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  1. Ein­lei­tung und Über­blick
    Es mag unan­ge­mes­sen erschei­nen, wenn eine Buch­be­spre­chung mit Anga­ben zur Per­son des Rezen­sen­ten beginnt. Im vor­lie­gen­den Fall ist es unum­gäng­lich.
    Der als Jurist aus­ge­bil­de­te Rezen­sent blickt auf eine lan­ge Zeit zurück, in der er für ver­schie­de­ne Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen, vor allem für Uni­ver­si­tä­ten, zum Schluss für eine wis­sen­schafts­för­dern­de Orga­ni­sa­ti­on als Ver­wal­ter, als Orga­ni­sa­tor und abschlie­ßend in hoch­schul­po­li­ti­scher Funk­ti­on Ver­ant­wor­tung getra­gen hat. Ent­spre­chend ver­traut sind ihm die inne­ren Wir­kungs­pro­zes­se von wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen, eben­so die Inter­ak­ti­on der Wis­sen­schaft mit staat­li­chen Insti­tu­tio­nen und unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen. Bezo­gen auf das Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te ist er ein fach­frem­der Leser, der aber immer als Laie his­to­risch-anthro­po­lo­gi­sche und kul­tur­phi­lo­so­phi­sche Fra­gen mit gro­ßer Neu­gier reflek­tiert.
    Die­se Vor­be­mer­kung ist des­halb von Bedeu­tung, weil eine umfas­sen­de und zuver­läs­si­ge Beur­tei­lung des „Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te“ nur mit einer hoch­spe­zia­li­sier­ten Aus­bil­dung in Kul­tur­wis­sen­schaft, Kul­tur­so­zio­lo­gie und in Geschichts­phi­lo­so­phie mög­lich ist. Auch ist der fach­dis­zi­pli­nä­re Kos­mos, den das Hand­buch auf 351 eng bedruck­ten Sei­ten beleuch­tet, für die Zwe­cke einer Buch­be­spre­chung nur unter begrenz­ter Schwer­punkt­bil­dung mög­lich. Auf gewis­se Wei­se wird die­ser Zugang dem Leser mit ande­rem aka­de­mi­schen Hin­ter­grund durch die Glie­de­rung des Hand­buchs erschwert, da man eine tra­di­tio­nel­le Anord­nung auf­ge­teilt nach Dis­zi­pli­nen und deren Metho­den erwar­ten wür­de. Das Hand­buch ist nach dis­zi­pli­nen­über­grei­fen­den Kate­go­rien geord­net, die offen­bar der wis­sen­schaft­li­chen Ziel­set­zung der Autorin­nen und Autoren ent­spre­chen, sie­he dazu unten. Mög­li­cher­wei­se wird die gewähl­te Archi­tek­tur dem Cha­rak­ter eines Hand­buchs gerecht, das auf pro­blem-fokus­sier­te und metho­di­sche Erschlie­ßung ange­legt ist. Das ist Her­aus­for­de­rung und Reiz für einen Hoch­schul­prak­ti­ker zugleich, näm­lich sei­ne Erfah­run­gen aus dem wis­sen­schaft­li­chen Betrieb mit den ideen­ge­schicht­li­chen Quel­len des For­schens und der Wis­sens­ver­mitt­lung in Ver­bin­dung zu brin­gen. Und in der Tat öff­net das Hand­buch dem Hoch­schul­prak­ti­ker völ­lig neue Per­spek­ti­ven der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­wo­ben­heit der Wis­sen­schaft mit prak­tisch allen Ein­fluss­fak­to­ren, die sich sowohl auf inne­re Ten­den­zen des Erkun­dens und Erfor­schen bezie­hen, als auch auf die mate­ri­el­len, geis­tes­ge­schicht­li­chen und reli­giö­sen Wirk­kräf­te. Wenn man als wis­sen­schafts­af­fi­ner Hoch­schul­ad­mi­nis­tra­tor und Hoch­schul­po­li­ti­ker bereit ist, von der Ober­flä­che des Wis­sen­schafts­be­triebs aus sich vom Hand­buch in eine tie­fe­re Schicht der his­to­ri­schen Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren, der Wis­sens­ge­win­nung, der Wis­sens­sys­te­ma­ti­sie­rung und der wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie­bil­dung füh­ren zu las­sen, dann scheint sich eine neue his­to­risch-anthro­po­lo­gi­sche Dimen­si­on auf­zu­tun, die sowohl die Kul­tur der Wis­sens­ge­ne­rie­rung als auch deren Wan­del unter ver­schie­de­nen geschicht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sicht­bar macht. Frei­lich wäre die­ses Ein­drin­gen in das Hand­buch ganz wesent­lich durch ein Schlag­wort­re­gis­ter oder zumin­dest ein Sach­re­gis­ter erleich­tert wor­den. Die­ses Desi­de­rat ist gera­de bei einem Werk, das auch als Nach­schlag­werk benutzt wird, eini­ger­ma­ßen unver­ständ­lich.
    Von einem sol­chen Hand­ha­bungs­man­gel abge­se­hen ist das Hand­buch auf gewis­se Wei­se ein Rönt­gen­ge­rät, mit dem vom äuße­ren Eschei­nungs­bild der For­schung oder Wis­sens­ver­mitt­lung in die tie­fe­ren Mus­ter des For­schens und Sam­melns von Erkennt­nis­sen, der ana­ly­ti­schen Deu­tung und der Theo­rie­bil­dung ein­ge­drun­gen wer­den kann. Das ist frei­lich ein extrem for­dern­des und bean­spru­chen­des Unter­fan­gen und ver­langt, dass der Hoch­schul­prak­ti­ker sei­ne Prak­ti­ker­bril­le ablegt und mit Hil­fe des Hand­buchs dem Pro­blem nach­geht, dass Wis­sen nicht die ver­mu­te­te und sys­te­ma­tisch beleg­te Objek­ti­vi­tät ist, son­dern eine Gemenge­la­ge aus Befun­den, die von den sozio­öko­no­mi­schen, kul­tu­rel­len und geis­tes­ge­schicht­li­chen Ein­flüs­sen der jewei­li­gen Zeit nicht getrennt wer­den kön­nen. Wenn man die­sen Abstieg in eine tie­fe­re Schicht sehr sorg­fäl­tig und behut­sam leis­tet, dann ist das Hand­buch, das auf den ers­ten Blick so undurch­dring­lich erscheint, ein wah­rer Schatz­fund. Frei­lich, das wur­de deut­lich, die­se Schatz­su­che erfor­dert wie bei allen Schatz­su­chen viel Geduld und die Bereit­schaft, ein­zel­ne Beob­ach­tun­gen und Befun­de immer wie­der mit den
    Jür­gen Heß
    Bespre­chung des „Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te“, hrsg. von Mari­an­ne Sommer/Steffan Mül­ler-Wil­le/­Cars­ten Rein­hardt, Metzler/Springer, 2017
    Ord­nung der Wis­sen­schaft 2020, ISSN 2197–9197
    2 0 2 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 2 1 0
    über­grei­fen­den Lini­en der Wis­sen­schafts­ge­schich­te, die
    für sich selbst einen geschicht­li­chen Pro­zess dar­stellt, abzu­glei­chen.
