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Ein­ge­weih­te wis­sen, wie schwie­rig es ist, ange­sichts der föde­ra­lis­ti­schen Struk­tu­ren in Deutsch­land und damit der Ver­ant­wort­lich­keit von 16 Bun­des­län­dern für das Hoch­schul­we­sen – der Bund mit sei­nen Zustän­dig­kei­ten zuvor­derst für die Bun­des­wehr­hoch­schu­len ein­mal aus- geklam­mert – sei­ne wesent­li­chen Ele­men­te eini­ger­ma- ßen ver­läss­lich her­aus­zu­ar­bei­ten und zu bewer­ten. Meist bleibt es zwangs­läu­fig eher bei der Behand­lung von Ein- zel­the­men wie etwa der Exzel­lenz­in­itia­ti­ve, der (Gemein- schafts-)Finanzierung von Hoch­schu­len, des wis­sen- schaft­li­chen Nach­wuch­ses, des Pro­mo­ti­ons­we­sens oder des wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens; dass die­se ledig- lich bei­spiel­haft dar­ge­leg­ten The­men natür­lich um zahl- rei­che wei­te­re wis­sen­schafts­po­li­ti­sche Vor­ha­ben und Aspek­te der jün­ge­ren und wei­te­ren Ver­gan­gen­heit ange- rei­chert wer­den kön­nen, bedarf kei­ner wei­te­ren Erwäh- nung. Soweit sie dis­ku­tiert wer­den, weist ihre Behand- lung aber meist den Man­gel auf, dass sie nicht in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang gestellt wer­den und der Fra­ge nach­ge­gan­gen wird, wie sie sich auch unter Berück­sich- tigung frü­he­rer Pro­jek­te und Initia­ti­ven gesamt­wis­sen- schafts­po­li­tisch ein­ord­nen und bewer­ten lassen.
In die­se Lücke stößt das 2018 im Ver­lag Duncker und Hum­blot erschie­ne­ne Buch von Geor­ge Tur­ner mit dem Titel „Hoch­schul­re­for­men – Eine unend­li­che Geschich- te seit den 1950er Jah­ren“. Der Wer­de­gang des Ver­fas­sers ver­rät nach­drück­lich, dass kaum ein ande­rer in der Lage wäre, so pro­fund und aus unter­schied­li­chen beruf­li­chen Erkennt­nis­la­gen und Erfah­run­gen her­aus dar­zu­stel­len, wie wech­sel­haft Hoch­schul­po­li­tik in den letz­ten sechs Jahr­zehn­ten gewe­sen ist und sich bis heu­te dar­stellt oder – mit den Wor­ten des Ver­fas­sers des Buches gesagt –, dass „es an einem Haupt­nen­ner in der Hoch­schul­po­li­tik fehlt“.
Geor­ge Tur­ner wur­de 1935 in Ost­preu­ßen gebo­ren. Er stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Göt- tin­gen, wo er auch pro­mo­vier­te. Von 1963 bis 1970 war er an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Claus­thal tätig, an der er nach sei­ner Habi­li­ta­ti­on im Jahr 1966 zu einem berg- recht­li­chen The­ma 1968 zum Wis­sen­schaft­li­chen Rat und Pro­fes­sor ernannt wur­de. Von 1970 bis 1986 war Tur­ner Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät Hohen­heim und nahm
wäh­rend die­ser Zeit von 1979 bis 1983 über zwei Wahl­pe- rioden hin­weg das Amt des Prä­si­den­ten der West­deut- schen Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz wahr. 1986 wech­sel- te er nach Ber­lin, wo er von 1986 bis 1989 par­tei­lo­ser Se- nator für Wis­sen­schaft und For­schung in dem von dem Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter Eber­hard Diep­gen geführ- ten Senat war. Bis 2000 war er sodann ordent­li­cher Pro- fes­sor für Wirt­schafts- und Agrar­recht an der Uni­ver­si- tät Hohen­heim und zugleich Gast­pro­fes­sor an der Hum- boldt-Uni­ver­si­tät in Berlin.
