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Der Autor Peter-André Alt ist Pro­fes­sor für neue­re deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin und der­zei­ti­ger Prä­si­dent der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz, zusätz­lich aus­ge­wie­sen auch durch frü­he­re uni­ver­si­tä­re Lei­tungs­äm­ter als Insti­tuts­di­rek­tor und Dekan.
Wer ein in der Wol­le gefärb­ter Hoch­schul­mensch ist, der wird von sei­nem Buch „Exzel­lent!? Zur Lage der deut­schen Universität“1 gefes­selt, weil man sich die­ser viel­schich­ti­gen Aus­leuch­tung der deut­schen uni­ver­si­tä­ren Welt in jün­ge­rer Geschich­te und Gegen­wart eben­so wenig ent­zie­hen kann wie den Vor­schlä­gen des Autors für Gestal­tungs­po­ten­tia­le der zukünf­ti­gen Uni­ver­si­tät. Das Buch nimmt die Leser mit auf eine gro­ße Fahrt und for­dert sie prak­tisch auf jeder Sei­te her­aus, die eige­nen Posi­tio­nen mit denen des Autors abzu­glei­chen, wobei man bei der erkenn­ba­ren Red­lich­keit des Autors ver­mu­ten möch­te, dass ihm kri­ti­sche Refle­xio­nen genau­so will­kom­men sind, wie zustim­men­de.
Von den vie­len Beob­ach­tun­gen, Erkennt­nis­sen und Vor­schlä­gen ganz abge­se­hen, ist Peter-André Alt schon sti­lis­tisch ein Meis­ter­werk geglückt. In einer fast atem­be­rau­ben­den Ver­dich­tung gelingt es ihm auf 264 Sei­ten den Kos­mos der deut­schen Uni­ver­si­tät in ihrer Geschich­te seit den 1960-Jah­ren, in ihrer der­zei­ti­gen Ver­fasst­heit und mit einer Ein­schät­zung der zukünf­ti­gen Chan­cen und Risi­ken zu durch­ei­len. Das Buch liest sich auch da ele­gant und flüs­sig, wo Alt kom­ple­xe Abläu­fe und Wir­kungs­me­cha­nis­men in hoch­kom­pri­mier­ter Dar­stel­lung gleich­sam dia­gnos­tisch aus­leuch­tet.
Dia­gno­se ist ein wei­te­res Stich­wort, das der Rezen­sent in die­se Vor­be­mer­kung ein­brin­gen möch­te. Es ist der Blick eines Wis­sen­schaft­lers, der gewis­ser­ma­ßen mit tie­fen­psy­cho­lo­gi­scher Metho­de die „Wesen­heit“ der Uni­ver­si­tät in der Form einer klas­si­schen Explo­ra­ti­on zuerst in ihrer jün­ge­ren Ent­wick­lungs­ge­schich­te auf­blät­tert, dar­aus in ana­ly­ti­scher Metho­de einen kon­zep­tio­nel­len, orga­ni­sa­to­ri­schen, aber vor allem auch men­ta­len Befund ablei­tet und im drit­ten Teil dem unter­such­ten Wesen Uni­ver­si­tät Vor­schlä­ge für eine erfolg­rei­che Ent­wick­lung auf den Weg gibt, wobei die Poten­tia­le, die schon vor­han­den sind, bes­ser aus­ge­schöpft wer­den soll­ten.
Für die eili­gen Leser, die den nach­fol­gen­den fik­ti­ven Dia­log für ent­behr­lich hal­ten, sei hier der Ver­such gemacht, einen the­ma­ti­schen Über­blick über das Werk von Peter-André Alt zu skiz­zie­ren.
Das Buch spannt in sei­nem ers­ten Teil den gro­ßen Bogen des per­ma­nen­ten Reform­ge­sche­hens aus­ge­hend von der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät der frü­hen Nach­kriegs­jah­re über den uni­ver­si­tä­ren Infarkt der 68-Jah­re hin zur Gre­mi­en­uni­ver­si­tät und von dort aus zu den ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen der Neo­li­be­ra­len Uni­ver­si­tät.
In die Lis­te der gro­ßen The­men die­ser Umbrü­che, bei dem im Dom der Weis­heit – über­spitzt gesagt – kein Stein mehr auf dem ande­ren blieb, gehört der men­ta­le und orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tur­wan­del, bei dem die ursprüng­lich fast unbe­schränk­te Hoheit der Ordi­na­ri­en durch die Ver­än­de­rung der Gewich­te inner­halb der Sta­tus­grup­pen und spä­ter in meh­re­ren wei­te­ren Schrit­ten durch die Umset­zung einer neue­ren Steue­rungs­phi­lo­so­phie und durch die Ein­füh­rung neu­er Lei­tungs­struk­tu­ren abge­löst wur­de. Wäh­rend der Umbruch von der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät zur Gre­mi­en­uni­ver­si­tät stark von einer von außen kom­men­den ideo­lo­gisch-zeit­geist­li­chen Ein­wir­kung geprägt war und im wis­sen­schaft­li­chen Sinn kei­nen erfolg­rei­chen Reform­pro­zess dar­stellt, grei­fen die Viel­zahl der Reform­schrit­te der von Alt so bezeich­ne­ten Neo­li­be­ra­len Uni­ver­si­tät tief in die Fra­ge der Wis­sen­schafts­ad­äquanz ein. Im Mit­tel­punkt steht die viel­fach umstrit­te­ne Fra­ge, wie die Anti­no­mie von Wis­sen­schafts­frei­heit und Steue­rung im Sin­ne einer effi­zi­en­ten und inno­va­ti­ven Wis­sen­schaft zu lösen ist. Alt brei­tet das gesam­te Spiel­feld des „New Public Manage­ments“ aus, wobei er die wich­ti­gen Instru­men­te der neu­en Steue­rung, u.a. Kenn­zah­len, Eva­lua­ti­on, Dritt­mit­tel­be­loh­nung, Ziel­ver­ein­ba­run­gen usw. in durch­aus dia­lek­ti­scher Form begut­ach­tet, also Vor­zü­ge und Risi­ken benennt. Die Dritt­mit­tel­the­ma­tik ver­knüpft Alt mit der Situa­ti­on des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses, der häu­fig auf befris­te­ten Dritt­mit­tel­stel­len arbei­tet. Ins­ge­samt räumt Alt in sei­nem Buch der schwie­ri­gen Situa­ti­on des wis­sen­Jür­gen
Heß
Gefes­selt vom Kos­mos der Uni­ver­si­tät. Ein fik­ti­ver Dia­log mit Peter-André Alt über sein Buch
Exzel­lent!? Zur Lage der deut­schen Uni­ver­si­tät
1 C.H.Beck, Mün­chen 2021, 297 Sei­ten.
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2022, ISSN 2197–9197
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schaft­li­chen Nach­wuch­ses im Span­nungs­feld zwi­schen
Wis­sen­schafts­in­no­va­ti­on und der mit befris­te­ten Stel­len
ver­bun­de­nen Exis­tenz­sor­gen einen brei­ten Raum ein
und votiert für eine Reduk­ti­on der befris­te­ten zuguns­ten
von unbe­fris­te­ten Stel­len. Im Ergeb­nis sieht Alt die wett­be­werb­li­che
Aus­ge­stal­tung der Neo­li­be­ra­len Uni­ver­si­tät
als wich­tig und über­wie­gend rich­tig an, weist aber auch
in sei­ner durch­gän­gig abwä­gen­den Form auf die Nach­tei­le
und Risi­ken der neu­en Steue­rungs­in­stru­men­te hin.
In die­se Über­sicht ist die von Alt als zen­tral erach­te­te
Fra­ge auf­zu­neh­men, was von der Hum­boldt­schen Uni­ver­si­täts­idee
noch übrig ist bzw. wel­che Ele­men­te die­ser
Idee heu­te erneut frucht­bar gemacht wer­den kön­nen. Im
drit­ten Teil unter­brei­tet Alt dazu Gestal­tungs­vor­schlä­ge,
wobei er unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven wie etwa den
Blick auf die Fach­hoch­schu­len und einen Ver­gleich mit
den US-ame­ri­ka­ni­schen und eng­li­schen Eli­te­uni­ver­si­tä­ten
dar­stellt. Unter dem Begriff „Mul­ti­ver­si­tät“ spricht
Alt ein star­kes Plä­doy­er für das For­mat der Viel­falt durch
die Kraft unter­schied­li­cher Denk­hal­tun­gen aus, etwa
durch Errei­chen einer Balan­ce unter­schied­li­cher Inter­es­sen
und das Pro­duk­tiv­ma­chen von Gegen­sät­zen.
