Menü Schließen
Klicke hier zur PDF-Version des Beitrags!

Über­sicht

I. Am Bei­spiel von Evalitech

II. Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen, Anfor­de­rungs­pro­fil und „erwei- ter­te“ Indikatorik

1. Leis­tungs­prin­zip als Maß­stab
2. Gesetz­li­che Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen 3. Her­aus­for­de­run­gen für Indikatorik

III. Fach­prin­zip und Mit­wir­kung an der Selbst­ver­wal­tung ge- währ­leis­tet Wissenschaftsfreiheit

1. Selbst­ver­wal­tung in der Wis­sen­schaft, Fach­prin­zip und Be- urteilungsspielraum

2. Mehr­stu­fi­ge Gre­mi­en­be­tei­li­gung und Besten­aus­le­se, Doku- mentationsanforderungen

3. Her­aus­for­de­run­gen für Indi­ka­to­rik-Platt­form bzw. KI

IV. Fest­stel­lung und Ver­gleich wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen durch die Berufungskommission

1. Befug­nis und Pflicht der Beru­fungs­kom­mis­si­on zum Leis- tungsvergleich

2. Risi­ken arith­me­ti­scher Bewertungen

3. Her­aus­for­de­rung an Bewer­tungs­pro­zes­se einer Indi­ka­to­rik- plattform

V. Mit­wir­kungs­pflich­ten für und Daten­schutz der Indi­ka­to­rik- plattform

1. Rege­lung von Mit­wir­kungs­pflich­ten durch Rechtsvorschrift

2. Rechts­grund­la­ge und Erfor­der­lich­keit der Indi­ka­to­rik­platt- form

3. Track­ing, Daten­zu­ord­nung und Bewer­tung
4. Zweck­än­de­rung bei außer­wett­be­werb­li­cher Datennutzung

VI. Fazit

Kaum ein Bereich der durch Rechts­sät­ze gesteu­er­ten (und beschränk­ten) mensch­li­chen Ent­schei­dun­gen in der Medi­zin, Tech­nik und Gesell­schaft bleibt heu­te von

* Der Bei­trag beruht auf dem Vor­trag des Verf. beim 16. Hoch­schul- rechts­tag in Erlan­gen am 27.09.2023 und gibt aus­schließ­lich sei­ne per­sön­li­che Auf­fas­sung wieder.

  1. 1  For­schungs­bei­rat der Platt­form Indus­trie 4.0/acatech – Deut­sche Aka­de­mie der Tech­nik­wis­sen­schaf­ten (Hrsg.): Neue inno­va­tions- ori­en­tier­te Eva­lua­ti­ons­me­trik im Indus­trie 4.0‑Umfeld auf KI- Basis, 2022, DOI: 10.48669/fb40_2022-05, Quel­le: www.acatech. de/publikation/evalitech/ (zuletzt abge­ru­fen am 03.12.2023), im Fol­gen­den: For­schungs­be­richt Eva­li­tech.
  2. 2  Sie­he zum KI-Ein­satz in der Per­so­nal­aus­wahl auch Thalmann/ Felix, Künst­li­che Intel­li­genz in der Per­so­nal­aus­wahl, 2021. Quel­le: https://www.ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/AMS_Re- port_KIuPersonalauswahl_bf_pdfua.pdf (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023).

der Her­aus­for­de­rung aus­ge­nom­men, durch die Ein­be- zie­hung künst­li­cher Intel­li­genz schnel­ler, nach­hal­ti­ger oder in sons­ti­ger Bezie­hung bes­ser wer­den zu kön­nen. Der 16. Hoch­schul­rechts­tag in Erlan­gen beschäf­tig­te sich Ende Sep­tem­ber 2023 mit der Bedeu­tung künst­li­cher Intel­li­genz im Hoch­schul­be­reich. Ein Schwer­punkt und Gegen­stand die­ses Bei­trags ist die (Annä­he­rung an die) Fra­ge, ob bei Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren auto- mati­sier­te Bewer­tun­gen durch Algo­rith­men (künst­li­che Intel­li­genz) ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Dafür ist eine nähe­re Betrach­tung not­wen­dig, wie eine Beru­fungs­kom- mis­si­on Leis­tun­gen ver­gleicht und Bewerber*innen aus- wählt und wel­che Zwe­cke damit erfüllt werden.

I. Am Bei­spiel von Evalitech

Den Anlass der Unter­su­chung und auch ihren Gegen- stand bil­det das Pro­jekt Eva­li­tech, das der For­schungs- bei­rat der Platt­form Indus­trie 4.0 initi­ier­te und mit des- sen im Sep­tem­ber 2022 ver­öf­fent­lich­ten Abschluss­be- richts1 er Impul­se setzte2. Nach dem Vor­wort zu die­sem Bericht hat­te das Pro­jekt zu unter­su­chen, „inwie­fern die bis­he­ri­ge Indi­ka­to­rik für die Eva­lu­ie­rung wis­sen­schaft­li- cher Leis­tun­gen bei Beru­fungs­ver­fah­ren im Bereich von Indus­trie 4.0 und indus­tri­el­ler KI durch neue Indi­ka- toren erwei­tert und opti­miert wer­den kann“3.

Nach vor­an­ge­hen­den Posi­tio­nie­run­gen von acatech4 such­te das Pro­jekt zunächst nach Kri­te­ri­en und Merk- malen, die einer­seits im Inter­net anhand von Daten­quel- len wie Selbst­dar­stel­lun­gen und Wett­be­wer­ber­sei­ten au- toma­ti­siert erho­ben wer­den kön­nen, ande­rer­seits als ge- eig­net gel­ten sol­len, die Aus­wahl für Pro­fes­su­ren im Be- reich Indus­trie 4.0 und KI zu ver­bes­sern und Fehl­be­ru­fun­gen zu redu­zie­ren: Durch neu­ar­ti­ge Indika-

3 For­schungs­be­richt Eva­li­tech (Fn. 1), Vor­wort S. 1.
4 aca­tech – Deut­sche Aka­de­mie der Tech­nik­wis­sen­schaf­ten (Hrsg.):

Qua­li­täts­kri­te­ri­en in den Tech­nik­wis­sen­schaf­ten. Emp­feh­lun­gen zur Bewer­tung von wis­sen­schaft­li­chem Erfolg. aca­tech POSI- TION. Mün­chen, 2018. Quel­le: www.acatech.de/publikation/ qua­li­taets­kri­te­ri­en-in-den-tech­nik­wis­sen­schaf­ten-emp­feh­lun­gen- zur-bewer­tung-von-wis­sen­schaft­li­chem-erfol­g/ (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023); sowie: Beru­fun­gen in den Tech­nik­wis­sen­schaf­ten. Emp­feh­lun­gen zur Stär­kung von For­schung und Inno­va­ti-on. aca- tech POSITION. Mün­chen, 2018. Quel­le: www.acatech.de/publi- kat­ion/­be­ru­fun­gen-in-den-tech­nik­wis­sen­schaf­ten-emp­feh­lun­gen- zur-staer­kung-von-for­schung-und-inno­va­ti­on/ (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023).

Klaus Herr­mann

Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intelligenz*

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2024, ISSN 2197–9197

26 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

toren sol­len auch rele­van­te Leis­tun­gen jen­seits der aka- aptier­ba­res Indi­ka­to­rik­kon­zept“ vor­ge­stellt, das sich

demi­schen Publi­ka­ti­ons­tä­tig­keit in die­se Ver­fah­ren ein- flie­ßen können5. Im Ergeb­nis wur­de ein „initia­les, mul­ti- kri­te­ri­el­les und auf spe­zi­fi­sche Anfor­de­rungs­pro­fi­le ad-

bezieht auf „den Impact, die Erfah­rung und Visi­bi­li­tät von Forschenden“6 und fol­gen­de Kri­te­ri­en umfasst:

Ober­kri­te­ri­enKri­te­ri­enTeil­kri­te­ri­en
Wis­sen­schaft1. Publi­ka­tio­nenZitier-Impact
Viel­zi­tier­te Publikationen
Open Access-Autoren­schaf­ten
Stan­dard­wer­ke
Anzahl der Herausgeberschaften
2. Ein­ge­la­de­ne VorträgeKey­note Speeches
Fach­vor­trä­ge
Com­mu­ni­ty3. For­schungs­ver­bün­deLei­tung natio­na­ler Konsortialprojekte
Lei­tung inter­na­tio­na­ler Konsortialprojekte
4. Orga­ni­sa­ti­on von VeranstaltungenAnzahl orga­ni­sier­ter Konferenzen
Anzahl orga­ni­sier­ter Kon­fe­renz-Tracks/­Work­shops
5. (Inter-) Natio­na­ler WissensaustauschAnzahl Aus­lands­auf­ent­hal­te als Gastwissenschaftler
Anzahl Gast­ge­ber­schaf­ten für Auslandsaufenthalte
Anzahl Gast­pro­fes­su­ren/-dozen­tu­ren
Betreu­te inter­na­tio­na­le Forschungskooperationen
Aus- und Weiterbildung6. Leh­re und Qua­li­fi­zie­rung an HochschulenAnzahl betreu­ter Dok­to­ran­din­nen und Doktoranden
Anzahl betreu­ter Masterarbeiten
Anzahl durch­ge­führ­ter Lehrveranstaltungen
7. (betrieb­li­che) WeiterbildungAnzahl gehal­te­ner Semi­na­re (Semi­nar­lei­tung)
Anzahl gehal­te­ner Zertifikatskurse
For­schungs­in­fra­struk­tur8. For­schungs­ein­rich­tun­genAnzahl Auf­bau / Beglei­tung / Betreu­ung von Einrichtungen
9. Daten und PlattformenTrai­nings­da­ten­sät­ze
Test­um­ge­bun­gen
10. Open Source SoftwareOpen Source Maintainer
Git­Hub-Bewer­tun­gen
Indus­trie11. Pro­dukt­ent­wick­lun­genAnzahl Betei­li­gun­gen an Produktentwicklungen
12. Nor­mung, Richt­li­ni­en, StandardisierungenAnzahl Betei­li­gun­gen an Nor­mung, Richt­li­ni­en, Standardisierungen
13. Pro­dukt- und MessepräsentationenAnzahl gehal­te­ner Prä­sen­ta­tio­nen zu Pro­duk­ten / auf Messen
14. Per­so­nal­ver­ant­wor­tungAnzahl Jah­re in Führungspositionen
15. Eige­ne QualifikationenZer­ti­fi­ka­te
Öko­no­mie16. Pro­jekt- / MitteleinwerbungEin­ge­wor­be­ne Dritt­mit­tel (öffent­lich gefördert)
Ein­ge­wor­be­ne Indus­trie­mit­tel (pri­vat­wirt­schaft­lich)
17. Paten­te und LizenzenAnge­mel­de­te Patente
Ein­nah­men durch Patente/Lizenzen
18. (Aus-) GründungenAnzahl geschaf­fe­ne Arbeitsplätze
Anzahl eige­ne Gründungen
Höhe des Umsatzes
Gesell­schaft19. Gre­mi­en­ar­beitPosi­tio­nen in wis­sen­schaft­li­chen Aka­de­mien, Gesell­schaf­ten und Ver­ei­nen oder in Standardisierungsgremien
20. Wis­sen­schafts- und InnovationspreiseWis­sen­schafts- und Inno­va­ti­ons­prei­se sowie Aus­zeich­nun­gen (z. B. Leib­niz-Preis und ERC-Preise)
21. Inter­net und Social MediaAuf­ruf­sta­tis­tik Wikipedia
Social Media Fol­lower (z. B. Twitter)

5 For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 4 f.

6 For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 7 f.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 2 7

Die neu­ar­ti­ge Indi­ka­to­rik gewähr­leis­te nach dem For- schungs­be­richt eine „umfäng­li­che­re Bewer­tung wis­sen- schaft­li­cher Leis­tun­gen (…), als bei­spiels­wei­se aus- schließ­lich der H‑Index als Indikator.“7 Dabei wird an die Annah­me ange­knüpft, dass sich die Bemes­sung wis- sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen über­wie­gend auf die­se biblio- metri­schen Indi­zes stütze8. Ent­ge­gen die­ser Befürch­tung beschrän­ken sich die Leis­tungs­fest­stel­lun­gen in den meis­ten Beru­fungs­ver­fah­ren der­ar­ti­ge nicht auf die Über­nah­me irgend­wel­cher biblio­me­tri­scher Indizes9. Jeden­falls in der gericht­li­chen Kon­trol­le wer­den Anga- ben nicht als Refe­renz für eine „aus­ge­wie­se­ne wis­sen- schaft­li­che Repu­ta­ti­on“ ange­se­hen — inwie­weit sich dar- aus Rück­schlüs­se auf einen Ruf bzw. ein Anse­hen als Wis­sen­schaft­ler ergibt, lie­ge im Auge des jewei­li­gen Betrachters.10

In einem wei­te­ren Abschnitt des Eva­li­tech-Pro­jekts wur­de eine „Indi­ka­to­rik­platt­form“ kon­zi­piert und mit „Roh­da­ten-Ergeb­nis­sen“ für frei­wil­lig teil­neh­men­den Per­so­nen (mit aca­tech- und Indus­trie 4.0‑Bezug) unter- setzt. Ein­zel­ne Bau­stei­ne betra­fen die ad-hoc Meta­da- ten-Samm­lung für jede*n Kandidat*in (1), das kon­tinu- ier­li­che Kandidat*innen-Tracking (2), die Iden­ti­fi­ka­ti­on von rele­van­ten Wissenschaftler*innen für ‚unbe­kann­te’ The­men­fel­der (3), sowie die Pla­nung der rekur­si­ven Ver- fol­gung von Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Wissenschaftler*innen (4) sowie schließ­lich eines End- punk­tes zur manu­el­len / nut­zer­be­zo­ge­nen Ergän­zung (nicht-öffent­li­cher) Daten der Kandidat*innen. Im drit- ten Schritt wur­de eine Metrik kon­zi­piert und eine Web- anwen­dung ent­wor­fen, die einen Ver­gleich der Kandidat*innen her­bei­führt: Dazu wer­den die mit den Teil­kri­te­ri­en und Kandidat*innen ver­knüpf­ten Daten ei- ner beson­de­ren Ver­gleichs­be­wer­tung unter­zo­gen, wobei die Zuord­nung eines Werts im Bereich zwi­schen 0 und 100 auf einem Ver­gleich aller Kandidat*innen im Eva- litech Metrik-Pool beru­hen soll. Dem liegt die Annah­me zugrun­de, dass alle Teil­neh­men­den hin­sicht­lich der Teil- kri­te­ri­en in einer ste­ti­gen Rela­ti­on zuein­an­der stün­den, was eine ste­ti­ge Ver­gleich­bar­keit ermögliche11. Durch Ände­rung von bestimm­ten Vor­ein­stel­lun­gen im Sin­ne einer Pro­fi­lie­rung kön­ne die Gewich­tung der Teil­kri­te­ri- en bei der Wer­te-Zuord­nung geän­dert und damit eine

  1. 7  For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 9.
  2. 8  For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 3.
  3. 9  Vgl. Neukirchen/Emmrich (Hrsg.)/Büggeln/Breder/Kurlemann/Rock­mann, Beru­fun­gen, Befan­gen­heit und Bewer­bungs­ver­fah- rens­an­spruch, 2021, S. 59. Zu biblio­me­tri­schen Indi­zes sie­he Böh- mann in: Leuze/Epping, Gesetz über die Hoch­schu­len des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len (Kom­men­tar), 20. Lie­fe­rung, 8/2023, § 31 HG NW, Rn. 49 ff. unter Ver­weis auf Herb, Ver­mes­sung der Wis- sen­schaft, abruf­bar unter www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28942/1. html (zuletzt abge­ru­fe am: 03.12.2023); spe­zi­ell zum „Hirsch-In-

dem jewei­li­gen Pro­fil ange­pass­te Rei­hen­fol­ge der Kandiat*innen ange­zeigt wer­den. Die Ände­rung von Ein­stel­lun­gen an „Schie­be­reg­lern“ rücke durch auto­ma- tisier­te Neu­ge­wich­tung mehr ent­spre­chen­de Kandidat*innen in der Rei­hen­fol­ge nach vorn.

Das in 3 Pha­sen durch­ge­führ­te Pro­jekt bezweck­te und erbrach­te aller­dings kei­ne anwen­dungs­be­rei­te Webapplikation/Software noch beschäf­tig­te es sich mit den recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen von Beru­fungs- ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren an staat­li­chen oder staat­lich aner­kann­ten Hoch­schu­len oder an außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tun­gen. Auch wenn für ein­zel­ne Wissenschaftler*innen in „meh­re­ren Beru­fungs­ver­fah- ren“ die Eva­li­tech-Metrik erfolg­reich erprobt wor­den sein soll, sind die „Ergeb­nis­se des Eva­li­tech-Ein­sat­zes … auf­grund der Daten­schutz­be­stim­mun­gen“ nicht publiziert12.

II. Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen, Anfor­de­rungs­pro­fil und „erwei­ter­te“ Indikatorik

Die ers­te Hür­de für die im Eva­li­tech-Pro­jekt dis­ku­tier­te Öff­nung der Anfor­de­rungs­kri­te­ri­en sind die gesetz­li- chen, zum Teil für ein­zel­ne Pro­fes­su­ren dif­fe­ren­zier­ten Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen und die sons­ti­gen bei Ein- stel­lun­gen zu beach­ten­den Anfor­de­run­gen: Geht es um die Beset­zung von Pro­fes­su­ren an staat­li­chen oder staat- lich aner­kann­ten Hoch­schu­len kön­nen die bereits bei der Ein­stel­lung gefor­der­ten Nach­wei­se für eine wis­sen- schaft­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on nicht durch prak­ti­sche Erfah- run­gen oder wirt­schaft­li­che Erfol­ge mit neu­en Tech­no- logien, künst­li­cher Intel­li­genz oder in sons­ti­gen Berei- chen des digi­ta­len Wan­dels in Tech­nik und Gesell­schaft ersetzt wer­den. Inso­fern hängt die wis­sen­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit der deut­schen Uni­ver­si­tä­ten in For- schung, Leh­re und Kran­ken­ver­sor­gung auch davon ab, sowohl zur Pro­fil­bil­dung als auch zur Qua­li­täts­si­che­rung die Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen in den Beru­fungs­ver- fah­ren ernst­haft und ver­läss­lich zu prüfen13.

1. Leis­tungs­prin­zip als Maßstab

Ent­schei­dun­gen zur Beset­zung von Pro­fes­su­ren unter- lie­gen nach der ste­ti­gen Recht­spre­chung den Anforde-

dex“ Ball, B.I.T.online 4/2006, S. 309 ff. [https://www.b‑i-t-online.

de/archiv/2006–04/fach3.htm] (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023) 10 VG Stutt­gart, B. v. 13.1.2014 – 8 K 3207/13, juris, Rn. 25; sie­he auch

Meh­de, ZBR 2018, 373, 377.
11 Vgl. For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 9.
12 For­schungs­be­richt Eva­li­tech (Fn. 1), Fazit S. 15.
13 Vgl. schon Reso­lu­ti­on des 67. DHV-Tages am 4.4.2017 – Quelle:

„Das Beru­fungs­ver­fah­ren“ https://www.hochschulverband.de/ fileadmin/redaktion/download/pdf/resolutionen/ResolutionBeru fungsverfahren-Endfassung.pdf (zuletzt abge­ru­fen am 03.12.2023).

