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ÜBERSICHT

I. „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“

II. Prak­ti­sches Jahr (PJ) als Teil des Medizinstudiums

III. Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen für die Leh­re im Medi­zin- studium

1. Art. 24 Abs. 2 Richt­li­nie 2005/36/EG
2. Ver­fas­sungs­recht­li­che Vor­ga­ben nach Art. 5 Abs. 3 GG

IV. Aus­wir­kun­gen des Grund­rechts­schut­zes auf die Umset­zung des „Mas­ter­plans Medi­zin­stu­di­um 2020“

1. Gewähr­leis­tung des Grund­rechts­schut­zes bei der Aus­bil­dung im sta­tio­nä­ren Bereich

2. Gewähr­leis­tung des Grund­rechts­schut­zes bei der Aus­bil­dung im ambu­lan­ten Bereich

V. Aus­wahl und Bestel­lung von Prü­fern für das Fach All­ge­mein- medizin

1. Sta­tus quo
2. Bestim­mung von Prü­fern für das Fach Allgemeinmedizin

I. „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“

Aktu­ell wird an einer Reform des Medi­zin­stu­di­ums unter der Über­schrift „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“ gear­bei­tet. Ange­sto­ßen wur­de die­se Reform von den Regie­rungs­par­tei­en CDU, CSU und SPD. In deren Koali­ti­ons­ver­trag vom 14.12.2013 für die 18. Legis­la­tur­pe- riode ist im Abschnitt 2.4 (Gesund­heit und Pfle­ge) unter den Punk­ten „Gesund­heits­be­ru­fe und Medi­zin­stu­di­um“ vor­ge­se­hen, dass in einer Kon­fe­renz der Gesund­heits- und Wis­sen­schafts­mi­nis­ter von Bund und Län­dern für eine ziel­ge­rich­te­te­re Aus­wahl der Stu­di­en­platz­be­wer­ber, zur För­de­rung der Pra­xis­nä­he und zur Stär­kung der All- gemein­me­di­zin ein „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“ ent­wi­ckelt wird.

Ein kon­kre­tes Doku­ment zu die­sem Mas­ter­plan ist bis­lang nicht öffent­lich gemacht wor­den. Offen­bar exis- tie­ren aber Vor­schlä­ge, das Prak­ti­sche Jahr (PJ) am Ende des Medi­zin­stu­di­ums zukünf­tig nicht mehr in Ter­tia­le zu unter­tei­len, son­dern in vier Quar­ta­le. Neben den be- reits bestehen­den Pflicht­ab­schnit­ten in den Fächern Chir­ur­gie und Inne­re Medi­zin soll ein wei­te­res Pflicht- quar­tal für den ambu­lan­ten Bereich ein­ge­führt werden,

wel­ches die Medi­zin­stu­die­ren­den aus­schließ­lich in Ver- trags­arzt­pra­xen absol­vie­ren sol­len. Pra­xis­in­ha­ber kön- nen sich hier­für, so offen­bar die Vor­stel­lung der Poli­tik, frei­wil­lig mel­den, um als Lehr­pra­xen an die­sem prak­ti- schen Stu­di­en­ab­schnitt mit­zu­wir­ken. Hin­ge­gen scheint der­zeit nicht dar­an gedacht, die Hoch­schul­am­bu­lan­zen und Aka­de­mi­schen Lehr­kran­ken­häu­ser in die­ses ambu- lan­te Pflicht­quar­tal ein­zu­be­zie­hen. Der vier­te Abschnitt des PJ soll wei­ter­hin der Wahl­frei­heit der Stu­die­ren­den unterliegen.

Fer­ner sieht der Mas­ter­plan offen­bar vor, dass in der nach dem Ende des Prak­ti­schen Jah­res lie­gen­den, das Medi­zin­stu­di­um abschlie­ßen­den münd­lich-prak­ti­schen Prü­fung das Fach All­ge­mein­me­di­zin ver­pflich­tend für alle Stu­die­ren­den geprüft wird.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, wel­che Rol­le den Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten bei der Aus­wahl, Bestel­lung und Qua­li­täts­si­che­rung der ver­trags­ärzt­li- chen Lehr­pra­xen zukommt, dies ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund der zu wah­ren­den Auto­no­mie der Uni­ver- sitä­ten. Hin­sicht­lich der zukünf­tig vor­ge­se­he­nen ver- pflich­ten­den Prü­fung des Faches All­ge­mein­me­di­zin geht es im glei­chen Kon­text um den Ein­fluss der Medi­zi­ni- schen Fakul­tä­ten auf Aus­wahl, Bestel­lung und Qua­li­täts- siche­rung der ein­zu­set­zen­den Prü­fer und auch dort um die Reich­wei­te der Lehrfreiheit.