Um nicht – bei her­kömm­li­chen Rezen­sio­nen fast unver­meid­lich
– an der Ober­flä­che zu blei­ben wählt der
Rezen­sent den Weg eines fik­ti­ven Dia­logs. Die­ser soll
über Zustim­mung und Kri­tik hin­aus zusätz­lich Per­spek­ti­ven
zur Dis­kus­si­on stel­len und in eini­gen Fäl­len Lücken
schlie­ßen.
Wenn ich, sehr geehr­ter Herr Alt – qua­si in klas­sisch­pla­to­ni­scher
Tra­di­ti­on – die Form eines fik­ti­ven Dia­logs
wäh­le, so möge dar­in zum Aus­druck kom­men, dass Ihr
Buch, ver­mut­lich von Ihnen so gewollt, prak­tisch an jeder
Stel­le zum gedank­li­chen Dis­put auf­for­dert.
Ich fol­ge ger­ne dem Pfad Ihrer Dar­stel­lung, möch­te
aber auf eini­ge wesent­li­che Gesichts­punk­te hin­wei­sen,
die ich in Ihrem Buch nicht oder nicht hin­rei­chend deut­lich
gefun­den habe. Viel­leicht lässt sich durch die­sen Dia­log
ja auch ein gewis­ser Mehr­wert gene­rie­ren.
Zu einem Dia­log gehört, dass sich der nicht bekann­te
Dia­log­part­ner vor­stellt. Dies geschieht hier aus­schließ­lich
zu dem Zweck, dass die wech­sel­sei­ti­gen Beob­ach­tungs­per­spek­ti­ven
ver­gleich­bar gemacht wer­den.
Mei­ne Aus­sichts­platt­form (etwas tie­fer als Ihre) ist die
eines Zeit­zeu­gen der Hoch­schul­ent­wick­lung in unter­schied­li­chen
Funk­tio­nen. Mein per­sön­li­cher Beob­ach­tungs­zeit­raum
umfasst ähn­lich wie Ihrer ein hal­bes Jahr­hun­dert.
In der ers­ten Pha­se mei­nes 1964 begin­nen­den
Jura­stu­di­ums war ich stu­den­ti­sches Mit­glied im aka­de­mi­schen
Senat der Uni­ver­si­tät Tübin­gen und habe die
dama­li­ge dra­ma­ti­sche Ver­än­de­rung der uni­ver­si­tä­ren
Welt haut­nah erlebt. Das galt auch für die sich dar­an anschlie­ßen­de
Zeit als Assis­tent. Über Sta­tio­nen im Bankund
Jus­tiz­be­reich war ich seit 1981 prak­tisch durch­gän­gig
im Hoch­schul­be­reich tätig u.a. Kanz­ler einer klei­nen
Neu­grün­dung und danach einer gro­ßen und alten Uni­ver­si­tät
und zuletzt in einer kür­ze­ren Pha­se als Gene­ral­se­kre­tär
der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz. Nach der Been­di­gung
mei­ner haupt­amt­li­chen Funk­tio­nen wid­me­te
ich mich der Eta­blie­rung des Wis­sen­schafts­ma­nage­ments
als aka­de­mi­sches Fach an unter­schied­li­chen
Orten.
Wie Sie sehen haben wir vie­le par­al­le­le – wenn auch
etwas zeit­ver­scho­be­ne – uni­ver­si­tä­re Erfah­run­gen, wobei
ich mich mit mei­nen Dis­kus­si­ons­punk­ten auf den
Zeit­raum bis ins ers­te Jahr­zehnt die­ses Jahr­hun­derts bezie­he.
Die von mir hier zur Dis­kus­si­on gestell­ten The­men­fel­der
fol­gen weit­ge­hend, aber nicht immer, der
Glie­de­rung Ihres Buches.
(1.) Mei­ne ers­te Über­le­gung wird Sie nicht über­ra­schen.
Der Titel „Exzel­lent !?“ ist offen­kun­dig eine iro­ni­sche
Zuspit­zung. Der Begriff ver­bun­den mit den Satz­zei­chen
ist natür­lich geni­al gewählt, um gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit
zu erzeu­gen, zumal der Begriff der Exzel­lenz­in­itia­ti­ve
ja zumin­dest im uni­ver­si­tä­ren Bereich in
aller Mun­de ist. Da Ihr Buch aber alle deut­schen Uni­ver­si­tä­ten
in den Blick nimmt, die ja bekannt­lich sehr ver­schie­den
sind, galt die frü­he­re – teil­wei­se gesetz­lich ver­an­ker­te
– Fik­ti­on, dass alle gleich gut sind, noch nie. Auf
einer Ska­la unter­schied­li­cher Qua­li­tä­ten kann die äußers­te
Stei­ge­rung „exzel­lent“, wenn über­haupt, nur für
eini­ge weni­ge in Betracht kom­men. Daher kann man als
Fest­stel­lung den Begriff exzel­lent auf alle deut­schen Uni­ver­si­tä­ten
bezo­gen schon aus logi­schen Grün­den so
nicht ste­hen las­sen. Das gilt sicher noch mehr für die
Aus­ru­fe­zei­chen-/Fra­ge­form. Ich erwäh­ne das auch des­halb,
weil der Ver­such der Bun­des­re­gie­rung durch die
Exzel­lenz­in­itia­ti­ve eini­ge Uni­ver­si­tä­ten an die Spit­zen­uni­ver­si­tä­ten
in USA und Eng­land näher her­an­zu­füh­ren,
bei vie­len Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren höchst
unter­schied­lich, viel­fach sehr kri­tisch beur­teilt wird.
Los­ge­löst von die­ser Ein­schrän­kung ist die Über­schrift
sicher geeig­net, neu­gie­ri­ge Leser anzu­zie­hen. Eine gewis­se
iro­ni­sche Pro­vo­ka­ti­on darf sein.
(2.)Sie ent­wi­ckeln den Aus­gangs­punkt des Reform­ge­sche­hens
völ­lig zu Recht mit einer aus­führ­li­chen Wür­di­gung
der über­aus wich­ti­gen Stu­di­en von Schelsky
(1963) , Picht (1964) und Dah­ren­dorf (1965), die mit unter­schied­li­cher
Akzent­set­zung gra­vie­ren­de Män­gel im
Bil­dungs­be­reich all­ge­mein und im uni­ver­si­tä­ren Bereich
im Beson­de­ren iden­ti­fi­ziert haben. Frei­lich sind aus mei­Heß
· Gefes­selt vom Kos­mos der Uni­ver­si­tät 2 2 7
ner Sicht mit deren Argu­men­ten die schwer­wie­gen­den
Defi­zi­te (ich ver­mei­de das Picht’sche Wort Kata­stro­phe)
der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät nur unzu­rei­chend beschrie­ben.
Ich muss an die­ser Stel­le mei­ne eige­ne Ver­klä­rung
getra­gen von der Bewun­de­rung her­vor­ra­gen­der pro­fes­so­ra­ler
Leh­rer, von deren Wis­sen ich heu­te noch zeh­re,
aus­blen­den, weil die­se Ver­klä­rung den Blick dafür ver­stellt,
dass die Stel­lung und mehr noch die Men­ta­li­tät der
Pro­fes­so­ren (Pro­fes­so­rin­nen habe ich selbst damals nicht
erlebt) in nicht uner­heb­li­cher Wei­se dazu bei­getra­gen
haben, dass die gut begrün­de­ten Reform­vor­schlä­ge von
der Poli­tik und den Uni­ver­stä­ten nicht hin­rei­chend ernst
genom­men und auf gewis­se Wei­se von dem Cha­os der
68er-Bewe­gung über­rollt wur­den.
Die Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät war in zwei­fa­cher Hin­sicht
irgend­wie aus der dama­li­gen Zeit gefal­len oder bes­ser
gesagt, nicht in die Nach­kriegs­ge­gen­wart, bei der es
auch um den Auf­bau eines neu­en Gesell­schafts­bil­des
ging, hin­ein­ge­wach­sen.
Sie hat­te auf gewis­se Wei­se eine aris­to­kra­ti­sche Prä­gung.