Tur­ner hat sich seit je her in Ver­öf­fent­li­chun­gen, die einen außer­or­dent­lich statt­li­chen Umfang ein­neh­men, mit nahe­zu allen wis­sen­schafts­po­li­ti­schen The­men, die seit Anfang der 70er Jah­re eine Rol­le spie­len, befasst. Noch heu­te setzt er sich eben­so kri­tisch wie streit­bar mit aktu­el­len wis­sen­schafts­po­li­tisch rele­van­ten Ereig­nis­sen und The­men­krei­sen alle 14 Tage in einer Kolum­ne im TAGESSPIEGEL auseinander.
Mit dem jet­zi­gen Buch, das er auch mit Blick auf sei- ne über Jahr­zehn­te hin­weg grei­fen­den Publi­ka­tio­nen als eine Art „per­sön­li­cher Rechen­schafts­le­gung“ begrei­fen will, knüpft Tur­ner an sein 2001 eben­falls im Ver­lag Duncker und Hum­blot erschie­ne­nes Buch mit dem Titel „Hoch­schu­le zwi­schen Vor­stel­lung und Wirk­lich­keit. Zur Geschich­te der Hoch­schu­len im letz­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts“ an. Aller­dings geht das vor­lie­gen­de Werk – wor­auf der Ver­fas­ser in sei­nem Vor­wort aus- drück­lich hin­weist – über eine Über­ar­bei­tung, gleich- sam über eine 2. Auf­la­ge, inso­fern hin­aus, als sich nicht nur der Titel geän­dert hat und die Glie­de­rung ande­ren Kri­te­ri­en folgt. Viel­mehr ver­zich­tet der Autor – anders als im ers­ten Buch – nun­mehr für die Dar­stel­lung der Erschei­nun­gen des Hoch­schul­we­sens nach der Jahr­tau- send­wen­de über­wie­gend auf eine detail­lier­te Form und ver­sucht statt­des­sen, wesent­li­che Leit­li­ni­en und Ent- wick­lungs­al­ter­na­ti­ven in der Hoch­schul­po­li­tik auf­zu­zei- gen. Gleich­wohl fin­den sich auch im neu­en Buch natur- gemäß vie­le Pas­sa­gen des 1. Buches wie­der, so dass Tur- ner mit dem jet­zi­gen Werk von den 1950er Jah­ren an bis 2017, dem Zeit­punkt der Abga­be des Manu­skrip­tes, eine Gesamt­be­trach­tung der Hoch­schul­re­for­men und Ihrer Aus­wir­kun­gen vor­le­gen kann.
Ulf Pall­me König
Geor­ge Tur­ner, Hoch­schul­re­for­men — Eine unend­li- che Geschich­te seit den 1950er Jah­ren, Ver­lag Dun- cker und Hum­blot, Ber­lin, 2018,
ISBN 978- 3- 428–15424‑1, 79,90 Euro
Ord­nung der Wis­sen­schaft 2019, ISSN 2197–9197

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Vor die­sem Hin­ter­grund befasst sich das jet­zi­ge Buch mit der „Ent­wick­lung des Hoch­schul­we­sens“ (Teil A), mit „Reform­pro­jek­ten“ sowie „Gegen­stän­den der Hoch- schul­po­li­tik“ (Teil B) und – gewis­ser­ma­ßen als Resü­mee der vor­ge­leg­ten Unter­su­chun­gen – mit „Per­spek­ti­ven“ (Teil C). Ergänzt wird das Werk am Anfang durch ein Vor­wort und Inhalts­ver­zeich­nis und am Schluss durch ein Lite­ra­tur- und Quel­len­ver­zeich­nis sowie ein Per­so- nen- und Stich­wort­ver­zeich­nis. Die soeben unter dem Gesichts­punkt der Glie­de­rung auf­ge­führ­ten Tei­le sind vom Umfang her – inhalts­be­dingt – sehr unter­schied- lich. So umfas­sen von den ins­ge­samt 328 Text­sei­ten Teil A 20 Sei­ten, Teil B als Schwer­punkt des Wer­kes 303 Sei- ten und Teil C 5 Seiten.
