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Die Auf­sicht über Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen steht stets im Span­nungs­feld zwi­schen staat­li­chem Zugriff und Wis­sen­schafts­frei­heit. Durch die zuneh­men­de Auto­no­mi­sie­rung und stei­gen­de Erwar­tun­gen an die Eigen­ver­ant­wor­tung der Hoch­schu­len, neue For­men von Auf­sicht und Kon­trol­le und ver­schie­de­ne Akteu­re der Auf­sicht ent­ste­hen wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen. Dies nahm sich der Ver­ein zur För­de­rung des deut­schen und inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts zum Anlass, sich am 5. und 6. Mai im Sencken­berg-Muse­um in Frank­furt am Main mit dem Begriff der Auf­sicht und der Wis­sen­schafts­frei­heit sowie den ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen.
I. Auf­sicht in der Wis­sen­schaft: Begriff, For­men, Funk­tio­nen
Prof. Dr. Jörg Ennu­schat (Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum, Inha­ber des Lehr­stuhls für Öffent­li­ches Recht, ins­be­son­de­re Ver­wal­tungs­recht) ver­steht unter Auf­sicht die Gesamt­heit aller staat­li­chen Hand­lun­gen, die zum Zweck haben, das Ver­hal­ten der Ein­rich­tung in Über­ein­stim­mung mit einem fest­ste­hen­den Richt­maß zu set­zen.
Gegen­stand der Auf­sicht sei die Auf­ga­ben­er­fül­lung durch die Hoch­schu­len. Die­se füh­ren im eige­nen Wir­kungs­kreis Auf­ga­ben in Selbst­ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten sowie im über­tra­ge­nen Wir­kungs­kreis Staats­auf­ga­ben aus.1 Unter­schie­den wird des­halb zwi­schen Rechts‑, Fach- und Dienst­auf­sicht. Die Rechts­auf­sicht über­wacht nur die Recht­mä­ßig­keit der Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben im eige­nen Wir­kungs­kreis. Bei der Fach- und Dienst­auf­sicht wird im über­tra­ge­nen Wir­kungs­kreis neben der Recht­mä­ßig­keit auch die Zweck­mä­ßig­keit der Auf­ga­ben­wahr­neh­mung kontrolliert.2 Neben der klas­si­schen Staats­auf­sicht in Form von Rechts‑, Fach- und Dienst­auf­sicht gebe es auch Ent­wick­lun­gen hin zu einem moder­nen Auf­sichts­ver­ständ­nis: Gera­de im Rah­men des Neu­en Steue­rungs­mo­dells wer­den ver­mehrt Ele­men­te der Koope­ra­ti­on zwi­schen Auf­sicht und Wis­sen­schafts­ein­rich­tung her­an­ge­zo­gen und dabei nicht nur Auf­ga­ben und Mit­tel ver­ge­ben, son­dern auch Zie­le defi­niert (Out­pu­t­ori­en­tie­rung).
Bei der Auf­sicht über Hoch­schu­len müs­se die Wis­sen­schafts­frei­heit beach­tet wer­den. Nach dem BVerfG muss der Staat geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men tref­fen, damit die­se so weit wie mög­lich unan­ge­tas­tet bleibt.3 Da laut dem BVerfG eine von gesell­schaft­li­chen Nütz­lich­keits- und poli­ti­schen Zweck­mä­ßig­keits­ge­dan­ken freie Wis­sen­schaft Staat und Gesell­schaft am bes­ten dient4, müs­se die Siche­rung die­ser die Funk­ti­on von Auf­sicht über Hoch­schu­len sein.
Klas­si­sche Auf­sichts­in­stru­men­te sei­en in prä­ven­ti­ver Hin­sicht z.B. Anzei­ge- und Vor­la­ge­pflich­ten, Geneh­mi­gungs­vor­be­hal­te oder Unter­rich­tungs- und Infor­ma­ti­ons­rech­te. Repres­si­ve Instru­men­te sei­en Bean­stan­dun­gen und Abhil­fe­ver­lan­gen, die Auf­he­bung von Beschlüs­sen, das Tätig­wer­den anstel­le der Hoch­schu­le als Ersatz­vor­nah­me, das Ertei­len von Wei­sun­gen, die Auf­lö­sung und Neu­wahl eines Organs, die Bestel­lung von Beauf­trag­ten und teil­wei­se sogar die vor­über­ge­hen­de Schlie­ßung der Hoch­schu­le. Zustän­di­ge Auf­sichts­be­hör­de sei das Minis­te­ri­um. Neben exter­ner Auf­sicht erfol­ge zudem Kon­trol­le inner­halb der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on. Eine wei­te­re Form der Auf­sicht sei die Prü­fung der Wirt­schafts­füh­rung der Hoch­schu­le durch den Lan­des­rech­nungs­hof. Auf­sichts­mit­tel i.S.d. Neu­en Steue­rungs­mo­dells kön­nen z.B. Con­trol­ling und die Anfor­de­rung anony­mi­sier­ter Daten, Akkre­di­tie­rungs- und Eva­lua­ti­ons­ver­fah­ren sein. Die wich­tigs­ten Instru­men­te sei­en jedoch Hoch­schul­ver­trä­ge bzw. Ziel- und Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen. In die­sen öffent­lich-recht­li­chen Ver­trä­gen wer­den kon­kre­te Ent­wick­lungs- und Leis­tungs­zie­le zwi­schen Minis­te­ri­um und Hoch­schul­lei­tung ver­ein­bart. Sol­che Ver­ein­ba­run­gen kön­nen auch zwi­schen Rek­to­rat und Fakul­tät oder Rek­to­rat und ein­zel­nen Pro­fes­so­ren getrof­fen wer­den.
1 Z.B. § 3 Abs. 1 HG NRW für Auf­ga­ben im eige­nen Wir­kungs­kreis oder Art. 12 Abs. 3 BayHSchG für Auf­ga­ben im über­tra­ge­nen Wir­kungs­kreis.
2 So sicht­bar z.B. in § 51 Abs. 1 S. 1 NHG.
3 BVerfGE 127, 87 (114), st. Rspr.
4 BVerfGE 47, 237 (370), 111, 333 (354).
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2022, ISSN 2197–9197
Karo­li­ne Haa­ke
Gibt es eine ange­mes­se­ne Auf­sicht für Wis­sen-
schafts­ein­rich­tun­gen?