Die Ordi­na­ri­en ver­stan­den sich als Herr­scher ihrer
Kor­po­ra­ti­on Uni­ver­si­tät, ver­tei­dig­ten mit gro­ßem
Ein­satz ihre Erb­hö­fe, akzep­tier­ten kei­ne über­ge­ord­ne­te
Instanz und hat­ten zumin­dest im geis­tes- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen
Bereich nur gerin­ge Nei­gung zu wis­sen­schaft­li­cher
Koope­ra­ti­on mit Kol­le­gen, um etwa gemein­sa­me
Pro­jek­te auf den Weg zu brin­gen. Ins­be­son­de­re inter­pre­tier­ten
sie das Grund­recht auf wis­sen­schaft­li­che
Frei­heit sehr indi­vi­du­ell und höchst unter­schied­lich ent­spre­chend
ihrem ganz per­sön­li­chen Lebens­plan. Die von
mir erwähn­ten hoch­ge­schätz­ten Pro­fes­so­ren enga­gier­ten
sich in der Leh­re, ande­re setz­ten allein auf die eine
hohe Repu­ta­ti­on gewähr­leis­ten­de For­schung und weni­ger
auf die Leh­re. Stell­ver­tre­tend dafür erwäh­ne ich einen
Pro­fes­sor, des­sen über­ra­gen­de Gelehrt­heit ich erst
spä­ter erkann­te, der aber bei sei­nen Vor­le­sun­gen inner­halb
von drei Vor­le­sungs­ter­mi­nen das zunächst rand­vol­le
Audi­max bis auf drei ver­blei­ben­de Stu­die­ren­de leer­te
und mit dem klei­nen Kreis dann statt Vor­le­sung zu hal­ten
ins nahe gele­ge­ne Café ging. War­um erwäh­ne ich
das? Es gab kei­ne Instanz oder Auf­sicht, die bereit war
Fäl­le von offen­kun­dig feh­ler­haf­ter Amts­aus­übung zu rügen
bzw. Män­gel zu behe­ben. Bei einem feu­da­lis­ti­schen
Chor­geist ist eine Inter­ven­ti­on von höhe­rer Stel­le
schlicht nicht vor­ge­se­hen. Es hat den Kreis der Gelehr­ten
im mei­nem Fach offen­bar auch nicht gestört, dass
der Groß­teil der Jura-Stu­die­ren­den mit einem recht hohen
finan­zi­el­len Auf­wand sich beim Repe­ti­tor das Wis­sen
hol­te, das die Fakul­tät hät­te ver­mit­teln sol­len. Zudem
lag der Anteil der Stu­di­en­an­fän­ger, der nach Able­gung
der bei­den Staats­exami­na für juris­ti­sche Beru­fe
qua­li­fi­ziert war, bei ca. 20% – 25%. In ande­ren geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen
Fächern war die Abbre­cher­quo­te noch
höher. Kein Unter­neh­men der Welt wäre lebens­fä­hig,
wenn nur ein Vier­tel des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses letzt­lich
markt­fä­hig ist. Die­se bizar­re Situa­ti­on hat aber offen­bar
nie­man­den gestört, weder die Uni­ver­si­tät noch die Poli­tik.
Die Uni­ver­si­tä­ten waren ähn­lich wie (bis in die
jüngs­te Ver­gan­gen­heit) die Kir­chen prak­tisch
unan­tast­bar.
Ein zwei­ter Punkt gehört zu einer rück­bli­cken­den
Bewer­tung der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät dazu. Sie hat offen­bar
in einer in der Vor­kriegs­zeit petri­fi­zier­ten Form
den poli­ti­schen Unter­gang und den – zumin­dest äuße­ren
– gesell­schaft­li­chen Wan­del gewis­ser­ma­ßen unter­tun­nelt
und zunächst ohne Selbst­re­fle­xi­on kei­nen grund­le­gen­den
Ände­rungs­be­darf gese­hen. Was die Aus­ein­an­der­set­zung
mit der Ver­gan­gen­heit angeht, so muss man
fächer­über­grei­fend sicher zu dif­fe­ren­zie­ren­den Beur­tei­lun­gen
kom­men. Vie­le hoch­enga­gier­te Gelehr­te haben
sich in vor­bild­li­cher Wei­se um den Auf­bau der demo­kra­ti­schen
Gesell­schaft ver­dient gemacht. Frei­lich ist bedrü­ckend,
dass – nicht nur aber vor allem in der Juris­pru­denz
– zahl­rei­che hoch­an­ge­se­he­ne Pro­fes­so­ren im Zuge
des poli­ti­schen Zusam­men­bruchs schlicht­weg einen Gedächt­nis­in­farkt
erlit­ten und sich nicht mehr an ihr völ­lig
ande­res Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis in ihren Publi­ka­tio­nen
vor 1945 erin­nern konn­ten. Der Geist der frü­he­ren
Zeit weh­te in sub­ti­ler Form bis weit in die 60-er Jah­re hin­ein.
Das ist natür­lich auch den Stu­die­ren­den nicht ganz
ver­bor­gen geblie­ben. Als Bei­spiel nen­ne ich hier nur die
Äuße­rung eines Pro­fes­sors, der in den Hör­saal schau­end
eine zah­len­mä­ßi­ge Min­der­heit von jun­gen Frau­en sah
und mein­te, er bedau­re, dass nun Frau­en den Män­nern
ihre zukünf­ti­gen Arbeits­plät­ze neh­men. Schwe­rer als ein
sol­ches Bei­spiel wiegt die Tat­sa­che, dass der Dom der
Weis­heit die­sen uner­freu­li­chen Teil sei­ner Geschich­te
nie auf­ge­ar­bei­tet, son­dern in den Bereich des kol­lek­ti­ven
Ver­ges­sens ver­drängt hat. Dies war sicher nicht die ein­zi­ge
aber doch eine nicht ganz uner­heb­li­che Ursa­che dafür,
dass sich die 68-er-Tsu­na­mi­wel­le auf­bau­en konn­te.
(3.)Den Unter­gang der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät im Exzess
des 68er-Sturms und den Weg in die Ver­elen­dung in
Gestalt der Gre­mi­en­uni­ver­si­tät kann man nicht bes­ser
beschrei­ben als Sie das getan haben. Wenn man hier das
Wort Reform ver­wen­det, so allen­falls im Sin­ne der Kern­idee
der Nibe­lun­gen-Sage, wonach man erst eine alte
Welt zer­stö­ren muss, um spä­ter eine neue auf­zu­bau­en.
Das ist für die­je­ni­gen, zu denen ich gehör­te, kein Trost,
die erle­ben muss­ten, dass vie­le Lehr­ver­an­stal­tun­gen mit
mas­si­ver Gewalt auch kör­per­li­cher Art gesprengt wur­den.
Die ehe­mals stol­ze aka­de­mi­sche Eli­te setz­te der
Ran­da­le, die gesell­schafts­po­li­tisch moti­viert und auch
von außen befeu­ert war, wenig Wider­stand ent­ge­gen.
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Das hät­te sie ohne poli­zei­li­che Hil­fe (die meist von der
Uni­ver­si­täts­lei­tung abge­lehnt wur­de) wohl auch nicht
kön­nen. Der Dom der Weis­heit wur­de zu einem wür­de­lo­sen
Toll­haus und Ihre Kri­tik, sehr geehr­ter Herr Alt, an
den Prot­ago­nis­ten die­ser ‚Bewe­gung‘, die offen­bar von
eini­gen Rezen­sen­ten als völ­lig über­zo­gen ange­se­hen
wird, geht völ­lig in Ord­nung. Frei­lich schließt Ihre berech­tig­te
und deut­li­che Kri­tik nicht aus, dass man Ursa­chen
iden­ti­fi­zie­ren muss, die es brauch­te, um eine sol­che
Erup­ti­on zu bewir­ken. Von dem aris­to­kra­ti­schen Ges­tus
vie­ler Gelehr­ter war schon die Rede, auch von einer
nicht auf­ge­ar­bei­te­ten Ver­gan­gen­heit. Als zusätz­li­che Ursa­che
möch­te ich die The­se anbie­ten, dass ein gro­ßer Teil
der Pro­fes­so­ren­schaft nicht über sei­ne Ver­ant­wor­tung
und nicht über sei­nen Stand­ort in der Gesell­schaft und
über sei­ne Bezie­hung zur Außen­welt reflek­tiert hat. Er
hat ver­kannt, dass das wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten zwar
immer frei von poli­ti­schen Ein­flüs­sen sein muss, dass
aber die Uni­ver­si­tät als Insti­tu­ti­on Teil der Gesell­schaft
und damit auch Teil eines gesamt­po­li­ti­schen Rau­mes ist.
