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Über­sicht

I. Ein­lei­tung

II. Die Ent­schei­dung des BVerfG
1. Der Aus­gangs­fall
2. Was das Gericht ent­schie­den hat
a) Ein­griff in die Frei­heit der Leh­re (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG)
b) Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs
c) Erfor­der­nis einer gesetz­li­chen Grund­la­ge
3. Was das Gericht nicht ent­schie­den hat
a) Zuläs­sig­keit exter­ner Qua­li­täts­si­che­rungs­maß­nah­men
b) Kei­ne zwin­gen­de Belei­hung der Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren
c) Ein­deu­tig­keit des Rechts­wegs
4. Ein­ord­nung in die „neue Linie“ der Hochschulrechtsprechung

III. „Fern­wir­kun­gen“
1. Qua­li­täts­si­che­rung und Hochschulzulassung

2. For­schung mit Dritt­mit­teln aus öffent­li­chen Kas­sen und Gesetzesvorbehalt

3. Dritt­mit­tel­för­de­rung und Rechts­weg­ga­ran­tie IV. Fazit

I. Ein­lei­tung

Ein Pau­ken­schlag: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat – von vie­len erhofft und in sei­ner kla­ren Dik­ti­on doch über­ra­schend – in sei­nem Beschluss vom 17. Febru­ar 2016 (Az: 1 BvL 8/10) die alten Rege­lun­gen der §§ 7 I 2, 72 II 6, 72 I Nr. 3 HG NRW a.F. eben­so wie die Neu­fas- sung des § 7 I 1, 2 HG NRW für mit dem Grund­ge­setz nicht ver­ein­bar erklärt. Unter dem Strich bedeu­tet das: Das Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren von Stu­di­en­gän­gen, das im Zug des Bolo­gn­a­pro­zes­ses ein­ge­führt wor­den war, ist in sei­ner der­zei­ti­gen Form ver­fas­sungs­wid­rig. Dies führ-

* Für viel­fäl­ti­ge Hil­fe bei der Erstel­lung die­ses Bei­trags – auch über Staats­gren­zen hin­weg – dan­ke ich Herrn Dipl.jur. Domi­nik Mei­er, Herrn cand.jur. Mar­kus Schw­ey­er und Frau stud. jur. Alex­an­dra Lörinczy.

1 Etwa die von Juli­an Nida-Rümelin initi­ier­te Peti­ti­on „Hei­del­ber­ger Auf­ruf gegen die Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen, https://www. change.org/p/an-die-wissenschaftsminister-und-die-landtage- aller-bun­des­la­en­der-hei­del­ber­ger-auf­ruf-gegen-die-akkre­di­tie- rung-von-stu­di­en­ga­en­gen (12.9.2016). Dem hat sich auch der Deut­sche Juris­ti­sche Fakul­tä­ten­tag ange­schlos­sen (Mel­dung in: FuL 2016, S. 567).

te sogleich zu har­schen Reak­tio­nen: Vie­le, die schon von Anbe­ginn Kri­tik am auf­wän­di­gen und für die Hoch- schu­len kost­spie­li­gen Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­ren geübt hat­ten, for­der­ten umge­hend die völ­li­ge Abschaffung:1 Die Qua­li­tät von Stu­di­en­gän­gen könn­ten schließ­lich die betrei­ben­den Hoch­schu­len kraft lang­jäh­ri­ger Erfah­run- gen am bes­ten beur­tei­len; zumin­dest die vor­herr­schen­de Pro­gramm­ak­kre­di­tie­rung (Akkre­di­tie­rung ein­zel­ner Stu­di­en­gän­ge) sei nicht nur über­flüs­sig, son­dern habe auch in Gestalt der durch­weg als gemein­nüt­zig auft­re- ten­den Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren zu durch­aus ein­träg­li- chen Geschäfts­mo­del­len geführt.2 Außer­dem stam­me das Instru­ment der Akkre­di­tie­rung aus dem völ­lig anders struk­tu­rier­ten US-Hoch­schul­sys­tem: Da dort das gesam­te Stu­di­en­sys­tem typi­scher­wei­se pri­vat­recht­lich kon­stru­iert ist, die­ne das Ver­fah­ren der Akkre­di­tie­rung der Zer­ti­fi­zie­rung durch ein – eben­falls pri­vat­recht­li­ches – Sys­tem der Qualitätssicherung.3 Inso­weit unterschei- det bzw. unter­schied sich frei­lich das kon­ti­nen­tal­eu­ro­pä- ische Sys­tem ganz grund­le­gend, da die Qua­li­täts­si­che- rung ursprüng­lich durch die minis­te­ri­el­le Geneh­mi­gung von Stu­di­en­gän­gen, also öffent­lich-recht­lich, erfolg­te. Dazu tre­ten inhalt­li­che Ein­wän­de: Das Akkre­di­tie­rungs- sys­tem kön­ne nicht not­wen­dig eine objek­ti­ve und neut- rale Begut­ach­tung garan­tie­ren, da sich die Akkre­di­tie- rungs­agen­tu­ren selbst finan­zie­ren müss­ten. Dadurch ent­stün­den gegen­sei­ti­ge Abhän­gig­kei­ten; Gegen­stra­te­gi- en der Ein­rich­tun­gen könn­ten im End­ef­fekt zum Ein- fluss der Kli­en­ten auf die Agen­tu­ren führen.4 In der Neu- en Poli­ti­schen Öko­no­mie ist die­ses Phä­no­men der „Agen­cy Cap­tu­re“ seit lan­gem bekannt.5 Die unre­flek- tier­te Über­nah­me in das deut­sche Hoch­schul­sys­tem sei daher verfehlt.

2 Vgl. etwa Lege, Die Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen, JZ 2005, 698 (702).

Quapp, Akkre­di­tie­rung – ein Angriff auf die Frei­heit der Leh­re, WissR 43 (2010), S. 346 (347); Immer, Rechts­pro­ble­me der Akk­re- ditie­rung von Stu­di­en­gän­gen, 2013, S. 45 ff.

Heits­ch, Ver­fas­sung- und ver­wal­tungs­recht­li­che Fra­gen der Akk­re- ditie­rung von Stu­di­en­gän­gen, DÖV 2007, 770 (774).

5 Etwa bei Laffont/Tirole, The Poli­tics of Government Decisi­on-Ma- king: A Theo­ry of Regu­la­to­ry Cap­tu­re, in: The Quar­ter­ly Jour­nal of Eco­no­mics, Vol. 106, No. 4 (1991), 1089 ff. mwN.

Max-Ema­nu­el Geis

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Akkreditierung*

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2016, ISSN 2197–9197

194 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 193–202

II. Die Ent­schei­dung des Bundesverfassungsgerichts

1. Der Ausgangsfall

Aber zurück zum kon­kre­ten Fall: Die beklag­te Akkre­di­tie- rungs­agen­tur hat­te einer pri­va­ten Fach­hoch­schu­le die Pro- gramm­ak­kre­di­tie­rung von zwei Stu­di­en­gän­gen ver­sagt. Nach dem im Aus­gangs­ver­fah­ren gel­ten­den Recht Nord- rhein-West­fa­len­s6 bedurf­ten Hoch­schu­len, die nicht in der Trä­ger­schaft des Lan­des ste­hen, einer staat­li­chen Aner­ken- nung (§ 72 HG NRW a.F.). Nur mit einer sol­chen Aner­ken- nung wur­den pri­va­te Hoch­schu­len für den Stu­di­en­ab- schluss, das Prü­fungs- und Gra­du­ie­rungs­recht gleich­ge- stellt (§ 73 I, II HG NW a.F.) und konn­ten die Bezeich­nung „Hoch­schu­le“ füh­ren (§ 75 I HG NRW a.F.). Vor­aus­set­zung fürdieAnerkennungwargemäߧ72INr.3HGNRWa.F. eine Mehr­zahl erfolg­reich akkre­di­tier­ter Stu­di­en­gän­ge. Die Akkre­di­tie­run­gen erfolg­ten gem. § 72 II 6 HG NRW a.F. „nach den gel­ten­den Rege­lun­gen“ durch Agen­tu­ren, die ihrer­seits durch den nach dem nord­rhein-west­fä­li­schen Gesetz über den Akkre­di­tie­rungs­rat (Akk­RatG) errich­te­ten Akkre­di­tie­rungs­rat akkre­di­tiert wor­den sind. Die bei­den Hoch­schu­len sahen sich dadurch in ihrem Grund­recht auf Wis­sen­schafts­frei­heit (Art. 5 Abs. 3 GG) ver­letzt. Das Bun- des­ver­fas­sungs­ge­richt gab ihnen im Wesent­li­chen Recht. Dass Hoch­schu­len als juris­ti­sche Per­so­nen (auch pri­va­te) Trä­ger die­ses Grund­rechts sein kön­nen, ist seit lan­gem all- gemei­ne Mei­nung. Neu ist dage­gen der Umstand, dass der Beschwer­de­ge­gen­stand nicht die rechts­ver­bind­li­che Zulas- sungs­ent­schei­dung war (die­se liegt in der staat­li­che Aner- ken­nung), son­dern die Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dung, die ledig­lich eine Vor­stu­fe im Ver­fah­ren darstellt.7 Das ist ein Unter­schied zur Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen an staat­li­chen Hoch­schu­len, bei denen kei­ne geson­der­te Aner- ken­nung mehr erfolgt.