    Und bei der Ver­ge­gen­wär­ti­gung die­ses sich
    über Zeit­räu­me erstre­cken­den Pro­zes­ses müs­sen hier
    auch die Bezü­ge zum gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen
    Umfeld in den Blick genom­men wer­den. Dann wird
    auch deut­lich, dass es Wis­sen­schafts­ge­schich­te als geschlos­se­ne
    Ein­heit nicht gibt, son­dern wis­sen­schaft­li­ches
    Gesche­hen ein unge­mein kom­ple­xes Zusam­men­wir­ken
    von Per­so­nen, Insti­tu­tio­nen, äuße­ren Rah­men­be­din­gun­gen,
    dem geis­tes­ge­schicht­li­chen Umfeld und
    nicht zuletzt den poli­ti­schen Erwar­tun­gen ist. Das Hand­buch
    ver­sucht die­se Kom­ple­xi­tät durch groß­for­ma­ti­ge
    Struk­tur­ele­men­te zugäng­lich zu machen, indem es sich
    in fünf über­grei­fen­de The­men­krei­se glie­dert, näm­lich
    nach dem Ein­lei­tungs­ka­pi­tel Kapi­tel II: For­schungs­an­sät­ze,
    Kapi­tel III: Räu­me und Epo­chen, Kapi­tel IV: Orte
    der Wis­sens­pro­duk­ti­on und Kapi­tel V: Wis­sen­schaft der
    Geschich­te der moder­nen Welt. Hier soll frei­lich nicht
    ver­schwie­gen wer­den, dass die­se Glie­de­rung einem mit
    der inne­ren Sys­te­ma­tik des Buches nicht ver­trau­ten Leser
    nicht ohne wei­te­res ein­sich­tig ist. Zum einen scheint
    es eine kate­go­ria­le Dif­fe­renz oder Inho­mo­ge­ni­tät zu geben.
    So signa­li­siert der Kapi­tel­be­griff „For­schungs­an­sät­ze“
    eine völ­lig ande­re metho­di­sche Her­an­ge­hens­wei­se
    als das Kapi­tel „Räu­me und Epo­chen“ eben­so wie das
    Kapi­tel „Orte der Wis­sens­pro­duk­ti­on“. Und schließ­lich
    scheint wie­der­um das letz­te Kapi­tel “Wis­sen­schaft und
    Geschich­te der moder­nen Welt“ einen anders­ar­ti­gen kate­go­ria­len
    Blick anzu­deu­ten. Der Wech­sel von groß­for­ma­ti­gen
    Betrach­tun­gen mit klein­tei­li­gen irri­tiert. Zum
    Bei­spiel sprä­che die Sys­te­ma­tik eher dafür, dass das Kapi­tel
    über die Wis­sen­schafts­ge­schich­te der Moder­ne am
    Bes­ten in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit den stark
    geschichts­phi­lo­so­phi­schen Bei­trä­gen des 1. Kapi­tels ste­hen
    wür­de und davon abge­setzt die räum­li­chen und ört­li­chen
    The­men im zwei­ten Teil des Hand­buchs bes­ser
    auf­ge­ho­ben wären. Man kann sich nicht ganz des Ein­drucks
    erweh­ren, dass sehr unter­schied­li­che For­schungs­leis­tun­gen
    zahl­rei­cher Autoren und Autorin­nen
    in die­sem Hand­buch mit dem Anspruch eines schlüs­si­gen
    Gesamt­kon­zep­tes zusam­men­ge­fasst wur­den. Das
    muss den Wert des Hand­buchs kei­nes­wegs schmä­lern.
    Denn nie­mand wird die Vor­stel­lung haben, dass man
    die­ses eben­so umfang­rei­che wie inhalt­lich extrem dich­te
    Werk wie ein Lehr­buch durch­liest. Ein Hand­buch wird
    sei­ner Art nach selek­tiv benutzt. Wer sei­nen spe­zi­el­len
    Inter­es­sen­be­reich fin­det, wird mit exzel­len­ter fach­li­cher
    Qua­li­fi­ka­ti­on belohnt.
    Eine wei­te­re kri­ti­sche Fra­ge stellt sich, wenn man bestimm­te
    Sach­ver­hal­te, die der Leser für geschichts­wis­sen­schaft­lich
    rele­vant hält, zumin­dest mit dem Blick auf
    das Inhalts­ver­zeich­nis nicht fin­det. Da das Hand­buch ja
    sehr stark kul­tur- und geschichts­phi­lo­so­phisch aus­ge­rich­tet
    ist, wür­de man ver­mu­ten, dass die Wis­sen­schafts­theo­rie
    einen bedeu­ten­den Raum ein­neh­men müss­te.
    Im Hand­buch hat sie aber kei­ne Auf­nah­me gefun­den.
    Nun mag es sein, dass die Wis­sen­schafts­theo­rie bei adäqua­ter
    Behand­lung einen so gro­ßen Raum bean­spru­chen
    wür­de, der den ver­mut­lich vor­ge­ge­be­nen Umfang
    des Hand­buchs gesprengt hät­te. Es ist auch zu kon­ze­die­ren,
    dass die Wis­sen­schafts­theo­rie ein gro­ßes und eigen­stän­di­ges
    For­schungs­ge­biet gewor­den ist, das in zahl­rei­chen
    Publi­ka­tio­nen zugäng­lich und erschließ­bar und
    der Ver­zicht inso­fern akzep­ta­bel ist. Ein ande­res Fra­ge­zei­chen
    möge man dem Juris­ten nach­se­hen, wenn er ein
    Gewich­tungs­miss­ver­hält­nis zwi­schen der grö­ße­ren Berück­sich­ti­gung
    der wis­sen­schafts­ge­schicht­li­chen Berei­che
    der Natur­wis­sen­schaf­ten gegen­über einer schwä­che­ren
    bezo­gen auf die Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten
    beklagt.
