­füh­rung unmög­lich ist
    und daher bestimm­te Per­so­nen qua Gesetz von einem
    Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen sind60. Absatz 1 lau­tet:
    In einem Ver­wal­tungs­ver­fah­ren darf für eine Behör­de
    nicht tätig werden,
  14. wer selbst Betei­lig­ter ist;
  15. wer Ange­hö­ri­ger eines Betei­lig­ten ist;
  16. wer einen Betei­lig­ten kraft Geset­zes oder Voll­macht
    all­ge­mein oder in die­sem Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vertritt;
  17. wer Ange­hö­ri­ger einer Per­son ist, die einen Betei­lig­ten
    in die­sem Ver­fah­ren vertritt;
  18. wer bei einem Betei­lig­ten gegen Ent­gelt beschäf­tigt
    ist oder bei ihm als Mit­glied des Vor­stands, des Auf­sichts­ra­tes
    oder eines gleich­ar­ti­gen Organs tätig ist; dies
    gilt nicht für den, des­sen Anstel­lungs­kör­per­schaft Betei­lig­te
    ist;
  19. wer außer­halb sei­ner amt­li­chen Eigen­schaft in der
    Ange­le­gen­heit ein Gut­ach­ten abge­ge­ben hat oder
    sonst tätig gewor­den ist.
    Dem Betei­lig­ten steht gleich, wer durch die Tätig­keit
    oder durch die Ent­schei­dung einen unmit­tel­ba­ren Vor­teil
    oder Nach­teil erlan­gen kann. Dies gilt nicht, wenn
    der Vor- oder Nach­teil nur dar­auf beruht, dass jemand
    einer Berufs- oder Bevöl­ke­rungs­grup­pe ange­hört, deren
    gemein­sa­me Inter­es­sen durch die Ange­le­gen­heit berührt
    wer­den.
    In die­sem gesetz­li­chen Sin­ne ist das Beru­fungs­ver­fah­ren
    ein Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, die Hoch­schu­le ist Behör­de,
    die Bewer­be­rin oder der Bewer­ber ist Beteiligter61.
    Wer Ange­hö­ri­ger ist, ist in § 20 Abs. 5 VwVfG
    gere­gelt.
    § 20 Abs. 1 Satz 1 Nr. 6 VwVfG umfasst nicht Gut­ach­ten,
    die in amt­li­cher Eigen­schaft abge­ge­ben wor­den sind.
    Hier­zu zäh­len regel­mä­ßig Gut­ach­ten in Pro­mo­ti­onsund
    Habi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren sowie in ande­ren Beru­fungs­ver­fah­ren.
    Der Aus­schluss einer Gut­ach­te­rin oder eines
    Gut­ach­ters der Pro­mo­ti­on oder Habi­li­ta­ti­on kann mit­hin
    nicht auf § 20 Abs. 1 Satz 1 Nr. 6 VwVfG gestützt wer­den,
    son­dern allen­falls auf § 21 VwVfG, sofern wei­te­re
    kon­kre­te Umstän­de hinzutreten62.
    Einem Betei­lig­ten steht gem. § 20 Abs. 1 Satz 2
    VwVfG gleich, wer durch die Tätig­keit oder Ent­schei­dung
    einen unmit­tel­ba­ren Vor- oder Nach­teil recht­li­cher,
    mate­ri­el­ler oder imma­te­ri­el­ler Art erlan­gen kann63.
    Dies ist zunächst weit aus­zu­le­gen, damit der Anschein
    einer Inter­es­sens­kol­li­si­on auf bei­den Sei­ten ver­mie­den
    wird64. Vor- oder Nach­tei­le wegen der Zuge­hö­rig­keit zu
    einer Berufs- oder Bevöl­ke­rungs­grup­pe sind dabei gem.
    § 20 Abs. 1 Satz 3 VwVfG ausgenommen65.
    Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der zu beset­zen­den
    Pro­fes­sur fal­len weder unter § 20 Abs. 1 Satz 1 Nr.
    5 VwVfG noch unter § 20 Abs. 1 Satz 2 VwVfG, denn sie
    sind bei der Hoch­schu­le oder dem Land beschäf­tigt und
    59 Aus­ge­nom­men sind Per­so­nen, die zwar mit dem Beru­fungs­ver­fah­ren
    befasst sind, aber nicht ent­schei­dungs­be­zo­gen, son­dern
    nur „rein tech­nisch“ etwa als wei­sungs­ge­bun­de­ne Schreib­kraft
    tätig wer­den, vgl. VGH BW, U 9.12.2010, 7 S 3291/08, m. w. N.
    60 Kopp/Ramsauer, VwVfG § 20 Rn. 1.
    61 VG Darm­stadt, Beschl. v. 17.7.2014, 1 L 721/14.DA, Rn. 28 ff. –
    juris; VG Düs­sel­dorf, Urt. v. 3.12.2015, 15 K 7734/13 (nach­fol­gend
    OVG NRW, Beschl. v. 27.4.2017, 6 A 277/16).
    62 Anders hin­ge­gen VG Pots­dam, B 7.10.2020, 13 L 354/20, das eine
    Befan­gen­heit schon als mög­lich erach­tet, wenn ein Mit­glied der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on Zweit­gut­ach­ter der Dis­ser­ta­ti­on eines
    Bewer­bers war und die­ser an einem vom Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    her­aus­ge­ge­be­nen Buch mit­ge­wirkt hat. Vgl. auch
    Kopp/Ramsauer, VwVfG § 20 Rn. 29 f.
    63 Zie­kow, VwVfG § 20 Rn. 16 f.
    64 Kopp/Ramsauer, VwVfG § 20 Rn. 30 ff.
    65 Zie­kow, VwVfG § 20 Rn. 18.
    2 4 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    zu ihren Auf­ga­ben gehört im Rah­men der aka­de­mi­schen
    Selbst­ver­wal­tung die Ver­tre­tung der legi­ti­men Inter­es­sen
    ihrer Mitgliedergruppe66.
    § 20 VwVfG ist sowohl auf stimm­be­rech­tig­te Mit­glie­der
    und ihre Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter als auch nicht
    stimm­be­rech­tig­te Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    und sons­ti­ge Per­so­nen anzu­wen­den, die für die Hoch­schu­le
    (oder das Minis­te­ri­um) in dem Beru­fungs­ver­fah­ren
    tätig wer­den.
    b) Besorg­nis der Befan­gen­heit
    Über die zwin­gen­den Grün­de aus § 20 VwVfG hin­aus
    kann die sog. rela­ti­ve Befan­gen­heit bzw. Besorg­nis der
    Befan­gen­heit gem. § 21 VwVfG zu einem Aus­schluss führen67.
    Die Grün­de, die eine Befan­gen­heit besor­gen las­sen,
    müs­sen indi­vi­du­ell, kon­kret und nach­prüf­bar sein68.
    Nicht hin­rei­chend sind bei­spiels­wei­se die Staats­an­ge­hö­rig­keit,
    das Geschlecht oder die Zuge­hö­rig­keit zu einer
    bestimm­ten wis­sen­schaft­li­chen Schu­le. Die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit kann auch erst im Zuge des Ver­fah­rens
    ein­tre­ten, etwa durch unsach­li­che Äuße­run­gen oder
    Ver­hal­tens­wei­sen, die geeig­net sind, Zwei­fel an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit
    des betref­fen­den Kom­mis­si­ons­mit­glieds
    auszulösen69.
    Die Ver­wal­tungs­ge­rich­te dif­fe­ren­zie­ren zwi­schen zuläs­si­gem
    „gele­gent­li­chem beruf­li­chen Zusam­men­wir­ken“
    gegen­über unzu­läs­si­ger „beson­de­rer kol­le­gia­ler
    Nähe“ (oder auch Kon­kur­renz) in dienst­li­cher Hin­sicht
    und zwi­schen zuläs­si­gen „gele­gent­li­chen pri­va­ten Kon­tak­ten“
    und unzu­läs­si­gen „freund­schaft­li­chen Kontakten“
  20. Den freund­schaft­li­chen Kon­tak­ten ste­hen per­sön­li­che
    Anfein­dun­gen gleich.
    Nicht jede wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit oder
    frü­he­re wis­sen­schaft­li­che oder aka­de­mi­sche Ver­bin­dung
    führt „gleich­sam auto­ma­tisch“ zur Annah­me der Besorg­nis
    der Befangenheit71. Gele­gent­li­che pri­va­te Kon­tak­te
    sind unschädlich72.
    Die beson­de­re beruf­li­che Nähe kann sich ins­be­son­de­re
    in den fol­gen­den Fall­grup­pen manifestieren73:
    • Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis,
    • dienst­li­ches Abhän­gig­keits­ver­hält­nis,
    • gemein­sa­me Assis­tenz­zeit,
    • gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen,
    • wis­sen­schaft­li­che Koope­ra­tio­nen oder Kon­kur­renz
    oder Kon­flik­te,
    • gegen­sei­ti­ge Begut­ach­tun­gen.
    Die blo­ße Begut­ach­tung (nicht Betreuung74) einer
    Pro­mo­ti­on oder einer Habi­li­ta­ti­on wird, wie oben bereits
    erwähnt wur­de, regel­mä­ßig nicht geeig­net sein, die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit zu begrün­den. Beim dienst­li­chen
    Abhän­gig­keits­ver­hält­nis wird hin­ge­gen das direk­te
    und unmit­tel­ba­re Wei­sungs­recht bzw. die direk­te und
    unmit­tel­ba­re Wei­sungs­ab­hän­gig­keit die Besorg­nis der
    Befan­gen­heit begrün­den kön­nen.
    Die Zuge­hö­rig­keit zu ein und der­sel­ben Dienst­stel­le
    ist eben­so wenig geeig­net, Besorg­nis der Befan­gen­heit zu
    begründen75 wie die Zuge­hö­rig­keit zur glei­chen aka­de­mi­schen
    Schule76. Die gemein­sa­me Assis­tenz­zeit am
    glei­chen Lehr­stuhl dage­gen kann durch­aus ein Indiz
    sein77.
    Bei gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen kön­nen Außen­ste­hen­de
    nicht zwi­schen den Antei­len der Koau­torin­nen
    und Koau­toren unter­schei­den und damit auch nicht, ob
    das betref­fen­de Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on sei­ne
    eige­ne Leis­tung oder die Leis­tung des Bewer­bers oder
    66 VG Han­no­ver, B 19.6.2003, 6 B 2398/03. Vgl. auch Zie­kow,
    VwVfG, § 20 Rn. 17; Herrmann/Tietze, LKV 2015, S. 337, 339 m. w.
    N.: Die Mit­wir­kung aka­de­mi­scher Mit­ar­bei­ter aus dem vakan­ten
    Fach­ge­biet kann auch nicht mit dem Argu­ment bean­stan­det
    wer­den, die Betref­fen­den wür­den sich so ihren künf­ti­gen Vor­ge­setz­ten
    selbst aus­wäh­len. VG Gel­sen­kir­chen, B 22.2.2021, 12 L
    1183/20, Rn. 42 – juris: Schäd­lich dage­gen ist, wenn ein Mit­glied
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on aus der Grup­pe der aka­de­mi­schen
    Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter unter Mit­wir­kung einer der
    Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber vom Fakul­täts­rat gewählt wur­de.
