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I. Die Schule

Die Éco­le natio­na­le d’administration (ENA) ist viel­leicht die bekann­tes­te, wenn auch bei wei­tem nicht die ältes­te der das fran­zö­si­sche Bil­dungs­sys­tem ganz spe­zi­fisch aus- zeich­nen­den „gran­des écoles“.1

Das Sys­tem ist ziem­lich einzigartig.

Ein anony­mi­sier­ter Wett­be­werb der Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten, die bereits einen Hoch­schul­ab­schluss haben oder bereits in der fran­zö­si­schen Ver­wal­tung tätig sind, der „con­cours“, ist der Auf­nah­me in die Schu­le vor- geschal­tet. Danach sind die „Schüler“2 bereits bezahl­te Beam­te. Am Ende der Stu­di­en­zeit steht das sog. „clas­se- ment“, das fach­über­grei­fend die Zuord­nung der Absol- ven­ten zu den jeweils offe­nen Beam­ten­stel­len in den ver- schie­dens­ten Res­sorts nach der in der Abschluss­prü­fung erwor­be­nen Plat­zie­rung ord­net. Die Funk­ti­ons­wei­se der ENA ist ein­fa­cher zu ver­ste­hen, wenn man sie nicht als unab­hän­gi­ge Aus­bil­dungs­in­sti­tu­ti­on begreift, die ihre Ele­ven nach geta­ner Bil­dungs­ar­beit in die Welt ent­lässt, son­dern eher als eine inter­ne Aus- und Fort­bil­dungsein- rich­tung für die höhe­ren Beam­ten und Ange­stell­ten der Zentralverwaltung.

Die Absol­ven­ten, die in der gro­ßen Mehr­heit ihr ge- sam­tes Berufs­le­ben im Staats­dienst ver­brin­gen, ver- pflich­ten sich zu fach­li­cher Mobi­li­tät, die in der Pra­xis auch ein­ge­for­dert wird.

Die Schu­le ist anwen­dungs­ori­en­tiert. Sie ver­mit­telt Fähig­kei­ten in Arbeits­me­tho­den der Ver­wal­tung, wie etwa in Ver­hand­lungs­tech­nik, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie und Kri­sen­ma­nage­ment eben­so wie sie ver­tief­te Be- hand­lung euro­pa­po­li­ti­scher Fra­gen anbie­tet. Theo­re­ti- scher Unter­richt und die Prak­ti­ka in Ver­wal­tung, Unter- neh­men und im Aus­land ergän­zen ein­an­der. Teil der Aus­bil­dung sind mehr­wö­chi­ge oder mehr­mo­na­ti­ge Prak­ti­ka in der fran­zö­si­schen Ter­ri­to­ri­al­ver­wal­tung oder bei inter­na­tio­na­len Organisationen.

Die fran­zö­si­sche Öffent­lich­keit dis­ku­tiert seit vie­len Jah­ren kon­tro­vers und zum Teil sogar scharf über die ENA, deren Alum­ni der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu ein­mal als „Staats­adel“ gezeich­net hat.

  1. 1  https://www.ena.fr/ [zuletzt abge­ru­fen am 29.5.2017].
  2. 2  Die Absol­ven­ten sind Schü­ler (élè­ves) und nicht Stu­den­ten. Da esfür ers­te­re kei­ne geschlechts­neu­tra­le Bezeich­nung im Deutschen

Dem häu­fig zu hören­den, nicht gänz­lich abwe­gi­gen Vor­wurf, sie sei eine Män­ner­do­mä­ne und eine Hoch- burg der Pari­ser Bour­geoi­sie ver­sucht die Schu­le durch eine breit­ge­fä­cher­te Moder­ni­sie­rung zu begeg­nen. Die ENA von heu­te ist nicht mehr die ENA von vor 30 Jah- ren. Der Auf­nah­me­wett­be­werb ist refor­miert wor­den, um die Schu­le einem brei­te­ren sozia­len Spek­trum zu öff- nen, und Bestand­leil des Cur­ri­cul­ums ist heut­zu­ta­ge auch die Sozi­al­ar­beit mit benach­tei­lig­ten Schich­ten. Be- reits 1992 ist die ENA im Zuge der fran­zö­si­schen Dezen- tra­li­sie­rungs­po­li­tik und als poli­ti­sches Signal für Euro­pa von Paris nach Straß­burg umgezogen.