Das abge­grenz­te Eigen­le­ben (Elfen­bein­turm!) ist der
Uni­ver­si­tät in den ‚68-Jah­ren‘ auf die Füße gefal­len, ähn­lich
wie das heu­te in gewis­ser Wei­se auch der Kir­che geschieht
(vie­le Uni­ver­si­tä­ten haben danach aus die­ser Erfah­rung
gelernt und zahl­rei­che Brü­cken vom Cam­pus in
die Gesell­schaft geschla­gen).
Von der Läh­mung durch den 68er-Schock in die häu­fig
frucht­lo­sen Debat­ten­or­gi­en der Gre­mi­en­uni­ver­si­tät
war es kein wei­ter Weg. Auch hier tut man sich schwer
von einer Reform zu spre­chen. Ganz sicher war es für
das wis­sen­schaft­li­che Wir­ken kei­ne erfolg­rei­che Reform.
Man kann der Gre­mi­en­uni­ver­si­tät allen­falls inso­fern etwas
Posi­ti­ves abge­win­nen, als in einem zähen und stu­fen­wei­sen
Pro­zess (mit gericht­li­cher Hil­fe) am Ende eine
gewis­se Balan­ce der Sta­tus­grup­pen erreicht wur­de.
(4.) Mit dem wei­te­ren Ver­lauf Ihrer Dar­stel­lung der
Reform­ge­schich­te habe ich gewis­se Pro­ble­me, nicht was
Ihre im Kern posi­ti­ve Bewer­tung der Ent­wick­lung angeht,
son­dern in Bezug auf Zusam­men­hän­ge, die zu einem
neu­en Uni­ver­si­täts­ty­pus geführt haben. Sie beschrei­ben
ihn mit dem Begriff ‚Neo­li­be­ra­le Uni­ver­si­tät‘.
Ich fin­de die Ver­än­de­rung der Bezie­hung der staat­li­chen
Sei­te zur Uni­ver­si­tät nicht aus­rei­chend beleuch­tet (dazu
unten Ziff. 5), auch sehe ich den Begriff ‚Neo­li­be­ra­le
Uni­ver­si­tät‘ als pro­ble­ma­tisch an (dazu unten Ziff. 6)
und ver­mis­se ein­zel­ne Bau­stei­ne der neu­en Uni­ver­si­täts­welt,
die ich für wich­tig hal­te (dazu unten Ziff. 7), auch
sol­che, die nach einem kurz­fris­ti­gen Dasein geschei­tert
sind (dazu unten Ziff. 12).
(5.) Ihre im Übri­gen glän­zen­de Beschrei­bung der
gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, die mit der Umge­stal­tung
bzw. Neu­grün­dung von Uni­ver­si­tä­ten in der ehe­ma­li­gen
DDR nach der Wen­de ver­bun­den waren, erweckt den
Ein­druck, dass es bei dem Reform­ge­sche­hen der Uni­ver­si­tä­ten
im Wes­ten bis in die 90-er Jah­re hin­ein einen
Still­stand gab und die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Neue­rungs­be­darf
im Osten die ent­schei­den­de Schub­kraft für
eine Reform der Uni­ver­si­tä­ten im Wes­ten aus­lös­te. Das
kann ich zumin­dest aus süd­west­deut­scher Sicht nicht so
ste­hen las­sen. Frei­lich muss ich dazu mit Blick auf das
Steue­rungs­sys­tem der Uni­ver­si­tät eine Ebe­ne ein­zie­hen,
die ich offen gestan­den als Aus­gangs­punkt des danach
fol­gen­den Refor­men­bün­dels in Ihrer Dar­stel­lung nicht
behan­delt sehe, näm­lich die schritt­wei­se und am Ende
weit­rei­chen­de Reduk­ti­on des staat­li­chen Ein­wir­kungs­po­ten­ti­als.
Für mich ste­hen alle neu­en Steue­rungs­in­stru­men­te
und Lei­tungs­struk­tu­ren unter der gro­ßen Über­schrift:
Der Rück­zug des Staa­tes aus der Steue­rung der
Uni­ver­si­tät. Zumin­dest im Lan­de Baden-Würt­tem­berg,
das damals in die­ser Fra­ge eine Vor­rei­ter­rol­le ein­nahm,
gab es seit Beginn der 80-er Jah­re ein zähes Rin­gen um
eine Ver­la­ge­rung der Steue­rungs­kom­pe­tenz von der
staat­li­chen Ebe­ne auf die Ebe­ne der Uni­ver­si­tät. Das haben
natür­lich die Admi­nis­tra­to­ren und vor allem die
Kanz­le­rin­nen und Kanz­ler viel stär­ker gespürt als die
Wis­sen­schaft. Um das zu erläu­tern muss ich his­to­risch
etwas aus­ho­len. Die deut­sche Uni­ver­si­tät hat seit den berühm­ten
Refor­men am Anfang des 19. Jahr­hun­derts einen
Son­der­weg in der uni­ver­si­tä­ren Ver­fasst­heit beschrit­ten,
näm­lich das Kon­strukt der soge­nann­ten janus­köp­fi­gen
Uni­ver­si­tät. Ver­kürzt bedeu­tet die­ser Begriff,
dass die Uni­ver­si­tät die Hoheit über die wis­sen­schaft­li­chen
Ange­le­gen­hei­ten und der Staat die Auf­sicht in allen
admi­nis­tra­ti­ven Fra­gen hat. Zur Zeit der Ein­rich­tung
die­ser Struk­tur war das ein Befrei­ungs­schlag für die Wis­sen­schaft,
in mei­ner Amts­zeit als Uni­ver­si­täts­kanz­ler
habe ich die Kehr­sei­te des Modells erfah­ren. Die Idee,
dass Wis­sen­schaft von Admi­nis­tra­ti­on, also ins­be­son­de­re
von finan­zi­el­len Res­sour­cen, getrennt wer­den kann,
ist unhalt­bar. Fast alle wis­sen­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen
(beson­ders im Beru­fungs­be­reich) hän­gen in hohem
Maße von der Ver­füg­bar­keit von Res­sour­cen ab. Die
Auf­stel­lung des Haus­halts­plans, der zweck­ge­bun­de­ne
Geld­töpf­chen und funk­ti­ons­be­stimm­te Plan­stel­len aus­wies,
war der mäch­ti­ge Hebel des Staa­tes. Klein­tei­li­ge
büro­kra­ti­sche Regeln eng­ten die beschränk­ten Spiel­räu­me
noch wei­ter ein. Ande­re Fel­der staat­li­cher Ein­wir­kung
(z.B. Ein­grif­fe in das Beru­fungs­ver­fah­ren durch
Ver­än­de­rung der Beru­fungs­lis­te) las­se ich hier weg, da
eine ent­spre­chen­de Ver­tie­fung hier nicht geleis­tet wer­de
kann.
Heß · Gefes­selt vom Kos­mos der Uni­ver­si­tät 2 2 9
In anfangs zähen, spä­ter zuneh­mend koope­ra­ti­ven
Gesprä­chen mit der minis­te­ri­el­len Sei­te haben die Uni­ver­si­tä­ten
Schritt für Schritt ihre Haus­hal­te fle­xi­bi­li­sie­ren
kön­nen, sich zuneh­mend einem Glo­bal­haus­halt nähernd.
Jeder ein­zel­ne Schritt war eine Kom­pe­tenz­ver­la­ge­rung
und damit ein Reform­schritt im Sin­ne einer grö­ße­ren
Hand­lungs­frei­heit der Uni­ver­si­tät. Ab einem
bestimm­ten Zeit­punkt wur­de die vom Staat ein­ge­räum­te
„Bein­frei­heit“ mit Ziel­ver­ein­ba­run­gen ver­bun­den, die
dann noch­mal unter der Grup­pe der neu­en Steue­rungs­in­stru­men­te
zu dis­ku­tie­ren sind.
Es kann also fest­ge­hal­ten wer­den, dass ab den 80-er
Jah­ren ein (nicht nur) aber haupt­säch­lich finanz­be­zo­ge­nes
sub­stan­ti­el­les Reform­ge­sche­hen (län­der­un­ter­schied­lich)
statt­fand, wel­ches die Grund­la­ge und die Vor­aus­set­zung
für die spä­te­re Ein­füh­rung von For­men des
‚New Public Manage­ments‘ bil­de­te. Ich sehe in dem
Rück­zug des Staa­tes den alles ande­re über­ra­gen­den
Struk­tur­wan­del der soge­nann­ten per­ma­nen­ten Reform
mit ihren zahl­rei­chen aus­dif­fe­ren­zier­ten
Reform­mo­du­len.
