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Im April 2016 wur­de an der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no- ver (LUH) das Leib­niz For­schungs­zen­trum Wis­sen­schaft und Gesell­schaft gegrün­det, das unter dem eng­li­schen Namen Leib­niz Cen­ter for Sci­ence and Socie­ty (LCSS) firmiert.1 Das LCSS betreibt theo­rie­ge­lei­te­te, grund­la- genori­en­tier­te und empi­risch fun­dier­te Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung und fokus­siert ins­be­son­de­re die Wech­sel­wir­kun­gen von Wis­sen­schaft und Gesell- schaft.

Das LCSS ist eine zen­tra­le und somit fakul­täts­über- grei­fen­de Ein­rich­tung der LUH, an der maß­geb­lich fünf Dis­zi­pli­nen betei­ligt sind: Sozio­lo­gie, Wirt­schafts­wis- sen­schaf­ten, Phi­lo­so­phie, Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und Rechts­wis­sen­schaf­ten. Dar­über hin­aus sind die zwei Pro­fes­su­ren „Wis­sen­schaft und Gesell­schaft“ und „Me- tho­do­lo­gie der Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for- schung“ direkt am LCSS ange­sie­delt. Das LCSS ist ein For­schungs­zen­trum mit eige­ner Geschäfts­stel­le und ei- genen Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren und unab­hän­gig von den Insti­tu­ten und Fakul­tä­ten, aus denen die betei­lig­ten Mit­glie­der stam­men. Unter den Mit­glie­dern des LCSS ist das Deut­sche Zen­trum für Hoch­schul- und Wis­sen- schafts­for­schung (DZHW) mit sei­ner wis­sen­schaft­li- chen Geschäfts­füh­rung zen­tral reprä­sen­tiert. Ein wis- sen­schaft­li­cher Bei­rat berät das LCSS und wirkt an För- derent­schei­dun­gen mit. Für die ers­ten fünf Jah­re wird das LCSS durch Mit­tel aus dem Volks­wa­gen-Vor­ab ge- för­dert und stellt damit ein pro­fil­bil­den­des Pro­jekt nicht nur für die LUH, son­dern auch für das Land Nie­der­sach- sen dar.

I. Der Weg zum LCSS

Die Grün­dung des LCSS bil­det den vor­erst letz­ten Schritt, Han­no­ver als maß­geb­li­chen Stand­ort der Wis- sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung in Deutsch­land zu eta­blie­ren. Auf dem Weg dort­hin gab es ver­schie­de­ne struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen der han­nö­ver­schen, aber auch der bun­des­wei­ten Hoch­schul- und Wis­sen­schafts- for­schungs-Land­schaft. Der Pro­zess erstreck­te sich ins- gesamt über meh­re­re Jah­re. Zwei Ent­wick­lun­gen waren

  1. 1  Das LCSS fin­den Sie unter fol­gen­der Adres­se: https://www.lcss. uni-hannover.de/.
  2. 2  Wis­sen­schafts­rat (2014): Insti­tu­tio­nel­le Per­spek­ti­ven der empi­ri- schen Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung in Deutschland,

zen­tral: einer­seits die Eva­lua­ti­on der deut­schen Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung durch den Wis­sen- schafts­rat (WR 2014)2 und ande­rer­seits die Ver­än­de­run- gen am Stand­ort Han­no­ver, sowohl an der Leib­niz Uni- ver­si­tät als auch bei der ehe­ma­li­gen HIS GmbH.