    67 § 20 ent­fal­tet auch kei­ne Sperr­wir­kung gegen­über § 21 für ver­gleich­ba­re
    Umstän­de, so Rit­gen, in: Knack/Henneke, VwVfG, § 21
    Rn. 4.
    68 Vgl. etwa OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 25 – juris.
    69 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    21 Rn. 20.
    70 Sie­he OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 26 – juris; HmbO­VG,
    B 9.10.1998, 1 Bs 214/98, Rn. 8 – juris; VG Stutt­gart, U 30.6.2021,
    6 K 1377/20, Rn. 48 – juris: „Im Rah­men von Beru­fungs­kom­mis­sio­nen
    zur Beset­zung von Pro­fes­su­ren ist eine Besorg­nis der
    Befan­gen­heit hin­sicht­lich eines Kom­mis­si­ons­mit­glieds dann zu
    beja­hen, wenn zwi­schen dem Kom­mis­si­ons­mit­glied und einer
    Bewer­be­rin oder einem Bewer­ber ein beson­de­res Nähe­ver­hält­nis
    besteht, das über gele­gent­li­ches beruf­li­ches Zusam­men­wir­ken
    hin­aus­geht. Erfor­der­lich sind viel­mehr eine beson­de­re kol­le­gia­le
    Nähe oder freund­schaft­li­che Kon­tak­te.“
    71 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 32 – juris.
    72 OVG M‑V, B. v. 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 26 – juris.
    73 Vgl. auch Geis, OdW 2020, S. 23, 26 m. w. N.
    74 Die noch von Krüger/Leuze, in: Hailbronner/Geis, HRG, § 45
    Rn. 22, ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, der „Habi­li­ta­ti­ons­va­ter“ sei als
    Gut­ach­ter recht­lich zuläs­sig, ist als ver­al­tet anzu­se­hen, vgl. auch
    Beaucamp/Seifert, Rechts­schutz von Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten
    im Promotions‑, Habi­li­ta­ti­ons- und Beru­fungs­ver­fah­ren,
    WissR 2011, S. 40.
    75 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 32 – juris.
    76 Anders aber VG Hal­le (Saa­le), B 29.9.2020, 5 B 222/19, Rn. 17 –
    juris, sie­he Fn. 107.
    77 Vgl. OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 26 – juris; Geis, OdW
    2020, S. 23, 26 m. w. N.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 4 3
    der Bewer­be­rin beur­teilt oder ob die Beur­tei­lung eines
    Bewer­bers, der zugleich Koau­tor ist, durch das betref­fen­de
    Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on zu Tei­len auf der
    Bewer­tung der eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tung beruht78.
    Inso­weit sind gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen grund­sätz­lich
    schädlich79, es wird jedoch auch der Zeit­raum
    seit einer sol­chen Publi­ka­ti­on zu bewer­ten sein. Inwie­weit
    fach­spe­zi­fi­sche Unter­schie­de bei gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen
    gel­tend gemacht wer­den kön­nen, ist nicht
    abschlie­ßend geklärt80.
    Bei­trä­ge im glei­chen Sam­mel­band oder eine Her­aus­ge­ber­schaft
    hin­ge­gen kön­nen, müs­sen aber kei­ne Besorg­nis
    der Befan­gen­heit begründen81. Die Bezie­hung
    zwi­schen Autor und Her­aus­ge­ber oder auch zwi­schen
    Autoren ver­schie­de­ner Bei­trä­ge in einem Sam­mel­band
    ver­mit­teln ohne Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Sach­ver­hal­te
    eben­falls kei­ne beson­de­re beruf­li­che Nähe.
    Bei wis­sen­schaft­li­chen Koope­ra­tio­nen hin­ge­gen wird
    eine gegen­sei­ti­ge fach­li­che Ach­tung zu unter­stel­len sein,
    die geeig­net ist, die Unpar­tei­lich­keit zu trüben82. Die
    gleich­zei­ti­ge Pro­jekt­lei­tung in einem grö­ße­ren For­schungs­ver­bund,
    wie etwa einem Son­der­for­schungs­be­reich,
    wird ohne kon­kre­te Zusam­men­ar­beit kei­nen
    Grund dar­stel­len, Befan­gen­heit zu besor­gen. Die Bezie­hung
    zwi­schen (stell­ver­tre­ten­dem) Spre­cher und Teil­pro­jekt­lei­ter
    in einem Gra­du­ier­ten­kol­leg kann dage­gen
    durch­aus die Besorg­nis der Befan­gen­heit begrün­den.
    Die Besorg­nis der Befan­gen­heit ist begrün­det, wenn ein
    Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on (stell­ver­tre­ten­de)
    Spre­che­rin eines DFG-Gra­du­ier­ten­kol­legs war, an dem
    eine der Bewer­be­rin­nen oder Bewer­ber eben­falls betei­ligt
    war83. Hier hat das Gericht die Mit­wir­kung der Bewer­be­rin
    schon bei der Antrag­stel­lung für das Gra­du­ier­ten­kol­leg
    und die Tat­sa­che berück­sich­tigt, dass die (stell­ver­tre­ten­de)
    Spre­che­rin Leis­tungs­be­zü­ge wegen der För­de­rung
    des Gra­du­ier­ten­kol­legs erhal­ten hat.
    Grund­sätz­lich sah das Gericht die Zusam­men­ar­beit in
    einem Gra­du­ier­ten­kol­leg, das nur von weni­gen Hoch­schul­leh­re­rin­nen
    und Hoch­schul­leh­rern getra­gen wer­de
    und eine enge Zusam­men­ar­beit erfor­de­re, als schäd­lich
    an84. Inso­weit ver­weist das Gericht zutref­fend auf die
    ent­spre­chen­den Richt­li­ni­en der DFG zur Bean­tra­gung
    von Gra­du­ier­ten­kol­legs.
    Wis­sen­schaft­li­che Kon­flik­te und Kon­kur­renz kön­nen
    eben­so geeig­net sein, die Besorg­nis der Befan­gen­heit
    zu begrün­den, ins­be­son­de­re wenn der Dis­put nicht
    allein sach­lich aus­ge­tra­gen wur­de oder wird, son­dern
    die per­sön­li­che Ebe­ne erreicht hat85. Hin­sicht­lich der­wis­sen­schaft­li­chen
    Kon­kur­renz kommt auch die Bean­tra­gung
    von Dritt­mit­teln im Rah­men einer kon­kre­ten
    Aus­schrei­bung in Betracht.
    Die schei­den­de Stel­len­in­ha­be­rin oder der schei­den­de
    Stel­len­in­ha­ber wird i. d. R. nicht Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on.
    Dies ist in eini­gen Hoch­schu­len in
    der Beru­fungs­ord­nung expli­zit geregelt86. Ist ande­rer­seits
    der Aus­schluss nicht sat­zungs­recht­lich oder durch
    Ver­wal­tungs­vor­schrift gere­gelt und wird eine schei­den­de
    Stel­len­in­ha­be­rin oder ein schei­den­der Stel­len­in­ha­ber
    zum Mit­glied einer Beru­fungs­kom­mis­si­on bestellt, so
    lie­gen nicht per se Grün­de vor, die Befan­gen­heit zu besor­gen.
    Auch die Ehe­frau des bis­he­ri­gen Stel­len­in­ha­bers,
    die am vom bis­he­ri­gen Stel­len­in­ha­ber gelei­te­ten Insti­tut
    wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin ist, kann nicht ohne wei­te­res
    wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit aus­ge­schlos­sen
    wer­den (schon gar nicht auf­grund von § 20 VwVfG),
    wenn sie zuvor durch ihre Mit­glie­der­grup­pe für die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    benannt wur­de und es kei­ne kon­kre­ten
    Anhalts­punk­te für eine Besorg­nis der Befan­gen­heit
    gibt; all­ge­mei­ne per­sön­li­che Merk­ma­le eines Mit­glieds
    rei­chen nicht aus87.
    Wann jen­seits rein inner­dienst­li­cher Bezie­hun­gen
    auch „gele­gent­li­che pri­va­te Kon­tak­te“ zu einer hin­sicht­lich
    einer zu besor­gen­den Befan­gen­heit pro­ble­ma­ti­schen
    Freundschaft88 wer­den bzw. wann auch eine Feind­schaft
    anzu­neh­men ist, die geeig­net scheint, die Unpar­tei­lich­keit
    zu bezwei­feln, muss im Ein­zel­fall abge­wo­gen wer­den.
    Das „Du“ in der Anre­de begrün­det allein kei­ne pro­ble­ma­ti­sche
    Nähe89. Nicht­ehe­li­che Part­ner­schaf­ten blei­ben
    in der abschlie­ßen­den Auf­zäh­lung des
    § 20 Abs. 1 VwVfG uner­wähnt, recht­fer­ti­gen aber auf­grund
    von § 21 VwVfG den Aus­schluss aus dem Verfahren90,
    eben­so andau­ern­de oder been­de­te sexu­el­le
    Beziehungen91.
    Eine beson­de­re Nähe kön­nen auch gemein­sa­me wirt­schaft­li­che
    Akti­vi­tä­ten begrün­den, etwa die gemein­sa­me
    Neben­tä­tig­keit, die gemein­sa­me Gesell­schaf­ter­tä­tig­keit,
    78 OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10 – juris, Rn. 28. Vgl. zu Unter­schie­den
    der Publi­ka­ti­ons­pra­xis zwi­schen ein­zel­nen Fach­dis­zi­pli­nen
    Geis, OdW 2020, S. 23, 26.
    79 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615.
    80 Vgl. auch Geis, OdW 2020, S. 23, 26.
    81 VG Ham­burg, B 25.2.2005, 8 E 6091/04; Geis, OdW 2020, S. 26 m.
    w. N.; Epping/Nölle, in: Epping, NHG, § 26 Rn. 64 m. w. N., Uni­ver­si­tät
    Han­no­ver (Hand­rei­chung von Senat und Prä­si­di­um zu
    Fra­gen der Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren vom 31.1.2018).
    82 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615.
    83 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 33 – juris.
    84 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 38 ff. – juris.
    85 Vgl. etwa VG Düs­sel­dorf, B 20.1.2003, 2 L 2627/02, Rn. 17 – juris.
    86 Sie­he Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 614 m. w. N.
    87 VG Han­no­ver, B 19.6.2003, 6 B 2398/03, Rn. 73 – juris.
    88 Vgl. OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10, Rn. 26 – juris.
    89 BayVGH, B 11.11.2015, 7 CE 15.1737, Rn. 21 – juris.
    90 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615.
    91 Geis, OdW 2020, S. 23, 26.
    2 4 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    das gemein­sa­me Inge­nieur­bü­ro, gemein­sa­me künst­le­ri­sche
    Akti­vi­tä­ten. Ähn­lich dem dienst­li­chen Abhän­gig­keits­ver­hält­nis
    im Hoch­schul­kon­text begrün­den auch
    sons­ti­ge beruf­li­che bzw. geschäft­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen
    einem Amts­wal­ter und einem Betei­lig­ten die Besorg­nis
    der Befangenheit92, wenn wirt­schaft­li­che Inter­es­sen
    des Amts­wal­ters tat­säch­lich berührt sind93. Daher
    wird durch die Beru­fungs­kom­mis­si­on zu prü­fen sein, ob
    ein Kom­mis­si­ons­mit­glied neben­be­ruf­lich ein Unter­neh­men
    führt oder dar­an betei­ligt ist, an dem auch Bewer­be­rin­nen
    oder Bewer­ber betei­ligt oder beschäf­tigt sind.