In Teil A (S. 17–36) beschäf­tigt sich Tur­ner mit der Ent­wick­lung des Hoch­schul­we­sens in Deutsch­land. Auch wenn die­ser Teil vom Umfang her kurz gehal­ten ist, ver­mit­telt er für die den gesam­ten Bei­trag durch­zie- hen­de Bot­schaft – „Irrun­gen und Wir­run­gen in der Hoch­schul­po­li­tik“ – ent­schei­den­de Hin­wei­se dar­auf, dass sich dar­an über Jahr­zehn­te nichts Grund­le­gen­des geän­dert hat. Der Ver­fas­ser betrach­tet zunächst die Aus- gangs­la­ge nach dem Zwei­ten Welt­krieg, um sich dann den „gol­de­nen Fünf­zi­ger­jah­ren“ zu wid­men. Unter dem Stich­wort „Aus­bil­dungs­re­vo­lu­ti­on“, die ihren Ursprung bereits in den 50er Jah­ren hat­te, geht er ins­be­son­de­re der 68er-Bewe­gung und hier vor allem der Fra­ge nach, ob und in wel­cher Wei­se sie eine Reform der (Ordi­na­ri­en-) Uni­ver­si­tä­ten in Gang gesetzt hat. Am Ende die­ses Teils wid­met er sich Vor­ha­ben, die zunächst von einem Re- form­kon­sens der poli­ti­schen Par­tei­en getra­gen wur­den ( z.B. Imple­men­tie­rung eines Hoch­schul­bau- und Aus­bil- dungs­för­de­rungs­ge­set­zes, Ein­füh­rung des Hoch­schul- typs Fach­hoch­schu­len sowie Schaf­fung einer Bun­d/Län- der-Kom­mis­si­on für die Bil­dungs­pla­nung und For- schungs­för­de­rung), dann aber im Ver­lau­fe der 70er, An- fang der 80er Jah­re eher in den Bereich der Kon­fron­ta­ti­on gerie­ten, weil par­tei­po­li­ti­sche Pola­ri­sie­rung und Ideo­lo- gisie­rung der Bil­dungs­po­li­tik zunah­men mit der Fol­ge, dass Vor­ha­ben bei einem Regie­rungs­wech­sel wie­der auf- geho­ben und durch ande­re ersetzt wur­den – ein Zu- stand, der sich, betrach­tet man ins­be­son­de­re die Hoch- schul­ge­setz­ge­bung, bis heu­te erhal­ten hat. Ein­her­ge­hend mit der zuneh­men­den Pola­ri­sie­rung führ­te auch die Ver­schlech­te­rung der öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun- gen zu Ein­brü­chen der sei­ner­zei­ti­gen Reform­plä­ne, weil damit nicht nur eine nicht mehr so üppi­ge Bereit­stel­lung von Mit­teln für die Hoch­schu­len, son­dern viel­mehr auch Ein­spa­rungs­not­wen­dig­kei­ten ver­bun­den waren. Dar­an änder­te auch das Hoch­schul­rah­men­ge­setz 1976 nichts,
das – so Tur­ner – als kleins­ter gemein­sa­mer Nen­ner aller poli­ti­schen Kräf­te und als Zei­chen von Resi­gna­ti­on ge- gol­ten habe. Die bereits in die­ser Zeit ange­leg­te und in der Fol­ge­zeit zuneh­men­de Kon­se­quenz war, dass sich der Bund nach und nach – durch Bei­spie­le belegt (vgl. S. 36) — aus dem „Gehe­ge der Län­der­ho­heit“ für den Hoch- schul­be­reich im Wesent­li­chen zurückzog.