Auf Sei­ten der LUH war mit der Umbe­nen­nung des Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars in das Insti­tut für Phi­lo­so- phie, wel­ches mit einem star­ken Fokus auf die Wis­sen- schafts­phi­lo­so­phie neu gegrün­det wur­de, ein ers­ter sicht­ba­rer Schritt unter­nom­men wor­den, ein spe­zi­fi- sches Pro­fil im Bereich der Wis­sen­schafts­for­schung aus- zuprä­gen. Nach der Ein­füh­rung des Mas­ter­stu­di­en­gangs Wis­sen­schafts­phi­lo­so­phie folg­te in Koope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld nur weni­ge Jah­re spä­ter die erfolg- rei­che Ein­wer­bung des DFG-Gra­du­ier­ten­kol­legs 2073: Die Inte­gra­ti­on von theo­re­ti­scher und prak­ti­scher Wis­sen- schafts­phi­lo­so­phie. Ein wei­te­rer Schritt sei­tens der LUH war die Neu­aus­rich­tung des Insti­tuts für Sozio­lo­gie in Rich­tung Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for­schung und damit ver­bun­den die Schaf­fung neu­er Pro­fes­su­ren wie bspw. die für Bil­dungs­so­zio­lo­gie mit einem Schwer- punkt auf den ter­tiä­ren Bil­dungs­pro­zes­sen. Auch hier ent­stand ein Mas­ter­stu­di­en­gang, der inter­dis­zi­pli­nä­re MA Wis­sen­schaft und Gesell­schaft,3 bei dem in der Leh­re die Sozio­lo­gie, die Politik‑, Rechts‑, und Wirt­schafts­wis- sen­schaft sowie die Phi­lo­so­phie umfang­reich betei­ligt sind. Dies führ­te zu einem aus heu­ti­ger Sicht wich­ti­gen Inte­gra­ti­ons­pro­zess. Einer­seits wur­den neben der Phi­lo- sophie und der Sozio­lo­gie wei­te­re Dis­zi­pli­nen und Fa- kul­tä­ten an der LUH in das For­schungs­feld der Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung ein­ge­bun­den. Ande- rer­seits hat der MA Wis­sen­schaft und Gesell­schaft dazu bei­getra­gen, die LUH und die dama­li­ge HIS GmbH (heu­te: DZHW) enger zusam­men­zu­füh­ren, denn der Stu­di­en­gang wur­de gemein­sam geplant und wird nun in enger Koope­ra­ti­on zwi­schen LUH und DZHW durchgeführt.

Vor zwei Jah­ren hat die LUH das The­ma Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for­schung zen­tral auf­ge­grif­fen und Wis­sen­schafts­re­fle­xi­on zu einem ihrer vier Pro­fil­schwer- punk­te erklärt und damit deut­lich sicht­bar bekundet,

Posi­ti­ons­pa­pier, Drs. 3821–14. Ber­lin.
3 Nähe­re Infor­ma­tio­nen zum Mas­ter Wis­sen­schaft und Gesellschaft

sie­he unter https://www.wisges.uni-hannover.de/.

Eva Bar­lö­si­us und Nad­ja Bieletzki

Der Wis­sens­ge­sell­schaft auf der Spur – das Leib­niz For­schungs­zen­trum Wis­sen­schaft und Gesell­schaft (LCSS)

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2018, ISSN 2197–9197

20 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2018), 19–22

wel­che Bedeu­tung die­ses For­schungs- und Lehr­ge­biet an der LUH hat.

Die Grün­dung des Deut­schen Zen­trums für Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung (DZHW) aus der ehe­ma­li­gen HIS GmbH her­aus war ein wei­te­rer wich­ti- ger Schritt, um Han­no­ver zum zen­tra­len Stand­ort der Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for­schung zu machen. Der Wis­sen­schafts­rat hat­te in sei­ner Stel­lung­nah­me zum HIS-Insti­tut für Hoch­schul­for­schung (HIS-HF) von 20134 emp­foh­len, die­ses Insti­tut for­schungs­ori­en­tier­ter auf­zu- stel­len, es stär­ker mit der aka­de­mi­schen Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for­schung zu ver­net­zen, die Abtei­lungs­lei- tun­gen mit gemein­sam mit den Uni­ver­si­tä­ten beru­fe­nen Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren zu beset­zen, aber auch wei­ter­hin Poli­tik­be­ra­tung für Bund und Län­der durch- zufüh­ren. In sei­nem ein Jahr spä­ter vor­ge­leg­ten Posi­ti- ons­pa­pier Insti­tu­tio­nel­le Per­spek­ti­ven der empi­ri­schen Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung in Deutschland5 hat der Wis­sen­schafts­rat (WR) die­se Emp­feh­lun­gen wei- ter prä­zi­siert und die Zusam­men­füh­rung des HIS-Insti- tuts für Hoch­schul­for­schung mit dem Insti­tut für For- schungs­in­for­ma­ti­on und Qua­li­täts­si­che­rung (IFQ) nahe- gelegt. Die Zusam­men­füh­rung wur­de 2016 mit der Grün­dung des DZHW rea­li­siert. Gegen­über der LUH sprach der WR die Erwar­tung aus, sich aktiv und dau­er- haft für Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung zu en- gagie­ren und zu die­sem Zweck eine zum DZHW kom- ple­men­tä­re For­schungs­ein­rich­tung auf­zu­bau­en: Dies ist nun das LCSS.