Bericht über die Tagung des Ver­eins zur För­de­rung des deut­schen und inter­na­tio­na­len Wis­sen­schafts­rechts e.V. am 5./6.5.2022
2 8 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 8 1 — 2 8 8
5 Die­se zwei ver­schie­de­nen Legi­ti­ma­ti­ons­strän­ge spie­geln sich
auch in der Janus­köp­fig­keit der staat­li­chen Hoch­schu­len wider:
Einer­seits sind die­se nach § 58 Abs. 1 S. 1 HRG Kör­per­schaf­ten
öffent­li­chen Rechts, die Auf­ga­ben funk­tio­na­ler Selbst­ver­wal­tung
wahr­neh­men (und dabei Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit sind),
ande­rer­seits staat­li­che Ein­rich­tun­gen, wel­che staat­li­che Gewalt
aus­üben, die an den Volks­wil­len gekop­pelt sein muss.
6 BVerfGE 35, 79 (132 f.).
7 So im Gesetz­ent­wurf zur Ände­rung des HRG for­mu­liert, BT Drs.
13/8796 S. 29.
8 BVerfGE 35, 79 ff und 47, 327 ff.
9 Die gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung der Hoch­schu­len fin­de ihren
Aus­druck außer­dem in Zivil- und Nach­hal­tig­keits­klau­seln sowie
Ethik­kom­mis­sio­nen in der For­schung.
II. Recht­li­che Grund­la­gen der Auf­sicht
Dar­an knüpf­te Prof. Dr. Mar­grit Seckel­mann (Leib­niz
Uni­ver­si­tät Han­no­ver, Pro­fes­sur für das Recht der digi­ta­len
Gesell­schaft) mit ihrer Betrach­tung der recht­li­chen
Grund­la­gen der Auf­sicht an.
Auf ver­fas­sungs­recht­li­cher Ebe­ne sei Auf­sicht über
staat­li­che Hoch­schu­len ein Instru­ment zur Sicher­stel­lung
von Legi­ti­ma­ti­ons­zu­sam­men­hän­gen und damit zur
Gewähr­leis­tung des Demo­kra­tie­prin­zips aus Art. 20
Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 GG. Dem­nach müs­se eine unun­ter­bro­che­ne
Legi­ti­ma­ti­ons­ket­te zwi­schen der Aus­übung öffent­li­cher
Gewalt durch einen Amts­wal­ter oder ein Organ
und dem Volk gege­ben sein. Es sind dabei zwei For­men
von Legi­ti­ma­ti­on zu berück­sich­ti­gen: Die per­so­nel­le
Legi­ti­ma­ti­on, die durch indi­vi­du­el­le Beru­fungs­ak­te
inner­halb einer Legi­ti­ma­ti­ons­ket­te ver­mit­telt wird, und
die sach­lich-inhalt­li­che Legi­ti­ma­ti­on, die die inhalt­li­che
Bin­dung an die Gesetz­ge­bung und den Volks­wil­len u.a.
durch Auf­sicht gewähr­leis­tet. Zu beach­ten sei jedoch
auch, dass der Hoch­schu­le durch die ihr ange­hö­ren­den
Wis­sen­schaft­ler das Recht auf Wis­sen­schafts­frei­heit ver­mit­telt
wird. In staat­li­chen Hoch­schu­len bestehen also
zwei gegen­läu­fi­ge Strän­ge: Der Legi­ti­ma­ti­ons­strang vom
Volk zum Amts­wal­ter, ver­mit­telt u.a. durch Auf­sicht,
aber auch der Wis­sen­schafts­frei­heit ver­mit­teln­de Legi­ti­ma­ti­ons­strang.
Daher habe die staat­li­che Sphä­re neben
der Pflicht zur Auf­sicht auch die Ver­pflich­tung, die Auto­no­mie­rech­te
der Hoch­schu­le i.S. der Wis­sen­schafts­frei­heit
zu wahren.5 Dazu kom­men noch wei­te­re Akteu­re,
deren Rech­te zu bewah­ren sind. So müs­se das Recht
der Stu­die­ren­den aus Art. 12 Abs. 1 GG auf qua­li­täts­vol­le
Aus­bil­dung gewähr­leis­tet wer­den. Die staat­li­che Auf­sicht
als not­wen­di­ges Mit­tel demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on
ste­he daher im Span­nungs­ver­hält­nis zu den Grund­rech­ten
der Akteu­re.
Grund­le­gen­des Modell der Auf­sicht über staat­li­che
Uni­ver­si­tä­ten sei, dass das zustän­di­ge Fach­mi­nis­te­ri­um
die Ver­wal­tung und das Prä­si­di­um beauf­sich­tigt, zudem
den Prä­si­den­ten bestellt und die Mit­glie­der der Uni­ver­si­tät
beruft. Zudem sind die kol­le­gia­len Reprä­sen­ta­ti­ons­or­ga­ne
an wis­sen­schafts­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen qua­li­fi­ziert
zu beteiligen.6 Mit dem sich voll­zie­hen­den Wan­del
der Auf­sicht i.S. des Neu­en Steue­rungs­mo­dells fin­de
zuguns­ten der Stär­kung der Uni­ver­si­tä­ten ein staat­li­cher
Rück­zug bis auf die Rechts­auf­sicht statt. Ins­be­son­de­re
ent­wi­ckel­ten sich Hoch­schul­rä­te als neue „Auf­sichts­or­ga­ne“,
die einer­seits Hoch­schul­or­gan sind und ande­rer­seits
die Hoch­schul­ver­wal­tung und das Prä­si­di­um beauf­sich­ti­gen.
Das Fach­mi­nis­te­ri­um dele­giert die Auf­sichts­kom­pe­ten­zen
dabei an den Hoch­schul­rat. In den
meis­ten Bun­des­län­dern wur­den seit deren Ent­wick­lung
Hoch­schul­rä­te (in unter­schied­li­chen For­men) ein­ge­führt.