28 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

run­gen der Besten­aus­le­se – des­halb haben die Hoch- schu­len die Aus­wahl­ent­schei­dun­gen nach den in Art. 33 Abs. 2 GG genann­ten Kri­te­ri­en der Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung auszurichten14. In die­ser Situa­ti- on obliegt der aus­wäh­len­den Hoch­schu­le die „Klä­rung einer Wett­be­werbs­si­tua­ti­on“, für die die wis­sen­schaft­li- chen Leis­tun­gen und fach­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen eben­so ein­zu­be­zie­hen sind wie die Erfah­run­gen (z.B. im For- schungs­ma­nage­ment) oder die per­sön­li­che, ins­be­son­de- re päd­ago­gi­sche Eig­nung – hier­bei haben sie größt­mög- liche Ver­gleich­bar­keit der erho­be­nen Daten zu gewähr- leisten15. Dabei dient Art. 33 Abs. 2 GG zum einen dem öffent­li­chen Inter­es­se der best­mög­li­chen Beset­zung des öffent­li­chen Diens­tes. Zum ande­ren trägt Art. 33 Abs. 2 GG dem berech­tig­ten Inter­es­se der Bewerber*innen an einem ange­mes­se­nen beruf­li­chen Fort­kom­men dadurch Rech­nung, dass er ein grund- rechts­glei­ches Recht auf ermes­sens- und beur­tei­lungs- feh­ler­freie Ein­be­zie­hung in die Bewer­ber­aus­wahl begründet16.

Die Hoch­schu­len erstel­len die Beru­fungs­vor­schlä­ge dabei regel­mä­ßig in einem „gestuf­ten“ Aus­wahl­ver­fah- ren: Bewerber*innen, wel­che die all­ge­mei­nen Ernen- nungs­be­din­gun­gen nicht erfül­len oder die aus sons­ti­gen Eig­nungs­grün­den für die Ämter­ver­ga­be nicht in Be- tracht kom­men, kön­nen durch eine Vor­auswahl­ent- schei­dung aus­ge­schlos­sen und müs­sen somit nicht mehr in den Leis­tungs­ver­gleich ein­be­zo­gen werden17. Dies gilt grund­sätz­lich auch für Bewer­ber, die zwin­gen­de Vor­ga- ben eines recht­mä­ßi­gen Anfor­de­rungs­pro­fils nicht erfül- len18. Es steht also nicht im frei­en Belie­ben der Hoch- schu­le, wel­che Anfor­de­rungs­merk­ma­le bewer­tet und mit wel­chen Leis­tun­gen Bewerber*innen in die Aus-

  1. 14  Vgl. BVerfG, B. v. 3.3.2014 — 1 BvR 3606/13, NVwZ 2014, 785 = juris, Rn. 15 ff.; BVerwG, U. v. 20.10.2016 – 2 C 30/15, Rn. 17; U. v. 9.5.1985 — 2 C 16.83, Rn. 29; VGH Mann­heim, B. v. 08.12.2020 — 4 S 2583/20, Rn. 7; B. v. 27.7.2022 – 4 S 713/22, Rn. 36; VGH Mün­chen, B. v. 29.8.2022 – 3 CE 22.838, Rn. 7; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 30.3.2017 – 10 S 32.16, juris, Rn. 7; OVG Bre­men, B. v. 4.5.2011– 2 B 71/11, Rn. 42; OVG Ham­burg, B. v. 8.7.2005 – 1 Bs 89/05,
    Rn. 10; VGH Kas­sel, B. v. 28.11.2022 – 1 B 1620/22, Rn. 50; OVG Greifs­wald, B. v. 21.4.2010 – 2 M 14/10, Rn. 13; OVG Lüne­burg, B. v. 24.10.2018 – 5 ME 82/18, Rn. 25; OVG Müns­ter, B. v. 10.2.2016 — 6 B 33/16, Rn. 8; OVG Saar­lou­is, B. v. 13.4.2022 – 1 A 285/20, Rn. 26; OVG Baut­zen, B. v. 9.7.2018 – 2 B 52/18, Rn. 12; OVG Mag­de-
    burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, Rn. 7; B. v. 1.7.2014 — 1 M 58/14, Rn. 7; OVG Schles­wig, B. v. 8.12.2020 – 2 MB 28/20, Rn. 6; OVG Koblenz, B. v. 6.8.2018 – 2 B 10742/18, Rn. 4; OVG Wei­mar, B. v. 26.6.2019 – 2 EO 292/18, Rn. 29 (Fund­stel­len nach juris).
  2. 15  Sie­he schon zur Funk­ti­on der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen zur „Klä­rung einer Wett­be­werbs­si­tua­ti­on“: BVerwG, U. v 18.7.2001 – 2 C 41/00, juris, Rn. 14; U. v. 27.2.2003 – 2 C 16/02, juris, Rn. 13.
  3. 16  BVerfG, B. v. 20.9.2016 – 2 BvR 2453/15, BVerfGE 143, 22 ff. = juris, Rn. 18.
  4. 17  Vgl. VGH Mün­chen, B. v. 1.2.2022 – 3 CE 22.19, Rn. 8; OVG Mag- deburg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, Rn. 31 (Fund­stel­len nach juris).

wahl­ver­fah­ren ein­be­zo­gen wer­den — die gleich­mä­ßi­ge Hand­ha­bung der Anfor­de­rungs­kri­te­ri­en unter­liegt je- den­falls der vol­len gericht­li­chen Kontrolle19. Dabei sind die Hoch­schu­len wäh­rend des gesam­ten Aus­wahl­ver­fah- rens an das – zwin­gend vor der Aus­schrei­bung fest­zu­le- gen­de – Anfor­de­rungs­pro­fil gebun­den und kön­nen die Anfor­de­run­gen nicht mehr ändern20, nach­dem sich die Bewerber*innen gegen­über der Hoch­schu­le offen­bart haben. Auch eine aus­deh­nen­de Aus­le­gung der Anfor­de- rungs­merk­ma­le wäre unzu­läs­sig, weil sich sonst der zu- läs­si­ge Bewer­ber­kreis erwei­tern könn­te, ohne dass mög- liche Inter­es­sen­ten hier­von Kennt­nis erhielten21.

Die Recht­spre­chung akzep­tiert Vor­auswahl­entsch­ei- dun­gen der Hoch­schu­len und den Aus­schluss von Bewerber*innen,diezwingendnachzuweisende(konsti- tuti­ve) Merk­ma­le eines zuläs­si­ger­wei­se auf­ge­stell­ten An- for­de­rungs­pro­fils nicht erfüllen22: Eine Aus­wahl­ent- schei­dung ist eben­so rechts­wid­rig und ver­letzt den Be- wer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch von Bewerber*innen, wenn ein*e Bewerber*in rechts­feh­ler­haft oder auf Grund eines unzu­läs­si­gen Anfor­de­rungs­merk­mals aus dem Be- wer­bungs­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen wurde23 wie wenn Mit­be­wer­ben­de nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, obwohl sie ein zuläs­si­ges kon­sti­tu­ti­ves Anfor­de­rungs­merk­mal nicht erfüllen24.

„Kon­sti­tu­tiv“ oder zwin­gend sind dabei die­je­ni­gen Merk­ma­le des Anfor­de­rungs­pro­fils, wel­che unver­zicht- bar vor­lie­gen müs­sen und anhand objek­tiv über­prüf­ba- rer Kri­te­ri­en ein­deu­tig und unschwer fest­zu­stel­len sind25. Dem­ge­gen­über sind nicht kon­sti­tu­ti­ve – fakul­ta­ti­ve oder deskrip­ti­ve – Anfor­de­rungs­merk­ma­le sol­che Qua­li­fi­ka- tio­nen, die ent­we­der aus­drück­lich nicht zwin­gend vor- lie­gen müs­sen (weil sie bei­spiels­wei­se nur „erwünscht“

18 BVerwG, B. v. 6.4.2006 — 2 VR 2.05, juris, Rn. 7; B. v. 20.6.2013 — 2 VR 1.13, juris, Rn. 23;

19 Vgl. BVerfG, B. v. 25.11.2011 — 2 BvR 2305/11, Rn. 15 m. w. N.; BVerwG, U. v. 16.8.2001 – 2 A 3.00, BVerw­GE 115, 58, 61; U. v. 26.1.2012 — 2 A 7.09, Rn. 19, B. v. 25.10.2011 — 2 VR 4.11, Rn. 17; OVG Baut­zen, B. v. 28.12.2010, PersR 2011, 226; B. v. 7.2.2013 – 2 B 391/12, Rn. 12; VGH Mann­heim, B. v. 7.12.2010, NVwZ-RR 2011, 290; OVG Müns­ter, B. v. 8.10.2010 – 1 B 930/10, Rn. 26; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, Rn. 20 (unben. Fund­stel­len nach juris).

20 BVerwG, B. v. 20.6.2013 — 2 VR 1.13, juris, Rn. 32; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, juris, Rn. 18.

21 BVerfG, B. v. 28.2.2007 — 2 BvR 2494/06, juris, Rn. 6 ff.; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, juris, Rn. 22.

22 Vgl. BVerwG, U. v. 25.2.2010 — 2 C 22.09, Rn. 15; OVG Lüne­burg, B. v. 24.10.2018 – 5 ME 82/18, Rn. 24 m.w.N.; VGH Kas­sel, B. v. 28.11.2022 – 1 B 1620/22, Rn. 51 (Fund­stel­len nach juris).

23 BVerwG, B. v. 20.6.2013 – 2 VR 1.13, juris, Rn. 27.
24 vgl. BVerfG, B. v. 2.10.2007 — 2 BvR 2457/04, ZBR 2008, 164; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 17.12.2007 — 4 S 44.07, juris, Rn. 2; VGH

Mann­heim, B. v. 10.1.2013 – 4 S 2365/12, juris, Rn. 8, juris; OVG

Lüne­burg, B. v. 24.10.2018 – 5 ME 82/18, juris.
25 OVG Schles­wig, B. v. 8.12.2020 – 2 MB 28/20, juris, Rn. 13.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 2 9

sind) oder deren Vor­lie­gen nicht allein anhand objek­tiv über­prüf­ba­rer Fak­ten – beja­hend oder ver­nei­nend – fest­ge­stellt wer­den kann. Hier­un­ter fal­len sol­che Merk- male, die sich erst auf der Grund­la­ge eines per­sön­lich- keits­be­ding­ten, das betref­fen­de Ele­ment des Eig­nungs- und Befä­hi­gungs­pro­fils näher in den Blick neh­men­den, abwä­gen­den Wert­ur­teils erschließen26. Der­ar­ti­ge Merk- male, die einen Wer­tungs­spiel­raum eröff­nen und über die der Dienst­herr zunächst eine nähe­re Ein­schät­zung tref­fen muss, kön­nen in einem Stel­len­be­set­zungs­ver­fah- ren nur Bedeu­tung erlan­gen für die Aus­wahl unter den Bewerber*innen, die das (zuläs­si­ger­wei­se auf­ge­stell­te) kon­sti­tu­ti­ve Anfor­de­rungs­pro­fil erfül­len und des­halb zur nähe­ren Über­prü­fung bzw. ver­glei­chen­den Gewich- tung ihrer*seiner im Übri­gen vor­lie­gen­den Eig­nung in das wei­te­re, eigent­li­che Aus­wahl­ver­fah­ren ein­zu­be­zie- hen sind. Unter den danach ver­blei­ben­den Bewerber*innen kann derjenigen*demjenigen der Vor- rang gebüh­ren, die oder der spe­zi­fi­sche Anfor­de­run­gen des Dienst­pos­tens vor­aus­sicht­lich am bes­ten erfüllt27: Die Erfül­lung der kon­sti­tu­ti­ven oder der gesetz­li­chen Min­dest­an­for­de­run­gen der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le be- sagt zwar, dass die Bewerber*innen für die­se Stel­le grund­sätz­lich geeig­net sind, mit­nich­ten aber, dass alle Bewerber*innen hier­für auch gleich geeig­net wären. Dann sind Abstu­fun­gen in der Qua­li­fi­ka­ti­on anhand leistungsbezogenerKriterienentscheidend28,wobeiein zunächst bestehen­des Defi­zit in einem Bereich aus­ge­gli- chen oder sogar ein Vor­sprung begrün­det wer­den kann durch Leis­tun­gen in ande­ren Bereichen29. Die Beru- fungs­kom­mis­si­on darf deskrip­tiv gehal­te­ne Anfor­de- rungs­kri­te­ri­en auch näher kon­kre­ti­sie­ren oder gewichten30.

Die im Ein­zel­fall schwie­ri­ge Ent­schei­dung, ob die im Anfor­de­rungs­pro­fil auf­ge­führ­ten Merk­ma­le kon­sti­tu­ti- ver oder ledig­lich fakul­ta­ti­ver Art sind, bedarf einer (ent- spre­chend § 133 BGB) am objek­ti­ven Empfängerhorizont

  1. 26  OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 26.3.2020 — 10 S 31.19, Rn. 16; OVG Müns­ter, B. v. 24.7.2018 — 1 B 612/18, Rn. 31; VGH Kas­sel, B. v. 3.3.2016 — 1 B 1064/15, Rn. 9 f,juris.
  2. 27  OVG Schles­wig, B. v. 8.12.2020 – 2 MB 28/20, juris, Rn. 13; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, juris, Rn. 20.
  3. 28  BVerwG, U. v. 16.8.2001 — 2 A 3.00, juris Rn. 32; VGH Mann­heim, B. v. 27.7.2022 – 4 S 713/22, juris, Rn. 51.
  4. 29  VGH Mün­chen, B. v. 5.1.2012 – 7 CE 11.1432, juris, Rn. 22.
  5. 30  VGH Mann­heim, B. v. 27.7.2022 – 4 S 713/22, juris, Rn. 55; OVGMag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, juris, Rn. 19.
  6. 31  BVerwG, U. v. 19.11.2015 — 2 A 6.13, juris, Rn. 22; B. v. 25.10.2011 — 2VR 4.11, NVwZ-RR 2012, 241 = juris, Rn. 18; B. v. 11.8.2005 — 2 B 6.05, juris, Rn. 6 ff., 11; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, Rn. 22; OVG Müns­ter, U. v. 3.5. 2018 – 6 A 815/11, juris, Rn. 105.
  7. 32  VGH Mann­heim, B. v. 8.12.2020 – 4 S 2583/20, juris, Rn. 12.
  8. 33  VGH Mann­heim, B. v. 7.6.2005 – 4 S 838/05, juris, Rn. 9.

poten­ti­el­ler Bewer­ber ori­en­tier­ten Aus­le­gung des Anfor- derungs­pro­fils bzw. der Ausschreibung31. Gestrit­ten wird auch um die Befug­nis der Hoch­schu­len, über die gesetz- lichen Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen hin­aus noch enge kon­sti­tu­ti­ve Anfor­de­rungs­merk­ma­le auf­zu­stel­len: Be- den­ken begeg­net etwa das „kon­sti­tu­ti­ve“ Kri­te­ri­um ei- ner Pro­mo­ti­on im Anfor­de­rungs­pro­fil für eine Pro­fes­so- ren­stel­le, wenn nach dem Gesetz die beson­de­re Befähi- gung zu wis­sen­schaft­li­cher Arbeit grund­sätz­lich auch auf ande­re Wei­se als durch Pro­mo­ti­on nach­ge­wie­sen wer­den kann32.

2. Gesetz­li­che Einstellungsvoraussetzungen

Der Bewer­tung der Hoch­schu­le unter­fällt und in deren Beur­tei­lungs­spiel­raum steht es, neben den im Anfor­de- rungs­pro­fil genann­ten Kri­te­ri­en zur Zulas­sung von Bewerber*innen auch das Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen zu prü­fen. Dies gilt unab- hän­gig davon, ob sie von der Aus­schrei­bung oder dem zugrun­de lie­gen­den Anfor­de­rungs­pro­fil in Bezug genom­men werden34; für ihr Ver­ständ­nis ist auch nicht auf den Emp­fän­ger­ho­ri­zont, son­dern auf die für die Aus- legung von Nor­men gel­ten­den Grund­sät­ze abzu­stel­len . Im Wesent­li­chen mit § 44 HRG ver­gleich­bar for­dern die Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze „neben den all­ge­mei­nen dienst­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen“ als Ein­stel­lungs­vor- aus­set­zun­gen für eine wis­sen­schaft­li­che Pro­fes­sur grund­sätz­lich ein abge­schlos­se­nes Hochschulstudium35, päd­ago­gi­sche Eignung36, die beson­de­re Befä­hi­gung zu wis­sen­schaft­li­cher Arbeit, die in der Regel durch die Qua­li­tät einer Pro­mo­ti­on nach­ge­wie­sen wird, und darü- ber hin­aus je nach den Anfor­de­run­gen der Stel­le zusätz- liche wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen oder beson­de­re Leis- tun­gen bei der Anwen­dung oder Ent­wick­lung wis­sen- schaft­li­cher Erkennt­nis­se und Metho­den in einer mehr­jäh­ri­gen beruf­li­chen Praxis37. Die­se Ein­stel­lungs­vo- raus­set­zun­gen prä­gen das Amt der Professor*innen hin-

34 VGH Mün­chen, B. v. 29.8.2022 – 3 CE 22.838, juris, Rn. 10.
35 Vgl. zum Merk­mal eines ein­schlä­gi­gen Hoch­schul­stu­di­ums im

Anfor­de­rungs­pro­fil: VGH Mün­chen, B. v. 12.5.2004 – 7 CE 04.423,

juris, Rn. 16.
36 Sie­he VGH Mann­heim, B. v. 7.6.2005 – 4 S 838/05, juris, Rn. 7:

Für den in der Regel erfor­der­li­chen Nach­weis von Erfah­run­gen
in der Leh­re oder Aus­bil­dung genü­ge eine 30-minü­ti­ge Pro­be- lehr­ver­an­stal­tung nicht, wenn der Bewer­ber abge­se­hen von einer lan­ge zurück­lie­gen­den Lei­tung stu­den­ti­scher Arbeits­ge­mein­schaf- ten an einer Uni­ver­si­tät ledig­lich neben­amt­li­che Lehr­tä­tig­kei­ten außer­halb der Hoch­schu­le auf­zu­wei­sen habe.

37 Für den Nach­weis einer berufs­prak­ti­schen Tätig­keit bei der Anwen­dung oder Ent­wick­lung wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se und Metho­den kom­me es nicht auf eine pro­fi­lier­te Tätig­keit im Bereich der aus­ge­schrie­be­nen Pro­fes­sur an, vgl. OVG Müns­ter, B. v. 29.9.2006 – 6 B 1703/06, juris, Rn. 19.

30 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

sicht­lich sei­ner Wer­tig­keit und Ein­ord­nung in das Besol- dungsgefüge38 sowie sei­ne Unter­schei­dung inner­halb der Mit­glie­der­grup­pen an der Hochschule39. Auch neue Steue­rungs­ent­schei­dun­gen der Gesetz­ge­ber – etwa zum Zugang zur Juni­or­pro­fes­sur (mit Ten­ure Track)40 – knüp­fen an die Unter­schie­de der Qua­li­fi­ka­ti­ons­an­for­de- run­gen an41.