II. Prak­ti­sches Jahr (PJ) als Teil des Medizinstudiums

Das Prak­ti­sche Jahr (PJ) ist Bestand­teil der ärzt­li­chen Aus­bil­dung und damit Teil des Medi­zin­stu­di­ums. Dies folgt unmit­tel­bar aus § 1 Abs. 2 Nr. 1 S. 2 ÄAp­pO. Dort ist bestimmt, dass das letz­te Jahr des Stu­di­ums eine zusam- men­hän­gen­de prak­ti­sche Aus­bil­dung von 48 Wochen umfasst. Abge­schlos­sen wird das Stu­di­um durch den Drit­ten Abschnitt der Ärzt­li­chen Prü­fung gem. § 1 Abs. 3 Nr. 3 ÄAppO.

Rege­lun­gen, die – wie das im „Mas­ter­plan Medi­zin- stu­di­um 2020“ vor­ge­se­he­ne Pflicht­quar­tal im ambu­lan- ten Bereich – das PJ betref­fen, zie­len auf die Aus­bil­dung der Medi­zin­stu­die­ren­den ab und betref­fen damit die Leh­re im Fach Medizin.

Frank Wert­hei­mer

Siche­rung der Lehr­frei­heit im „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2017, ISBN/ISSN 3–45678-222–7

30 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2017), 29–34

III. Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen für die Leh­re im Medizinstudium

1. Art. 24 Abs. 2 Richt­li­nie 2005/36/EG

Soweit in der Ver­gan­gen­heit Ände­run­gen der ÄAp­pO anstan­den, die Aus­wir­kun­gen auf das Prak­ti­sche Jahr hat­ten, wie­sen die Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten dar­auf hin, dass das PJ unver­än­dert unter uni­ver­si­tä­rer Lei­tung, Koor­di­na­ti­on und Ver­ant­wor­tung blei­ben müs­se und berie­fen sich hier­für auf die Vor­ga­ben der EU Richt­li­nie 2005/36/EG.1

In der Richt­li­nie 2013/55/EU zur Ände­rung der Richt- linie 2005/36/EG über die Aner­ken­nung von Berufs­qua- lifi­ka­tio­nen und der Ver­ord­nung (EU) Nr. 1024/2012 über die Ver­wal­tungs­zu­sam­men­ar­beit mit Hil­fe des Bin- nen­markt-Infor­ma­ti­ons­sys­tems wur­de Art. 24 Abs. 2 der Richt­li­nie 2005/36/EG dahin­ge­hend neu­ge­fasst, dass die ärzt­li­che Grund­aus­bil­dung min­des­tens fünf Jah­re um- fasst und aus min­des­tens 5500 Stun­den theo­re­ti­scher und prak­ti­scher Aus­bil­dung an einer Uni­ver­si­tät oder unter Auf­sicht einer Uni­ver­si­tät besteht.

Die­se Bestim­mung bringt zwar eine uni­ver­si­tä­re Ge- samt­ver­ant­wor­tung für das gesam­te Medi­zin­stu­di­um zum Aus­druck, was dafür spricht, dass auch das Prak­ti- sche Jahr unter uni­ver­si­tä­rer Lei­tung und Ver­ant­wor- tung ste­hen muss. Indes­sen darf die Rege­lung von ihrem Gehalt her nicht über­be­wer­tet wer­den. Das hängt damit zusam­men, dass die EU nach dem Prin­zip der begrenz- ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung (Art. 5 EUV) kei­ne eigen­stän­di- ge Kom­pe­tenz zum Erlass von Recht­set­zungs­ak­ten hat, die das Hoch­schul­stu­di­um betref­fen. Zwar ste­hen der EU gem. Art. 165, 166 AEUV Kom­pe­ten­zen im Bil­dungs- bereich zu, sie ist dabei aber auf Unter­stüt­zungs- und Er- gän­zungs­maß­nah­men beschränkt.2 Dem trägt u.a. auch Art. 24 Abs. 2 der o.g. Richt­li­nie Rech­nung, die mit dem Ziel geschaf­fen wur­de, die bis dahin exis­tie­ren­den 15 ver- schie­de­nen sek­to­ra­len, all­ge­mei­nen und koor­di­nie­ren- den Richt­li­ni­en zur Berufs­an­er­ken­nung zu kon­so­li­die- ren und zu ver­ein­fa­chen. Ins­be­son­de­re wird mit der Be- ruf­s­an­er­ken­nungs­richt­li­nie für die ein­zel­nen Uni­ons- bür­ger die mate­ri­el­le Grund­la­ge für die Freizügigkeit