(6.) Sie befas­sen sich unter der Über­schrift „Neo­li­be­ra­le
Uni­ver­si­tät“ mit den viel­schich­ti­gen Ver­än­de­run­gen
der gesam­ten uni­ver­si­täts­be­zo­ge­nen Steue­rungs­phi­lo­so­phie,
die ganz unter­schied­li­che Ele­men­te sowohl im
Hin­blick auf Res­sour­cen­zu­tei­lung als auch bezo­gen auf
die Ver­än­de­rung der Lei­tungs­struk­tu­ren umfasst. Nun
mag es sein, dass die­ser Begriff nach mei­ner akti­ven Zeit
sich als Typus­be­zeich­nung ver­fes­tigt und eta­bliert hat
(ver­gleich­bar mit dem Begriff Humboldt’sche Uni­ver­si­täts­idee).
Aus leid­vol­ler Erfah­rung hal­te ich die­sen Begriff
für unge­eig­net, in gewis­ser Wei­se auch für schäd­lich.
Zum einen hat der Begriff eine gewis­se poli­ti­sche
Kon­no­ta­ti­on, die der wis­sen­schaft­li­chen Orga­ni­sa­ti­on
fremd ist. Den zwei­ten Grund will ich an fol­gen­dem per­sön­li­chen
Bei­spiel ver­deut­li­chen. Ich habe in einem frü­hen
Sta­di­um der neu­en Steue­rungs­ele­men­te einen Auf­satz
ver­fasst, der ganz in Ihrem Sin­ne den Wan­del in eine
neue Steue­rungs­idee begrüßt und ver­tei­digt, ohne die
Risi­ken zu über­se­hen. Der Auf­satz hat, soweit ich die­sen
mei­nem Umfeld vor­ab geschickt habe, über­wie­gend Empö­rung
aus­ge­löst und eine Fach­zeit­schrift hat ihn abge­lehnt
(er wur­de dann ‚nur‘ im Zusam­men­hang mit einem
Sym­po­si­um gedruckt). Nicht die Ableh­nung
schmerz­te mich, son­dern viel­mehr die Tat­sa­che, dass ich
(auch bei wei­te­ren Vor­trä­gen) ein ‚Bran­ding‘ als Öko­no­mi­sie­rer
dau­er­haft ertra­gen muss­te. Dabei sprach ich nie
von einem öko­no­mi­schen Markt, dem sich die Wis­sen­schaft
stel­len müs­se, aller­dings durch­aus von Wett­be­werb
mit markt­si­mu­lie­ren­den Ele­men­ten. Es ist mir im
Umkreis der gelehr­ten Häup­ter nicht gelun­gen zu ver­mit­teln,
dass Finan­zen zwar immer eine Rol­le spie­len,
die Steue­rung selbst aber kei­ne Markt­wirt­schaft im klas­si­schen
Sinn dar­stellt. Der in den angel­säch­si­schen Län­dern
schon lan­ge akzep­tier­te Wett­be­werb soll­te natür­lich
aus mei­ner Sicht nicht fis­ka­lisch, son­dern natür­lich
wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­tet sein. Der Begriff ‚Neo­li­be­ra­le
Uni­ver­si­tät‘ drückt die Uni­ver­si­tät in eine qua­si öko­no­mis­ti­sche
Ecke (sie­he zahl­rei­che Kom­men­tie­rung im
Inter­net), wo sie nicht hin­ge­hört. Ich habe daher stets
von der wett­be­werb­li­chen Uni­ver­si­tät gespro­chen, wobei
es einen inne­ren und einen äuße­ren Wett­be­werb gibt.
(7.) Ihre über­zeu­gen­de und hoch­kom­pri­mier­te Gesamt­dar­stel­lung
des neo­li­be­ra­len Ansat­zes ver­dient ins­ge­samt
unein­ge­schränk­te Aner­ken­nung, egal wie man
zu den ein­zel­nen Steue­rungs­ele­men­ten steht. Sie haben
recht, dass jedes ein­zel­ne Modul die­ser Steue­rungs­welt,
die Ihren Aus­gangs­punkt ja in der Ent­wick­lung des New
Public Manage­ments hat­te, neben dem Gewinn von
Leis­tungs­trans­pa­renz auch unver­meid­li­che Nach­tei­le
hat. Bei Ver­öf­fent­li­chungs­zah­len hat man das Pro­blem
der Zitier­kar­tel­le, bei Stu­di­en­ab­schluss-Erfolgs­zah­len
besteht die Gefahr der Qua­li­täts­sen­kung im Inter­es­se einer
hohen Absol­ven­ten­zahl, bei inter­nen Eva­lua­tio­nen
kann das Kol­le­gia­li­täts­prin­zip und bei exter­nen Eva­lua­tio­nen
kön­nen Kon­kur­renz­ef­fek­te eine Rol­le spie­len.
Auch bei Ziel­ver­ein­ba­run­gen kön­nen Stra­te­gien Platz
grei­fen, die weni­ger der wis­sen­schaft­li­chen Qua­li­tät als
dem Grad der Ziel­nä­he­rung geschul­det sind. Sie wei­sen
in Ihrer dia­lek­ti­schen Metho­de natür­lich zu Recht auf
die­se Risi­ken hin. Aber ernst­haft, sol­che Risi­ken dür­fen
doch nicht den Blick dafür ver­stel­len, dass das frü­he­re
Gieß­kan­nen­prin­zip und die Erb­hof­men­ta­li­tät nun wirk­lich
kei­ne wis­sen­schaft­li­che Ratio hat­ten. Gewiss, einen
qua­li­täts­ba­sier­ten Wett­be­werb gab es auch in der ’alten‘
Uni­ver­si­tät durch die För­der­maß­nah­men der DFG. Aber
die Nei­gung sich einem auf­wän­di­gen Antrags­ver­fah­ren
zu unter­wer­fen, war inner­halb der Fächer sehr unter­schied­lich.
Wer gesi­cher­te Besitz­stän­de hat­te, konn­te
sich dem Schau­lau­fen ent­zie­hen. Wenn ich irgend­et­was
bei Ihrer anti­no­mis­tisch ange­leg­ten Auf­blät­te­rung der
Steue­rungs­in­stru­men­te ver­mis­se, dann allen­falls die
Über­le­gung, wie man in einem ite­ra­ti­ven Pro­zess die
auf­ge­zeig­ten Risi­ken mini­mie­ren kann. Jeden­falls muss
in die­sem Punkt noch viel Denk­ar­beit inves­tiert
wer­den.
(8.)In Ihrer trotz inhalt­li­cher Ver­dich­tung sehr anschau­li­chen
Skiz­ze der Bewer­tung und Beloh­nung wis­sen­schaft­li­cher
Effi­zi­enz ver­mis­se ich eine brei­te­re Dar­stel­lung
und Kom­men­tie­rung der Reform der Besol2
3 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S s c h a f T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 2 5 — 2 3 4
dungs­ord­nung für Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren; also
den Über­gang von der C- in die W‑Besoldung. Obwohl
die­se Reform bei wei­tem nicht eine so tief­grei­fen­de Ver­än­de­rung
gebracht hat wie etwa die The­men­fel­der Eva­lua­ti­on,
Akkre­di­tie­rung und leis­tungs­be­zo­ge­ne Mit­tel­ver­tei­lung,
war die Empö­rung bei gro­ßen Tei­len der betrof­fe­nen
Wis­sen­schaft­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen
ganz außer­ge­wöhn­lich. Ich habe die Auf­re­gung nie ganz
ver­stan­den. Das offi­zi­el­le Wider­stands­nar­ra­tiv war eine
ver­mu­te­te Ein­s­par­ak­ti­on. Es war aber tat­säch­lich eher
die Sor­ge, dass der Rest des Kol­le­gia­li­täts­prin­zips völ­lig
abschmilzt („wir sind doch alle gleich“). Im Grun­de war
es schon lan­ge unhalt­bar, dass an den star­ren Besol­dungs­grup­pen
fest­ge­hal­ten wur­de, los­ge­löst davon, ob
eine Pro­fes­so­rin oder ein Pro­fes­sor das Amt im Sti­le der
Selbst­aus­beu­tung bis ans Limit wahr­nahm oder sich
eher der Ein­sicht ver­schrieb, dass das Leben neben der
Wis­sen­schaft noch ande­re reiz­vol­le Sei­ten (ggf. auch Neben­tä­tig­kei­ten)
zu bie­ten hat. Wenigs­tens ein Stück weit
muss­te die Besol­dung auch beson­de­re Leis­tun­gen oder
auch die Wahr­neh­mung von Lei­tungs­funk­tio­nen in der
Selbst­ver­wal­tung beloh­nen. Und das Sys­tem, dass Bezü­ge
nur durch aus­wär­ti­ge Beru­fun­gen und sich dar­an anschlie­ßen­de
Blei­be­ver­hand­lun­gen ver­bes­sert wer­den
kön­nen, trägt der Tat­sa­che nicht Rech­nung, dass Pro­fes­so­rin­nen
und Pro­fes­so­ren an ihren Uni­ver­si­tä­ten her­aus­ra­gen­de
Leis­tun­gen zei­gen und dar­über hin­aus sich
in Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­ben enga­gie­ren und auch kei­ne
Nei­gung haben, die Uni­ver­si­tät zu ver­las­sen. Die­se
Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler konn­ten in
der alten C‑Besoldungsordnung nicht mit höhe­ren Bezü­gen
belohnt wer­den. Last but not least war ein deut­lich
brei­te­rer Besol­dungs­rah­men auch not­wen­dig, um Spit­zen­kräf­te
aus dem Aus­land zu gewin­nen bzw. zurück zu
holen. Auch hier kann man die wett­be­werb­li­che Note
der neu­en Uni­ver­si­tät erken­nen.
