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Der sieb­te Senat des BAG beschäf­tig­te sich in sei­nem Urteil vom 29. April 2015 erneut mit dem per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich des WissZeitVG. Frag­lich war, ob der Klä­ger, ein­ge­stellt als Lehr­kraft für beson­de­re Auf­ga- ben, dem wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nal nach § 1 Abs. 1 S. 1 WissZeitVG zuzu­rech­nen ist.1 Nach § 2 Abs. 1 S. 2 Hs. 1 WissZeitVG ist die Befris­tung von Arbeits­ver­trä­gen des in § 1 Abs. 1 WissZeitVG genann­ten Per­so­nals nach abge- schlos­se­ner Pro­mo­ti­on in der Regel bis zu einer Dau­er von sechs Jah­ren möglich.

I. Aus­gangs­la­ge

Im Zuge der Föde­ra­lis­mus­re­form wur­den die befris­tungs- recht­li­chen Vor­schrif­ten aus dem HRG in das WissZeitVG ver­la­gert. Dabei wur­den Ände­run­gen vor­ge­nom­men, die bezüg­lich des per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reichs maß­geb- lich auf eine Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung des Aus­schus­ses für Bil­dung, For­schung und Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung vom 26. Novem­ber 2006 zurückgehen.2 Die bis dahin gel- ten­de Rege­lung im HRG benann­te Per­so­nal­ka­te­go­rien, bei denen die wis­sen­schafts­spe­zi­fi­schen Befris­tungs­re­ge­lun­gen zur Anwen­dung kamen. Nach einem Hin­weis von Hart­merver­zich­te­te der Gesetz­ge­ber im WissZeitVG auf eine sol­che Formulierung.3 Hin­ter­grund war, dass bei der Föde­ra­lis- mus­re­form die Rah­men­ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun- des für die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze des Hoch­schul­we­sens weg­ge­fal­len ist. Man woll­te ver­mei­den, län­der­recht­li­chen Ent­wick­lun­gen bei der For­mu­lie­rung von Per­so­nal­ka­te­go- rien vorzugreifen.4 Sicher­lich stand man dabei auch noch

  1. 1  Der Bei­trag ist ange­lehnt an die Aus­füh­run­gen in der Dis­ser- tati­ons­schrift von Meiß­ner, Ent­ste­hung und Ent­wick­lung des Hoch­schul­be­fris­tungs­recht (im Erscheinen).
  2. 2  Öffent­li­che Anhö­rung zum WissZeitVG am 29.11.2006, Pro­to­koll 16/21, S. 1 ff. sowie Stel­lung­nah­men der Sach­ver­stän­di­gen BT-A- Drucks 16(18)139a – i.
  3. 3  Hart­mer, Stel­lung­nah­me DHV, BT-A-Drucks 16(18)139h, S. 3; Hart­mer, Öffent­li­che Anhö­rung zum WissZeitVG am 29.11.1006, Pro­to­koll 16/21, S. 8, 31; Leh­mann-Wand­schnei­der, Son­der­be­fris- tungs­recht an Hoch­schu­len, S. 57.
  4. 4  BT-Drucks 16/4043, S. 9.
  5. 5  Vgl. BVerfG Urteil vom 27.7.2004 – 2 BvF 2/02 = NJW 2004, 2803.
  6. 6  BAG Urteil vom 1.6.2011 – 7 AZR 827/09, BAGE 138, 91.
  7. 7  Vgl. die For­mu­lie­rung des Gesetz­ge­bers BT-Drucks 16/3438, S. 1f.
  8. 8  Bis 1998 gab es in § 57b Abs. 3 HRG einen eige­nen Befris­tungs­tat­be-stand für Lek­to­ren. Auf­grund der Recht­spre­chung des EuGH (Urteil vom 20.10.1993 – C 272/92), der sich das BAG anschloss (Urteil vom 15.3.1995 – 7 AZR 737/94; a.A. BVerfG Beschluss vom 24.4.1996 – 1

unter dem Ein­druck der Nich­tig­erklä­rung des 5. HRG- ÄndG auf­grund kom­pe­tenz­recht­li­cher Gesichts­punk­te durch eine Ent­schei­dung des BVerfG.5 Statt expli­zit Per­so- nal­ka­te­go­rien zu for­mu­lie­ren, eröff­ne­te das WissZeitVG den Anwen­dungs­be­reich für das wis­sen­schaft­li­che und künst­le­ri­sche Per­so­nal mit Aus­nah­me der Hochschullehrer.

