Menü Schließen
Klicke hier zur PDF-Version des Beitrags!

Seit dem 24.2.22 herrscht wie­der Krieg in Euro­pa und Krieg ist erkenn­bar für Dik­ta­to­ren wie­der ein Mit­tel der Poli­tik. Mit die­ser „Zei­ten­wen­de“ sind Ver­tei­di­gung und Bun­des­wehr wie­der pri­mä­re Staats­zie­le und statt Aus­lands­ein­sät­ze für Frie­dens­mis­sio­nen sind plötz­lich Bünd­nis- und Hei­mat­ver­tei­di­gung rea­lis­ti­sche Sze­na­ri­en, auf die Poli­tik und Bun­des­wehr mate­ri­ell und men­tal vor­be­rei­tet sein müs­sen. Neben zahl­rei­chen ande­ren Aspek­ten steht damit auch die Offi­zier­aus­bil­dung im Fokus.

  1. Die Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr heu­te
    Kern­ele­ment der deut­schen Offi­zier­aus­bil­dung ist das zivi­le Offi­zier­stu­di­um an den Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr, zitiert UniBw.1 Die­se – Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr/Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät Ham­burg, HSU-HH, und die Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen, UniBwM – sind von den Sitz­län­dern aner­kann­te Hochschulen.2 Sie sind nach Grö­ße, Niveau und Anspruch die „Flagg­schif­fe“ eines wei­te­ren, spe­zi­el­len Astes im Sys­tem der ter­tiä­ren Bil­dung, näm­lich für staat­lich getra­ge­ne, (nur) für ein bestimm­tes Aus­bil­dungs­ziel und einen bestimm­ten Per­so­nen­kreis kon­zi­pier­te staat­li­che Hoch­schu­len (Bedarfs‑, Ressorthochschulen).3
    Die Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Ham­burg, seit 2003 Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät, zitiert HSU-HH, hat rund 2 500 Studierende,4 davon fast 500 Frau­en, fast 100 Bediens­te­te, davon 1/3 wis­sen­schaft­li­ches Per­so­nal, über 100 Pro­fes­so­ren und rund 180 Dritt­mit­tel­be­diens­te­te. Der Jah­res­haus­halt beträgt rund 110 Mio. EUR sowie 13,6 Mio. Dritt­mit­tel. Sie umfasst vier Fakul­tä­ten; der Schwer­punkt liegt bei den Fakul­tä­ten für Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten sowie für Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­te­jo­nasn mit jeweils fast 40% der Stu­die­ren­den. Dem­ge­gen­über ist die Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen, zitiert UniBwM, „Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät“ mit fast 3 700 Stu­die­ren­den, davon ins­ge­samt über 600 Frau­en. Rund 800 stu­die­ren in Fach­hoch­schul­stu­di­en­gän­gen, womit die UniBwM als „koope­ra­ti­ve Gesamt­hoch­schu­le“ zu klas­si­fi­zie­ren ist. Sie umfasst 10 Fakul­tä­ten, davon sie­ben uni­ver­si­tä­re und drei im Bereich ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten (Fach­hoch­schul-Fakul­tä­ten). Neben auch fast 48% Stu­die­ren­de in den Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten bil­den hier Inge­nieur­wis­sen­schaf­ten und Infor­ma­tik mit über 46% einen wei­te­ren Schwer­punkt. Als Allein­stel­lungs­merk­mal bestehen luft-und raum­fahrt­tech­ni­sche sowie Cyber-Stu­di­en­gän­ge. Der Jah­res­haus­halt beträgt rund 135 Mio. EUR, davon 30 Mio., also etwa 22%, Drittmittel.
  2. Rah­men­be­din­gun­gen, Moti­ve und Vor­ga­ben
    a) Eck­punk­te der Offi­zier­aus­bil­dung
    Da der Offi­zier kämp­fen kön­nen, sich auch in extre­men kör­per­li­chen und psy­chi­schen Stress­si­tua­tio­nen bewäh­ren, Ver­ant­wor­tung für ver­gleichs­wei­se vie­le Anver­trau­te tra­gen und not­falls sein Leben ein­set­zen muss, bleibt Offi­zier trotz aller Aus­dif­fe­ren­zie­rung und Annä­he­rung an zivi­le Berufs­bil­der ein „Beruf sui gene­ris“, dem auch Aus­wahl und Aus­bil­dung Rech­nung tra­gen müssen.5 Das Adels­pri­vi­leg, gleich­sam qua Geburt für den Offi­zier­be­ruf prä­de­sti­niert zu sein, hat sich mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und den Refor­men in Deutsch­land, vor allem Preu­ßen, in zwei Rich­tun­gen geöff­net, näm­lich für Nicht-Ade­li­ge sowie dem Bedürf­nis nach (mili­tär)
    1 Zur Ver­tie­fung sei ins­be­son­de­re hin­ge­wie­sen auf das Gut­ach­ten der Bil­dungs­kom­mis­si­on 1971 „Neu­ord­nung der Aus­bil­dung und Bil­dung in der Bun­des­wehr“, zitiert Gut­ach­ten; Tho­mas Ellwein/Achatz von Müller/Harro Plan­der, Hoch­schu­le der Bun­des­wehr zwi­schen Aus­bil­dungs- und Hoch­schul­re­form,
    1974, zitiert Ellwein/Müller/Plander; Kurz­fas­sung und gewis­ser­ma­ßen authen­ti­sche Beschrei­bung Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung, Die Hoch­schu­len der Bun­des­wehr, 1974, zitiert BMVg, Hoch­schu­len, sowie auf die Mono­gra­phien Chris­tia­ne Reu­ter-Boy­sen, Vor­rei­ter für die Hoch­schul­re­form?, 1995, zitiert Reu­ter-Boy­sen; Andrea von Schroe­ders, Stu­dent und Sol­dat, Das Stu­di­um zwi­schen Dienst­pflicht und aka­de­mi­scher Frei­heit an den Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr, 2007, zitiert von Schroe­ders; Tho­mas Georg Wei­se, Die Hoch­schu­le der Bun­des­wehr Ham­burg 1979, zitiert Wei­se; Joa­chim Welz, Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr, 2021, zitiert Welz.
    2 S. u. bei Fn. 33.
    3 Abzu­gren­zen von den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten mit umfas­sen­dem öffent­li­chem Bil­dungs­auf­trag einer­seits und „Spar­ten­hoch­schu­len“, die nur ein fokus­sier­tes Fächer­spek­trum vor­hal­ten, ande­rer­seits; s. zu Arten und Abgren­zun­gen s.u. bei Fn. 52 und 71 ff.
    4 Zah­len­an­ga­ben für bei­de UniBw https://rancing.zeit.de/che/de/hochschule/66 bzw.36 sowie Inter­net-Prä­sen­ta­tio­nen der Hoch­schu­len.
    5 Krie­ger, die kämp­fen und auch töten müs­sen, Söhn­ke Neit­zel, Deut­sche Krie­ger, 2020, Umschlags­text, zitiert Neit­zel; vgl. die Kli­max gemein­nüt­zi­ger, gefähr­li­cher bzw. zur Gewalt­aus­übung ver­pflich­te­ter Beru­fe Feu­er­wehr, Poli­zei, Mili­tär.
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2022, ISSN 2197–9197
    Joa­chim Welz
    Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr -
    50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess
    1 5 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    6 Von Scharn­horst 1810 als „Höhe­re Kriegs­schu­le“ gegrün­det, seit
    1859 Kriegs­aka­de­mie; Spitz­na­me der Gene­ral­stabs­of­fi­zie­re „Halb­göt­ter“
    (Bis­marck); inter­na­tio­na­le Bei­spie­le Welz, S. 25.
    7 Rein­hard-Kur­se nach dem Kriegs­mi­nis­ter Rein­hard (auch zur
    Umge­hung der durch den Wei­ma­rer Ver­trag ver­bo­te­nen Gene­ral­stabs­aus­bil­dung),
    Theo­dor Heuss war einer der Leh­rer; Gesetz­ent­wurf
    der Frank­fur­ter Natio­nal­ver­samm­lung über die deut­sche
    Wehr­ver­fas­sung, Art. XI, § 60.
    8 Geburts­tag von Scharn­horst, Motor und Reprä­sen­tant der
    Refor­men von 1806 ff, Prot­ago­nist des „gebil­de­ten Offi­ziers“ und
    des­halb gleich­sam zum „Patron“ des „neu­en“ Mili­tärs bestimmt.
    9 Gut­ach­ten, Tz 17; Neit­zel, S. 289; Reu­ter-Boy­sen, S. 9, 14 f; Welz, S.
    29 ff.
    10 Der Grün­dungs­vor­gang hat also in den Jah­ren 2020 bis 2023
    gewis­ser­ma­ßen 50-jäh­ri­ges Jubi­lä­um
    11 Kon­kret 124 Maß­nah­men, dar­un­ter 36 Ände­run­gen an 21 Geset­zen
    und die Ände­rung von 88 Ver­ord­nun­gen.
    12 Zurück­ge­kehr­te Offi­zie­re, die in der Nach­kriegs­zeit für eine zivi­le
    Kar­rie­re stu­diert hat­ten, Ärz­te, Apo­the­ker, Vete­ri­nä­re, für die die
    Bun­des­wehr Stu­di­en­plät­ze im Zulas­sungs­ver­fah­ren reser­viert hat,
    Offi­zie­re, die die Bun­des­wehr zum Stu­di­um der von ihr spe­zi­ell
    benö­tig­ten Fächer an zivi­le Uni­ver­si­tä­ten ent­sen­det (typisch
    Inge­nieu­re und Natur­wis­sen­schaft­ler), Lauf­bahn- und Beför­de­rungs­pri­vi­le­gi­en
    für Bewer­ber, die in ande­ren benö­tig­ten Fächern
    bereits ein zivi­les Stu­di­um absol­viert haben und schließ­lich
    Umwand­lung von tech­ni­schen Schu­len in bun­des­wehr­ei­ge­ne
    Fach­hoch­schu­len.
    13 Bis hin zu den aka­de­mi­schen Gra­den Dipl.-Mil., Dr. rer mil.
    wis­sen­schaft­li­cher Bil­dung. Für Rekru­tie­rung und Selek­ti­on
    des Offi­zi­er­nach­wuch­ses war tra­di­tio­nell das „Auf­stiegs­mo­dell“
    domi­nant, d.h. Ein­tritt als Rekrut, und
    „von der Pike auf “ durch Bewäh­rung in der jewei­li­gen
    Funk­ti­on Beför­de­rung ide­al­ty­pisch bis zum Gene­ral. Es
    setz­te sich aber als­bald die Auf­fas­sung durch, dass dies
    nicht aus­rei­chend sei und es über­durch­schnitt­li­cher
    Intel­li­genz – es wur­de ange­strebt, das Abitur trotz der
    damals stren­gen Selek­ti­on als Regel­vor­aus­set­zung
    durch­zu­set­zen – und spe­zi­el­ler Aus­bil­dungs­ein­rich­tun­gen
    bedür­fe. Dabei waren in den grund­le­gen­den Fra­gen
    zur Aus­rich­tung – Kämp­fer oder Bil­dung? Spe­zia­list
    oder Gene­ra­list? prak­ti­sche, mili­tär­fach­li­che oder wis­sen­schaft­li­che
    Kom­po­nen­ten? die alle in der Offi­zier­aus­bil­dung
    ent­hal­ten sind und wobei sich die Begriffs­paa­re
    kei­nes­wegs aus­schlie­ßen – Kom­pro­mis­se zu fin­den.
    Typisch waren waf­fen­gat­tungs­be­zo­ge­ne Trup­pen­schu­len
    ohne wis­sen­schaft­li­chen Anspruch; dane­ben wur­den
    aber spe­zi­el­le Aka­de­mien für die Aus­bil­dung höhe­rer,
    ins­be­son­de­re der Gene­ral­stabs­of­fi­zie­re, gegrün­det, unter
    denen die preu­ßi­sche Kriegs­aka­de­mie ein beson­de­res
    Niveau und inter­na­tio­na­len Ruf erlangt hat.6 Die Offi­zier­aus­bil­dung,
    ihre Orga­ni­sa­ti­on und die Aus­bil­dungs­stät­ten
    waren dabei streng in der Hand des Mili­tärs.
    Dane­ben gab es aber auch inter­es­san­te zivi­le Bil­dungs­an­sät­ze
    wie die For­de­rung der Pauls­kir­chen­ver­samm­lung,
    für das „höhe­re mili­tä­ri­sche Stu­di­um“ an zivi­len
    Uni­ver­si­tä­ten „Lehr­stüh­le der Kriegs­wis­sen­schaft“
    zu errich­ten, sowie die hoch­ran­gi­gen „Füh­rer­ge­hil­fen­kur­se“
    an Uni­ver­si­tä­ten in der Wei­ma­rer Republik.7
    War im Kai­ser­reich der Offi­zier „der ers­te Stand im
    Staa­te“, wur­de nach den ver­lo­re­nen Welt­krie­gen, ins­be­son­de­re
    der tota­len Nie­der­la­ge 1945, das Ver­trau­en in
    das Mili­tär und das Image des Offi­ziers nach­hal­tig erschüt­tert,
    was sich nach 10 ½ Jah­ren mili­tär­lo­ser Zeit von
    der Grün­dung der Bun­des­wehr am 12. Novem­ber 19558
    im Grun­de bis heu­te nega­tiv aus­wirkt. Dies führ­te in den
    spä­ten Sech­zi­ger­jah­ren zu einer tie­fen Kri­se: Der Men­ta­li­täts­wan­del
    der Gesell­schaft – post­he­roi­sches Zeit­al­ter –
    führ­te zu poli­tisch-mora­li­schen Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­men
    der Bun­des­wehr. Der mili­tä­risch-indus­tri­el­le Kom­plex
    wur­de eben­so wenig beherrscht wie inne­re Pro­ble­me.