(9.) Vor dem hier von mir nach­fol­gend ange­spro­che­nen,
in engem Zusam­men­hang mit der neu­en Steue­rungs­phi­lo­so­phie
ste­hen­den The­ma, möch­te ich
beto­nen, dass Ihre sen­si­ble Her­aus­ar­bei­tung der „Füh­rungs­pa­ra­do­xien“
bril­lant ist und Pflicht­lek­tü­re für alle
ins Amt kom­men­den Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten sein
soll­te. Ihr Fokus ist auf die uni­ver­si­tä­ren Füh­rungs­äm­ter
gerich­tet. Nun hat mei­ne Behaup­tung im gesam­ten Reform­ge­sche­hen
sei kein Stein auf dem ande­ren geblie­ben,
eine zusätz­li­che Bestä­ti­gung durch die Schaf­fung eines
Hoch­schul- oder Uni­ver­si­täts­rats gefun­den, der offen­kun­dig
dem Auf­sichts­rat einer Akti­en­ge­sell­schaft
nach­emp­fun­den ist. Er wird von Ihnen in unter­schied­li­chen
Kon­tex­ten erwähnt. Wich­tig wäre aber jetzt nach
ca. 2 Jahr­zehn­ten eine Bilanz zu zie­hen, ob die­se zusätz­li­che
Füh­rungs­ebe­ne den erwünsch­ten stra­te­gi­schen
und inno­va­ti­ven Erfolg gebracht hat. Wel­che Erfah­run­gen
haben Sie gemacht und wel­che sind Ihnen berich­tet
wor­den? Der Grund­ge­dan­ke einer Kom­pen­sa­ti­on des
von mir ange­spro­che­nen Rück­zugs des Staa­tes liegt
nahe. Der Hoch­schul­rat, der in den meis­ten Fäl­len hälf­tig
aus exter­nen Per­sön­lich­kei­ten (Füh­rungs­per­so­nal
aus der Wirt­schaft, der Gesell­schaft und der staat­li­chen
Sei­te) besetzt ist (in weni­gen Fäl­len nur außer­uni­ver­si­tä­re
Mit­glie­der), soll­te zum einen Exper­ti­se aus der ’Außen­welt‘
ein­brin­gen, wel­che die mög­li­cher­wei­se ver­eng­te
aka­de­mi­sche Per­spek­ti­ve ergänzt oder gar auf­bricht
(umgangs­sprach­lich wür­de man viel­leicht von der Über­win­dung
uni­ver­si­tä­rer Betriebs­blind­heit spre­chen). Zum
ande­ren soll­te die­ses Gre­mi­um die staat­li­che Auf­sicht zu
einem wesent­li­chen Teil erset­zen. Sind die­se ver­nünf­ti­gen
Zwe­cke erreicht wor­den oder ist im Gegen­teil zusätz­li­ches
Kon­flikt­po­ten­ti­al mit Rei­bungs­ver­lus­ten ent­stan­den?
Ich hat­te immer Mühe, mir die Zweck­mä­ßig­keit
die­ses Kon­strukts vor­zu­stel­len. Nach mei­ner beruf­li­chen
Erfah­rung ist man mit der Füh­rungs­funk­ti­on in
der eige­nen Insti­tu­ti­on so stark aus­ge­las­tet, dass für die
Ein­ar­bei­tung in das inne­re Gesche­hen einer Uni­ver­si­tät
die nöti­ge Zeit fehlt. Dies gilt ganz beson­ders, wenn man
Erfah­run­gen aus der Spit­ze eines Unter­neh­mens in die
so völ­lig ande­re Wir­kungs­welt der Uni­ver­si­tät ein­brin­gen
will. Und schließ­lich müss­te auch noch die Fra­ge beleuch­tet
wer­den, ob der Staat sich wirk­lich auch voll­stän­dig
zurück­ge­zo­gen hat oder ob er sich in wich­ti­gen Fra­gen
noch Ein­grif­fe vor­be­hält.
Hier mache ich eine Zäsur um die Geduld der Leser
die­ses fik­ti­ven Dia­logs nicht zu über­stra­pa­zie­ren. Da die
Lis­te wei­te­rer loh­nen­der Dis­kus­si­ons­punk­te noch groß
ist, bleibt mir nichts ande­res übrig als die wich­tigs­ten davon
her­aus­zu­grei­fen und sie im Stac­ca­to-For­mat
anzu­spre­chen.
(10.) Sie plä­die­ren dafür, einen gewis­sen Anteil der
befris­te­ten Nach­wuchs­stel­len zu ent­fris­ten. Das ist unter
dem Gesichts­punkt der Für­sor­ge und der Exis­tenz­si­che­rung
sehr ver­ständ­lich. Dann muss aller­dings ein Mecha­nis­mus
gefun­den wer­den, der die laten­te Gefahr eines
Inno­va­ti­ons­ver­lus­tes für die Hoch­schu­len mini­miert.
Ich habe durch­gän­gig die Erfah­rung gemacht,
dass Dau­er­stel­len, die kei­ne fakul­täts­be­zo­ge­nen Funk­ti­ons­stel­len,
son­dern einer Pro­fes­sur zuge­ord­net waren,
bei einer Neu­be­set­zung der Pro­fes­sur häu­fig größ­te
Schwie­rig­kei­ten ver­ur­sacht haben, weil die oder der
‚Neue‘ gel­tend mach­ten, eine ganz ande­re Rich­tung ein­zu­schla­gen
und des­halb eine wei­te­re freie zuge­ord­ne­te
Heß · Gefes­selt vom Kos­mos der Uni­ver­si­tät 2 3 1
Stel­le bean­spruch­te. Das zumeist her­be Schick­sal der auf
die­se Wei­se abge­häng­ten Nach­wuchs­per­sön­lich­kei­ten ist
Ihnen bekannt. Hier muss dann eine von den zustän­di­gen
Gre­mi­en der Uni­ver­si­tät ver­ant­wor­te­te Nach­wuchs­pla­nung
Platz grei­fen, die aka­de­mi­sche Abschie­be­bahn­hö­fe
ver­mei­det.
(11.) Zustim­mungs­wür­dig fin­de ich Ihre Aus­füh­run­gen
zur Mis­si­on der Fach­hoch­schu­len. Frei­lich hät­te ich
den Blick auf die Fach­hoch­schu­len in Ihrem Buch viel
frü­her erwar­tet, näm­lich im ers­ten Teil, wo es grob gesagt
um die von Ihnen beschrie­be­ne Ver­elen­dung der
Uni­ver­si­tät ging, die nicht nur, aber zu einem erheb­li­chen
Teil, an dem rie­si­gen Zuwachs an Stu­die­ren­den lag,
die bei einem mise­ra­blen Betreu­ungs­ver­hält­nis nicht annä­hernd
rich­tig geführt wer­den konn­ten. Ich hat­te in
den 80-er Jah­ren den Slo­gan auf der Zun­ge, wer die Uni­ver­si­tä­ten
liebt, baut die Fach­hoch­schu­len aus.