II. For­schung am LCSS

Wie die kur­ze Grün­dungs­ge­schich­te des LCSS bereits andeu­tet, fin­den hier ver­schie­de­ne Ent­wick­lun­gen und Ideen zusam­men. Ins­be­son­de­re die in den Papie­ren des WR geäu­ßer­ten Emp­feh­lun­gen fie­len bei den Mit­glie- dern des LCSS auf frucht­ba­ren Boden. Neben der Anre- gung, ein neu­es For­schungs­zen­trum kom­ple­men­tär zum DZHW auf­zu­stel­len, hat­te der WR in sei­nem Posi­ti­ons- papier wei­te­re Hin­wei­se dafür gege­ben, wel­che For- schungs­pro­gram­ma­tik sich eine sol­che uni­ver­si­tä­re Ein- rich­tung geben soll­te. So bemän­gel­te er ins­be­son­de­re, dass es der deut­schen Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for- schung an spe­zi­fi­scher Theo­rie­bil­dung feh­le und zudem mehr Wert auf die Metho­den­ent­wick­lung zu legen sei. Die­se Kri­tik haben die Mit­glie­der des LCSS aufgegriffen

  1. 4  Wis­sen­schafts­rat (2013): Stel­lung­nah­me zum HIS-Insti­tut für Hoch­schul­for­schung (HIS-HF), Han­no­ver, Drs. 2848–13. Berlin.
  2. 5  Wis­sen­schafts­rat (2014), sie­he Fn. 2.
  3. 6  Schofer, Evan/Meyer, John W. (2005): The World­wi­de Expan­si­on ofHig­her Edu­ca­ti­on in the Twen­tieth Cen­tu­ry. In: Ame­ri­can Socio-

und die For­schungs­pro­gram­ma­tik des LCSS dement- spre­chend ausgerichtet.

Die gro­ße theo­re­ti­sche Her­aus­for­de­rung, die die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler im LCSS ge- mein­sam ange­hen wol­len, ist es, eine sys­te­ma­ti­sche Be- schrei­bung des Über­gangs von der wohl­fahrts­staat­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaft zur glo­ba­li­sier­ten Wis­sens­ge­sell- schaft zu erar­bei­ten. Wenn wis­sen­schaft­li­ches Wis­sen und wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se von bei­na­he allen sozia- len Fel­dern wie Poli­tik, Wirt­schaft, Kunst und Kul­tur, Erzie­hung usw. immer mehr genutzt wer­den, dann hängt nicht nur die Nut­zung, son­dern auch der Nut­zen ganz wesent­lich davon ab, dass die Akteu­rin­nen und Akteu­re die­ser Fel­der zuneh­mend aka­de­misch (aus)gebildet sind. Denn wis­sen­schaft­li­che Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten sind nicht nur nötig, um wis­sen­schaft­li­ches Wis­sen zu pro­du­zie­ren, son­dern auch, um es zu ver­ste­hen und prak­tisch anzu­wen­den. Hier­für wur­de die Pro­fes­sur fürWis­sen­schaft und Gesell­schaft am LCSS ein­ge­rich­tet. Die gro­ße metho­do­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, Begrif­fe, Kate­go­rien und Klas­si­fi­ka­tio­nen zu ent­wi­ckeln, mit denen sich die ver­än­der­te gesell­schaft­li­che Posi­ti­on von Wis­sen­schaft und Hoch­schu­le ange­mes­sen empi- risch erfas­sen lässt. Dies ist das zen­tra­le For­schungs­feld der Pro­fes­sur für Metho­do­lo­gie der Hoch­schul- und Wis- sen­schafts­for­schung des LCSS. Die Bedeut­sam­keit die­ser Pro­fes­sur lässt sich womög­lich an Bei­spie­len bes­ser ver- deut­li­chen: Was heißt Bil­dungs­auf­stieg, wenn bei­na­he 40 % einer Alters­ko­hor­te eine Hoch­schu­le besu­chen, ein aka­de­mi­scher Abschluss also qua­si zum Nor­mal­stan- dard6 gewor­den ist? Wel­che Begrif­fe sind geeig­net, die Ver­flech­tung von Wis­sen­schaft und Wirt­schaft zu be- schrei­ben, wenn klar ist, dass Wor­te wie Wis­sens­trans- fer7 unpas­send gewor­den sind?