    Im umge­kehr­ten Fall dürf­te bereits § 20 Abs. 1 Satz 1 Nr.
    5 VwVfG ein­schlä­gig sein.
    Die Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on dür­fen
    hin­sicht­lich der Aus­wahl, Rei­hung und Lis­te kei­ne vor­ei­li­gen
    Schlüs­se ziehen94 oder gar kommunizieren95. Geschieht
    es den­noch, so begrün­det dies die Besorg­nis der
    Befan­gen­heit. Glei­ches gilt bzgl. wahr­heits­wid­ri­ger, irre­füh­ren­der
    Infor­ma­tio­nen an Bewerber96. Auch unsach­li­che
    und ver­let­zen­de Äuße­run­gen gegen­über Bewer­bern
    kön­nen die Besorg­nis der Befan­gen­heit begründen97.
    Die blo­ße Mit­wir­kung an einer für eine Bewer­be­rin
    oder einen Bewer­ber frü­her ergan­ge­nen Ent­schei­dung
    ist allein nicht geeig­net, die Besorg­nis der Befan­gen­heit
    zu begrün­den, auch dann nicht, wenn die­se Ent­schei­dung
    nega­tiv für die Bewer­be­rin oder den Bewer­ber war
    und sich sogar als rechts­wid­rig her­aus­ge­stellt hat (so
    auch nicht die Mit­wir­kung an einem wegen Ver­fah­rens­feh­lern
    abge­bro­che­nen frü­he­ren Verfahren)98. Anders
    hin­ge­gen – und aus Sicht der Ver­fas­ser zu weit­ge­hend, –
    wenn ein Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on in einem
    kurz zuvor eröff­ne­ten und noch lau­fen­den Ver­fah­ren zur
    Eva­lu­ie­rung (Fest­stel­lung der Bewäh­rung) einer Bewer­be­rin
    oder eines Bewer­bers als Juni­or­pro­fes­so­rin oder
    Juni­or­pro­fes­sor tätig ist99: Hier ging das Gericht davon
    aus, dass das ent­spre­chen­de Mit­glied einen „umfas­sen­den
    und tief­grei­fen­den Ein­druck in das wis­sen­schaft­li­che
    Wir­ken sowie die fach­li­chen Fähig­kei­ten und Qua­li­fi­ka­tio­nen“
    erhal­ten habe und dies zu der Sor­ge berech­ti­ge,
    dass die­ses Wis­sen zuguns­ten des Bewer­bers oder der
    Bewer­be­rin Ein­gang ins Beru­fungs­ver­fah­ren finde100.
    Wer­den pflicht­wid­rig Sach­ver­hal­te, die geeig­net sein
    kön­nen die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den,
    nicht (oder nicht recht­zei­tig) offen­ge­legt, so begrün­det
    dies für sich bereits die Besorg­nis der Befan­gen­heit.
    Bei den ein­zel­nen Tat­be­stän­den stellt sich oft­mals die
    Fra­ge, ob die Befan­gen­heit aus die­sen Grün­den dau­er­haft
    zu besor­gen ist oder nur zeit­wei­se und ggf. wie lan­ge,
    wie also ins­be­son­de­re län­ger zurück­lie­gen­de Sach­ver­hal­te
    zu wer­ten sind. Hier kann es kei­ne ein­heit­li­che
    oder gar abschlie­ßen­de Ant­wort geben. Zeit­li­che Ober­gren­zen
    die­nen der Ori­en­tie­rung, erset­zen jedoch nicht
    die Ein­zel­fall­be­trach­tung.
    Die Vor­ga­ben der Hoch­schu­len dafür rei­chen in den
    Beru­fungs­ord­nun­gen bzgl. gemein­sa­mer Publi­ka­tio­nen
    von drei bis zehn Jahren101. Jedoch kön­nen auch sehr
    lan­ge zurück­lie­gen­de gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen geeig­net
    sein, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den,
    z. B., wenn die­se wesent­lich das Renom­mee einer der
    Koau­torin­nen und Koau­toren bestim­men.
    Hin­sicht­lich der Betreu­ung der Pro­mo­ti­on ist dar­auf
    zu ver­wei­sen, dass die Betreue­rin oder der Betreu­er den
    ehe­ma­li­gen Schü­ler oder die ehe­ma­li­ge Schü­le­rin bes­ser
    als ande­re Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber kennt und sich
    häu­fig auch eine gewis­se per­sön­li­che Nähe ent­wi­ckelt
    haben wird. Dies ist geeig­net, die Unpar­tei­lich­keit zu gefähr­den,
    ins­be­son­de­re, wenn man unter­stellt, dass ein
    per­sön­li­ches Inter­es­se dar­an bestehen kann, dass die eige­ne
    Schü­le­rin oder der eige­ne Schü­ler reüssiert102. Bei
    der Erst­be­treu­ung einer Pro­mo­ti­on wird die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit fol­ge­rich­tig teils ohne zeit­li­che Begren­zung
    angenommen103. Das VG Düs­sel­dorf hat daher zu
    Recht die Befan­gen­heit in einem Fall bejaht, in dem der
    Bewer­ber erst weni­ge Mona­te vor dem Beru­fungs­ver­fah­ren
    sei­ne Dis­ser­ta­ti­on und eine fünf­jäh­ri­ge Mit­ar­beit been­det
    hatte104. Das VG Bre­men hat aber klar­ge­stellt,
    dass, wenn eine Hoch­schul­leh­re­rin oder ein Hoch­schul­leh­rer
    vor über 15 Jah­ren eine Stu­den­tin oder einen Stu­den­ten
    unter­rich­tet hat, dar­aus kei­ne Besorg­nis der Befan­gen­heit
    abge­lei­tet wer­den kann, auch wenn man sich
    danach bei Kon­fe­ren­zen getrof­fen hat105. In der Recht­spre­chung
    der Ver­wal­tungs­ge­rich­te ist zu beob­ach­ten,
    92 Vgl. BVerwG, U 14.6.1963, VII C 44.62, Rn. 37 – juris.
    93 Schmitz, in: Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, § 21 Rn. 10.
    94 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615 m. w. N.
    95 BayVGH, B 11.8.2010, 7 CE 10.1160, Rn. 30 – juris (unzu­läs­si­ge
    Mit­tei­lung des gewünsch­ten Ergeb­nis­ses durch den Vor­sit­zen­den
    an den Gut­ach­ter).
    96 VG Müns­ter, U 22.4.2015, 5 K 2799/12, Rn. 92 ff. – juris.
    97 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615 m. w. N.
    98 Geis, OdW 2020, S. 26; BayVGH, B 18.4.2012, 7 CE 12.166;
    HmbO­VG, B 9.10.1998, 1 Bs 214/98 m. w. N.; VG Stutt­gart, U
    30.6.2021, 6 K 1377/20, Rn. 47 – juris.
    99 VG Gel­sen­kir­chen, B 22.2.2021, 12 L 1183/20, Rn. 26 – juris.
    100 VG Gel­sen­kir­chen, B 22.2.2021, 12 L 1183/20, Rn. 27 – juris.
    101 Uni­ver­si­tät Stutt­gart (Hand­rei­chung des Rek­to­rats zu Fra­gen
    der Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren mit Stand vom Febru­ar
    2011), sie­he hier­zu auch m. w. N. aus den Beru­fungs­ord­nun­gen
    der Uni­ver­si­tä­ten: Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 615.
    102 Sie­he hier­zu Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 614; Geis,
    OdW 2020, S. 23, 27.
    103 Ord­nung zur Qua­li­täts­si­che­rung in Beru­fungs- und Bestel­lungs­ver­fah­ren
    der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen (Amt­li­che
    Mit­tei­lun­gen I, 29/2020, S. 666).
    104 VG Düs­sel­dorf, U 3.12.2015, 15 K 7734/13, Rn. 78 – juris (nach­fol­gend
    OVG NRW, B 27.4.2017, 6 A 277/16).
    105 VG Bre­men, B 12.6.2019, 6 V 596/19, Rn. 34 ff. – juris.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 4 5
    dass die Sach­ver­hal­te, die geeig­net sind, die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit zu begrün­den, teil­wei­se sehr unter­schied­lich
    ver­stan­den werden106. Nach einer Ent­schei­dung
    des VG Hal­le (Saa­le) ist die Besorg­nis der Befan­gen­heit
    eines Mit­glieds der Beru­fungs­kom­mis­si­on schon
    begrün­det, wenn es sich bei dem glei­chen Hoch­schul­leh­rer
    habi­li­tiert hat wie eine oder einer der Bewer­be­rin­nen
    und Bewer­ber und wäh­rend die­ser Zeit am sel­ben Insti­tut
    tätig war107. Die­ses Ver­ständ­nis ist aus Sicht der Ver­fas­ser
    zu weit­ge­hend, zumal es bei der Habi­li­ta­ti­on kei­ne
    Betreu­ung wie bei der Pro­mo­ti­on gibt und hier die Bezie­hung
    zwi­schen Mit­glied der Kom­mis­si­on und Bewer­ber
    nur über die Bezie­hung zu einer drit­ten Per­son kon­stru­iert
    wird. Ins ande­re Extrem fällt bei­spiels­wei­se das
    OVG Ham­burg, das trotz lang­jäh­ri­ger Assis­ten­ten­tä­tig­keit
    eines Bewer­bers am Lehr­stuhl eines exter­nen Mit­glieds
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on, gemein­sam abge­hal­te­nen
    Lehr­ver­an­stal­tun­gen und gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen
    kei­nen Anlass sah, Befan­gen­heit zu besorgen108.
  21. Rechts­fol­gen
    a) Recht­mä­ßi­ger Aus­schluss
    Liegt einer der Sach­ver­hal­te gem. § 20 Abs. 1 VwVfG vor,
    so ist die betref­fen­de Per­son von Geset­zes wegen vom
    wei­te­ren Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen. Lie­gen aus­rei­chen­de
    Grün­de vor, die Befan­gen­heit zu besor­gen, so muss die
    betrof­fe­ne Per­son gem. § 21 VwVfG i. V. m.
    § 20 Abs. 4 VwVfG eben­falls vom wei­te­ren Ver­fah­ren
    aus­ge­schlos­sen wer­den. Ein Ver­zicht des Mit­glieds der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on auf sein Stimm- oder Rede­recht
    ist nicht ausreichend109. Das betref­fen­de Mit­glied darf
    sich auch nicht zu ande­ren Bewer­bun­gen äußern, da
    eine indi­rek­te Bevor­tei­lung oder Benach­tei­li­gung nicht
    aus­ge­schlos­sen wer­den kann110. Auch eine nur bera­ten­de
    Tätig­keit sowie die phy­si­sche Anwe­sen­heit wird als
    unzu­läs­sig erachtet111.