    Auf eine schmerz­li­che Lücke ganz ande­rer Art stößt
    man im Kapi­tel Räu­me und Epo­chen. Das Kapi­tel 11.1
    „Mit­tel­al­ter“ beginnt mit dem 14. Jahr­hun­dert. Es mag
    sein, dass die beacht­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen
    des frü­hen und hohen Mit­tel­al­ters lan­ge Zeit nur gerin­ge
    Beach­tung fan­den und ins­be­son­de­re im Ver­gleich
    zur Moder­ne, der offen­kun­dig das Haupt­au­gen­merk des
    Hand­buchs gilt, wenig ins Gewicht fal­len. Aber an der
    Tat­sa­che, dass etwa die früh­mit­tel­al­ter­li­che
    Wis­sens­trans­fer­leis­tung des Islams, der wesent­li­che Tei­le
    des groß­ar­ti­gen Wis­sen­schafts­fun­da­ments der Anti­ke
    nach Euro­pa brach­te und damit erst den wis­sen­schaft­li­chen
    Schub in Euro­pa mög­lich gemacht hat, führt doch
    kein Weg vor­bei.
    Schließ­lich ver­wun­dert den fach­frem­den Leser, dass
    im Rah­men der oben auf­ge­führ­ten Clus­ter­bil­dung des
    Hand­buchs nicht auch ein eigen­stän­di­ges Clus­ter „Wis­sen­schaft
    und Reli­gi­on“ erar­bei­tet wur­de. Selbst­ver­ständ­lich
    wird das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Reli­gi­on,
    wobei hier vor allem die Macht der Reli­gi­on gemeint
    ist, und dem Pro­zess der Wis­sens­fin­dung und Erkennt­nis
    in zahl­rei­chen Zusam­men­hän­gen an
    ver­schie­de­nen Stel­len des Hand­buchs the­ma­ti­siert. Es ist
    Heß · Bespre­chung des „Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te“ 2 0 3
    aber sicher nicht ver­fehlt, wenn man in die­sem Span­nungs­ver­hält­nis
    einen Fun­da­men­tal­kon­flikt sieht, der
    zumin­dest in his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve wie kaum eine ande­re
    Ein­fluss­macht auf die Per­so­nen und auf die Exis­tenz
    von Wissenschaftler/Innen ein­ge­wirkt hat. Die­se
    Ein­fluss­in­ten­si­tät hat gewiss in der Moder­ne eine gerin­ge­re
    Rol­le gespielt als zuvor. Da erlaubt sich aber der
    Hoch­schul­prak­ti­ker aus eige­ner Erfah­rung zu berich­ten,
    dass sol­che Ein­fluss­ten­den­zen noch bis in die jün­ge­re
    Ver­gan­gen­heit nach­weis­bar waren. In die­sen Kon­text
    kann man auch die Tat­sa­che ein­ord­nen, dass in Deutsch­land
    zumin­dest in den Uni­ver­si­tä­ten der alten Bun­des­län­der
    die gro­ße Mehr­zahl der reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen
    Pro­fes­su­ren in kon­fes­sio­nel­len Fakul­tä­ten ein­ge­rich­tet
    sind. Alle die­se Grün­de sprä­chen dafür, dass die­ses klas­si­sche
    Kon­flikt­feld im Rah­men eines Hand­buchs für
    Wis­sen­schafts­ge­schich­te eine eigen­stän­di­ge Bear­bei­tung
    ver­dient hät­te. Aber auch hier sei der Hin­weis wie­der­holt,
    dass es sich dabei um die Wahr­neh­mung eines fach­frem­den
    Lesers han­delt. Die spe­zi­el­len aka­de­mi­schen
    Fachkollegen/Innen der Autorin­nen und Autoren mögen
    das anders sehen.
    Gehen wir zurück in die Mis­si­on des Hand­buchs und
    tau­chen dazu in sei­ne Ein­lei­tung ein. Sie ist kein „sum­ma­ry“
    im Sin­ne einer vor­an­ge­stell­ten Zusam­men­fas­sung.
    Gleich­wohl wirft sie aus­ge­hend vom Selbst­ver­ständ­nis
    der Wis­sen­schafts­ge­schich­te den über­grei­fen­den
    Blick auf die oben­ge­nann­ten Kapi­tel. Es ist eine Gesamt­schau,
    von der natur­ge­mäß an die­ser Stel­le nur
    ein­zel­ne pro­mi­nen­te Gesichts­punk­te her­aus­ge­grif­fen
    wer­den kön­nen. Die beab­sich­tig­te (aber nicht immer
    kon­se­quent ver­wirk­lich­te) Archi­tek­tur des Hand­buchs
    wird mit dem ers­ten Satz der Ein­lei­tung deut­lich. Danach
    ist Wis­sen­schafts­ge­schich­te als aka­de­mi­sche Dis­zi­plin
    untrenn­bar mit der euro­päi­schen Moder­ne ver­bun­den.
    Daher ist auch kon­se­quent, dass der größ­te Teil des
    Hand­buchs sich die­ser Epo­che in fast allen Kapi­teln
    wid­met.