    Bei den Abitu­ri­en­ten wuchs die Quo­te der
    Wehr­dienst­ver­wei­ge­rer auf über 50% an und zeig­te die
    Ent­frem­dung von Mili­tär und intel­lek­tu­el­len Schich­ten.
    Hier­aus ergab sich bei der Bun­des­wehr schließ­lich ein
    Fehl von 6 000 Offi­zie­ren, wobei das schlimms­te Defi­zit
    bei län­ger die­nen­den Zeit­of­fi­zie­ren bestand.9 Ver­stärkt
    wur­de dies durch die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen
    Ver­än­de­run­gen wie Wer­te­wan­del, Refor­meu­pho­rie mit
    dem Ruf nach Bil­dungs­re­form mit „Öff­nung“ der Gym­na­si­en
    und Hoch­schu­len. Die­se Auf­bruchs­stim­mung
    über­trug die neue sozi­al­li­be­ra­le Regie­rung Brandt/
    Schmidt in Refor­men auch für die Bun­des­wehr. Initi­al
    hier­für war das Weiß­buch vom Mai 1970.10 Dies ana­ly­sier­te
    die Män­gel und Defi­zi­te und sah tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen
    und Refor­men vor.11 Abso­lu­te Schwer­punk­te
    soll­ten dabei die Reform von Aus­bil­dung und Bil­dung
    sowie die eng damit zusam­men­hän­gen­de Attrak­ti­vi­tät
    der Zeit­of­fi­zier­lauf­bahn sein.
    Im Trend von Öff­nung, Refor­meu­pho­rie und Bil­dungs­wel­le
    woll­ten zwi­schen 80 und 90% der Ober­schü­ler
    stu­die­ren, und die gro­ße Mehr­heit der Inter­es­sen­ten
    für Län­ger­die­nen­de oder Berufs­of­fi­zie­re woll­te ohne
    Stu­di­um nicht zur Bun­des­wehr, so dass sich ohne Stu­di­um
    das Per­so­nal­re­ser­voir auf die­se Min­der­heit beschränkt
    hät­te. Dem genüg­ten die rudi­men­tä­ren Ansät­ze
    der Bun­des­wehr für Stu­di­um und wis­sen­schaft­li­che
    Aus­bil­dung nicht.12 Auch gegen­über ande­ren ver­gleich­ba­ren
    Arme­en war die Bun­des­wehr zurück­ge­fal­len. Die
    wich­tigs­ten NATO-Part­ner hat­ten inzwi­schen die Offi­zier­aus­bil­dung
    auf B.A. — Niveau ange­ho­ben und im Ost­block
    hat­te das Stu­di­um auf den Mili­tär­hoch­schu­len
    wis­sen­schaft­li­chen Rang.13 Es war damit not­wen­dig,
    auch für die Offi­zier­au­sil­dung der Bun­des­wehr ein aka­de­mi­sches
    Stu­di­um vor­zu­se­hen, in der deut­schen Mili­tär­tra­di­ti­on
    eine „koper­ni­ka­ni­sche Wen­de“. Es soll­te sich
    um ein zivi­les Pflicht­stu­di­um für alle Berufs­of­fi­zie­re und
    Welz · Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr — 50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess 1 5 7
    14 Die Grund­zü­ge wur­den von der Bil­dungs­kom­mis­si­on beim
    Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung, bestehend aus zwölf Mili­tärs
    aller Dienst­gra­de und zwölf zivi­len Exper­ten aus Wis­sen­schaft,
    Wirt­schaft und Ver­wal­tung unter dem Vor­sitz von Prof. Tho­mas
    Ell­wein im Mai 1971 ver­öf­fent­licht; Gut­ach­ten zur Neu­ord­nung
    der Aus­bil­dung und Bil­dung in der Bun­des­wehr, s. Fn 1.
    15 In Kai­ser­reich und Wei­ma­rer Repu­blik waren die Offi­zie­re
    grund­sätz­lich Berufs­of­fi­zie­re mit einer Dienst­zeit von 25 Jah­ren,
    aber ab 10 Jah­ren konn­ten sie bereits mit lebens­lan­gen Pen­si­ons­an­sprü­chen
    aus dem Mili­tär­dienst aus­schei­den, § 3 Abs. 2 des
    Geset­zes über die Abschaf­fung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht und
    die Rege­lung der Dau­er der Dienst­ver­pflich­tung vom 19.8.1920.
    16 Ab zwei Jah­ren, wobei i.d.R. der Reser­ve­of­fi­zier­sta­tus erstrebt
    und erreicht wird, bis zu 25 Jah­ren Ober­gren­ze, wobei dann aber
    der Wech­sel in den Anschluss­be­ruf ent­spre­chend schwie­ri­ger
    wird.
    17 Gut­ach­ten, Tz 54; BMVg, Hoch­schu­len, S. 2.
    18 Ent­wi­ckelt vom „wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut Erzie­hung und
    Bil­dung in den Streit­kräf­ten“ mit Beto­nung der „Par­ti­zi­pa­ti­on als
    Lern­ziel“, Welz, S. 75 f m.w.N.
    län­ger die­nen­den Zeit­of­fi­zie­re han­deln, das dem Stu­di­um
    an den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten gleich­wer­tig sein und
    den (Zeit)Offizier zu einem aka­de­mi­schen Berufs­bild
    machen sollte.14
    b) Das Offi­zier­stu­di­um an den UniBW
    Im Per­so­nal­we­sen des Mili­tärs stellt sich das grund­sätz­li­che
    Pro­blem, dass – bei der not­wen­di­gen hier­ar­chi­schen
    Per­so­nal­struk­tur – der höchs­te Bedarf an jun­gen
    Offi­zie­ren – Zug­füh­rer (Leut­nan­te) und Kom­pa­nie­chefs
    (Haupt­leu­te) — besteht, wäh­rend bei älte­ren, Stabs­of­fi­zie­ren,
    vom Major auf­wärts, im Frie­den „eigent­lich“ zu vie­le
    vor­han­den sind und damit Beför­de­rungs­staus und
    Über­al­te­rung dro­hen, wenn die „jun­gen“ Offi­zie­re zu
    lan­ge im Dienst blei­ben. Die Bun­des­wehr ver­sucht das
    Pro­blem zu lösen, indem sie auf das Leit­bild des Zeit­of­fi­ziers
    setzt. So kön­nen nur 20% der Offi­zier­an­wär­ter
    Berufs­of­fi­zie­re wer­den, wäh­rend 80% die Bun­des­wehr
    nach Ablauf ihrer Ver­pflich­tungs­zeit ver­las­sen müssen.15
    Das erfor­dert für die Offi­zie­re eine Dop­pel­mo­ti­va­ti­on,
    für den Offi­zier­be­ruf sowie für den anschlie­ßen­den
    Zivil­be­ruf, sowie Zuver­sicht und Selbst­ver­trau­en, in bei­dem
    erfolg­reich zu sein. Auch wenn kür­ze­re und län­ge­re
    Ver­pflich­tungs­zei­ten mög­lich sind,16 ist das Leit­bild der
    Bun­des­wehr auf den Zeit­of­fi­zier mit damals 12, heu­te 13
    Jah­ren Dienst­zeit aus­ge­rich­tet. Die­se sind damit die typi­sche
    Ziel­grup­pe für das Offi­zier­stu­di­um. Sie sind bereits
    Offi­zie­re i.S.d. Sol­da­ten­ge­set­zes und bezie­hen Gehalt,
    womit die Bun­des­wehr das Stu­di­um finan­ziert, aber
    erwar­tet, dass ihr die Absol­ven­ten als aka­de­misch aus­ge­bil­de­te
    Offi­zie­re als Füh­rer und Aus­bil­der in der Ver­pflich­tungs­zeit
    mög­lichst lan­ge zur Ver­fü­gung ste­hen.
    Des­halb muss das Stu­di­um kurz und bedarfs­ori­en­tiert
    sein und gegen­über dem Stu­di­um an Lan­des­uni­ver­si­tä­ten
    grund­le­gen­de Beson­der­hei­ten, vor allem eine Effi­zi­enz­stei­ge­rung,
    auf­wei­sen. Es ist des­halb nach fol­gen­den
    Para­me­tern konzipiert:17 Voll­wer­ti­ges Stu­di­um mit
    zivi­len, all­ge­mein aner­kann­ten Hoch­schul­gra­den, d.h.
    heu­te Mas­ter als Regel­ab­schluss, und einer Stu­di­en­zeit
    bis zum M. A. von vier Jah­ren. Dies wird ermög­licht
    durch
    – ein Tri­mes­ter-Sys­tem,
    – ein spe­zi­el­les Stu­di­en­kon­zept mit Stu­di­um in Klein­grup­pen
    bei einer traum­haf­ten Dozen­ten – Stu­den­ten-
    Rela­ti­on, sowie inten­si­ver indi­vi­du­el­ler Bera­tung
    und Betreu­ung,
    – opti­ma­le Wohn- und Arbeits­be­din­gun­gen durch
    Cam­pus-Orga­ni­sa­ti­on und Unter­brin­gung in Ein­zel­zim­mern
    sowie
    – wirt­schaft­li­che und sozia­le Siche­rung durch vol­les
    Gehalt und Ver­güns­ti­gun­gen wie frei­er Heils­für­sor­ge.
    Doch auch inhalt­lich weist das Offi­zier­stu­di­um Beson­der­hei­ten
    auf:
    – auf den Bedarf der Bun­des­wehr aus­ge­rich­te­tes ein­ge­schränk­tes
    Fächer­spek­trum;
    – spe­zi­el­le Curricula18 für das ver­kürz­te Stu­di­um und
    den Dua­lis­mus mit den mili­tä­ri­schen Anforderungen;
  • zum Erler­nen der spe­zi­el­len Men­schen­füh­rung
    – Offi­zier als Füh­rer, Aus­bil­der, Erzie­her — in
    allen Stu­di­en­gän­gen inte­grier­te päd­ago­gi­sche und
    sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Kom­po­nen­te (erzie­hungsund
    gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­ches Anleit­stu­di­um,
    EGA);
    – erheb­li­che Pflicht­an­tei­le Spra­chen und Sport und
    – Sicher­stel­lung einer mili­tä­ri­schen Rest-Kom­po­nen­te:
    So fin­det an einem Nach­mit­tag in der Woche eine
    all­ge­mei­ne mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung, AMA, im
    Kampf­an­zug, statt (Gefechts­schie­ßen, Mar­schie­ren,
    ABC- und San-Aus­bil­dung sowie ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche
    und mili­tä­ri­sche Vor­trä­ge) und
    – nicht ver­pflich­tend, aber erwünscht und nütz­lich
    sind regel­mä­ßi­ge mili­tä­ri­sche „Prak­ti­ka“ (Wehr­übun­gen).
    Trotz ent­spre­chen­der Ange­bo­te aus dem Uni­ver­si­täts­be­reich
    und gegen brei­ten Wider­stand war damals
    wie heu­te klar, dass sol­che spe­zi­fi­schen Stu­di­en­gän­ge
    nicht an den all­ge­mei­nen staat­li­chen Hoch­schu­len errich­tet
    wer­den konn­ten, die sich mit Über­las­tung, NC,
    feh­len­der Per­so­nal- und Sach­aus­stat­tung und (über)langen
    Stu­di­en­zei­ten, seit 1968 immer wie­der auf­fla­ckern­den
    Stu­den­ten­un­ru­hen und Wehr­feind­lich­keit des aka1
    5 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    19 Gegen hef­ti­ge Kri­tik fast aller Kul­tus­mi­nis­ter, der WRK, der Bun­de­s­as­sis­ten­ten­kon­fe­renz
    und star­ker Kräf­te in Minis­ter Schmidts
    eige­ner Par­tei, s. Welz, Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr, S. 42 fm. w.
    N.
    20 Grün­de waren die an bei­den Stand­or­ten zahl­reich vor­han­de­nen
    Aus­bil­dungs­stät­ten und Lie­gen­schaf­ten sowie die „gerech­te“
    Ver­tei­lung auf A- und B‑Länder, was natür­lich Tak­tik war, aber
    auch einen „Auf­hän­ger“ in Art. 36 Abs. 2 GG hat.
    21 Tra­di­tio­nell Heer, Luft­waf­fe, Mari­ne; Kata­log inzwi­schen erwei­tert
    und durch den Begriff „Dimen­sio­nen“ über­la­gert.
    22 Beim Heer: Infan­te­rie, Pan­zer­trup­pe, Artil­le­rie, Pio­nie­re,
    Fern­mel­der, Tech­ni­sche Trup­pe (Logis­tik), um nur die größ­ten
    zu nen­nen; bei Luft­waf­fe und Mari­ne statt­des­sen dif­fe­ren­zier­te
    Ver­wen­dungs­be­rei­che.