Die­se gro­ßen for­schungs­pro­gram­ma­ti­schen Lini­en sind − theo­re­tisch wie auch metho­do­lo­gisch − auf zwei Din­ge ganz wesent­lich ange­wie­sen: auf Inter­dis­zi­pli­na­ri- tät und auf die Über­win­dung der Tren­nung von Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung. Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät ist für die For­schungs­pro­gram­ma­tik des LCSS kenn- zeich­nend, denn kei­ne Fra­ge mit Bezü­gen zur Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung kann aus einer ein- zel­nen dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ve her­aus beant­wor­tet wer­den. Die glo­ba­li­sier­te Wis­sen­schafts­ge­sell­schaft, so die aktu­el­le For­schung, stellt einen ähn­li­chen Epo­chen- bruch dar wie jenen von der Agrar- zur Industriegesell-

logi­cal Review, Vol. 70, 898–920.
7 Mayn­tz, Renate/Neidhardt, Friedhelm/Weingart, Peter/­Wen­gen-

roth, Ulrich (Hg.) (2015): Wis­sens­pro­duk­ti­on und Wis­sens­trans­fer. Bie­le­feld: transcript.

Barlösius/Bieletzki Leib­niz For­schungs­zen­trum Wis­sen­schaft und Gesell­schaft (LCSS) 2 1

schaft. Eine sol­cher­ma­ßen umfas­sen­de Dyna­mik kann nicht aus der Per­spek­ti­ve von eini­gen weni­gen Dis­zi­pli- nen erfasst und schon gar nicht erklärt werden.

Die Zusam­men­füh­rung von Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung ist für das LCSS eine unum­gäng­li- che Not­wen­dig­keit. Die Tren­nung in zwei ver­meint­lich unab­hän­gi­ge For­schungs­ge­bie­te, die sich auf sämt­li­chen Ebe­nen wis­sen­schaft­li­cher Insti­tu­tio­nen und Orga­ni­sa­ti- onen eta­bliert hat, ist eher hin­der­lich denn hilf­reich, um zu ver­ste­hen, was die Wis­sens­ge­sell­schaft cha­rak­te­ri­siert und wel­che Pro­zes­se und Dyna­mi­ken ablau­fen. Gewiss gibt es The­men­be­rei­che der Hoch­schul- wie der Wis­sen- schafts­for­schung, bei denen kei­ne direk­te Inter­de­pen- denz zwi­schen Wis­sen­schaft und Hoch­schu­le besteht, aber will man die Haupt­kenn­zei­chen der Wis­sens­ge­sell- schaft erfas­sen, dann wird man nicht umhin kom­men, die Per­spek­ti­ven der Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for- schung zusammenzubringen.