Zudem erlaubt § 58 Abs. 1 S. 2 HRG die Errich­tung
der Hoch­schu­len in ande­ren Rechts­for­men als Kör­per­schaf­ten
des öffent­li­chen Rechts und gleich­zei­tig staat­li­che
Ein­rich­tun­gen, z.B. als Stif­tung oder Kör­per­schaft
öffent­li­chen Rechts, die nicht zugleich eine staat­li­che
Ein­rich­tung ist.7 Bei Errich­tung einer Stif­tungs­uni­ver­si­tät
gebe das zustän­di­ge Minis­te­ri­um Kom­pe­ten­zen an
die Stif­tung ab, die Trä­ge­rin der Hoch­schu­le ist. Auch die
Auf­sichts­kom­pe­ten­zen dele­gie­re das Minis­te­ri­um teil­wei­se
an den Stif­tungs­rat.
III. Setzt die Wis­sen­schafts­frei­heit der Auf­sicht Gren­zen?
Prof. Dr. Win­fried Kluth (Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät
Hal­le-Wit­ten­berg, Lehr­stuhl für Öffent­li­ches Recht,
Rich­ter am Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt a. D.) setz­te sich
mit der Wis­sen­schafts­frei­heit als Maß­stab der Hoch­schul­auf­sicht
aus­ein­an­der. Das BVerfG beto­ne in sei­nen
Entscheidungen8 die her­aus­ge­ho­be­ne star­ke Bedeu­tung
(„Wis­sen ist Macht“) für die Ent­wick­lung von Wirt­schaft
und Gesell­schaft und die Not­wen­dig­keit des Schut­zes
vor staat­li­cher Ver­ein­nah­mung. Gleich­zei­tig ver­pflich­te
die­se Ver­ant­wor­tung die Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
gegen­über dem Gemein­wohl zum Wis­sen­schafts­trans­fer
und damit zum Tei­len ihrer Ergeb­nis­se und Erkennt­nis­se.
9
Da Wis­sen­schaft auf Infra­struk­tu­ren und finan­zi­el­le
För­de­rung ange­wie­sen sei, sei der Staat ver­pflich­tet, die­se
zu gewähr­leis­ten. Auf Ebe­ne der Län­der bestehe dadurch
eine Ein­rich­tungs­ga­ran­tie zur Bereit­stel­lung von
Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen und Geld­mit­teln. Ins­be­son­de­re
sei die Wis­sen­schafts­frei­heit ein Abwehr­recht indi­vi­du­el­ler
Grund­rechts­trä­ger gegen den Staat. Trä­ger der
Wis­sen­schafts­frei­heit sei­en an staat­li­chen Hoch­schu­len
Haa­ke· Gibt es eine ange­mes­se­ne Auf­sicht für Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen? 2 8 3
10 Z.B. BVerfGK 12, 440.
11 So urteil­te das BVerwG, dass eine ad-hoc-Kom­mis­si­on der Uni­ver­si­tät
die For­schungs­er­geb­nis­se eines Hoch­schul­leh­rers nur auf
einen Miss­brauch sei­ner Wis­sen­schafts­frei­heit über­prü­fen, nicht
aber grund­sätz­lich fach­lich bewer­ten dür­fe, BVerw­GE 102, 304,
bestä­tigt durch BVerfG NJW 2000, 3635.
12 Dazu BVerfGK 12, 17.
13 BVerfGK 5, 135 (140 f.).
sowohl die ein­zel­nen Wis­sen­schaft­ler als auch die Fakul­tä­ten
und Hoch­schu­len, abge­lei­tet von der grund­recht­li­chen
Frei­heit ihrer Mit­glie­der. Im pri­va­ten Sek­tor kön­nen
sich ein­zel­ne Wis­sen­schaft­ler, Hoch­schu­len und deren
Grün­der und ein­zel­fall­be­zo­gen for­schen­de Wirt­schafts­un­ter­neh­men
auf ihre Wis­sen­schafts­frei­heit
beru­fen. Wei­ter­hin ver­lei­he die Art. 5 Abs. 3 GG wis­sen­schaft­li­chen
Ein­rich­tun­gen den Anspruch auf wis­sen­schafts­ad­äqua­te
Orga­ni­sa­ti­ons­for­men und Ver­fah­rens­wei­sen,
ins­be­son­de­re durch Betei­li­gungs­rech­te der ein­zel­nen
Wissenschaftler.10
Die Gefahr einer Ein­wir­kung auf die Wis­sen­schafts­frei­heit
ein­zel­ner Wis­sen­schaft­ler bestehe etwa bei ver­such­ter
inhalt­li­cher Ein­fluss­nah­me. Sowohl das BVerfG
als auch das BVerwG ver­deut­li­chen in ihrer Recht­spre­chung,
dass Ein­wir­kun­gen durch die Hoch­schu­le oder
Auf­sichts­be­hör­de ins­be­son­de­re inhalt­li­che Zurück­hal­tung
zu wah­ren haben.11 Das Instru­ment, den Inhalt der
Wis­sen­schaft zu über­prü­fen, sei nicht die Auf­sicht, son­dern
der wis­sen­schaft­li­che Dis­kurs. Gegen­über den Fakul­tä­ten
kön­nen Ein­grif­fe in die Wis­sen­schafts­frei­heit
ins­be­son­de­re in Form von Struk­tur­wan­del entstehen.12
Auch die Auf­he­bung einer Fakul­tät kön­ne eine Ver­let­zung
der Wis­sen­schafts­frei­heit sein, wobei den Fakul­tä­ten
kei­ne Bestands­ga­ran­tie zukom­me, aber zumin­dest
ein Recht auf will­kürfreie Entscheidung.13 Auch bei der
hoch­schul­in­ter­nen Mit­tel­ver­tei­lung und bei Ziel­ver­ein­ba­run­gen
sei die Wis­sen­schafts­frei­heit der Fakul­tä­ten zu
ach­ten.
Die Grün­dung einer pri­va­ten Hoch­schu­le sei nicht
nur durch die Berufs‑, son­dern auch durch die Wis­sen­schafts­frei­heit
als Hoch­schul­grün­dungs­frei­heit geschützt.