Teil B (S. 37–340) stellt den eigent­li­chen Kern des Bu- ches dar, indem sich der Autor detail­liert und akri­bisch mit maß­geb­li­chen Gegen­stän­den der Hoch­schul­po­li­tik bis hin zu ein­schlä­gi­gen, bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit hin­ein­rei­chen­den Reform­pro­jek­ten ein­schließ­lich ihrer jewei­li­gen Ent­wick­lungs­li­ni­en kri­tisch aus­ein­an­der­setzt. Soweit die­se im Rah­men der Gesetz­ge­bung zu regeln sind, gelangt er bereits am Anfang sei­ner Über­le­gun­gen zu dem Schluss, dass die den Län­dern ins­be­son­de­re nach Auf­ga­be des Hoch­schul­rah­men­ge­set­zes ein­ge­räum­ten Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zu einer Belie­big­keit und Un- über­sicht­lich­keit von Pro­jek­ten in der Hoch­schul­po­li­tik geführt haben (S. 36). Zudem – so der Ver­fas­ser – bes­te- he ein Man­ko bei Geset­zes­no­vel­lie­run­gen häu­fig dar­in, dass nur ein geson­der­tes Pro­blem gelöst wer­de, ohne dass Fol­gen und Neben­wir­kun­gen in ver­schie­de­nen Be- rei­chen bedacht würden.
Auf die­ser Grund­la­ge befasst er sich zunächst mit Pro­blem­krei­sen des „Aus­baus der Hoch­schu­len“ unter dem Gesichts­punkt der Chan­cen­gleich­heit und ‑gerech- tig­keit im Bil­dungs­we­sen sowie mit der Bewäl­ti­gung der Über­last im Rah­men der Öff­nung der Hoch­schu­len bis hin zu den auf der Basis des Art. 91b GG ver­ein­bar­ten Pak­ten (S. 38 — 51). Im Anschluss dar­an setzt er sich mit Fra­gen der „Neu­ord­nung“ aus­ein­an­der, wobei er sich ins­be­son­de­re der Grup­pen­uni­ver­si­tät und den Lei­tungs- struk­tu­ren inner­halb der Hoch­schu­le wid­met (S. 51–89). Einen brei­ten Raum nimmt das The­ma „Schu­le-Stu­di- um-Beruf“ in Anspruch, indem sich Ver­fas­ser ein­ge- hend und beson­ders kri­tisch mit den Refor­men in der Schul­po­li­tik und mit ihren Aus­wir­kun­gen mit Blick auf die Auf­nah­me eines Stu­di­ums, mit Hoch­schul­zu­gangs- vor­aus­set­zun­gen und Zulas­sungs­be­schrän­kun­gen, mit der Pro­ble­ma­tik der erst ein­ge­rich­te­ten und dann nach kur­zer Zeit wie­der abge­schaff­ten Stu­di­en­ge­büh­ren und der Aus­bil­dungs­för­de­rung sowie mit Fra­gen der Orga­ni- sati­on des Stu­di­ums und des Aka­de­mi­ker­be­darfs be- schäf­tigt (S. 89–212). Das Ver­hält­nis von Staat und Hoch- schu­len wird dann auf den Sei­ten 212–240 beleuch­tet. Hier spie­len viel­fäl­ti­ge Finan­zie­rungs­fra­gen sowie Prob- lem­krei­se der Hoch­schul­au­to­no­mie ein­schließ­lich der Fle­xi­bi­li­sie­rung der Haus­hal­te bis hin zu Glo­bal­haushal- ten eben­so eine Rol­le wie die Bestre­bun­gen der Länder,

Ulf Pall­me König Hoch­schul­re­for­men — Eine unend­li­che Geschich­te 2 5 7
trotz zwi­schen­zeit­li­cher gesetz­li­cher, wenn auch vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gestopp­ter Akti­vi­tä­ten des Bun­des (u.a. Abschaf­fung der Habi­li­ta­ti­on, ver­bind­li­che Ein­füh­rung der ver­fass­ten Stu­die­ren­den­schaft als Zwangs­kör­per­schaft) in unter­schied­li­cher Wei­se im Rah­men der ihnen im Zuge der Föde­ra­lis­mus­re­form zu- gewie­se­nen Kom­pe­ten­zen eigen­stän­di­ge Dere­gu­lie­run- gen vor­zu­neh­men, ohne dafür in