    23 Die Dau­er des Vor­lau­fes war lan­ge umstrit­ten, weil ins­be­son­de­re
    das Heer mehr Fach­kennt­nis­se vor­aus­set­zen woll­te und jun­ge Offi­zie­re
    drin­gend für den All­tags­be­trieb benö­tigt und des­halb auf
    län­ge­ren Vor­lauf drängt, was aber für Stu­di­um, Attrak­ti­vi­tät der
    Lauf­bahn und Gleich­be­hand­lung der Teil­streit­kräf­te kon­tra­pro­duk­tiv
    ist.
    24 Wobei die Chan­ce, ins Wunsch­fach zu kom­men, von jewei­li­ger
    Bewer­ber­zahl, Zahl der Stu­di­en­plät­ze, Kon­tin­gen­ten der Teil­streit­kräf­te
    abhängt, aber ins­ge­samt sehr groß ist; bei Pro­ble­men
    haben leis­tungs­stär­ke­re Bewer­ber aller­dings mehr Chan­cen
    und es kom­men auch Fäl­le vor, wo Bewer­ber die Teil­streit­kraft
    wech­seln, um auf dem Kon­tin­gent der Neu­en doch noch das
    Wunsch­stu­di­um zu ergat­tern.
    25 Ziel des Offi­zier­stu­di­ums ist auch nicht die aka­de­mi­sche
    Fach­aus­bil­dung für kon­kre­te Berufs­bil­der, son­dern gene­rell der
    aka­de­misch gebil­de­te Offi­zier!
    26 Erst in höhe­ren Stä­ben und prak­tisch nur bei Berufs­of­fi­zie­ren
    kann das Tätig­keits­feld durch aka­de­mi­sche Anfor­de­run­gen
    geprägt sein.
    27 Euphe­mis­tisch „Dua­le Kar­rie­re“, erfor­der­li­che Dop­pel­mo­ti­va­ti­on
    und zwei­fa­che Berufs­wahl, was sonst eigent­lich nur noch bei
    Leis­tungs­sport­lern vor­kommt, Welz, S. 56, 216.
    demi­schen Milieus her­um­schla­gen muss­ten. Für die Anfor­de­run­gen
    der Offi­zier­aus­bil­dung bedurf­te es des­halb
    spe­zi­el­ler, bun­des­wehr­ei­ge­ner Hochschulen,19 wofür
    als­bald die Grün­dung von zwei­en, an den Stand­or­ten
    Ham­burg und Mün­chen, in Angriff genom­men
    wurde.20
    c) Inte­gra­ti­on des Stu­di­ums in die Offi­zier­lauf­bahn
    Da die Stu­die­ren­den bereits Offi­zier­an­wär­ter (Fähn­ri­che)
    sind und das Stu­di­um gezielt die Offi­zie­re ertüch­ti­gen
    soll, muss es mög­lichst effek­tiv in die Offi­zier­kar­rie­re
    inte­griert wer­den: Vor der Ein­stel­lung erfolgt zunächst
    eine Aus­wahl der Offi­zier­be­wer­ber nach den Lauf­bahn­vor­aus­set­zun­gen
    für den geho­be­nen Dienst und den
    spe­zi­el­len Kri­te­ri­en der Bun­des­wehr durch das „Assess­ment­cen­ter
    für Füh­rungs­kräf­te der Bun­des­wehr“. Hier
    ent­schei­den sich die Bewer­ber, even­tu­ell mit Unter­stüt­zung
    des Assess­ment­cen­ters, für Ihre Teilstreitkraft21
    und Waffengattung.22 Die stu­dier­wil­li­gen Bewer­ber
    müs­sen sich für 13 Jah­re ver­pflich­ten, wobei bereits Vor­klä­run­gen
    für das gewünsch­te Stu­di­en­fach erfol­gen.
    Zum Erwerb der erfor­der­li­chen Min­dest-Grund­kennt­nis­se
    und ‑Fer­tig­kei­ten beginnt die Lauf­bahn aber in der
    Trup­pe mit einem „Vor­lauf “ von grund­sätz­lich 15 Mona­ten.
    23 Nach Grund- und Fach­aus­bil­dung umfasst die­ser
    den Offi­zier­lehr­gang 1 mit Offi­zier­prü­fung sowie eine
    drei­mo­na­ti­ge Spra­chen­aus­bil­dung. Par­al­lel wird in
    einem indi­vi­du­el­len Ver­fah­ren das Stu­di­en­fach abge­spro­chen.
    24 Danach wer­den Offi­zier­an­wär­ter durch das
    Bun­des­amt für das Per­so­nal­ma­nage­ment der Bun­des­wehr
    zum Stu­di­um an die „pas­sen­de“ UniBW ver­setzt
    und begin­nen mit dem Stu­di­um. Nach wei­te­ren 21
    Mona­ten, also mit­ten im Stu­di­um, erfolgt die Ernen­nung
    zum Leut­nant, also zum Offi­zier und damit Auf­stieg
    in den geho­be­nen Dienst. An das Stu­di­um, also 5 ¼
    Jah­ren Dienst­zeit, schließt sich ein drei­mo­na­ti­ger Lehr­gang
    an der Offi­zier­schu­le der Teil­streit­kraft und ein
    6–9‑monatiger Lehr­gang an der Schu­le der Waf­fen­gat­tung
    an, auf denen das bis­her sehr kurz gekom­me­ne
    mili­tä­ri­sche Fach­wis­sen – Ein­satz­grund­sät­ze der Waf­fen­gat­tung,
    Tak­tik – für das Niveau Zug­füh­rer erlernt
    wird. Dann erst, also nach 6 ½ Jah­ren, folgt die ers­te
    selb­stän­di­ge Füh­rungs­auf­ga­be, i.d.R. als Zug­füh­rer, von
    der die ers­ten zwei Jah­re noch als „ange­lei­te­te Pra­xis“
    ver­stan­den und defi­niert sind.25
    Natür­lich sind jetzt – als Zug­füh­rer, Vor­ge­setz­ter für
    ca. 30 Sol­da­ten, dar­un­ter erfah­re­ne Feld­we­bel und Unter­of­fi­zie­re
    – pri­mär mili­tä­ri­sche Fähig­kei­ten erfor­der­lich.
    Die Offi­zie­re wer­den also in die ande­re Welt der
    Trup­pen­füh­rung gewor­fen mit Prä­senz­pflicht, Uni­form
    und mili­tä­ri­schen For­men und mit Auf­ga­ben, für die sie
    intel­lek­tu­ell über­qua­li­fi­ziert und fach­lich unter­qua­li­fi­ziert
    und damit „eigent­lich“ falsch aus­ge­bil­det sind. Ins­be­son­de­re
    kön­nen die im Stu­di­um erwor­be­nen Kennt­nis­se
    nicht ange­wandt werden.26 Damit ist ein „Pra­xis­schock“
    unver­meid­bar. Die­ses Pro­blem wird jedoch
    nach weni­gen Mona­ten über­wun­den, weil sich die stu­dier­ten
    Offi­zie­re schnel­ler und bes­ser anpas­sen und in
    Pra­xis und Kar­rie­re erfolg­rei­cher sind als ihre nicht­stu­dier­ten
    Kame­ra­den.
    Nach Ablauf der Ver­pflich­tungs­zeit wer­den nur 20%
    der Offi­zie­re Berufs­of­fi­zie­re, 80% müs­sen tat­säch­lich
    nach 13 Jah­ren aus­schei­den, d.h. Offi­zier ist nicht mehr
    Lebens­be­ruf, son­dern (nur noch) Lebens­ab­schnitts­be­ruf.
    „Preis“ des Offi­zier­stu­di­ums für die Bun­des­wehr ist
    also, dass die Zeit­of­fi­zie­re nur die Hälf­te ihrer Ver­pflich­tungs­zeit
    für den eigent­li­chen Zweck ihrer Aus­bil­dung,
    Ein­satz als (aka­de­misch aus­ge­bil­de­ter) Offi­zier, zur Ver­fü­gung
    ste­hen und für die Bewer­ber, dass sie nach 1/3 ihres
    Berufs­le­bens einen gänz­lich ande­ren Beruf ergrei­fen
    müssen.27 Außer­dem müs­sen sich die Offi­zie­re gegen
    Ende der Dienst­zeit auf den Anschluss­be­ruf vor­be­rei­ten.
    Da der Offi­zier bei sei­nem Aus­schei­den also gut 7 ½ Jah­re
    nicht mehr im Stoff sei­nes Stu­di­en­fachs ist, ist zur ErWelz
    · Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr — 50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess 1 5 9
    tüch­ti­gung für den anschlie­ßen­den Zivil­be­ruf eine Auf­fri­schung
    erfor­der­lich. Dies erfor­dert groß­zü­gi­ges Coa­chen,
    Lehr­gangs­be­su­che und Frei­stel­lun­gen vom Dienst,
    wobei die Moti­va­ti­on oft schon mehr auf den Anschluss­be­ruf
    gerich­tet ist. Aller­dings ist das Stu­di­um für den
    Über­gang in einen ange­mes­se­nen Zivil­be­ruf natür­lich
    ein ent­schei­den­der Vor­teil; auch wer­den die Offi­zie­re
    kom­pe­tent und durch­aus erfolg­reich vom Berufs­för­de­rungs­dienst
    der Bun­des­wehr vor­be­rei­tet und unter­stützt.
    So sind erreich­ter Sta­tus und Gehäl­ter nicht nur
    als ange­mes­sen anzu­se­hen, son­dern ver­gli­chen mit den
    Absol­ven­ten von Lan­des­uni­ver­si­tä­ten eher über­durch­schnitt­lich,
    da sie als ehe­ma­li­ge Offi­zie­re Füh­rungs­er­fah­rung
    haben und als Trä­ger von „Sekun­där­tu­gen­den“
    gelten.28
  1. Die UniBW — Flagg­schif­fe der Bedarfs­hoch­schu­len
    a) Stand­ort im Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus
    Vom Bund getra­ge­ne Hoch­schu­len der Bun­des­wehr, die
    zivi­le, all­ge­mein aner­kann­te Hoch­schul­gra­de ver­lei­hen,
    waren und sind eine Her­aus­for­de­rung für das föde­ra­le
    Bil­dungs­sys­tem:
    Zwar ist Ver­tei­di­gung ver­fas­sungs­recht­lich Mono­pol
    und spe­zi­el­le Auf­ga­be des Bundes.29
    Dage­gen ist die Kul­tur­ho­heit „der“ Kern­be­reich der
    Län­der­kom­pe­tenz. Die­se schließt auch das staat­li­che
    Hoch­schul­mo­no­pol ein, jeden­falls soweit es die „for­mel­le
    Teil­ha­be am öffent­li­chen Berech­ti­gungs­we­sen“ betrifft.
    30 Bei der restrik­ti­ven Aus­le­gung des BVerfG wur­de
    die Offi­zier­aus­bil­dung vor­sich­ti­ger­wei­se vom BMVg
    auch nicht als Annex­kom­pe­tenz der Ver­tei­di­gung rekla­miert;
    auch eine Grund­ge­setz­än­de­rung für Uni­ver­si­tä­ten
    des Bun­des bzw. Ver­tei­di­gungs­hoch­u­len des Bun­des
    wur­de nicht für rea­li­sier­bar gehal­ten. Die Hoch­schu­len
    der Bun­des­wehr wur­den des­halb in der Trä­ger­schaft des
    Bun­des errich­tet und muss­ten von den Sitz­län­dern, nach
    Vor­bild der kirch­li­chen und pri­va­ten Hoch­schu­len,
    „staat­lich“ aner­kannt wer­den, sie sind also „staat­lich aner­kann­te
    nicht­staat­li­che Hoch­schu­len,“ was bei dem
    Bund als tra­gen­der Kör­per­schaft nicht nur iro­nisch
    klingt, son­dern auch die ver­fas­sungs­recht­lich wenig
    über­zeu­gen­de Situa­ti­on erken­nen lässt.31 Die­se Kon­struk­ti­on,
    die durch­aus noch recht­li­che Pro­ble­me birgt, ist
    in Poli­tik und Rechtsprechung32 aner­kannt, zumal die
    Sitz­län­der in ihre Hoch­schul­ge­set­ze aus­drück­li­che Bestim­mun­gen
    zu „ihrer“ UniBw auf­ge­nom­men haben.33
    Par­al­lel war die Rechts­na­tur – das HRG und ins­be­son­de­re
    des­sen §§ 58 und 70 exis­tier­ten noch nicht – und
    die „Hoch­schul­ver­fas­sung“ fest­zu­le­gen. Die Dis­kus­si­on
    Ein­rich­tung, Anstalt oder Kör­per­schaft? wur­de gelöst
    durch den Kom­pro­miss (nur) „Ein­rich­tung“, aber detail­lier­te
    Garan­tie von Wis­sen­schafts­frei­heit, Auto­no­mie
    und Selbst­ver­wal­tung ana­log den Lan­des­hoch­schu­len.
    Danach sind die UniBw „Ein­rich­tun­gen des Bil­dungs­we­sens
    im Geschäfts­be­reich des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der
    Ver­tei­di­gung, die mit­glied­schaft­lich orga­ni­siert sind und
    die ihre aka­de­mi­schen Ange­le­gen­hei­ten selbst ver­wal­ten“.