Gleich­zei­tig müs­se der Staat im Rah­men der
Grün­dungs­auf­sicht dafür Sor­ge tra­gen, dass die Aus­übung
der Wis­sen­schafts­frei­heit durch die ein­zel­nen
Wis­sen­schaft­ler gesi­chert sei. Im Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren
durch den Wis­sen­schafts­rat wer­den daher ins­be­son­de­re
die Aus­ge­stal­tung der Ver­trä­ge mit den Pro­fes­so­ren
und die Gewähr­leis­tung von For­schung und Leh­re
über­prüft. Hier müs­se jedoch gesi­chert blei­ben, dass das
Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren wis­sen­schafts­ad­äquat aus­ge­stal­tet
ist.
IV. Hoch­schul­rä­te: Zwi­schen Steue­rung, Bera­tung
und Kon­trol­le
Dr. h.c. Edel­gard Bul­mahn (Deut­scher Bun­des­tag, Vize­prä­si­den­tin
a.D., Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und
For­schung, Bun­des­mi­nis­te­rin a. D.), berich­te­te von der
Tätig­keit der Hoch­schul­rä­te, ins­be­son­de­re aus ihrer
Posi­ti­on als Vor­sit­zen­de des Kura­to­ri­ums der Hum­boldt-
Uni­ver­si­tät zu Ber­lin.
Bul­mahn skiz­zier­te zunächst drei ver­schie­de­ne
Grund­ty­pen von Hoch­schul­rä­ten: Der ers­te Typ sei­en
Hoch­schul­rä­te, die als „cri­ti­cal friends“ der kri­tisch-kon­struk­ti­ven
Beglei­tung und Bera­tung der Hoch­schu­le die­nen,
aber kei­ne Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen inne­ha­ben.
Als zwei­ten Typus qua­li­fi­zier­te Bul­mahn Hoch­schul­rä­te
mit bera­ten­der, aber auch kon­trol­lie­ren­der, mit­ge­stal­ten­der
Funk­ti­on. Der drit­te Typ habe die weit­rei­chends­ten,
auf­sichs­rats­ähn­li­chen Kom­pe­ten­zen, dies sei ins­be­son­de­re
bei Stif­tungs­uni­ver­si­tä­ten der Fall.
Die kon­kre­ten Auf­ga­ben und Zusam­men­set­zun­gen
der Hoch­schul­rä­te ergä­ben sich aus den Lan­des­hoch­schul­ge­set­zen
und den Uni­ver­si­täts­sat­zun­gen. Sie unter­schei­den
sich daher spür­bar zwi­schen den Län­dern. Bul­mahn
kate­go­ri­sier­te die­se in allei­ni­ge Beschluss­kom­pe­ten­zen
(z.B. für die Fest­stel­lung des Haus­halts­plans, die
Ein­rich­tung, Auf­he­bung oder Ver­än­de­rung von Fakul­tä­ten
oder Stu­di­en­gän­gen, Ent­schei­dun­gen grund­sätz­li­cher
Art oder die Rah­men­ge­büh­ren­sat­zung), Beschluss­kom­pe­ten­zen
unter Berück­sich­ti­gung des Vor­schlags­rechts
des aka­de­mi­schen Sena­tes, Vor­schlags­kom­pe­ten­zen
(z.B. für die Beset­zung des Prä­si­den­ten und der
Vize­prä­si­den­ten), Bera­tungs­kom­pe­ten­zen (z.B. bzgl. des
Rechen­schafts­be­richts oder der mit­tel­fris­ti­ge Bau- und
Inves­ti­ti­ons­pla­nung) und Initia­tiv­kom­pe­ten­zen (z.B. in
Form der Anfor­de­rung von Berich­ten oder Anre­gun­gen
an die Lan­des­re­gie­rung). Damit sei­en die Kom­pe­ten­zen
der Hoch­schul­rä­te meist eine Mischung zwi­schen Bera­tung,
Kon­trol­le und Gestal­tung der Hoch­schu­le.
Anhand ver­schie­de­ner Fall­bei­spie­le stell­te Bul­mahn
anschlie­ßend ver­schie­de­ne Kon­flikt­po­ten­zia­le aus der
Pra­xis vor. So gebe es ein Span­nungs­feld zwi­schen der
Posi­ti­on als obers­te Dienst­her­rin und der Aus­übung der
2 8 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 4 ( 2 0 2 2 ) , 2 8 1 — 2 8 8
Rechts­auf­sicht durch das zustän­di­ge Minis­te­ri­um. Pro­ble­ma­tisch
sei es auch, wenn Mit­glie­der des Prä­si­di­ums
oder des zustän­di­gen Minis­te­ri­ums gleich­zei­tig stimm­be­rech­tig­te
Mit­glie­der des Hoch­schul­ra­tes sei­en. Im Fal­le
einer Bear­bei­tung einer Dienst­auf­sichts­be­schwer­de
gegen das Prä­si­di­um durch den Hoch­schul­rat käme es
unwei­ger­lich zu Inter­es­sen­kon­flik­ten. Not­wen­dig sei in
allen Fäl­len die ein­deu­ti­ge Zuord­nung von Zustän­dig­kei­ten
und Ver­ant­wort­lich­kei­ten zwi­schen dem Hoch­schul­rat,
dem Prä­si­di­um und dem auf­sichts­füh­ren­den
Minis­te­ri­um.
Bul­mahn bilan­zier­te, dass das Selbst­ver­ständ­nis der
Hoch­schul­rä­te für deren Erfolg essen­zi­ell sei und die­se
sich stets als Gre­mi­um der Inter­es­sen der gesam­ten
Hoch­schu­le und als Schnitt­schnel­le zur Gesell­schaft zu
betrach­ten hät­ten. Eine enge Kom­mu­ni­ka­ti­on sowohl
mit dem Prä­si­di­um als auch mit den Sta­tus­grup­pen der
Hoch­schu­le sei daher eben­so von Bedeu­tung wie die kla­re
Zuschrei­bung von Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Zustän­dig­kei­ten.
Bul­mahn lob­te zudem den Aus­tausch zwi­schen
den Hoch­schul­rä­ten der deut­schen Hoch­schu­len
im Forum Hoch­schul­rä­te und plä­dier­te für eine zusätz­li­che
Platt­form für die Ger­man U15.