aus­rei­chen­der Wei­se die erfor­der­li­chen Mit­tel zu haben, so dass sie wei­ter­hin auf eine Mit­fi­nan­zie­rung durch den Bund ange­wie­sen sind. Unter dem Stich­wort „Wett­be­werb“ wen­det sich Tur­ner sodann einer­seits bezo­gen auf den „inter­nen Wett­be­werb“ Fra­gen der Per­so­nal­struk­tur und der Nach- wuchs­för­de­rung, des Ver­gü­tungs-und Besol­dungs­sys- tems, der Mit­tel­ver­tei­lung und –ver­wen­dung und der Qua­li­tät der Leh­re und Qua­li­täts­si­che­rung zu (S. 240- 270). Dar­über hin­aus befasst er sich unter dem Gesichts- punkt der „Exter­nen Kon­kur­renz“ mit der Pro­ble­ma­tik der Ran­kings und mit der Exzel­lenz­in­itia­ti­ve sowie da- mit, ob und wel­che Bedeu­tung pri­va­te Hoch­schu­len bis- her im Bereich der Uni­ver­si­tä­ten erlangt haben (S. 270- 317). Zum Abschluss des 2. Teils betrach­tet Tur­ner schließ­lich Struk­tu­ren des ter­tiä­ren Berei­ches, indem er sich mit den unter­schied­li­chen Hoch­schul­ar­ten und mit Bestre­bun­gen im Rah­men der Struk­tur­re­for­men auch und gera­de mit Blick auf Stu­di­en­gän­ge und Fächer­struk- turen befasst (S. 317–340).
In dem das Buch abschlie­ßen­den Teil C (S. 341–345) zieht Ver­fas­ser ein über­wie­gend eher depri­mie­ren­des Fazit unter Berück­sich­ti­gung der detail­lier­ten Befas­sung der zuvor kri­tisch dis­ku­tier­ten The­men­krei­se. Danach, so Tur­ner, wer­de es nicht die Uni­ver­si­tät der Zukunft ge- ben, weil es kein ein­heit­li­ches Bild der Uni­ver­si­tät gebe und vor allem das Ergeb­nis der Exzel­lenz­in­itia­ti­ve dafür sor­ge, dass es zwi­schen den Uni­ver­si­tä­ten nicht nur Klas- sen­un­ter­schie­de geben wer­de, son­dern sich auch und ge- rade zwi­schen den Uni­ver­si­tä­ten, die im Exzel­lenz­wett- bewerb ohne jeg­li­che „Tro­phä­en“ geblie­ben sei­en, und den Fach­hoch­schu­len als Aus­bil­dungs­stät­ten kaum noch qua­li­ta­ti­ve Unter­schie­de geben wer­de. Dafür wer­de auch sor­gen, dass die Poli­tik nach und nach den Fach­hoch- schu­len das eigen­stän­di­ge Pro­mo­ti­ons­recht ein­räu­men wer­de. Dar­über hin­aus, so der Ver­fas­ser, wer­de der Hoch­schul­be­reich, der zu den weni­gen Rege­lungs­be­rei- chen gehö­re, die den Län­dern ver­blie­ben sei­en, nach wie vor für stän­di­ge, und man­gels eines Min­dest­ma­ßes an Über­ein­stim­mung der Akteu­re der ver­schie­de­nen poli­ti- schen Lager für unab­ge­stimm­te und unter­schied­li­che Refor­men anfäl­lig blei­ben. Dies gel­te vor allem nach Wah­len und dann, wenn eine „anders gefärb­te Regie-
rung als die Vor­gän­ge­rin ins Amt“ kom­me. Und schließ- lich erkennt Tur­ner nicht die Fähig­keit der Poli­tik, bei ei- nem Geset­zes­vor­ha­ben aus der Geschich­te zu ler­nen. Z.B. wür­de das Schei­tern frü­he­rer Vor­ha­ben nicht zur Kennt­nis genom­men, viel­mehr wür­den Feh­ler auch des- wegen wie­der­holt, weil es an aus­rei­chen­den Kennt­nis­sen der Mate­rie und his­to­ri­scher Gege­ben­hei­ten feh­le und zudem ver­ant­wort­li­che poli­ti­sche Posi­tio­nen im Wis­sen- schafts­be­reich häu­fig aus Grün­den des Pro­por­zes mit „fach­frem­den“ Per­so­nen besetzt wür­den, die mit der Wahr­neh­mung des Amtes über­for­dert seien.