Hier­aus fol­gen zwei Fra­ge­stel­lun­gen. Zum einen ist frag­lich, ob das WissZeitVG mit die­ser For­mu­lie­rung sei­nen Anwen­dungs­be­reich selb­stän­dig und abschlie- ßend defi­niert (1.). Dar­an schließt sich das Pro­blem an, wer genau unter den Anwen­dungs­be­reich des Wiss- ZeitVG zu rech­nen ist (2.). Kon­kret stellt sich die Fra­ge der Anwend­bar­keit des WissZeitVG für die mit Lehr­auf­ga­ben betrau­ten Fremdsprachenlektoren.

1. Abschlie­ßen­de For­mu­lie­rung des Anwendungsbereichs?

Das BAG setz­te sich mit der Fra­ge, ob das WissZeitVG sei­nen Anwen­dungs­be­reich selb­stän­dig und abschlie- ßend defi­niert, ein­ge­hend in sei­ner Ent­schei­dung vom 1. Juni 2011 aus­ein­an­der. Es führ­te hier­zu aus, Sinn und Zweck des WissZeitVG sprä­chen für eine eigen­stän­di­ge und abschlie­ßen­de Regelung.6 Bei der Ver­la­ge­rung der Befris­tungs­re­ge­lun­gen vom HRG in das WissZeitVG hät­ten nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers die Rege­lun- gen im Wesent­li­chen unver­än­dert blei­ben sollen.7 Den Geset­zes­ma­te­ria­len sei erkenn­bar zu ent­neh­men, dass der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich nicht erwei­tert wer­den solle.8 Im Ergeb­nis kam das BAG zu der Fest­stel- lung, das WissZeitVG rege­le sei­nen Anwen­dungs­be­reich eigen­stän­dig und abschließend.9

BvR 712/86 = BVerfGE 94, 268ff, s. hier­zu auch AR/Löwisch, 7. Auf­la­ge 2015, § 1 WissZeitVG Rn. 3) wur­de die Rege­lung mit dem 4. HRGÄndG geän­dert. Eine Befris­tung mit Lek­to­ren war ab da nur dann mög­lich, wenn die Vor­aus­set­zung des dama­li­gen § 57b Abs. 2 HRG vor­la­gen. Zur Rechts­la­ge nach dem 5. HRGÄndG bzw. dem die Ände­run­gen des 5. HRGÄndG nach­voll­zie­hen­den Hda­VÄndG hat­te das BAG ent­schie­den, dass die Befris­tung eines Arbeits­ver­trags mit einem Arbeit­neh­mer, der als Lehr­kraft für beson­de­re Auf­ga­ben für die Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen der chi­ne­si­schen Spra­che ein­ge­stellt wor­den war, nicht zuläs­sig sei (Urteil vom 16.4.2008 – 7 AZR 85/07, AP TzBfG § 14 Nr. 44). Der Gesetz­ge­ber ging also bei Erlass des Wiss- ZeitVG davon aus, dass Lehr­kräf­te für beson­de­re Auf­ga­ben bis­her in der Regel nicht unter den Anwen­dungs­be­reich der Befris­tungs­re­ge- lun­gen des HRG fielen.

9 Anders noch die Vor­in­stan­zen LAG Baden-Würt­tem­berg Urteil vom 16.7.2009 – 10 Sa 2/09, ZTR 2010, S. 95 mit Anmer­kung von Rambach/Feldmann, ZTR 2010, S. 67ff. und ArbG Frei­burg Urteil vom 9.12.2008 – 3 Ca 379/08, ZTR 2009, S. 335.

Tobi­as Man­dler und Mar­kus Meißner

Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des WissZeitVG – Anmer­kung zu
BAG Urteil vom 29.4.2015 – 7 AZR 519/13

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2016, ISBN/ISSN 3–45678-222–7

128 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2016), 127–130

Die Mehr­heit des Schrift­tums ver­tritt die Auf­fas­sung des BAG.10 Ande­re Stim­men befür­wor­ten, dass den Bun­des­län­dern die Defi­ni­ti­ons­zu­stän­dig­keit für die Per- sonal­ka­te­go­rie des wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri- schen Per­so­nals zustehe.11