Der Reform­pro­zess bleibt ein work in pro­gress. Die Schu­le rech­net es sich heu­te als Erfolg an, dass 60 % der Schü­ler ihr Abitur nicht in Paris gemacht haben und sich selbst als „Pro­vinz­ler“ bezeich­nen. Der Anteil der Schü- lerin­nen liegt bei einem guten Drit­tel. Die Schu­le wird zur Zeit von einer Frau gelei­tet, die selbst nicht ENA-Ab- sol­ven­tin war.

Die ENA, kaum denk­bar ohne den fran­zö­si­schen Zen­tral­staat und sei­ne Vor­lie­be für for­ma­le Aus­le­se­pro- zes­se, bleibt in ihrer Funk­ti­ons­wei­se im inter­na­tio­na­len Ver­gleich gleich­wohl aty­pisch. Obwohl sich Ele­men­te ihrer Kon­struk­ti­on auch in Bil­dungs- und Rekru­tie- rungs­ein­rich­tun­gen ande­rer Län­der fin­den, kann sie nur schwer mit Uni­ver­si­tä­ten oder Busi­ness Schools ver­gli- chen wer­den. Aber auch hier soll sich eini­ges ändern. Die ENA will sich der For­schung öff­nen und erwägt in gewis­sem Umfang einen eige­nen Lehr­kör­per auf­zu­bau- en, wobei aber der öffent­li­che Dienst („manage­ment pu- blic“) als Mar­ken­kern erhal­ten blei­ben soll.

II. Poli­ti­sche Funktion

Im Rah­men der breit geführ­ten inter­na­tio­na­len Dis­kus- sion über das sin­ken­de Ver­trau­en in die Eli­ten steht die ENA gera­de­zu auto­ma­tisch im Faden­kreuz der Kritiker.

Hier ist etwas Nüch­tern­heit ange­ra­ten. 1945 von Charles de Gaul­le gegrün­det, soll­te die Schu­le den Zu- gang zu lei­ten­den Beam­ten­stel­len fach­über­grei­fend for- mali­sie­ren und damit trans­pa­ren­ter machen. Ziel war es

gibt, ist der Les­bar­keit hal­ber im fol­gen­den immer nur von „Schü- lern“ die Rede.

Andre­as von Mettenheim

Deut­sche Stu­den­ten an der ENA
Ein deutsch-fran­zö­si­sches Pro­jekt im Wan­del der Zeiten

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2017, ISSN 2197–9197

196 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2017), 195–198

vor allem, eine Ethik der val­eurs de ser­vice public zu ver- mit­teln und damit eine leis­tungs­fä­hi­ge, loya­le Beam­ten- schaft als Ele­ment der Kon­ti­nui­tät auch unter wech­seln- den poli­ti­schen Bedin­gun­gen zu garan­tie­ren. Dies ist im Kern auch heu­te noch die Auf­ga­be der Schu­le, denn der aller­größ­te Teil der „Enar­chen“ ver­sieht sei­nen Dienst dis­kret und über Jahr­zehn­te in vie­ler­lei Insti­tu­tio­nen der fran­zö­si­schen Ver­wal­tung. Die Schu­le macht dar­auf auf- merk­sam, dass der Anteil der in der natio­na­len Poli­tik agie­ren­den Absol­ven­ten der­zeit bei ledig­lich 2 % und der dau­er­haft in Unter­neh­men Beschäf­tig­ten bei 8 % liegt.

Die Tat­sa­che, dass Absol­ven­ten der Schu­le ihre Be- amten­lauf­bahn unter­bre­chen oder auf­ge­ben, um — z.T. mit gro­ßem Erfolg — in zen­tra­le Posi­tio­nen in Poli­tik und Wirt­schaft Frank­reichs zu wech­seln, wird von der Öf- fent­lich­keit gleich­wohl mit größ­ter Auf­merk­sam­keit ver- folgt. Mit inzwi­schen vier fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den- ten, sie­ben Pre­mier­mi­nis­tern sowie etli­chen Top­ma­na- gern fin­den oder fan­den sich ehe­ma­li­ge Schü­ler in Posi- tio­nen, für die die Schu­le ja gera­de nicht eigens aus­bil­det und die ja gera­de nicht über das beschrie­be­ne Sys­tem des „clas­se­ment“ zu errei­chen sind.