Mit sei­nem Buch gelingt es Tur­ner, wesent­li­che Ge- gen­stän­de der Hoch­schul­po­li­tik der letz­ten fünf Jahr- zehn­te zu ana­ly­sie­ren, indem er sich kennt­nis­reich und nicht zuletzt gestützt auf eige­ne lang­jäh­ri­ge und viel­fäl­ti- ge Erfah­run­gen in unter­schied­li­chen ver­ant­wort­li­chen Funk­tio­nen als Rechts­wis­sen­schaft­ler, Wis­sen­schafts­ma- nager und Poli­ti­ker mit Reform­vor­ha­ben und Ent­wick- lun­gen im Hoch­schul­be­reich seit Mit­te der 60er Jah­re aus­ein­an­der­setzt. Die Ana­ly­se besticht ins­be­son­de­re da- durch, dass Hin­ter­grün­de und Ent­wick­lun­gen vor allem der unter Teil B bespro­che­nen The­men und Vor­ha­ben bis hin zu Per­so­nen, die sie zu ver­ant­wor­ten haben, bis ins Detail beleuch­tet wer­den, ohne dabei jeweils hoch- schul­po­li­ti­sche Gesamt­zu­sam­men­hän­ge zu ver­nach­läs- sigen. Zudem ist bemer­kens­wert und posi­tiv her­aus­zu- stel­len, dass Tur­ner bezo­gen auf zahl­rei­che Reform­vor- gän­ge nicht nur Kri­tik äußert, son­dern sie auch mit einer kla­ren Spra­che und Über­zeu­gungs­kraft begrün­det. So sei etwa auf sei­ne Äuße­run­gen zum sog. Hoch­schul­zu- kunfts­ge­setz in Nord­rhein-West­fa­len ver­wie­sen, mit dem unter der von der Minis­ter­prä­si­den­tin Kraft geführ- ten Lan­des­re­gie­rung Rege­lun­gen des unter der von Mi- nis­ter­prä­si­dent Rütt­gers geführ­ten Vor­gän­ger­re­gie­rung ver­ab­schie­de­ten und nicht nur von den Hoch­schu­len in Nord­rhein-West­fa­len als „gro­ßer Wurf “ ange­se­he­nen Hoch­schul­frei­heits­ge­set­zes wie­der rück­gän­gig gemacht wur­den (S. 125 f.). In die­sem Kon­text ste­hen auch sei­ne kri­ti­schen Fest­stel­lun­gen zur Ein­füh­rung eines eige­nen Sta­tus für Dok­to­ran­den durch den baden-würt­tem­ber­gi- schen Hoch­schul­ge­setz­ge­ber (S. 64) und zur Imple­men- tie­rung eines eigen­stän­di­gen Pro­mo­ti­ons­rech­tes für Fach­hoch­schu­len. Deut­li­che und nach­voll­zieh­ba­re Kri- tik fin­det sich z.B. auch an der aus­führ­lich behan­del­ten Ober­stu­fen­re­form mit ihren Fol­gen für ein spä­ter auf­zu- neh­men­des Stu­di­um (S. 89ff.), zum sog. „Öff­nungs­be- schluss“ der Minis­ter­prä­si­den­ten der Län­der im Jahr 1977 mit sei­nen nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Hoch- schu­len (S. 43ff.), an den zahl­rei­chen unglück­li­chen Ver- suchen, die Stu­di­en­zeit zu ver­kür­zen und an der Exzel-

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lenz­in­itia­ti­ve und ihren tief­grei­fen­den Kon­se­quen­zen für die Hoch­schul­land­schaft (S. 281ff.). Die Dar­le­gun­gen dazu enden mit einer für den Autor im Übri­gen typi- schen Schluss­be­mer­kung, die auch für wei­te­re von ihm als kri­tisch ange­se­he­ne Pro­jek­te und Reform­vor­ha­ben Gel­tung bean­spru­chen könn­te – Tur­ner wört­lich: „So bleibt das deut­sche Hoch­schul­sys­tem wei­ter­hin ver- korkst“ (S. 298).