    Maß­geb­lich dafür sei ein Leit­be­griff der Auf­klä­rung,
    näm­lich des zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts. Aus der Ereig­nis­ge­schich­te
    der Irr­tü­mer, Ent­de­ckun­gen und Umwäl­zun­gen
    sei die gro­ße Erzäh­lung vom Auf­stieg der Wis­sen­schaft
    ent­stan­den. Die­sem Wis­sen­schafts­be­griff
    wohnt offen­kun­dig der Gedan­ke inne, dass Wis­sen­schaft
    nicht ein­fach durch Anhäu­fung von Fak­ten vor­an­schrei­tet,
    son­dern sich in Form von Begrif­fen, Model­len und
    Theo­rien ent­fal­tet. Die Auf­klä­rung hat die Vor­stel­lung
    ent­wi­ckelt, dass Wis­sen­schafts­ge­schich­te eine von einer
    inne­ren Logik ange­trie­be­ne dis­zi­pli­nä­re Ideen­ge­schich­te
    ist und daher weit­ge­hend von sozia­len, wirt­schaft­li­chen
    und reli­giö­sen Ein­wir­kun­gen frei ist. Die­ses eli­tä­re und
    von Ein­flüs­sen unbe­rühr­te Selbst­ver­ständ­nis konn­te ins­be­son­de­re
    in der zwei­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on kei­nen
    aus­schließ­li­chen Bestand haben, da sie zuneh­mend
    nach denk­kul­tu­rel­len und sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen
    der Pro­duk­ti­on frag­te und die Rol­le der Wis­sen­schaf­ten
    in den gesell­schaft­li­chen Aus­hand­lungs­pro­zess
    über öko­no­mi­sche, poli­ti­sche oder ethi­sche Wei­chen­stel­lun­gen
    in den Blick nahm. Damit zusam­men hängt
    die Aus­tausch­be­zie­hung zu ande­ren Berei­chen der Gesell­schaft,
    weil sie auf die Res­sour­cen aus der Gesell­schaft
    ange­wie­sen ist. Es erscheint kon­se­quent, dass sich
    dar­aus das Ver­ständ­nis der Wis­sen­schaft als Pro­dukt gesell­schaft­li­cher
    und kul­tu­rel­ler Kon­stel­la­tio­nen ablei­tet.
    Auch sind es nicht Indi­vi­du­en, son­dern Denk­kol­lek­ti­ve,
    die Wis­sen sta­bi­li­sie­ren und tra­die­ren. Wis­sen­schafts­ge­schich­te
    bezieht ihre Rele­vanz aus dem Zusam­men­hang
    zwi­schen Wis­sen, Kul­tur und Macht. Im wei­te­ren Ver­lauf
    arbei­tet die Ein­lei­tung den Weg der Wis­sen­schafts­ge­schich­te
    zur Wis­sens­ge­schich­te her­aus, eben­so wie
    den soge­nann­ten „cul­tu­ral turn“ mit der Aus­wir­kung der
    Quel­len­ba­sis auf Pro­duk­te der Popu­lär­kul­tur und auf
    künst­le­ri­sche und lite­ra­ri­sche Wer­ke. Nach dem Ver­ständ­nis
    des Hand­buchs oder genau­er gesagt nach dem
    sei­ner Autoren und Autorin­nen behan­delt es die inte­grie­ren­de
    Plu­ra­li­tät in Geschich­te und Gegen­wart.
  2. Uni­ver­si­tät
    Es iegt auf der Hand, dass der Hoch­schul­prak­ti­ker, nach­dem
    er sich mit den Inten­tio­nen des Hand­buchs in
    metho­di­scher, struk­tu­rel­ler, kul­tur­so­zio­lo­gi­scher und
    ideen­ge­schicht­li­cher Hin­sicht ver­traut gemacht hat, sich
    mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit dem Abschnitt Uni­ver­si­tät
    zuwen­det, ein Abschnitt der sich im IV. Kapi­tel,
    „Orte der Wis­sen­schafts­pro­duk­ti­on“, im Abschnitt 17 fin­det.
    In die­sem Kapi­tel IV fin­den sich neben dem
    Abschnitt Uni­ver­si­tät die wei­te­ren Abschnit­te Obser­va­to­ri­um,
    Hos­pi­tal und Kli­nik, Aka­de­mie, Werk­statt und
    Manu­fak­tur, Gär­ten und Samm­lun­gen, Labo­ra­to­ri­um,
    Feld, Biblio­thek und Archiv. Viel­leicht ist es ein Zei­chen
    der Befan­gen­heit, dass ein lang­jäh­ri­ger Uni­ver­si­täts­ver­ant­wort­li­cher
    die Ein­rei­hung der Uni­ver­si­tät in die
    genann­ten Orte als pro­ble­ma­ti­sche Gewich­tung emp­fin­det.
    Dies erst recht, wenn man fest­stellt, dass dem „Ort
    Uni­ver­si­tät“ beschei­de­ne acht Sei­ten ein­ge­räumt wer­den.
    Das ist einem so über­ra­gen­den The­ma im wis­sen­schaft­li­chen
    Gesche­hen der Neu­zeit und vor allem der
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    Moder­ne und erst recht in Anse­hung der gro­ßen Umwäl­zun­gen
    des letz­ten Jahr­hun­derts nicht ange­mes­sen. Frei­lich
    nötigt es auch gro­ßen Respekt ab, dass der Autor
    die­se zen­tra­le Wis­sen­schafts­ein­rich­tung mit einer
    bewun­derns­wer­ten Fähig­keit der inhalt­li­chen und
    sprach­li­chen Ver­dich­tung durch­dringt. Das führt aller­dings
    dazu, dass etwa bei der Beschrei­bung des Insti­tu­tio­na­li­sie­rungs­pro­zes­ses
    des 20. Jahr­hun­derts bestimm­te
    Insti­tu­ti­ons­for­men unzu­läs­sig ver­mengt wer­den, da sie
    grund­le­gend unter­schied­li­che Auf­ga­ben haben. So ist
    etwa am Ende des Unter­ab­schnitts 17.1 (Ent­ste­hung und
    Ent­wick­lung) zwin­gend die Unter­schei­dung zwi­schen
    Ein­rich­tun­gen der außer­uni­ver­si­tä­ren For­schung und
    der wis­sen­schafts-för­dern­den Orga­ni­sa­tio­nen zu tref­fen.