Das u.a. dar­aus resul­tie­ren­de For­schungs­pro­gramm des LCSS umfasst vier For­schungs­ach­sen, die eine Sys­te- mati­sie­rung der viel­fäl­ti­gen Wech­sel­wir­kun­gen zwi- schen Wis­sen­schaft und Gesell­schaft vor­neh­men: 1. Epi- ste­mo­lo­gie, 2. Legi­ti­ma­ti­on und Nor­ma­ti­vi­tät, 3. Funk­ti- ona­le Dif­fe­ren­zie­rung und 4. Sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung. Es han­delt sich hier­bei zunächst um eine heu­ris­ti­sche Sys­te- mati­sie­rung, die sich von gene­ra­li­sier­ten theo­re­ti­schen Annah­men über Gegen­warts­ge­sell­schaf­ten her­lei­tet. Die ers­te For­schungs­ach­se „Epis­te­mo­lo­gie“ ist auf die Art und Wei­se der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­ge­win­nung kon­zen­triert. Im Mit­tel­punkt steht die Fra­ge nach den Bedin­gun­gen und Kon­tex­ten der Wis­sens­ge­ne­rie­rung, ob und wie die­se auf die Unab­hän­gig­keit von Wis­sen- schaft wir­ken. Die zwei­te For­schungs­ach­se „Legi­ti­ma­ti- on und Nor­ma­ti­vi­tät“ begrün­det sich einer­seits dar­aus, dass die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Wis­sen­schaft und Gesell­schaft und die inter­ne Aus­ge­stal­tung des wis­sen- schaft­li­chen Fel­des nach Erklä­rung und Recht­fer­ti­gung ver­lan­gen. Ande­rer­seits ergibt sie sich dar­aus, dass wis- sen­schaft­li­ches Wis­sen, ins­be­son­de­re wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se, von ande­ren sozia­len Fel­dern − vor allem der Poli­tik − zur Argu­men­ta­ti­on und zur Legi­ti­ma­ti­on von Ent­schei­dun­gen genutzt wird. Die drit­te For­schungs­ach- se „Funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung“ impli­ziert, dass Ge- gen­warts­ge­sell­schaf­ten funk­tio­nal dif­fe­ren­ziert sind und das Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft zu sozia­len Fel­dern wie auch zur Gesell­schaft durch funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung cha­rak­te­ri­siert ist. Hier steht die Fra­ge im Zen­trum, wie sich das Span­nungs­ver­hält­nis von Auto­no­mie und Hete- rono­mie für Wis­sen­schaft und Gesell­schaft gestal­tet. Die

8 Hier fin­den sich Kurz­be­schrei­bun­gen der Brü­cken­pro­jek­te: https:// www.lcss.uni-hannover.de/brueckenprojekte.html.

vier­te For­schungs­ach­se „Sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung“ drückt aus, dass neben funk­tio­na­len auch sozi­al­struk­tu­rel­le Dif- feren­zie­rungs­pro­zes­se wirk­sam sind, und zwar eben­falls im Ver­hält­nis zu ande­ren sozia­len Fel­dern und zur Ge- samt­ge­sell­schaft wie auch inner­halb der Wis­sen­schaft. In der For­schung zu die­ser Ach­se ist von beson­de­rem Inte- res­se, wie und an wel­chen sozia­len Dif­fe­ren­zie­rungs­pro- zes­sen Hoch­schu­le und Wis­sen­schaft betei­ligt sind.

Die Aus­rich­tung an die­sen For­schungs­ach­sen bedarf beson­de­rer Anrei­ze und Struk­tu­ren, wofür das LCSS eine inter­ne For­schungs­för­de­rung bereit­stellt: die Brü- cken­pro­jek­te. Die Brü­cken­pro­jek­te die­nen der Rea­li­sie- rung der geschil­der­ten For­schungs­pro­gram­ma­tik und wer­den aus dem LCSS-eige­nen Etat finan­ziert. Idea­ler- wei­se die­nen sie der Anschub­fi­nan­zie­rung für grö­ße­re Dritt­mit­tel­an­trä­ge, der Befor­schung inno­va­ti­ver Fra­ge- stel­lun­gen, aber in jedem Fall der wei­te­ren Inte­gra­ti­on der LCSS-For­sche­rin­nen und ‑For­scher auf der Ebe­ne kon­kre­ter Pro­jek­te. Brü­cken­pro­jek­te kön­nen von den Mit­glie­dern des LCSS in Koope­ra­ti­on mit ande­ren Wis- sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern bean­tragt wer- den. Die Antrag­stel­lung ist ent­lang der Idee des LCSS an ver­schie­de­ne Vor­aus­set­zun­gen geknüpft: Die geplan­te For­schung muss inter­dis­zi­pli­när ange­legt sein, sys­te­ma- tisch Ver­bin­dun­gen zwi­schen Wis­sen­schaft und Hoch- schu­le unter­su­chen und sich the­ma­tisch einer der vier For­schungs­ach­sen zuord­nen las­sen. Gegen­wär­tig wer- den am LCSS drei Brü­cken­pro­jek­te bear­bei­tet, drei wei- tere star­ten im Jahr 2018.8