Hier­für spricht zunächst, dass nach der För­dera­lis- mus­re­form die Bestim­mung von Per­so­nal­ka­te­go­rien in die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz der Län­der fällt.12 Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, dass es eben nicht ein­deu­tig ist, dass der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich im Zuge des WissZeitVG nicht erwei­tert wer­den sollte.13 Die für die- ses Argu­ment in Bezug genom­me­ne Pas­sa­ge ent­stammt einem Papier, das vor der Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung und damit vor der Ände­rung der For­mu­lie­rung des An- wen­dungs­be­reichs des WissZeitVG ver­fasst wur­de. In der Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung wur­de dar­auf hin­ge­wie- sen, dass eine Anwen­dung auf Lehr­kräf­te für beson­de­re Auf­ga­ben – wozu auch Lek­to­ren gehö­ren – sinn­voll sei.14 Das Pro­blem war im Gesetz­ge­bungs­pro­zess also be- kannt. Aus der Tat­sa­che, dass sich der Gesetz­ge­ber hier- zu nicht äußer­te, kann schwer­lich gefol­gert wer­den, er woll­te des­halb auch den Anwen­dungs­be­reich nicht er- wei­tern. Viel­mehr wird er sich aus Angst vor kom­pe- tenz­recht­li­chen Schwie­rig­kei­ten einer Posi­tio­nie­rung ent­hal­ten haben. Nimmt man wei­ter die Begrün­dung der Beschluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Bil­dung, For­schung und Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung in Bezug wird deut­lich, dass die For­mu­lie­rung des Anwen­dungs- bereichs Raum für Rege­lun­gen der Län­der lässt.15 Nach Art. 72 Abs. 1 GG haben die Län­der die Befug­nis zur Ge- setz­ge­bung solan­ge und soweit der Bund von sei­ner Ge- setz­ge­bungs­be­fug­nis nicht Gebrauch gemacht hat.

2. Umfang des Anwendungsbereichs

Auch für die zwei­te Fra­ge nach dem Umfang des Anwen- dungs­be­reichs kann als Aus­gangs­la­ge die Ent­schei­dung des BAG vom 1. Juni 2011 her­an­ge­zo­gen wer­den. Da die Anwend­bar­keit des WissZeitVG nicht mehr sta­tus­recht- lich gere­gelt sei, kom­me es ent­schei­dend auf die Tätig- keit des Beschäf­tig­ten an. Not­wen­dig sei die Erbrin­gung wis­sen­schaft­li­cher Dienst­leis­tun­gen. Wis­sen­schaft­li­che Dienst­leis­tung sei alles, was nach Inhalt und Form als

  1. 10  Vgl. Auf­zäh­lung bei BAG Urteil vom 1.6.2011 – 7 AZR 827/09, BAGE 138, 91 sowie bei­spiel­haft ErfK/Mül­ler-Glö­ge, 15. Auf­la­ge 2015, § 1 WissZeitVG Rn. 10 und Raab, Der per­sön­li­che Anwen- dungs­be­reich des WissZeitVG, S. 89 ff.
  2. 11  Löwisch, NZA 2007, S. 479; Rambach/Feldmann, ZTR 2009, S. 288f.
  3. 12  Instruk­tiv: Raab, Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des Wiss- ZeitVG, S. 20ff.
  4. 13  So auch Raab, Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des Wiss- ZeitVG, S. 88.

ernst­haf­ter und plan­mä­ßi­ger Ver­such zur Ermitt­lung der Wahr­heit anzu­se­hen sei. Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung des WissZeitVG auf Leh­ren­de sei, dass die- sen die Mög­lich­keit zur eigen­stän­di­gen For­schung und Refle­xi­on ver­blei­be. Fremd­spra­chen­lek­to­ren hät­ten eine unter­rich­ten­de Lehr­tä­tig­keit ohne Wissenschaftsbezug.16

Selbst Befür­wor­ter des Ergeb­nis­ses kri­ti­sie­ren, dass die Ent­schei­dung nur bedingt für einen kla­ren Maß­stab taugt.17 Zu beden­ken wur­de gege­ben, dass die not­wen­di- ge Ein­zel­fall­be­trach­tung und die beim Arbeit­ge­ber lie- gen­de Beweis­last dem Rege­lungs­ziel ent­ge­gen­stün­den, rechts­si­che­re Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten anzubieten.18 Mit der im April 2015 ergan­ge­nen Ent­schei­dung wur­de der Ver­such einer Prä­zi­sie­rung der Anfor­de­run­gen an die Eröff­nung des Anwen­dungs­be­reichs des WissZeitVG unternommen.