    Die außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tun­gen haben
    sich aus dem Gedan­ken — los­ge­löst von der Uni­ver­si­tät -
    ent­wi­ckelt, dass bestimm­te For­schungs­fra­gen effi­zi­en­ter
    bear­bei­tet wer­den kön­nen, wenn Wis­sen­schaft­ler und
    Wis­sen­schaft­le­rin­nen im engen the­ma­ti­schen Zusam­men­wir­ken
    und von Leh­re weit­ge­hend ent­las­tet und
    meist gestützt auf eine sehr gro­ße Aus­stat­tung, die über
    die Mög­lich­kei­ten einer Uni­ver­si­tät hin­aus­geht, hoch­ef­fi­zi­ent
    for­schen kön­nen. Dazu gehört u.a. die Max-
    Planck-Gesell­schaft, die Helm­holtz-Gemein­schaft deut­scher
    For­schungs­zen­tren und auch die erwähn­te Fraun­ho­fer
    Gesell­schaft, ohne dass dies eine abschlie­ßen­de
    Auf­zäh­lung wäre. Die lei­der im glei­chen Kon­text auf­ge­führ­ten
    wis­sen­schafts­för­dern­den Insti­tu­tio­nen haben
    eine grund­sätz­li­che völ­lig ande­re Auf­ga­be. Bei­spiel­haft
    sei­en hier die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft und
    der Wis­sen­schafts­rat genannt. In die­sen Ein­rich­tun­gen
    wird weder geforscht noch gelehrt. Sie haben auf unter­schied­li­che
    Wei­se auch im Sin­ne einer Selbst­ver­wal­tung
    der Wis­sen­schaft rein för­dern­de Auf­ga­ben, im Fall der
    DFG u.a. die Ver­tei­lung von Mit­teln (auf­grund einer
    Eva­lua­ti­on), die der Staat zur Ver­fü­gung stellt, im Fal­le
    des Wis­sen­schafts­ra­tes die Erar­bei­tung von Emp­feh­lun­gen
    (vor allem struk­tu­rel­ler Art) an staat­li­che Stel­len
    aber etwa auch an Uni­ver­si­tä­ten. Die­se etwas aus­führ­li­che
    gera­te­ne Aus­dif­fe­ren­zie­rung möge bei­spiel­haft zei­gen,
    in wel­che Schwie­rig­kei­ten man gerät, wenn kom­ple­xe
    Sach­ver­hal­te in einer hoch­kom­pri­mier­ten Form ver­han­delt
    wer­den. Pro­ble­me einer extrem ver­dich­te­ten
    Dar­stel­lung wer­den noch an ande­rer Stel­le ange­spro­chen.
    Die über­ra­gen­de Rol­le der Geschich­te der Uni­ver­si­tä­ten
    im Wis­sen­schafts­ge­sche­hen wird vom Autor des
    Abschnitts nicht ver­kannt. Er beschreibt sie als Kno­ten­punkt
    von Geistes‑, Ver­fas­sungs- und Wis­sen­schafts­ge­schich­te
    eben­so wie von der Sozi­al- und Kul­tur­ge­schich­te
    ihrer Mit­glie­der, deren Prak­ti­ken ihrer Wis­sens­ver­mitt­lung
    und ‑erzeu­gung und ihrer mate­ri­el­len Kul­tur in
    Form von Instru­men­ten, Samm­lun­gen und Gebäu­den.
    Man kann dar­an erken­nen wel­che Viel­schich­tig­keit der
    Uni­ver­si­täts­ge­schich­te eigen ist. Die­ses Maß an Kom­ple­xi­tät
    hat frei­lich auch dazu geführt, dass im Lau­fe der
    Zeit sich die dis­zi­pli­när ori­en­tier­te Wis­sen­schafts­ge­schich­te
    und Uni­ver­si­täts­ge­schich­te aus­ein­an­der ent­wi­ckel­ten
    und aus der Uni­ver­si­täts­ge­schich­te ein eige­nes
    Gen­re wur­de. In der deutsch­spra­chi­gen For­schung hat
    sich mitt­ler­wei­le eine Epo­chend­rei­tei­lung der Uni­ver­si­täts­ge­schich­te
    in eine vor­klas­si­sche Zeit bis etwa 1800, in
    eine klas­si­sche Zeit des soge­nann­ten Ber­li­ner Modells
    und in eine nach­klas­si­sche Zeit seit den spä­ten 1960-Jah­ren
    eta­bliert.
    Im Abschnitt 17.1 „Ent­ste­hung und Ent­wick­lung“
    durch­eilt der Autor im küh­nen Zugriff auf zwei Sei­ten
    rund acht Jahr­hun­der­te Uni­ver­si­täts­ge­schich­te (wenn
    man die Vor­ent­wick­lung ein­be­zieht). Und auch hier ist
    gro­ße Aner­ken­nung gebo­ten, dass bei die­sem Par­force­ritt
    wesent­li­che Sta­tio­nen des uni­ver­si­tä­ren Gesche­hens
    sowohl hin­sicht­lich deren äuße­ren struk­tu­rel­len Merk­ma­le
    als auch hin­sicht­lich der inne­ren Wirk­kräf­te erfasst
    oder zumin­dest ange­spro­chen wer­den. Ver­ein­facht aus­ge­drückt
    sind vor allem vier Fak­to­ren inter­es­sant, wenn
    man das Gebil­de Uni­ver­si­tät in der Ent­wick­lung über die
    Jahr­hun­der­te betrach­tet. Wer sind die unter der Vor­stel­lung
    einer „uni­ver­si­tas“ han­deln­den Akteu­re, in wel­cher
    Ver­fasst­heit tritt die Uni­ver­si­tät in den jewei­li­gen Zeit­ab­schnit­ten
    in Erschei­nung, wel­che Ideen­ge­schich­te treibt
    das Sys­tem Uni­ver­si­tät an und schließ­lich auf wel­cher
    mate­ri­el­len bzw. öko­no­mi­schen Basis ist uni­ver­si­tä­res
    Gesche­hen mög­lich. Der zuletzt genann­te Gesichts­punkt
    ist maß­geb­lich mit der Fra­ge ver­bun­den, wel­che
    Rol­le die Trä­ger­in­stanz spielt (Kir­che, Lan­des­herr, Staat)
    und wel­che Wech­sel­wir­kun­gen es zwi­schen der Uni­ver­si­tät
    und der jewei­li­gen Trä­ger­in­stanz gibt. Ganz kon­kret
    gespro­chen, in wel­chem Span­nungs­ver­hält­nis steht die
    Frei­heit des wis­sen­schaft­li­chen Schaf­fens zu der Ein­wir­kung
    der Trä­ger­in­stanz.