Beson­de­re Bedeu­tung kommt bei Uni­ver­si­täts­pro­fes- suren der Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung zu, dass „zusätz­li- che wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen“ nach­ge­wie­sen wer- den müs­sen. Dabei haben die meis­ten Län­der aus der Gesetz­ge­bung des Bun­des übernommen42, dass für die Beset­zung einer Pro­fes­sur erfor­der­li­chen zusätz­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen umfas­send im Beru- fungs­ver­fah­ren bewer­tet wer­den (§ 44 Abs. 2 S. 4 HRG). Auch für die­se Beur­tei­lung soll der Beru­fungs­kom­mis­si- on ein Bewer­tungs­spiel­raum zustehen43, den auch die Hochschulleitung44 oder das im Beru­fungs­ver­fah­ren mit­wir­ken­de staat­li­che Hochschulministerium45 nicht an sich zie­hen dür­fe – dies tra­ge auch der ver­fas­sungs­recht- lichen Anfor­de­rung Rech­nung, dass gegen den Wil­len der Hoch­schul­leh­ren­den kei­ne Beru­fung erfol­gen dürfe46.

Obwohl die Hoch­schul­ge­set­ze nur unvoll­stän­dig re- geln, wel­che zusätz­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tung nach­ge­wie­sen wer­den müs­sen, besteht inzwi­schen Klar- heit dar­über, dass die für eine Uni­ver­si­täts­pro­fes­sur und die damit eröff­ne­te selb­stän­di­ge For­schungs­tä­tig­keit in Betracht kom­men­den Per­so­nen bereits (durch ihre zu- sätz­li­chen Leis­tun­gen) als Wis­sen­schaft­ler aus­ge­wie­sen und in For­schung und Leh­re erfah­ren sein müssen47. All- gemein beschrei­ben die Hoch­schul­ge­set­ze zwar (z.B. § 36 Abs. 1 Nr. 4 HG NW), dass „die­se Leis­tun­gen im Rah­men einer Juni­or­pro­fes­sur, einer Habi­li­ta­ti­on oder einer Tätig­keit als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin oder

  1. 38  VGH Kas­sel, B. v. 30.11.2021 – 1 A 2704/20, juris, Rn. 126 ff.; B. v. 27.1.2022 – 1 A 2704/20, juris, Rn. 343 unter Ver­weis auf BVerfG, U. v. 14.2.2012 — 2 BvL 4/10, juris Rn. 172 ff.; OVG Wei-mar, U. v. 23.8.2016 – 2 KO 333/14, juris, Rn. 57.
  2. 39  BVerfG, B. v. 1.3.1978 – 1 BvR 333/75, BVerfGE 47, 327 ff. = juris, Rn. 207 ff.
  3. 40  Vgl. § 102a S. 1 Nr. 3 a.E. BerlHG, wonach “im Zeit­punkt der Beru­fung die nach § 100 Absatz 1 Satz 1 Num­mer 4 Buch­sta­be a vor­ge­se­he­nen zusätz­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen noch nicht vor­lie­gen“ dürfen.
  4. 41  Sie­he zum Aus­schluss habi­li­tier­ter Pri­vat­do­zen­ten aus einem Beru­fungs­ver­fah­ren auf eine mit W1/W3 besol­de­te Ten­ure-Track- Juni­or­pro­fes­sur: VGH Mann­heim, B. v. 7.7.2021 – 4 S 1541/21, juris; a.A. Herr­mann, F&L 3/2020, S. 218.
  5. 42  Sie­he zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Bun­des­re­ge­lung zur Juni­or- pro­fes­sur: BVerfG, U. v. 27.7.2004 – 2 BvF 2/02, BVerfGE 111, 226 ff.
  6. 43  OVG Müns­ter, B. v. 28.11.2006 – 6 B 2091/06, juris, Rn. 11; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 17.12.2007 – 4 S 44.07, juris, Rn. 3 zur Anwen­dung einer Aus­nah­me­be­fug­nis hin­sicht­lich des Absehens

als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an einer Hoch­schu­le oder einer außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tung oder im Rah­men einer wis­sen­schaft­li­chen Tätig­keit in Wirt­schaft, Ver­wal­tung oder in einem ande­ren gesell- schaftlichenBereichimIn-oderAuslanderbracht“sein müs­sen. Die erbrach­ten Leis­tun­gen dür­fen dabei aber mit Blick auf die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Zuord­nung der Pro­fes­su­ren zur Per­so­nal­ka­te­go­rie der Hoch­schul­leh­ren­den (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 i.V.m Art. 3 Abs. 1 GG) nicht hin­ter den gesetz­lich benann­ten Anfor­de­run­gen (Habi­li­ta­ti­on, Bewäh­rung als Juni­or­pro- fes­sor) zurück­blei­ben, sie müs­sen dem Inhalt nach „ha- bili­ta­ti­ons­ad­äquat“ bzw. „habi­li­ta­ti­ons­äqui­va­lent“ sein48: Für die Über­tra­gung von Dienst­auf­ga­ben einer Uni­ver- sitäts­pro­fes­sur auf Professor*innen einer ange­glie­der­ten ehe­ma­li­gen Fach­hoch­schu­le könn­ten die zusätz­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen auch in der anwen­dungs- bezo­ge­nen For­schung erbracht wor­den sein. Ent­sp­re- chend der von ihm bis­lang wahr­ge­nom­me­nen Tätig­keit wer­de von Fachhochschulprofessor*innen nicht ver- langt, dass sie*er Grund­la­gen­for­schung betrie­ben und den Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis inso­fern vor­an­ge­bracht hat. Die ange­wand­ten bzw. anwen­dungs- ori­en­tier­ten wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen mit kon­k­re- tem Bezug zu prak­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen müss­ten aber über rein berufs­prak­ti­sche Tätig­kei­ten hin­aus­ge­hen, um als Wis­sen­schaft im Sin­ne der Gewin­nung gesi­cher­ter Erkennt­nis aner­kannt zu werden49.

3. Her­aus­for­de­run­gen für Indikatorik

Die bis­her vor­lie­gen­de Auf­zäh­lung ein­zel­ner Teil­kri­te­ri- en in der Eva­li­tech-Indi­ka­to­rik wäre – unab­hän­gig von der Fach­nä­he zur Digi­tal­wirt­schaft und Indus­trie 4.0 sowie für KI-Pro­fes­su­ren – noch nicht geeig­net, in die bestehen­den Maß­stä­be für Aus­wahl­ent­schei­dun­gen für

vom Vor­lie­gen einer regel­mä­ßig gefor­der­ten Pro­mo­ti­on.
44 VGH Mann­heim, B. v. 1.7.2022 – 4 S 483/22, juris, Rn. 5.
45 OVG Lüne­burg, B. v. 2.5.2019 – 5 ME 68/19, juris, Rn. 28 ff.
46 BVerfG, B. v. 5.2.2020 — 1 BvR 1586/14, juris, Rn. 23.
47 Thie­me, Deut­sches Hoch­schul­recht, 2. Aufl. 1986, Rn. 444: „nur

als Stel­len für bewähr­te Wis­sen­schaft­ler gedacht“; sie­he auch Wis­sen­schafts­rat, Emp­feh­lun­gen zu Kar­rie­re­zie­len und ‑wegen an Uni­ver­si­tä­ten, 2014, Drs. 4009–14, Quel­le: https://www.wissen- schaftsrat.de/download/archiv/4009–14.pdf (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023); sie­he zur zuneh­mend ver­lang­ten For­schungs­er­fah­rung Kleimann/In der Smitten/Klawitter, F&L 2015, 644.

48 Eben­so Gär­ditz, WissR 58 (2022), 288, 298 m.w.N.
49 OVG Lüne­burg, U. v. 24.3.2022 – 2 LB 210/20, juris, Rn. 55 f. zu

§ 5 S. 1 Fusi­onsG Lüne­burg; sie­he schon zur Anfor­de­rung der einer Habi­li­ta­ti­on gleich­wer­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen: BVerwG, B. v. 23.9.1988 – 7 B 18/88, juris, Rn. 6; sie­he aber OVG Wei­mar, B. v. 26.6.2019 – 2 EO 292/18, juris, Rn. 31: die Kurz­for­mel von „habi­li­ta­ti­ons­ad­äqua­ten Leis­tun­gen“ ver­lei­te zu Miss­ver­ständ- nissen.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 3 1

Pro­fes­su­ren an staat­li­chen Hoch­schu­len über­nom­men zu werden50. Bis­her ist nicht erkenn­bar, wie die Bewer- tungs­ma­trix oder die Indi­ka­to­rik­platt­form sicher­stellt, dass die gesetz­li­chen Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen und sons­ti­ge kon­sti­tu­ti­ve Anfor­de­run­gen ein­ge­hal­ten wer- den (müs­sen). Dabei müs­sen die hier­für maß­geb­li­chen Teil­kri­te­ri­en iden­ti­fi­ziert bzw. nach­ge­schärft wer­den. Außer­dem muss gewähr­leis­tet wer­den, dass ihre Nicht- erfül­lung nicht durch Leis­tun­gen in ande­ren Teil­kri­te­ri- en „aus­ge­gli­chen“ wer­den kann.

Dem muss eine wis­sen­schafts­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on zugrun­de lie­gen, wel­che Merk­ma­le Aus­kunft zur Leis- tungs­fä­hig­keit und Eig­nung für eine W3-Uni­ver­si­täts- pro­fes­sur im Bereich der Indus­trie 4.0, der Tech­nik­wis- sen­schaf­ten oder sons­ti­ger For­schungs­be­rei­che mit Be- zug zur Digi­ta­li­sie­rung geben. Bloß berufs­prak­ti­sche Er- fah­run­gen (Erzeu­gen von Soft­ware-Werk­zeu­gen, Bereit­stel­lung kura­tier­ter Daten­sät­ze, Bench­mark-Test) kön­nen dabei nicht in wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen „umge­münzt“ werden51. Die­se Dis­kus­si­on und die zu- sätz­li­che Fra­ge, wel­che Fähig­kei­ten bzw. Befä­hi­gun­gen für die­se Pro­fes­su­ren eigent­lich nötig sind, soll­te die Chan­cen berück­sich­ti­gen, die sich bereits heu­te aus Dif- feren­zie­rung der aka­de­mi­schen Funk­tio­nen und Kar­rie- restu­fen erge­ben. Das Bit­kom-Impuls­pa­pier zur Beset- zung der 100 KI-Pro­fes­su­ren aus der KI-Stra­te­gie der Bund­e­re­gie­rung for­dert etwa, die Hoch­schul­ge­set­ze zu refor­mie­ren und ihre Inter­pre­ta­ti­on zu flexibilisieren52. Wie die vor­han­de­nen Model­le und Kar­rie­re­we­ge für das Ziel zu nut­zen oder ver­bes­sern sind53, die Grup­pe der Nachwuchswissenschaftler*innen, aus denen Per­so­nen für die­se Pro­fes­su­ren oder für Pro­fes­su­ren im Aus­land rekru­tiert wer­den kön­nen, zu ver­grö­ßern, die Qua­li­fi­ka- tions­zei­ten zu ver­kür­zen oder die Durch­läs­sig­keit zwi- schen Posi­tio­nen in der Wis­sen­schaft und Wirt­schaft zu ver­bes­sern, muss noch unter­sucht wer­den. Schließ­lich muss auch in der Stel­len­aus­schrei­bung der Pro­fes­sur of- fen­ge­legt wer­den, wel­che nicht­wis­sen­schaft­li­chen Leis- tungs­kri­te­ri­en im Beru­fungs­ver­fah­ren geprüft und be- wer­tet wer­den – andern­falls wäre ihre Berück­sich­ti­gung ausgeschlossen54.

  1. 50  Nichts ande­res gilt für pri­va­te Hoch­schu­len, bei denen durch die Aus­ge­stal­tung der Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zun­gen (zB § 72 Abs. 2 Nr. 7 HG NW) oder einen indi­vi­du­el­len Vor­be­halt der staat­li­chen Zustim­mung zur Über­tra­gung einer Pro­fes­sur die Ein­hal­tung der Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen und eine Beru­fung in einem „trans- paren­ten, wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spre­chen­den Ver­fah­ren unter maß­geb­li­cher Mit­wir­kung der haupt­be­ruf­lich Leh­ren­den der Hoch­schu­le unter Betei­li­gung aus­wär­ti­ger Gut­ach­te­rin­nen und Gut­ach­ter“ abge­si­chert wird (vgl. etwa Art. 102 Abs. 3 BayH­SchIG, § 72 Abs. 2 HSchG BW [Anzei­ge mit Unter­sa­gungs­be­fug­nis], § 123 Abs. 6 S. 2 BerlHG; § 73a Abs. 4 HG NW).
  2. 51  Sie­he zum Umgang mit fach­li­cher Berufs­er­fah­rung und dem be-

Der hin­ter der Indi­ka­to­rik des Eva­li­tech-Pro­jekts ste- hen­de Wunsch nach einer Ver­ein­heit­li­chung der Anfor- derun­gen an Bewer­ben­de um Pro­fes­su­ren kann durch- aus dis­ku­tiert wer­den: Die in den Lan­des­hoch­schul­ge- set­zen ver­streu­ten und unein­heit­lich gere­gel­ten Einstel- lungs­vor­aus­set­zun­gen könn­ten – ohne den gewünsch­ten „Wett­be­werb“ unter den Bun­des­län­dern und inner­deut- schen Hoch­schu­len zu gefähr­den – har­mo­ni­siert wer- den. Bis­her ist die „Klein­staa­te­rei“ mit dem Nach­teil al- ler hie­si­gen Hoch­schu­len ver­bun­den, dass für inter­na­ti- ona­le Nach­wuchs­kräf­te Chan­cen und Berufs­we­ge in der Wis­sen­schaft schwer ein­seh­bar und kaum plan­bar sind. Jeden­falls wäre an die Lan­des­ge­setz­ge­ber die Erwar­tung zu rich­ten, Beru­fungs­ver­fah­ren kla­rer und struk­tu­rier­ter aus­zu­ge­stal­ten. Zum Bei­spiel muss die Rechts­fra­ge, wer bzw. wel­che Gre­mi­en auf wel­cher Ebe­ne die zu betrach- ten­den Leis­tun­gen bzw. Bewer­tungs­kri­te­ri­en fest­le­gen – um etwa die Beson­der­hei­ten der Fach­dis­zi­pli­nen zu wah­ren und die Wissenschaftler*innen und Hoch­schu- len zu betei­li­gen –, vom Gesetz­ge­ber ent­schie­den wer- den55. Fol­ge­fra­gen, ob etwa Aus­wer­tungs­pro­fi­le (wie beim Eva­li­tech-Pro­jekt die Optio­nen „Wis­sen­schaft­ler“, „Entre­pre­neur“ oder „Influen­cer“) vor­ge­ge­ben oder alle Gewich­tungs­vor­ga­ben der Beru­fungs­kom­mis­si­on vor- behal­ten wer­den könn­ten, lie­ßen sich hin­ge­gen dezent- ral durch Beru­fungs­ord­nun­gen aus­ge­stal­ten. Natür­lich kön­nen sich auch schon heu­te alle Hoch­schu­len auf­ge- for­dert füh­len, die Qua­li­tät ihrer Beru­fungs­ver­fah­ren selbst zu eva­lu­ie­ren und die Wirk­sam­keit zu unter­su- chen, die ihre zugrun­de geleg­ten Kri­te­ri­en für den Erfolg der Beset­zungs­ent­schei­dung und die Ent­wick­lung des jewei­li­gen Fach­ge­biets durch die oder den Berufene(n) hatten.

III. Fach­prin­zip und Mit­wir­kung an der Selbst­ver- wal­tung gewähr­leis­tet Wissenschaftsfreiheit

Das Beru­fungs­ver­fah­ren für die Hoch­schul­leh­ren­den bestimmt die eigent­li­chen Trä­ger der frei­en For­schung und Leh­re inner­halb der Hoch­schu­le. Wegen der Bedeu- tung für die Struk­tur der Fakul­tät und der Hochschule

ruf­li­chen Anwen­dungs­wis­sen Gär­ditz, WissR 58 (2022), 288, 317 f. 52 Vgl. Huber/Huth/Alsabah, in Bit­kom e.V. (Hrsg.), KI-Forschung

in Deutsch­land – Der schwe­re Weg zu 100 neu­en KI-Pro­fes- suren, 2020, S. 11 Quel­le: https://www.bitkom.org/sites/main/ files/2020–07/200731_impulspapier_ki-forschung.pdf (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023).

53 Sie­he Wis­sen­schafts­rat, Emp­feh­lun­gen zu Kar­rie­re­zie­len und ‑wegen an den Uni­ver­si­tä­ten (o. Fn. 47).

54 Gär­ditz, WissR 58 (2022), 288, 321.
55 Sie­he bereits zu den Anfor­de­run­gen an Akkre­di­tie­rung von Studi-

enpro­gram­men und Stu­di­en­gän­gen (BVerfG, B. v. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10) Herr­mann, WissR 49 (2016), 1, 18 ff.

32 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

sowie wegen der mög­li­chen Aus­wir­kun­gen in den Auf- gaben­be­rei­chen des vor­han­de­nen Hoch­schul­per­so­nals kommt die­sen Ver­fah­ren beson­de­re Bedeu­tung zu: Sach- frem­de Ein­flüs­se bei der Aus­wahl der Hoch­schul­leh­ren- den kön­nen unmit­tel­ba­re Gefah­ren für eine freie Aus- übung von wis­sen­schaft­li­cher Leh­re und For­schung mit sich brin­gen. Die Beru­fung von Pro­fes­so­rin­nen und Pro- fes­so­ren sowie Juni­or­pro­fes­so­rin­nen und Juni­or­pro­fes- soren ist des­halb nach der Recht­spre­chung des Bun­des- ver­fas­sungs­ge­richts mit der Garan­tie der Wis­sen­schafts- frei­heit beson­ders eng verknüpft56.

Die Unter­stüt­zungs­vor­stel­lun­gen aus dem Eva­li­tech- Pro­jekt las­sen noch nicht erken­nen bzw. es bedarf im Hin­blick auf KI-Anwen­dun­gen wei­te­rer Dis­kus­sio­nen, wie die inhalt­lich zu ver­ste­hen­de Betei­li­gung der Hoch- schul­leh­ren­den gesi­chert wird.