    34 Bei dem Schwe­be­sta­tus zwi­schen Bund und Land
    war ein Gesetz als Rechts­grund­la­ge nicht möglich.35 Sta­tus
    und Ver­fas­sung sind des­halb durch „Rah­men­be­stim­mun­gen“
    fest­ge­legt, die alles bestim­men, was übli­cher­wei­se
    in Hoch­schul­ge­set­zen gere­gelt ist und deren übli­chem
    Auf­bau fol­gen. Die­se wur­den mehr­fach an Ent­wick­lun­gen
    im Hoch­schul­we­sen ange­passt und mit den
    Hoch­schul­ge­set­zen der Sitz­län­der har­mo­ni­siert.
    Der Dua­lis­mus Auto­no­mie – staat­li­che Auf­ga­ben mit
    Ein­heits­ver­wal­tung ist eben­so wie bei Lan­des­uni­ver­si­tä­ten
    gere­gelt. Bei der Auf­sicht bestehen jedoch die Auf­sicht
    des Sitz­lan­des und die Auf­sicht des BMVg als Trä­ger
    neben­ein­an­der. § 70 HRG defi­niert die Anfor­de­run­gen,
    die für die Aner­ken­nung einer Nicht-Lan­des­hoch­schu­le
    erfor­der­lich und damit vom Sitz­land stets zu
    kon­trol­lie­ren sind, Min­dest­grö­ße, Qua­li­täts­si­che­rung
    für Stu­di­um, Stu­di­en­be­wer­ber, Lehr­per­so­nen, sowie
    Mit­wir­kung der Ange­hö­ri­gen an der Gestal­tung des Stu­di­ums.
    Dar­über hin­aus haben sich die Sitz­län­der über
    die Rege­lun­gen zu den UniBw und in ihren Hochschulgesetzen36
    die gene­rel­len staat­li­chen Auf­sichts­rech­te,
    ins­be­son­de­re im aka­de­mi­schen Bereich, gesi­chert. Abge­se­hen
    von den Vor­aus­set­zun­gen des § 70 HRG han­delt
    es sich dabei aber nur um eine Mit­auf­sicht neben dem
    BMVg, so Rechts­auf­sicht in aka­de­mi­schen Ange­le­gen­hei­ten,
    Geneh­mi­gungs­vor­be­halt bei Grund­ord­nun­gen
    28 Mar­tin Elbe, Berufs­kar­rie­ren ehe­ma­li­ger Zeit­of­fi­zie­re, ZMSBw,
    For­schungs­be­richt 115, 2018, pas­sim; Welz, S. 216 ff m. w. N.
    29 Aus­schließ­li­che Gesetz­ge­bung, Art. 73 Abs. 1 Nr. 1 GG, Pflicht
    und Zustän­dig­keit zur Auf­stel­lung von Streit­kräf­ten, Art. 87a GG,
    Zustän­dig­keit für die Bun­des­wehr- und Ver­tei­di­gungs­ver­wal­tung
    ein­schließ­lich Per­so­nal­we­sen, Art. 87b Abs. 1 Satz 2.
    30 Arg. Art, 30, 70 GG, Die­ter Lorenz, § 70 HRG, Rn 2, 15 in:
    Hailbronner/Geis, 23. Lfg., 2000.
    31 Gut­ach­ten, Tz 58; BMVg, Hoch­schu­len, S. 5 f; Welz, S. 61 ff; zur
    Par­al­lel­si­tua­ti­on für die Fach­hoch­schu­len der Bun­des­wehr und
    der Hoch­schu­le des Bun­des für die öffent­li­che Ver­wal­tung
    Welz, S. 67 f.
    32 Inzi­den­ter in BVerwG, DVBl. 1993, S. 52.
    33 § 71a HmbgUniG i.d.F. vom 24.7.1973, § 143 des HmbHG vom
    22.5.1978, GVBl. I S. 109; BayHSchG vom 21.12.1973, Art. 82
    BayHschG vom 23.5.2006 (GVBl. S. 245).
    34 „mate­ri­el­le Kör­per­schaft“, für die for­ma­le Kör­per­schaft feh­len
    Grün­dungs­akt und Voll­rechts­fä­hig­keit, Welz, S. 84.
    35 Dem Bund fehlt die Kom­pe­tenz und die Län­der kön­nen nicht die
    (Personal)Hoheit für eine Bun­des­ein­rich­tung bekom­men.
    36 § 112 Abs. 6 HambHG, Art. 82 i.V.m. Art. 85 BayHschG.
    1 6 0 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    und Ord­nun­gen, Bestel­lung von Prä­si­dent, Vize­prä­si­den­ten,
    Beru­fung von Pro­fes­so­ren. Dem BMVg ste­hen
    als Trä­ger die Wei­sungs­be­rech­ti­gung für alle sons­ti­gen
    Angelegenheiten37 sowie die Auf­sichts- und Mit­wir­kungs­rech­te
    zu, die übli­cher­wei­se nach den Lan­des­hoch­schul­ge­set­zen
    den Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­en oblie­gen;
    Ein­zel­hei­ten, dar­un­ter auch Rei­hen­fol­ge und Koor­di­na­ti­on,
    wer­den von den Rah­Best gere­gelt. Durch den Sta­tus
    als Bun­des­wehr­ein­rich­tun­gen könn­ten theo­re­tisch auch
    die Kon­troll­orga­ne der Wehr­ver­fas­sung – Wehr­be­auf­trag­ter
    des Bun­des­ta­ges, Ver­tei­di­gungs­aus­schuss – als
    zusätz­li­che Kon­troll­orga­ne auch im Uni­ver­si­täts­be­reich,
    aller­dings außer­halb der aka­de­mi­schen Ange­le­gen­hei­ten
    – tätig wer­den.
    b) Grün­dungs­pro­zess und Geschich­te
    Die Grün­dungs­pro­zes­se ver­lie­fen zwar zäh und schwie­rig,
    zumal es in bei­den Län­dern Vor­be­hal­te gegen Bun­des­wehr­hoch­schu­len
    gab, die Rechts­grund­la­ge aty­pisch
    war, poli­tisch und recht­lich Neu­land beschrit­ten wur­de
    und die Bun­des­wehr-Spe­zi­fi­ka kei­ne Prä­ze­denz­fäl­le hat­ten.
    Zudem geriet die Grün­dung der UniBw voll in den
    Streit zwi­schen Bund und Län­dern bei der par­al­lel lau­fen­den
    Dis­kus­si­on des zu schaf­fen­den HRG, in dem
    letzt­lich die poli­ti­sche Wei­chen­stel­lung über die Zukunft
    des gesam­ten Hoch­schul­we­sens aus­ge­tra­gen wur­de.
    Hin­zu kamen noch Vor­be­hal­te gegen die ange­dach­ten
    Personaltableaus.38 Trotz­dem konn­ten bei­de nach der
    for­ma­len Aner­ken­nung durch die Sitz­län­der und Errich­tung
    durch Erlass des BMVg nur 3 ½ Jah­re nach dem Initi­al
    im Weiß­buch 1970 wie geplant am 1.10.1973 ihren
    Lehr- und Stu­di­en­be­trieb aufnehmen,39 eine enor­me
    Leis­tung aller Betei­lig­ten und ins­be­son­de­re von Minis­ter
    Schmidt und den Grün­dungs­teams um Prof. Ell­wein als
    Vor­sit­zen­dem der Kom­mis­si­on und bei­der Grün­dungs­aus­schüs­se.
    Mit wich­ti­gen wei­te­ren Ent­wick­lungs­schrit­ten wur­den
    die Hoch­schu­len der Bun­des­wehr in den Fol­ge­jah­ren
    aus­ge­baut den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten gleich­ge­stellt:
    1978 wur­de ihnen von den Sitz­län­dern das Pro­mo­ti­ons­recht
    und 1980/81 das Habi­li­ta­ti­ons­recht übertragen.40
    1985 wur­den sie als „Uni­ver­si­tä­ten“ der Bun­des­wehr klas­si­fi­ziert,
    1987 auch ihre Pro­fes­so­ren zu Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren,
    jeweils eine erheb­li­che Auf­wer­tung. 2001 erfolg­te
    die Öff­nung der BW und damit auch der UniBw
    für Frau­en, was spe­zi­el­le Betreuungs‑, Für­sor­ge- und
    Lie­gen­schafts­pro­ble­me mit sich brach­te; seit­her unter
    den Stu­die­ren­den gut zwi­schen 16% Frau­en mit leicht
    stei­gen­der Ten­denz, aber Bevor­zu­gung „frau­en­af­fi­ner“
    Stu­di­en­gän­ge. Eben­so erfolg­te 2001, UniBw HH, bzw.
    2002, UniBwM, eine ein­ge­schränk­te Öff­nung für zivi­le
    Stu­den­ten (Indus­trie­sti­pen­dia­ten, der­zeit gut 100 an bei­den
    Hoch­schu­len) sowie nach und nach auch Stu­die­ren­de
    aus ande­ren (Bundes)Behörden (z.Z. rund 110), dane­ben
    auch Gast- und spä­ter Früh­stu­die­ren­de (ca. 10/Jahr
    an der UniBwM). 2003 erfolg­te zur Ehrung des Initia­tors
    und Grün­dungs­va­ters die Umbe­nen­nung der UniBw
    HH in „Hel­mut-Schmidt-Uni­ver­si­tät“. Im Zuge des Bolo­gna-
    Pro­zes­ses wur­de 2007 ‑2010 das Stu­di­um auf das
    Bache­lor-Mas­ter-Sys­tem umge­stellt, womit die Stu­di­en­zeit
    auf 3 Jah­re bis zum BA und 4 Jah­re bis zum MA fest­ge­setzt
    und damit um ein Jahr ver­län­gert wur­de. Um
    dies für die Stand­zeit in der Trup­pe zu kom­pen­sie­ren,
    wur­de par­al­lel die Ver­pflich­tungs­zeit der Zeit­of­fi­zie­re
    auf 13 Jah­re ver­län­gert.
    c) Per­so­nal der UniBw
    Die Rege­lun­gen für das Per­so­nal fol­gen dem HRG bzw.
    den Hoch­schul­ge­set­zen der Sitz­län­der. Somit sind an
    den UniBw tätig Pro­fes­so­ren, Juni­or­pro­fes­so­ren, Wis­sen­schaft­li­cher
    Mit­tel­bau, sons­ti­ges (nicht haupt­be­ruf­li­ches)
    Lehr­per­so­nal sowie „ande­re Mit­ar­bei­ter“, Lehr­be­auf­tra­ge
    sowie wis­sen­schaft­li­che und stu­den­ti­sche Hilfs­kräf­te.
    Der Sta­tus der Pro­fes­so­ren ent­spricht dem an
    Lan­des­uni­ver­si­tä­ten: Die Besol­dung erfolgt nach der
    Besol­dungs­ord­nung W,41 Anl. II Bun­des­be­sol­dungs­ge­setz,
    das inso­weit den Lan­des­re­ge­lun­gen ent­spricht. Das
    Lehr­de­pu­tat ist an das Tri­mes­ter-Sys­tem ange­passt mit 6
    TWS für Uni­ver­si­täts- und 14 TWS für FH-Pro­fes­so­ren.
    Die Neben­tä­tig­keits­re­ge­lun­gen ent­spre­chen denen für
    Pro­fes­so­ren im Lan­des­dienst, auch wenn die Rechts­grund­la­gen
    etwas pau­schal sind. Unter­schie­de bei Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit
    und Mit­wir­kungs­be­fug­nis­sen zwi­schen
    Uni­ver­si­täts- und FH-Pro­fes­so­ren wer­den offi­zi­ell
    nicht gemacht. Die Vor­aus­set­zun­gen für die Pro­fes­so­ren­be­ru­fung
    ent­spre­chen den Rege­lun­gen des HRG und
    denen der älte­ren Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze, wobei die
    Lis­te zusätz­lich den Landesstellen42 vor­zu­le­gen ist, die
    37 Nur Dienst­stel­le im Geschäfts­be­reich des BMVg, s.o.
    38 BMVg, Hoch­schu­len, S. 5 f; Reu­ter-Boy­sen, S. 40–66 spe­zi­ell für
    Bay­ern; Welz, S. 71–76.
    39 Noch feh­len­de recht­li­che Kom­po­nen­ten zur voll­stän­di­gen wis­sen­schaft­li­chen
    Hoch­schu­le wur­den schritt­wei­se ergänzt.
    40 Nach einer kur­zen Zwi­schen­pha­se als inte­grier­te bzw. vor­weg­ge­nom­me­ne
    Bolo­gna-Hoch­schu­le muss­ten an der UniBwM für die
    Aner­ken­nung die Hoch­schul­ar­ten im Zuge des Geneh­mi­gungs­ver­fah­rens
    für Pro­mo­tio­nen und Habi­li­ta­tio­nen wie­der getrennt
    wer­den.
    41 80% der Uni- und 20% der FH-Pro­fes­so­ren W 3, die Übri­gen W
    2.
    42 Behör­de für Wis­sen­schaft und For­schung bzw. Staats­mi­nis­te­ri­um
    für Unter­richt und Kul­tus.