    Trotz der Kür­ze des Tex­tes wer­den die bei­den am
    Aus­gang des Ent­ste­hens der Uni­ver­si­tät ste­hen­den Model­le
    sehr klar her­aus­ge­ar­bei­tet, näm­lich einer­seits das
    soge­nann­te Bolo­gna-Modell und ande­rer­seits das Pari­ser
    Modell. Letz­te­res war dann typen­prä­gend für die
    Ent­wick­lung in Deutsch­land. Die­ses Modell weist zwei
    hier­ar­chi­sche Stu­fen auf, die unte­re Stu­fe bestehend aus
    den „artes libe­ra­les“, also den sie­ben frei­en Küns­ten
    Gram­ma­tik, Rhe­to­rik, Logik, Arith­me­tik, Geo­me­trie,
    Astro­no­mie und Musik. Auf die­se qua­si pro­pä­deu­ti­sche
    Heß · Bespre­chung des „Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te“ 2 0 5
    Ebe­ne bau­en sich die drei höhe­ren Fakul­tä­ten Medi­zin,
    Juris­pru­denz und Theo­lo­gie auf. Die Wech­sel­wir­kun­gen
    zwi­schen die­sen frü­hen For­men der „uni­ver­si­tas“ und
    dem Papst auf der einen Sei­te und dem Kai­ser auf der
    ande­ren Sei­te wer­den lei­der nur kurz ange­tippt. So stan­den,
    wenn man so will, auf der posi­ti­ven Sei­te bestimm­te
    Pri­vi­le­gi­en wie etwa der Schutz der Stu­den­ten auf Rei­sen
    und ein eige­ner Gerichts­stand. Inter­es­sant wäre aber
    eine gewis­se Ver­tie­fung der Fra­ge gewe­sen, wel­che über­ge­ord­ne­te
    Rol­le die Kir­che für den Inhalt des wis­sen­schaft­li­chen
    Gesche­hens gespielt hat. Es ist nahe­lie­gend,
    dass inner­halb der genann­ten Hier­ar­chie der Theo­lo­gie
    eine über­ge­ord­ne­te Bedeu­tung ein­ge­räumt wur­de.
    Wenn man in der Geschich­te einen Schritt wei­ter
    geht, tritt ein Para­dig­men­wech­sel im Grün­dungs­ge­sche­hen
    der Uni­ver­si­tä­ten ein. Wäh­rend die frü­he­ren Uni­ver­si­tä­ten
    noch von den Magis­tern und Scho­laren gegrün­det
    wur­den, tra­ten im spä­ten Mit­tel­al­ter die Lan­des­her­ren
    als Grün­der auf. Die Moti­ve die­ser lan­des­herr­li­chen
    Grün­dun­gen waren weni­ger die Lie­be zur
    Wis­sen­schaft als hand­fes­te Inter­es­sen der ter­ri­to­ria­len
    Stär­kung. Zum einen ver­sprach die Grün­dung einer
    Uni­ver­si­tät Pres­ti­ge­ge­winn, zum ande­ren gab es einen
    stän­dig wach­sen­den Bedarf an Ver­wal­tungs­eli­ten. Einen
    sol­chen Bedarf ver­spür­te aber nicht nur der Lan­des­herr,
    son­dern auch die Kir­che, die für die Aus­bil­dung des
    geist­li­chen Per­so­nals kon­fes­sio­nel­le Hoch­schu­len grün­de­te.
    Lan­ge Zeit hat­te man bei einem Ver­gleich der lan­des­herr­li­chen
    Grün­dun­gen einer­seits und der katho­li­schen
    Hoch­schu­len ande­rer­seits die Über­zeu­gung pro­pa­giert,
    dass die letz­te­ren als rück­stän­dig zu betrach­ten
    sei­en. Die neue­re For­schung hat das kor­ri­giert und her­aus­ge­ar­bei­tet,
    dass nament­lich die Jesui­ten­uni­ver­si­tä­ten
    in Fra­gen der Orga­ni­sa­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­wal­tung
    durch­aus inno­va­ti­ve Leis­tun­gen erbracht
    haben.
    Wie­der einen zeit­lich grö­ße­ren Schritt wei­ter: Die
    häu­fig als uni­ver­si­täts-geschicht­li­cher Höhe­punkt in
    Deutsch­land ange­se­he­ne Hum­boldt­sche Uni­ver­si­täts­re­form
    Anfang des 19. Jahr­hun­derts, die vor allem mit der
    Grün­dung der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät 1809 ver­bun­den
    wird, hät­te eine brei­te­re und dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung
    ver­dient (die Ber­li­ner Uni­ver­si­tät stand im Übri­gen nicht
    an der Spit­ze der Reform­be­we­gung, als Leit­bil­der der
    Reform­uni­ver­si­tät sind die zuvor gegrün­de­ten Uni­ver­si­tä­ten
    Hal­le und Göt­tin­gen zu nen­nen). Der Bei­trag weist
    zurecht dar­auf hin, dass das zen­tra­le Ele­men­te die­ser Reform
    für die wei­te­re Ent­wick­lung nicht nur in Deutsch­land
    bedeut­sam wur­de. Im Mit­tel­punkt die­ser Grün­dungs­idee
    steht die For­de­rung nach völ­li­ger Frei­heit der
    Wis­sen­schaft sowie der Ein­heit von For­schung und Leh­re.
    Bis in die neu­es­te Zeit hat das Reform­werk von Wil­helm
    von Hum­boldt iko­no­gra­fi­schen Cha­rak­ter und es
    kann nicht bezwei­felt wer­den, dass der spä­te­re welt­wei­te
    Erfolg der deut­schen Uni­ver­si­tät auf die Kern­ideen die­ser
    Reform zurück­zu­füh­ren ist. Gleich­wohl wür­de es
    dem Hand­buch einer Wis­sen­schafts­ge­schich­te gut anste­hen,
    den alles beherr­schen­den Grün­dungs­my­thos, der
    mit dem Namen Wil­helm von Hum­boldt ver­bun­den ist,
    mit etwas Tie­fen­schär­fe zu betrach­ten. Las­sen wir mal
    den Gesichts­punkt außen vor, dass jenes Papier, das man
    gleich­sam als Grün­dungs­ma­ni­fest der neu­en deut­schen
    Uni­ver­si­tät her­aus­stellt, mit sei­nen vier Leit­ideen, näm­lich
    „kei­ne berufs­spe­zi­fi­sche Aus­bil­dung“, eine „Bil­dung
    als Selbst-bewußt-wer­den-durch-täti­ges Dasein“, „kein
    Ein­fluß des Staa­tes auf Leh­re und For­schung“, „Ein­heit
    von For­schung und Leh­re als for­schen­des Leh­ren in der
    Gemein­schaft der Pro­fes­so­ren und Stu­die­re­den“, erst
    knapp hun­dert Jah­re nach der Grün­dung der Ber­li­ner
    Uni­ver­si­tät ver­öf­fent­licht wur­de. Die Hum­boldt­sche
    Grün­dungs­idee ist in die­ser Form ein nach­ge­scho­be­ner
    Mythos. Sie wur­den in rei­ner Form weder zur Grün­dungs­zeit
    der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät noch spä­ter umge­setzt.