2. Was das Gericht ent­schie­den hat

a) Ein­griff in die Frei­heit der Leh­re (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG)

Als Abwehr­recht schützt Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG Hoch- schul­leh­ren­de, Hoch­schu­len, Fakul­tä­ten und Fach­be­rei- che im staat­li­chen und im pri­va­ten Bereich. Daher kön-

  1. 6  Gesetz über die Hoch­schu­len des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len i.d.F. vom 31.10.2006, HG NRW a.F.
  2. 7  Mer­schmann, Die Rechts­na­tur der Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en- gän­gen, NVwZ 2011, 847.
  3. 8  Ein­hel­li­ge Mei­nung, vgl. Heits­ch (Fn. 4), DÖV 2007, 770 (771); Quapp, Akkre­di­tie­rung: Ein Abge­sang auf die Wis­sen­schafts- frei­heit? DÖV 2011, 68; Quapp (Fn. 3), WissR 43 (2010), S. 346 (349); Lege (Fn. 2), JZ 2005, 698 (702).
  4. 9  Vgl. Baye­ri­scher Obers­ter Rech­nungs­hof, Jah­res­be­richt 2012, S. 93; Lan­des­rech­nungs­hof Bran­den­burg, Jah­res­be­richt 2011, S. 174 ff.; Wis­sen­schafts­rat, Emp­feh­lun­gen zur Akkre­di­tie­rung als Instru-

nen sich auch Pri­vat­hoch­schu­len und ihr Lehr­per­so­nal auf die Wis­sen­schafts­frei­heit beru­fen. Durch den Aner- ken­nungs­tat­be­stand der §§ 72 II 6, 72 I Nr. 3 HG NRW a.F. war die erfolg­rei­che Akkre­di­tie­rung von der Mehr- zahl der Stu­di­en­gän­ge not­wen­dig, um als Hoch­schu­le staat­lich aner­kannt zu wer­den. Das Betrei­ben eines Stu- dien­an­ge­bots ohne die­se Aner­ken­nung stellt eine Ord- nungs­wid­rig­keit nach § 75 III HG NRW a.F. dar. Eben­so kann eine Aner­ken­nung gem. § 72 III 2 HG NRW a.F. auf­ge­ho­ben wer­den, wenn es an der Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen fehlt oder die­se weg­fällt. Zwar akkre­di- tier­ten pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te, „staats­fer­ne“ Verei- ne; jedoch erzwin­ge der Gesetz­ge­ber durch das Nor­men- geflecht eine Akkre­di­tie­rung de fac­to durch öffent­lich- recht­li­che Fern­wir­kung, da ohne sel­bi­ge ein Stu­di­en­be­trieb schlecht­hin unmög­lich ist.8 Dadurch wird in das Recht der Hoch­schu­le über Inhalt, Ablauf und metho­di­schen Ansatz des Stu­di­en­gangs und der Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu bestim­men, ein­ge­grif­fen. Hin­zu kommt die mas­si­ve finan­zi­el­le Belas­tung der Hoch­schu- len: Die Zah­lun­gen der Hoch­schu­len für einen Akkre­di- tie­rungs­vor­gang an die Agen­tu­ren beträgt 10.000 € bis 15.000 € pro Studiengang.9 Nota­be­ne erblickt das Gericht bereits in der Ver­wei­ge­rung der Akkre­di­tie­rung den Ein­griff, auch wenn er bei pri­vat­recht­li­chen Hoch­schu- len im Grun­de nur ein vor­be­rei­ten­der Akt der Entsch­ei- dung über die Aner­ken­nung bzw. Nicht­an­er­ken­nung ist.10

b) Recht­fer­ti­gung des Eingriffs

Ein­grif­fe in die vor­be­halt­los gewähr­leis­te­te Wis­sen­schafts- frei­heit kön­nen zur Ver­fol­gung eines Zie­les mit Ver­fas- sungs­rang gerecht­fer­tigt sein. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge- richt nennt zwei mög­li­che ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran- ken: Das Hoch­schul­stu­di­um steht in engem Zusam­men­hang mit dem Recht der frei­en Berufs­wahl der Stu­die­ren­den nach Art.12 Abs. 1 GG, da die Aus­bil­dung in der Regel die Vor­stu­fe einer Berufs­auf­nah­me ist.11

Als zwei­tes Ziel nennt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Qua­li­täts­si­che­rung in der Leh­re. Die­se Schran­ke folgt letzt­lich aus den sub­jek­ti­ven Rech­ten der Fakul­tä- ten aus Art. 5 Abs. 3 GG. Dies ist inso­fern stim­mig, weil

ment der Qua­li­täts­si­che­rung, Drs. 2259-12 vom 25.5.2012, S. 33,

143.
10 Heits­ch, Rechts­na­tur der Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dun­gen / Pro-

zes­sua­le Fra­gen, WissR 42 (2009), S. 136 (144 f.); Lege (Fn. 2), JZ

2005, 698 (702); Immer (Fn. 3), S. 168, 247 ff.
11 Wie­der­um seit der NC-Ent­schei­dung (BVerfG, Urt. 18.7.1972 – 1

BvL 32/70 und 25/71 = BVerfGE 33, 303 ff.) ein­hel­li­ge Mei­nung, vgl. Quapp (Fn. 8), DÖV 2011, 68 (72); Quapp (Fn. 3), WissR 43 (2010), S. 346 (355); Lege (Fn. 2), JZ 2005, 698 (705); Immer (Fn. 3), S. 401 ff.

Geis · Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Akkre­di­tie­rung 1 9 5

eine objek­tiv-recht­li­che Kon­struk­ti­on (z.B. als Ver­pflich- tung des Staa­tes, die Qua­li­tät des Stu­di­ums zu garan­tie- ren) durch­aus frag­wür­dig gewe­sen wäre. Nach wie vor gilt die eiser­ne Dok­trin, dass objek­ti­ve Grund­rechts­sei- ten ursprüng­lich ent­wi­ckelt wor­den sind, um die sub­jek- tiven Grund­rechts­sei­ten zu stär­ken und zu „umhe­gen“, nicht aber, um jene als ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran- ken zu begrenzen.

c) Erfor­der­nis einer gesetz­li­chen Grundlage

Ein Ein­griff bedarf jedoch einer hin­rei­chen­den gesetz­li- chen Grund­la­ge, ins­be­son­de­re auch bei der Kon­kre­ti­sie- rung ver­fas­sungs­im­ma­nen­ter Schran­ken: Nach stän­di- ger Recht­spre­chung des Bundesverfassungsgerichts12 ist geklärt, dass Rechts­staats­prin­zip und Demo­kra­tie­ge­bot den Gesetz­ge­ber dazu ver­pflich­ten, die inso­weit für die Grund­rechts­ver­wirk­li­chung wesent­li­chen Rege­lun­gen selbst zu treffen.13 Mit ande­ren Wor­ten: Die Her­stel­lung prak­ti­scher Kon­kor­danz ist nicht pri­mär dem Ein­zel­fall vorbehalten(imkonkretenFall:nichteinernormativnicht gebun­de­nen auto­no­men Ein­zel­fall­ent­schei­dung der ein­ge- setz­ten Gut­ach­ter­kom­mis­si­on). Wie weit der Gesetz­ge­ber die für den frag­li­chen Lebens­be­reich erfor­der­li­chen Leit- lini­en selbst bestim­men muss, rich­tet sich maß­geb­lich danach, inwie­weit Frei­heits­grund­rech­te kol­li­die­ren und deren jewei­li­ge Gren­zen flie­ßend und nur schwer aus­zu- machen sind. Hier ist der Gesetz­ge­ber ver­pflich­tet, die ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ken der wider­strei­ten- den Frei­heits­ga­ran­tien jeden­falls so weit selbst zu bestim­men, wie sie für die Aus­übung die­ser Frei­heits- rech­te wesent­lich sind.14

Im vor­lie­gen­den Fall bedeu­tet dies frei­lich einen le- gis­la­to­ri­schen Draht­seil­akt: Einer­seits darf der Gesetz­ge- ber zur Qua­li­täts­si­che­rung der Leh­re nicht selbst detail- lier­te Vor­ga­ben zu Lehr­in­hal­ten tref­fen, denn das wür­de die grund­recht­lich geschütz­te Eigen­ra­tio­na­li­tät der Wis- sen­schaft miss­ach­ten. Ande­rer­seits muss er sich schüt- zend vor die Aus­bil­dungs­frei­heit der Stu­die­ren­den stel- len, um das erwähn­te Qua­li­täts­ni­veau zu gewähr­leis­ten. Aus die­sem Grun­de muss der Gesetz­ge­ber unab­ding­bar min­des­tens regeln, wer die Qua­li­täts­kon­trol­le zu orga­ni- sie­ren habe und wie das Ver­fah­ren dazu aus­zu­ge­stal­ten sei. Er muss inso­fern ein Gesamt­ge­fü­ge schaf­fen, in dem

  1. 12  BVerfG, Beschl. 27.11.1990 – 1 BvR 402/87 = BVerfGE 83, 130 (142).
  2. 13  BVerfG, Beschl. 9.5.1972 – 1 BvR 518/62 u. 308/64 = BVerfGE 33,125 (158); Beschl. 10.10.1972 – 2 BvL 51/69 = BVerfGE 34,
    52 (60); Urt. 6.12.1972 – 1 BvR 230/70 u. 95/71 = BVerfGE 34, 165 (192 f.); Beschl. 22.6.1977 – 1 BvR 799/76 = BVerfGE 45, 400 (417), Beschl. 21.12.1977 – 1 BvL 1/75; 1 BvR 147/75 = BVerfGE 47, 46 (78 f.); Beschl. 8.8.1978 – 2 BvL 8/7 = BVerfGE 49, 89 (127); Beschl. 27.11.1990 – 1 BvR 402/87 = BVerfGE 83, 130 (161).

Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se und Mit­wir­kungs­rech­te, Ein- fluss­nah­me, Infor­ma­ti­on und Kon­trol­le so aus­ge­stal­tet sind, dass Gefah­ren für die Frei­heit der Leh­re so umfas- send wie mög­lich ver­mie­den wer­den. Zur Ver­mei­dung wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ter Steue­rungs­po­ten­tia­le ist daher eine „ange­mes­se­ne Betei­li­gung“ der Wis­sen­schaft – ins- beson­de­re bei der Fest­le­gung der Bewer­tungs­kri­te­ri­en einer Akkre­di­tie­rung – unab­ding­bar. Das gilt erst recht, wenn die Bewer­tungs­kri­te­ri­en für Akkre­di­tie­run­gen hoch­schulex­tern fest­ge­setzt wer­den, da damit ein erhöh- tes Risi­ko der Ver­nach­läs­si­gung wis­sen­schafts­ad­äqua­ter Belan­ge ein­her­geht. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Kri­te­ri­en in den ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen unter- schied­lich sein kön­nen und gege­be­nen­falls auch sein müs­sen. Das bedeu­tet aller­dings auch, dass eine exter­ne Akkre­di­tie­rungs­pflicht grund­sätz­lich ver­fas­sungs­recht- lich zuläs­sig sein kann, wenn sie die­se Kaute­len befolgt.

Die­se erfor­der­li­che gesetz­li­che Rege­lung wird nicht schon durch die Über­ein­kunft zur Euro­päi­sie­rung des Hoch­schul­raums („Bolo­gna-Erklä­rung“) ersetzt: Zum einen steht der Euro­päi­schen Uni­on kei­ne Har­mo­ni­sie- rungs­kom­pe­tenz für die Leh­re an Hoch­schu­len zu; die getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen stel­len ledig­lich eine Ab- sichts­er­klä­rung ohne (recht­li­che) Bin­dungs­wir­kung dar.15 Zum ande­ren müss­ten selbst für die Mit­glieds­staa- ten ver­bind­li­che Bestim­mun­gen (sei es auf euro­pa­recht- licher, sei es auf völ­ker­recht­li­cher Ebe­ne) erst durch den Gesetz­ge­ber in hin­rei­chen­dem Maße umge­setzt werden.

Zwar haben die Lan­des­ge­setz­ge­ber in ihren neue­ren Hoch­schul­ge­set­zen die Pflicht zur Akkre­di­tie­rung nor- miert, so etwa in den strei­ti­gen Fäl­len auch Nord­rhein- West­fa­len in sei­nem Hoch­schul­frei­heits­ge­setz vom 31. Okto­ber 2006 (GV. NRW. S. 474). Jedoch genü­gen §§ 72 II 6, 72 I Nr. 3 HG NRW a.F. nach Auf­fas­sung des Gerichts nicht den Anfor­de­run­gen an die Rege­lungs- dich­te im Sine der Wesent­lich­keits­theo­rie. So feh­len hin- rei­chen­de gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dun­gen zu den Be- wer­tungs­kri­te­ri­en, dem Ver­fah­ren und der Orga­ni­sa­ti­on der Akkre­di­tie­rung, vor allem im Hin­blick auf eine hin- rei­chen­de Betei­li­gung der Wis­sen­schaft an der Erar­bei- tung die­ser Kri­te­ri­en selbst. Letz­te­res hät­te Bestim­mun- gen über die Zusam­men­set­zung der Gut­ach­ter­grup­pen erfor­dert, die den „klas­si­schen“ For­de­run­gen des Hoch-

14 BVerfG, Urt. 5.8.1966 – 1 BvF 1/61 = BVerfGE 20, 150 (157 f.); Beschl. 6.6.1989 – 1 BvR 921/85 = BVerfGE 80, 137 (161).
15 Immer (Fn. 3), S. 49 ff.; Heits­ch (Fn. 4), DÖV 2007, 770 (772).

Eben­so wenig über­zeugt der Ver­weis auf Art. 23 I 1 Hs. 1 GG in Bezug auf die Staats­ziel­be­stim­mung, auf ein ver­ein­tes Euro­pa hin­zu­wir­ken, vgl. Quapp (Fn. 8), DÖV 2011, 68 (71); Quapp (Fn. 3), WissR 43 (2010), S. 346 (349).

196 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 193–202

schu­l­ur­teils gerecht wer­den, also – im Bereich der Leh­re – die 50%-Repräsentanz sichern.

§ 72 II 6 HG NRW a.F. ver­wies ledig­lich auf „gel­ten­de Rege­lun­gen“, nach denen akkre­di­tiert wer­den sol­le. Die­ser Blan­kett­ver­weis ermög­lich­te es Betrof­fe­nen jedoch nicht, die Inten­si­tät des Ein­griffs in ihre Grund­rech­te vor­her­zu­se- hen. Die Geset­zes­be­grün­dung ist inso­weit wenig ergie­big: Es wird „ins­be­son­de­re“ – gleich­wohl pau­schal – auf das nord­rhein-west­fä­li­sche Akkre­di­tie­rungs­stif­tungs­ge­setz (AkkStiftG), die das Akkre­di­tie­rungs­we­sen betref­fen­de Ver­ein­ba­run­gen und Beschlüs­se der Kul­tur­mi­nis­ter­kon­fe- renz, die Beschlüs­se des Akkre­di­tie­rungs­ra­tes und sons­ti­ge auf der Grund­la­ge des AkkStiftG ergan­ge­ne Rege­lun­gen so- wie lan­des­spe­zi­fi­sche Vor­ga­ben ver­wie­sen, die über die Stif­tung Bin­dungs­wir­kung für die Agen­tu­ren ent­fal­ten soll- ten.16 Im nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­hoch­schul­recht fan­den sich für die Akkre­di­tie­rung aller­dings kei­ne wei­te- renVorgaben;nichteinmalaufdasAkkStiftGwurdever- wiesen.17 Das hät­te aller­dings auch nicht aus­ge­reicht, da das AkkStiftG das Ver­fah­ren, die Rechts­na­tur und die Rechts- wir­kun­gen der Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dun­gen weit­ge- hend unge­klärt lässt.

Des Wei­te­ren über­nimmt das Gericht den im Schrift- tum geäu­ßer­ten Vor­wurf, dass das nord­rhein-west­fä­li- sche Akkre­di­tie­rungs­stif­tungs­ge­setz in den ande­ren Bun­des­län­dern nicht ledig­lich durch Beschlüs­se der KMK, also eine exe­ku­ti­ve Ver­wei­sung, für anwend­bar erklärt wer­den könne.18 Kor­rek­ter Weg wäre – nach­dem das Hoch­schul­rah­men­ge­setz (HRG) als ein­heit­li­che Re- gelungs­platt­form seit der Föde­ra­lis­mus­re­form I (2006) nicht mehr zur Ver­fü­gung stand – also ein Län­der­staats- ver­trag mit ent­spre­chen­den Fol­ge­re­ge­lun­gen in den Lan­des­hoch­schul­ge­set­zen gewesen.19

3. Was das Gericht nicht ent­schie­den hat

a) Zuläs­sig­keit exter­ner Qua­li­täts­si­che­rungs- maßnahmen

Um es noch ein­mal deut­lich zu machen: Das Bun­des­ver- fas­sungs­ge­richt hat sich gera­de nicht gene­rell gegen

  1. 16  Vgl. LT-Drs. 14/2063 S. 141 f., 170.
  2. 17  Im neu­en § 7a HG NRW wird auf das AkkStiftG verwiesen;jedoch sind die dort genann­ten Rege­lun­gen nicht ausreichend.
  3. 18  BVerfG, Beschl. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10 = NVwZ 2016, 675(679 f.).
  4. 19  Heits­ch (Fn. 4), DÖV 2007, 770 (773); Brink­tri­ne, Akkre­di­tie-rungs­ver­fah­ren und ‑model­le nach Maß­ga­be des Hoch­schul­rechts der Län­der, WissR 42 (2009), S. 164 (168 ff.); Quapp (Fn. 8), DÖV 2011, 68 (72).
  5. 20  BVerfG, Beschl. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10B = NVwZ 2016, 675 (678 f.).

Maß­nah­men der exter­nen Qua­li­täts­si­che­rung aus­ge- sprochen.20 Im Gegen­teil die­nen Maß­nah­men zur Qua- litäts­si­che­rung der wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards in der Leh­re dazu, dass Hoch­schu­len ihren Auf­ga­ben gerecht wer­den können.21 Dabei sei aber sicher zu stel­len, dass die Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft – also die Hoch­schul­leh- rer/innen – maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Defi­ni­ti­on der qua­li­täts­be­stim­men­den Kri­te­ri­en inne­hät­ten. Es dür­fe also kei­ne Domi­nanz staat­li­chen oder gar gesell­schaft­li- chen Ein­flus­ses geben. Die­je­ni­ge Insti­tu­ti­on, die letzt­lich für die Auf­stel­lung der bestim­men­den Qua­li­täts­kri­te­ri­en zustän­dig sei – das ist kon­kret der Akkre­di­tie­rungs­rat – muss infol­ge­des­sen min­des­tens zur Hälf­te von Hoch- schullehrer/innen besetzt sein. Mag auch die Rechtsp­re- chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dem Gesetz­ge­ber über die letz­ten Jahr­zehn­te eine weit­ge­hen­de Ges­tal- tungs­be­fug­nis zuge­bil­ligt haben, an den sei­ner­zeit im „Hoch­schu­l­ur­teil“ ent­wi­ckel­ten Kriterien22 hält das Gericht eisern fest und passt die­se zeit­ge­mäß an das gewan­del­te Bolo­gna-Sys­tem an. Die­se Kon­stan­te soll­te der Hoch­schul­po­li­tik als Rocher de bron­ze stets vor Augen ste­hen, wenn sie aus par­tei­po­li­ti­schen resp. ideo- logi­schen Beweg­grün­den bei der Gre­mi­en­zu­sam­men- set­zung immer wie­der pseu­do­de­mo­kra­ti­sche Anwand- lun­gen à la Drit­tel- oder Vier­tel­pa­ri­tät forciert.

