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Ehe­mals im Mit­tel­al­ter war wis­sen­schaft­li­che und aka-

demi­sche Mit­tei­lung ein und das­sel­be. In neue­ren Zei-

ten, beson­ders seit Erfin­dung der Buch­dru­cker­kunst, hat

sich dies sehr geän­dert. Denn seit­dem man nun fast alles,

was man auf Uni­ver­si­tä­ten hören, auch in Büchern lesen

kann, haben die Uni­ver­si­tä­ten sehr von ihrer sonstigen

Ach­tung ver­lo­ren, eben­so die Spruch­kol­le­gi­en [zur pro-

fes­so­ra­len Rich­ter­tä­tig­keit nach Akten­la­ge], indem sie

nun nicht mehr das Mono­pol der wissenschaftlichen

Mit­tei­lung haben.

Man hat daher behaup­tet, Uni­ver­si­tä­ten wären jetzt

sehr ent­behr­lich, allein man kann gera­de umge­kehrt sa-

gen, daß sie nach dem Ver­lust jenes Mono­pols erst ein

eige­nes Gebiet gewon­nen haben. Soll der Zweck eines

gelehr­ten Stu­di­ums erreicht wer­den, so muß am Ende

des­sel­ben für den Stu­die­ren­den dadurch eine selbständi-

ge Ansicht der Wis­sen­schaft gebil­det sein, so daß er sich

nach­her frei dar­in bewe­gen kann. […]

Bei jedem Men­schen fin­det sich ein Prin­zip geistiger

Träg­heit, in gewis­sem Grad, so daß er nur das treibt, was

ihm zunächst dar­ge­bo­ten wird; — wenn also jemand

bloß aus Büchern ohne allen Vor­trag eine Wissenschaft

erlernt, selbst dabei stu­diert, so wird er meis­ten­teils doch

immer nur an das zufäl­lig Vor­kom­men­de sich halten,

frem­de Mei­nun­gen in sich auf­neh­men, sich fast völlig

pas­siv dabei ver­hal­ten, kei­ne freie Ansicht von der Wis-

sen­schaft erlan­gen. [… Die­ser] Man­gel der planmäßigen

Übun­gen der eige­nen Tätig­keit, wird durch mündlichen

Unter­richt gehoben […]

Die Ansicht der Uni­ver­si­tä­ten ist gera­de verkannt

[…], wonach der Zweck der­sel­ben ist, die notdürftigsten

Kennt­nis­se so kurz und leicht als mög­lich zu erlernen.

Die­ser Zweck läßt sich weit leich­ter durch Bücher errei-

chen. Der wah­re Zweck der Uni­ver­si­tä­ten ist vielmehr,

uns ins wis­sen­schaft­li­che Stu­di­um über­haupt so einzu-

füh­ren, daß uns kein Teil in dem­sel­ben fremd bleibt oder

wir wenigs­tens instand gesetzt wer­den, das Feh­len­de auf

die leich­tes­te und gründ­lichs­te Art zu erlernen.

Dies nun auf das aka­de­mi­sche Stu­di­um der Jurisprudenz

ange­wen­det, müß­te der Zweck des aka­de­mi­schen Studi-

ums sein, auf alles das hin­zu­füh­ren, was über­haupt zur

Juris­pru­denz gehört. In Anse­hung des abso­lu­ten Studi-

ums ist es also nötig, daß uns in Exege­se, Geschichte

und Sys­tem nichts fremd blei­be, d. h., daß der Studieren-

de das ent­we­der selbst weiß oder wenigs­tens finden

kann, wo das Wei­te­re zu erler­nen ist.

[…] Hier­zu wird aber kei­nes­wegs Voll­stän­dig­keit des

Mate­ri­als, son­dern nur des­sen erfor­dert, was zur weite-

ren Bear­bei­tung aller Gegen­stän­de hin­reicht […], wenn

man bedenkt, wie­viel durch Spar­sam­keit und Vermei-

dung alles Unnö­ti­gen gewon­nen wer­den kann für die

Zeit und Emp­fäng­lich­keit des Zuhö­rers. Ein kürzerer

Vor­trag kann daher oft mehr rea­le Kenntnisse

ent­hal­ten.