    Welz · Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr — 50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess 1 6 1
    der Beru­fung zustim­men müs­sen. Die End­aus­wahl und
    die eigent­li­che Beru­fung erfolgt durch den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter
    (also nicht dem neue­ren Trend durch die
    Hoch­schul­lei­tung). Die Beru­fungs­ver­hand­lun­gen wer­den
    mit der Uni­ver­si­tät geführt, die auch die Aus­stat­tung
    sicher­zu­stel­len hat.
    Die Juni­or­pro­fes­so­ren sind sta­tus­mä­ßig und nach
    Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit den Pro­fes­so­ren weit­ge­hend
    gleich­ge­stellt.
    Bei­de Uni­ver­si­tä­ten ken­nen Pri­vat­do­zen­ten; die
    UniBwM auch apl.- und Hono­rar­pro­fes­so­ren; die HSU
    statt­des­sen eine „aka­de­mi­sche Bezeich­nung Pro­fes­sor“.
    Die Aus­wahl des Lehr­per­so­nals erfolgt streng „neu­tral“,
    d.h. es muss kei­ner­lei „Nähe“ zur Bun­des­wehr bestehen.
    43 Dabei dürf­te der zivi­le Cha­rak­ter der UniBw
    durch­aus ein qua­li­ta­ti­ver Vor­teil bei der Rekru­tie­rung
    sein: wäh­rend bei ver­gleich­ba­ren Län­dern ein gro­ßer
    Teil der Dozen­ten aus (ehe­ma­li­gen) Offi­zie­ren besteht,
    sind die UniBw auf dem Stel­len­markt auch für Wis­sen­schaft­ler
    ohne Affi­ni­tät zum Mili­tä­ri­schen attrak­tiv und
    kon­kur­renz­fä­hig. Somit sind im Lehr­kör­per nicht sel­ten
    Per­so­nen anzu­tref­fen, die gegen­über Mili­tär und Ver­tei­di­gung
    kri­tisch ein­ge­stellt sind (was unter dem Aspekt
    der Offi­zier­aus­bil­dung nicht unpro­ble­ma­tisch ist).
    d) Pro­mo­ti­on, Habi­li­ta­ti­on, For­schung
    Die UniBw haben unein­ge­schränk­tes Pro­mo­ti­ons- und
    Habi­li­ta­ti­ons­recht. Es ist aber ein Struk­tur­pro­blem der
    UniBw, dass die Kern­kli­en­tel, Offi­zier­stu­den­ten,
    schnells­tens in ihren Offi­zier­be­ruf zurück­keh­ren sol­len
    und des­halb für Pro­mo­ti­on und Habi­li­ta­ti­on prak­tisch
    nicht in Betracht kom­men; deren aka­de­mi­sche Kar­rie­ren
    bre­chen damit ab und für die UniBw fällt die Mög­lich­keit
    weg, aus ihrer Haupt­kli­en­tel wis­sen­schaft­li­chen
    Nach­wuchs zu generieren.44 Inzwi­schen wird den Jahr­gangs­bes­ten
    von der BW gestat­tet, bis zur Pro­mo­ti­on an
    den UniBw zu blei­ben. In sel­te­nen Fäl­len, wenn das The­ma
    für die Bun­des­wehr wich­tig ist, wer­den auch Offi­zie­re
    aus der Trup­pe an die UniBw zur Pro­mo­ti­on oder –
    ganz sel­ten – Habi­li­ta­ti­on abge­ord­net; auch ehe­ma­li­ge
    Zeit­of­fi­zie­re pro­mo­vie­ren nicht sel­ten – z.B. im Rah­men
    der Berufs­för­de­rung – an den UniBw. Für zivi­le (wis­sen­schaft­li­che)
    Mit­ar­bei­ter bestehen die übli­chen Kar­rie­re­we­ge
    natür­lich unein­ge­schränkt. Soweit, z.B. bei Habi­li­ta­ti­ons­vor­ha­ben,
    das Poten­ti­al der UniBw nicht aus­rei­chend
    ist, wird mit Part­ner­schaf­ten und Ver­bün­den
    gear­bei­tet.
    Nach Zweck und Ent­ste­hungs­ge­schich­te der UniBw
    stand die Offi­zier­aus­bil­dung und damit die Leh­re im
    Vordergrund.45 Doch im Bestre­ben, voll­wer­ti­ge Uni­ver­si­tä­ten
    zu schaf­fen, war nach dem Humboldt´schen Ide­al
    von Anfang an über lehr­be­glei­ten­de und lehr­un­ter­stüt­zen­de
    For­schung hin­aus hoch­wer­ti­ge For­schung bis
    hin zur Grund­la­gen­for­schung vorgesehen46 – hier­für
    wur­den die Rechts­grund­la­gen (Art. 5 Abs. 3 GG,
    § 22 HRG und die ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen der
    bei­den Lan­des­ge­set­ze) in die RaBest über­nom­men und
    schritt­wei­se rea­li­siert. Die UniBw prä­sen­tie­ren sich heu­te
    als for­schungs­star­ke Hoch­schu­len mit For­schungs­schwer­punk­ten,
    die weit über mili­täraf­fi­ne The­men hin­aus­ge­wach­sen
    sind.47 Rechts­grund­la­gen und Pra­xis beson­de­rer
    For­men – Publi­ka­ti­on von For­schungs­er­geb­nis­sen,
    For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen mit ande­ren
    Hoch­schu­len, wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen und
    Wirt­schafts­un­ter­neh­men, Dritt­mit­tel­for­schung, Neben­tä­tig­keit,
    An-Insti­tu­te – ent­spre­chen den
    Lan­des­hoch­schu­len.
    e) Gou­ver­nan­ce und Orga­ni­sa­ti­on
    Bei­de UniBw wer­den von Prä­si­den­ten gelei­tet, wobei es
    sich bei der HSU um eine „mono­kra­ti­sche“ Prä­si­di­al­ver­fas­sung
    han­delt (mit Wei­sungs­recht gegen­über Vize­prä­si­den­ten
    und Kanz­ler) und bei der UniBwM um eine
    kol­le­gia­le Lei­tung, bei der die eigent­li­che Lei­tung durch
    das „Lei­tungs­gre­mi­um“ – Prä­si­dent, Vize­prä­si­den­ten,
    Kanz­ler – erfolgt.48 Der Kanz­ler ist dabei jeweils Beauf­trag­ter
    für den Haus­halt mit den damit nach der Bun­des­haus­halts­ord­nung
    vor­ge­se­he­nen Son­der­rech­ten (par­ti­el­les
    Veto-Recht, Sus­pen­siv­ef­fekt). Bei­de Uni­ver­si­tä­ten
    sind in Fakul­tä­ten sowie Insti­tu­te geglie­dert (die bei der
    HSU-HH, in der Grün­dungs­pha­se umstrit­ten, auf einer
    etwas schwa­chen Rechts­grund­la­ge beru­hen) und haben
    zen­tra­le Ein­rich­tun­gen, wobei im Ver­gleich zu Lan­des­uni­ver­si­tä­ten
    Spra­chen­zen­trum und Sport­zen­trum
    für den spe­zi­el­len Bedarf zukünf­ti­ger Offi­zie­re eine
    beson­de­re Rol­le spie­len.
    Auf­fäl­ligs­ter Unter­schied zu den Lan­des­hoch­schu­len
    ist der Stu­die­ren­den­be­reich, das (ein­zi­ge) mili­tä­ri­sche
    Ele­ment der UniBw. Die Stu­die­ren­den sind gleich­zei­tig
    Sol­da­ten; die­ser Dop­pel­sta­tus war auch hoch­schul­ver­fas­sungs­recht­lich
    zu regeln. Alle aka­de­mi­schen Ange­le­gen­hei­ten
    – Imma­tri­ku­la­ti­on, Bele­gen von Vor­le­sun­gen,
    Prü­fungs­we­sen – wer­den zwar von der Uni­ver­si­tät wahr­ge­nom­men;
    dane­ben blei­ben aber zahl­rei­che mili­tä­ri-
    43 Gut­ach­ten, S. 51.
    44 Wes­halb eine Auf­nah­me in die DFG bis­her noch nicht statt­ge­fun­den
    hat.
    45 Wovon sich das BMVg als Trä­ger auch nicht leicht gelöst hat,
    noch zuletzt BT-Drs. 16/5851, S. 2.
    46 BMVg, Hoch­schu­len, S. 25.
    47 Über­sicht Welz, S. 122 f; For­schungs­be­rich­te der UniBw.
    48 Als wei­te­re zen­tra­le Kol­le­gi­al­or­ga­ne bestehen „erwei­ter­te Hoch­schul­lei­tung“,
    Ver­wal­tungs­rat und Uni­ver­si­täts­rat.
    1 6 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    sche Gegen­stän­de wie trup­pen­dienst­li­che Füh­rung,
    Rech­te und Pflich­ten nach dem Sol­da­ten­ge­setz, die (rudi­men­tä­re)
    mili­tä­ri­sche Fort­bil­dung, Per­so­nal­be­ar­bei­tung
    mit Besol­dung, Ver­sor­gung, Für­sor­ge sowie die erwähn­te
    per­sön­li­che Betreu­ung für Stu­di­um und Berufs­be­ra­tung.
    Hier­für soll­te auf einen Rest­be­stand mili­tä­ri­scher
    Orga­ni­sa­ti­on und Hier­ar­chie nicht ver­zich­tet
    wer­den. Um Zwei­glei­sig­keit mit einem zivi­len und einem
    mili­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­ons­strang zu ver­mei­den,
    wur­de hier­für der Stu­die­ren­den­be­reich als drit­ter Orga­ni­sa­ti­ons­teil
    (neben aka­de­mi­schem Bereich und Ver­wal­tung)
    und damit Spe­zi­fi­kum der UniBw geschaf­fen. Der
    Prä­si­dent ist zwar Vor­ge­setz­ter auch „der Sol­da­ten … in
    all­ge­mein dienst­li­cher Hin­sicht“, kann aber als Zivi­list
    nicht mili­tä­ri­scher Vor­ge­setz­ter sein. „Trup­pen­dienst­li­cher
    Vor­ge­setz­ter“ auch der stu­die­ren­den Sol­da­ten ist
    der Lei­ter des Stu­die­ren­den­be­reichs, und der mili­tä­ri­sche
    Ver­wal­tungs­strang, ins­be­son­de­re die Per­so­nal­vor­gän­ge,
    sind dem BMVg49 zuge­ord­net, womit der Stu­die­ren­den­be­reich
    par­ti­ell eine eigen­stän­di­ge Ver­wal­tung
    und inso­weit Aus­nah­me von der Ein­heits­ver­wal­tung ist
    – aller­dings bleibt auch für den Haus­halt des Stu­die­ren­den­be­reichs
    die Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung zustän­dig.
    Schnitt­stel­len zwi­schen bei­den Ver­wal­tun­gen kön­nen in
    aller Regel prag­ma­tisch gelöst wer­den. Der Stu­die­ren­den­be­reich
    besteht aus etwa 80 Sol­da­ten – die ein­zi­gen,
    die in den UniBw Uni­form tra­gen – ist struk­tu­rell mili­tä­risch
    organisiert50 und als „Spie­gel­bild zur aka­de­mi­schen
    Orga­ni­sa­ti­on“ in Stu­die­ren­den­fach­be­rei­che und –
    fach­be­reichs­grup­pen, jeweils mit einem Lei­ter als (Dis­zi­pli­nar)
    Vor­ge­setz­tem, geglie­dert. Schwer­punkt der Auf­ga­ben
    ist die „Anlei­tung und Unter­stüt­zung“ der
    Offi­zier­stu­den­ten, also die erwähn­te spe­zi­fi­sche Betreu­ung
    über Stu­di­en- bis hin zu pri­va­ten Pro­ble­men. Ent­spre­chend
    dem Sta­tus als Uni­ver­si­täts­or­gan gehört der
    Lei­ter des Stu­die­ren­den­be­rei­ches den zen­tra­len Uni­ver­si­täts­gre­mi­en
    mit bera­ten­der Stim­me an, ana­log die Lei­ter
    der Stu­die­ren­den­fach­be­rei­che den
    Fach­be­reichs­gre­mi­en.