II. Die Ent­schei­dung des BAG vom 29. April 2015

1. Sach­ver­halt

Der pro­mo­vier­te Klä­ger war seit August 2007 auf­grund befris­te­ter Ver­trä­ge bei einer Hoch­schu­le des beklag­ten Lan­des beschäf­tigt. Ihm waren zu 75% Lehr­auf­ga­ben über­tra­gen. Sei­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen folg­ten einem Hand­buch des zu unter­ri­chen­den Stu­di­en­fachs. Im Umfang von 25% sah die Tätig­keits­dar­stel­lung des Klä- gers Gre­mi­en­ar­beit, die Betreu­ung der Stu­die­ren­den sowie die Durch­füh­rung von Sprech­stun­den vor.19

Der Klä­ger war der Ansicht, sei­ne Befris­tung sei un- wirk­sam. Da er nicht zum wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nal nach § 1 Abs. 1 WissZeitVG gehö­re, kön­ne sei­ne Befris- tung nicht auf das WissZeitVG gestützt wer­den. Die­se Ansicht teil­ten sowohl das Arbeits­ge­richt Han­no­ver als auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen. Über die Revi­si­on des beklag­ten Lan­des hat­te das BAG zu entscheiden.

2. Ent­schei­dung und Urteilsbegründung

Das BAG führ­te aus, es kön­ne auf der Grund­la­ge der bis­her fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen nicht abschlie­ßend beur­tei­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Eröff­nung des Anwen­dungs- bereichs des WissZeitVG vor­lä­gen. Die Wissenschaftlich-

14 Hart­mer, Stel­lung­nah­me DHV, BT-A-Drucks 16(18)139h, S. 3; Hart­mer, Öffent­li­che Anhö­rung zum WissZeitVG am 29.11.2006, Pro­to­koll 16/21, S. 8; Löwisch, Stel­lung­nah­me, BT-A-Drucks 16(18) 139f, S. 4; Leh­mann-Wand­schnei­der, Das Son­der­be­fris­tungs­rechts an Hoch­schu­len, S. 57.

15 Vgl. BT-Drucks 16/4043, S. 9.
16 BAG Urteil vom 1.6.2011 – 7 AZR 827/09, BAGE 138, 91. 17 Hauck-Scholz, öAT 2013, S. 89 f.
18 Hauck-Scholz, öAT 2013, S. 89 f.
19 BAG Urteil vom 29.4.2015 – 7 AZR 519/13, juris.

Mandler/Meißner · Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des WissZeitVG 1 2 9

keit der Leh­re im Sin­ne des WissZeitVG sei nicht nur gege- ben, wenn Kennt­nis­se ver­mit­telt wür­den, die auf eige­ner For­schung beruh­ten. Leh­re kön­ne auch wis­sen­schaft­lich sein, wenn die Lehr­ver­an­stal­tung unter Berück­sich­ti- gung aktu­el­ler wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se Drit­ter von dem Leh­ren­den eigen­stän­dig zu gestal­ten sei. Ent- schei­dend sei, dass der Leh­ren­de For­schungs- und Erkennt­nis­ent­wick­lun­gen auf sei­nem jewei­li­gen Wis- sen­schafts­ge­biet per­ma­nent ver­fol­gen, reflek­tie­ren und kri­tisch hin­ter­fra­gen müs­se, um die­se für sei­ne Leh­re didak­tisch und metho­disch zu ver­ar­bei­ten. Zu berück- sich­ti­gen sei, ob nach dem ver­ein­bar­ten Ver­trags­in­halt eine rein repe­tie­ren­de Wie­der­ga­be vor­ge­ge­be­ner Inhal­te erwar­tet wer­de oder der Leh­ren­de Erkennt­nis­se kri­tisch hin­ter­fra­gen, sich damit aus­ein­an­der­set­zen und eige­ne Refle­xio­nen in sei­ne Lehr­tä­tig­keit ein­brin­gen sol­le. Im Hin­blick auf die dar­ge­stell­ten Grund­sät­ze wer­de das Lan­des­ar­beits­ge­richt erneut prü­fen, ob der Klä­ger zum wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nal gehört.