V. Auf­sicht über pri­va­te Hoch­schu­len
Prof. Dr. Burg­hard Her­mei­er (FOM Hoch­schu­le Essen,
Rek­tor und Mit­glied der Geschäfts­lei­tung) lie­fer­te Ein­bli­cke
in die Auf­sicht über pri­va­te Hoch­schu­len. Die­se
ergän­zen die Hoch­schul­land­schaft, indem sie sich an
spe­zi­el­le Ziel­grup­pen wen­den, z.B. Stu­die­ren­de, die
berufs­tä­tig sind und blei­ben wol­len, oder Stu­die­ren­de
aus nicht-aka­de­mi­schen Eltern­häu­sern. Pri­va­te Hoch­schu­len
kön­nen daher einen wich­ti­gen Bei­trag zur Aka­de­mi­sie­rung
und zur Behe­bung des Fach­kräf­te­man­gels
leis­ten.
Der pri­va­ten Hoch­schu­le ste­he ein brei­ter Regu­lie­rungs­rah­men
gegen­über. Zum einen habe sie das Hoch­schul­recht
der Bun­des­län­der ein­zu­hal­ten. Pro­ble­ma­tisch
sei hier­bei, dass der Gesetz- bzw. Ver­ord­nungs­ge­ber die
Lage der pri­va­ten Hoch­schu­len oft nicht hin­rei­chend
oder gar nicht berück­sich­ti­ge. Pri­va­te Hoch­schu­len müs­sen
nicht nur die Akkre­di­tie­rung ihres Stu­di­en­an­ge­bots
im Wege der Pro­gramm- oder Sys­te­mak­kre­di­tie­rung
durch­füh­ren. Zusätz­lich sei­en sie, sowohl zur erst­ma­li­gen
als auch zur Ver­län­ge­rung der staat­li­chen Aner­ken­nung,
zu einer auf­wän­di­gen insti­tu­tio­nel­len Akkre­di­tie­rung
ver­pflich­tet. Dane­ben gel­ten für pri­va­te Hoch­schu­len
noch spe­zi­el­le Vor­ga­ben der Bun­des­län­der, z.B. die
Hin­ter­le­gung hoher Bürg­schaf­ten. Wei­ter­hin bin­dend
sei­en die die Trä­ger­in­sti­tu­ti­on der Hoch­schu­le betref­fen­den
gesell­schafts­recht­li­chen Auf­sichts­ver­pflich­tun­gen,
im Fal­le der FOM ins­be­son­de­re die Ein­hal­tung der Gemein­nüt­zig­keits­kri­te­ri­en.
Auch ande­re Rechts­ge­bie­te,
die staat­li­che Hoch­schu­len sel­ten berüh­ren, sei­en zu beach­ten,
z.B. im Bereich Steu­er- oder Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht.
Zudem sei­en vie­le pri­va­te Hoch­schu­len nach
dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz zur Ein­rich­tung eines
Betriebs­rats ver­pflich­tet. Pri­va­te Hoch­schu­len unter­lie­gen
typi­scher­wei­se einer engen Auf­sicht des jewei­li­gen
Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­ums. Beson­ders mar­kan­te Pflich­ten
beträ­fen die jähr­li­chen Lehr- oder For­schungs­be­rich­te
und ggf. die Erfül­lung dar­aus resul­tie­ren­der Auf­la­gen.
In Bezug auf Hoch­schul­ent­wick­lungs­maß­nah­men
gäbe es weit­rei­chen­de Abstim­mungs- und
Geneh­mi­gungs­be­dar­fe.
Wie ein­gangs erwähnt sei beson­ders nach­tei­lig, dass
die Ertei­lung der staat­li­chen Aner­ken­nung typi­scher­wei­se
nur befris­tet und auf der Basis einer insti­tu­tio­nel­len
Akkre­di­tie­rung erteilt wer­de. Das auf­wän­di­ge Ver­fah­ren
wer­de vom Wis­sen­schafts­rat durch­ge­führt. Der
Akkre­di­tie­rungs­pro­zess daue­re ca. andert­halb Jah­re, dabei
wer­den im Fal­le der FOM ca. 130 Per­so­nen der Hoch­schu­le
ange­hört, zudem ein Selbst­be­richt von etwa 100
Sei­ten nebst 7.500 Sei­ten Anhang ein­ge­reicht. Die Kos­ten
des Ver­fah­rens tra­ge die Hoch­schu­le. Auf Basis des Votums
des Wis­sen­schafts­rats spre­che das Land die staat­li­che
Aner­ken­nung und ggf. Auf­la­gen aus. Das Ver­fah­ren
sei in der Grün­dungs­pha­se einer pri­va­ten Hoch­schu­le
im Grund­satz ange­mes­sen und wich­tig, um die Aus­übung
der Wis­sen­schafts­frei­heit abzu­si­chern. Die stän­di­ge
Wie­der­ho­lung des Pro­zes­ses sei aber zu büro­kra­tisch.
Der Wis­sen­schafts­rat habe für die­se insti­tu­tio­nel­len
Ver­fah­ren sehr umfäng­li­che Akkre­di­tie­rungs­leit­fä­den
und Kri­te­ri­en­ka­ta­lo­ge ent­wi­ckelt. Aller­dings
beob­ach­te­te Her­mei­er, dass die­se Maß­stä­be die Inno­va­ti­ons­spiel­räu­me
der pri­va­ten Hoch­schu­len immer wei­ter
ein­schrän­ken und eine Gleich­för­mig­keit der pri­va­ten
und der staat­li­chen Hoch­schu­len zur Fol­ge habe. Pri­va­te
Hoch­schu­len müs­sen jedoch gera­de nicht genau­so orga­ni­siert
sein wie staat­li­che Hoch­schu­len, zumal zur Beur­tei­lung
pri­va­ter Hoch­schu­len die Stan­dards eines Ide­al­bilds
staat­li­cher Hoch­schu­len ange­setzt wer­den, die letz­te­re
selbst in der Rea­li­tät nicht in Gän­ze erfüll­ten.
Pri­va­te Hoch­schu­len bräuch­ten daher eine „Pri­vat­hoch­schul­trä­ger­frei­heit“
als Aus­prä­gung der Wis­sen­schafts­frei­heit
und mehr Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten.