    Bei der Ent­schei­dung über den Aus­schluss gem. § 20
    oder § 21 VwVfG gibt es weder einen Beur­tei­lungs- noch
    einen Ermessensspielraum112. Auch die Besorg­nis der
    Befan­gen­heit unter­liegt unein­ge­schränkt der gericht­li­chen
    Kontrolle113.
    b) Rechts­wid­rig unter­las­se­ner Aus­schluss
    Wur­de ein Mit­glied trotz Befan­gen­heit oder Besorg­nis
    der Befan­gen­heit nicht aus­ge­schlos­sen oder unter­bleibt
    eine ent­spre­chen­de Beschluss­fas­sung der Beru­fungs­kom­mis­si­on,
    hat dies die Rechts­wid­rig­keit der Beschlüs­se
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on zur Folge114. Bei einer wie
    in einer Beru­fungs­kom­mis­si­on kol­le­gi­al zu tref­fen­den
    Ent­schei­dung kann eine von der Mit­wir­kung aus­ge­schlos­se­ne
    Per­son schon durch ihre Teil­nah­me an der
    Bera­tung Ein­fluss auf die ande­ren Kom­mis­si­ons­mit­glie­der
    ausüben115.
    Die feh­ler­haf­te Zusam­men­set­zung der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    schlägt regel­mä­ßig auf die Ent­schei­dun­gen
    der nach­fol­gen­den Gre­mi­en durch116. Nur wenn offen­sicht­lich
    ist, dass die­ser Ver­fah­rens­feh­ler die Ent­schei­dung
    nicht beein­flusst hat, kann der Feh­ler unbe­acht­lich
    sein. Die­ser Nach­weis wird i. d. R. kaum zu erbrin­gen
    sein: das Abstel­len auf Abstim­mungs­er­geb­nis­se reicht
    dafür nicht aus, da auch die mög­li­che Ein­fluss­nah­me
    durch die Mit­wir­kung zu berück­sich­ti­gen ist117. Ein sol­cher
    Ver­fah­rens­feh­ler wird daher regel­mä­ßig den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch
    verletzen118.
    Zur Hei­lung von Beschlüs­sen, die unter Ver­stoß gegen
    §§ 20 f. VwVfG zustan­de gekom­men sind, muss von
    der Kom­mis­si­on in neu­er, ord­nungs­ge­mä­ßer Beset­zung
    erneut bera­ten und ent­schie­den werden119. Das Ver­fah­ren
    ist daher in den Sta­tus quo ante zu ver­set­zen und –
    106 So z. B. VG Pots­dam, B 7.10.2020, 13 L 354/20.
    107 VG Hal­le (Saa­le), B 29.9.2020, 5 B 222/19, Rn. 17 – juris: „Betrach­tet
    man die all­ge­mein bekann­te und des­halb zu erwar­ten­de enge
    Bezie­hung zwi­schen einer aka­de­mi­schen Leh­re­rin und ihren
    Habi­li­tan­den, so liegt schon des­halb eine bedenk­li­che per­sön­li­che
    Nähe vor. Dabei ist es nicht ent­schei­dend, ob es zugleich
    unmit­tel­ba­re Bezie­hun­gen zwi­schen den Habi­li­tan­den gibt. Ein
    objek­ti­ver Drit­ter rech­net damit, dass der aka­de­mi­schen Leh­re­rin
    am Fort­kom­men ihrer Habi­li­tan­den gele­gen ist, weil sie von
    deren Eig­nung für ein Pro­fes­so­ren­amt über­zeugt ist und dass sich
    die­se Beur­tei­lung auch auf ande­re Habi­li­tan­den der­sel­ben aka­de­mi­schen
    Leh­re­rin über­trägt. Hier kommt noch hin­zu, dass Frau
    Prof. Dr. F. zumin­dest wäh­rend der Tätig­keit des Bei­ge­la­de­nen als
    wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter und wäh­rend sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­zeit
    an dem­sel­ben klei­nen Uni­ver­si­täts­in­sti­tut tätig war. Das führt
    zwangs­läu­fig zu zahl­rei­chen Kon­tak­ten und Begeg­nun­gen. Bei­des
    zusam­men erweckt bei einem objek­ti­ven Betrach­ter durch­aus
    den Ein­druck eines gewis­sen Zusam­men­wir­kens und zeigt die
    Gefahr auf, dass der Bei­ge­la­de­ne wegen die­ser Umstän­de mil­der
    beur­teilt wird, als ande­re Bewer­ber.“
    108 HmbO­VG, B 8.7.2005, 1 Bs 89/05.
    109 Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    110 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617.
    111 Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1, 2 ff.
    112 OVG NRW, U 24.1.1995, 5 A 1746/91; Wernsmann/Gatzka, DÖV
    2017, S. 609, 612; Kopp/Ramsauer, VwVfG § 20 Rn. 50, § 21 Rn. 5.
    113 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 613 m. w. N.
    114 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 618; Kopp/Ramsauer,
    VwVfG § 21 Rn. 26 ff. OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 27
    – juris.
    115 OVG Nds., B 28.6.2021, 5 ME 50/21, Rn. 54 – juris m. w. N.
    116 VG Gel­sen­kir­chen, B 22.2.2021, 12 L 1183/20, Rn. 35 – juris.
    117 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 618 m. w. N. in der Rspr.
    mit ähn­lich gela­ger­ten Nor­men aus dem Kom­mu­nal­recht.
    118 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 619.
    119 Geis, OdW 2020, S. 23, 28; Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Obermayer/
    Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, § 21 Rn. 54.
    2 4 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    ggf. nach Bestel­lung eines Ersatz­mit­glieds – von die­sem
    Punkt an neu durch­zu­füh­ren. Ist dies nicht mög­lich, so
    ist das Ver­fah­ren abzu­bre­chen.
    c) Rechts­wid­ri­ger Aus­schluss
    Der unbe­grün­det erfolg­te Aus­schluss eines Mit­glieds
    führt nicht zu einer Angreif­bar­keit des wei­te­ren Ver­fah­rens,
    sofern die Kom­mis­si­on wei­ter­hin rechts­kon­form
    zusam­men­ge­setzt war120. Das Ver­fah­ren lei­det dann
    zwar eben­falls an einem Fehler121, der aber nicht not­wen­dig
    auf die Aus­wahl­ent­schei­dung durch­schla­gen
    muss. Die Beru­fungs­kom­mis­si­on darf aller­dings auch
    nicht „vor­sorg­lich“ Mit­glie­der ausschließen122.
    Ein aus­ge­schlos­se­nes Mit­glied kann sei­ne Teil­nah­me
    recht­lich nicht erzwingen123, da man­gels Außen­wir­kung
    eine Anfech­tungs­kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt
    nicht in Betracht kommt und die Tätig­keit in einer Beru­fungs­kom­mis­si­on
    aus­schließ­lich objek­ti­ven Zwe­cken
    dient und nicht sub­jek­ti­ve Rech­te vermittelt124. Das aus­ge­schlos­se­ne
    Mit­glied ist dar­auf beschränkt, der Rechts­auf­sicht
    einen zu Unrecht erfolg­ten Aus­schluss anzuzeigen125,
    die aller­dings nicht ein­schrei­ten muss, da die
    staat­li­che Auf­sicht allein dem all­ge­mei­nen öffent­li­chen
    Inter­es­se dient und kein sub­jek­ti­ves Recht vermittelt126.
    d) Rüge­pflicht der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber
    Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber sind zur Ver­mei­dung des
    Ver­lusts ihres Rüge­rechts gehal­ten, Grün­de, die für den
    Aus­schluss eines Mit­glieds der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    nach §§ 20 f. VwVfG spre­chen, früh­zei­tig gel­tend und
    ggf. glaub­haft zu machen127, da sie sich sonst wider­sprüch­lich
    ver­hal­ten wür­den. Unter­bleibt das, kann die
    Feh­ler­haf­tig­keit spä­ter nicht gerügt werden128, zumal
    „inter­es­sen­wid­ri­ges Zuwar­ten die Plau­si­bi­li­tät spä­ter
    behaup­te­ter Besorg­nis und ihrer Grün­de infra­ge stellen“
  22. Es gehört zu den Mit­wir­kungs­pflich­ten von
    Bewer­be­rin­nen und Bewer­bern, den Ver­dacht der
    (Besorg­nis der) Befan­gen­heit unver­züg­lich, also ohne
    schuld­haf­tes Zögern zu rügen, sogar im Rah­men der
    per­sön­li­chen Vorstellung130.
    Dem ist jedoch ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass das Beru­fungs­ver­fah­ren
    in Tei­len prü­fungs­ähn­li­chen Cha­rak­ter
    hat131, nament­lich Lehr­pro­be und Vor­stel­lungs­vor­trag.
    Eine Rüge noch wäh­rend der per­sön­li­chen Vor­stel­lung
    als prü­fungs­ähn­li­che Situa­ti­on zu for­dern, erscheint mit­hin
    überzogen132.
    IV. Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren im Lich­te
    des Fach­prin­zips
  23. Ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­gen des Fach­prin­zips
    Zwar besteht kein Koopt­ati­ons­recht der Hoch­schu­le,
    und der zustän­di­gen staat­li­chen Stel­le (Minis­te­ri­um bzw.
    Hoch­schul­lei­tung) kommt bei der Ernen­nung von
    Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rern ein eige­nes
    Ermes­sen zu133. Das Beru­fungs­ver­fah­ren ver­wirk­licht
    jedoch das Selbst­er­gän­zungs­recht der Hoch­schu­le
    (genau­er: der Fakul­tät bzw. des Fach­be­reichs) und dient
    der Bestim­mung der eigent­li­chen Trä­ger der frei­en For­schung
    und Leh­re inner­halb der Universität134. Es ist
    des­halb mit der Garan­tie der Wis­sen­schafts­frei­heit aus
    Art. 5 Abs. 3 GG beson­ders eng verknüpft135. Der Hoch­schu­le
    steht daher grund­sätz­lich eine ver­fas­sungs­recht­lich
    geschütz­te Beur­tei­lungs­kom­pe­tenz über die Qua­li­fi­ka­ti­on
    der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber zu136. Auch
    geht es um das Recht der Selbst­be­stim­mung der Hochschule137.
    Aus Art. 33 Abs. 2 GG ergibt sich zudem die
    Anfor­de­rung an eine fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­ten­te
    120 Geis, OdW 2020, S. 23, 28. Vgl. aber VG Han­no­ver, B 19.6.2003, 6
    B 2398/03, zu den Rech­ten des Mit­glieds.
    121 Herrmann/Tietze, LKV 2015, S. 337 m. w. N.; Kopp/Ramsauer,
    VwVfG § 21 Rn. 25b.
    122 Kopp/Ramsauer, VwVfG § 21 Rn. 25b.
    123 Anders VG Han­no­ver, B 19.6.2003, 6 B 2398/03, das ein durch­setz­ba­res
    sub­jek­ti­ves organ­schaft­li­ches Recht eines Mit­glieds
    einer Beru­fungs­kom­mis­si­on annimmt, das feh­ler­haft wegen
    Besorg­nis der Befan­gen­heit aus­ge­schlos­sen wur­de; vgl. auch
    Wen­de­lin, Der Hoch­schul­ver­fas­sungs­streit – sub­jek­ti­ve Organ­rech­te
    im Bin­nen­be­reich der Hoch­schu­le und deren ver­wal­tungs­pro­zes­sua­le
    Behand­lung, Baden-Baden 2010, 2010, S. 52 f.