b) Kei­ne zwin­gen­de Belei­hung der Akkre­di­tie­rungs- agenturen

Auch hat das Gericht nicht gefor­dert, dass die Agen­tu­ren zwin­gend Belie­he­ne sein müss­ten. Über die­se Pro­ble­ma- tik hat­te sich immer­hin die wohl zen­tra­le juris­ti­sche Kon­tro­ver­se im Schrift­tum ent­fal­tet: Nach einer Mei- nung sei­en die Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren als rein pri­va- te Akteu­re ein­zu­stu­fen; es hand­le sich um eine mate­ri­el- le Pri­va­ti­sie­rung des gesam­ten Akkreditierungswesens.23 Die (über­wie­gen­de) Gegen­auf­fas­sung sieht in der Akk­re- ditie­rungs­ent­schei­dung als Geneh­mi­gungs­sur­ro­gat der Sache nach eine hoheit­li­che Tätig­keit; damit müs­se in der Akkre­di­tie­rung der pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­ten Agen­tu­ren durch den Akkre­di­tie­rungs­rat eine (erfor­der-

21 BVerfG, Beschl. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10B = NVwZ 2016, 675 (677 f.).

22 BVerfG, Urt. 29.5.1973 – 1 BvR 424/71 u. 325/72 = BVerfGE 35, 79 (113 ff.).

23 Erich­sen, Insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung und Rechts­rah­men der Ak- kre­di­tie­rung, in: Bretschneider/Wildt, Hand­buch Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen, 2005, S. 112 (118); Pautsch, Rechts­fra­gen der Akkre­di­tie­rung; WissR 38 (2005), S. 200 (215).

Geis · Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Akkre­di­tie­rung 1 9 7

liche) Belei­hung gese­hen wer­den. Nach die­ser Auf­fas- sung liegt „nur“ eine Orga­ni­sa­ti­ons­pri­va­ti­sie­rung vor.24

Die ers­te­re Ansicht folgt letzt­lich dem von der neu­en deut­schen Ver­wal­tungs­rechts­wis­sen­schaft favo­ri­sier­ten Modell der „regu­lier­ten Selbst­re­gu­lie­rung“, das ver­sucht, gesell­schaft­li­che Gestal­tungs­kraft für den öffent­li­chen Bereich nutz­bar zu machen.25 Die­ses Modell, das pro­mi- nent vor allem im Wirt­schafts­be­reich pro­pa­giert wur- de,26 erin­nert sehr stark an den Gedan­ken der Selbst­le­gi- tima­ti­on auto­poie­ti­scher Sys­te­me (im Sin­ne Niklas Luh- manns27) zurück. Frei­lich setzt es sich damit auch den klas­si­schen Kri­tik­punk­ten aus: Die Imple­men­ta­ti­on au- topoie­ti­scher Sys­te­me in die Erfül­lung öffent­li­cher Auf- gaben kann zu einem signi­fi­kan­ten Defi­zit an demo­kra- tischer Legi­ti­ma­ti­on füh­ren, zumal dann, wenn die staat- lichen Auf­sichts­kom­pe­ten­zen gegen­über den Agen­tu­ren und die Kon­trol­le ihrer Tätig­keit gesetz­lich nicht defi- niert sind. Gera­de der sich inhalt­lich zurück­neh­men­de „Gewähr­leis­tungs­staat“ kann auf das Erfor­der­nis einer wir­kungs­vol­len Aufsicht“28 nicht ver­zich­ten. Dies gilt wegen der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes für das Funk­tio- nie­ren einer frei­en Wis­sen­schaft nicht nur bei einer öf- fent­lich-recht­li­chen Ver­selb­stän­di­gung (à la „Stif­tungs- uni­ver­si­tät“), son­dern erst recht bei der Ver­la­ge­rung auf pri­va­te Akteure.

In der ursprüng­li­chen Fas­sung hat­te der Gesetz­ge­ber des nord­rhein-west­fä­li­schen Akkre­di­tie­rungs­ge­set­zes – dem dama­li­gen Pri­va­ti­sie­rungs-Hype ent­spre­chend – wohl eine pri­vat­recht­li­che Kon­struk­ti­on vor Augen.29 Nach dem Zweck der Kon­struk­ti­on soll­te das ursprüng- lich öffent­lich-recht­li­che Regime des Stu­di­en­sys­tems im Sin­ne einer grö­ße­ren Auto­no­mie der Hoch­schu­len aus der (fach­auf­sicht­li­chen) Abhän­gig­keit der Minis­te­ri­en her­aus­ge­löst und einem selbst­re­gu­la­ti­ven Pro­zess unter- wor­fen wer­den. Dies spricht für ein Modell der ech­ten Auf­ga­ben­pri­va­ti­sie­rung, bei dem sich der Staat ganz aus

  1. 24  So die wohl h.M., vgl. etwa Lege (Fn. 2), JZ 2005, 698 (702); Mann/Immer, Rechts­pro­ble­me der Akkre­di­tie­rung von Stu­di- engän­gen, RdJB, 2007, 334 (342 ff.); Heits­ch (Fn. 4), DÖV 2007, 770 (778); ders. (Fn. 10), WissR 42 (2009), S. 136 (138 f., 143); Wil­helm, Ver­fas­sungs- und ver­wal­tungs­recht­li­che Fra­gen der Akkre­di­tie­rung, 2009, S. 182 ff.; Mer­schmann, Die Rechts­na­tur der Akkre­di­tie­rung von Stu­di­en­gän­gen, NvWZ 2011, 847 (848). Eben­so die erst­in­stanz­li­che Recht­spre­chung (vor der Geset- zes­än­de­rung in NRW) VG Min­den, Beschl. 30.7.2009 – 2 K 1291/08, Rn. 1–3; VG Arns­berg, Beschl. 16.4.2010 – 12 K 2689/08, Rn. 121 ff., das den Fall dem BVerfG vor­ge­legt hatte.
  2. 25  Als Stan­dard­werk fun­giert Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/ Voß­kuh­le (Hrsg.), Grund­la­gen des Ver­wal­tungs­rechts, 3 Bde., 2. Aufl. 2012.
  3. 26  Vgl. dazu Schmidt-Preu­ß/­di Fabio, Ver­wal­tung und Ver­wal­tungs- recht zwi­schen gesell­schaft­li­cher Selbst­re­gu­lie­rung und staat­li­cher Steue­rung, VVDStRL 56 (1997), S. 160 ff., 235 ff.
  4. 27  Grdl. Luh­mann, Das Recht der Gesell­schaft, 1993, S. 192.
  5. 28  BVerw­GE 135 (297 ff.). Dazu auch Gär­ditz, WissR, 43 (2010),

der Auf­ga­ben­er­fül­lung auf die sog. Gewähr­leis­tungs­ver- ant­wor­tung zurückzieht.30 Maß­stab der Gewähr­leis- tungs­auf­sicht ist, ob auch durch die Pri­va­ti­sie­rung die Si- che­rung der Effek­ti­vi­tät der Gemein­wohl­auf­ga­ben ge- währ­leis­tet wird und die Rech­te Drit­ter aus­rei­chend ge- wahrt sind.31

Zwar hat­te sich der nord­rhein-west­fä­li­sche Gesetz­ge- ber wäh­rend des anhän­gi­gen Ver­fah­rens am 1. Okto­ber 2014 doch für eine Belei­hungs­lö­sung ent­schie­den (§ 72a HG NRW), was das Gericht auch zur Kennt­nis genom- men hat. Doch sieht es offen­bar auch eine rein pri­vat- recht­li­che Kon­struk­ti­on als ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig an, solan­ge die ent­spre­chen­den Auf­sichts­rech­te des Staa- tes gewahrt sind. Dies ent­spricht der ver­brei­te­ten Dokt- rin vom Rück­zug des (han­deln­den) Staa­tes zum Ge- währleistungsstaat.32 Die Zurück­hal­tung der Entsch­ei- dung in die­sem Punkt ver­wun­dert aller­dings nicht wirk- lich, hat­ten sich doch akti­ve und ehe­ma­li­ge Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter in der jün­ge­ren Ver­gan­gen- heit lite­ra­risch für das Kon­zept der „regu­lier­ten Selbst­re- gulie­rung“ stark gemacht.33

Damit bleibt auch für die ande­ren Bun­des­län­der of- fen, wel­ches Kon­zept sie ver­wirk­li­chen wol­len. In einem obiter dic­tum stellt das Gericht ja fest, dass eine exe­ku­ti- ve Ver­wei­sung ande­rer Län­der auf AkkStiftG den ver­fas- sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht genü­ge. Da das nord­rhein-west­fä­li­sche AkkStiftG nur ein Gesetz auf Lan­des­ebe­ne sei, kön­ne es nicht das Akkre­di­tie­rungs­we- sen für ganz Deutsch­land regeln. Damit besteht ent­we- der die bereits erwähn­te Mög­lich­keit einer staats­ver­trag- lichen Lösung, aber auch die Opti­on für län­der­spe­zi­fi- sche „Insel­lö­sun­gen“. Die letz­te­re Mög­lich­keit wür­de aber in der Pra­xis zu heil­lo­sen Ver­wir­run­gen füh­ren: Da die bestehen­den Agen­tu­ren ja län­der­über­grei­fend tätig sind, wäre es denk­bar, dass sie in einem Bun­des­land als Belie­he­ne auf­tre­ten, im Nach­bar­land als Private.