  2. Das Stu­di­um – High­light und Vor­bild für Lan­des­uni­ver­si­tä­ten?
    a) Reform­an­sprü­che
    Trotz der acht­ba­ren Leis­tun­gen in For­schung und Qua­li­fi­zie­rung
    von wis­sen­schaft­li­chem Nach­wuchs ist und
    bleibt Allein­stel­lungs­merk­mal und „High­light“ der
    UniBw das spe­zi­fi­sche Stu­di­um. Die Kon­zep­ti­on ent­stand
    in der Refor­meu­pho­rie der 1968 ff. Höchst ehr­gei­zig
    und selbst­be­wusst woll­ten die Väter der UniBw
    jeden­falls qua­li­ta­tiv an der Spit­ze die­ser Vor­stel­lun­gen
    ste­hen und ein „Modell…für künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen im
    Hoch­schul­be­reich“ und ein „Aus­hän­ge­schild für die
    Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len in der Bun­des­re­pu­blik“
    schaf­fen und „den Kul­tus­mi­nis­tern vor­ex­er­zie­ren, wie
    eine Hoch­schul­re­form aus­se­hen kann.“51 Der Fächer­ka­ta­log
    wur­de dabei zwar zunächst auf den Bedarf der
    Bun­des­wehr aus­ge­rich­tet und auch wegen der gerin­gen
    Grö­ße der UniBw zunächst klein gehal­ten. Er umfass­te
    aber ein Spek­trum ver­schie­den­ar­ti­ger Fächer, die sich
    inhalt­lich an den ent­spre­chen­den Fächern der Lan­des­uni­ver­si­tä­ten
    ori­en­tie­ren; die UniBw sind damit
    (Voll)Universitäten und kei­ne Spartenhochschulen.52
    Nach den Vor­stel­lun­gen der „Grün­der­vä­ter“ soll­ten
    dabei die geis­tes- und gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen
    Fächer im Vor­der­grund stehen.53 Dies erwies sich jedoch
    als unzweck­mä­ßig – sowohl für den Bedarf der Trup­pe
    als auch die spä­te­re Employa­bi­li­ty der Zeit­of­fi­zie­re hat
    sich der Wert tech­ni­scher Fächer und tech­ni­scher Fach­hoch­schul­stu­di­en­gän­ge
    (aus­schließ­lich an der UniBwM)
    gezeigt. Der in der Grün­dungs­pha­se noch beton­te
    „Berufsfeldbezug“54 wur­de durch die Rah­men­be­stim­mun­gen
    so weit redu­ziert, dass dar­aus kein Ein­fluss auf
    Lehr- und Stu­di­en­frei­heit erfolgt und nicht mehr vor­ge­ge­ben
    wird als auch im Bolo­gna-Pro­zess und § 7 HRG
    vor­ge­se­hen. Auch das Fächer­spek­trum ist auf­ge­fä­chert –
    die Offi­zier­stu­den­ten kön­nen heu­te zwi­schen 37 Stu­di­en­gän­gen
    wäh­len. Da bei dem unre­gel­mä­ßi­gen und
    vola­ti­len Dienst als Offi­zier berufs­be­glei­ten­des Stu­di­um
    49 Bzw. dem Bun­des­amt für das Per­so­nal­ma­nage­ment in der Bun­des­wehr
    in des­sen Geschäfts­be­reich.
    50 Stab-Lini­en­mo­dell, Lei­ter Oberst oder ent­spre­chend, Lei­ter der
    Stu­die­ren­den­fach­be­rei­che Haupt­mann oder ent­spre­chend; Stab
    rund 20 Per­so­nen, Füh­rungs­grund­ge­bie­te Per­so­nal (zah­len­mä­ßig
    domi­nant), mil. Sicher­heit, mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung (AMA) und
    Mate­ri­al­be­schaf­fung.
    51 Span­gen­berg, Lei­ter des Bun­des­prä­si­di­al­am­tes, zitiert nach Hans
    Georg Lößl, Bei­la­ge zur DUZ 10/2003 S 2, und Reu­ter-Boy­sen, S.
    10.
    52 Wie häu­fig Aus­bil­dungs­stät­ten für den geho­be­nen Dienst oder
    klei­ne Pri­vat­uni­ver­si­tä­ten.
    53 Dies waren Päd­ago­gik (mit Mili­tär­päd­ago­gik ande­rer Schwer­punkt
    und grö­ße­re Band­brei­te als an Lan­des­hoch­schu­len),
    heu­te umbe­nannt in Bil­dungs- bzw. Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten,
    Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, als­bald getrennt in Wirt­schafts- und
    Orga­ni­sa­ti­ons­wis­sen­schaf­ten bzw. VWL (staats­wis­sen­schaft­li­che
    Rich­tung), Elek­tro­tech­nik, Maschi­nen­bau, Luft- und Raum­fahrt­tech­nik,
    Bau­in­ge­nieur­we­sen, Ver­mes­sungs­we­sen, durch­weg mit
    Fach­hoch­schul­stu­di­en­gän­gen.
    54 Gut­ach­ten Tz 57.
    Welz · Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr — 50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess 1 6 3
    fast nicht mög­lich ist, ist das Stu­di­um als Prä­senz­stu­di­um
    kon­zi­piert und neue Stu­di­en­for­men kön­nen nur in
    Nischen Ein­zug hal­ten – dua­les Stu­di­um für die Pilo­ten­aus­bil­dung,
    Fern­un­ter­richt und Auf­bau­stu­di­en­gän­ge
    schwer­punkt­mä­ßig, wenn auch nicht nur, für Wis­sens­ak­tua­li­sie­rung
    und Auf­fri­schung vor dem Wech­sel in
    den Anschluss­be­ruf.
    Neben den bereits erwähn­ten for­ma­len Allein­stel­lungs­merk­ma­len
    – Pflicht­stu­di­en­zei­ten, Tri­mes­ter –
    weist das Stu­di­um an den UniBw auch fach­lich-inhalt­lich
    Beson­der­hei­ten auf. Um die gewünsch­ten Abschlüs­se
    nach drei bzw. vier Jah­ren errei­chen zu kön­nen, ist ein
    spe­zi­el­les „Lehr­be­triebs­kon­zept“ vor­ge­se­hen, das auf
    den Säu­len Klein­grup­pen­ar­beit und indi­vi­du­el­ler Betreu­ung
    beruht. Die domi­nan­te Klein­grup­pen­ar­beit
    wur­de sowohl in eine außer­ge­wöhn­lich gute Dozen­ten-
    Stu­den­ten-Rela­ti­on wie auch in die Bau­pla­nung umge­setzt
    mit zahl­rei­chen Arbeits- und
    Bespre­chungs­räu­men.
    Die zwei­te Säu­le des Lehr­be­triebs­kon­zepts ist die indi­vi­du­el­le
    Betreu­ung und zwar nicht nur durch die Dozen­ten,
    son­dern vor allem durch das (mili­tä­ri­sche) Per­so­nal
    des Stu­die­ren­den­be­reichs.
    Ein wei­te­rer Teil der Reform, inno­va­ti­ve Kom­po­nen­te
    des Offi­zier­stu­di­ums und Allein­stel­lungs­merk­mal der
    UniBw soll­ten spe­zi­el­le erzie­hungs- und gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­che
    Antei­le, abge­kürzt EGA, sein. Das Stu­di­um
    soll­te hier­durch den beson­de­ren Anfor­de­run­gen
    für Offi­zie­re an Men­schen­füh­rung und psy­cho­lo­gi­scher
    Kom­pe­tenz Rech­nung tra­gen und die gesell­schaft­li­che
    Ein­ge­bun­den­heit durch recht­li­che, his­to­ri­sche, poli­ti­sche
    und ethi­sche Bezü­ge betont sowie eine all­ge­mei­ne
    „Sinn- und Wer­te­ver­mitt­lung“, auch als Brü­cke zur Inne­ren
    Füh­rung, erreicht wer­den. Dabei soll­te es sich aber
    nicht um ein (par­al­le­les) Ergän­zungs­stu­di­um han­deln,
    viel­mehr soll­te das Anleit­stu­di­um Basis für alle übri­gen
    Stu­di­en­gän­ge sein und sich mit die­sen gegen­sei­tig
    durchdringen.55
    Als Reform i.S.d. 1968 ff ist zwei­fel­los auch der zivi­le
    Cha­rak­ter des Stu­di­ums zu wer­ten. Im Ver­gleich mit den
    Offi­zi­er­hoch­schu­len ande­rer Län­der ist Deutsch­land mit
    der zivi­len Aus­rich­tung aller­dings sehr weit gegan­gen.
    Der zivi­le Cha­rak­ter der UniBw zeigt sich schon rein
    „optisch“: (Trotz Gehalt und Sol­da­ten­sta­tus) kei­ne Uni­form­pf­licht
    – auf dem Cam­pus sind fast nur Zivi­lis­ten zu
    sehen – kei­ne Prä­senz­pflicht, kein „Mel­den“ zu Beginn
    der Vor­le­sung. – und es wer­den grund­sätz­lich kei­ne
    Waf­fen getra­gen. Die Stu­den­ten, immer­hin Fähn­ri­che
    und Leut­nan­te, sind kei­ner Stamm­ein­heit zuge­ord­net
    und haben auch kei­ne Ein­pla­nung für einen even­tu­el­len
    Mobil­ma­chungs­fall. Dass trotz Sol­da­ten­sta­tus und Gehalt
    kei­ne Anwe­sen­heits­pflicht und kei­ne Uni­form­pf­licht
    besteht, war für Beam­ten­recht­ler und mili­täraf­fi­ne
    Beob­ach­ter nicht leicht zu „verdauen“.56 Aller­dings ent­spricht
    der Ver­zicht auf Prä­senz­pflicht längst der neue­ren
    Ten­denz an den Landeshochschulen57 und in den
    Lan­des­hoch­schul­ge­set­zen, neu­er­dings ange­trie­ben
    durch die Mög­lich­kei­ten des IT-gestütz­ten Leh­rens, Ler­nens
    und Prü­fens.
    In der Tat ist im Stu­di­um an den UniBw vie­les ver­wirk­licht,
    was die „Refor­mer“ 1968 ff und wei­te­rer Reform­wel­len,
    nicht zuletzt Bolo­gna, woll­ten: kur­ze Regel­stu­di­en­zeit,
    Klein­grup­pen­sys­tem, güns­ti­ge Dozen­ten –
    Stu­die­ren­den­re­la­ti­on, stän­di­ge, auch indi­vi­du­el­le, Bera­tung,
    Betreu­ung und Anlei­tung vor und im Stu­di­um,
    opti­ma­le Rah­men­be­din­gun­gen mit Cam­pus-Lage und
    wirt­schaft­li­cher Sicher­heit – kurz: das Stu­di­en­pa­ra­dies.
    Auch wenn wegen Mas­sen­be­triebs und finan­zi­el­ler
    Gren­zen nie ernst­haft ver­sucht wur­de, die Kern­cha­rak­te­ris­ti­ka
    des Stu­di­ums an den UniBw auf Lan­des­hoch­schu­len
    zu über­neh­men, ist und bleibt das spe­zi­fi­sche
    Stu­di­um Allein­stel­lungs­merk­mal und Glanz­stück gegen­über
    den Lan­des­hoch­schu­len und der Beweis, dass
    eine deut­li­che Ver­kür­zung des Stu­di­ums ohne Qua­li­täts­ver­lust
    mög­lich ist. Der Preis des Ein­tritts ist aller­dings,
    Offi­zier­an­wär­ter zu sein.58
    Inzwi­schen haben sich die UniBw vor­sich­tig auch für
    zivi­le Stu­die­ren­de geöff­net. Neben Gast­hö­rern – von
    Anfang an in den regio­na­len Hoch­schul­ver­bün­den vor­ge­se­hen
    – und Frühstudierenden59 sind dies zunächst
    Indus­trie­sti­pen­dia­ten. Die­se haben einen Ver­trag mit einem
    (bun­des­wehr­na­hen) Part­ner­un­ter­neh­men, das gewis­ser­ma­ßen
    Stu­di­en­plät­ze an der UniBw „kauft“. Für
    die­se wer­den Stu­di­en­ge­büh­ren erho­ben, die der zivi­le
    55 Gut­ach­ten Tz 61. Hier muss­te aller­dings wegen Rea­li­sie­rungs­schwie­rig­kei­ten
    nach­ge­steu­ert wer­den, bis mit ISA (Inter­dis­zi­pli­nä­re
    Studienanteile)-Zentrum(HSU-HH) bzw. einer zen­tra­len
    Ein­rich­tung „Stu­di­um +“ (UniBwM) befrie­di­gen­de Orga­ni­sa­ti­ons-
    und Inte­gra­ti­ons­for­men gefun­den wur­den, Welz, S. 93 f.
    56 Und begüns­tigt mehr den „inne­ren Schwei­ne­hund“ als die Effi­zi­enz
    des Ler­nens; als nur äuße­re For­ma­li­en ist auch die Her­lei­tung
    aus der Wis­sen­schafts­frei­heit abwe­gig.
    57 Wobei spä­tes­tens Coro­na zwar die Mög­lich­keit des fast unein­ge­schränk­ten
    Hoch­schul­be­triebs auf Online-Basis gezeigt, aber
    ande­rer­seits zu einer Neu­ori­en­tie­rung geführt hat, die den Wert
    von Prä­senz und Kon­tak­ten im wis­sen­schaft­li­chen Bereich wie­der
    stär­ker betont hat.
    58 Dabei wur­de die (Umgehungs)Möglichkeit, als Beamter/Offizier
    jeder­zeit aus dem Dienst aus­zu­schei­den, durch an die Aus­bil­dungs­zeit
    gekop­pel­te Min­dest­dienst­zei­ten und Rück­zah­lungs­pflicht
    der Aus­bil­dungs­kos­ten ver­schlos­sen, ins­bes. §§ 46 Abs. 3,
    55 Abs. 3 SoldG.
    59 Hoch­be­gab­ten­pro­gramm der UniBwM für Schü­ler mit ca. 10
    Teilnehmern/Jahr, Welz, S. 113.
    1 6 4 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    Arbeit­ge­ber eben­so trägt wie die Ver­gü­tung sei­ner Sti­pen­dia­ten.
    Hier ist das Stu­di­um i.d.R. dual orga­ni­siert,
    d.h. nach jeweils einem Tri­mes­ter keh­ren die Stu­die­ren­den
    wie­der für eine Pra­xis­pha­se in ihr Unter­neh­men zurück.