    Rich­tig ist aber, dass ein Kreis von Refor­mern, zu
    denen auch Hum­boldt zähl­te, der aber wesent­lich von
    Leu­ten wie Wolff, Schlei­er­ma­cher, Fich­te, Schel­ling und
    Stef­fens gebil­det wur­de, die Leh­re von dem scho­las­ti­schen
    Bil­dungs­ka­non befrei­te. Die For­schung, die zuvor
    eher bei den Aka­de­mien ange­sie­delt, konn­te sich im
    Geist einer von Ratio­na­lis­mus getra­ge­nen indi­vi­dua­lis­ti­schen
    Welt­an­eig­nung und frei von staat­li­chen Ein­flüs­sen
    ent­fal­ten. Das waren wich­ti­ge Antriebs­kräf­te für den Sie­ges­zug
    der deut­schen Uni­ver­si­tät des 19. und des begin­nen­den
  3. Jahr­hun­derts.
    Der zen­tra­le Gedan­ke der Frei­heit der For­schung,
    das wird nicht nur vom Autor die­ses Bei­tra­ges über­se­hen,
    bedarf inso­fern einer Dif­fe­ren­zie­rung, als im Zuge
    der hier beschrie­be­nen Uni­ver­si­täts­re­form eine beson­de­re
    Uni­ver­si­täts­ver­fas­sung ent­stand, die man mit der
    Kurz­form „janus­för­mi­ge Uni­ver­si­täts­ver­fas­sung“ bezeich­net.
    Janus­köp­fig des­halb, weil unter dem Dach der
    Uni­ver­si­tät zwei von­ein­an­der abge­grenz­te Wir­kungsund
    Steue­rungs­fel­der ent­stan­den. Der eine Kopf ist die
    gesi­cher­te wis­sen­schaft­li­che Frei­heit im aka­de­mi­schen
    Gesche­hen der Uni­ver­si­tät. Der ande­re Kopf ist die staat­li­che
    Kom­pe­tenz in allen Din­gen des Wirt­schaft- und
    Ver­wal­tungs­we­sens. Lan­ge Zeit sah man dar­in einen
    kon­zep­tio­nel­len Genie­streich, denn der Staat über­nahm
    nun eine dau­er­haf­te und nach­hal­ti­ge Ali­men­tie­rungs­pflicht,
    da er ja im wirt­schaft­li­chen Bereich und in der
    2 0 6 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 2 1 0
    Ver­wal­tung zu der maß­geb­li­chen uni­ver­si­tä­ren Ver­ant­wort­lich­keits­in­stanz
    wur­de. Es ist unver­kenn­bar, dass
    durch die star­ke Wirt­schafts- und Ver­wal­tungs­stel­lung
    des Sta­tes ein hohes Maß an Ein­fluss­po­ten­ti­al geschaf­fen
    wur­de. Die­ser berühm­te Dua­lis­mus ver­folgt die Dis­kus­si­on
    um ein adäqua­tes Uni­ver­si­täts­mo­dell bis in die
    jüngs­te Zeit, sie­he dazu unten.
    Der Kon­zep­ti­on des Abschnitts „Uni­ver­si­tä­ten“ fol­gend,
    in dem bei der Skiz­zie­rung der Uni­ver­si­täts­ge­schich­te
    kein chro­no­lo­gi­sches Nar­ra­tiv ver­folgt wird, son­dern die
    schlag­licht­ar­ti­ge Beleuch­tung von Umbrü­chen und
    Para­dig­men­wech­sel, wird auch hier nur auf zwei der
    knapp ange­deu­te­ten grund­le­gen­den Reform­pro­zes­se des
  4. Jahr­hun­derts ein­ge­gan­gen, die jeweils nicht nur tie­fe
    Spu­ren im Inne­ren des wis­sen­schaft­li­chen Gesche­hens
    der Uni­ver­si­tä­ten hin­ter­las­sen haben, son­dern auch
    jeweils über die Gren­zen der Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen
    hin­aus äußerst emo­tio­na­le Dis­kus­sio­nen ver­ur­sacht
    haben.
    Die Uni­ver­si­tä­ten waren ab Ende der 1960er-Jah­re
    mit zwei Pro­ble­men kon­fron­tiert, die zwar einen völ­lig
    unter­schied­li­chen Aus­gang hat­ten, aber in ihren wech­sel­sei­ti­gen
    Ver­bin­dun­gen zu star­ken Impul­sen der Ver­än­de­rung
    wur­den. Es war zum einen der stark anstei­gen­de
    Zugang zu den Uni­ver­si­tä­ten, getra­gen von der
    berech­tig­ten Vor­stel­lung, dass bis­her unter­pri­vi­le­gier­te
    Tei­le der Gesell­schaft durch eine uni­ver­si­tä­re Aus­bil­dung
    Auf­stiegs­chan­cen erhal­ten soll­ten. Der dar­aus abge­lei­te­te
    Begriff der Mas­sen­uni­ver­si­tät ist, neben dem
    posi­ti­ven Gesichts­punkt der sozia­len Gerech­tig­keit, aber
    auch mit nega­ti­ver Kon­no­ta­ti­on ver­bun­den, da eine
    Mas­sen­uni­ver­si­tät offen­kun­dig mit den Hum­boldt­schen
    Idea­len end­gül­tig nicht mehr zu ver­ein­ba­ren ist und damit
    Qua­li­täts­stan­dards gefähr­det erschie­nen (auch wegen
    einer per­ma­nen­ten Unter­fi­nan­zie­rung). Die ande­re
    Strö­mung hat ihre Quel­le in der stu­den­ti­schen 68er Bewe­gung,
    die u.a. dem Typus der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät
    (stark domi­nie­ren­de Rol­le der Lehr­stuhl­in­ha­ber) den
    Kampf ange­sagt hat und sich als Kon­se­quenz die For­de­rung
    nach inner­uni­ver­si­tä­rer Mit­be­stim­mung ent­wi­ckel­te.