    124 Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    125 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 618.
    126 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 619.
    127 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG,
    § 21 Rn. 37 ff.; OVG RhPf, B 28.9.2007, 2 B 10825/07, Rn. 11 – juris;
    OVG MV, B 21.4.2010, 2 M 14/10; Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017,
    S. 609, 619.
    128 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 619; anders aber und
    gegen ein Ver­wir­ken des Rüge­rechts Geis, OdW 2020, S. 23, 27
    mit aus­führ­li­cher Begrün­dung.
    129 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    21 Rn. 40; Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 619.
    130 BayVGH, B 1.2.2022, 3 CE 22.19, Rn. 5.
    131 Nach Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 610, han­delt es sich
    bei der Beru­fung einer Hoch­schul­leh­re­rin oder eines Hoch­schul­leh­rers
    um eine Prü­fungs­ent­schei­dung, vgl. auch Schmitz, in:
    Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, § 2 Rn. 127–129.
    132 Kunt­ze/­Bei­chel-Bene­detti, in: Ober­may­er/­Fun­ke-Kai­ser, VwVfG, §
    21 Rn. 42: „Wäh­rend einer münd­li­chen Prü­fung ist die Gel­tend­ma­chung
    grund­sätz­lich unzu­mut­bar.“ m. w. N.
    133 BVerwG, U 9.5.1985, 2 C 16.83.
    134 BVerfGE 35, 79; Neu­häu­ser, For­mel­le Vor­ga­ben des Art. 33 GG für
    die Beru­fung von Hoch­schul­leh­rern, Wis­sen­schafts­recht 2012, S.
    248, 267 m. w. N.
    135 BVerfGE 35, 79.
    136 OVG RhPf, B 6.8.2018, 2 B 10742/18, Rn. 5 – juris; Epping/Nölle,
    in: Epping, NHG, § 26 Rn. 1; Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz,
    GG, Art. 5 Abs. 3 Rn. 250 (96. EL Novem­ber 2021).
    137 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 252; Geis,
    Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Uni­ver­si­tä­ten, Wis­sen­schafts­recht
    2004, S. 2 ff..
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 4 7
    Zusam­men­set­zung der Beru­fungs­kom­mis­si­on, die in
    der Lage ist, Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­che Leis­tung
    wis­sen­schafts­ad­äquat zu beurteilen138. Bei der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on liegt die fach­li­che Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve,
    die die Bewer­tung der fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on
    der Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber umfasst und der
    gericht­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen ist, solan­ge die Anfor­de­run­gen
    aus der Stel­len­aus­schrei­bung gewahrt blei­ben
    und kei­ne sach­frem­den Erwä­gun­gen in die Ent­schei­dung
    eingehen139. Gär­ditz betont, dass allein die Mehr­heit
    von Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rern
    nicht rei­che: „Es muss sich viel­mehr zur Siche­rung einer
    wis­sen­schafts­ad­äqua­ten Aus­wahl auch um eine Mehr­heit
    fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­ten­ter Hoch­schul­leh­re­rin­nen
    und Hoch­schul­leh­rer handeln.“140 Die wis­sen­schaft­lich-
    fach­li­che Beur­tei­lung sei „unver­tret­bar an die
    Beur­tei­lung durch Hoch­schul­lehrin­nen und Hoch­schul­leh­rer
    der jewei­li­gen Dis­zi­plin gebun­den und kann nicht
    extern ersetzt werden“141. Zwar ist die Betei­li­gung exter­ner
    Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer nicht
    aus­ge­schlos­sen und teils lan­des­ge­setz­lich oder sat­zungs­recht­lich
    sogar gefor­dert. Sie muss aber aus ver­fas­sungs­recht­li­chen
    Grün­den begrenzt sein142. Exter­ne Mit­glie­der
    einer Beru­fungs­kom­mis­si­on könn­ten inso­weit „eine
    bereits durch inter­ne Mit­glie­der sicher­ge­stell­te Hoch­schul­leh­rer­mehr­heit
    nur ergän­zen“, so Gärditz143. Eine
    Aus­nah­me hier­von kommt nur dann in Betracht, wenn
    die Hoch­schu­le aus recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Grün­den
    nicht in der Lage ist, die erfor­der­li­che Mehr­heit der
    fach­lich-dis­zi­pli­nä­ren Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer
    selbst zu stellen144, nament­lich wenn „fach­lich
    kom­pe­ten­te Mit­glie­der der Hoch­schu­le, an der das
    Beru­fungs­ver­fah­ren statt­fin­det, wegen Befan­gen­heit
    (nach den im Ein­klang mit Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG aus­zu­le­gen­den
    §§ 20, 21 VwVfG) an einer Mit­wir­kung gehin­dert
    sind […]“145.
    In fach­lich hete­ro­ge­nen Fakul­tä­ten kommt der Gewähr­leis­tung
    der Fach­lich­keit in der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    eine beson­de­re Bedeu­tung zu, denn wegen der regel­mä­ßig
    feh­len­den fach­li­chen Nähe der Mehr­heit der
    Mit­glie­der des Fakul­täts­rats ist ein Abwei­chen vom Votum
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on bei der Ent­schei­dung
    über den Beru­fungs­vor­schlag erschwert146. Das vor­ab
    fest­ge­leg­te Ver­fah­ren und die Orga­ni­sa­ti­on der Ent­schei­dungs­fin­dung
    stel­len die Legi­ti­mi­tät der Ent­schei­dun­gen
    her. Hier­aus erge­ben sich Anfor­de­run­gen an die
    fach­li­che Zusam­men­set­zung der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen
    Orga­ne und mit­hin auch der ent­schei­dungs­vor­be­rei­ten­den
    Gremien147.
  24. Wider­streit von Fach­prin­zip und Prin­zip der Neu­tra­li­tät
    und Objek­ti­vi­tät
    Der Aus­schluss von Mit­glie­dern auf­grund von §§ 20
    f. VwVfG kann dazu füh­ren, dass die kor­rek­te Zusam­men­set­zung
    der Beru­fungs­kom­mis­sio­nen und die Wah­rung
    des ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Fach­prin­zips
    durch eine aus­rei­chen­de Anzahl von fach­lich-dis­zi­pli­när
    kom­pe­ten­ten Mit­glie­dern der Hoch­schu­le gefähr­det ist.
    Hier­durch kann der Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch
    genau­so ver­letzt wer­den wie durch die Nicht­be­ach­tung
    der Vor­schrif­ten über die Befan­gen­heit.
    Gera­de „gro­ße“ Dis­zi­pli­nen sind durch eine zuneh­men­de
    Spe­zia­li­sie­rung und Aus­dif­fe­ren­zie­rung gekenn­zeich­net,
    die trotz einer gemein­sa­men Spra­che eine Bewer­tung
    ins­be­son­de­re der aktu­el­len For­schung ande­rer
    Teil­dis­zi­pli­nen als der eige­nen fast unmög­lich macht.
    Zugleich wer­den die wis­sen­schaft­li­chen Koope­ra­tio­nen
    inten­si­viert. Je nach Fach­kul­tur publi­ziert eine Viel­zahl
    von Autorin­nen und Autoren gemein­sam. Dies kann im
    Extrem­fall zum Aus­schluss aller fach­na­hen Mit­glie­der
    einer Beru­fungs­kom­mis­si­on füh­ren, vor allem dann,
    wenn eine gro­ße Zahl von Bewer­bun­gen ein­ge­gan­gen
    ist. Ersatz­mit­glie­der zu fin­den, stellt sich in der Pra­xis
    daher nicht nur für klei­ne Fächer als schwie­rig dar.
    Ver­schärft wer­den kann das Pro­blem dadurch, dass
    die Hoch­schu­len zur Siche­rung einer ganz­heit­li­chen
    stra­te­gi­schen Aus­rich­tung Auf­la­gen hin­sicht­lich der Bil­dung
    von Beru­fungs­kom­mis­sio­nen erlas­sen haben. Oft
    sol­len neben den fach­na­hen Mit­glie­dern auch Hoch­schul­leh­re­rin­nen
    oder Hoch­schul­leh­rer benach­bar­ter
    Fächer oder ande­rer Fakul­tä­ten stimm­be­rech­tigt in der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on mit­wir­ken, die Anzahl stimm­be-
    138 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 250;
    Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1–6.
    139 BayVGH, B 11.8.2010, 7 CE 10.1160, Rn. 28 – juris.
    140 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 250.
    141 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 251. Vgl.
    auch Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on und ver­wal­tungs­recht­li­che
    Sys­tem­bil­dung, Mohr Sie­beck, Tübin­gen, 2009, S. 484 f.
    142 Aus­führ­lich hier­zu Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5
    Abs. 3 Rn. 252.
    143 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 252.
    144 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3 Rn. 253.
    145 Gär­ditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG Art. 5 Abs. 3
    Rn. 253 m. w. N.
    146 Vgl. BVerwG, NVwZ 1994, S. 1209 für die Ent­schei­dung in Habi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren.
    147 Vgl. aus­führ­lich Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on und ver­wal­tungs­recht­li­che
    Sys­tem­bil­dung, S. 480, und zum Fach­prin­zip S.
    478 ff. (auch mit einer Erör­te­rung der Not­wen­dig­keit schon eines
    gemein­sa­men sprach­li­chen Ver­ständ­nis­ses zum fach­lich-dis­zi­pli­nä­ren
    Aus­tausch).
    2 4 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    rech­tig­ter Hoch­schul­leh­re­rin­nen soll eine bestimm­te
    Quo­te nicht unter­schrei­ten und Kom­mis­sio­nen sol­len
    eine gewis­se Grö­ße haben, um die Aus­wahl­ent­schei­dung
    nicht nur in einem exklu­si­ven Kreis vor­zu­be­rei­ten.
    Um dem Aus­fall fach­na­her Mit­glie­der in der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    zu begeg­nen reicht es nicht aus, auf
    die fach­na­hen Gut­ach­te­rin­nen und Gut­ach­ter zu ver­wei­sen,
    denn die Beru­fungs­kom­mis­si­on muss sich mit den
    Gut­ach­ten fach­lich ein­ge­hend aus­ein­an­der­set­zen und
    die­se bewer­ten kön­nen. Exter­ne Ein­schät­zun­gen dür­fen
    nicht sche­ma­tisch über­nom­men wer­den, son­dern müs­sen
    durch die Beru­fungs­kom­mis­si­on dif­fe­ren­ziert bewer­tet
    und ggf. auch ver­wor­fen werden148.
    Zwar kön­nen Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren aus
    Nach­bar­fä­chern oder ande­ren Teil­dis­zi­pli­nen in die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    beru­fen wer­den. Wenn die Kom­mis­si­on
    aber nicht aus Fach­leu­ten besteht, son­dern nur
    aus Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern mit nahen
    Fach­ge­bie­ten, dann ist die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne
    fach­li­che Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    nicht mehr gewähr­leis­tet. Auch in der
    über­wie­gen­den Beset­zung durch exter­ne Mit­glie­der ist
    eine Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit zu sehen,
    denn Art. 5 Abs. 3 GG garan­tiert das Selbst­er­gän­zungs­recht
    der Kol­le­gi­en, das mit einer sol­chen „Exter­na­li­sie­rung“
    der Ent­schei­dung aus­ge­he­belt wür­de.