Die Ursa­chen für die außer­ge­wöhn­li­che Stel­lung der ENA als talent pool der fran­zö­si­schen Poli­tik und der Wan­del von einer der Poli­tik die­nen­den zu einer die Po- litik gestal­ten­den Funk­ti­on — jeden­falls eini­ger ihrer Ab- sol­ven­ten — sind viel­fäl­tig und kön­nen hier nicht im Ein- zel­nen nach­ge­zeich­net wer­den. So wie die Din­ge nun ein­mal lie­gen, gehört dazu jeden­falls eine gehö­ri­ge Pri­se self­full­fil­ling pro­phe­cy. Wer in Frank­reich etwas wer­den will, nimmt nun ein­mal die Mühe auf sich, den mühe- vol­len Marsch durch meh­re­re hin­ter­ein­an­der geschal­te­te uner­bitt­li­che Aus­wahl­pro­zes­se anzutreten.

Viel­leicht mit Aus­nah­me der Kom­mu­nis­ten bedie- nen sich sämt­li­che fran­zö­si­schen Par­tei­en , ein­schließ- lich des Front Natio­nal, aus dem Reser­voir der ENA-Ab- sol­ven­ten. Auch der mit dem Anspruch, Frank­reich grund­le­gend zu refor­mie­ren und “vie­le Din­ge ganz an- ders zu machen” ange­tre­te­ne neue Staats­prä­si­dent Em- manu­el Macron ist gera­de­zu das per­fek­te Rol­len­mo­dell des zunächst in die Wirt­schaft und dann in die Poli­tik gewech­sel­ten Enar­chen. Zur Zeit ist noch nicht abseh- bar, ob der von Macron ange­sto­ße­ne und noch zu kon- kre­ti­sie­ren­de poli­ti­sche Reform­pro­zess, der von eini­gen Beob­ach­tern schon als Abge­sang auf die „Fünf­te Repub- lik“ bezeich­net wird, die Schu­le völ­lig unbe­rührt las­sen wird. Unter Prä­si­dent Macron sind in einer viel­ge­stal­ti- gen Regie­rungs­mann­schaft immer­hin noch der Pre­mi- ermi­nis­ter und zwei zen­tra­le Res­sorts (Wirt­schaft und Ver­tei­di­gung) von zwei ehe­ma­li­gen ENA-Absol­ven­ten und einer Absol­ven­tin besetzt.

Die eigent­li­che Fra­ge ist die, war­um es in Frank­reich den Par­tei­en, den Gewerk­schaf­ten und ande­ren gesell- schaft­li­chen Grup­pen und Insti­tu­tio­nen augen­schein­lich immer noch schwer fällt, in der fran­zö­si­schen Poli­tik an- dere Füh­rungs­re­ser­ven in ange­mes­se­ner Wei­se ins Spiel zu brin­gen oder auszuschöpfen.

III. Inter­na­tio­na­le Zusammenarbeit

Bereits 1949 wur­den die ers­ten aus­län­di­schen Schü­ler an der ENA auf­ge­nom­men. Zu den ca. 5600 fran­zö­si­schen ENA-Ehe­ma­li­gen kom­men des­halb gegen­wär­tig mehr als 2000 aus­län­di­sche ehe­ma­li­ge ENA Absol­ven­ten hin- zu, dar­un­ter etwa 400 Deut­sche. Sys­te­ma­tisch eta­bliert wur­de die Auf­nah­me deut­scher Schü­ler in Fol­ge des 1963 von Ade­nau­er und de Gaul­le unter­zeich­ne­ten Ély­sée- Ver­trags. Das Sti­pen­di­en­pro­gramm des Deut­schen Aka- demi­schen Aus­tausch­diens­tes (DAAD) fei­er­te im Sep- tem­ber 2016 sein fünf­zig­jäh­ri­ges Bestehen. Was für die ENA als Schu­le gilt, gilt auch für die Inte­gra­ti­on aus­län- discher Sti­pen­dia­ten in die Schu­le. In den letz­ten drei­ßig Jah­ren hat sich viel ver­än­dert. Heut­zu­ta­ge sind letz­te­re im wesent­li­chen in die Pro­gram­me der Fran­zo­sen integ- riert, wäh­rend zu Zei­ten des Stu­di­ums des Ver­fas­sers die Teil­nah­me an dem damals so genann­ten „cycle étran­ger“ offen­ge­stan­den eher „ENA Light“ bedeu­te­te. Hier lag übri­gens im Rück­blick der wich­tigs­te Kri­tik­punkt der meis­ten deut­schen Ehemaligen.