    Nach dem glei­chen Modell wur­den als­bald auch
    Behör­den­stu­die­ren­de geschaf­fen. Dies sind Mit­ar­bei­ter
    ande­rer Behör­den und Dienst­stel­len von Bund und Län­dern,
    die eine Affi­ni­tät zum Lehr- und For­schungs­spek­trum
    der UniBw haben und zum Stu­di­um oder zur Wei­ter­bil­dung
    Ange­hö­ri­ge dort­hin ent­sen­den. Für die­se ent­fällt
    die mili­tä­ri­sche Kom­po­nen­te und die Zuge­hö­rig­keit
    zum Stu­die­ren­den­be­reich, sie sind aber kor­po­ra­ti­ons­recht­lich
    den Offi­zier­stu­den­ten gleich­ge­stellt. Aller­dings
    ist ihre Zahl so gering, dass sie für den Cha­rak­ter der
    UniBw ver­nach­läs­sigt wer­den kön­nen; doch zeigt dies
    den Weg in die Zukunft auf, auch ande­re Ziel­grup­pen
    vom Reform­stu­di­um der UniBw pro­fi­tie­ren zu las­sen.
    b) Schwä­chen und Pro­ble­me
    Erscheint das Kom­pakt­stu­di­um mit straf­fem Plan,
    Gehalt, Unter­brin­gung und frei­er Heil­für­sor­ge auf den
    ers­ten Blick als Stein der Wei­sen, so sind trotz der hohen
    Ansprü­che der Grün­dungs­vä­ter die UniBw nicht das
    „Aus­hän­ge­schild für die Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len
    in der Bun­des­re­pu­blik“ und „Modell für die künf­ti­gen
    Ent­wick­lun­gen im Hoch­schul­be­reich“ gewor­den, son­dern
    blü­hen nach wie vor im Ver­bor­ge­nen. In der Tat hat
    auch das „Reform­stu­di­um“ an den UniBw Pro­ble­me und
    Schwä­chen: Als Pflicht­stu­di­um müs­sen grund­sätz­lich
    alle Offi­zier­an­wär­ter stu­die­ren, also auch die, denen es
    bei der Berufs­wahl mehr um die mili­tä­ri­sche Lauf­bahn
    und weni­ger um das Stu­di­um geht. Das Stu­di­um ist auch
    kei­ne Lauf­bahn­vor­aus­set­zung, z.B. für den Höhe­ren
    Dienst (Major). Die Defi­ni­ti­on lau­tet etwas sper­rig
    „regel­mä­ßig inte­gra­ler Bestand­teil der Aus­bil­dung der
    Offi­zie­re“. Damit sind das Stu­di­um sowie die hier­bei
    erreich­ten Noten for­mal­recht­lich und lauf­bahn­mä­ßig
    kei­ne Vor­aus­set­zung und kein Vor­teil für die wei­te­re
    Kar­rie­re, die sich grund­sätz­lich nach dem Auf­stiegs­mo­dell
    – Bewäh­rung und Beur­tei­lun­gen im prak­ti­schen
    Dienst – rich­tet, also für Beför­de­run­gen, die Aus­wahl
    zum Berufs­of­fi­zier und zur Gene­ral­stabs­aus­bil­dung
    (auch wenn das Stu­di­um natür­lich prak­tisch als star­ker
    Kata­ly­sa­tor wirkt). Wei­ter ste­hen Stu­di­um und Stu­di­en­fach
    nicht in Bezie­hung zu den Auf­ga­ben im prak­ti­schen
    Dienst. Dies ver­lei­tet schon bei der Aus­wahl dazu, als
    weni­ger arbeits­in­ten­siv gel­ten­de Fächer zu wäh­len,
    wobei deren Stu­die­ren­de weni­ger Pro­ble­me mit den
    engen Stu­di­en­zei­ten und zusätz­li­chen Pflich­ten haben
    und dadurch bei weni­ger Leis­tungs­druck mehr Zeit zur
    „Pro­fi­lie­rung“ in Events, Selbst­ver­wal­tung usw. fin­den.
    Wenn nicht schon stark der Zweit­be­ruf nach Ablauf der
    Ver­pflich­tungs­zeit in den Blick genom­men wird, drü­cken
    natür­lich die­se Kri­te­ri­en stark auf die Stu­di­en­mo­ti­va­ti­on
    und füh­ren zu meh­re­ren (Motivations)„Klassen“
    von Studierenden,60 was sich durch die strik­te Zusam­men­fas­sung
    in Jahr­gän­gen und Grup­pen erheb­lich stär­ker
    aus­wirkt als ähn­li­che Ansät­ze bei Lan­des­uni­ver­si­tä­ten.
    Als Haupt­pro­blem wird von den meis­ten Stu­die­ren­den
    der (Zeit)Druck durch das straf­fe Stu­di­en­sche­ma
    emp­fun­den – jähr­lich 3 x 3 Mona­te Stu­di­en­be­trieb, 1
    Monat Praktikum/Wehrübung, 1 Monat Urlaub; 3 Jah­re
    bis B. A., 1 wei­te­res Jahr zum M. A.,61 wobei die Bun­des­wehr
    und die UniBw auf die­sen Druck kaum reagie­ren
    kön­nen – bezahl­tes Stu­di­um und „Stand­zeit“ müs­sen in
    Rela­ti­on blei­ben und Niveau­sen­kung ver­bie­tet sich nach
    dem Anspruch und im Ver­gleich zu den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten.
    Moti­va­ti­ons­bruch und Leis­tungs­druck füh­ren zu
    einer Abbre­cher­quo­te von ca. 25%.62 Es ent­steht dadurch
    ein „eigent­lich“ nicht vor­ge­se­he­ner Typ nicht-aka­de­mi­scher
    Offi­zier, wobei sich aller­dings die Bun­des­wehr
    bemüht, auch die­se sinn­voll zu inte­grie­ren und kei­ne
    for­ma­len Nach­tei­le ent­ste­hen zu las­sen. Als Abbre­cher
    zäh­len dabei nur die Offi­zie­re, die bereits im B. A. Stu­di­um
    schei­tern – ist der Bache­lor erwor­ben, gilt dies als
    aka­de­mi­scher Abschluss, so dass die B. A. Absol­ven­ten
    offi­zi­ell kei­ne Nach­tei­le haben. Bei Schwie­rig­kei­ten oder
    ver­brauch­ter Stu­di­en-Moti­va­ti­on führt dies dazu, dass
    sich vie­le Offi­zie­re mit dem B. A. zufrie­den­ge­ben. Dies
    birgt, anders als die ursprüng­li­che Kon­zep­ti­on, die
    Gefahr einer „Ver­ba­che­lori­sie­rung“ des Offizierskorps.63
  3. Les­sons to learn?
    Nach fast 50 Jah­ren Erfah­rung in der Trup­pe und in den
    Anschluss­be­ru­fen besteht kein Zwei­fel, dass die UniBw
    ein Erfolgs­mo­dell sind und dass sich die aka­de­misch
    gebil­de­ten deut­schen Offi­zie­re im All­tags­dienst, in Aus­lands­ein­sät­zen
    und im inter­na­tio­na­len Ver­gleich
    bewährt haben, auch inter­na­tio­nal einen guten Ruf
    60 „Vier-Klas­sen-Gesell­schaft“ der Stu­die­ren­den, Welz, S. 96 ff, 229
    m.w.N.
    61 Wobei Wie­der­ho­lun­gen nicht bestan­de­ner Prü­fun­gen, Ver­län­ge­run­gen
    der Stu­di­en­zeit, Stu­di­en­fach­wech­sel und Jahr­gangs­wech­sel
    zwar nicht unmög­lich, aber büro­kra­tisch und unat­trak­tiv
    – Lauf­bahn­nach­tei­le, Ver­län­ge­rung der Ver­pflich­tungs­zeit – sind.
    62 Dies ent­spricht etwa der Quo­te an den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten, d.h.
    der Leis­tungs­druck und die Vor­tei­le des betreu­ten und bezahl­ten
    Kom­pakt­stu­di­ums glei­chen sich in etwa aus, Welz, S. 98 f m.w.N.
    63 Welz, S. 99.
    Welz · Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­wehr — 50 Jah­re Grün­dungs­pro­zess 1 6 5
    genie­ßen, wobei sie als Mas­ter einen Vor­sprung gegen­über
    den Kame­ra­den aus ande­ren Län­dern haben, deren
    wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung sich zumeist mit dem B. A.
    begnügt. Die Grund­satz­ent­schei­dung für den stu­dier­ten
    Offi­zier war also rich­tig und not­wen­dig, zumal fast jede
    beruf­li­che Bewäh­rung pri­mär mehr über Intel­li­genz und
    Bil­dung geht, nur so Inter­es­sen­ten aus geho­be­nen Ziel­grup­pen
    gewon­nen wer­den kön­nen und ein aka­de­mi­scher
    Back­ground auch im Trup­pen­all­tag und im Ein­satz
    ein Gewinn ist.
    Das her­an­na­hen­de 50-jäh­ri­ge Jubi­lä­um soll­te jedoch
    auch ein Anlass sein, über mög­li­che Refor­men nach­zu­den­ken,
    zumal die gro­ßen Ent­schei­dun­gen der Grün­dungs­zeit
    ja auch zeit­ge­bun­den waren. Hier soll­ten die
    UniBw und ihre Ver­ant­wort­li­chen im BMVg über den
    Hori­zont der Bedarfs­hoch­schu­le hin­aus­den­ken und ihr
    Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al ana­ly­sie­ren und nut­zen: Vor­an­ge­stellt
    sei, dass Anse­hen und Sozi­al­pres­ti­ge des Mili­tä­ri­schen
    grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung ist. Der „gesell­schaft­li­che
    Gegen­wind“ sowie die Fehl­leis­tun­gen im mili­tä­risch-
    indus­tri­el­len Bereich schla­gen auf Image und
    Kli­en­tel auch der UniBw durch. So ist Offi­zier einer der
    unbe­lieb­tes­ten Berufe64 und Abitu­ri­en­ten mit Spit­zen­no­ten
    sind an den UniBw prak­tisch nicht vertreten.65
    Hier könn­te nur eine ech­te „Zei­ten­wen­de“ und „Trend­wen­de
    Mentalität“66 nach­hal­ti­ge Bes­se­rung brin­gen.
    Doch auch bei den von den UniBw und ihren Trä­gern
    zu steu­ern­den Fak­to­ren sind durch­aus Pro­ble­me zu
    ana­ly­sie­ren: Auf­grund der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und
    Kon­zep­ti­on soll­ten der zivi­le Cha­rak­ter von Stil und Stu­di­um
    nicht ange­tas­tet wer­den. Doch muss nach der
    „Zei­ten­wen­de“ natür­lich stär­ker auch auf mili­tä­ri­sche
    Aspek­te geach­tet wer­den: Bei der neu­en Aus­rich­tung auf
    Hei­mat­ver­tei­di­gung und den Leh­ren aus dem Ukrai­ne-
    Krieg ist es unrea­lis­tisch, bei der mili­tä­ri­schen Pla­nung
    die 6 000 Offi­zier­an­wär­ter und Offi­zie­re an den UniBw
    im größ­ten per­so­nel­len Eng­pass­sek­tor „außen vor“ zu
    las­sen. Um die mit den jüngs­ten Refor­men ein­ge­lei­te­te
    stär­ke­re Bin­dung an Trup­pe und Pra­xis fortzusetzen,67
    soll­ten die Stu­den­ten einer Stamm­ein­heit zuge­ord­net
    blei­ben und eine Ein­pla­nung für den Mobil­ma­chungs­fall
    erhal­ten.
    Die Tren­nung von Stu­di­um und Lauf­bah­ner­forder­nis
    erscheint halb­her­zig. Zur Auf­wer­tung des Stu­di­ums
    und Stei­ge­rung der Moti­va­ti­on soll­te das Stu­di­um auch
    recht­lich stär­ker als Regel­vor­aus­set­zung für den höhe­ren
    Dienst betont68 und Stu­di­um und Examens­no­te mit unter­schied­li­chen
    War­te­zei­ten für wei­te­re Beför­de­run­gen
    mit der Lauf­bahn ver­knüpft wer­den.