Haa­ke· Gibt es eine ange­mes­se­ne Auf­sicht für Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen? 2 8 5
VI. Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka: Auf­sichts­rä­te im Span­nungs­ver­hält­nis
zwi­schen Wirt­schaft­lich­keit und Wis­sen­schaft
Prof. Dr. Peter Domi­ni­ak (Uni­ver­si­tät zu Lübeck, Prä­si­dent
a.D., Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Düs­sel­dorf, Vor­sit­zen­der
des Auf­sichts­rats a.D.) berich­te­te aus eige­ner Erfah­rung
aus dem Auf­sichts­rat eines Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums.
Die Auf­ga­ben des Auf­sichts­rats sei­en die Bera­tung und
Über­wa­chung des Vor­stands, die Bestel­lung und Ent­las­sung
der Vor­stands­mit­glie­der, die Fest­set­zung der Vor­stands­ge­häl­ter,
die Abstim­mung der Stra­te­gie mit dem
Vor­stand z.B. in Stra­te­gie­sit­zun­gen sowie die Fest­stel­lung
des wirt­schaft­li­chen Jah­res­ab­schlus­ses. Eine der
wich­tigs­ten Auf­ga­ben des Auf­sichts­rats sei die Aus­schus­s­tä­tig­keit,
wel­che die Sit­zun­gen und Ent­schei­dun­gen
des Auf­sichts­rats vor­be­rei­ten.
Die Beset­zung des Auf­sichts­ra­tes lege die­ser in sei­ner
Geschäfts­ord­nung fest. In Düs­sel­dorf sei­en dies die Ver­tre­ter
des Wissenschafts‑, Finanz- und Sozi­al­mi­nis­te­ri­ums,
Rek­tor und Kanz­ler der Uni­ver­si­tät, je zwei exter­ne
Sach­ver­stän­di­ge aus der Wis­sen­schaft und Wirt­schaft,
ein Mit­glied der Pro­fes­so­ren­schaft, die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te
sowie Ver­tre­ter des wis­sen­schaft­li­chen und
nicht­wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nals. Die ver­schie­de­nen
Auf­sichts­rats­mit­glie­der neh­men ver­schie­de­ne Inter­es­sen
zwi­schen Wirt­schaft und Wis­sen­schaft ver­tre­ten
wahr: Das Land ver­fol­ge Inter­es­sen an der Auf­sicht des
Kli­ni­kums und der Finan­zie­rung von For­schung und
Leh­re. Die Uni­ver­si­tät wol­le fakul­täts­über­grei­fen­de For­schung
und Leh­re sicher­stel­len. Die medi­zi­ni­sche Fakul­tät
ver­fol­ge das Ziel exzel­len­ter medi­zi­ni­scher For­schung
und Leh­re, wäh­rend das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Spit­zen­me­di­zin
in Koor­di­na­ti­on mit dem For­schungs­pro­fil und
einem betriebs­wirt­schaft­lich aus­ge­gli­che­nen Ergeb­nis
betrei­ben möch­te. Regel­mä­ßig sei weder im von vie­len
Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka imple­men­tier­ten Public Cor­po­ra­te
Gover­nan­ce Codex (PCGK) noch in der Geschäfts­ord­nung
des Auf­sichts­rats die Wis­sen­schaft als des­sen Inter­es­se
und Schutz­ziel expli­zit the­ma­ti­siert. Eine Schnitt­stel­le
zur Wis­sen­schaft kön­ne aber die Über­wa­chung der
Finanz­strö­me und die Tren­nungs­rech­nung durch den
Auf­sichts­rat sein.
Her­aus­for­de­rung der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka sei, dass neben
For­schung und Leh­re auch die Kran­ken­ver­sor­gung
als Auf­ga­be hin­zu­kom­me. Damit zusam­men­hän­gend
wer­den auch die Finanz­strö­me kom­pli­zier­ter. Die Finan­zie­rung
der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka erfol­ge aus vier Säu­len,
nament­lich der sta­tio­nä­ren Kran­ken­ver­sor­gung, der ambu­lan­ten
Ver­sor­gung, dem Zuschuss für For­schung und
Leh­re und Inves­ti­tio­nen des Lan­des. Ins­be­son­de­re die
Ein­füh­rung des DRG-Sys­tems, eines pau­scha­lier­ten Abrech­nungs­sys­tems
für sta­tio­nä­re Ver­sor­gung durch die
Kran­ken­kas­sen, füh­re des­halb zu nega­ti­ven finan­zi­el­len
Ent­wick­lun­gen der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka. In die­sem Sys­tem
unbe­ach­tet blei­ben aber die Son­der­auf­ga­ben der
Hoch­schul­me­di­zin im Ver­gleich zu ande­ren
Krankenhäusern.14
Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka hät­ten wegen der ver­schie­de­nen
Akteu­re eine so kom­ple­xe und kom­pli­zier­te Uni­ver­si­täts­struk­tur:
Die Uni­ver­si­tät, der Auf­sichts­rat, die Lan­des­re­gie­rung,
der Per­so­nal­rat und die Kran­ken­kas­sen
ver­fol­gen jeweils unter­schied­li­che Inter­es­sen. So wer­de
die Hand­lungs­fä­hig­keit des Vor­stands ein­ge­schränkt. Es
gebe zwar kei­ne idea­le Struk­tur für die Zusam­men­ar­beit
der Akteu­re, den­noch plä­dier­te Domi­ni­ak für eine Struk­tur­ver­ein­fa­chung
und betriebs­wirt­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on
der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka, womög­lich durch Her­aus­lö­sung
aus der Uni­ver­si­tät und Bil­dung medi­zi­ni­scher
Hoch­schu­len, sowie eine Inter­es­sens­ent­flech­tung des
Auf­sichts­rats.
VII. Auf­sicht über außer­uni­ver­si­tä­re For­schungs­ein­rich­tun­gen:
Wel­che Rol­le spie­len Zuwen­dungs­ge­ber?