Ein sym­me­tri­sches Gegen­stück von Frank­reich in Rich­tung Deutsch­land gibt es nicht. Die ENA koope­riert aber mit deut­schen Part­nern, wie der Bun­des­aka­de­mie für öffent­li­che Ver­wal­tung, der Deut­schen Uni­ver­si­tät für Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten in Spey­er und Insti­tu­tio- nen in Bay­ern und Baden-Würt­tem­berg. Dane­ben betei- ligt sich die ENA in gewis­sem Umfang an deutsch-fran- zösi­schen berufs­be­glei­ten­den Fort­bil­dungs­pro­gram- men, u.a. dem Mas­ter euro­péen de gou­ver­nan­ce et d‘administration (MEGA).

Im Lau­fe der Zeit haben dar­über­hin­aus mehr als 600 fran­zö­si­sche ENA-Schü­ler im Rah­men ihrer Aus­bil­dung mehr­mo­na­ti­ge Prak­ti­ka in Deutsch­land, an fran­zö­si- schen Bot­schaf­ten oder Han­dels­för­de­rungs­stel­len, in Bun­des – oder Län­der­ver­wal­tun­gen absolviert.

IV. Die Programme

1. Cycle inter­na­tio­nal long (CIL) 14 (+2) Monate

Das Pro­gramm rich­tet sich an deut­sche Gra­du­ier­te wis- sen­schaft­li­cher Hoch­schu­len und qua­li­fi­zier­te Nach- wuchs­kräf­te des höhe­ren Diens­tes der öffent­li­chen Ver- wal­tung. Der größ­te Teil der Aus­bil­dung erfolgt gemein-

sam mit den fran­zö­si­schen Schü­lern. Er besteht aus den Kur­sen in Straß­burg, einer vier­mo­na­ti­gen Ver­wal­tungs- sta­ti­on in der Ter­ri­to­ri­al­ver­wal­tung oder bei Inter­na­tio- nalen Organisationen.

Die Aus­bil­dung wird mit einem Diplô­me inter­na­tio- nal d’administration publi­que abge­schlos­sen und kann durch das Ver­fas­sen einer Mas­ter­ar­beit (wäh­rend zu- sätz­li­cher 2 Mona­te) mit einem Mas­ter pro­fes­sio­nel er- gänzt werden.

2. Cycle Inter­na­tio­nal de Per­fec­tion­ne­ment (CIP) 8 Monate

Die­ses Pro­gramm ist geöff­net für deut­sche Beam­te oder Ange­stell­te des höhe­ren Diens­tes der öffent­li­chen Ver- wal­tung mit min­des­tens fünf­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung. Drei Mona­te der Aus­bil­dung wer­den gemein­sam mit fran­zö­si­schen Schü­lern des „cycle supé­ri­eur de per­fec­ti- onne­ment des admi­nis­tra­teurs“ absol­viert. Dar­in ent­hal- ten ist eine sie­ben­wö­chi­ge Sta­ti­on in der fran­zö­si­schen Ver­wal­tung (Zen­tral­ver­wal­tung, Prä­fek­tu­ren, Gebiets- kör­per­schaf­ten, öffent­li­che Anstal­ten). Die Abschlüs­se ähneln denen des CIL.

Da sich die ENA in einem per­ma­nen­ten Reform­pro- zess befin­det, ist es ange­ra­ten, über Rah­men­da­ten, Sti- pen­dien­be­din­gun­gen und Bewer­bungs­fris­ten beim DAAD aktu­el­le Infor­ma­tio­nen einzuholen.3

IV. Deut­sche Erfahrungen

Im deut­schen höhe­ren Ver­wal­tungs­dienst ist der Anteil der ENA-Absol­ven­ten aufs gan­ze gese­hen gering. Sie leben in einem ande­ren gesell­schaft­li­chen und admi­nist- rati­ven Umfeld, einer ande­ren Ver­wal­tungs­kul­tur, die die Ansprü­che und Erwar­tun­gen an die Fol­gen, die sich aus ihrem Stu­di­um an einer fran­zö­si­schen Ver­wal­tungs- hoch­schu­le erge­ben, anders for­men müs­sen als dies in Frank­reich der Fall ist. Den­noch sind nicht weni­ge deut- sche ENA-Sti­pen­dia­ten in der Ver­wal­tung, in Hoch­schu- len oder in der Wirt­schaft , aber auch in frei­en Beru­fen erfolgreich.