220 (228 f.); Geis/Krausnick, in: Här­tel (Hrsg.), Hand­buch des

Föde­ra­lis­mus, Bd. III (2012), § 63 Rn. 47.
29 LT-Drs. NRW 13/6182, S. 12; dem fol­gend (nur) Pautsch (Fn. 23),

WissR 38 (2005), S. 200 ff.; Bies­back, Zer­ti­fi­zie­rung und Akk­re- ditie­rung. Das Zusam­men­wir­ken staat­li­cher und nicht­staat­li­cher Akteu­re in gestuf­ten Prüf­sys­te­men, 2008, passim.

30 Voß­kuh­le, Betei­li­gung Pri­va­ter an öffent­li­chen Auf­ga­ben, VVD- StRL 62 (2003); S. 266 (285); Kraus­nick, Staat und Hoch­schu­le im Gewähr­leis­tungs­staat, 2011; Schmidt am Busch, Gewähr­leis­tungs- auf­sicht zur Sicher­stel­lung pri­va­ter Auf­ga­ben­er­le­di­gung, Die Ver­wal­tung 49 (2016), S. 205 (207 ff.).

31 Schmidt am Busch (Fn. 30), Die Ver­wal­tung 49 (2016), S. 215 (220 ff.).

32 Zen­tral Kraus­nick (Fn. 30), pas­sim.
33 Allen vor­an Hoff­mann-Riem, Regu­la­ting Media, 1996, S. 326;

eben­so Voß­kuh­le, Regu­lier­te Selbst­re­gu­lie­rung – Zur Kar­rie­re eines Schlüs­sel­be­griffs, DV, Bei­heft 4 (2001), S. 197 f.; Eifert, in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le (Fn. 25), Bd. 1, § 19 Rn. 54.

198 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 193–202

c) Ein­deu­tig­keit des Rechtswegs

Das Pro­blem liegt indes auf einer ande­ren Ebe­ne: In der ursprüng­li­chen Fas­sung des Geset­zes war unge­ach­tet der Begrün­dung VAGe geblie­ben, ob die Akkre­di­tie­rungs- ent­schei­dung öffent­lich-recht­li­cher oder pri­vat­recht­li- cher Natur sei. Die Rechts­stel­lung der Agen­tu­ren sei jedoch für die Bestim­mung des Rechts­wegs maß­geb­lich. Im ers­te­ren Fall wäre gegen ein nega­ti­ves Votum der Akkre­di­tie­rungs­agen­tur mit einer Ver­pflich­tungs­kla­ge nach §42Abs.1S.2VwGO, gege­be­nen­falls auch mit einer Fest­stel­lungs­la­ge nach § 43 Abs. 1 VwGO, vor­zu­ge- hen.34 Han­del­te es sich dage­gen um eine pri­vat­recht­li­che Kon­struk­ti­on, wäre gegen ein nega­ti­ves Votum der Akkre­di­tie­rungs­agen­tur mit einer zivil­recht­li­chen Leis- tungs­kla­ge zum Land­ge­richt vor­zu­ge­hen. Die­se Vari­an­te wäre gegen­über der ers­te­ren deut­lich müh­sa­mer: Zum einen trägt im Par­tei­en­pro­zess die Hoch­schu­le nach dem Bei­brin­gungs­grund­satz (§ 282 ZPO) die for­mel­le Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen einer posi­ti­ven Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dung; da die­se als Votum einer unab­hän­gi­gen Sach­ver­stän­di­gen­kom­mis­si­on unter die Kate­go­rie Beur­tei­lungs­spiel­raum fällt, dürf­te die Beweis- füh­rung schwie­rig wer­den. Zum ande­ren wird im Zivil- ver­fah­ren der Streit­wert regel­mä­ßig deut­lich höher aus- fal­len, was in Ver­bin­dung mit der Anwalts­pflicht vor dem nach §§ 71 Abs. 1, 23 Zf. 1 GVG dann zustän­di­gen Land­ge­richt ein wesent­lich höhe­res Kos­ten­ri­si­ko für die Hoch­schu­le bedeu­tet. Bei einer öffent­lich-recht­li­chen Lösung ver­schafft der Unter­su­chungs­grund­satz dem Klä­ger eine deut­lich bes­se­re Stel­lung. Durch die unkla­re recht­li­che Kon­struk­ti­on ent­steht nach Auf­fas­sung des BVerfG für die betrof­fe­nen Hoch­schu­len eine unzu­mut- bare Unge­wiss­heit (und ein zusätz­li­ches Kos­ten­ri­si­ko nach § 17b Abs. 2 Satz 2 GVG), wel­cher Rechts­weg im Fal­le einer nega­ti­ven Ent­schei­dung ein­zu­schla­gen sei.35

Es fällt auf, dass das Gericht das Erfor­der­nis des kla- ren Rechts­wegs nicht auf Art.19 Abs. 4 GG stützt, was – als Ele­ment des effek­ti­ven Rechts­schut­zes – durch­aus denk­bar gewe­sen wäre. Viel­mehr moniert es ein Defi­zit am Maß­stab der Wesentlichkeitstheorie.36

  1. 34  Ein­zel­hei­ten bei Heits­ch (Fn. 10), WissR 42 (2009), S. 136 ff.
  2. 35  Heits­ch (Fn. 10), WissR 42 (2009), S. 136 (144); Brink­tri­ne(Fn. 19), WissR 42 (2009), S. 164 (168 ff.).
  3. 36  BVerfG, Beschl. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10B = NVwZ 2016, 675(680).
  4. 37  Zu die­ser Ent­wick­lung Geis, (Fn. 28), § 100, Rn. 57; ders., Die­Ent­wick­lung des Hoch­schul­rechts 2008–2012, Die Ver­wal­tung 45(2012), S. 525 (530 f.).
  5. 38  BVerfG, Urt. 14.2.2012 − 2 BvL 4/10 = BVerfGE 130, 263 ff.
  6. 39  Dazu Voß­kuh­le, in: Hoffmann-Riem/Schmidt-Aßmann/Voßkuhle(Fn. 25), Bd. 3, § 43 Rn. 61 mwN. in Fn. 112.

4. Ein­ord­nung in die „neue Linie“ der Hochschulrechtsprechung

Die Ent­schei­dung des BVerfG schreibt inhalt­lich die „neue Linie“ fort, die das Gericht seit etwa 2010 ver­folgt. Einer­seits hat das Gericht seit jeher betont, dass dem Gesetz­ge­ber orga­ni­sa­to­risch ein weit­ge­hen­der Ges­tal- tungs­spiel­raum zukom­me. Weder die sub­jek­ti­ve noch die objek­ti­ve Wis­sen­schafts­frei­heit stün­den Ansät­zen des Hoch­schul­ge­setz­ge­bers ent­ge­gen, neue Orga­ni­sa­ti- ons­struk­tu­ren zu erpro­ben und ein­zu­füh­ren. Dazu gehör­ten die Ver­schie­bun­gen in den Organ­kom­pe­ten- zen,37 dazu gehör­te die grund­sätz­li­che Zuläs­sig­keit von Leis­tungs­zu­la­gen in der W‑Besoldung38 als Aus­prä­gung des New Public Management,39 und dazu gehört jetzt auch die Ver­la­ge­rung der Erfül­lung öffent­li­cher Auf­ga- ben auf die Akkre­di­tie­rungs­agen­tu­ren als pri­va­te Akteu- re.40

Gleich­wohl wird unge­ach­tet der Offen­heit für neue Ansät­ze orga­ni­sa­to­ri­scher und per­so­nel­ler Steue­rung deut­lich, dass das Gericht sein Augen­merk wie­der stär- ker auf die Wah­rung (bzw. Restau­ra­ti­on) der aka­de­mi- schen Selbst­ver­wal­tung in der Nach­fol­ge des bereits er- wähn­ten „Hoch­schu­l­ur­teils“ von 197341 rich­tet. Hat­te man nach dem „ers­ten“ Bran­den­burg-Urteil von 200442 schon befürch­tet, dass die sei­ner­zeit auf­ge­stell­ten Pos­tu- late im Stru­del der Öko­no­mi­sie­rung und des Mana­ge- mentden­kens ver­schlun­gen wür­den, so hat das Gericht durch den Akkord des Ham­bur­ger Dekans­be­schlus­ses von 2010,43 des Beschlus­ses zur Medi­zi­ni­schen Hoch- schu­le Han­no­ver von 2014,44 des BTU-Beschlus­ses von 201545 und eben des jet­zi­gen Beschlus­ses zur Akkre­di­tie- rung eine bemer­kens­wer­te Renais­sance der Mit­wir- kungs­rech­te der Hoch­schul­leh­rer her­bei­ge­führt. Dabei wur­de die ursprüng­lich höchst abs­trakt for­mu­lier­te Ge- fahr eines struk­tu­rel­len Ein­griffs in die Wis­sen­schafts- frei­heit als Gren­ze der legis­la­to­ri­schen Gestal­tungs­be- fug­nis ein­drucks­voll konkretisiert.

Der Gesetz­ge­ber hat­te die Nor­mie­rung inhalt­li­cher und ver­fah­rens­be­zo­ge­ner Anfor­de­run­gen an die Akk­re- ditie­rung fak­tisch aus der Hand gege­ben, ohne wesentli-

40 Heits­ch (Fn. 4), DÖV 2007, 770 (776).
41 BVerfG, Urt. 29.5.1973 – 1 BvR 424/71 u. 325/72 = BVerfGE 35,

79 ff.; sie­he auch oben II.3.a.
42 BVerfG, Beschl. 26.10.2004 – 1 BvR 911, 927, 928/00 = BVerfGE

111, 333 ff.
43 BVerfG, Beschl. 20.7.2010 – 1 BvR 748/06 = BVerfGE 127, 87 ff.;

Anm. von Gär­ditz, JZ 2011, 314 ff.
44 BVerfG, Beschl. 24.6.2014 – 1 BvR 3217/07 = BVerfGE 136, 338 ff.