    Das dau­er­haf­te Aus­schei­den von Mit­glie­dern wegen
    (der Besorg­nis der) Befan­gen­heit kann somit dazu füh­ren,
    dass in der Beru­fungs­kom­mis­si­on zwar noch die
    Hoch­schul­leh­rer­mehr­heit gege­ben ist, aber nicht mehr
    hin­rei­chend fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­tent oder nicht
    mehr hin­rei­chend durch Mit­glie­der der eige­nen
    Hoch­schu­le.
  25. In der Pra­xis anzu­tref­fen­de Vor­ge­hens­wei­sen
    In Beru­fungs­ver­fah­ren ist nach alle­dem sicher­zu­stel­len,
    dass von Geset­zes wegen aus­ge­schlos­se­ne Per­so­nen oder
    Per­so­nen, bei denen Befan­gen­heit zu besor­gen ist, nicht
    mit­wir­ken, und den­noch eine aus­rei­chen­de Anzahl
    fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­ten­ter Hoch­schul­leh­re­rin­nen
    und Hoch­schul­leh­rer der eige­nen Hoch­schu­le mit­wir­ken.
    Die Aus­wir­kun­gen eines Aus­schlus­ses fach­lich-dis­zi­pli­när
    kom­pe­ten­ter Mit­glie­der der Kom­mis­si­on hän­gen
    dabei auch vom Stand des Beru­fungs­ver­fah­rens ab.
    Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen der Gewähr­leis­tung
    des Fach­prin­zips und dem Erfor­der­nis eines unpar­tei­ischen
    und unvor­ein­ge­nom­me­nen Ver­fah­rens tritt
    bereits bei der ers­ten Sich­tung der Bewer­bun­gen zuta­ge:
    Bei einer brei­ten Deno­mi­na­ti­on und ent­spre­chend zahl­rei­chen
    Bewer­bun­gen ist es nahe­zu die Regel, dass Mit­glie­der
    der Beru­fungs­kom­mis­si­on mit min­des­tens einer
    Bewer­be­rin oder einem Bewer­ber gemein­sam publi­ziert
    haben oder ein ande­rer Grund besteht, Befan­gen­heit zu
    besor­gen. Wenn bereits jetzt ein Mit­glied wegen der Besorg­nis
    der Befan­gen­heit dau­er­haft aus­schei­den muss,
    obgleich schon offen­sicht­lich ist oder nach einer ers­ten
    Sich­tung klar wird, dass die dafür ursäch­li­che Bewer­bung
    nicht wei­ter berück­sich­tigt wird, so geht der Kom­mis­si­on
    wich­ti­ges Fach­wis­sen ver­lo­ren, das für das wei­te­re
    Ver­fah­ren und die enge­re Aus­wahl womög­lich von­nö­ten
    wäre, um die Bes­ten­aus­le­se nach Art. 33 Abs. 2 GG
    zu gewähr­leis­ten.
    In der Pra­xis wird hier­mit, wie ein­gangs erwähnt, unter­schied­lich
    umge­gan­gen. Allen Ansät­zen zur Auf­lö­sung
    des Dilem­mas „Befan­gen­heit – Fach­prin­zip“ ist jedoch
    gemein, dass ein Mit­glied der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    vom wei­te­ren Ver­fah­ren jeden­falls dann voll­stän­dig
    und dau­er­haft aus­zu­schlie­ßen ist, wenn die den Aus­schluss
    aus­lö­sen­de Bewer­bung in die enge­re Wahl
    kommt149. Der Aus­schluss von befan­ge­nen Mit­glie­dern
    bei der Bera­tung und Ent­schei­dung über die jeweils die
    Besorg­nis der Befan­gen­heit indi­zie­ren­de Bewer­bung im
    Zuge der Vor­auswahl, ist gän­gi­ge Pra­xis und in den Leit­fä­den
    meh­re­rer Hoch­schu­len auch expli­zit vor­ge­se­hen.
    Wie aber ist zu ver­fah­ren, wenn sich z. B. eine Koau­torin
    oder ein Koau­tor eines Kom­mis­si­ons­mit­glieds bewirbt
    und bereits bei der Vor­auswahl aus­schei­det: Erle­digt sich
    damit die Besorg­nis der Befan­gen­heit und kann das aus­ge­schlos­se­ne
    Mit­glied durch einen actus con­tra­ri­us wie­der
    Mit­glied der Kom­mis­si­on werden150?
    In der Pra­xis sind im Wesent­li­chen die drei fol­gen­den
    Vor­ge­hens­wei­sen anzu­tref­fen:
    a) Vor­ge­hens­wei­se A: dau­er­haf­ter, voll­stän­di­ger Aus­schluss
    Das betrof­fe­ne Kom­mis­si­ons­mit­glied wird aus dem
    gesam­ten wei­te­ren Ver­fah­ren ausgeschlossen151.
    148 VG Mün­chen, B 8.7.2010, M 3 E 09.3182.
    149 Vgl. Epping/Nölle, in: Epping, NHG, § 26 Rn. 63.
    150 Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    151 So RWTH Aachen (Hand­buch Beru­fungs­ver­fah­ren vom
    1.3.2019), TU Ber­lin (Beru­fungs­ord­nung vom 16.1.2019), TU
    Dort­mund (Beru­fungs­leit­fa­den mit Stand vom Juli 2013), Uni­ver­si­tät
    Frei­burg (Leit­fa­den zu Beru­fungs­ver­fah­ren vom 1.8.2016),
    Uni­ver­si­tät zu Köln (Grund­sät­ze der Uni­ver­si­tät zu Köln zu Fra­gen
    der Befan­gen­heit vom 7.6.2018), Uni­ver­si­tät Leip­zig (Beru­fungs­ord­nung
    vom 2.1.2019), Uni­ver­si­tät Stutt­gart (Hand­rei­chung
    des Rek­to­rats zu Fra­gen der Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren
    mit Stand vom Febru­ar 2011). Sie­he hier­zu auch Burgi/Hagen,
    OdW 2021, S. 1, 2 ff. m. w. N.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 4 9
    Dies wird auch damit begrün­det, dass ein Aus­schluss
    abschlie­ßend sei, und die mög­li­che Befan­gen­heit nicht
    mit dem Aus­schei­den bei­spiels­wei­se der eige­nen Schü­le­rin
    oder des eige­nen Schü­lers ende, son­dern deren Leh­re­rin
    oder Leh­rer den Aus­schluss als Affront ver­ste­hen
    und dann „Retour­kut­schen im wei­te­ren Ver­fah­ren fah­ren
    könne“152. In Tei­len wird der dau­er­haf­te Aus­schluss
    bzw. ein Mit­wir­kungs­ver­bot gefor­dert, um sach­frem­de
    Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen auch durch indi­rek­te Ein­fluss­nah­me
    zu ver­hin­dern. Die Vor­ge­hens­wei­se kann in
    der Pra­xis zur Aus­wechs­lung einer Viel­zahl von Mit­glie­dern
    und damit auch zu einer fach­lich-dis­zi­pli­när nicht
    mehr kom­pe­ten­ten Beset­zung der Beru­fungs­kom­mis­si­on
    führen153.
    Will die Kom­mis­si­on dabei der Rechts­fol­ge des dau­er­haf­ten
    Aus­schei­dens von Mit­glie­dern ent­ge­hen, besteht
    das Risi­ko, dass sie die den Tat­be­stand gem.
    § 21 VwVfG und die die Besorg­nis der Befan­gen­heit begrün­den­den
    Sach­ver­hal­te „groß­zü­gig“ aus­legt bzw. nicht
    anwen­det. Dies kann zu einer eher nach­läs­si­gen bzw. fal­schen
    und damit rechts­wid­ri­gen Ent­schei­dung über die
    Besorg­nis der Befan­gen­heit füh­ren und so der Inte­gri­tät
    des Ver­fah­rens scha­den. Es kann dar­über hin­aus zu einer
    begrün­de­ten Kon­kur­ren­ten­kla­ge und einer ent­spre­chen­den
    Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts füh­ren.
    Rechts­tech­nisch betrach­tet wird damit die unlieb­sa­me
    Rechts­fol­ge (Aus­schluss von fach­kun­di­gen Mit­glie­dern)
    durch eine recht­lich kaum zu ver­tre­ten­de Ein­schrän­kung
    des Tat­be­stands der Besorg­nis der Befan­gen­heit
    ver­mie­den.
    Zugleich ist die Vor­ge­hens­wei­se geeig­net, an den
    Hoch­schu­len zu einem eher unein­heit­li­chen und kaum
    vor­her­seh­ba­ren Ver­wal­tungs­han­deln zu füh­ren, das sich
    auch nicht damit begrün­den lässt, jeder Ein­zel­fall lie­ge
    anders. Rich­tig ist viel­mehr, dass sich die in der Pra­xis
    anzu­tref­fen­den Sach­ver­hal­te durch­aus in Fall­grup­pen
    kate­go­ri­sie­ren las­sen und nicht nach­zu­voll­zie­hen ist, war­um
    – selbst inner­halb ein und der­sel­ben Fach­dis­zi­plin –
    etwa gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen ein­mal zum Aus­schluss
    füh­ren und ein­mal nicht.
    b) Vor­ge­hens­wei­se B: vor­über­ge­hen­der, par­ti­el­ler Aus­schluss
    Nicht auf der Tatbestands‑, son­dern auf der Rechts­fol­gen­sei­te
    wird das Pro­blem gelöst, wenn der Aus­schluss
    der betrof­fe­nen Per­son nur tem­po­rär und nur bzgl. der
    den Aus­schluss aus­lö­sen­den Bewer­bung erfolgt154.
    Wird Befan­gen­heit besorgt, so dür­fen die betref­fen­den
    Kom­mis­si­ons­mit­glie­der zwar an der Vor­auswahl
    grund­sätz­lich mit­wir­ken. Sie dür­fen sich zu den Bewer­bun­gen,
    die Anlass zum Aus­schluss oder zur Besorg­nis
    der Befan­gen­heit gege­ben haben, jedoch nicht äußern155.
    Außer­dem haben sie wäh­rend der Erör­te­rung und Abstim­mung
    über die­se Bewer­bun­gen den Sit­zungs­raum
    zu ver­las­sen. Ver­bleibt die Bewer­bung, die Anlass für
    den zunächst tem­po­rä­ren Aus­schluss gege­ben hat, im
    Aus­wahl­ver­fah­ren, so ist das betref­fen­de Mit­glied der
    Beru­fungs­kom­mis­si­on dau­er­haft aus­zu­schlie­ßen und
    ggf. zu erset­zen, andern­falls ver­bleibt das Mit­glied in der
    Berufungskommission156. Eine Ent­schei­dung über den
    voll­stän­di­gen Aus­schluss wird also erst nach der Vor­auswahl
    bzw. ers­ten Sich­tung getrof­fen.