Unter den deut­schen Ehe­ma­li­gen fin­den sich eine ehe­ma­li­ge Minis­te­rin, ehe­ma­li­ge Staats­se­kre­tä­re in Bun- des- oder Lan­des­mi­nis­te­ri­en, ein Rich­ter am Euro­päi- schen Gerichts­hof, ehe­ma­li­ge Bera­ter eines Bun­des­kanz- lers, Bot­schaf­ter, Bür­ger­meis­ter, Pro­fes­so­ren, Jour­na­lis- ten, aber auch Rechts­an­wäl­te und ande­re Ange­hö­ri­ge der frei­en Beru­fe. Die Brei­te der beruf­li­chen Ori­en­tie- rung der deut­schen Sti­pen­dia­ten und der Anteil an Frei- en Beru­fen ist in Deutsch­land ver­mut­lich höher als in

3 https://www.daad.de/ausland/studieren/stipendium/de/70-stipen- dien-finden-und-bewerben/?detail=50015213.

Frank­reich. Dage­gen fin­den sich unter den deut­schen Absol­ven­ten weni­ger Mit­glie­der aus der Indus­trie oder aus Beratungsfirmen.

Eine Son­der­stel­lung nimmt der deut­sche Aus­wär­ti­ge Dienst ein. In sei­ne Rei­hen sind im Lau­fe der Jah­re bis- her ca. 30 ENA-Absol­ven­ten eingetreten.

Wer mehr über Jahr­zehn­te deut­scher (und fran­zö­si- scher) ENA — Erfah­run­gen wis­sen möch­te, sei auf das Buch „La coo­pé­ra­ti­on fran­co-alle­man­de et L‘ENA“ hin­ge- wie­sen. Es ent­hält eine Viel­zahl von Erleb­nis­be­rich­ten ehe­ma­li­ger Sti­pen­dia­ten und gibt damit einen ganz spe- zifi­schen Ein­blick in Moti­va­ti­on und Erfah­run­gen deut- scher Sti­pen­dia­ten. Dabei steht emo­tio­nal das sou­ve­nir sym­pa­thi­que ganz im Vor­der­grund, fach­lich hin­ge­gen wer­den die erfor­der­li­che geis­ti­ge Öff­nung gegen­über ei- nem ande­ren Ver­wal­tungs­sys­tem und das Gene­ra­lis­ten- prin­zip als Vor­zü­ge benannt. Das Buch kann bezo­gen wer­den über die docu­men­ta­ti­on francaise.4

Das Inter­es­se deut­scher Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten oder Beam­ten an der ENA, an die­ser Fest­stel­lung führt kein Weg vor­bei, ist in den letz­ten Jah­ren gerin­ger gewor­den. Die Bewer­ber­zah­len sind zurück­ge­gan­gen. Die Ursa- chen hier­für sind viel­fäl­tig. Man­geln­de Sprach­kom­pe- tenz in Kom­bi­na­ti­on mit einem kon­kur­rie­ren­den viel­fäl- tigen Fort­bil­dungs­an­ge­bot in der angel­säch­si­schen Welt spie­len eine Rolle.

Wäh­rend der DAAD bemüht ist, die Pro­gram­me in der aka­de­mi­schen Welt vor­zu­stel­len, fehlt es an einer sys­te­ma­ti­schen Wer­bung im Bereich der öffent­li­chen Ver­wal­tung. Bedau­er­li­cher­wei­se ist im Gegen­satz zu an- deren euro­päi­schen Part­nern, die die Pro­gram­me inten- siver nut­zen, auch die Bereit­schaft gera­de deut­scher Be- hör­den, Beam­te für einen län­ge­ren Zeit­raum zu ent­sen- den, in letz­ter Zeit stark zurückgegangen.

Die „Gesell­schaft der deut­schen ehe­ma­li­gen ENA- Schü­ler“ bemüht sich als Alum­ni-Ver­ei­ni­gung das The- ma aus eige­ner Über­zeu­gung sach­ge­recht zu kommunizieren.