Mag die­se fast das gesam­te Buch durch­zie­hen­de kri- tische Grund­hal­tung des Autors in den dar­ge­leg­ten und vie­len ande­ren Punk­ten auch schlüs­sig und nach­voll- zieh­bar sein, dürf­te dies aller­dings unein­ge­schränkt nicht für alle Ein­schät­zun­gen gel­ten. So ver­kennt etwa sei­ne Fest­stel­lung, das sich auf Stu­die­ren­de bezie­hen­de Ord­nungs­recht sei kein The­ma mehr, weil die Rege­lun- gen des Straf­rech­tes und des Haus­rech­tes aus­reich­ten (S. 89), dass jeden­falls in der täg­li­chen Pra­xis den sich auf die bei­den genann­ten Rechts­be­rei­che bezie­hen­den Sank­ti­ons- bzw. Hand­lungs­mög­lich­kei­ten Gren­zen ge- setzt sind. Die aus­führ­li­che Dis­kus­si­on die­ses The­mas auf dem 14. Deut­schen Hoch­schul­rechts­tag am 17.6.2019 in Bonn zur aktu­el­len Pro­ble­ma­tik der „Äuße­rungs­frei- heit von Hoch­schul­leh­re­rin­nen und Hoch­schul­leh­rer“ mag dafür ein Beleg sein. Auch dürf­ten eher Zwei­fel an der Ein­schät­zung des Autors bestehen, Hoch­schul­rä­te sei­en nur ein „Mode­ar­ti­kel“, der bald durch ande­re Kon- struk­tio­nen ersetzt wer­de (S. 80). Denn trotz aller an- fäng­li­chen Kri­tik an der Ein­füh­rung von Hochschul‑, Uni­ver­si­täts- oder Stif­tungs­rä­ten dürf­te sich die­ses be- son­de­re Hoch­schul­or­gan mitt­ler­wei­le in allen Län­dern im Zuge der zuneh­men­den Auto­no­mi­sie­rung der Hoch- schu­len fest eta­bliert und sei­ne Rol­le als Aufsichts‑, Kon- troll- und Bera­tungs­or­gan gefun­den haben.
In sei­nem Vor­wort weist Tur­ner dar­auf hin, es habe nicht die Absicht bestan­den, alle Erschei­nun­gen des Hoch­schul­we­sens der letz­ten Jahr­zehn­te dar­zu­stel­len (S. 7). Dies dürf­te eine Erklä­rung dafür sein, dass eini­ge The­men nicht ange­spro­chen wer­den. Dazu zählt – mit Aus­nah­me der kur­zen Aus­füh­run­gen zur Zulas­sung zum Medi­zin­stu­di­um (S. 119f.) – ins­be­son­de­re der ge- sam­te und kom­ple­xe Bereich der Hoch­schul­me­di­zin, die mit ihrer Tri­as von For­schung, Leh­re und Kran­ken­ver- sor­gung bezo­gen auf den Hoch­schul­be­reich mit Abstand die meis­ten finan­zi­el­len Mit­tel bean­sprucht und seit Ende der 90er Jah­re in den 14 Län­dern, in denen sie staat­lich ver­tre­ten ist, nicht zuletzt auf der Grund­la­ge von Emp­feh­lun­gen des Wis­sen­schafts­ra­tes enor­me, teil- wei­se auch kri­tisch zu sehen­de Ver­än­de­run­gen vor allem in orga­ni­sa­to­ri­scher und inhalt­li­cher Hin­sicht durchlau-
fen und auch noch vor sich hat. Auch fällt auf, dass die in den letz­ten Jah­ren zu kon­sta­tie­ren­de enor­me, auch quan- tita­ti­ve Ent­wick­lung der pri­va­ten Fach­hoch­schu­len mit ihren zumeist dua­len und berufs­be­glei­ten­den Stu­di­en- gän­gen in der Dis­kus­si­on aus­ge­spart bleibt, obwohl an den der­zeit 119 pri­va­ten Hoch­schu­len in Deutsch­land, von denen immer­hin 95 pri­va­te Fach­hoch­schu­len sind, ca. 280000 Stu­die­ren­de ein­ge­schrie­ben sind.