Dr. Karl-Eugen Huth­ma­cher (Bun­des­mi­nis­te­ri­um für
Bil­dung und For­schung, Minis­te­ri­al­di­rek­tor a.D.) schil­der­te
die Auf­sicht über außer­uni­ver­si­tä­re For­schungs­ein­rich­tun­gen
am Bei­spiel der Helm­holtz Gemein­schaft
(HGF), in deren For­schungs­zen­tren Huth­ma­cher als
Minis­te­ri­al­di­rek­tor Vor­sit­zen­der von sechs Auf­sichts­rä­ten
bzw. Kura­to­ri­en war. Bei der insti­tu­tio­nel­len For­schungs­för­de­rung
neh­me ein Minis­te­ri­um stets eine
Dop­pel­rol­le als Zuwen­dungs­ge­ber und als Auf­sichts­be­hör­de
ein: Als Zuwen­dungs­ge­ber sei es neben der Finan­zie­rung
der Wis­sen­schafts­ein­rich­tung die Auf­ga­be des
Minis­te­ri­ums, die Wis­sen­schafts­ein­rich­tung als Anteils­eig­ner
zu kon­trol­lie­ren und bera­ten. Dabei ver­fol­ge das
Minis­te­ri­um das Ziel, zuwen­dungs­recht­lich nicht zu
bean­stan­den­de Zustän­de her­zu­stel­len, dane­ben aber
auch das all­ge­mei­ne öffent­li­che Inter­es­se wah­ren und im
Dia­log mit der HGF wis­sen­schafts­po­li­ti­sche Zie­le zu
erar­bei­ten. Dane­ben wer­de Auf­sicht über die Helm­holtz-
Zen­tren aus­ge­übt, indem Minis­te­ri­al­be­am­te als
Vor­sit­zen­de in den Auf­sichts­rä­ten und Kura­to­ri­en der
Helm­holtz Zen­tren sit­zen. Bei der HGF, der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on
über den selbst­stän­di­gen Helm­holtz Zen­tren,
bestehe zudem ein Aus­schuss der Zuwen­dungs­ge­ber, der
14 Domi­ni­ak ver­wies zu den Pro­ble­men der Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka auf
Ludwig/Windmann, Tau­meln­de Tan­ker, SPIEGEL v. 30.6.2014.
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mit Ver­tre­tern aus Bund und Län­dern besetzt ist und
for­schungs­po­li­ti­sche Zie­le vor­gibt.
Der Staat kön­ne so sowohl über den Aus­schuss, als finan­zi­el­ler
Zuwen­dungs­ge­ber als auch über die Auf­sichts­gre­mi­en
Ein­fluss auf die Helm­holtz Zen­tren neh­men
und daher das Finanz­ma­nage­ment, die Struk­tur
und inhalt­li­che Aus­rich­tung beein­flus­sen. Huth­ma­cher
kam zu dem Schluss, dass die­se beson­de­re Kon­troll­dich­te
gegen­über der HGF aus den öffent­li­chen Inter­es­sen
resul­tier­te, die die Mis­si­on der HGF durch For­schungs­bei­trä­ge
zur Beant­wor­tung der gro­ßen gesell­schaft­li­chen
Her­aus­for­de­run­gen und den Bau und Betrieb von Groß­ge­rä­ten
berüh­re. Dies sei­en bei­des nicht nur zen­tra­le
Fra­gen der Wis­sen­schaft an sich, son­dern auch der
Wis­sen­schafts­po­li­tik.
Aller­dings müs­se auch die Wis­sen­schafts­frei­heit im
Lich­te die­ser Kon­troll­macht berück­sich­tigt wer­den. Des­halb
gel­te ein gene­rel­les Gebot der Zurück­hal­tung in inhalt­li­chen
Fra­gen, aber auch nach­voll­zieh­ba­re inhalt­li­che
Kri­te­ri­en der For­schung, z.B. die Aus­rich­tung der
Mis­si­on, die Beach­tung grund­le­gen­der rechts­staat­li­cher
und demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en, die Effi­zi­enz und Funk­ti­ons­fä­hig­keit
der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on sowie die
Anfor­de­run­gen aus PCGK. Die Auf­sichts­rats­tä­tig­keit
des Bun­des ver­steht Huth­ma­cher auch als Mitt­ler­rol­le
zwi­schen Poli­tik und Wis­sen­schaft. In der Beset­zung des
Auf­sichts­rats­vor­stands mit höher­ran­gi­gen Minis­te­ri­um­s­be­am­ten
bestehe die Mög­lich­keit, Kon­flik­te zu lösen,
da eine Ver­trau­ens­ba­sis sowohl in Bezie­hung zur
Minis­te­ri­ums­spit­ze als auch zum Prä­si­den­ten der HGF
bestehe. Kon­flik­te ent­stün­den durch unter­schied­li­che
Erwar­tungs­hal­tun­gen zwi­schen Wis­sen­schaft und Poli­tik.
Außer­dem bestehe Kon­flikt­po­ten­zi­al dort, wo Gren­zen
der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der ein­zel­nen For­schungs­zen­tren
ent­ste­hen, sodass es zu inter­nen Kon­flik­te etwa
zu finan­zi­el­len Res­sour­cen und zu sin­gu­lä­rer Inter­es­sen­wahr­neh­mung
in oder zwi­schen den ein­zel­nen Zen­tren
kommt. Die Erfolgs­fak­to­ren eines gelin­gen­den Zusam­men­spiels
zwi­schen Wis­sen­schaft und Poli­tik sei­en ein
kla­res Rol­len­ver­ständ­nis ange­sichts der unter­schied­li­chen
Logi­ken zwi­schen Poli­tik und Wis­sen­schaft.
VIII. Wel­che Auf­sicht ist für Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
ange­mes­sen?
Die abschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on mode­rier­te Wis­sen­schafts­jour­na­list
Dr. Jan-Mar­tin Wiar­da. Es dis­ku­tier­ten
Prof. Dr. Frank Dell­mann (FH Müns­ter, Prä­si­dent),
Dr. Tho­mas Grü­ne­wald (Hoch­schu­le Nie­der­rhein,
Prä­si­dent, Staats­se­kre­tär im Minis­te­ri­um Wis­sen­schaft
und For­schung NRW a.D.), Prof. Dr. Georg Krausch
(Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz, Prä­si­dent) und
Prof. Dr. Frank Zie­ge­le (Hoch­schu­le Osna­brück, Pro­fes­sor
für Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­ma­nage­ment,
CHE, Geschäfts­füh­rer).