III. Bewer­tung

1. Kei­ne Hil­fe für die Praxis

Mit der Ent­schei­dung geht das BAG auf die Kri­ti­ker ein, die seit jeher für eine Anwen­dung der Rege­lun­gen des WissZeitVG auf Leh­ren­de strei­ten. Dass der ver­mit­tel­te Lehr­in­halt nicht auf eige­ner For­schung beru­hen muss, ist eine not­wen­di­ge Klar­stel­lung. Prak­tisch führt die Prä- zisie­rung des BAG aller­dings zu kei­ner nen­nens­wer­ten Ver­bes­se­rung. Nach wie vor wer­den kei­ne klar abgrenz- baren Kri­te­ri­en für eine Ein­ord­nung als wis­sen­schaft­li- che Dienst­leis­tung genannt.20

2. Fehl­ein­schät­zung des Urteils

Eine Unter­schei­dung zwi­schen einer bloß repe­tie­ren­den Wie­der­ga­be vor­ge­ge­be­ner Inhal­te und einer Aus­ein­an­der- set­zung mit dem ver­mit­tel­ten Inhalt in Form einer kri­ti- schen Hin­ter­fra­gung und einer eige­nen Refle­xi­on ist pra- xisfern.21 Leh­ren­de wäh­len Inhal­te aus, set­zen Schwer- punk­te und machen sich Gedan­ken über die Form der Wissensvermittlung.22 Die an der Hoch­schu­le gelehr­ten Inhal­te zeich­nen sich durch Kom­ple­xi­tät und Aktua­li­tät aus. Dies erfor­dert eine stän­di­ge Refle­xi­on, um kei­nen ver-

  1. 20  Eben­so Hauck-Scholz, öAT 2015, S. 211.
  2. 21  AR/Löwisch, 7. Auf­la­ge 2015, § 1 WissZeitVG Rn. 2; Raab, Der­per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des WissZeitVG, S. 116 ff. und124.
  3. 22  Vgl. HRK, Für eine Reform der Leh­re in den Hoch­schu­len, S. 4.
  4. 23  Boem­ke, juris­PR-ArbR 45/2015 Anmer­kung 3.
  5. 24  Inso­weit noch rich­tig Boem­ke, juris­PR-ArbR 45/2015 Anmer­kung 3.

alte­ten Wis­sens­ka­non zu ver­mit­teln. Eine Schwer­punkt­aus- wahl erfolgt schon auf­grund der zeit­li­chen Begren­zung der Unter­richts­zeit und der nicht gänz­lich plan­ba­ren Unter- richts­si­tua­ti­on und bedeu­tet eine kri­ti­sche Hin­ter­fra­gung der Inhal­te hin­sicht­lich ihrer Prio­ri­tät. Bei der Form der Leh­re sind die Leh­ren­den dazu auf­ge­ru­fen, sich mit dem jewei­li­gen wis­sen­schaft­li­chen Stan­dard der effek­tivs­ten Inhalts­ver­mitt­lung aus­ein­an­der­zu­set­zen und die­sen umzu- setzen.

3. Anmer­kung von Boem­ke

Die über die Ent­schei­dung des BAG hin­aus­ge­hen­de For­de- rung, in kei­nem Fall das WissZeitVG auf Lehr­tä­tig­kei­ten anzuwenden,23 kann nicht nach­voll­zo­gen wer­den. Wesent- liche Zie­le des WissZeitVG sind die Qua­li­fi­zie­rung des Nach­wuch­ses und die För­de­rung von Innovationen.24 Zur Qua­li­fi­zie­rung eines Nach­wuchs­wis­sen­schaft­lers gehört die Aus­bil­dung sei­ner Lehrkompetenz.25 Nur so kann der Kennt­nis­stand an den Hoch­schu­len erhal­ten blei­ben und von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler wer­den über­dies durch gute Leh­re in die Lage ver­setzt, auf dem der­zei­ti­gen Kennt­nis- stand auf­zu­bau­en und inno­va­tiv zu wer­den. Gute Leh­re sucht zudem den Dia­log mit den Studierenden.26 Schon in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Leh­ren­den und Stu­die­ren­den kön­nen Erkennt­nis­fort- schrit­te erzielt werden.27

4. Fol­ge­run­gen aus I. und II.

Eine tätig­keits­be­zo­ge­ne Bestim­mung des Anwen­dungs- bereichs des WissZeitVG führt zu schwie­ri­gen Abgren- zungs­fra­gen. Dem­ge­gen­über wür­de eine sta­tus­recht­li­che Fest­le­gung Rechts­si­cher­heit schaffen.28 Die Umset­zung einer sta­tus­recht­li­chen Zuord­nung kann über zwei Wege erfolgen.