Die damals unsäg­li­che Anti­no­mie im Ver­ständ­nis
der Auf­ga­ben der Uni­ver­si­tä­ten und der Fach­hoch­schu­len
hat die Umset­zung die­ses Gedan­kens nicht ganz,
aber zu einem gro­ßen Teil ver­hin­dert. Ich erin­ne­re mich
an ein Sym­po­si­um Anfang der 80-er Jah­re mit dem Titel
„Gro­ße Uni­ver­si­tä­ten – klei­ne Uni­ver­si­tä­ten“. Bei die­sem
waren die meis­ten Rek­to­ren bzw. Prä­si­den­ten der gro­ßen
deut­schen Uni­ver­si­tä­ten anwe­send und – ich trau­te
mei­nen Ohren nicht – ver­kün­de­ten fro­hen Mutes, ihre
Grö­ße sei kein Pro­blem, sie könn­ten durch­aus noch grö­ßer
wer­den. Damals gab es an den Uni­ver­si­tä­ten Stu­die­ren­de
in der Grö­ßen­ord­nung von ca. 1 Mil­li­on (heu­te
sind es wohl bereits rund 1,7 Mil­lio­nen). Aber damals
wie heu­te war klar, dass die Mehr­zahl der Stu­die­ren­den
kei­nen Beruf mit höchs­ter wis­sen­schaft­lich-theo­re­ti­scher
Aus­rich­tung haben woll­te, son­dern einen Beruf,
bei dem ein bestimm­tes Maß an wis­sen­schaft­li­cher Aus­bil­dung
für die Aus­übung eines anwen­dungs­be­zo­ge­nen
anspruchs­vol­len Berufs im Vor­der­grund steht. Im Grun­de
genom­men hät­ten im ter­tiä­ren Sek­tor die Fach­hoch­schu­len
den grö­ße­ren Teil der Stu­die­ren­den aus­bil­den
müs­sen. Natür­lich war damals die Kapa­zi­tät der Fach­hoch­schu­len
nicht annä­hernd dafür aus­ge­legt. Fazit:
Nicht nur die Poli­tik, son­dern auch die Uni­ver­si­tä­ten
tra­gen Schuld an vie­len schief gelau­fe­nen Stu­di­en – und
Lebens­bio­gra­fien.
(12.) Ver­folgt man den Begriff ‚Per­ma­nen­te Reform‘
über die gesam­te Weg­stre­cke der uni­ver­si­tä­ren Nach­kriegs­ge­schich­te,
soll­te auch ein ganz wesent­li­cher, letzt­lich
aber geschei­ter­ter Reform­ver­such Erwäh­nung fin­den,
näm­lich die Erhe­bung von Stu­di­en­ge­büh­ren. Sie
wur­den in eini­gen Bun­des­län­dern für eine bestimm­te
Zeit ein­ge­führt, inzwi­schen aber wie­der abge­schafft.
Auch auf der Dis­kus­si­ons­agen­da sind sie ver­schwun­den.
Sie strei­fen das The­ma nur kurz und las­sen erken­nen,
dass Sie Stu­di­en­ge­büh­ren ableh­nen. Das ist der ein­zi­ge
Punkt, wo ich völ­lig ande­rer Mei­nung bin. Die Gebüh­ren­frei­heit
ist welt­weit gese­hen ein deut­scher Son­der­weg,
von einer ehe­ma­li­gen Bun­des­wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin
als gro­ße deut­sche sozia­le Errun­gen­schaft bezeich­net.
Nun hät­te die Bevöl­ke­rung in einer Zeit, in der unzäh­li­ge
Mil­li­ar­den für diver­se Kri­sen zusätz­lich
aus­ge­ge­ben wer­de, wenig Ver­ständ­nis, wenn man jetzt
auch noch über Stu­di­en­ge­büh­ren spre­chen wür­de. Aus
mei­ner Sicht hat Deutsch­land und haben die deut­schen
Uni­ver­si­tä­ten zu Beginn des jet­zi­gen Jahr­hun­derts eine
gro­ße Chan­ce ver­tan, die uni­ver­si­tä­re Finan­zie­rung zumin­dest
in einem ver­hält­nis­mä­ßig klei­nen Teil zu sta­bi­li­sie­ren.
Man muss kein Wahr­sa­ger sein um zu ver­mu­ten,
dass der Staat in einer mitt­le­ren Zukunft um Ein­spa­run­gen
nicht her­um­kommt, wenn der gro­ße Schul­den­berg
nicht völ­lig auf die nach­fol­gen­den Genera­tio­nen
umge­wälzt wer­den soll.
Hier nur stich­wort­ar­tig eini­ge Grün­de für
Stu­di­en­ge­büh­ren:

  1. Stu­di­en­ge­büh­ren sind sozi­al, weil die­je­ni­gen, die
    spä­ter von einem höher­wer­ti­gen Arbeits­platz pro­fi­tie­ren
    auch einen höhe­ren Bei­trag für das Sys­tem leis­ten sol­len
    als ande­re Steu­er­zah­ler, die kei­ne Hoch­schu­le besucht
    haben.
  2. Die Hoch­schul­qua­li­fi­ka­ti­on ist ein groß­ar­ti­ger
    Wert, der sich nicht nur finan­zi­ell aus­drückt, son­dern
    auch im imma­te­ri­el­len Sinn eine phan­tas­ti­sche Lebens­be­rei­che­rung
    dar­stellt.
  3. Stu­di­en­ge­büh­ren erhö­hen die Moti­va­ti­on der Stu­die­ren­den
    und füh­ren im Übri­gen zu einer rasche­ren
    Über­prü­fung, ob man das rich­ti­ge Fach gewählt hat.
    Stu­di­en­ge­büh­ren müs­sen aller­dings mit allen mög­li­chen
    For­men sozi­al­ver­träg­li­cher Gestal­tung ver­bun­den
    wer­den. Ein wich­ti­ger Weg dazu wäre die in ande­ren
    Län­dern erfolg­reich erprob­ten nach­lau­fen­den
    Stu­di­en­ge­büh­ren.
    (13.) Etwas rat­los bin ich dar­über, dass der Bolo­gna-
    Pro­zess zwar in eini­gen Ver­bin­dun­gen mit ande­ren The­men
    kurz ange­spro­chen wird, aber eine brei­te­re Aus­ein­an­der­set­zung
    mit die­ser Reform im Hin­blick auf die Zie­le
    und Kern­punk­te und auf die völ­lig neue inhalt­lich­struk­tu­rel­le
    Prä­gung in Ihrem Buch fehlt. Die bereits in
    der zwei­ten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts vor allem
    unter Gover­nan­ce-Gesichts­punk­ten umfas­send umge­bau­te
    Uni­ver­si­tät erfährt zu Beginn des jet­zi­gen Jahr2
    3 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S s c h a f T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 2 5 — 2 3 4
    hun­derts durch den soge­nann­ten Bolo­gna-Pro­zess eine
    tief­grei­fen­de Struk­tur­re­form, die mit fast allen Tra­di­tio­nen
    der bis­he­ri­gen Stu­di­en­or­ga­ni­sa­ti­on bricht und ein
    völ­lig ande­res Erschei­nungs­bild der uni­ver­si­tä­ren Leh­re
    mit sich bringt. Es wäre über­aus wün­schens­wert, wenn
    der Bolo­gna-Reform im gan­zen For­men­kreis der „per­ma­nen­ten
    Reform“ eine her­aus­ge­ho­be­ne Beur­tei­lung
    zuteil wür­de. Die­se Reform hat weit mehr als alle ande­ren
    Refor­men neben den uni­ver­si­täts­in­ter­nen Umge­stal­tungs­her­aus­for­de­run­gen
    auch eine über den Cam­pus hin­aus
    wir­ken­de Außen­wahr­neh­mung. Die­ser Blick von
    außen fällt häu­fig sehr kri­tisch aus, meist ohne detail­lier­te
    Kennt­nis der wesent­li­chen Zie­le die­ser Reform. Die
    vor­herr­schen­de Vor­stel­lung unter­stellt der Bolo­gna-
    Struk­tur eine erheb­li­che Qua­li­täts­min­de­rung und einen
    Ver­lust an Repu­ta­ti­on deut­scher Stu­di­en­ab­schlüs­se.
    Schon aus die­sem Grund ist es unver­zicht­bar eine brei­te­re
    Öffent­lich­keit über Zie­le und Merk­ma­le die­ser Reform
    zu infor­mie­ren.