Nach Dell­mann ist die Auf­sicht über Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
ange­mes­sen, wenn ein Aus­gleich zwi­schen
Wis­sen­schafts­frei­heit und der nöti­gen Kon­trol­le
statt­fin­de. Im Spe­zi­el­len zei­ge sich aber schon am Pro­gramm
der Tagung, dass auf­grund der Hete­ro­ge­ni­tät der
Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen nicht eine ein­zi­ge ange­mes­se­ne
Auf­sicht bestehe. Auch zwi­schen den Fach­hoch­schu­len
müs­se für die­se Beur­tei­lung zwi­schen Trä­ger,
Grö­ße oder Pro­fil der Hoch­schu­le dif­fe­ren­ziert wer­den.
Krausch dif­fe­ren­zier­te zur Beant­wor­tung der Fra­ge nach
den For­men der Auf­sicht. Die Ange­mes­sen­heit der
Rechts­auf­sicht und Finanz­auf­sicht könn­ten insti­tu­tio­nen­über­grei­fend
gleich beant­wor­tet wer­den. Die not­wen­di­ge
inhalt­li­che Steue­rung unter­schei­de sich jedoch
zwi­schen den ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen.
Nach Ansicht Zie­ge­les sei ins­be­son­de­re das alte Modell
der staat­li­chen Fach­auf­sicht mit der Detail­kon­trol­le
und Steue­rung ein­zel­ner Pro­zes­se für Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
nicht ange­mes­sen. Statt eine insti­tu­tio­nen­über­grei­fen­de
Ange­mes­sen­heit der Auf­sicht fest­zu­le­gen,
gebe es Prin­zi­pi­en, die für die Auf­sicht über alle Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
gel­ten, wie etwa die Wider­spruchs­frei­heit
eines Auf­sichts­mo­dells. Ins­be­son­de­re ange­sichts
der ver­schie­de­nen Akteu­re bei der Auf­sicht benö­ti­gen
Auf­sichts­maß­nah­men ein Min­dest­maß an Kon­sis­tenz,
da ansons­ten die Hand­lungs­fä­hig­keit der Wis­sen­schafts­ein­rich­tung
ein­ge­schränkt sei. Wäh­rend also die­sel­ben
Grund­prin­zi­pi­en für die Auf­sicht über alle Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
gel­ten, sei­en je nach Ein­rich­tung
unter­schied­li­che Detail­re­ge­lun­gen der Auf­sicht
erfor­der­lich.
Inwie­weit Minis­te­ri­ums­ver­tre­ter Mit­glie­der der
Hoch­schul- oder Auf­sichts­rä­te sein soll­ten und wie ihre
Rol­le dort aus­zu­ge­stal­ten sei, schätz­te Grü­ne­wald dif­fe­ren­ziert
nach den ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen ein: In
den Hoch­schul­rä­ten sei die Rol­le mit Zurück­hal­tung als
die eines Beob­ach­ters wahr­zu­neh­men, wäh­rend in den
Auf­sichts­rä­ten außer­uni­ver­si­tä­rer For­schungs­ein­rich­tun­gen
eine stär­ke­re inhalt­li­che Ein­fluss­nah­me und
Kon­trol­le gebo­ten sei. Dies sei, wie auch bei Huth­ma­cher
dar­ge­stellt, von der Mis­si­ons­bin­dung und dem Inves­ti­ti­ons­be­darf
der Orga­ni­sa­ti­on abhän­gig. Der Dif­fe­ren­zie­rung
stimm­te auch Zie­ge­le zu, warf jedoch Zwei­fel an der
Eig­nung der Hoch­schul­rä­te als Aus­tausch­fo­rum zwi­schen
Hoch­schu­le und Minis­te­ri­um auf, da sich die AnHaa­ke
· Gibt es eine ange­mes­se­ne Auf­sicht für Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen? 2 8 7
wesen­heit von Minis­te­ri­ums­ver­tre­tern restrin­gie­rend
auf die Dis­kus­sio­nen im Hoch­schul­rat aus­wir­ken kön­ne.
Dies beob­ach­te­te auch Dell­mann, zumal der Rol­len­wech­sel
im Hoch­schul­rat vom Minis­te­ri­ums­ver­tre­ter
zum im Inter­es­se der Hoch­schu­le agie­ren­den Hoch­schul­rats­mit­glied
in der Pra­xis oft miss­lin­ge. Kon­flik­te
im Hoch­schul­rat könn­ten auch ent­ste­hen, wenn Ange­hö­ri­ge
der Hoch­schu­le als Mit­glie­der des Hoch­schul­rats
die Auf­sicht über das Prä­si­di­um aus­üb­ten, der Prä­si­dent
aber gleich­zei­tig auch die Dienst­auf­sicht über die Hoch­schul­an­ge­hö­ri­gen
inne­ha­be. Der Erfolg der Auf­sicht sei
in Anbe­tracht mög­li­cher sol­cher Kon­flikt­fel­der sowohl
von den geschaf­fe­nen Struk­tu­ren als auch den ein­zel­nen
Pro­zes­sen oder Per­so­nen abhän­gig.
In Bezug auf Dritt­mit­tel­pro­jek­te und die Steue­rung
der Hoch­schu­len durch Pro­gram­me sah Grü­ne­wald ins­be­son­de­re
die Grund­fi­nan­zie­rung und die Dritt­mit­tel­fi­nan­zie­rung
der Hoch­schu­len außer Ver­hält­nis. Eine Lösung
könn­te die Über­füh­rung der Dritt- oder Zweit­mit­tel
in die Grund­fi­nan­zie­rung sein. Krausch beob­ach­te­te
oft eine hohe Detail­schär­fe im Rah­men von staat­li­chen
Pro­gram­men, die auf begrenz­te Zeit Zweit­mit­tel bereit­stel­len,
sodass im Rah­men die­ser detail­lier­ten Ziel­vor­ga­ben
kaum Hoch­schul­au­to­no­mie gege­ben sei. Es bestehe
in die­ser Hin­sicht ein Wider­spruch zwi­schen dem erklär­ten
Rück­zug aus der detail­lier­ten Fach­auf­sicht des
Staa­tes einer­seits und klein­tei­li­gen inhalt­li­chen Vor­ga­ben
der Pro­gram­me ande­rer­seits.
Karo­li­ne Haa­ke ist als Dok­to­ran­din am Insti­tut für
Inter­na­tio­na­les Recht, Lehr­stuhl für Öffent­li­ches Recht,
Völ­ker- und Euro­pa­recht an der Leib­niz Uni­ver­si­tät
Han­no­ver tätig.
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