1. Selbst­ver­wal­tung in der Wis­sen­schaft, Fach­prin­zip und Beurteilungsspielraum

Zum Schutz der Wis­sen­schafts­frei­heit besteht die Ver- pflich­tung des Gesetz­ge­bers, eine inhalt­li­che Mit­wir- kung der Hoch­schul­leh­ren­den an den Beru­fungs­ver­fah- ren (mit Durch­set­zungs­macht) sicher­zu­stel­len. Regel- mäßig ist dabei vor­ge­se­hen, dass der Fakul­täts­rat zur Vor­be­rei­tung des Beru­fungs­vor­schlags einen Beru­fungs- aus­schuss oder eine Kom­mis­si­on ein­setzt, die bzw. der eine Emp­feh­lung für den Fakul­täts­rat oder unmit­tel­bar für die beru­fen­de Stel­le erar­bei­tet und in dem die Pro­fes- soren und Pro­fes­so­rin­nen über die Mehr­heit der Stim- men ver­fü­gen. Die­se Betei­li­gung der Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren aus der Fakul­tät und mit Nähe zum Beru­fungs­ge­biet die­ne gleich­zei­tig der Siche­rung des Fach­prin­zips. Der Emp­feh­lung der Beru­fungs­kom­mis­si- on kom­me in der Pra­xis auch ent­schei­den­de Bedeu­tung zu57. Beab­sich­ti­ge etwa die Hoch­schul­lei­tung, vom Beru- fungs­vor­schlag der Beru­fungs­kom­mis­si­on abzu­wei­chen, liegt dar­in eine Durch­bre­chung der fach­li­chen Ein­schät- zungs­prä­ro­ga­ti­ve der betref­fen­den Fakul­täts­mit­glie­der. Die Hoch­schul­lei­tung soll sich somit über die fach­li­che Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve des Beru­fungs­aus­schus­ses nur hin­weg­set­zen kön­nen, wenn sie sach­li­che Grün­de vor- brin­gen kann.58

  1. 56  BVerfG, B. v. 20.7.2010 – 1 BvR 748/06, BVerfGE 127, 87 ff. = juris, Rn. 107, unter Bezug auf U. v. 29.5.1973 – 1 BvR 424/71, BVerfGE 35, 79, 133. Auf inter­na­tio­na­le Aspek­te kann hier nicht ein­ge­gan­gen wer­den, sie­he aber Schmidt/Arnold/Rüde, Beru­fungs­ver­fah­ren im inter­na­tio­na­len Ver­gleich, CHE-Arbeits­pa­pier Nr. 53 (2004).
  2. 57  Vgl. Gär­ditz, WissR 58 (2022), 288, 297 m.w.N.; Beaucamp/Seifert, WissR 44 (2011), 24, 38 m.w.N.
  3. 58  Bay­VerfGH, E. v. 7.5.2008 — 19-VII-06, NVwZ 2009, S. 177, 182 = juris, Rn. 121 (unter Ver­weis auf BVerfG, U. v. 29.5.1973 – 1

Die Fest­stel­lung, ob und wel­che Bewer­ben­de für die zu beset­zen­de Pro­fes­so­ren­stel­le geeig­net sind, trifft die Hoch­schu­le. Die Recht­spre­chung ver­tei­digt zuguns­ten der Hoch­schu­le dabei eine ver­fas­sungs­recht­lich ge- schütz­te Beur­tei­lungs­kom­pe­tenz über die Qua­li­fi­ka­ti­on der Bewerber*innen für eine Pro­fes­sur. Die Gerich­te dür­fen eine Aus­wahl­ent­schei­dung des­halb nur dar­auf- hin prü­fen, ob sie ver­fah­rens­feh­ler­frei zustan­de gekom- men und ob der Beur­tei­lungs­spiel­raum über­schrit­ten wor­den ist, etwa weil die Beur­tei­lung der wis­sen­schaft­li- chen Eig­nung und der not­wen­di­gen Lehr­be­fä­hi­gung er- sicht­lich auf der Ver­ken­nung von Tat­sa­chen oder auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht59. Dadurch wird gleich­zei­tig die Ein­wir­kung ande­rer staat­li­cher Stel­len in den Pro­zess der „Selbst­er­neue­rung“ der Hoch­schul­kor- pora­ti­on im Lich­te der Vor­ga­ben von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG begrenzt60. Der Beur­tei­lungs­spiel- raum bei Leis­tungs­be­wer­tun­gen stellt zwar eine Ein- schrän­kung der Gewähr­leis­tung effek­ti­ven Rechts­schut- zes gegen Akte der staat­li­chen Gewalt (Art. 19 Abs. 4 GG) dar, wonach nicht nur der Zugang zur gericht­li­chen Kon­trol­le bean­sprucht wer­den kann, son­dern – so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – eine in recht­li­cher und tat- säch­li­cher Hin­sicht voll­stän­di­ge Über­prü­fung des ange- foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts oder der behörd­li­chen Hand­lung ohne Bin­dung an die im Ver­wal­tungs­ver­fah- ren getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen der Be- hörde61. Die Gewähr­leis­tung gericht­li­chen Rechts­schut- zes darf aber nur beschränkt wer­den, wenn dem Schutz des Leis­tungs­prin­zips gem. Art. 33 Abs. 2 GG, der Grund­rech­te der Berufs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG) und der Chan­cen­gleich­heit (Art. 3 Abs. 1 GG) durch hin­rei- chen­de Ver­fah­rens­vor­keh­run­gen und eine fach­kun­di­ge Beset­zung des Aus­wahl­gre­mi­ums Rech­nung getra­gen wird62.

Dafür muss die Beru­fungs­kom­mis­si­on mit dem höchst­mög­li­chen Sach­ver­stand aus­ge­stat­tet sein für die Ein­schät­zung der Qua­li­fi­ka­ti­on der Bewerber*innen. Zwar müs­sen die Mit­glie­der der Kom­mis­si­on nicht zwangs­läu­fig dem­sel­ben Fach oder der­sel­ben Fach­rich- tung ange­hö­ren – das wäre ange­sichts des breit gefä­cher- ten Zuschnitts vie­ler Fach­be­rei­che und der interdiszipli-

BvR 424/71, BVerfGE 35, 79, 134; B. v. 26.6.1979 – 1 BvR 290/79, BVerfGE 51, 369, 381; sie­he schon OVG Lüne­burg, B. v. 5.9.1996 – 5 M 7708/95, NdsVBl. 1996, 293; Det­mer, WissR 1995, 1, 8 ff.

59 Ausf. Per­nice-Warn­ke, WissR 47 (2014), 371, 374.
60 BVerwG, U. v. 20.10.2016 – 2 C 30.15, juris, Rn. 20; OVG Koblenz,

B. v. 3.3.2022 – 2 B 10062/22.OVG, juris, Rn. 9.
61 Vgl. BVerfG, B. v. 17.04.1991 – 1 BvR 419/81, BVerfGE 84, 34 ff. =

juris, Rn. 46.
62 Per­nice-Warn­ke, WissR 47 (2014), 371, 379 ff.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 3 3

nären Aus­rich­tung zahl­rei­cher aus­ge­schrie­be­ner Stel­len kaum rea­li­sier­bar. Jedoch muss die fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti- on der Bewerber*innen ent­we­der unter Zuhil­fe­nah­me des Sach­ver­stan­des von Mit­glie­dern der Kom­mis­si­on selbst oder mit­tels Ein­ho­lung aus­wär­ti­ger Gut­ach­ten fest­ge­stellt werden63. Im Zusam­men­hang mit Habi­li­ta­ti- ons­ent­schei­dun­gen hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt für die sach­kun­di­ge Beur­tei­lung, ob eine wesent­li­che För­de­rung der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se in dem Habi­li­ta­ti­ons­fach vor­liegt, des­halb die Aus­wahl und Be- stel­lung von Per­so­nen gefor­dert, die über einen hin­rei- chen­den Über­blick über den fach­wis­sen­schaft­li­chen Er- kennt­nis­stand in den betrof­fe­nen Fach­ge­bie­ten ver­fü- gen. Jeden­falls müs­se vom Fach­be­reichs­rat oder der Ha- bili­ta­ti­ons­kom­mis­si­on durch ent­spre­chen­de Aus­wahl der Gut­ach­ter dafür Sor­ge getra­gen wer­den, dass die fach­li­che The­ma­tik der Habi­li­ta­ti­ons­schrift umfas­send abge­deckt, d.h. ins­ge­samt einer sach­kun­di­gen Nach­prü- fung unter­zo­gen wird64. Dass die­se Anfor­de­run­gen nicht gel­ten sol­len, wenn im Beru­fungs­ver­fah­ren die Einstel- lungs­vor­aus­set­zun­gen und das Vor­lie­gen zusätz­li­cher wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen (und nicht die Habi­li­ta­ti- on in einem geson­der­ten Prü­fungs­ver­fah­ren) geprüft wer­den, wäre ange­sichts des Grund­rechts­be­zug der Leis- tungs­be­wer­tung kaum zu recht­fer­ti­gen. Aus Sicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts haben die Ver­wal­tungs­ge- rich­te zur Gewäh­rung eines Beur­tei­lungs­spiel­raums – jeden­falls auf sub­stan­ti­ier­te Rügen hin – auch zu prü­fen, ob das jewei­li­ge Leis­tungs­be­wer­tungs- bzw. Prü­fungs- ver­fah­ren eine sach­kun­di­ge und fach­lich kor­rek­te Leis- tungs­be­wer­tung gewähr­leis­tet hat65.

Für die Anwen­dung auto­ma­ti­sier­ter Ver­fah­ren im Zusam­men­hang mit Beru­fungs­ver­fah­ren besteht die Hür­de, dass das Ent­schei­dungs­gre­mi­um über einen Be- rufungs­vor­schlag des­halb mehr­heit­lich mit Pro­fes­so­rin- nen und Pro­fes­so­ren besetzt sein muss, weil die­sen eine inhalt­li­che Mit­wir­kung an der Prü­fung und Bewer­tung der wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen sowie der Pro­gno­se ihrer Eig­nung und Befä­hi­gung für eine Pro­fes­sur ver­fas- sungs­recht­lich und ein­fach­ge­setz­lich zusteht. Hier kommt hin­zu, dass die Aus­ge­stal­tung der Leis­tungs­be- wer­tung beim Zugang zum Pro­fes­so­ren­be­ruf – also je- den­falls bei der Prü­fung der gesetz­li­chen Ein­stel­lungs­vo- raus­set­zun­gen — ver­fas­sungs­recht­li­chen Anforderungen

  1. 63  VGH Mann­heim, B. v. 27.7.2022 – 4 S 713/22, juris, Rn. 18.
  2. 64  vgl. BVerwG, U. v. 16.3.1994 – 6 C 1/93, BVerw­GE 95, 237 ff. = juris,Rn. 31.
  3. 65  vgl. BVerfG, B. v. 4.11.2010 – 1 BvR 3398/08, BVerfGK 18, 158 ff. =juris, Rn. 54; B. v. 16.1.1995 — 1 BvR 1505/94, NVwZ 1995, S. 469,470.
  4. 66  Vgl. BVerfG, B. v. 16.1.1995 — 1 BvR 1505/94, NVwZ 1995, 469, 470;BVerwG, U. v. 16.3.1994 — 6 C 1.93, BVerw­GE 95, 237, 243 f.; B. v.

genü­gen muss: Bei berufs­be­zo­ge­nen Prü­fun­gen hat je- der, der eine am Prü­fungs­maß­stab zu mes­sen­de Leis­tung zu bewer­ten hat, die Leis­tung per­sön­lich, unmit­tel­bar und voll­stän­dig zur Kennt­nis zu neh­men und eine selb- ständige,eigenverantwortlicheBewertungsentscheidung zu treffen66, so als wenn jedem Mit­glied einer Prü­fungs- kom­mis­si­on selbst die abschlie­ßen­de Bewer­tung der Prü­fungs­leis­tung obliege67.

An die Ver­wal­tungs­tä­tig­keit der Beru­fungs­kom­mis- sion wer­den auch nach der amts­haf­tungs­recht­li­chen Recht­spre­chung hohe Anfor­de­run­gen gestellt. Danach muss jeder Amts­trä­ger die zur Füh­rung sei­nes Amtes not­wen­di­gen Rechts- und Ver­wal­tungs­kennt­nis­se besit- zen oder sich ver­schaf­fen. Er ist bei der Geset­zes­aus­le- gung und Rechts­an­wen­dung ver­pflich­tet, die Geset­zes- und Rechts­la­ge unter Zuhil­fe­nah­me der ihm zu Gebo­te ste­hen­den Hilfs­mit­tel sorg­fäl­tig und gewis­sen­haft zu prü­fen und danach auf­grund ver­nünf­ti­ger Über­le­gun- gen sich eine Rechts­mei­nung zu bilden68. Vor ihrer Ent- schei­dung haben die Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis- sion den Sach­ver­halt im Rah­men des Zumut­ba­ren so umfas­send zu erfor­schen, dass die Beur­tei­lungs- und Ent­schei­dungs­grund­la­ge nicht in wesent­li­chen Punk­ten zum Nach­teil des Betrof­fe­nen unvoll­stän­dig bleibt69. Da- bei kann sich nie­mand dadurch ent­las­ten, dass er sich auf die Zuschrei­bung arith­me­ti­scher Leis­tungs­be­wer- tun­gen oder einen von einer exter­nen Stel­le vor­ge­nom- menen Leis­tungs­ver­gleich ver­las­sen hat.

2. Mehr­stu­fi­ge Gre­mi­en­be­tei­li­gung und Besten­aus­le­se, Dokumentationsanforderungen

Auch im Hin­blick auf Art. 33 Abs. 2 GG begeg­net es kei- nen Beden­ken und ent­spricht den meis­ten Hoch­schul- geset­zen, wenn eine Hoch­schu­le die maß­geb­li­che Ent- schei­dung über die Ver­ga­be des Sta­tus­amts einer*eines Professor*in durch Gre­mi­en vor­be­rei­ten lässt, sofern die­se vor­be­rei­ten­den Schrit­te — wie etwa die Bestim- mung der zu einem Pro­be­vor­trag ein­zu­la­den­den Bewerber*innen oder die Bewer­tung die­ser Pro­be­vor- trä­ge — ihrer­seits den ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run- gen des Art. 33 Abs. 2 GG genügen70 und die for­mel­len und mate­ri­el­len Vor­schrif­ten für das Beru­fungs­ver­fah- ren gewahrt werden71. Die­se mehr­stu­fi­ge Aus­ge­stal­tung des Aus­wahl­pro­zes­ses macht es erfor­der­lich, dass auf

19.5.2016 — 6 B 1.16, juris, Rn. 12; U. v. 28.10.2020 – 6 C 8/19, BVer-

wGE 170, 1 ff. = juris, Rn. 18.
67 BVerwG, U. v 16.3.1994 – 6 C 1/93, BVerw­GE 95, 237 ff. = juris, Rn.

27.
68 BGH, U. v. 10.2.2011 – III ZR 37/10, BGHZ 188, 302 ff., Rn. 13. 69 BGH, U. v. 19.5.1988 — III ZR 32/87, juris, Rn. 12 m.w.N.
70 BVerwG, U. v. 20.10.2016 – 2 C 30/15, juris, Rn. 21.
71 Neukirchen/Emmrich u.a., a.a.O., S. 53.

34 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

jeder Ebe­ne mit hoher Ratio­na­li­tät gear­bei­tet wer­den muss: Jeden­falls führt nach der Recht­spre­chung ein Man­gel bei der Beschluss­fas­sung der Beru­fungs­kom­mis- sion über den Beru­fungs­vor­schlag, der für die Aus­wahl nach dem Leis­tungs­prin­zip rele­vant ist, grund­sätz­lich auch zur Feh­ler­haf­tig­keit der Ent­schei­dun­gen wei­te­rer Hoch­schul­gre­mi­en in den nach­fol­gen­den Ver­fah­rens- stufen72.

Dass die Bewer­tungs­grund­la­gen der ent­schei­den­den Stel­le voll­stän­dig zur Kennt­nis gelangt sind und bei nach­fol­gen­den Ver­fah­rens­schrit­ten Beach­tung fan­den, muss durch eine schrift­li­che Doku­men­ta­ti­on der Aus- wahl­er­wä­gun­gen nach­ge­wie­sen wer­den (ver­fah­rens­be- glei­ten­de Absi­che­rung des Art. 33 Abs. 2 GG). Erst durch eine schrift­li­che Fixie­rung der wesent­li­chen Aus­wahler- wägun­gen – deren Kennt­nis sich die*der unter­le­ge­ne Bewerber*in gege­be­nen­falls durch Akten­ein­sicht ver- schaf­fen kann – wer­den auch Mit­be­wer­ben­de in die Lage ver­setzt, sach­ge­recht dar­über befin­den zu kön­nen, ob die Ent­schei­dung der Hoch­schu­le hin­ge­nom­men wird oder ob die fai­re und chan­cen­glei­che Behand­lung der Bewer­bung ange­zwei­felt und gericht­li­cher Rechts­schutz nach­ge­sucht wer­den muss. Dar­über hin­aus eröff­net erst die Doku­men­ta­ti­on der maß­geb­li­chen Erwä­gun­gen dem Gericht die Mög­lich­keit, die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung eigen­stän­dig nachzuvollziehen73. Die­se Anfor­de­run­gen sind auch auf das Beru­fungs­ver­fah­ren zur Beset­zung ei- ner Pro­fes­so­ren­stel­le anwendbar74.

Danach müs­sen die Ver­fah­rens­schrit­te und Erwä- gun­gen der betei­lig­ten Orga­ne bei der (Vor-) Aus­wahl für die Beru­fungs­emp­feh­lung schrift­lich doku­men­tiert sein. Die Ein­be­zie­hung auto­ma­ti­sier­ter Unter­stüt­zun­gen oder einer Bewer­tungs­platt­form unter­liegt die­sen An- for­de­run­gen eben­so. Des­halb sind die Umstän­de der Leis­tungs­be­wer­tung durch die Ver­gleichs­platt­form offen zu legen, z.B. die in den auto­ma­ti­sier­ten Leis­tungs­ver- gleich (für jedes ein­zel­ne Teil­kri­te­ri­um) ein­be­zo­ge­nen Kandidat*innen und deren dabei betrach­te­te Leis­tun- gen, und den Gre­mi­en auf wei­te­ren Ver­fah­rens­stu­fen vor­zu­le­gen. Das wider­sprä­che aber offen­sicht­lich der Ziel­rich­tung der Ver­gleichs­platt­form, anstel­le einer Ein- zel­be­trach­tung ver­schie­de­ner Publi­ka­tio­nen und Um- stän­de aus dem Wis­sen­schafts­le­ben der Bewer­ben­den eine natür­lich Zahl als „Bewer­tung“ zu set­zen und damit die Kom­ple­xi­tät zu reduzieren.

  1. 72  OVG Wei­mar, B. v. 26.6.2019 – 2 EO 292/18, juris, Rn. 35.
  2. 73  BVerfG, B. v. 25.11.2015 – 2 BvR 1461/15, juris; B.v. 9.7.2007 – 2 BvR 206/07, juris Rn. 20; BayVGH, B.v. 1.2.2017 – 7 CE 16.1989, BeckRS2017, 102331 Rn. 12; OVG NW, B. v. 27.4.2017 – 6 A 277/16, NVwZ- RR 2017, 794 Rn. 4.

3. Her­aus­for­de­run­gen für Indi­ka­to­rik-Platt­form bzw. KI

Für den Ein­satz künst­li­cher Intel­li­genz bei der ver­glei- chen­den Bewer­tung wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen soll­te das Eva­li­tech-Pro­jekt nur Mög­lich­kei­ten einer Arbeits- wei­se demons­trie­ren. Eine ein­satz­fä­hi­ge Soft­ware gibt es noch nicht. Das bedeu­tet nicht, dass die Dis­kus­si­on über fol­gen­de Fra­gen auf­ge­scho­ben wer­den muss.