    Ein sol­cher par­ti­el­ler Aus­schluss ver­hin­dert zwar die
    direk­te Bevor­tei­lung oder Benach­tei­li­gung der betref­fen­den
    Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber, nicht jedoch die indi­rek­te
    Ein­fluss­nah­me durch die – bewusst oder unbe­wusst
    – vor­ein­ge­nom­me­ne Bewer­tung der übri­gen
    Bewerbungen157.
    Nach Ansicht eini­ger Stim­men aus der Lite­ra­tur ist
    eine sol­che Aus­nah­me nur dann zuläs­sig, wenn sich weder
    natio­nal noch inter­na­tio­nal Mit­glie­der für die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    fin­den las­sen, die nicht befan­gen
    sind158, was min­des­tens schwie­rig nach­zu­wei­sen sein
    wird.
    152 So Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    153 Kri­tisch hier­zu Epping/Nölle, in: Epping, NHG, § 26 Rn. 63 ff.;
    Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1, 2 ff. m. w. N.
    154 So Uni­ver­si­tät Bonn (Beru­fungs­ord­nung vom 28.11.2018),
    Uni­ver­si­tät Braun­schweig (Beru­fungs­ord­nung vom 16.1.2019),
    Uni­ver­si­tät Frank­furt (Sat­zung zur Durch­füh­rung von Beru­fungs­ver­fah­ren
    vom 27.7.2015), Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen (Ord­nung
    zur Qua­li­täts­si­che­rung in Beru­fungs- und Bestel­lungs­ver­fah­ren
    i. d. F. vom 15.2.2018, zuletzt geän­dert am 20. und 28.5.2020),
    Uni­ver­si­tät Greifs­wald (Beru­fungs­richt­li­nie vom 26.6.2015),
    Uni­ver­si­tät Ham­burg (Emp­feh­lun­gen und Infor­ma­tio­nen zur
    Durch­füh­rung von Beru­fungs­ver­fah­ren mit Stand vom Febru­ar
    2015), Uni­ver­si­tät Han­no­ver (Hand­rei­chung von Senat und Prä­si­di­um
    zu Fra­gen der Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren vom
    31.1.2018), Uni­ver­si­tät Hohen­heim (Richt­li­nie zur Rege­lung der
    Befan­gen­heit in Beru­fungs­ver­fah­ren vom 6.2.2019), Uni­ver­si­tät
    Osna­brück (Beru­fungs­ord­nung vom 9.11.2005, zuletzt geän­dert
    am 26.2.2020), Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen (Leit­fa­den
    der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen zu Fra­gen der Befan­gen­heit
    in Beru­fungs­ver­fah­ren vom 10.6.2015), Uni­ver­si­tät Müns­ter
    (Ord­nung über das Ver­fah­ren zur Beru­fung von Pro­fes­so­ren
    und Pro­fes­so­rin­nen und Juni­or-Pro­fes­so­ren und Juni­or-Pro­fes­so­rin­nen
    vom 11.2.2008 in der Fas­sung vom 20.2.2018, abhän­gig
    vom Schwe­re­grad). Sie­he hier­zu Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1, 2
    ff. m. w. N.
    155 Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1, 2 ff.
    156 So auch Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1. 3.
    157 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617.
    158 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617.
    2 5 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    Recht­lich ist die Mög­lich­keit der Rück­kehr durch
    eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on der Vor­schrif­ten des
    VwVfG im Rah­men einer prak­ti­schen Kon­kor­danz mit
    dem jewei­li­gen LHG mög­lich und wird von Hoch­schu­len
    in ihren Beru­fungs­ord­nun­gen auch so geregelt159.
    c) Vor­ge­hens­wei­se C: vor­über­ge­hen­der, voll­stän­di­ger
    Aus­schluss
    Als drit­te, ver­mit­teln­de Vorgehensweise160 wird das
    betrof­fe­ne Kom­mis­si­ons­mit­glied für die gesam­te Vor­auswahl
    aus­ge­schlos­sen. Eine Rück­kehr in die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    kommt in Betracht, sofern die Bewer­bung,
    die Anlass für den Aus­schluss gab, im Ergeb­nis der
    Vor­auswahl bzw. ers­ten Sich­tung nicht wei­ter berück­sich­tigt
    wird161.
    Auch die­se Vor­ge­hens­wei­se ist nicht frei von Nach­tei­len:
    Wenn der vor­über­ge­hen­de Aus­schluss meh­re­re
    fach­kun­di­ge Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on trifft,
    kann der Fall ein­tre­ten, dass die Kom­mis­si­on nicht mehr
    beschluss­fä­hig oder für die Vor­auswahl nicht aus­rei­chend
    fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­tent besetzt ist. Hier ist
    aber ein­zu­wen­den, dass die für die Vor­auswahl erfor­der­li­che
    Beur­tei­lung von Bewer­bun­gen weit weni­ger Spe­zi­al­kennt­nis­se
    erfor­dert als die Aus­wahl der ein­zu­la­den­den
    oder zu begut­ach­ten­den oder danach der für den
    Beru­fungs­vor­schlag zu plat­zie­ren­den Bewer­be­rin­nen
    und Bewer­ber. Auch mögen Mit­glie­der, die vom nur vor­über­ge­hen­den
    Aus­schluss betrof­fen waren – bewusst
    oder unbe­wusst – die ver­blei­ben­den Bewer­be­rin­nen und
    Bewer­ber im wei­te­ren Ver­fah­ren unan­ge­mes­sen kri­tisch
    beur­tei­len. Die Beru­fungs­kom­mis­si­on ist jedoch nicht
    gehin­dert, erneut wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit
    aus­zu­schlie­ßen.
    In der Pra­xis sind bei die­ser und der vor­her­ge­hen­den
    Vor­ge­hens­wei­se fol­gen­de Aspek­te zu regeln:
    • Was ist unter Vorauswahl162 zu ver­ste­hen und wann
    endet die­se? (z. B. ers­te Sich­tung und Kate­go­ri­sie­rung
    oder Aus­wahl der ein­zu­la­den­den Bewer­be­rin­nen und
    Bewer­ber)
    • Zu wel­chem Zeit­punkt ist ein Wie­der­ein­tritt in die
    Kom­mis­si­on vor­ge­se­hen?
    • Soll der Wie­der­ein­tritt auto­ma­tisch erfol­gen oder
    auf Beschluss der Beru­fungs­kom­mis­si­on oder in der
    glei­chen Wei­se durch das die Beru­fungs­kom­mis­si­on ein­set­zen­de
    Organ (etwa den Fakul­täts­rat)?
    • Soll der Wie­der­ein­tritt nur im Fal­le der Besorg­nis
    der Befan­gen­heit mög­lich sein oder auch für von Geset­zes
    wegen aus­ge­schlos­se­ne Personen?
  26. Recht­li­che Bewer­tung
    Zahl­rei­che Hoch­schu­len haben sat­zungs­recht­li­che Rege­lun­gen
    erlas­sen, die dem Wort­laut der §§ 20 f. VwVfG
    ver­meint­lich ent­ge­gen­ste­hen und den Wie­der­ein­tritt wie
    beschrie­ben vor­se­hen.
    § 20 Abs. 4 VwVfG ord­net nach sei­nem Wort­laut
    zwar eine nicht revi­dier­ba­re Ent­schei­dung an163 und
    auch das Vor­lie­gen einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke
    ist frag­lich. § 20 Abs. 4 Satz 4 VwVfG („Das aus­ge­schlos­se­ne
    Mit­glied darf bei der wei­te­ren Bera­tung und Beschluss­fas­sung
    nicht zuge­gen sein“) ist auf­grund unter­schied­lichs­ter
    Gegen­stän­de und Vari­an­ten von Ver­wal­tungs­ver­fah­ren,
    auf die die §§ 20 f. VwVfG Anwen­dung
    fin­den, aber weni­ger ein­deu­tig, als es zunächst scheint.
    Sinn und Zweck der Rege­lun­gen dür­fen daher bei der
    Aus­le­gung – gera­de auch ange­sichts der Mehr­stu­fig­keit
    von Beru­fungs­ver­fah­ren und der oben geschil­der­ten
    Pro­blem­la­gen – nicht außer Betracht blei­ben.
    Da die §§ 20 f. VwVfG sicher­stel­len sol­len, dass Ver­wal­tungs­ver­fah­ren
    von unvor­ein­ge­nom­me­nen Ent­schei­dungs­trä­ge­rin­nen
    und ‑trä­gern durch­ge­führt wer­den,
    erscheint eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on in der Wei­se
    sach­ge­recht, dass der Aus­schluss (auch nur) soweit rei­chen
    muss, wie ein Befan­gen­heits­grund bzw. die Besorg­nis
    der Befan­gen­heit besteht. In Beru­fungs­ver­fah­ren
    wird i. d. R. jedoch dann von einem Weg­fall der Befan­gen­heit
    aus­ge­gan­gen wer­den kön­nen, wenn nach der
    Vor­auswahl die Bewer­bung nicht mehr berück­sich­tigt
    wird, die die Besorg­nis der Befan­gen­heit aus­ge­löst
    hatte164.
    Eine teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung der Befan­gen­heits­re­ge­lun­gen
    im Lich­te der Wis­sen­schafts­frei­heit und des
    Selbst­er­gän­zungs­rechts der Fakul­tä­ten ist geboten165,
    159 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617 m. w. N.
    160 So Uni­ver­si­tät Bay­reuth (Leit­fa­den für Beru­fungs­ver­fah­ren
    vom 12.1.2016), BTU Cott­bus-Senf­ten­berg (Beru­fungs­ord­nung
    vom 11.4.2018), Uni­ver­si­tät Duis­burg-Essen (Beru­fungs­leit­fa­den
    vom 26.2.2020, Vor­ge­hens­wei­se C bei Besorg­nis der Befan­gen­heit
    gem. § 21 VwVfG, jedoch voll­stän­di­ger und dau­er­haf­ter
    Aus­schluss bei Vor­lie­gen von Grün­den gem. § 20 VwVfG), PH
    Hei­del­berg (Richt­li­nie zum Umgang mit Fra­gen der Befan­gen­heit
    in Beru­fungs­ver­fah­ren vom 17.7.2013), Uni­ver­si­tät Kiel (Sat­zung
    zur Durch­füh­rung von Beru­fungs­ver­fah­ren vom 2.2.2017, ein
    Mit­glied kann voll­stän­dig oder nur zeit­wei­se aus­ge­schlos­sen wer­den),
    Uni­ver­si­tät Pots­dam (Beru­fungs­ord­nung vom 20.10.2014 i.
    V. m. Beru­fungs­leit­fa­den, S. 6).
    161 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617.
    162 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617, ver­wen­den den Begriff
    der Vor­auswahl etwas anders und ver­ste­hen hier­un­ter eher
    den Schritt der Aus­wahl der ein­zu­la­den­den Bewer­be­rin­nen und
    Bewer­ber und nicht die ers­te Sich­tung.
    163 So Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    164 Vgl. auch Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617, die eine
    Rück­kehr als mög­lich anse­hen, wenn die die Besorg­nis aus­lö­sen­de
    Bewer­bung nicht in den Kreis der Ein­zu­la­den­den kommt.