III. Gra­du­ier­ten­schu­le Wis­sen­schaft und Gesellschaft

Die Aus­bil­dung von qua­li­fi­zier­tem wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuchs ist dem LCSS eben­falls ein wich­ti­ges Anlie- gen, wes­halb am LCSS eine eige­ne Gra­du­ier­ten­schu­le, die gemein­sam mit dem DZHW durch­ge­führt wird, behei­ma­tet ist.9 Die inter­dis­zi­pli­nä­re Auf­stel­lung und die theo­rie­ge­lei­te­te und grund­la­gen­ori­en­tier­te For­schung des LCSS, die enge Zusam­men­ar­beit mit dem DZHW, das über einen über­aus gro­ßen „Daten­schatz“ zur Hoch- schul- und Wis­sen­schafts­for­schung ver­fügt, sind idea­le Vor­aus­set­zun­gen für eine erfolg­rei­che und ori­gi­nel­le Pro­mo­ti­on. Die Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den des LCSS haben ver­schie­de­ne dis­zi­pli­nä­re Hin­ter­grün­de und sind also selbst eine inter­dis­zi­pli­nä­re Grup­pe von jun­gen Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­for­sche­rin­nen und ‑for­schern.

Neben den Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten der LCSS-Gra­du­ier­ten­schu­le kön­nen auch Doktorandinnen

9 Nähe­re Infor­ma­tio­nen sie­he unter https://www.lcss.uni-hannover. de/graduiertenschule.html.

22 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2018), 19–22

und Dok­to­ran­den der LUH als Mit­glie­der der Gra­du­ier- ten­schu­le auf­ge­nom­men wer­den, wenn deren The­ma zur For­schungs­pro­gram­ma­tik des LCSS passt.

Im Lehr­pro­gramm, an dem sich alle am LCSS vertre- tenen Dis­zi­pli­nen betei­li­gen, wer­den die Dok­to­ran­din- nen und Dok­to­ran­den in die ver­schie­de­nen dis­zi­pli­nä- ren For­schungs­per­spek­ti­ven, Theo­rien und Metho­den zu den Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Wis­sen­schaft und Gesell­schaft und zur Bedeu­tung der Hoch­schul­bil­dung in den Gegen­warts­ge­sell­schaf­ten eingeführt.

Das LCSS besteht nun­mehr andert­halb Jah­re, die wich­tigs­ten Struk­tu­ren sind auf­ge­baut, die Brückenpro-

jek­te füh­ren zu einer Inte­gra­ti­on der Dis­zi­pli­nen, zusätz- liche Dritt­mit­tel sind ein­ge­wor­ben und die Koope­ra­ti­on mit dem DZHW ent­wi­ckelt sich sehr gut. Wei­te­re grö­ße- re Pro­jek­te sind in Planung.

Eva Bar­lö­si­us lei­tet gegen­wär­tig das LCSS, sie hat eine Pro­fes­sur für Makro­so­zio­lo­gie. Ihre Arbeits­schwer- punk­te sind Wis­sen­schafts- und Hoch­schul­for­schung sowie Ungleich­heits- und Kultursoziologie.

Nad­ja Bie­letz­ki ist Koor­di­na­to­rin des LCSS. Sie hat über „The Power of Col­le­gia­li­ty – a qua­li­ta­ti­ve ana­ly­sis of uni­ver­si­ty pre­si­dents‘ lea­ders­hip“ promoviert.