Bei der Wer­bung mit Effek­ti­vi­täts­vor­sprün­gen und der fach­li­chen Ver­bes­se­rung des Leis­tungs­ver­gleichs muss beach­tet wer­den, dass die zum Schutz der Wis­sen- schafts­frei­heit gebo­te­ne Mit­wir­kung der Hoch­schul­leh- ren­den nicht auf eine „Kennt­nis­ga­be“ von Ent­schei­dun- gen und Zwi­schen­be­wer­tun­gen durch irgend­ei­ne han- deln­de Instanz, son­dern auf eine inhalt­li­che Mit­wir­kung gerich­tet ist. Die Erar­bei­tung von Leis­tungs­be­wer­tun­gen in einem gegen­über der Beru­fungs­kom­mis­si­on abge- schlos­se­nen bzw. ver­deck­ten Bewer­tungs­al­go­rith­mus wür­de die Teil­ent­schei­dun­gen aus dem zustän­di­gen Gre- mium her­aus­neh­men, wodurch die Mit­wir­kungs­be­fug- nis nicht nur fak­tisch aus­ge­höhlt, son­dern auf die Hin- nah­me der auto­ma­ti­sier­ten Leis­tungs­be­wer­tun­gen be- schnit­ten wird. Dabei blie­be es dem Gesetz­ge­ber vor­be- hal­ten, durch eine Aus­ge­stal­tung des KI-Ein­sat­zes bei Leis­tungs­be­wer­tun­gen im Zusam­men­hang mit Beru- fungs­ent­schei­dun­gen sicher­zu­stel­len, dass eine mate­ri­el- le Mit­wir­kung der Hoch­schul­leh­ren­den gewähr­leis­tet bleibt.

Im Hin­blick auf die Repro­du­zier­bar­keit und Doku- men­ta­ti­on der Bewer­tun­gen aus der Beru­fungs­kom­mis- sion gibt es wei­te­re Anfor­de­run­gen in einem mehr­stu­fi- gen Aus­wahl­ver­fah­ren. So muss die Beru­fungs­kom­mis- sion den Ver­fah­rens­stoff auf- und vor­be­rei­ten sowie ih- ren Beset­zungs­vor­schlags (aus meh­re­ren Per­so­nen in einer bestimm­ten Rei­hen­fol­ge) nach­voll­zieh­bar und un- ter Wah­rung der spe­zi­fi­schen Beson­der­hei­ten der Fach- dis­zi­pli­nen begrün­den. Hin­zu kom­men ver­fah­rens- recht­li­che Kom­pli­ka­tio­nen wie Son­der- oder Min­der- heitsvoten75, die Erfas­sung einer „Hoch­schul­leh­rer­mehr- heit“ oder schlicht­weg die Ein­be­zie­hung von Frau­en- bzw. Gleich­stel­lungs­be­auf­tra­gen, Schwer­be­hin­der­ten- oder Diver­si­täts­ver­ant­wort­li­chen. Bei einer rein arith­me­ti- schen Zusam­men­set­zung von Bewer­tun­gen für ein­zel­ne Teil­kri­te­ri­en, deren Ver­gleich angeb­lich „objek­ti­ve“– also bei glei­chen Rah­men­be­din­gun­gen stets wiederher-

74 vgl. OVG Müns­ter, B. v. 10.2.2016 – 6 B 33/16, NVwZ 2016, 868 = juris, Rn. 7; VGH Mün­chen, B. v. 1.2.2017 – 7 CE 16.1989, juris, Rn. 13; OVG Schles­wig, B. v. 22.8.2018 – 2 MB 16.16, juris, Rn. 9 f.

75 Sie­he Löwisch/Tarantino, OdW 2014, 11 ff.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 3 5

stell­ba­re – Ergeb­nis­se erbringt, bedürf­te es sol­cher Absi- che­run­gen nicht mehr. Die Repro­du­zier­bar­keit inner- halb der Anwen­dung im kon­kre­ten Beru­fungs­ver­fah­ren steht aller­dings in Zwei­fel, wenn ein Ver­gleichs­maß­stab aus einer Ver­gleichs­grup­pe gebil­det und die Bewer­tung aus einer ste­ti­gen Rela­ti­on von Per­so­nen ermit­telt wird, die alle bei der Platt­form ange­mel­de­ten Wissenschaftler*innen umfasst, jedoch nur die Bewer- ben­den im kon­kre­ten Beru­fungs­ver­fah­ren mit ihren tat- säch­li­chen Leis­tun­gen bekannt werden.

Schließ­lich bleibt die Dis­kus­si­on über einen KI-Ein- satz die Ant­wort schul­dig, wie eine sach- und fach­kun­di- ge Bewer­tung durch die Bewer­tungs­al­go­rith­men ge- währ­leis­tet wird. Wenn die Mit­glie­der der Beru­fungs- kom­mis­si­on über die Leis­tun­gen der Bewer­ben­den dis- kutie­ren, muss jedes Mit­glied für sei­ne Ein­schät­zung und Prio­ri­tä­ten gegen­über den ande­ren Dis­kus­si­ons­teil- neh­mern fach­li­che Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Dabei wer­den Fehl­ein­schät­zun­gen durch Instru­men­te wie Wi- der­spruchs- und Nach­fra­ge­mög­lich­kei­ten auf­ge­klärt, die Kon­trol­le erfolgt durch Über­zeu­gungs­bil­dung und schließ­lich Ent­schei­dungs­me­cha­nis­men wie zB. Mehr- heits­quo­ren oder Min­der­heits­vo­ten. Die­sen fle­xi­blen Ent­schei­dungs­be­din­gun­gen und der per­so­na­li­sier­ten Fach­kun­de­an­for­de­rung (z.B. Mehr­heit der Hoch­schul- leh­ren­den) kön­nen auch kom­ple­xe und spe­zi­al­wis­sen- schaft­li­che Bewer­tun­gen anver­traut wer­den, ob etwa die Leis­tun­gen von Bewer­ben­den (rück­bli­ckend) einen Fort­schritt für die Wis­sen­schaft erbracht haben oder ob durch die wis­sen­schaft­li­chen Tätig­kei­ten ein For- schungs- oder jeden­falls The­men­schwer­punkt auf­ge­baut wer­den konn­te. Der­ar­ti­ge Dis­kus­sio­nen und Ver­ge­wis- serun­gen sind dem Ver­gleich auf einer anony­mi­sier­ten Platt­form fremd, solan­ge ein­zel­ne Argu­men­te in den Teil­kri­te­ri­en nicht fach­wis­sen­schaft­lich wer­tend, son- dern nur mes­send mit­ein­an­der ver­gli­chen werden.

IV. Fest­stel­lung und Ver­gleich wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen durch die Berufungskommission

Die Auf­ga­be einer Beru­fungs­kom­mis­si­on besteht im wer­ten­den Leistungsvergleich76. Wenn man es so beschreibt, dass die Bewer­ben­den nach dem „Hirsch- Index“ ihrer Publi­ka­tio­nen gegen­über­ge­stellt wür­den, ent­steht ein unrea­lis­ti­sches Zerrbild.

  1. 76  Sie­he dazu die Emp­feh­lun­gen des Wis­sen­schafts­rats vom 20.5.2005 (Drs. 6709–05), S. 30 f.
  2. 77  Vgl. BVerfG, B. v. 4.7.2018 – 2 BvR 1207/18, juris, Rn. 9, unter Ver­weis auf BVerfG, B. v. 20.4.2004 – 1 BvR 838/01, BVerfGE 110, 304, 332; B. v. 16.12.2015 – 2 BvR 1958/13, BVerfGE 141, 56, 79; Rn. 58 m.w.N.
  3. 78  BVerfG, B. v. 5.9.2007 – 2 BvR 1855/07, BVerfGK 12, 106 ff. = juris,

1. Befug­nis und Pflicht der Beru­fungs­kom­mis­si­on zum Leistungsvergleich

Eine Aus­wahl­ent­schei­dung weist immer pro­gnos­ti­sche Ele­men­te und damit Unsi­cher­hei­ten auf, ob die zugrun- de geleg­ten Annah­men (z.B. zum Vor­han­den­sein und zur Ent­fal­tung eines Leis­tungs­po­ten­ti­als) zutref­fen. In der Recht­spre­chung wird des­halb gefor­dert, dass der Ver­gleich der Bewer­ben­den im Rah­men einer Aus­wahl- ent­schei­dung vor allem anhand (aktu­el­ler) dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen zu erfol­gen hat77. Die­se Beur­tei­lun­gen für zurück­lie­gen­de Leis­tun­gen die­nen als Grund­la­ge für am Leis­tungs­prin­zip ori­en­tier­te Ent­schei­dun­gen über die Ver­wen­dung und das dienst­li­che Fortkommen78. Anders als bei Aus­wahl­ent­schei­dun­gen auf­grund von dienst­li- chen Beur­tei­lun­gen muss die Beru­fungs­kom­mis­si­on die Ent­schei­dungs­grund­la­ge für die Aus­wahl­ent­schei­dung für eine Pro­fes­sur oder Juni­or­pro­fes­sur in einem weit­ge- hend for­ma­li­sier­ten Pro­zess erst selbst her­stel­len: anhand von Bewer­bungs­un­ter­la­gen unter Ein­be­zie­hung der ange­ge­be­nen Publi­ka­tio­nen, sowie unter Ein­ho­lung ein­zel­ner oder ver­glei­chen­der Gut­ach­ten exter­ner sach- ver­stän­di­ger Wissenschaftler*innen79. Die Beru­fungs- kom­mis­si­on kann aber auch eine Lehr­pro­be oder einen Fach­vor­trag im Rah­men einer Anhö­rung vor dem Lehr- kör­per oder den Mit­glie­dern der Hoch­schu­le ver­lan­gen sowie Lehr­ver­an­stal­tun­gen der Bewer­ben­den an ihrem Tätig­keits­ort besuchen80. Und gleich­zei­tig zur Ver­voll- stän­di­gung der Bewer­tungs­grund­la­ge für die wei­ter betrach­te­ten Bewerber*innen bewer­tet die Beru­fungs- kom­mis­si­on die­se Leis­tungs­nach­wei­se in einem dis­kur- siven Pro­zess. Bei bei­den Auf­ga­ben bewe­gen sich die Beru­fungs­kom­mis­si­on und die wei­te­ren betei­lig­ten Gre- mien in einer durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG ver­fas­sungs- recht­lich geschütz­ten Beur­tei­lungs­kom­pe­tenz hin­sicht- lich der Qua­li­fi­ka­ti­on für eine Hochschullehrerstelle81. Die­ser beson­ders wei­te Beur­tei­lungs­spiel­raum schließt die Befug­nis der Beru­fungs­kom­mis­si­on ein, die Stär­ken und Schwä­chen der ein­zel­nen Bewerber*innen zu gewich­ten, wobei die Kom­mis­si­on auf­grund des eige­nen und des durch Gut­ach­ten hin­zu­ge­zo­ge­nen Sach­ver- stands für die Ein­schät­zung der Qua­li­fi­ka­ti­on der Bewerber*innen eine wis­sen­schafts­ad­äqua­te Entsch­ei- dungs­fin­dung gewähr­leis­ten soll und kann. Anders als bei einer Leis­tungs­mes­sung und Addi­ti­on von Ergebnis-

Rn. 9; sie­he bereits zu den Anfor­de­run­gen an die Ver­gleich­bar­keit dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen: BVerfG, B. v. 17.2.2017 – 2 BvR 1558/16, juris, Rn. 10.

79 Sie­he zum ver­glei­chen­den Begut­ach­tung Neukirchen/Emmrich, a.a.O., S. 62 f.

80 Thie­me, Deut­sches Hoch­schul­recht, a.a.O, Rn. 449.
81 OVG Müns­ter, U. v. 3.5.2018 – 6 A 815/11, juris, Rn. 140.

36 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

sen schließt der wei­te Spiel­raum bei der Leis­tungs­be­wer- tung die Mög­lich­keit ein, die Eig­nung eines Kan­di­da­ten schon auf­grund wahr­ge­nom­me­ner Defi­zi­te in ein­zel­nen Berei­chen als im Ver­gleich mit ande­ren Bewer­bern schwä­cher zu qualifizieren82.

DabeischließtwederArt.33Abs.2GGnochdieWis- sen­schafts­frei­heit (Art. 5 Abs. 3 GG) es aus, dass die Be- rufungs­kom­mis­si­on ihrer Leis­tungs­be­wer­tung auch ex- ter­ne Leis­tungs­ein­schät­zun­gen zugrun­de legt – viel­mehr ist das der Regel­fall, wenn etwa Publi­ka­tio­nen in Zeit- schrif­ten mit Peer-Review (Leis­tungs­ein­schät­zung der Peers), För­der­ent­schei­dun­gen von Zuwen­dungs­ge­bern (EU-Grants, insb. bei kom­pe­ti­ti­ven Ver­fah­ren wie z.B. der DFG) oder Beru­fun­gen auf ver­gleich­ba­re Pro­fes­su- ren an ande­ren Hoch­schu­len ein­be­zo­gen und mit­be- rück­sich­tigt wer­den müs­sen. Sys­te­ma­tisch wird dem Dienst­herrn (und der ein­ge­setz­ten Beru­fungs­kom­mis­si- on) Ermes­sen zuge­stan­den zur Aus­ge­stal­tung des Aus- wahl­pro­zes­ses im Rah­men der ver­bind­li­chen Rege­lun- gen, z.B. in einer Beru­fungs­ord­nung oder im Landeshochschulgesetz.

Das gilt vor allem für die Ein­be­zie­hung ver­glei­chen- der oder ein­zel­be­trach­ten­der Gut­ach­ten exter­ner Sach- ver­stän­di­ger. Die­se sind nach den meis­ten Hoch­schul­ge- set­zen und Beru­fungs­ord­nun­gen von der Beru­fungs- kom­mis­si­on bei der Bil­dung einer Rang­fol­ge ihrer Beru- fungs­emp­feh­lung „zu berück­sich­ti­gen“. Die­se Gut­ach­ten sol­len als Ent­schei­dungs­hil­fe und ‑grund­la­ge die Leis- tungs­be­wer­tung ratio­na­li­sie­ren und objek­ti­ver machen: Dazu sol­len die beauf­trag­ten Gut­ach­ter ihr Gut­ach­ten mög­lichst unvor­ein­ge­nom­men und jeden­falls ohne Ein- fluss­nah­me der am Beru­fungs­ver­fah­ren betei­lig­ten Ent- schei­dungs­trä­ger, der Bewer­ber selbst oder sons­ti­ger Per­so­nen, die am Aus­gang des Aus­wahl­ver­fah­rens ein Inter­es­se haben kön­nen, erstellen83. Gleich­wohl sind die Gut­ach­ten für die Beru­fungs­kom­mis­si­on nicht „bin- dend“ bzw. müs­sen nicht in ihren Rei­hen­fol­ge­vor­schlä- gen (zumal die­se sel­ten ein­heit­lich aus­fal­len) über­nom- men wer­den – viel­mehr muss die Beru­fungs­kom­mis­si­on zu einem eigen­stän­di­gen Ergeb­nis unter Wür­di­gung der gesam­ten Erkennt­nis­grund­la­gen kom­men. Die von den Gut­ach­ten vor­ge­schla­ge­ne Rei­hen­fol­ge der Lis­ten­kan­di- daten muss sie nur unter sach­li­chen Kri­te­ri­en bei ihrer Ent­schei­dungs­fin­dung würdigen84.

Grund­sätz­li­chen Beden­ken bestehen eben­falls nicht, wenn die Beru­fungs­kom­mis­si­on orga­ni­sa­to­ri­sche Un- ter­stüt­zung und fach­li­che Bera­tung durch Exter­ne ein-

  1. 82  So OVG Müns­ter, B. v. 20.4.2020 — 6 B 1700/19, juris, Rn. 35 ff.
  2. 83  Vgl. VGH Mann­heim, B. v. 27.07.2022 – 4 S 713/22, Rn. 53; VGH­Mün­chen, B. v. 11.08.2010 – 7 CE 10.1160, Rn. 33.

bezieht. Dabei war bei ande­ren Wahl­gre­mi­en (zB. kom- muna­ler Selbst­ver­wal­tungs­kör­per­schaf­ten) umstrit­ten, wie Aus­wahl­gre­mi­en mit den von exter­nen Fach­be­ra- tern erstell­ten Rang­lis­ten und bereit­ge­stell­ten Infor­ma­ti- onen umzu­ge­hen hat­ten. Inzwi­schen for­mu­lie­ren die Ver­wal­tungs­ge­rich­te auch hier­zu recht­li­che Anfor­de- run­gen und bean­stan­den es, wenn die aus­wäh­len­de Stel- le dem Drit­ten den Leis­tungs­ver­gleich maß­geb­lich über- las­sen und die Aus­wahl­ent­schei­dung aus der Hand gege- ben hat85. Eben­so wie der Dienst­herr die ihm zuste­hen­de Beur­tei­lungs­be­fug­nis nicht auf Außen­ste­hen­de über­tra- gen darf, ist es der aus­wäh­len­den Stel­le ver­wehrt, das Er- gebnis einer ander­wei­ti­gen (exter­nen) Eig­nungs­feststel- lung „blind­lings“ zu über­neh­men. Die hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung for­mu­liert hohe Anfor­de­run­gen, wenn die aus­wäh­len­de Stel­le sich das „Ergeb­nis“ einer extern erfolg­ten Eig­nungs­be­ur­tei­lung — in kri­ti­scher Aus­ein­an- der­set­zung — zu eigen machen und die­ses anschlie­ßend als Bei­trag zu ihrem eige­nen umfas­sen­den Eig­nungs­ur- teil ver­wer­ten möch­te. Dazu muss die vom exter­nen Dienst­leis­ter vor­ge­nom­me­ne Vor­auswahl (1.) aus­sa­ge- kräf­ti­ge und vali­de, am Anfor­de­rungs­pro­fil ori­en­tier­te Erkennt­nis­se über die Eig­nung der Bewerber*innen er- mög­li­chen, (2.) die Chan­cen­gleich­heit der Bewer- ber*innen gewähr­leis­ten; das Ver­fah­ren muss nach sei- ner for­ma­len und inhalt­li­chen Gestal­tung allen Kandidat*innen Gele­gen­heit zur Dar­stel­lung ihrer Befä- higung und Eig­nung bie­ten, eine hin­rei­chen­de Ver- gleich­bar­keit der Ergeb­nis­se sicher­stel­len und jeden­falls in Grund­zü­gen doku­men­tiert wer­den und (3.) aus Rechts­schutz­grün­den nach­prüf­bar aus­ge­stal­tet sein.

Bei allen Unter­schie­den, die zwi­schen der Idee einer auto­ma­ti­sier­ten kri­te­ri­en­dif­fe­ren­zier­ten Leis­tungs­be- wer­tung und der viel­fäl­ti­gen Unter­stüt­zung durch ein Per­so­nal­be­ra­tungs­un­ter­neh­men bestehen, las­sen sich dar­aus Anfor­de­run­gen an die Hand­ha­bung der Eig- nungs­be­wer­tung durch eine Beru­fungs­kom­mis­si­on ab- lei­ten: Das Bewer­tungs­er­geb­nis der Indi­ka­to­rik­platt- form könn­te als exter­ne Ein­schät­zung einer nicht auf Fach­kun­de und Erfah­run­gen, son­dern auf Wahr­schein- lich­kei­ten beru­hen­den Eig­nungs­ein­schät­zung gleich- wohl die Dis­kus­si­on berei­chern, wenn die Beru­fungs- kom­mis­si­on für die Ent­schei­dung und den Leis­tungs- ver­gleich ver­ant­wort­lich bleibt. Jeder Ansatz, dass die Bewer­tun­gen der Platt­form vor­ran­gig oder „vor­zugs- wür­dig“ sind, wür­de hin­ge­gen die fach­kun­di­ge Bewer- tung der Beru­fungs­kom­mis­si­on in Fra­ge stellen.