Die­se weni­gen kri­ti­schen Anmer­kun­gen ändern je- doch nichts dar­an, dass Tur­ner ein beein­dru­cken­des, le- sen­s­wer­tes und span­nen­des Buch vor­ge­legt hat, mit dem er auf der Grund­la­ge der prä­gnan­ten Befas­sung mit we- sent­li­chen Ent­wick­lun­gen, Reform­vor­ha­ben und Pro­jek- ten der letz­ten 5 Jahr­zehn­te ver­sucht, den Nach­weis für sei­ne immer wie­der vor­ge­tra­ge­ne The­se zu erbrin­gen (vgl. dazu z.B. sei­ne Aus­füh­run­gen im TAGESSPIEGEL vom 5.8.2019 mit dem Titel „Was der Exzel­lenz scha- det“), dass sich vie­le Wei­chen­stel­lun­gen in der Hoch- schul­po­li­tik im Nach­hin­ein als falsch erwie­sen haben und, obwohl die dafür Ver­ant­wort­li­chen meist längst ver­ges­sen sind, die nega­ti­ven Fol­gen die­ser Ent­wick­lun- gen immer noch spür­bar sind. Zudem bleibt sei­ne schlüs­sig beleg­te Pro­gno­se im Raum, dass es auch in Zu- kunft in der Hoch­schul­po­li­tik einen „Zick­zack­kurs“ ge- ben wird. Vor die­sem Hin­ter­grund kann sein sich von gro­ßer Sach­kun­de getra­ge­nes Werk, das in sin­gu­lä­rer Wei­se in der Lage ist, eine der kom­ple­xes­ten Mate­ri­en im Bil­dungs­be­reich auch für den­je­ni­gen zu durch­drin­gen, der mit den spe­zi­el­len Belan­gen von Hoch­schu­len nicht so ver­traut ist, nach­drück­lich zur Lek­tü­re emp­foh­len wer­den. Es soll­te auf jeden Fall für die­je­ni­gen eine Pflicht­lek­tü­re sein, die sich vor allem berufs­be­dingt – in wel­cher Wei­se auch immer – mit Hoch­schu­len beschäf- tigen bzw. zu befas­sen haben. Ganz beson­ders wün- schens­wert wäre es im Übri­gen, wenn das Buch sowohl im Amt befind­li­chen als auch ange­hen­den Wis­sen- schafts­mi­nis­te­rin­nen und ‑minis­tern sowie jeden­falls den für den Wis­sen­schafts­be­reich ver­ant­wort­li­chen Ab- geord­ne­ten in den Par­la­men­ten zur Pflicht­lek­tü­re ge- macht wer­den könnte.
Ulf Pall­me König ist Rechts­an­walt in der Kanz­lei ppp Rechts­an­wäl­te Pit­trof, Pen­ner, Rei­mer & Part­ner in Düs­sel­dorf, Kanz­ler der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf a.D., Hono­rar­pro­fes­sor der dor­ti­gen Juris­ti- schen Fakul­tät sowie Vor­sit­zen­der des Ver­eins zur För- derung des deut­schen & inter­na­tio­na­len Wis­sen- schaftsrecht