(nach dem Beschwer­de­füh­rer auch „Hau­bitz-Beschluss“ genannt). 45 BVerfG, Beschl. 12.5.2015 – 1 BvR 1501/13, 1 BvR 1682/1 =

BVerfGE 139, 148 ff.

Geis · Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Akkre­di­tie­rung 1 9 9

che Ent­schei­dun­gen selbst zu tref­fen. Dabei wur­den dem Akkre­di­tie­rungs­rat wesent­li­che Ent­schei­dun­gen über­las- sen, was den Agen­tu­ren wie­der­um weit­rei­chen­de Spiel­räu- me eröff­ne­te. Unge­ach­tet der letzt­lich ver­folg­ten Kon­struk- tion der Akkre­di­tie­rung war die not­wen­di­ge und hin­rei- chen­de Betei­li­gung der Wis­sen­schaft im mehr­stu­fi­gen Ver- fah­ren nicht gesi­chert. Ins­be­son­de­re ist die hin­rei­chen­de Betei­li­gung der Wis­sen­schaft selbst an der Akkre­di­tie­rung bis­lang nicht gesi­chert: Nach § 7 Abs. 2 AkkStiftG gehö­ren dem Akkre­di­tie­rungs­rat vier Mit­glie­der für die Hoch­schu- len und zwei Stu­die­ren­de an, die von der Hoch­schul­rek­to- ren­kon­fe­renz benannt wer­den. Doch ist weder gesi­chert, dass hier wie auch in den Agen­tu­ren tat­säch­lich die Wis­sen- schaft – und nicht etwa die Hoch­schul­lei­tun­gen – ver­tre­ten sind. Auch ist nicht gesi­chert, dass die Wis­sen­schaft im Ak- kre­di­tie­rungs­rat eine maß­geb­li­che Stim­me hat, denn des- sen Mit­glie­der wer­den nach § 7 Abs. 2 Satz 2 AkkStiftG ein- ver­nehm­lich von der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz und der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz bestellt; damit ver­fügt die staat­li- che Ver­wal­tung über eine Veto­po­si­ti­on, die an kei­ner­lei Vo- raus­set­zun­gen gebun­den ist. Durch die wei­te­re Beset­zung des Akkre­di­tie­rungs­ra­tes aus den Län­dern und aus der Be- ruf­s­pra­xis, aus den für das Dienst- und Tarif­recht zustän­di- gen Lan­des­mi­nis­te­ri­en und aus den Agen­tu­ren (§ 7 II 1 Nr. 2, 3, 6 AkkStiftG) sind nur Inter­es­sen außer­halb der Wis- sen­schaft ver­tre­ten. Das AkkStiftG schafft so kein Gesamt- gefü­ge, das der Wis­sen­schafts­frei­heit hin­rei­chend Rech- nung trägt.

Nach der roten Linie des BVerfG müs­sen die entsch­ei- dungs­be­fug­ten Gre­mi­en – sowohl Akkre­di­tie­rungs­rat als auch die Agen­tu­ren – plu­ra­lis­tisch und nicht zuletzt mit Hoch­schul- ver­tre­tern besetzt sein, um eine zumal gegen­über frü­he­ren Ver­fah­ren ver­bes­ser­te Prü­fung durch die „sci­en­ti­fic com­mu­ni- ty“ zu ermög­li­chen. Einer mehr­heit­li­chen Betei­li­gung der Hoch­schul­leh­rer bedarf es dabei aller­dings nicht: Akkre­di­tie- rung steht als Auf­ga­be des Kon­do­mi­ni­al­be­reichs in gleich­be- rech­tig­ter Ver­ant­wor­tung von Län­dern und Hoch­schu­len; das Ver­fah­ren soll all­ge­mei­ne und über­grei­fend gül­ti­ge Min­dest- stan­dards prü­fen. Ent­schei­dun­gen zu kon­kre­ten Ein­zel­hei­ten der Leh­re an einer bestimm­ten Hoch­schu­le dür­fen die Akk­re- ditie­rungs­gre­mi­en ohne­hin nicht tref­fen, weil auch die dar­in ver­tre­te­nen Wis­sen­schaft­ler jeden­falls nicht der aktu­ell betrof- fenen Ein­rich­tung ange­hö­ren. Damit ist die im Hoch­schu­lur- teil von 1973 bestimm­te 50 %-Quo­te not­wen­dig, aber auch hinreichend.

  1. 46  BVerfG, Beschl. 17.2.2016 – 1 BvL 8/10B = NVwZ 2016, 675 (677 f.).
  2. 47  BVerfG, Urt. 18.7.1972 – 1 BvL 32/70 u. 25/71 = BVerfGE 33, 303 ff.
  3. 48  Dazu ausf. Geis, Die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge- richts zum „Recht auf Bil­dung“ in den Jah­ren 1972–1977, WissR, Bei­heft 18 (2007), S. 9 (16); Net­tes­heim, Grund und Grenzen

III. „Fern­wir­kun­gen“

1. Qua­li­täts­si­che­rung und Hochschulzulassung

Jen­seits der direk­ten Aus­wir­kun­gen auf das Akkre­di­tie- rungs­sys­tem kommt der Ent­schei­dung erheb­li­che Bedeu- tung in ande­ren Rechts­ge­bie­ten zu. So ist die Aus­sa­ge des Beschlus­ses, dass der Qua­li­täts­si­che­rung in der Leh­re der Rang einer ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ke zukom­me, von gera­de­zu revo­lu­tio­nä­rer Bedeu­tung. Wört­lich heißt es: „Maß­nah­men, zur Qua­li­täts­si­che­rung der wis­sen­schaft­li- chen Leh­re, die wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards genü­gen, die- nen dazu, dass die Hoch­schu­len ihren Auf­ga­ben gerecht wer­den. Damit kom­men sie im Übri­gen auch der durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1c GG gewähr­leis­te­ten Frei­heit von For- schung und Leh­re zugu­te (vgl. BVerfGE 96, 205 <214>)“.46

Damit schleift das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge- nau genom­men sei­ne eige­nen alten Prä­mis­sen, die es sei­ner­zeit in der legen­dä­ren Nume­rus-Clau­sus-Ent- scheidung47 auf­ge­stellt hat­te. Jene behan­del­te näm­lich die Fra­ge der Hoch­schul­zu­las­sung so gut wie aus- schließ­lich als Pro­blem der Aus­bil­dungs­frei­heit (Art.12 GG) und sah in Stu­di­en­zu­gangs­be­schrän­kun- gen aus­schließ­lich gesetz­li­che Schran­ken. Gemein­sam ent­stand dar­aus – ins­be­son­de­re durch die kon­kre­ti­sie- ren­de ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Judi­ka­tur – das be- rühmt-berüch­tig­te Gebot völ­li­ger Kapa­zi­täts­er­schöp- fung.48 Auf des­sen Grund­la­ge eta­blier­te sich nicht nur das Hoch­schul­ka­pa­zi­täts­recht als einer der wohl spe- ziells­ten Berei­che des beson­de­ren Ver­wal­tungs­rechts und mathe­ma­tisch durch den alles domi­nie­ren­den cNW-Wert auf­ge­la­den; es wur­de auch zur Geld­druck- anla­ge für Anwalts­kanz­lei­en, die sich auf das lukra­ti­ve „Ein­kla­gen“ eines (vor­nehm­lich medi­zi­ni­schen oder zahn­me­di­zi­ni­schen) Stu­di­en­plat­zes spe­zia­li­sier­ten. Eine ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ke der Qua­li­täts­si- che­rung wur­de in der dama­li­gen Judi­ka­tur nicht nur nicht aner­kannt, son­dern gera­de­zu – im Sin­ne des da- mali­gen sozi­al­li­be­ra­len Zeit­geis­tes und sei­ner For­de- rung eines all­ge­mei­nen Rechts auf Bil­dung – für un- zuläs­sig erklärt. Signi­fi­kan­ten Aus­druck fand die­se Ideo­lo­gie im z.T. bis heu­te irr­lich­tern­den „Ver­bot der Qua­li­täts­pfle­ge“, das einer Beschrän­kung von Stu­di- enplatz­ka­pa­zi­tä­ten zuguns­ten einer qua­li­täts­o­ri­en- tier­ten Aus­bil­dung ent­ge­gen gehal­ten wurde.49

der Wis­sen­schafts­frei­heit, DVBl. 2005, 1072 (1076); krit. schon

Salz­we­del, WissR, Bei­heft 5 (1978), S. 235 (246).
49 Insb. BVerwG, Urt. 18.9.1981 sub II 5a – 7 N 1/79; Urt. 18.5.1982

– 7 C 15/80 sub II 1; OVG Ham­burg NVwZ 1983, 361, Weni­ger kom­pro­miss­los noch BVerwG, Urt. 8.2.1980 – 7 C 93/77 = BVer- wGE 60, 25 (45) sowie BVerfG, Beschl. 6.11.1975 – 1 BvR 358/75 = BVerfGE 40, 352 (354).