84 VGH Kas­sel, B. v. 28.11.2022 – 1 B 1620/22, juris, Rn. 98.
85 Hier­zu und zu Fol­gen­dem: OVG Müns­ter, B. v. 16.11.2021 – 6 B

1176/21, juris, Rn. 57 ff.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 3 7

2. Risi­ken arith­me­ti­scher Bewertungen

Beson­de­re Risi­ken sind damit ver­bun­den, beim Ver- gleich wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen auf arith­me­ti­sche Zuord­nun­gen abzu­stel­len oder auf Teil­leis­tungs­be­wer- tun­gen, die nicht in einem rechts­för­mig aus­ge­stal­te­ten Prü­fungs­ver­fah­ren ent­stan­den sind. Die Auf­ga­be der Beru­fungs­kom­mis­si­on schließt ja die Leis­tungs­feststel- lung ein, für die — bei Laufbahnbeamt*innen — ein dienst- recht­li­ches Beur­tei­lungs­ver­fah­ren oder – wie bei der Habi­li­ta­ti­on – das Prü­fungs­ver­fah­ren einer Hoch­schu­le vor­ge­se­hen sind. Für die wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen von Bewer­ben­den um Pro­fes­su­ren lie­gen kei­ne dienst­li- chen Beur­tei­lun­gen mit Ein­zel­leis­tungs­be­wer­tun­gen und Gesamt­no­ten wie bei Laufbahnbeamt*innen vor86, ihr beruf­li­cher Wer­de­gang wird nicht durch dienst­li­che Beur­tei­lun­gen und Beför­de­run­gen, son­dern durch Be- rufun­gen bestimmt87. Des­halb wird von der Beru­fungs- kom­mis­si­on eine umfas­sen­de Wür­di­gung der bis­he­ri­gen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen ver­langt, die Aus­kunft über das Leis­tungs­ver­mö­gen der Bewerber*innen gibt88.

Sicher­lich unter­fällt es dabei dem Ver­fah­renser­mes- sen der Hoch­schu­le, das durch die Beru­fungs­ord­nun­gen aus­ge­stal­tet und von den Hoch­schul­ge­set­zen beschränkt wird, inwie­weit Typi­sie­run­gen, Bewer­tungs­stu­fen oder ande­re wer­ten­de Kenn­zeich­nun­gen von Leis­tungs­un­ter- schie­den bzw. ‑rei­hen­fol­gen beschrie­ben werden89. Die ein­ge­setz­ten Bewer­tungs­sys­te­me müs­sen aber ihrer­seits leis­tungs­ge­recht sein und den Anfor­de­run­gen an Art. 33 Abs. 2 GG genü­gen: Nur wenn die Umstän­de der Leis­tungs­er­brin­gung bei den Bewerber*innen im We- sent­li­chen ver­gleich­bar und die Leis­tungs­be­wer­tung in der Per­son eines Vor­ge­setz­ten ver­ein­heit­licht wird, wenn also eine wer­ten­de Betrach­tung der Leis­tungs­be­wer­tun- gen nicht mehr erfor­der­lich ist, kann der Leis­tungs­ver- gleich aus­nahms­wei­se auf einen Ver­gleich von Punkt­be- wer­tun­gen zurück­ge­führt wer­den. Zudem bedarf es ei- ner aus­drück­li­chen Rechts­grund­la­ge, ohne die rech­ne­ri- sche Ermitt­lun­gen bei Leis­tungs­be­wer­tun­gen schlicht­weg unzu­läs­sig sind90. Das gilt aber nicht nur für die Arith­me­ti­sie­rung dienst­li­cher Leistungsbewertun-

  1. 86  OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 30.3.2017 – 10 S 32.16, juris, Rn. 7.
  2. 87  VGH Mann­heim, B. v. 8.12.2020 – 4 S 2583/20, juris, Rn. 6.
  3. 88  BVerwG, U. v. 20.10.2016 – 2 C 30/15, juris, Rn. 23.
  4. 89  Sie­he VG Greifs­wald, U. v. 26.9.2019 – 6 A 1212/18 HGW, juris,Rn. 28, zur Leis­tungs­be­wer­tung für die Ver­ga­be von Leis­tungs- bezü­gen: „Es ist in ers­ter Linie Sache der Beklag­ten, Bewer­tungs- maß­stä­be fest­zu­set­zen und dem­entspre­chend auch die Instru- men­te zur Ermitt­lung quan­ti­fi­zier­ba­rer und damit ver­gleich­ba­rer Leis­tun­gen auszuwählen.“
  5. 90  BVerwG, U. v. 21.3.2007 – 2 C 2/06, juris, Rn. 14; ebs. OVG Lü- neburg, B. v. 9.5.2008 – 5 ME 5/08, juris, Rn. 28 – zum Vergleich

gen, son­dern ist auch für die hoch­schu­li­sche Bewer- tungs­be­fug­nis bei Prü­fungs­leis­tun­gen bekannt: Auf- grund des Geset­zes­vor­be­halts für berufs­be­zo­ge­ne Prü- fun­gen (Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG) sind Rege­lun­gen über das Ver­fah­ren der Bewer­tung der Prü­fungs­leis­tun­gen und die Noten­ver­ga­be rechts­satz­mä­ßig fest­zu­le­gen. Da- bei müs­sen die Rege­lun­gen dem prü­fungs­recht­li­chen Gebot der Chan­cen­gleich­heit (Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 12 Abs. 1 GG) genü­gen, also dafür Sor­ge tra­gen, dass für alle Teil­neh­mer ver­gleich­ba­rer Prü­fun­gen so weit wie mög­lich glei­che Prü­fungs­be­din­gun­gen und Bewer­tungs- maß­stä­be gel­ten. Auch das Prü­fungs­ver­fah­ren muss glei- che Erfolgs­chan­cen gewähr­leis­ten, d.h. für Form und Ver­lauf der Prü­fun­gen müs­sen ein­heit­li­che Regeln gel- ten, die auch ein­heit­lich ange­wandt werden91.

Weil bis­her jed­we­de gesetz­li­che Rege­lung zur auto- mati­sier­ten Bewer­tungs­be­fug­nis bei wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen in Beru­fungs­ver­fah­ren fehlt, genügt der oben beschrie­be­ne Bewer­tungs­vor­gang aus dem Eva­li­tech- Pro­jekt die­sen Anfor­de­run­gen nicht: Nor­ma­ti­ve Vor­ga- ben wur­den für die Leis­tungs­be­wer­tung der Indi­ka­to­rik- platt­form auch nicht dis­ku­tiert. Dass es Beru­fungs­ver- fah­ren im Hoch­schul­be­reich und vor allem in den tech- nischen Fächern geben mag, in denen zur ver­glei­chen­den Bewer­tung der wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen auch gern Noten­durch­schnit­te oder Punk­te­sum­men ver­wen­det wer­den, macht den Man­gel nicht wett. Für die Punk­te­zu- ord­nung im genann­ten Wer­te­be­reich müss­ten die Teil- kri­te­ri­en und jewei­li­gen – in den Fach­dis­zi­pli­nen wohl auch unter­schied­li­chen – Bewer­tungs­maß­stä­be aus­ge- stal­tet sein. Wie die Ver­gleich­bar­keit von wis­sen­schaft­li- chen Publi­ka­tio­nen unter­ein­an­der (schon nach äuße­ren Merk­ma­len des Ver­öf­fent­li­chungs­pro­zes­ses: Fremd­spra- chig­keit, Peer-Review, Autoren­grup­pen) gewähr­leis­tet wer­den kann oder – durch Wahl der­sel­ben Zähl­wei­se oder ‑ein­heit – gegen­über Leis­tun­gen in ande­ren Teil­kri- teri­en, bedürf­te einer Aus­ge­stal­tung jeden­falls auf der Ebe­ne der Beru­fungs­ord­nung. Wie bei berufs­be­zo­ge­nen Prü­fun­gen müs­sen Ein­zel­hei­ten der Leis­tungs­be­wer­tung aber nicht unmit­tel­bar durch den Gesetz­ge­ber gere­gelt werden92.

dienstl. Beur­tei­lun­gen. Nach BVerwG, U. v. 7.7.2021 – 2 C 2/21, BVerw­GE 173, 81 ff. = juris, Rn. 31 ff., 34 müs­sen wenigs­tens das Beur­tei­lungs­sys­tem (Regel- oder blo­ße Anlass­be­ur­tei­lun­gen) und die Vor­ga­be der Bil­dung des abschlie­ßen­den Gesamt­ur­teils unter Wür­di­gung aller Ein­zel­merk­ma­le ein­fach­ge­setz­lich aus­ge­stal­tet sein.

91 Vgl. BVerfG, B. v. 17.4.1991 — 1 BvR 419/81 u. 213/83, BVerfGE 84, 34, 52; BVerwG, U. v. 10.4.2019 — 6 C 19.18, BVerw­GE 165, 202 = juris, Rn. 11 f.; U. v. 28.10.2020 – 6 C 8/19, BVerw-GE 170, 1 ff. = juris, Rn. 21.

92 BVerwG, B. v. 6.3.1998 – 6 B 9/98, juris, Rn. 6.

38 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

3. Her­aus­for­de­rung an Bewer­tungs­pro­zes­se einer Indi- katorikplattform

So sinn­voll es sein mag, in die Eig­nungs­pro­gno­se zusätz- liche Merk­ma­le von den 41 Teil­kri­te­ri­en (Eva­li­tech) ein- zube­zie­hen, begeg­net die auto­ma­ti­sier­te Leis­tungs- bewer­tung und Wer­te­zu­ord­nung zum Wer­te­be­reich 0 — 100 erheb­li­chen Beden­ken. Schon die Zuläs­sig­keit und Plau­si­bi­li­tät arith­me­ti­scher Bewer­tung beim Ver­gleich wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen ist offen. Sowohl der Bewer­tungs­vor­gang (unter Ein­be­zie­hung von Leis­tun- gen drit­ter Per­so­nen, die sich nicht bewor­ben haben,) als auch die Her­stel­lung von Ver­gleich­bar­keit der bewer­te- ten wis­sen­schaft­li­chen und sons­ti­gen Leis­tun­gen in den 41 Teil­kri­te­ri­en müss­te wenigs­tens in einer Beru­fungs- sat­zung der Hoch­schu­le aus­ge­stal­tet wer­den. Außer­dem müss­te klar­ge­stellt und abge­si­chert wer­den, wel­che Leis- tun­gen zur Erfül­lung der Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen müssen.

Orga­ni­sa­to­risch müss­ten die Hoch­schu­len Vor­keh- run­gen tref­fen, dass jed­we­der Bewer­tungs­vor­gang für ei- nen Leis­tungs­ver­gleich in einer dau­er­haf­ten und berech- tigungs­ge­schütz­ten Doku­men­ta­ti­ons­da­tei gesi­chert wird, um für die Dis­kus­si­on in der Beru­fungs­kom­mis­si- on, in den wei­te­ren Ver­fah­rens­stu­fen und für eine ge- richt­li­che Nach­prü­fung bereit­zu­ste­hen. Außer­dem be- darf es auch fach­li­cher Wei­ter­bil­dun­gen und Vor­aus­set- zun­gen, damit die Mit­glie­der der Beru­fungs­kom­mis­si­on über­haupt in die Lage ver­setzt wer­den, die Bewer­tungs- vor­gän­ge nach­voll­zie­hen und durch eine „kri­ti­sche Aus- ein­an­der­set­zung“ mit den Bewer­tungs­er­geb­nis­sen ihrer Bewer­tungs­ver­ant­wor­tung gerecht wer­den können.

V. Mit­wir­kungs­pflich­ten für und Daten­schutz der Indikatorikplattform

Schließ­lich ste­hen der Ein­rich­tung einer (ver­fah­ren­sun- abhän­gi­gen) Indi­ka­to­rik­platt­form heu­te Schutz­re­ge­lun- gen des Ver­wal­tungs- bzw. Daten­schutz­rechts ent­ge­gen, die erst durch Geset­zes­än­de­run­gen ange­passt bzw. gelo- ckert wer­den müssten.

Nach dem Ergeb­nis­be­richt des Eva­li­tech-Pro­jekts be- ruht die Idee einer KI-gestütz­ten Indi­ka­to­rik­platt­form auf auto­ma­ti­sier­ten Daten­er­he­bun­gen für die ein­be­zo­ge- nen Kandidat*innen, die gestützt wird auf fol­gen­de Datenverarbeitungen:

– ad-hoc Meta­da­ten-Samm­lung je Kandidat*in,
– kon­ti­nu­ier­li­ches Kan­di­da­tin­nen- und Kandidaten-

93 For­schungs­be­richt Eva­li­tech (o. Fn. 1), S. 9.
94 BVerwG, U. v. 20.10.2016 – 2 C 30/15, juris, Rn. 24.

Track­ing,
– Iden­ti­fi­ka­ti­on von rele­van­ten Wissenschaftler*innen

für ‚unbe­kann­te’ The­men­fel­der,
– rekur­si­ve Ver­fol­gung von Ver­bin­dun­gen zu anderen

Wissenschaftler*innen,
– Ergän­zung von (nicht-öffent­li­chen) Daten durch die

Nutzer*innen selbst93.
Sowohl die Dul­dung der ad-hoc- wie der kon­ti­nu­ier- lichen Daten­er­he­bung oder die Ver­knüp­fung mit ande­ren Daten („unbe­kann­te The­men­fel­der“, „Ver­bin- dung zu ande­ren Wissenschaftler*innen“) bedarf dabei einer aus­drück­li­chen und frei­wil­li­gen Ein­wil­li­gung der*des ein­be­zo­ge­nen Wissenschaftler*in gem. Art. 6 Abs. 1 S. 1 Buchst. a DSGVO. Die Ergän­zung der nicht-öffent­li­chen Daten bedarf dar­über hin­aus zusätz­li- cher Hand­lun­gen (Ver­an­las­sung, Mit­wir­kung oder Dul- dung der Daten­ver­ar­bei­tung) der Wissenschaftler*in. Um die Platt­form ziel- und zweck­ge­recht anhand der aktu­el­len und voll­stän­di­gen Ver­gleichs­grund­la­gen arbei- ten zu las­sen, ist sie jeden­falls kon­zep­tio­nell auf kon­tinu- ier­li­che Daten­er­he­bun­gen wäh­rend der gesam­ten Schaf- fens- und Schöp­fungs­tä­tig­keit von Wissenschaftler*innen ausgelegt.

1. Rege­lung von Mit­wir­kungs­pflich­ten durch Rechts­vor- schrift

Damit bedarf die Indi­ka­to­rik­platt­form schon des­halb einer nor­ma­ti­ven Rechts­grund­la­ge, weil die ein­be­zo­ge- nen Wissenschaftler*innen zur Schaf­fung einer Ver- gleichs­grund­la­ge dadurch bei­tra­gen müss­ten, der Ver- wen­dung ihrer Daten zuzu­stim­men oder gar ihre Daten selbst bereit­zu­stel­len. Das Ermes­sen der Hoch­schu­le zur Gestal­tung der Aus­wahl bei der Beset­zung einer Pro­fes- sur schließt es ein, Daten und Anga­ben von den Bewerber*innen nur bis zu einem bestimm­ten Zeit­punkt zur Kennt­nis zu nehmen94. Zugrun­de legen müs­sen sie aber nur die frei­wil­lig von den Bewerber*innen dar­ge- stell­ten Leis­tun­gen und Tatsachen95. Für eine Pflicht der Bewerber*innen, dar­über hin­aus ihre Leis­tun­gen kon­ti- nuier­lich in eine Ver­gleichs­platt­form ein­zu­tra­gen, bedürf­te es wenigs­tens einer Sat­zungs­re­ge­lung, z.B. in der Berufungsordnung.

Das ergibt sich aus § 26 Abs. 2 VwVfG – die Vor- schrift (S. 1 u. 2) legt eine all­ge­mei­ne Mit­wir­kungs­pflicht der Betei­lig­ten eines Ver­wal­tungs­ver­fah­rens fest – in ei- nem Beru­fungs­ver­fah­ren der Hoch­schu­le sol­len die Be- wer­ben­den danach „ins­be­son­de­re ihnen bekann­te Tat­sa- chen und Beweis­mit­tel ange­ben“. Die behörd­li­che Auf-

95 Kei­ne Ermitt­lungs­pflicht der Hoch­schu­le – vgl. VGH Mün­chen, B. v. 16.3.1998 — 7 ZE 97.3696, juris, Rn. 25; OVG Koblenz, B.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 3 9

klä­rungs­pflicht der Hoch­schu­len wird durch die Erfül- lung von Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­hei­ten der Bewerber*innen wirk­sam und zugleich begrenzt. Darü- ber hin­aus­ge­hen­de Pflich­ten der Betei­lig­ten, bei der Er- mitt­lung des Sach­ver­halts mit­zu­wir­ken, z.B. durch per- sön­li­ches Erscheinen96 oder eine Aus­sa­ge, bestehen nach Satz 3 aber nur, soweit sie durch Rechts­vor­schrift beson- ders vor­ge­se­hen sind . Dazu bedarf es einer abs­trakt­ge- nere­l­len Rege­lung in Form eines Geset­zes, einer Ver­ord- nung oder einer Sat­zung der Hoch­schu­le. Einem Erlass der Hoch­schul­lei­tung oder des Minis­te­ri­ums kommt als inner­dienst­li­che Ver­wal­tungs­vor­schrift kei­ne Rechts- norm­qua­li­tät zu97, glei­ches gilt für Emp­feh­lun­gen von Fach- oder Wissenschaftsfördergesellschaften.

Hier muss aller­dings nicht ver­tieft wer­den, dass das Ver­wal­tungs­recht bei Beru­fungs­ver­fah­ren wie­der­um zahl­rei­che „Unschär­fen“ kennt und jeden­falls Mit­wir- kungs­ob­lie­gen­hei­ten der Bewerber*innen auf­stellt, de- ren Ver­säu­mung ihnen bei der Rechts­ver­fol­gung ent­ge- gen­ge­hal­ten und zum Nach­teil gerei­chen kann. Dem- nach bestehe etwa eine Befug­nis der Beru­fungs­kom­mis- sion zur Frist­set­zung mit Aus­schluss­fol­ge aus dem „Sinn und Zweck der Rechts­vor­schrif­ten, die das Beru­fungs- ver­fah­ren ausgestalten.“98 Ein wei­te­res Bei­spiel ist die Über­tra­gung der (prü­fungs­recht­li­chen und regel­mä­ßig in Prü­fungs­ord­nun­gen aus­drück­lich aus­ge­stal­te­ten) Mit­wir­kungs­pflicht, bekann­te Ableh­nungs­grün­de (für eine Besorg­nis der Befan­gen­heit) ohne schuld­haf­tes Zö- gern zu rügen, auf das Berufungsverfahren99. Schließ­lich ist noch an die Oblie­gen­hei­ten beim Rechts­schutz zu er- innern, die von der Recht­spre­chung aus dem (ein­zu­ge- hen­den) Beam­ten­ver­hält­nis als Dienst- und Treue­ver- hält­nis abge­lei­tet werden100.

2. Rechts­grund­la­ge und Erfor­der­lich­keit der Indi­ka­to- rikplattform

Als Daten­ver­ar­bei­tung i.S. Art. 4 Nr. 2 DSGVO bedarf bereits die Samm­lung von per­sön­li­chen Leis­tungs­nach- wei­sen (Ver­öf­fent­li­chun­gen, Arbeits­pro­ben, Lehr­eva­lu- atio­nen usw.) und ande­ren per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten

v. 6.8.2018 — 2 B 10742/18, juris, Rn. 29; OVG Mag­de­burg, B. v. 26.4.2021 – 1 M 16/21, juris, Rn. 32; sie­he zur „Ermitt­lungs­pflicht“ hin­sicht­lich der cha­rak­ter­li­chen Eig­nung, ins­be­son­de­re zum Um- gang mit Anhalts­punk­ten für Eig­nungs­de­fi­zi­te: Gär­ditz, WissR 58 (2022), 288, 326 ff.