    Was den inne­ren Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess angeht, so
    muss man mit höchs­tem Respekt aner­ken­nen, dass die
    Uni­ver­si­tä­ten mit äußers­ter Anstren­gung aller Leh­ren­den
    die Her­ku­les­auf­ga­be der Neu­ge­stal­tung der Stu­di­en­gän­ge
    gemeis­tert haben.
    Wenn hier das Feh­len der Dar­stel­lung und die Bewer­tung
    des Bolo­gna-Pro­zes­ses als Desi­de­rat dar­ge­stellt
    wird, gibt es kei­nen Sinn, hier eine detail­lier­te Abwä­gung
    der Vor- und Nach­tei­le des neu­en Lehr­ge­bäu­des
    vor­zu­neh­men. Aber eine kur­ze per­sön­li­che Posi­tio­nie­rung
    sei mir gestat­tet. Für mich war die­se Reform über­fäl­lig.
    Im Hin­blick auf die gro­ße Zahl der Stu­die­ren­den
    und deren ganz unter­schied­li­chen Aus­bil­dungs- und Berufs­zie­le
    bie­tet die Zwei­stu­fig­keit der Bolo­gna-Struk­tur,
    also die Unter­glie­de­rung in Bache­lor- und Mas­ter­stu­di­en­gän­ge,
    eine drin­gend gebo­te­ne Anpas­sung an unter­schied­li­che
    Qua­li­fi­ka­ti­ons­zie­le. Die wei­te­re Kern­idee einer
    euro­päi­schen Har­mo­ni­sie­rung der Stu­di­en­gän­ge, die
    Aus­lands­se­mes­ter ohne Zeit­ver­lust mög­lich machen
    soll, ist ein höchst wün­schens­wer­tes, aller­dings in der
    Pra­xis schwie­ri­ges Ziel. Dass durch die Ver­tei­lung von
    Leis­tungs­punk­ten (ECT) wäh­rend des Stu­di­ums die
    Angst vor der Abschluss­prü­fung ver­rin­gert wird, ist
    eben­so wich­tig wie die Tat­sa­che, dass die Absol­ven­ten
    von Bache­lor-Stu­di­en­gän­gen in einem frü­he­ren Lebens­al­ter
    den beruf­li­chen Ein­stieg fin­den kön­nen.
    Nicht alles läuft per­fekt; das ist bei einer sol­chen
    fun­da­men­ta­len Reform unver­meid­lich. In der Umset­zung
    sind Feh­ler gemacht wor­den, die man durch
    Nach­jus­tie­ren behe­ben muss. Die im Kern rich­ti­ge Bolo­gna-
    Reform kämpft noch mit vie­len Uneben­hei­ten
    und ist kei­nes­wegs ide­al. An die­sem Punkt sei mir eine
    star­ke The­se gestat­tet: Hät­te die deut­sche Uni­ver­si­tät zu
    einem viel frü­he­ren Zeit­punkt aus eige­ner Kraft und eige­ner
    Ziel­set­zung eine Stu­di­en­re­form auf den Weg gebracht,
    die der gro­ßen Zahl der Stu­die­ren­den mit ihrem
    unter­schied­li­chen Qua­li­fi­zie­rungs­po­ten­ti­al gerecht wird,
    dann hät­te man in Deutsch­land kei­ne Bolo­gna-Reform
    gebraucht. Man hät­te eher die berech­tig­te Erwar­tung gehabt,
    dass das euro­päi­sche Aus­land sich wie in frü­he­ren
    Zei­ten an der deut­schen Uni­ver­si­täts­kul­tur ori­en­tiert
    und sich ihrer­seits an ein deut­sches Sys­tem anpasst.
    Aber dazu hat der deut­schen Uni­ver­si­tät die Kraft und
    der inne­re Antrieb gefehlt. Die­ses Ver­säum­nis wird nun­mehr
    zu einem gewis­sen Grad durch die Bolo­gna Reform
    kom­pen­siert.
    (14.)Am Schluss will ich mich einer Ihrer ganz zen­tra­len
    Aus­sa­gen zuwen­den, die ein Leit­mo­tiv für die jet­zi­ge
    und die zukünf­ti­ge Uni­ver­si­tät sein kön­nen. Die
    Humboldt‘sche Uni­ver­si­täts­idee hat an vie­len Stel­len Ihres
    Buches ihre Leucht­kraft gezeigt. Ein wun­der­ba­res
    Kapi­tel trägt ja die Über­schrift‚ was von Hum­boldt
    bleibt‘. Die von Ihnen auf­ge­zeig­te Tri­as aus Kon­zen­tra­ti­on,
    Auto­no­mie und Koope­ra­ti­on (als ein von Hum­boldt
    geschaf­fe­nes kunst­vol­les Balan­ce­sys­tem) ist ein vor­züg­li­ches
    Leit­bild, das eigent­lich in jedem Mis­si­on State­ment
    einer deut­schen Uni­ver­si­tät Auf­nah­me fin­den soll­te. Sie
    zei­gen auch Wege auf, wie die­se hum­boldt­schen Ideen in
    der heu­ti­gen Pra­xis ver­wirk­licht wer­den kön­nen, wobei
    der Schutz der indi­vi­du­el­len Inno­va­ti­on und der Frei­heit
    einen beson­ders hohen Rang hat, aber die Koope­ra­ti­on
    als orga­ni­sa­to­ri­sche Gesamt­heit letzt­lich die Kraft aus­strahlt,
    die es für wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt bedarf.
    Ihre über­zeu­gen­de Visi­on hat für mich nur ein Pro­blem,
    das ich aus Grün­den der his­to­ri­schen Ehr­lich­keit
    bekun­den möch­te.
    Sie las­sen das ja auch selbst anklin­gen. Vie­le Leser könn­ten
    nach mei­nen lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen bei all­zu
    flüch­ti­ger Lek­tü­re Ihres Buches mei­nen, es hät­te frü­her
    eine Hum­boldt-Uni­ver­si­tät gege­ben, die im Lauf der Zeit
    ver­spielt wur­de. Eine von den Humboldt´schen Prin­zi­pi­en
    gestal­te­te Uni­ver­si­tät gab es nie und sie konn­te es
    erst recht in Zei­ten der Mas­sen­uni­ver­si­tät nicht geben.
    Kurio­ser­wei­se ist die maß­geb­li­che Schrift von Hum­boldt
    „Über die inne­re und äuße­re Orga­ni­sa­ti­on der höhe­ren
    wis­sen­schaft­li­chen Anstalt in Ber­lin“ erst rund 100 Jah­re
    nach ihrer Abfas­sung im Jahr 1903 ver­öf­fent­licht wor­den.
    Sie ist Sinn­bild für einen nach­ge­scho­be­nen Grün­dungs­my­thos,
    bezo­gen auf die Uni­ver­si­täts­re­form zu Beginn
    des 19. Jahr­hun­derts und da spe­zi­ell auf die Fried­rich-
    Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Die­ser Mythos wur­de
    nach der Ent­de­ckung der Schrift zu allen mög­li­chen
    Zwe­cken ein­ge­setzt. Als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler wis­sen
    Sie, dass ein Mythos eine legi­ti­me Wirk­macht sein kann,
    auch wenn der his­to­ri­sche Hin­ter­grund den Mythos fak­Heß
    · Gefes­selt vom Kos­mos der Uni­ver­si­tät 2 3 3
    tisch nicht trägt. Bit­ter wird es in mei­nem Ver­ständ­nis
    nur, wenn Gelehr­te bei prak­tisch jedem Reform­ge­sche­hen
    den Vor­wurf in den Mund neh­men, man mache die
    Hum­boldt-Uni­ver­si­tät kaputt. Die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät
    gab es nie und kann es in ihrer idea­li­sier­ten Vor­stel­lung
    nicht geben. Wenn man aber, wie Sie, den inne­ren
    Sinn­ge­halt der ‚Hum­boldt-Idee‘ schöpft und ihn in die
    Welt der heu­ti­gen Uni­ver­si­tät über­trägt, dann kann
    etwas ent­ste­hen, was in Rich­tung „Exzel­lenz“ geht.
    Ich dan­ke Ihnen und den Leser für Ihre Geduld. Blei­ben
    Sie mir trotz gele­gent­li­chen Wider­spruchs
    wohl­ge­son­nen.
    Dr. Jür­gen Heß war von 1988 bis 1994 Kanz­ler der Uni­ver­si­tät
    Kon­stanz, von 1994 bis 2000 Kanz­ler der Uni­ver­si­tät
    Frei­burg und von 2000 bis 2003 Gene­ral­se­kre­tär
    der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz.
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