a) Fest­le­gung durch die Landesgesetzgeber

Da mit der For­mu­lie­rung des § 1 Abs. 1 WissZeitVG Raum für län­der­recht­li­che Rege­lun­gen gelas­sen wur­de, kön­nen die Län­der Per­so­nal­ka­te­go­rien for­mu­lie­ren, auf die das WissZeitVG Anwen­dung fin­det. Der aus § 1 Abs. 1 WissZeitVG fol­gen­den Min­dest­an­for­de­rung der Wis­sen­schaft­lich­keit dür­fen die Länderregelungen

25 HRK, Für eine Reform der Leh­re in den Hoch­schu­len, S. 5.
26 HRK, Für eine Reform der Leh­re in den Hoch­schu­len, S. 3.
27 So auch HRK, Für eine Reform der Leh­re in den Hoch­schu­len, S. 3. 28 Aus die­sem Grund schlägt auch Raab eine Kon­kre­ti­sie­rung des

Anwen­dungs­be­reichs durch Lan­des­ge­setz vor, Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des WissZeitVG, S. 175 ff.

130 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2016), 127–130

nicht widersprechen.29 Für die von den Län­dern for­mu- lier­ten Per­so­nal­ka­te­go­rien wür­de die Ver­mu­tung der Wis­sen­schaft­lich­keit streiten.

b) Fest­le­gung durch den Bundesgetzgeber

Alter­na­tiv zu Rege­lun­gen der Län­der könn­te der Bun- des­ge­setz­ge­ber abschlie­ßend von sei­ner Gesetz­ge­bungs- kom­pe­tenz im Arbeits­recht Gebrauch machen. Auf- grund der kom­pe­tenz­recht­li­chen Lage müss­te dies ohne Nen­nung von Per­so­nal­ka­te­go­rien erfol­gen Mög­lich wäre etwa eine For­mu­lie­rung in der Art, dass der Anwen- dungs­be­reich für „wis­sen­schaft­li­ches, wozu auch leh­ren- des Per­so­nal gehört” eröff­net wird. Im Zuge der aktu­el­len Novel­lie­rung des WissZeitVG wur­de eine der­ar­ti­ge Ände­rung bereits für stu­den­ti­sches Per­so­nal vor­ge­nom- men.30 Eine bun­des­ge­setz­li­che Rege­lung wäre vor­zugs- wür­dig, da mit die­ser eine ein­heit­li­che Rege­lung getrof- fen würde.

IV. Fazit

Die Ent­schei­dung des BAG stellt fest, dass bei einer Lehr­tä­tig­keit an Hoch­schu­len kei­ne eige­nen For­schungs- ergeb­nis­se ver­mit­telt wer­den müs­sen, um den Anwen- dungs­be­reich des WissZeitVG zu eröff­nen. Die fort­ge- führ­te Unter­schei­dung zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher und nicht­wis­sen­schaft­li­cher Lehr­tä­tig­keit ist aber pra­xis­fern und führt zu Aus­le­gungs­schwie­rig­kei­ten. Eine abschlie- ßen­de Rege­lung des Bun­des­ge­setz­ge­bers, die leh­ren­de Tätig­keit an Hoch­schu­len unter den Anwen­dungs­be- reich des WissZeitVG fasst, ist daher zu fordern.

Tobi­as Man­dler und Mar­kus Meiß­ner sind wis­sen- schaft­li­che Mit­ar­bei­ter der For­schungs­stel­le für Hoch- schul­recht und Hoch­schul­ar­beits­recht der Albert-Lud- wigs-Uni­ver­si­tät Freiburg.

  1. 29  In die­sem Sin­ne auch ArbG Frei­burg Urteil vom 9.12.2008 – 3 Ca 379/08, ZTR 2009, S. 335.
  2. 30  Durch die For­mu­lie­rung „Arbeits­ver­trä­ge mit stu­den­ti­schem Per­so­nal” wird kei­ne Per­so­nal­ka­te­go­rie vor­ge­ge­ben, wes­halb die Rege­lung kom­pe­tenz­recht­lich unbe­denk­lich ist, vgl. Mandler/ Meiß­ner, OdW 2016, S. 33.