  1. 96  Vgl. OVG Ham­burg, B. v. 11.12.2000 — 2 Bs 306/00, juris, Rn. 18.
  2. 97  Vgl. VG Olden­burg, U. v. 24.1.1986 — 2 OS A 19/85, juris; OVGLü­ne­burg, U. v. 24.11.2015 — 5 LB 83/15, juris, Rn. 49; B. v. 23.12.2004 – 8 ME 169/04, juris, Rn. 13 (zur Teil­nah­me an einer ärzt­li­chen Untersuchung).
  3. 98  VG Mün­chen, B. v. 19.3.2004 – M 3 E 04.611, juris, Rn. 35.
  4. 99  VGH Mün­chen, B. v. 1.2.2022 – 3 CE 22.19, juris, Rn. 5; VGH­Mann­heim, B. v. 27.7.2022 – 4 S 713/22, juris, Rn. 23.

(vgl. Art. 4 Nr. 1 DSGVO) in einer Bewer­ber­da­ten­bank – um recht­mä­ßig und bean­stan­dungs­frei durch­ge­führt wer­den zu kön­nen – einer aus­drück­li­chen und frei­wil­li- gen Ein­wil­li­gung der jeweils betrof­fe­nen Per­so­nen gem. Art. 6 Abs. 1 S. 1 Buchst. a) i.V.m. Art. 7 DSGVO101. Die­se müss­te von den Bewerber*innen unter Berück­sich­ti- gung der Anfor­de­run­gen aus Art. 7 Abs. 2 und 4 DSGVO bzw. § 26 Abs. 2 BDSG geson­dert in Schrift­form ein­ge- holt wer­den – die in einer Bewer­bung kon­klu­dent ent- hal­te­ne Offen­ba­rungs­be­reit­schaft, die in der Bewer­bung ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen auch ande­ren Bewer- ber*innen zu vermitteln102, genügt dafür nicht. Als Ein­wil­li­gung kann aller­dings auch die Preis­ga­be per­so- nen­be­zo­ge­ner Daten auf öffent­lich zugäng­li­chen social- media-Kanä­len gel­ten, jeden­falls soll die Erhe­bung beruf­li­cher Daten aus öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len unter Wah­rung der Zweck­bin­dung zuläs­sig sein103. Unge- ach­tet der jeder­zei­ti­gen Wider­ruf­lich­keit der Ein­wil­li- gung erscheint eine Indi­ka­to­rik­platt­form kaum auf der Grund­la­ge von Ein­wil­li­gun­gen der betrof­fe­nen Wissenschaftler*innen rea­li­sier­bar – jeden­falls stün­den die Ver­gleichs­er­geb­nis­se stets unter der Ein­schrän­kung bzw. dem Vor­be­halt, dass nur die frei­wil­lig bereit­ge­stell- ten oder öffent­lich zugäng­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen mit­ein­an­der ver­gli­chen wor­den sind.

Des­halb dient als Rechts­grund­la­ge für die Ver­ar­bei- tung der von den Bewerber*innen bereit­ge­stell­ten Daten Art. 88 Abs. 1 DSGVO i.V.m. § 26 Abs. 1 S. 1 BDSG. Da- nach dür­fen per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten von Beschäf­tig­ten für Zwe­cke des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses ver­ar­bei­tet wer­den, wenn dies für die Ent­schei­dung über die Be- grün­dung eines Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses oder nach Begrün­dung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses für des­sen Durch­füh­rung oder Been­di­gung oder zur Aus­übung oder Erfül­lung der sich aus einem Gesetz oder einem Ta- rif­ver­trag, einer Betriebs- oder Dienst­ver­ein­ba­rung (Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­rung) erge­ben­den Rech­te und Pflich- ten der Inter­es­sen­ver­tre­tung der Beschäf­tig­ten erfor­der- lich ist104. Bei der Erfor­der­lich­keit wird ein sehr enger Maß­stab für die Zuläs­sig­keit der Ver­wen­dung von Be-

100 BVerwG, U. v. 15.6.2018 – 2 C 19/17, Rn. 28; OVG Müns­ter, U. v. 17.6.2019 – 6 A 1133/17, juris, Rn. 123.

101 Zöll, in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG – TTDSG, 4. Auf­la­ge 2022, § 26 BDSG, Rn. 35.

102 vgl. Rudi­si­le, in Schoch/Schneider, Ver­wal­tungs­recht, 43. EL August 2022, § 99 VwGO, Rn. 20 m.w.N.; BVerwG, U. v. 04.08.1975 — VI C 30/72, NJW 1976, 204; VG Han­no­ver, U. v. 20.2.2023 – 10 A 1101/22, juris, Rn. 37.

103 Zöll, in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG – TTDSG, 4. Auf­la­ge 2022, § 26 BDSG, Rn. 31.

104 VG Han­no­ver, U. v. 9.2.2023 – 10 A 6199/20, juris, Rn. 50 zum Ver­hält­nis zu ande­ren Rechts-grund­la­gen aus der DSGVO.

40 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

schäf­tig­ten­da­ten durch Arbeit­ge­ber ange­legt und ver- langt, dass er die­se Infor­ma­tio­nen ver­nünf­ti­ger­wei­se be- nötigt – die blo­ße Nütz­lich­keit legi­ti­miert eine Ver­ar­bei- tung hin­ge­gen nicht. Außer­dem muss eine erfor­der­li­che Daten­ver­ar­bei­tung auf einer Inter­es­sen­ab­wä­gung beru- hen, in der das berech­tig­te, bil­li­gens­wer­te und schutz- wür­di­ge Inter­es­se des Arbeit­ge­bers an der Ver­wen­dung bestimm­ter Daten das Inter­es­se von Beschäf­tig­ten am Schutz ihrer Per­sön­lich­keits­rech­te über­wiegt. Neben der Geeig­ne­t­heit der Daten­ver­ar­bei­tung zur Ver­wirk­li­chung des vom Arbeit­ge­ber ver­folg­ten Zwecks darf es kei­ne mil­de­ren, daher das Recht auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge- ner Daten weni­ger beein­träch­ti­gen­de Mit­tel geben. Schließ­lich ist zu prü­fen, ob die Daten­ver­ar­bei­tung an- gemes­sen (ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sin­ne) zum ver- folg­ten Zweck ist, wobei hier­zu die in Art. 5 Abs. 1 DSG VO ent­hal­te­nen Grund­sät­ze zu beach­ten sind, wie ins­be­son- dere die Beschrän­kung auf fest­ge­leg­te, ein­deu­ti­ge und le- giti­me Zwe­cke der Ver­ar­bei­tung nach lit. b) oder die Da- ten­mi­ni­mie­rung nach lit. c) der Vorschrift105. Bereits Art. 25 DSGVO ent­hält die Ver­pflich­tung des Ver­ant­wort­li- chen, selbst bei einer zuläs­si­gen Daten­ver­ar­bei­tung tech- nische und orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men zur Begren- zung der Ver­ar­bei­tung zu tref­fen. Die­se Ver­pflich­tung gilt für die Men­ge der erho­be­nen per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten, den Umfang ihrer Ver­ar­bei­tung, ihre Spei­cher- frist und ihre Zugäng­lich­keit. Auf die Ansprü­che der Be- trof­fe­nen auf Infor­ma­tio­nen und Her­aus­ga­be (Art. 13 ff. DSGVO) sowie die Berich­ti­gung und Löschung (Art. 16 ff. DSGVO) und auf das jeder­zei­ti­ge Wider­rufs­recht (Art. 21 DSGVO) wird aus Grün­den der Voll­stän­dig­keit verwiesen.

Dass die im Eva­li­tech-Pro­jekt skiz­zier­te Indi­ka­to­rik- Platt­form auf die erfor­der­li­che Erhe­bung von Beschäf- tig­ten­da­ten begrenzt wäre, kann bis­her nicht fest­ge­stellt wer­den. Die in 41 Teil­kri­te­ri­en auf­ge­teil­ten beruf­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen der Bewerber*innen sol­len danach zunächst ein­mal unbe­schränkt erho­ben und bewer­tet wer­den. Eine Gewich­tung und gar ein Ver- zicht auf die Unter­su­chun­gen ein­zel­ner, für eine be- stimm­te Pro­fes­sur nach­ran­gi­ger Teil­kri­te­ri­en wür­de dem Ansatz des Pro­jekts wider­spre­chen oder ist jeden- falls bis­her nicht auf die Gewäh­rung der Ziel­er­rei­chung unter­sucht wor­den, die durch einen Ver­gleich biblio­me- tri­scher Indi­zes der Publi­ka­tio­nen ent­ste­hen­den Rei­hen- fol­gen durch Ein­be­zie­hung zusätz­li­cher Leis­tungs­merk- male abzu­än­dern. Was bis­her fehlt, ist die daten­schutz- recht­li­che Hin­ter­fra­gung der 41 Teil­kri­te­ri­en dar­auf­hin, ob sie für die Ent­schei­dung über eine kon­kre­te Stellen-

105 VG Han­no­ver, U. v. 9.2.2023 – 10 A 6199/20, juris, Rn. 54 f.

beset­zung benö­tigt wer­den – nur weil sie tech­nisch er- fasst und gemes­sen wer­den kön­nen, heißt es also nicht, dass die per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten erho­ben und verar- bei­tet wer­den dürfen.

Um in einer Erpro­bung die Bedeu­tung und Aus­sa­ge- kraft ein­zel­ner Teil­kri­te­ri­en und ihr Ver­hält­nis unter­ein- ander näher zu unter­su­chen, könn­te der Ein­satz von Kri- teri­en­bün­deln zunächst in bestehen­den Beschäf­ti­gungs- ver­hält­nis­sen und den dabei anste­hen­den Leis­tungs­be- wer­tun­gen erwo­gen wer­den. In Betracht käme ein­mal die Bewäh­rungs­fest­stel­lung bei Juni­or­pro­fes­su­ren. Hier- bei könn­te durch Hoch­schul­sat­zung eine Leis­tungs­er­fas- sung und ‑dar­stel­lung in einer Bewer­tungs­platt­form vor­ge­schrie­ben wer­den, bei der als Maß­stab zugleich die Leis­tungs­an­for­de­run­gen aus der anfäng­li­chen Ziel­ver- ein­ba­rung hin­ter­legt sind — für die*den Juni­or­pro­fes- sor*in hät­te das den Vor­teil einer – mög­li­cher­wei­se ver- bind­li­chen, jeden­falls infor­ma­ti­ven — Rück­mel­dung über die Erfül­lung der Leis­tungs­an­for­de­run­gen. Weil die Be- wäh­rungs­fest­stel­lung bei der Juni­or­pro­fes­sur aber eine Berufs­zu­gangs­prü­fung dar­stellt, müss­te die abschlie­ßen- de Bewer­tung ohne­hin einem sach­kun­dig besetz­ten Gre­mi­um vor­be­hal­ten bleiben106, das aber auf brei­te­re Bewer­tungs­grund­la­gen oder jeden­falls einen struk­tu- rier­te­ren Selbst­be­richt über die zurück­lie­gen­de wis­sen- schaft­li­che Tätig­keit zurück­grei­fen könn­te. Eine Platt- form­lö­sung zur Erfas­sung und Dar­stel­lung der wis­sen- schaft­li­chen Leis­tun­gen könn­te fer­ner im Zusam­men- hang mit der Gewäh­rung von Leis­tungs­be­zü­gen erwo­gen wer­den: Die Poten­tia­le des Ein­sat­zes einer sol­chen Samm­lung dürf­te aller­dings eher für Dienst­herrn bzw. den Besol­dungs­ge­setz­ge­ber inter­es­sant sein, um Grund- lagen für eine Anpas­sung zu haben und auf einen Rück- gang der wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen bzw. Leis­tungs- fähig­keit reagie­ren zu kön­nen. In bei­den Bei­spie­len wür- de es sich aber nur um die auto­ma­ti­sier­te Auf­be­rei­tung und Visua­li­sie­rung der von den Beschäf­tig­ten ange­ge­be- nen bzw. bereit­ge­stell­ten Daten handeln.

3. Track­ing, Daten­zu­ord­nung und Bewertung

Zusätz­li­che Anfor­de­run­gen bestehen für das „Track­ing“ der Kandidat*innen, also die auto­ma­ti­sier­te kon­ti­nu­ier- liche Suche nach Leis­tun­gen oder Erwäh­nun­gen der Per- son in elek­tro­nisch ver­füg­ba­ren Quel­len. Auch die auto- mati­sier­te Ver­knüp­fung „unbe­kann­ter“ The­men­fel­der zu ein­zel­nen Kandidat*innen, also die Zuord­nung neu­er Merk­ma­le zu einer bestimm­ten Per­son, kol­li­diert eben­so wie die Suche nach und die Ver­fol­gung von Ver­bin­dun- gen zu ande­ren Wissenschaftler*innen als Verarbeitung

106 OVG Mag­de­burg, U. v. 19.3.2008 – 3 L 18/07, juris.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 4 1

per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten beson­de­ren Schutz­re­geln. Schließ­lich ist die von der Bewer­tungs­platt­form zu leis- ten­de „Bewer­tung“ wis­sen­schaft­li­cher Leis­tun­gen, also die Zuord­nung einer Wert­zahl oder eines Plat­zes in einer Kan­di­da­ten­rei­hen­fol­ge eine auto­ma­ti­sier­te Daten­verar- bei­tung der­zeit kaum rechtmäßig.

Die­se Funk­tio­nen zie­len nicht mehr auf eine blo­ße Dar­stel­lung, son­dern bereits auf eine Ent­schei­dung ab, d.h. auf eine auto­ma­ti­sier­te Bewer­tung von Per­sön­lich- keitsmerkmalen107. Kon­kret han­delt es sich um Vari­an­ten von Pro­fil­ing – nach Art. 4 Nr. 4 DSGVO han­delt es sich dabei um die auto­ma­ti­sier­te Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be- zoge­ner Daten zu dem Zweck, bestimm­te per­sön­li­che Aspek­te, die sich auf eine natür­li­che Per­son bezie­hen, zu bewerten108. Dies wird offen­sicht­lich durch die ver­glei- chen­den Zuord­nung von Punkt­zah­len aus dem Wert­be- reich 0–100 erfüllt. Es gilt aber auch für die Zuord­nung neu­er Leis­tungs­um­stän­de (Ver­öf­fent­li­chun­gen, Kon­fe- renz­teil­nah­men bzw. sons­ti­ger Leis­tun­gen im Sin­ne der Teil­kri­te­ri­en) beim „kon­ti­nu­ier­li­chen Trä­cking“ sowie „unbe­kann­ter“ The­men zu einer Per­son wie für die Fest­le­gung einer „Ver­bin­dung“ zwi­schen Wissenschaftler*innen. Mit die­sen Funk­tio­nen sind au- toma­ti­sier­te Ergän­zun­gen der Pro­fi­le von Bewerber*innen vor­ge­se­hen, also auto­ma­ti­sier­te Ent- schei­dun­gen über die mit ein­zel­nen Per­so­nen ver­knüpf- ten Merk­ma­le. Art. 22 Abs. 1 DSGVO sieht dazu ein all- gemei­nes Ver­bot der auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dung vor und pos­tu­liert: „Die betrof­fe­ne Per­son hat das Recht, nicht einer aus­schließ­lich auf einer auto­ma­ti­sier­ten Ver- arbei­tung – einschl. Pro­fil­ing – beru­hen­den Entsch­ei- dung unter­wor­fen zu wer­den, die ihr gegen­über recht­li- che Wir­kung ent­fal­tet (…).“ Art. 22 Abs. 1 DSGVO be- schränkt das Ver­bot auf Vor­gän­ge, auf deren gesam­ten Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zess und des­sen Ergeb­nis kei- ne natür­li­chen Per­so­nen inhalt­lich ein­ge­wirkt hat109. Die ver­ant­wort­li­che Stel­le könn­te dem Ver­bot dadurch aus-

  1. 107  Kam­lah in: Plath, DSGVO/BDSG/TTDSG, 4. Auf­la­ge 2023, Art. 22 DSGVO, Rn. 1; Tae­ger in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG — TT- DSG, 4. Aufl. 2022, Art. 22 DSGVO, Rn. 25.
  2. 108  Tae­ger in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG — TTDSG, 4. Aufl. 2022, Art. 22 DSGVO, Rn. 40.
  3. 109  Hoeren/Niehoff, RW 1/2018, S. 47, 53; Atz­ert in: Schwartmann/ Jaspers/Thüsing/Kugelmann, DS-GVO/BDSG, Arti­kel 22 DSGVO, Rn. 75
  4. 110  Atz­ert in: Schwartmann/Jaspers/Thüsing/Kugelmann, DS-GVO/ BDSG, Arti­kel 22 DSGVO, Rn. 75.
  5. 111  Hoeren/Niehoff, RW 1/2018, S. 47, 53.
  6. 112  Buschbacher/Weber/Burchardt, in: DFKI/Bitkom e.V. (Hrsg.):Künstliche Intel­li­genz — Wirt­schaft­li­che Bedeu­tung, gesell­schaft- liche Her­aus­for­de­run­gen, mensch­li­che Ver­ant­wor­tung (2022),
    S. 89 Quel­le: https://www.dfki.de/fileadmin/user_upload/ import/9744_171012-KI-Gipfelpapier-online.pdf (zuletzt abgerufen

wei­chen, dass ver­fah­rens­tech­nisch aus­nahms­los eine mensch­li­che Letzt­ent­schei­dung vor­ge­se­hen wird, wobei es kei­ne blo­ße „pro for­ma“- Mitwirkung110 sein darf: Die mensch­li­che Ein­wir­kung auf den Ent­schei­dungs­pro­zess muss sich inhalt­lich mit der Ent­schei­dung aus­ein­an­der- set­zen und über die blo­ße Zustim­mung hinausgehen111.