200 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 193–202

Mit der expli­zi­ten Aner­ken­nung der Qua­li­täts­si­che- rung als ver­fas­sungs­im­ma­nen­ter Schran­ke im vor­lie­gen- den Beschluss ist das her­kömm­li­che Sys­tem der Hoch- schul­zu­las­sung in sei­ner Starr­heit nicht mehr zu hal­ten. Den­nes­be­darf­nun­der­Her­stel­lung­prak­ti­scher­Kon­kor- danz50 zwi­schen den bei­den nun als gleich­ran­gig aner- kann­ten Rechts­gü­tern. Dies schließt es aus, dem Rechts- gut der Aus­bil­dungs­frei­heit einen unein­ge­schränk­ten Vor­rang ein­zu­räu­men, wie es das gel­ten­de Recht tut. Viel­mehr müs­sen beson­de­re Qua­li­täts­an­sät­ze wie z.B. Klein­grup­pen­un­ter­richt ent­spre­chend ihrer didak­ti- schen Not­wen­dig­keit aner­kannt wer­den. Dies muss ins- beson­de­re für die Stu­di­en­gän­ge nach dem Bolo­gna-Mo- dell gel­ten, das sich defi­ni­tiv auf die Not­wen­dig­keit der Qua­li­täts­si­che­rung beruft.51 Sicher ist dabei der Eigen­art der Stu­di­en­fä­cher Rech­nung zu tra­gen. Ein starr kapa­zi- täts­ori­en­tier­tes Den­ken, das die Stu­di­en­gän­ge über die Gren­zen des didak­tisch Ver­tret­ba­ren hin „voll­stopft“, er- weist sich aller­dings damit als überholt.

2. For­schung mit Dritt­mit­teln aus öffent­li­chen Kas­sen und Gesetzesvorbehalt

Eine wei­te­re Fern­wir­kung ergibt sich im Bereich der Dritt­mit­tel­for­schung. Für die Bedin­gun­gen des Ein­wer- bens von Dritt­mit­teln gibt es kei­ne gesetz­li­chen Grund- lagen. Dies gilt auch dann, wenn die­se letzt­lich aus öffent­li­chen Kas­sen stam­men, wie es bei den in kom­pe­ti- tiven Ver­fah­ren ver­ge­be­nen DFG-Dritt­mit­teln oder EU- For­schungs­gel­dern typi­scher­wei­se der Fall ist. Zwar gilt bei finan­zi­el­len Sub­ven­tio­nen grund­sätz­lich nicht das Erfor­der­nis einer gesetz­li­chen Rege­lung, da es sich um leis­ten­de Ver­wal­tung han­delt, und der Vor­be­halt des Geset­zes in der deut­schen Dog­ma­tik her­kömm­li­cher- wei­se nur für die ein­grei­fen­de Ver­wal­tung gilt.52 Dem wird jedoch wohl zu Recht ent­ge­gen gehal­ten, dass auch im Bereich der Leis­tungs­ver­wal­tung dann eine for­mel­le gesetz­li­che Rege­lung exis­tie­ren müs­se, wenn die Leis-

  1. 50  Grdl. immer noch Hes­se, Grund­zü­ge des Ver­fas­sungs­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 20. Aufl. 1999, Rn. 72.
  2. 51  Bolo­gna Decla­ra­ti­on 1999, S. 4; Kul­tur­mi­nis­ter­kon­fe­renz, Be- stands­auf­nah­me und Per­spek­ti­ven der Umset­zung des Bolo­gna- Pro­zes­ses (2011), S. 4, zu fin­den auf www.kmk.org (13.09.2016).
  3. 52  Vgl. BVerfG, Beschl. 23.6.1981 – 2 BvL 14/79 = BVerfGE 58, 45 (48 ff.); Beschl. 9.3.1994 – 1 Bv4R 682, 712/88 = 90, 112 (126); zum Streit­stand statt vie­ler Mau­rer, Staats­recht I, 6. Auf­la­ge 2010, § 8 Rn. 22.
  4. 53  Gegen eine star­re Typo­lo­gie auch Schmidt-Aßmann, Der Rechts- staat, in: Isensee/Kirchhof (Hrsg.), Hand­buch des Staats­rechts, 3. Aufl. 2004, Bd. 2, § 26 Rn. 63 ff.
  5. 54  So geht bspw. Art. 71 Abs. 1 S. 2 Bay­BesG von der Berück­sich­ti- gung der Ein­wer­bung von Dritt­mit­teln bei der Gewäh­rung von beson­de­ren Leis­tungs­be­zü­gen aus.
  6. 55  BVerfG, Urt. 14.2.2012 – 2 BvL 4/10 = BVerfGE 130, 263 (302 f.).

tung grund­rechts­re­le­vant sei.53 Nun scheint gera­de dies seit dem Inkraft­tre­ten der W‑Besoldung der Fall zu sein, bei der u.a. die Höhe ein­ge­wor­be­ner Dritt­mit­tel zur einer Bedin­gung für die Gewähr leis­tungs­be­zo­ge­ner Gehalts­be­stand­tei­le („beson­de­re Leis­tungs­be­zü­ge“) wird.54 Dies tan­giert das Erfor­der­nis der durch Art. 33 Abs. 5 GG geschütz­ten „amts­an­ge­mes­se­nen Ali- men­ta­ti­on“ jeden­falls dann, wenn das abge­senk­te Grund­ge­halt allein unan­ge­mes­sen ist.55 Zwar haben die Lan­des­ge­setz­ge­ber nach der inso­weit weg­wei­sen­den Ent­schei­dung des BVerfG die Grund­ge­häl­ter (unter- schied­lich) ange­ho­ben, doch heißt dies nicht auto­ma- tisch, dass die neu­en Sät­ze flä­chen­de­ckend mit Art.33 Abs. 5 GG ver­ein­bar sind.56

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te schon in der W- Besol­dungs­ent­schei­dung her­vor­ge­ho­ben, dass die Un- mög­lich­keit einer kla­ren Quan­ti­fi­zier­bar­keit der amtsan- gemes­se­nen Besol­dungs­hö­he pro­ze­du­ra­ler Siche­run­gen bedürfe.57 Die pro­ze­du­ra­len Anfor­de­run­gen an den Ge- setz­ge­ber kom­pen­sier­ten die Schwie­rig­keit, das ver­fas- sungs­recht­lich gebo­te­ne Besol­dungs­ni­veau anhand ma- teri­el­ler Kri­te­ri­en zu bestimmen.

Mit die­ser Lage ist die Akkre­di­tie­rungs­si­tua­ti­on durch­aus ver­gleich­bar: Auch hier geht es um die Un- mög­lich­keit punkt­ge­nau­er Fest­stel­lun­gen, und auch hier hat der Gesetz­ge­ber daher die wesent­li­chen pro­ze­du­ra- len Siche­run­gen zu tref­fen. Frei­lich ist die­ser Gedan­ke nicht eben neu: Auch hier fun­giert wohl Niklas Luh­mann mit sei­nem Prin­zip der „Legi­ti­ma­ti­on durch Ver­fah­ren“ als Ahnherr;58 auch exis­tie­ren seit gerau­mer Zeit be- kann­te Regelungsbeispiele.59 Um so wich­ti­ger ist es, dass die pro­ze­du­ra­len Siche­run­gen durch den Gesetz­ge­ber je- weils in hin­rei­chen­der Dich­te auch sta­tu­iert werden.

3. Dritt­mit­tel­för­de­rung und Rechtsweggarantie

Die Gewähr bzw. Nicht­ge­währ der vor­ge­nann­ten Leis- tungs­be­zü­ge erfolgt durch einen Ver­wal­tungs­akt der

56 Geis, in: GKÖD, Bd. III, K § 32 BBesG, Rn. 26 ff. (erscheint dem- nächst).

57 BVerfG, Urt. 14. 2. 2012 – 2 BvL 4/10 = BVerfGE 130, 263 (301 f.), unter Ver­weis auf BVerfGE 125, 175 (226).

58 Luh­mann, Legi­ti­ma­ti­on durch Ver­fah­ren, 1969.
59 Stell­ver­tre­tend sei­en hier nur die Bun­des­prüf­stel­le für jugend-

gefähr­den­de Medi­en nach § 19 JuSchG vom 31.10.2008 (BGBl. I 2730), (vor­mals Bun­des­prüf­stel­le für jugend­ge­fähr­den­de Schrif- ten), oder die im Anschluss an StGH BW, Urt. vom 10.05.1999
– GR 2/97 = VBlBW 1999, 294 ff. instal­lier­te Gemein­sa­me Finanz­kom­mis­si­on genannt (§ 34 FAG BW); zu letz­te­rer auch Geis, „Poli­ti­cal ques­ti­on doc­tri­ne“ im Recht des kom­mu­na­len Finanz­aus­gleichs?, in: Geis/Lorenz (Hrsg.), Staat – Kir­che – Ver- wal­tung, Fest­schrift für Hart­mut Mau­rer, 2001, S. 79 (90).