    165 Wernsmann/Gatzka, DÖV 2017, S. 609, 617.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 5 1
    Eine gericht­li­che Ent­schei­dung zu der Vor­ge­hens­wei­se
    eines wegen „Weg­fall der Befangenheit“169 nur vor­über­ge­hen­den
    Aus­schlus­ses liegt – soweit ersicht­lich –
    bis­lang nicht vor170. Bis­lang sind die Gerich­te eher mit
    der Tat­be­stands­ebe­ne befasst und fol­gen hier sowohl
    den sat­zungs­recht­li­chen Vor­ga­ben der Hoch­schu­len als
    auch ihren Hand­rei­chun­gen und sons­ti­gen
    Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten.
    Nach Abwä­gung der kon­kur­rie­ren­den Rechts­gü­ter
    könn­te schon durch den Lan­des­ge­setz­ge­ber die Mög­lich­keit
    des Wie­der­ein­tritts in die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    für den Fall eröff­net wer­den, dass eine die Befan­gen­heit
    indi­zie­ren­de Bewer­bung nach der Vor­auswahl nicht
    wei­ter berück­sich­tigt wird. Jeden­falls könn­te der Lan­des­ge­setz­ge­ber
    für das Beru­fungs­ver­fah­ren an Hoch­schu­len
    spe­zi­el­le Rege­lun­gen zur Befan­gen­heit etwa im
    LVwVfG oder LHG tref­fen. Die Hoch­schu­len wären
    dann nicht mehr auf eine ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne
    Aus­le­gung des LVwVfG ange­wie­sen.
    V. Zusam­men­fas­sung
    In Beru­fungs­ver­fah­ren müs­sen die Beru­fungs­kom­mis­sio­nen
    recht­lich über­prüf­bar ent­schei­den, ob eines ihrer
    Mit­glie­der von Geset­zes wegen vom Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen
    ist oder wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit
    aus­zu­schlie­ßen ist. Der Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch
    garan­tiert, dass wirt­schaft­li­che Inter­es­sen, Ver­wandt­schaft
    oder Freund­schaft bzw. Feind­schaft und im Wis­sen­schafts­be­reich
    dar­über hin­aus ein – auch frü­he­res –
    aka­de­mi­sches Betreu­ungs­ver­hält­nis oder eine wis­sen­schaft­li­che
    Zusam­men­ar­beit oder Kon­kur­renz auf die
    Ent­schei­dung kei­nen Ein­fluss haben. Schon den bösen
    Schein gilt es zu ver­mei­den.
    Dabei muss ein Aus­gleich mit dem Fach­prin­zip erfol­gen:
    Das Prin­zip des neu­tra­len und unpar­tei­ischen
    Ver­fah­rens kon­kur­riert mit dem Prin­zip des fach­lich­dis­zi­pli­när
    kom­pe­ten­ten Ver­fah­rens zur Selbst­er­gän­zung
    der Fakul­tät. Es ist daher eben­falls sicher­zu­stel­len,
    um ein fai­res und trans­pa­ren­tes Aus­wahl­ver­fah­ren zu
    gewähr­leis­ten, ohne dabei die für die Bes­ten­aus­le­se
    recht­lich gebo­te­ne Fach­kun­de der eige­nen Hoch­schu­le
    über­mä­ßig zu beein­träch­ti­gen.
    Hin­sicht­lich von Kom­mis­sio­nen zur Eva­lu­ie­rung bei
    Ten­u­re-Track-Pro­fes­su­ren wird in der Lite­ra­tur eine
    Aus­le­gung in ähn­li­cher Wei­se für mög­lich erachtet166:
    Da das die Befan­gen­heits­re­geln nor­mie­ren­de (Lan­des-)
    VwVfG und das jewei­li­ge LHG gleich­ran­gi­ge Nor­men
    sei­en und sich hier „gegen­über­ste­hen“, sei­en die Befan­gen­heits­vor­schrif­ten
    im Lich­te der Auf­ga­be der Eva­lu­ie­rungs­kom­mis­si­on
    im Sin­ne prak­ti­scher Geset­zes­kon­kor­danz
    aus­zu­le­gen. Im Grund­satz wird eine sol­che
    teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on also für mög­lich und nötig
    gehal­ten.
    Nach alle­dem ist Vor­ge­hens­wei­se C – auf­grund der
    Auslegung167 von § 20 Abs. 4 Satz 4 VwVfG im Lich­te
    von Art. 5 Abs. 3 GG – ver­fas­sungs­recht­lich mög­lich und
    damit vor­zu­zie­hen.
    Die­se Vor­ge­hens­wei­se führt auch nicht zu einer tat­be­stand­li­chen
    Revi­die­rung der Fest­stel­lung der Befan­gen­heit,
    son­dern nur zu einer tem­po­rä­ren Beschrän­kung.
    Die Befan­gen­heit eines Kom­mis­si­ons­mit­glieds
    wird nur ange­nom­men solan­ge die Bewer­bung, wel­che
    zur Besorg­nis der Befan­gen­heit Anlass gibt, für die Beset­zung
    der Pro­fes­sur noch in Betracht kommt.
    Auch dass das Beru­fungs­ver­fah­ren beim Wie­der­ein­tritt
    bereits wei­ter fort­ge­schrit­ten ist, spricht nicht gegen
    die Vor­ge­hens­wei­se C, denn das Wis­sen wird über die
    erfor­der­li­che Doku­men­ta­ti­on der Kom­mis­si­ons­ar­beit
    weitergegeben168. Es ist nicht erfor­der­lich, dass sämt­li­che
    Kom­mis­si­ons­mit­glie­der an sämt­li­chen Sit­zun­gen
    und Bera­tun­gen teil­ge­nom­men haben. Unpro­ble­ma­tisch
    ist schließ­lich, dass das zeit­wei­se mit­wir­ken­de Ersatz­mit­glied
    (stell­ver­tre­ten­des Mit­glied) bei Wie­der­ein­tritt
    des zunächst aus­ge­schie­de­nen Mit­glieds wie­der die Rol­le
    des Ersatz- bzw. stell­ver­tre­ten­den Mit­glieds ein­nimmt.
    Das wäre bei zeit­wei­ser Ver­hin­de­rung eines Mit­glieds
    und des­sen Sit­zungs­ver­tre­tung nicht anders.
    166 Geis, OdW 2020, S. 23, 30, wenn­gleich der Spiel­raum beschränkt
    sei, da §§ 20 f. VwVfG „weit­hin unmit­tel­ba­rer Aus­fluss des
    Rechts­staats­prin­zip sind“.
    167 Aus­nah­men von der Anwen­dung der §§ 20 f. VwVfG bzw. von
    der Set­zung der Rechts­fol­ge durch Ver­zicht auf den ggf. auch nur
    vor­über­ge­hen­den Aus­schluss befan­ge­ner Amts­trä­ge­rin­nen und
    -trä­ger wer­den in Anwen­dung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes
    allen­falls dann als zuläs­sig erach­tet, wenn bei Wür­di­gung
    der Bedeu­tung der gesetz­li­chen Aus­schluss­re­ge­lung und unter
    Anle­gung eines stren­gen Maß­stabs kei­ne alter­na­ti­ve Ver­fah­rens­ge­stal­tung
    zumut­bar ist, vgl. dazu Kopp/Ramsauer, VwVfG
    § 20 Rn. 61 f. D. h. im Fal­le eines befan­ge­nen Mit­glieds einer
    Beru­fungs­kom­mis­si­on müss­te im Streit­fall der Nach­weis geführt
    wer­den, dass das Beru­fungs­ver­fah­ren andern­falls man­gels einer
    ord­nungs­ge­mäß besetz­ten Kom­mis­si­on nicht durch­führ­bar
    gewe­sen wäre.
    168 OVG RhPf, Beschl. v. 28.9.2007, 2 B 10825/07, Rn. 10 – juris: „Eine
    lücken­lo­se Anwe­sen­heit sämt­li­cher Kom­mis­si­ons­mit­glie­der
    wäh­rend aller Ver­fah­rens­schrit­te kann näm­lich nicht ver­langt
    wer­den. Dies gilt auch im Hin­blick auf Vor­trä­ge von Lehr­stuhl­be­wer­bern.“
    169 Geis, OdW 2020, S. 23, 28.
    170 Vgl. auch VG Ans­bach, B 16.8.2016, AN 2 E 16.00307, das die
    Fra­ge offen­lässt. Auch Burgi/Hagen, OdW 2021, S. 1, erken­nen
    hier­zu kei­ne ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung. Das VG Ber­lin, B
    15.12.2017, 5 L 315/17, Rn. 18 – juris, zitiert Vor­ge­hens­wei­se B, ohne
    sie zu kri­ti­sie­ren. Das VG Pots­dam, B 7.10.2020, 13 L 354/20, hat
    die Vor­ge­hens­wei­se B abge­lehnt, weil die Beru­fungs­kom­mis­si­on
    an die im Beru­fungs­leit­fa­den der Uni­ver­si­tät beschrie­be­ne
    Vor­ge­hens­wei­se gebun­den sei und die­se der Vor­ge­hens­wei­se C
    ent­spre­che.
    2 5 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4
    dass die fach­li­che Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve bei der
    fach­lich-dis­zi­pli­när kom­pe­tent zusam­men­ge­setz­ten Beru­fungs­kom­mis­si­on
    liegt.
    Im Ergeb­nis ist der Lan­des­ge­setz­ge­ber gefor­dert, eine
    ent­spre­chen­de gesetz­li­che Rege­lung zu schaf­fen. Andern­falls
    sind die Hoch­schu­len gefor­dert, das Beru­fungs­ver­fah­ren
    in ihren Beru­fungs­ord­nun­gen ent­spre­chend
    aus­zu­ge­stal­ten. Jeden­falls müs­sen die Hoch­schu­len
    die gesetz­li­chen Rege­lun­gen bei ihrer Anwen­dung
    ver­fas­sungs­kon­form dahin­ge­hend aus­le­gen, dass zwar
    bei der gesam­ten Vor­auswahl (ers­ten Sich­tung) der Bewer­bun­gen
    Per­so­nen, deren Befan­gen­heit zu besor­gen
    ist, nicht mit­wir­ken, eine Mit­wir­kung der fach­lich-dis­zi­pli­när
    kom­pe­ten­ten Mit­glie­der einer Beru­fungs­kom­mis­si­on
    bei der wei­te­ren Aus­wahl aber dann wie­der mög­lich
    ist, wenn die die Befan­gen­heit aus­lö­sen­de Bewer­bung
    nach der Vor­auswahl nicht wei­ter berück­sich­tigt wird.
    Mathi­as Neu­kir­chen ist Direc­tor Aca­de­mic Ser­vice des
    Euro­pean Uni­ver­si­ty Insti­tu­te in Flo­renz. Eti­en­ne Emmrich
    ist Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin
    und Dekan der Fakul­tät II – Mathe­ma­tik und Natur­wis­sen­schaf­ten.
    Hen­drik Büg­geln ist Kanz­ler der Päd­ago­gi­schen
    Hoch­schu­le Frei­burg. Der vor­lie­gen­de Bei­trag
    gibt allein die Mei­nung und Auf­fas­sung der Autoren
    wie­der.
    Neukirchen/Emmrich/Büggeln · Befan­gen­heit im Beru­fungs­ver­fah­ren 2 5 3
    2 5 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 3 5 — 2 5 4