Dabei hät­te es kaum Bedeu­tung, wenn die Beru- fungs­kom­mis­si­on sich wei­ter­hin zur Vor­be­rei­tung eines Beru­fungs­vor­schlags mit den von der Bewer­tungs­platt- form vor­ge­schla­ge­nen Bewerber*innen aus­ein­an­der­setzt und die­se etwa zur Anhö­rung oder zum Vor­stel­lungs­ge- spräch ein­lädt sowie exter­ne und ggf. ver­glei­chen­de Gut- ach­ten ein­holt, bevor sie final über eine Beru­fungs­emp- feh­lung beschließt. Auch die Bera­tung und Abstim­mung des Fakul­täts­ra­tes über eine Beru­fungs­vor­schlag, Prü- fung des Beru­fungs­vor­schlags durch die Hoch­schul­lei- tung bzw. das staat­li­che Minis­te­ri­um bei Ertei­lung des Rufes, und die kon­ti­nu­ier­li­che Über­wa­chung der Ernen- nungs­vor­aus­set­zun­gen noch wäh­rend der Beru­fungs- ver­hand­lun­gen bis zur Ernen­nung oder Ver­trags­un­ter- zeich­nung mit der*dem aus­ge­wähl­ten Bewerber*in wür- den nicht sicher­stel­len, dass eine inhalt­li­che mensch­li- che Ein­wir­kung auf die Ent­schei­dung über die Bewer­bun­gen in jedem Fall gewähr­leis­tet ist. Das liegt zum einen dar­an, dass bei Ent­schei­dungs­pro­zes­sen Ent- schei­dungs­vor­schlä­ge, die für sich eine ratio­na­le Vor­be- rei­tung und Begrün­dung bean­spru­chen (auch wenn sie wie bei der KI auf sta­tis­ti­schen Kor­re­la­tio­nen beru­hen), zur Ver­ant­wor­tungs­ver­la­ge­rung weg von der mensch­li- chen inhalt­li­chen Ein­wir­kung und Aus­ein­an­der­set­zung hin zur „Plau­si­bi­li­täts­prü­fung“ oder gar zum blo­ßen „Abni­cken“ einladen112. Des­halb erfor­dert die Ver­la­ge- rung des kogni­ti­ven Anteils an Ent­schei­dungs­pro­zes­sen in die KI eine bewuss­te Aus­ge­stal­tung, Auf­merk­sam­keit und Sicher­stel­lung mensch­li­cher Einwirkung.113 Zum an- deren – und das ist schon ein aktu­el­ler Miss­stand – feh- len in den Beru­fungs­ver­fah­ren oft Doku­men­ta­tio­nen für

am: 03.12.2023). Sie­he zu Vor­be­hal­ten in Unter­neh­men, die KI- Tools zur Per­so­nal­aus­wahl ein­set­zen, ins­be­son­de­re zur Abnah­me der Zufrie­den­heit mit dem Aus­wahl­pro­zess Thalmann/Felix, Künst­li­che Intel­li­genz in der Per­so­nal­aus­wahl, 2021, S. 13 ff. Quel­le: s.o. Fuß­no­te 2 (zuletzt abge­ru­fen am: 03.12.2023); sie­he auch zur Wir­kung von KI-Tools zur Redu­zie­rung von Dis­kri­mi­nie­rung: Fleck/Rounding/Özgül, Künst­li­che Intel­li­genz in der Per­so­nalaus- wahl, 2022, S. 3 Quel­le: https://www.denkfabrik-bmas.de/filead- min/­Down­load­s/­Pu­bli­ka­tio­nen­/­Kuenst­li­che-Intel­li­genz-in-der- Personalauswahl.pdf (zuletzt abge­ru­fen am 03.12.2023); Müth­lein in: Zilkens/Gollan, Daten­schutz in der Kom­mu­nal­ver­wal­tung, Kapi­tel 8 Beschäf­tig­ten­da­ten­schutz, Rn. 999.

113 Buschbacher/Weber/Burchardt, in: DFKI/Bitkom e.V. (Hrsg.): Künst­li­che Intel­li­genz — Wirt­schaft­li­che Bedeu­tung, gesell­schaft­li- che Her­aus­for­de­run­gen, mensch­li­che Ver­ant­wor­tung 2022, S. 86.

42 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44

Ent­schei­dun­gen betref­fend die Bewer­bun­gen unter­le­ge- ner, nicht aus­ge­wähl­ter Bewerber*innen114. In vie­len Hoch­schu­len ist es zudem Usus, dass ledig­lich die Beru- fungs­emp­feh­lun­gen der Beru­fungs­kom­mis­si­on und die Bewer­bungs­un­ter­la­gen der Lis­ten­plat­zier­ten den ande- ren Hoch­schul­gre­mi­en zuge­lei­tet wer­den. Damit wird nicht nur die o.g. Anfor­de­rung einer voll­stän­di­gen Be- schei­dung aller Bewer­bun­gen und Begrün­dung der Aus- wahl­ent­schei­dung hin­sicht­lich der nicht vor­ge­schla­ge- nen Per­so­nen ver­fehlt. Ande­ren Hoch­schul­gre­mi­en, un- ter­le­ge­nen Bewerber*innen und den Gerich­ten bleibt eine Bestä­ti­gung bzw. Kon­trol­le der Aus­wahl­entsch­ei- dung ver­wehrt, wenn sich die Doku­men­ta­ti­on ein­sei­tig auf die Erkennt­nis­se beschränkt, die über die aus­ge­wähl- ten Bewerber*innen gewon­nen wor­den sind, ohne den Eig­nungs- und Leis­tungs­ver­gleich zu den nicht aus­ge- wähl­ten Bewerber*innen nach­voll­zieh­bar zu machen115. Unter Fort­schrei­bung der heu­ti­gen Ent­schei­dungs- und Begrün­dungs­ge­pflo­gen­hei­ten bestün­de die Gefahr, dass Bewerber*innen von der durch aus­schließ­lich auto­ma­ti- sier­te Bewer­tun­gen vor­be­rei­te­ten Ent­schei­dung der Be- rufungs­kom­mis­si­on, ande­re Kandidat*innen näher zu betrach­ten, (nega­tiv) betrof­fen wer­den, ohne dass die ab- wei­sen­de Aus­sa­ge von der mensch­li­chen inhalt­li­chen Ein­wir­kung auf den Ent­schei­dungs­pro­zess umfasst wäre. Gleich­wohl erfah­ren die betrof­fe­nen Bewerber*innen auch bei der im Eva­li­tech-Pro­jekt skiz­zier­ten Bewer- tungs­platt­form nicht, ob über­haupt – und, wenn ja, wann — eine mensch­li­che Ein­wir­kung auf den Entsch­ei- dungs­pro­zess über ihre Bewer­bung statt­fand, ob die zu- grun­de geleg­ten wis­sen­schaft­li­chen und beruf­li­chen Leis­tun­gen zutref­fend erfasst waren und ob die Bewer- tun­gen dis­kri­mi­nie­rungs­frei und nach ein­heit­li­chen Maß­stä­ben zuge­wie­sen wor­den sind – dafür müss­ten sie Ein­blick in die Algo­rith­men, jeden­falls die Bewer­tungs- ergeb­nis­se und zugrun­de geleg­ten per­so­nen­be­zo­ge­nen Merk­ma­le haben.

Durch eine Ein­wil­li­gung des Betrof­fe­nen (sofern er die Ver­ar­bei­tung zum Zwe­cke der Ent­schei­dung kennt) kann jeden­falls gem. Art. 22 Abs. 2 Buchst. c) DSGVO wie­der­um eine Aus­nah­me vom Ver­bot eröff­net wer­den. Für den Ein­satz die­ser Funk­tio­nen bei der Beset­zung von Pro­fes­su­ren ist jedoch vor allem die Aus­nah­me in Art. 22 Abs. 2 Buchst. b DSGVO inter­es­sant, wonach die Mit­glied­staa­ten durch Rechts­vor­schrif­ten automatisierte

  1. 114  Vgl. zu den Anfor­de­run­gen: VGH Mün­chen, B. v. 6.2.1998 – 7 CE 97.3209, juris, Rn. 30; Neukirchen/Emmrich ua., a.a.O., S. 58.
  2. 115  OVG Ber­lin-Bran­den­burg, B. v. 1.3.2016 – 4 N 59.14, juris, Rn. 14.
  3. 116  Tae­ger in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG — TTDSG, 4. Aufl. 2022,Art. 22 DSGVO, Rn. 55.
  4. 117  Pautsch in: Pautsch/Hoffmann, VwVfG, 2. Auf­la­ge 2021, § 35a, Rn.9; ein­schr. U./Stelkens, in: Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, 10. Aufl.

Ent­schei­dun­gen erlau­ben dür­fen, neben den Geset­zen im for­mel­len Sinn (Par­la­ments­ge­set­ze des Bun­des oder der Län­der) sind mit die­sem Begriff auch Sat­zun­gen ein- geschlossen116. Aller­dings hat der Bund mit § 35a VwVfG den Erlass eines Ver­wal­tungs­akts durch voll­stän­dig au- toma­ti­sche Ein­rich­tun­gen nur zuge­las­sen, wenn dies durch Gesetz, Ver­ord­nung oder Sat­zung vor­ge­se­hen ist und weder ein Beur­tei­lungs­spiel­raum (auf der Sach­ver- halts­ebe­ne) noch ein Ermes­sen (auf der Rechts­fol­gen­s­ei- te) besteht117. Dem­nach schei­det sowohl die (aus­schließ- lich auto­ma­ti­sier­te) Fest­stel­lung als auch die Bewer­tung von Leis­tun­gen für die Beset­zung einer Pro­fes­sur aus dem Anwen­dungs­be­reich der deut­schen Öff­nungs­klau- sel aus, weil in bei­den Berei­chen umfang­rei­che und ver- fas­sungs­recht­lich geschütz­te Bewer­tungs­spiel­räu­me der Beru­fungs­kom­mis­si­on bzw. der Hoch­schu­le bestehen. Aus­drück­lich ver­bie­tet schließ­lich § 114 Abs. 4 BBG, be- amten­recht­li­che Ent­schei­dun­gen aus­schließ­lich auf eine auto­ma­ti­sier­te Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten zu stüt­zen, die der Bewer­tung ein­zel­ner Per­sön­lich­keits- merk­ma­le dient. Auch bei einer elek­tro­ni­schen Per­so- nal­ak­ten­füh­rung müs­sen des­halb Ent­schei­dun­gen – auch zu Stellenbesetzungen118 –, die auf umfas­sen­den in- divi­du­el­len Wür­di­gun­gen der aus Per­so­nal­ak­ten resul- tie­ren­den Ergeb­nis­sen beru­hen, durch natür­li­che Per­so­nen getrof­fen werden119 und dür­fen nicht durch au- toma­ti­siert erstell­te Daten­bank­aus­wer­tun­gen ersetzt werden120.

4. Zweck­än­de­rung bei außer­wett­be­werb­li­cher Daten- nutzung

Zuletzt bedarf der im Eva­li­tech-Pro­jekt beschrie­be­ne Vor­gang beson­de­rer Auf­merk­sam­keit, dass die Leis- tungs­be­wer­tung der Bewer­tungs­platt­form­voll­zo­gen wird „auf Basis aller Kan­di­da­ten, die sich im Eva­li­tech Metrik-Pool befan­den“. Die kon­ti­nu­ier­li­che Ver­ar­bei- tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten ohne ein bestehen­des Beschäf­ti­gungs- und Bewer­bungs­ver­hält­nis wäre ohne aus­drück­li­che Ein­wil­li­gung der Betrof­fe­nen schon unzu- läs­sig. Eine Rechts­vor­schrift zur Ein­rich­tung einer per- manen­ten Ver­gleichs­platt­form oder eine sons­ti­ge Rechts­grund­la­ge für eine sol­che Dau­er­be­wer­tung gibt es nicht. Weil bis­her kei­ne Kor­rek­tur- und Ergän­zungs­vor- behal­te zuguns­ten der ein­be­zo­ge­nen Wissenschaftler*innen vor­ge­se­hen sind, dürf­ten auch

2022, § 35a Rn. 41.
118 Schwarz, in: Beck­OK Beam­tenR Bund, 30. Ed. 15.7.2023, BBG § 114

Rn. 6.1.
119 Zum Vor­ste­hen­den: Tae­ger in: Taeger/Gabel, DSGVO — BDSG -

TTDSG, 4. Aufl. 2022, Art. 22 DSGVO, Rn. 57 ff.
120 Vgl. Gesetz­ent­wurf der BReg, BT-Drucks. 16/7076, S. 127 d. Begr.

Herr­mann · Beru­fungs­ver­fah­ren für Pro­fes­su­ren und künst­li­che Intel­li­genz 4 3

die Ver­gleichs­er­geb­nis­se der Bewer­tungs­platt­form unplau­si­bel sein. Dass dabei die Vor­aus­set­zun­gen für eine zuläs­si­ge Zweck­än­de­rung gewahrt sein könn­ten (Art. 6 Abs. 4 DSGVO), erscheint unwahr­schein­lich. Wel­che Schutz­maß­nah­men (teil­wei­se Löschun­gen, Ano- nymi­sie­rung etc.) vor­ge­se­hen oder vor­zu­se­hen wären, wur­de im Eva­li­tech-Pro­jekt nicht untersucht.

VI. Fazit

Das Eva­li­tech-Pro­jekt steht stell­ver­tre­tend für aktu­el­le Über­le­gun­gen, die Per­so­nal­aus­wahl bei der Beset­zung von Pro­fes­su­ren durch Instru­men­te künst­li­cher Intel­li- genz zu unter­stüt­zen. Eva­li­tech weist dabei die Beson- der­heit auf, dass für Pro­fes­su­ren mit Bezug zur Digi­ta­li- sie­rung und Indus­trie 4.0 eine beson­de­re Indi­ka­to­rik ent­wor­fen und emp­foh­len wird. Die­ser spe­zi­fi­sche und inno­va­ti­ve Kri­te­ri­en­ka­ta­log, der zur Ein­stel­lung „bes­se- rer“ Per­so­nen für die­se Pro­fes­su­ren füh­ren soll, steht in einem Span­nungs­ver­hält­nis zu den gesetz­li­chen Einstel- lungs­vor­aus­set­zun­gen und sons­ti­gen, im Anfor­de­rungs- pro­fil fest­ge­hal­te­nen kon­sti­tu­ti­ven Anfor­de­rungs­merk- malen. Unter Bezug­nah­me auf den Gleich­be­hand­lungs- grund­satz und den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch kön­nen Bewerber*innen ver­lan­gen, dass die Hoch­schu- le nur Bewer­bun­gen von Per­so­nen berück­sich­tigt, die die­se Kri­te­ri­en auch erfül­len. Dazu muss die Eva­li­tech- Indi­ka­to­rik nach­ge­bes­sert werden.

Der Ein­satz künst­li­cher Intel­li­genz berührt bei den Beru­fungs­ver­fah­ren zur Beset­zung von Pro­fes­su­ren die inhalt­li­che Mit­wir­kung von Professor*innen. Die Durch- set­zungs­fä­hig­keit der Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den in Beru­fungs­kom­mis­si­on steht unter einem beson­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz. Zugleich sichert und er- for­dert die Mit­wir­kung der Hoch­schul­leh­ren­den die not­wen­di­ge fach­kun­di­ge Beset­zung der Beru­fungs­kom- mis­si­on. Die inhalt­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis der Be- rufungs­kom­mis­si­on über die fach­li­che Eig­nung der Be- wer­ben­den wird wie­der­um ver­fas­sungs­recht­lich gegen die Ein­wir­kung von Lei­tungs- und staat­li­chen Instan­zen geschützt. Damit kor­re­spon­diert eine inhalt­li­che Mit- wir­kungs­ver­ant­wor­tung der Mit­glie­der der Beru­fungs- kom­mis­si­on, die ihnen auch als dritt­schüt­zen­de Amts- pflicht obliegt. Zum Schutz der Grund­rech­te der Bewer- ben­den haben die Hoch­schu­len dabei eine Doku­men­ta- tion der Ver­fah­rens­schrit­te und Aus­wahler­wä­gun­gen sicher­zu­stel­len, die alle am Beru­fungs­ver­fah­ren betei­lig- ten Hoch­schul­or­ga­ne, die Bewer­ben­den und schließ­lich auch zur Kon­trol­le ein­ge­schal­te­te Gerich­te in die Lage ver­set­zen muss, die Recht­mä­ßig­keit des Ver­fah­rens zu prü­fen sowie die Leis­tungs- und Eignungsbewertungen

veri­fi­zier­bar zu machen. Die inhalt­li­che Leis­tungs- und Eig­nungs­be­wer­tung kann dem­nach nicht aus der Beru- fungs­kom­mis­si­on auf eine Bewer­tungs­platt­form aus­ge- lagert wer­den; das gilt für die Lis­ten­plat­zier­ten und alle ande­ren Bewerbenden.

Der Beru­fungs­kom­mis­si­on steht für die Zusam­men- stel­lung der zu ver­glei­chen­den wis­sen­schaft­li­chen und beruf­li­chen Leis­tun­gen der Bewerber*innen ein Beur­tei- lungs­spiel­raum zu. Wenn sie die­se Leis­tun­gen einer Be- wer­tung unter­zieht, kommt ihr hin­sicht­lich der Abstu- fun­gen im Eig­nungs­ur­teil aber­mals ein wei­tes Ermes­sen zu. Dabei hat die Beru­fungs­kom­mis­si­on zwar auch ex- ter­ne Leis­tungs­be­wer­tun­gen zu berück­sich­ti­gen, wie es z.B. für exter­ne (ver­glei­chen­de) Gut­ach­ten oft vor­ge- schrie­ben wird. Dabei unter­liegt sie aber kei­nen Bin­dun- gen. Für den Ver­gleich der hete­ro­ge­nen Leis­tun­gen von Wissenschaftler*innen sind arith­me­ti­sche Ver­gleichs­be- trach­tun­gen und Punk­te­sys­te­me kei­ne Lösung. Wie Be- wer­tungs­vor­schlä­ge von KI-Tools im Beru­fungs­ver­fah- ren unter die­sen Rah­men­be­din­gun­gen berück­sich­tigt wer­den kön­nen, wur­de auch im Eva­li­tech-Pro­jekt nicht untersucht.

Letzt­lich bestehen gegen die Anwen­dung auto­ma­ti- sier­ter Daten­ver­ar­bei­tung zu Bewer­tung per­sön­li­cher Leis­tungs­merk­ma­le viel­fäl­ti­ge und tief­grei­fen­de daten- schutz­recht­li­che Beden­ken. Ob die im Eva­li­tech-Pro­jekt vor­ge­schla­ge­nen Bewer­tungs­platt­form aus­schließ­lich auf frei­wil­li­gen Anga­ben rea­li­siert wer­den kann, wur­de nicht unter­sucht, son­dern dahin­ge­hend beant­wor­tet, dass auto­ma­ti­sier­te Zuord­nun­gen wei­te­rer Merk­ma­le (kon­ti­nu­ier­li­ches „track­ing“ bei wis­sen­schaft­li­chen Ver- öffent­li­chun­gen und ande­ren beruf­li­chen Leis­tun­gen, Ver­knüp­fung von Per­so­nen mit „unbe­kann­ten The­men“ und Bezie­hungs­merk­ma­len zu ande­ren Wis­sen­schaft- ler*innen) ohne Kennt­nis und Kor­rek­tur­mög­lich­keit der Betrof­fe­nen vor­ge­se­hen sind. Da bis­her kei­ne Rechts­vor- schrift die auto­ma­ti­sier­te Daten­ver­ar­bei­tung im Be- schäf­ti­gungs­kon­text zulässt, muss für die Eva­li­tech-Be- wer­tungs­platt­form und ande­re KI-Instru­men­te erst noch geklärt wer­den, wie die ver­fas­sungs­recht­lich gefor- der­te inhalt­li­che Ent­schei­dung der Beru­fungs­kom­mis­si- on und ihrer Mit­glie­der geschützt und unter­stützt wird.

Klaus Herr­mann ist Fach­an­walt für Ver­wal­tungs­recht und Part­ner der Dom­bert Rechts­an­wäl­te PartmbB Pots­dam sowie Hono­rar­pro­fes­sor für Ver­wal­tungs- recht und Wirt­schafts­ver­wal­tungs­recht an der Bran- den­bur­gi­schen Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (BTU) Cott­bus- Senf­ten­berg und Lehr­be­auf­trag­ter der M.-Luther-Uni- ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg sowie der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Berlin.

44 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2024), 25–44