    Zwar kann posi­tiv her­vor­ge­ho­ben wer­den, dass eini­ge
    der neu­en Stu­di­en­gän­ge und Ein­rich­tun­gen wesent­lich
    „mili­tä­ri­scher“ sind, als das den Grün­dungs­vä­tern
    vor 50 Jah­ren vor­ge­schwebt hat.69 Die­se Ten­denz soll­te
    fort­ge­setzt wer­den. So ist kein Grund (mehr) ersicht­lich,
    auf mili­tär­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en­fä­cher – Mili­tär­ge­schich­te,
    Stra­te­gie, Füh­rungs­leh­re, Logis­tik – zu ver­zich­ten,
    was zumin­dest für spä­te­re Berufs­of­fi­zie­re – Gene­ra­lis­ten
    – ein Vor­teil wäre, zumal nur sehr weni­ge Absol­ven­ten
    in ihrer wei­te­ren Bun­des­wehr­zeit tat­säch­lich im
    Anwen­dungs­be­reich ihres Stu­di­en­fachs ein­ge­setzt sind,
    und das Stu­di­en­fach zumin­dest für die wei­te­re mili­tä­ri­sche
    Kar­rie­re und zuneh­mend auch für zivi­le Berufs­bil­der
    immer weni­ger Bedeu­tung hat. Dies wäre aber vor
    allem ein star­ker Bei­trag zur Imple­men­tie­rung mili­tä­ri­schen
    Wis­sens und Ver­ständ­nis­ses in die gesam­te Bil­dungs-
    und Wis­sens­land­schaft und den (Vor)Politischen
    Raum mit den UniBw als ent­spre­chen­de Nuclei und
    Think Tanks.70
    Als „Bedarfs­uni­ver­si­tät“ (fast) nur für die Offi­zier­aus­bil­dung
    kon­zi­piert, ran­gie­ren die UniBw zwangs­läu­fig
    nach Grö­ße und Fächer­spek­trum und damit auch an
    Exzel­lenz eher unter „fer­ner lie­fen“ der Voll-Uni­ver­si­tä­ten
    der Länder.71 Ursa­che und Haupt­schwä­che ist, dass
    sie bis­her nur auf einen Typ von Stu­den­ten aus­ge­rich­tet
    64 Det­lef Bald/Eckehard Lippert/Rosemarie Zabel, Sozi­al­ge­schich­te
    der Rekru­tie­rung des deut­schen Offi­ziers­korps von der
    Reichs­grün­dung bis zur Gegen­wart, in: Bun­des­mi­nis­te­ri­um der
    Ver­tei­di­gung (Hrsg.), Zur sozia­len Her­kunft des Offi­ziers, Schrif­ten­rei­he
    Inne­re Füh­rung, Heft 29, 1977, S. 55, 111, Tab. 2; Marr,
    Rai­ner (Hrsg.), Kader­schmie­de Bun­des­wehr?? Vom Offi­zier zum
    Mana­ger, 2. Aufl. 2002, S. 12.
    65 Bald/Lippert/Zabel, S. 12, 75; Arwed Bonnemann/Ulrike Hof­mann-
    Broll, Stu­den­ti­sche Ori­en­tie­run­gen zwi­schen aka­de­mi­scher und
    sol­da­ti­scher Lebens­welt, 1999, S. 23 ff.
    66 Bar­tels, Bericht des Wehr­be­auf­trag­ten 2019, S. 20; Welz, S. 226 f;
    ob der Ukrai­ne-Krieg dies Initi­al ist, wird die Zukunft zei­gen.
    67 BMVg F´SK I 3, Unter­su­chung zur Neu­ge­stal­tung der Aus­bil­dung
    Offi­zie­re im Trup­pen­dienst, 2018, S. 4 ff.
    68 So z.B. die „Hoch­schu­le des Bun­des für die öffent­li­che Ver­wal­tung“
    für den geho­be­nen Dienst, Welz, S. 68, 89.
    69 Z.B. die M.A. – Stu­di­en­gän­ge Intel­li­gence and Secu­ri­ty Stu­dies
    (gemein­sam mit der Hoch­schu­le des Bun­des für die öffent­li­che
    Ver­wal­tung) oder Mili­tä­ri­sche Füh­rung und inter­na­tio­na­le
    Sicher­heit (gemein­sam mit der Füh­rungs­aka­de­mie der Bun­des­wehr),
    womit von der Bun­des­wehr und den UniBw durch­aus
    ver­sucht wird, das ange­spro­che­ne mili­tär­theo­re­ti­sche Gap zu
    ver­klei­nern.
    70 Es besteht in Deutsch­land nur eine mili­tär­wis­sen­schaft­li­che
    Pro­fes­sur (Uni­ver­si­tät Pots­dam)! Die erfor­der­li­chen Res­sour­cen
    kön­nen durch „Ando­cken“ an bestehen­de Fächer und Stu­di­en­gän­ge
    klein gehal­ten wer­den.
    71 Vol­ker Epping, Typi­sie­rung von Hoch­schu­len, in: Hartmer/Detmer
    (Hrsg.), Hoch­schul­recht 2017, S. 54 f.
    1 6 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 2 ) , 1 5 5 — 1 6 6
    sind mit unver­meid­ba­rer Kohor­ten­bin­dung und Cam­pus­fi­xie­rung
    (Ghet­to­bil­dung), was zu ent­spre­chen­der
    tat­säch­li­cher und men­ta­ler Ein­engung und Gefahr „intel­lek­tu­el­ler
    Ein­di­men­sio­na­li­tät“ nicht nur bei den Stu­die­ren­den,
    son­dern auch den UniBw und den zustän­di­gen
    Orga­nen des Bun­des führt und ein gro­ßer Nach­teil
    in der Kon­kur­renz mit den Lan­des­uni­ver­si­tä­ten ist. Lösung
    wäre hier der Aus­bruch aus dem Ghet­to der Bedarfs-
    und Res­sor­t­hoch­schu­le durch eine groß­zü­gi­ge
    Öff­nung für zivi­le Stu­den­ten weit über die bis­he­ri­gen
    Kate­go­rien und Zah­len hin­aus mit Ver­grö­ße­rung, Diver­si­fi­zie­rung
    und Auf­wer­tung der UniBw als ech­te Chan­ce
    für eine erheb­li­che Auf­ga­ben- und Hori­zont­er­wei­te­rung.
    Die­se Öff­nung könn­te zeit­nah bis an die ver­fas­sungs­recht­li­chen
    Gren­zen vor­ge­nom­men und durch
    (kos­ten­de­cken­de) Stu­di­en­ge­büh­ren finan­ziert werden.72
    Auch muss fest­ge­stellt wer­den, dass gemes­sen an den
    Ansprü­chen und Vor­stel­lun­gen der Refor­mer die UniBw
    noch kein „Modell…für künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen im
    Hoch­schul­be­reich“ und ein „Aus­hän­ge­schild für die
    Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len in der Bun­des­re­pu­blik“
    und „Bei­spiel für die Hoch­schul­re­form“ gewor­den sind.
    Zwar gibt es bei der Über­trag­bar­keit der her­vor­ra­gen­den
    Rah­men­be­din­gun­gen auf die Lan­des­uni­ver­si­tä­ten
    grund­sätz­li­che Pro­ble­me, da natür­lich Ver­gü­tung,
    Unter­brin­gung und Betreu­ungs­re­la­ti­on so nicht auf Lan­des­hoch­schu­len
    über­trag­bar sind. Ande­rer­seits tun sich
    die­se aber stets mit Refor­men, ins­be­son­de­re Straf­fungsund
    Beschleu­ni­gungs­be­mü­hun­gen, schwer, ohne gute
    Bei­spie­le auf­zu­grei­fen. So wer­den Tri­mes­ter­sys­tem sehr
    pau­schal als unmög­lich erklärt oder angeb­li­che
    „Verschulungs“Tendenzen nega­tiv gesehen;73 auch sind
    die Ver­bes­se­rung der indi­vi­du­el­len Betreu­ung oder
    Schnell­läu­fer- und Eli­te­kur­se über Ansät­ze nicht hin­aus­ge­kom­men.
    Schließ­lich sind Reform­an­sät­ze, ins­be­son­de­re
    Beschleu­ni­gungs­ver­su­che, nicht zuletzt des Bolo­gna-
    Pro­zes­ses, als­bald am all­ge­mei­nen Wider­stand von
    Stu­die­ren­den, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­tio­nen und Poli­tik geschei­tert.
    Somit sind die UniBw zwar „Vor­rei­ter“ für die
    Stu­di­en­re­form, es rei­tet aber kei­ner hinterher.74 Dies
    führt zum Her­vor­sprie­ßen zahl­rei­cher pri­va­ter (Eli­te)
    Hoch­schu­len als Kon­kur­renz, die die Schran­ken und
    Träg­heit der Lan­des­hoch­schu­len und Lan­des­mi­nis­te­ri­en,
    für ihre Spar­te durch­aus erfolg­reich, umge­hen. Die­se
    Chan­ce haben die UniBw und der Bund für „sei­ne“ Uni­ver­si­tä­ten
    bis­her nicht genutzt und begnü­gen sich als
    Vor­bild- und Reform­hoch­schu­len mit ihrer Nischen­exis­tenz,
    obwohl die Bei­spie­le die­ser pri­va­ten (Eli­te)
    Hoch­schu­len bewei­sen, dass für Reform­mo­del­le Inter­es­se
    und Markt vor­han­den ist.75
    Bei grund­le­gen­den Reform­über­le­gun­gen des deut­schen
    Uni­ver­si­täts­sys­tems taucht stets auch der Gedan­ke
    einer Bun­des­uni­ver­si­tät, etwa nach Vor­bild der ETH Zürich,
    auf.76 Dabei wur­de in der poli­ti­schen und ver­fas­sungs­recht­li­chen
    Dis­kus­si­on bis­her ver­nach­läs­sigt, dass
    der Bund mit den UniBw bereits eige­ne Uni­ver­si­tä­ten
    hat, wobei es recht­lich und tat­säch­lich leich­ter wäre, bestehen­de
    Bun­des­uni­ver­si­tä­ten „upzu­gra­den“, als neue zu
    grün­den oder Lan­des­uni­ver­si­tä­ten zu „kau­fen“. Die
    UniBw könn­ten des­halb als Bei­spiel oder Kern für etwai­ge
    Bun­des-Uni­ver­si­tä­ten die­nen, wobei es dem Bund
    leicht­fie­le, sei­ne Uni­ver­si­tä­ten für Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten
    beson­ders attrak­tiv zu machen. Das Zukunfts­mo­dell
    der UniBw könn­te sich also durch­aus men­tal und
    poli­tisch von der Bedarfs­hoch­schu­le hin zu einer all­ge­mei­nen
    Bun­des­uni­ver­si­tät – mit dem Offi­zier­stu­di­um
    als Kern — ent­wi­ckeln.
    Joa­chim Welz war von 2000 bis 2011 Abtei­lungs­lei­ter
    Hoch­schu­len, Wis­sen­schaft und For­schung im Kul­tus­mi­nis­te­ri­um,
    zuletzt im Minis­te­ri­um für Wirt­schaft,
    Wis­sen­schaft und Digi­ta­li­sie­rung Sach­sen-Anhalt,
    sowie von 2007 bis 2011 Vor­sit­zen­der des Hoch­schul­aus­schus­ses
    der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz und Oberst­leut­nant
    d.R. Anschlie­ßen­des Stu­di­um der Mili­tär­ge­schich­te,
    M. A
    72 (Unzu­läs­si­ge?) Betä­ti­gung des Bun­des im Hoch­schul­we­sen?
    Pro­ble­ma­tisch des­halb gene­rel­le Öff­nung, aber unbe­denk­lich für
    bun­des­wehraf­fi­ne Ziel­grup­pen (Ver­knüp­fung mit frei­wil­li­gem
    Wehr­dienst, Reser­ve­of­fi­zier); ver­tret­bar auch zivi­le Stu­die­ren­de
    bei Fächern/Schwerpunkten mit Allein­stel­lungs­merk­mal; vergl.
    den „Markt“ für „Pri­vat­hoch­schu­len“ und spe­zi­el­le Stu­di­en­mo­del­le
    mit Ver­kür­zung, Betreu­ung, Anlei­tung und spe­zi­fi­schem
    Image gera­de für ehr­gei­zi­ge Stu­die­ren­de.
    73 Die Mach­bar­keit des Tri­mes­ter-Sys­tems und die Ver­schu­lungs­ten­denz
    sind umstrit­ten und ein Par­al­lel­be­trieb mit Schnell­läu­fer-
    oder Eli­te-Kur­sen/­Stu­di­en­gän­gen wären wegen des dann
    ent­ste­hen­den Zwei-Klas­sen-Sys­tems pro­ble­ma­tisch.
    74 Buch­ti­tel Reu­ter-Boy­sen s. Fn 1; Welz, S. 231.
    75 Der­zeit in der Bun­des­re­pu­blik rund 150 nicht­staat­li­che Hoch­schu­len,
    aller­dings nur rund 6% der Stu­die­ren­den, davon 21
    Uni­ver­si­tä­ten sowie über 30 Res­sor­t­hoch­schu­len; nach: Pri­vat
    stu­die­ren von Ber­lin bis Mün­chen: Alle Pri­vat­hoch­schu­len in
    Deutsch­land, Privathochschulen.net; Wer­ner Thie­me, Pri­vat­hoch­schu­len,
    S. 10 ff; Geor­ge Tur­ner, Hoch­schul­re­for­men, 2018, zitiert
    Tur­ner, S. 299–317 und 336 mit dem pes­si­mis­ti­schen? Aus­blick,
    „Eli­te­schmie­den“ wohl nur über nicht­staat­li­che Hoch­schu­len
    mög­lich, S. 312 f.
    76 Deut­scher Bun­des­tag, Wis­sen­schaft­li­che Diens­te, Uni­ver­si­tät
    des Bun­des, 29.6.2011, WD 33–3000-206/11, S. 6 ff; (geschei­ter­te)
    Initia­ti­ven: Schröder/Bulmahn/Scholz, 2004 ff und Scha­van 2011;
    soweit GG-Ände­rung erfor­der­lich, erscheint dies aber über recht­li­chen
    oder finan­zi­el­len Deal mit den Län­dern nicht unlösbar.