Geis · Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Akkre­di­tie­rung 2 0 1

Hochschulleitung;60 sie steht in deren (pflicht­ge­mä­ßem) Ermes­sen (es sei denn, in einer Ziel­ver­ein­ba­rung sind kon­kre­te Zah­len genannt, dann besteht sogar ein ein­klag- barer Anspruch) und muss dem­nach nach Art.19 Abs. 4 GG jeden­falls in den Gren­zen des § 114 VwGO (gege­be­nen­falls ana­log) gericht­lich über­prüf­bar sein. Das bedeu­tet aller- dings auch, dass eine Ver­sa­gung, die auf eine Ableh­nung bean­trag­ter Dritt­mit­tel gestützt wird, gericht­lich kont- rol­lier­bar sein muss. Über­trägt man die Aus­sa­gen der Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dung auf die­se Kon­stel­la­ti­on, dann muss sich die Kon­trol­le auch auf die vor­ge­la­ger­ten Ent­schei­dun­gen des pri­vat­recht­lich ver­fass­ten Zuwen- dungs­ge­bers (also z.B. der DFG) erstre­cken. Ande­ren- falls bestün­de ein qua­si rechts­frei­er Raum, der mit Art. 19 Abs. 4 GG nicht ver­ein­bar wäre. Denkt man dies fort, so führt dies frei­lich zu erheb­li­chen Ver­wer­fun­gen im deut­schen For­schungs­för­de­rungs­sys­tem. So müss­te in einem Ver­wal­tungs­pro­zess auf die gut­ach­ter­li­chen Äuße­run­gen der betei­lig­ten Sach­ver­stän­di­gen im Wege der Akten­ein­sicht zuge­grif­fen wer­den kön­nen. Spe­zi­ell im Fal­le der DFG wäre das Dog­ma einer Anony­mi­sie- rung der Gut­ach­ten­äu­ße­run­gen nicht mehr zu hal­ten, da ja mög­li­che Befan­gen­heit oder Aus­schluss­grün­de, wie sie die DFG selbst auf­ge­stellt hat,61 über­prüft wer­den kön­nen müss­te. Auch bedarf es zumin­dest rudi­men­tä­rer for­mal­ge­setz­li­cher Rege­lun­gen, wel­che Kri­te­ri­en für die Gewäh­rung aus­schlag­ge­bend sind. Frag­lich ist, ob § 33 Abs. 3 BBesG (bzw. die ent­spre­chen­den Län­der­ge- set­ze und die hie­er­zu erlas­se­nen Rechts­ver­ord­nun­gen aus­rei­chend sind. Immer­hin wer­den auch dort Aus­sa­gen über die Rele­vanz der Qua­li­tät von For­schung und Leh- re getrof­fen, ohne dass auf der Ebe­ne des Geset­zes die Betei­li­gung der Wis­sen­schaft auch nur rudi­men­tär the- mati­siert wird.

Noch deut­li­cher wird dies, wenn man eine direk­te Grund­rechts­bin­dung von För­der­or­ga­ni­sa­tio­nen wie der DFG bejaht. Für die­se – in der Hoch­schul- und Wis­sen- schafts­pra­xis frei­lich strikt tabui­sier­te – Prä­mis­se spricht, dass die Zwi­schen­schal­tung von Pri­vat­rechts­sub­jek­ten nichts dar­an ändert, dass die Ver­tei­lung von Haus­halts- mit­teln eine öffent­li­che Auf­ga­be des Staa­tes bleibt.62 Nach dem Akkre­di­tie­rungs­be­schluss kommt es letzt­lich auf die Fra­ge, ob die DFG oder ähn­li­che Geld­ge­ber, aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den als Belie­he­ne fun­gie­ren (müss­ten), gar nicht mehr pri­mär an. Das Pro­ce­de­re der Ent­schei­dun­gen und die Kri­te­ri­en aber auch in diesem

  1. 60  Über die Rechts­na­tur kann man sich im Hin­blick auf die Fra­ge der Außen­wir­kung strei­ten, inhalt­lich ändert sich dadurch nichts.
  2. 61  DFG-Hin­wei­se 10.201 – 4/10, zu fin­den unter http://www.dfg.de/formulare/10_201/10_201_de.pdf (13.09.2016).
  3. 62  Vgl. Hill­gru­ber in: Epping/Hillgruber, Beck­OK GG, Stand 2009,Art. 1 Rn. 69; wohl auch schon Deutsch, Ombuds­gre­mi­en und

Fall vom Gesetz­ge­ber zumin­dest im Wesent­li­chen zu re- geln. Mit­tel­fris­tig wird man also um ein „Dritt­mit­tel­ge- setz“ kaum herumkommen.

Völ­lig unge­klärt ist schließ­lich, wel­che Fern­wir­kun- gen der Akkre­di­tie­rungs­be­schluss auf die Akkre­di­tie- rung nicht­staat­li­cher Hoch­schu­len durch den Wis­sen- schaftsrat63 und auf die För­de­rungs­me­cha­nis­men des Art.91b GG ins­ge­samt haben könn­te, die sich eben­falls weit­ge­hend im geset­zes­frei­en Raum bewe­gen. Zumin- dest bei der Schlie­ßung von For­schungs­in­sti­tu­ten auf Grund einer nega­ti­ven Eva­lu­ie­rung ver­langt der Schutz der Wis­sen­schafts­frei­heit nach der Logik des Bun­des­ver- fas­sungs­ge­richts gesetz­li­che Min­dest­re­ge­lun­gen und die Mög­lich­keit, einen Rechts­weg zu beschrei­ten. Die­se Fra- gen sind aller­dings so kom­plex, dass sie den hier gege­be- nen Raum bei wei­tem spren­gen wür­den. Es muss daher mit dem Pro­blem­auf­riss sein Bewen­den haben.

IV. Fazit

Ins­ge­samt zeigt die Ent­schei­dung die gan­ze Ambi­va­lenz des Akkre­di­tie­rungs­sys­tems auf. Posi­tiv ist sicher­lich fest­zu­hal­ten, dass der Gedan­ke der Qua­li­täts­si­che­rung durch eine tur­nus­mä­ßi­ge Über­prü­fung gestärkt wor­den ist. Die Ein­be­zie­hung unab­hän­gi­ger, fach­lich ein­schlä­gi- ger­ger Gut­ach­ter ist mut­maß­lich effek­ti­ver als die ein- mali­ge Vor­ab­ge­neh­mi­gung durch eine minis­te­ria­le Stel- le (meist nur eine sach­be­ar­bei­ten­de Per­son). Dadurch kann Qua­li­täts­schwan­kun­gen bes­ser begeg­net wer­den, aber auch der sinn­vol­le Zuschnitt von Stu­di­en­an­ge­bo­ten opti­miert wer­den. Kei­ner Selbst­ver­wal­tung scha­det ein exter­ner Blick – jeder, der im aka­de­mi­schen Bereich schon ein­mal mit nicht immer zu leug­nen­den ver­filz­ten Struk­tu­ren kon­fron­tiert wor­den ist, wird dies bestä­ti­gen. Inso­fern gilt nichts ande­res als im Par­al­lel­fall der Eva­lu- ati­on von Forschungsleistungen.

Allein die Ent­schei­dung für das Ver­fah­ren der Ak- kre­di­tie­rung löst jedoch kein Detail­pro­blem. In ers­ter Linie geht es dabei um die Bewer­tungs­kri­te­ri­en. Das Ge- richt hat völ­lig zu Recht moniert, dass die Wis­sen­schaft dabei hin­rei­chend betei­ligt wer­den muss, sieht also die Lösung – wie so oft – in einer pro­ze­du­ra­len Lösung. Frei­lich führt dies zu einem erheb­li­chen Rege­lungs­auf- wand. Im Ergeb­nis wird jeder Lan­des­ge­setz­ge­ber ein Akkre­di­tie­rungs­ge­setz erlas­sen bzw. ent­spre­chen­de Re- gelun­gen in das eige­ne Hoch­schul­ge­setz ein­fü­gen müs-

Wis­sen­schafts­frei­heit, ZRP 2003, 159 (161). A.A. – aber nach der Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dung kaum noch halt­bar – LG Bonn, Urteil vom 19.08.2009 – 2 O 3/09, Beck­RS 2010, 156.

63 Dazu jetzt Otting/Ziegler, Ver­fas­sungs­recht­li­che Rah­men­be­din- gun­gen der Akkre­di­tie­rung im Hoch­schul­we­sen, NVwZ 2016, 1064 (1067 f.).

202 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 4 (2016), 193–202

sen, wobei die jewei­li­ge poli­ti­sche Mehr­heit im Lan­de auch gewich­ten kann (z.B. den Gen­der-Fak­tor). Ob das gegen­über der frü­he­ren Rechts­la­ge einen Fort­schritt be- deu­tet, mag man sel­ber beur­tei­len. Teu­rer bleibt es für die Hoch­schu­len alle­mal. Einen gewis­sen Königs­weg für die Zukunft mag die Umstel­lung von der Pro­gramm- zur Sys­te­mak­kre­di­tie­rung bedeu­ten. Inwie­weit dies von den Agen­tu­ren mit­voll­zo­gen wer­den wird, denen ja dadurch ein Ein­bruch im Geschäft droht, sei hier dahin gestellt. Es bleibt jedoch das scha­le Gefühl, dass das Sys­tem sei- ner­zeit doch mit hei­ßer Nadel ein­ge­führt wor­den ist und erst durch mehr­fa­che Repa­ra­tur­ge­set­ze und ‑novel­len ei- niger­ma­ßen auf den rechts­staat­li­chen erforderlichen

Stan­dard gebracht wer­den kann. Dass sich ein sol­ches Tri­al-and-Error-Vor­ge­hen (nicht nur) in der Hoch­schul- gesetz­ge­bung immer mehr breit macht, ist aller­dings nicht das, was man unter der Kunst „guter Gesetz­ge- bung“64 ver­ste­hen sollte.

Max-Ema­nu­el Geis ist Direk­tor der For­schungs­stel­le für Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­recht, Inha­ber des Lehr­stuhls für Deut­sches und Baye­ri­sches Staats- und Ver­wal­tungs­recht, Insti­tut für Deut­sches, Euro­päi­sches und Inter­na­tio­na­les Öffent­li­ches Recht an der Fried- rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen Nürnberg.

64 Zitel­mann, Kunst der Gesetz­ge­bung (1904), insb. S. 31 ff., 43 ff. (abruf­bar unter http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fsl/ob- ject)display/bsbl11127276_0004.html); Mer­ten, „Gute“ Gesetz- gebung als Ver­fas­sungs­pflicht oder Ver­fah­rens­last?, DÖV 2015, 349 sowie Nach­wei­se bei Höfling/Engels in Kluth/Krings (Hrsg.), Gesetz­ge­bung, 2014, § 34 Fn. 76, 115.