V. Grün­de für ein Stu­di­um an der ENA

Die Tat­sa­che, dass in Frank­reich eine leben­di­ge Dis­kus- sion über die Rol­le einer immer wie­der als Eli­te­in­sti­tu­ti- on apo­stro­phier­ten Ein­rich­tung geführt wird, soll­te zumin­dest bei auf­ge­weck­ten Geis­tern den Appe­tit auf ein ENA-Stu­di­um eher anre­gen als dämp­fen. Der Besuch ist für den deut­schen Schü­ler jeden­falls ein gro- ßer Gewinn. Unter die­sem Gesichts­punkt kann der geschil­der­te Bewer­ber­rück­gang in Deutsch­land durch-

4 http://www.ladocumentationfrancaise.fr/catalogue/9782110095435/ index.shtml).

Met­ten­heim · Deut­sche Stu­den­ten an der ENA 1 9 7

198 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2017), 195–198

aus als Chan­ce ver­stan­den wer­den. Von erfurchts­vol­ler Schock­star­re ange­sichts der gele­gent­lich auch an den Fak­ten vor­bei­ge­hen­den Eli­te­de­bat­te ist drin­gend abzu­ra- ten.

Das anwen­dungs­be­zo­ge­ne Stu­di­um ver­mit­telt wert- vol­le beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen und bie­tet eine gera­de­zu ein­zig­ar­ti­ge Mög­lich­keit, Frank­reich poli­tisch, wirt- schaft­lich und kul­tu­rell ken­nen­zu­ler­nen. Die fran­zö­si- schen Schü­ler kom­men aus den ver­schie­dens­ten fach­li- chen Berei­chen und sind übri­gens ent­ge­gen einem oft zu hören­den Vor­teil durch­aus indi­vi­du­el­le Cha­rak­te­re. Als Deut­sche® mit ihnen zusam­men zu stu­die­ren, ist eine gro­ße Chan­ce, einen ein­zig­ar­ti­gen zu pro­duk­ti­ven Ver- glei­chen anre­gen­den Ein­druck von den poli­tisch-admi- nis­tra­ti­ven Funk­ti­ons­me­cha­nis­men Frank­reichs, unse- rem wich­tigs­ten Part­ner in Euro­pa, auf­zu­neh­men. Gleich­zei­tig erwer­ben die Sti­pen­dia­ten ein euro­pa­po­li­ti- sches und ver­hand­lungs­tech­ni­sches Know How, das es dem erfolg­rei­chen deut­schen Absol­ven­ten spä­ter er- leich­tert, dem von uns oft bewun­der­ten fran­zö­si­schen Ver­hand­lungs­ge­schick auf Augen­hö­he gegen­über­zutre- ten. Für vie­le deut­sche Ehe­ma­li­ge ist die Erin­ne­rung an ihre Zeit an der ENA nicht zuletzt geprägt von unver- gess­li­chen Momen­ten mensch­li­cher Begegnungen.

In einer Zeit, in der die Hand­lungs­fä­hig­keit und der Zusam­men­halt in Euro­pa auf dem Prüf­stand ste­hen, wird die deutsch-fran­zö­si­sche Part­ner­schaft noch wich- tiger. Sie muss sich jeden Tag und auf allen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ebe­nen neu bewähren.Von der Teil­nah­me deut­scher Absol­ven­ten an der gemein­sam mit den fran­zö­si­schen Schü­lern besuch­ten Aus­bil­dung hat in der Ver­gan­gen­heit und pro­fi­tiert in der Gegen­wart Deutsch­land eben­so wie Frank­reich. Ange­sichts der ak- tuel­len Situa­ti­on gewinnt die deut­sche Prä­senz an der ENA wie­der die ursprüng­lich inten­dier­te poli­ti­sche Be- deu­tung zurück. Letz­te­re soll­te zwar den ein­zel­nen Stu- die­ren­den, für den der indi­vi­du­el­le Mehr­wert natur­ge- mäß im Vor­der­grund steht, nur mit­tel­bar Ansporn sein. Unmit­tel­bar soll­te sie aller­dings ein Auf­ruf an die Exe­ku- tive auf Bun­des- oder Lan­des­ebe­ne sein, sich stär­ker als das in der jün­ge­ren Zeit der Fall war, natür­lich auch im eige­nen Inter­es­se durch Ent­sen­dung von Beam­ten in die ein­schlä­gi­gen Pro­gram­me der ENA zu engagieren.

Andre­as von Met­ten­heim (Pro­mo­ti­on Simo­ne Weil), Bot­schaf­ter a.D., ist Vor­sit­zen­der der Gesell­schaft der deut­schen ehe­ma­li­gen ENA-Schü­ler e.V. (andre­asv. mettenheim@yahoo.de)