[…] Es kommt also dar­auf an, alles Vorgetragene

nicht gera­de­zu zu glau­ben, son­dern zu prüfen.

[…] was vor dem Vor­trag gesche­hen soll: Vorberei-

tung. Hier ist, wie über­all, Quel­len­stu­di­um das beste

Hilfs­mit­tel. Es scheint der Weg der bes­te: die Beweis-

stel­len nach­zu­schla­gen und mit den zu bewei­sen­den Sät-

zen zu ver­glei­chen, allein dies wäre nur eben möglich,

wenn im Zitie­ren selbst Plan und Voll­stän­dig­keit wäre,

es dürf­te dar­in nichts Unnö­ti­ges ent­hal­ten, nichts We-

sent­li­ches ver­ges­sen sein. Dies ist aber sel­ten der Fall

und fin­det sich in kei­nem Buche oder Lehr­vor­tra­ge. Man

übe sich daher viel­mehr, die Quel­len schnell durchlesen

zu kön­nen, ohne dabei etwas Wich­ti­ges zu übersehen.

Dies notie­re man sich dann. So wird es leicht möglich

sein, zu einer Ansicht über die Metho­de des Dozen­ten zu

kom­men und so das Bes­te aus sei­nem Vortrag

her­aus­zu­neh­men.

Fried­rich Carl von Savigny

Metho­dik des aka­de­mi­schen Stu­di­ums zum Behufe

des Juristischen1

1 Drit­ter (und letz­ter) Teil einer dop­pel­stün­di­gen Vor­le­sung zur „öf-

fent­li­chen Anlei­tung zum eige­nen Stu­di­um der Juris­pru­denz“ über

13 Wochen vom 7. Novem­ber 1802 bis 1. März 1803. Erhalten

nur dank hand­schrift­li­cher Rekon­struk­ti­on aus Vorlesungsnotizen

des spä­ter berühm­ten Phi­lo­lo­gen und Mär­chen­samm­lers Jacob

Lud­wig Karl Grimm. Sein Manu­skript wur­de erst 1933 durch

Her­mann Kan­to­ro­wicz wie­der­ent­deckt, 1951 durch Ger­hard We-

sen­berg unter Autoren­schaft Savi­gnys und dem Titel „Juris­ti­sche

Metho­den­leh­re“ her­aus­ge­ge­ben (dar­in Drit­ter Teil S. 69–73) und

2024 durch Han­jo Hamann erst­mals digi­tal erschlos­sen (www.

doi.org/10.5281/zenodo.10649078) sowie für den vorliegenden

Abdruck exzer­piert und mit­tels [Ein­fü­gun­gen in ecki­gen Klam-

mern] redi­giert.

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2024, ISSN 2197–9197O R D N U N G D E R W I S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 4 ) , 2 3 3 — 2 3 4

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Fried­rich Carl von Savi­gny (1779–1861) galt noch Jahr-

zehn­te spä­ter als „größ­ter Rechts­leh­rer unse­res Jahr-

hun­derts“ (so ein Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter 1896 bei

Bera­tung des BGB). In Wetz­lar als ein­zig überlebendes

von 13 Kin­dern und seit sei­nem 14. Lebens­jahr als Wai-

se auf­ge­wach­sen, wur­de er nach dem Stu­di­um der

Rech­te in Mar­burg 1800 pro­mo­viert und 1803 habili-

tiert. Zunächst nach Lands­hut beru­fen (1808/09), holte

ihn Wil­helm von Hum­boldt 1810 an die neugegründe-

te Ber­li­ner Uni­ver­si­tät. Dort wur­de Savi­gny im Kodifi-

kat­ions­streit mit Thibaut (1814) berühmt und lehrte

jahr­zehn­te­lang, bevor er 1842–48 als könig­li­cher Groß-

kanz­ler die preu­ßi­sche Gesetz­ge­bung ganz praktisch

mit­ge­stal­te­te und par­al­lel sein acht­bän­di­ges Haupt-

werk ver­öf­fent­lich­te: Das „Sys­tem des heu­ti­gen römi-

schen Rechts“.