    In der Grup­pen­uni­ver­si­tät soll­ten alle unter dem
    Dach der Uni­ver­si­tät arbei­ten­den Grup­pen an den zen­tra­len
    Ent­schei­dun­gen einer Uni­ver­si­tät teil­ha­ben. Die
    Recht­spre­chung hat die­se Ent­wick­lung inso­fern ein­ge­hegt,
    dass alle Uni­ver­si­täts­grup­pen in Gre­mi­en ver­tre­ten
    sind, aber in wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen die maß­geb­li­che
    Ent­schei­dung bei den Wissenschaftlern/Innen ver­bleibt.
    Nicht weni­ger tief­grei­fend war der Umbruchs­pro­zess ab
    etwa Ende der 1990er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts. Die
    For­mu­lie­run­gen des Hand­buch­bei­trags, wonach die
    Öko­no­mi­sie­rungs­de­bat­te mit einem Auto­no­mie­ver­lust
    der Uni­ver­si­tä­ten im Sin­ne der Ver­drän­gung wis­sen­schaft­li­cher
    Ratio­na­li­tä­ten durch öko­no­mi­sche Impe­ra­ti­ve
    ver­bun­den sei, ist offen gestan­den ein Satz, der hun­dert
    Fra­gen auf­wirft, aber dem Leser kei­ne beant­wor­tet.
    Unklar ist, was ein Leser ohne Kennt­nis der Hin­ter­grün­de
    aus einer sol­chen the­sen­ar­ti­gen Zuspit­zung gewinnt.
    Die­se offe­nen Fra­gen kön­nen gewiss nicht im Rah­men
    einer Buch­be­spre­chung beant­wor­tet wer­den. Das abwer­ten­de
    Schlag­wort der Öko­no­mi­sie­rung, das sicher auch
    durch Aus­wüch­se Nah­rung bekam ( u.a. „Vor­stand“ als
    Uni­ver­si­täts­lei­tungs­or­gan statt Rek­to­rat), ver­deckt den
    Kern des Umbruchs, näm­lich das oben unter ande­ren
    zeit­li­chen Vor­zei­chen schon ange­spro­che­ne Ver­hält­nis
    der Uni­ver­si­tät zum Staat. Wesent­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se
    sind vom Staat, also in Deutsch­land von den
    Bun­des­län­dern, auf die Uni­ver­si­tä­ten über­tra­gen wor­den,
    ange­fan­gen von den inter­nen Struk­tur­fra­gen bis hin
    zur Besol­dung der Professoren/Innen. Es hat sich dabei
    die nahe­lie­gen­de Vor­stel­lung durch­ge­setzt, dass die Uni­ver­si­tät
    bes­ser als der Staat weiß, wie die Wis­sen­schaft
    unter ihrem Dach zu orga­ni­sie­ren ist. Ver­bun­den damit
    war auch die Effi­zi­enz­fra­ge, die vor­der­grün­dig als öko­no­mi­sche
    betrach­tet wur­de (von man­chen exter­nen
    Bera­tern der Uni­ver­si­tät auch so gese­hen wird). Im Kern
    ging es aber um die Fra­ge, mit wel­chen Steue­rungs­mit­teln
    man es gewähr­leis­ten kann, dass die not­wen­di­ger­wei­se
    beschränk­ten Mit­tel so ein­ge­setzt wer­den, dass der
    best­mög­li­che wis­sen­schaft­li­che Erfolg erzielt wird.
    Im letz­ten Satz des Bei­trags „Uni­ver­si­tät“ wird auf die
    zuneh­men­de Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Hoch­schul­we­sens
    hin­ge­wie­sen. Es ist ver­ständ­lich, dass die­ses sehr gro­ße
    Feld im Rah­men eines Hand­buchs nicht umfäng­lich behan­delt
    wer­den kann. Aber in his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve
    bemer­kens­wert ist doch die lei­der nicht erwähn­te Grün­dung
    zahl­rei­cher pri­va­ter Hoch­schu­len, die, wenn auch
    klei­ner als die staat­lich getra­ge­nen Hoch­schu­len, inzwi­schen
    ihren Platz in der Wis­sen­schafts­land­schaft in
    Deutsch­land gefun­den haben. Der Wech­sel der Trä­ger­schaft
    von staat­li­chen in pri­va­te Hän­de wirft natur­ge­mäß
    das The­ma Wis­sen­schafts­frei­heit unter ande­ren Vor­zei­chen
    wie­der auf.
    Zu den gro­ßen Struk­tur­fra­gen des Deut­schen Hoch­schul­we­sens
    gehört nach Auf­fas­sung des Rezen­sen­ten
    auch das Ver­hält­nis der Uni­ver­si­tä­ten zu den lei­der nicht
    erwähn­ten Fach­hoch­schu­len und ihres jewei­li­gen spe­zi­fi­schen
    Auf­trags in For­schung und Leh­re, um damit wie­der
    an den vom Autor des Bei­tra­ges ange­spro­chen Pro­zess
    der Aus­dif­fe­ren­zie­rung anzu­knüp­fen.
    Bei der not­wen­di­ger­wei­se frag­men­ta­ri­schen Befa­s­Heß
    · Bespre­chung des „Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te“ 2 0 7
    sung mit dem Hand­buch Wis­sen­schafts­ge­schich­te zum
    Zwe­cke einer Rezen­si­on sei – wie bereits aus­ge­führt — an
    fol­gen­der Wahr­neh­mung fest­ge­hal­ten: Für Wissenschaftler/
    Innen, die in den tie­fe­ren phi­lo­so­phi­schen und
    kul­tur­so­zio­lo­gi­schen Schich­ten der Wis­sen­schafts­ge­schich­te
    for­schen und deren hoch­kom­ple­xe Rah­men­be­din­gun­gen
    im Blick haben, ist das Hand­buch eine äußerst
    wert­vol­le Quel­le. Für fach­frem­de Leser leis­tet das
    Hand­buch eine über­grei­fen­de Ori­en­tie­rung, die aber
    gleich­zei­tig eine Auf­for­de­rung zur wei­te­ren Ver­tie­fung
    mit ande­ren Quel­len ist.
    Jür­gen Heß war von 1988 bis 1994 Kanz­ler der Uni­ver­si­tät
    Kon­stanz, von 1994 bis 2000 Kanz­ler der Uni­ver­si­tät
    Frei­burg und von 2000 bis 2003 Gene­ral­se­kre­tär
    der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz.
    2 0 8 O R D N U N G D E R WI S S E N S C H A F T 3 ( 2 0 2 0 ) , 2 0 1 — 2 1 0