  1. 1  Vgl. etwa die Kurz­fas­sung der Stel­lung­nah­me der Deut­schen Hoch­schul­me­di­zin e.V. zum Ent­wurf einer Ers­ten Ver­ord­nung
    zur Ände­rung der Appro­ba­ti­ons­ord­nung für Ärz­te vom 18.10.2011 (www.uniklinika.de/media/file/3617.11–10-18_Kurzfassung_AO- Stellungnahme_Hochschulmedizin.pdf) oder die Reso­lu­ti­on des Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten­ta­ges vom 24.06.2011 (www.mft-online. de/files/resolution_schriftl_m2_pruefungen_720mft.pdf) zur Ver­la­ge­rung des schrift­li­chen Teils des Zwei­ten Abschnitts der Ärzt­li­chen Prü­fung vor das Prak­ti­sche Jahr und zur Beach­tung der uni­ver­si­tä­ren Ver­ant­wor­tung für das Universitätsstudium.
  2. 2  Vgl. Lind­ner, in: HSchR-Pra­xis­hand­buch, 3. Aufl. 2017, Kap. XI, Rn. 28.

gewähr­leis­tet, die für den Ein­zel­nen unvoll­kom­men ist, solan­ge er sei­nen erlern­ten Beruf nicht im euro­päi­schen Aus­land aus­üben kann. Aus dem Euro­pa­recht las­sen sich die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen daher nicht unmit­tel­bar be- antworten.

2. Ver­fas­sungs­recht­li­che Vor­ga­ben nach Art. 5 Abs. 3 GG

Zur Klä­rung der ein­gangs genann­ten Fra­gen ist vor- nehm­lich auf die Ver­fas­sung abzu­stel­len. Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG gewähr­leis­tet die Frei­heit von Wis­sen­schaft, For- schung und Leh­re. Die Wis­sen­schafts­frei­heit schützt hier­bei die „auf wis­sen­schaft­li­cher Eigen­ge­setz­lich­keit beru­hen­den Pro­zes­se, Ver­hal­tens­wei­sen und Entsch­ei- dun­gen bei der Suche nach Erkennt­nis­sen, ihrer Deu- tung und Weitergabe“.3

Grund­rechts­trä­ger sind nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung nicht nur die ein­zel­nen Wis­sen­schaft­ler, also Pro­fes­so- ren, Hoch­schul­do­zen­ten, Aka­de­mi­sche Räte und wis- sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter, son­dern auch die wis­sen- schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen, ins­be­son­de­re die Uni­ver­si- täten.4 Dass dem so ist, spie­gelt sich auch in etli­chen Län­der­ver­fas­sun­gen wie­der – so etwa in Art. 20 Abs. 1, 3 LV Baden-Würt­tem­berg, Art. 107 Abs. 1 LV Sach­sen, Art. 39 Abs. 1 LV Rhein­land-Pfalz oder in Art. 33 Abs. 2 S. 2 LV Saar­land – und fin­det ein­fach­ge­setz­li­chen Aus­druck in den Hoch­schul­ge­set­zen der Län­der. So bestimmt bei- spiels­wei­se § 3 Abs. 1 S. 1 LHG BW, dass die Hoch­schu­len frei sind in For­schung, Leh­re und Kunst. Ent­spre­chen­de Rege­lun­gen ent­hal­ten die Hoch­schul­ge­set­ze der ande­ren Bundesländer.

Der Schutz­be­reich von Art. 5 Abs. 3 GG zielt damit, bezo­gen auf die Uni­ver­si­tä­ten als Grund­rechts­trä­ger, auf die Selbst­ver­wal­tung im aka­de­mi­schen, d.h. dem auf For­schung und Leh­re bezo­ge­nen Bereich ab und umfasst folg­lich auch die Orga­ni­sa­ti­on von For­schung und Leh- re.5 Damit kön­nen sich auch die Fakul­tä­ten (bzw. Fach- berei­che) auf die Frei­heit der Leh­re beru­fen; als teil- rechts­fä­hi­ge Unter­ein­hei­ten der Uni­ver­si­tät obliegt ih- nen die Orga­ni­sa­ti­on und Koor­di­na­ti­on des Lehr­be- triebs.6

3 BVerfG v. 26.01.2004, 1 BvR 911, 927, 928/11, BVerfGE 111, 333, 354. 4 BVerfG v. 14.04.1987, 1 BvR 775/84, BVerfGE 75, 192; BVerfG v.

10.03.1992, 1 BvR 454 u.a./91, BVerfGE 85, 360; Kem­pen, in: HSchR-

Pra­xis­hand­buch, a.a.O., Kap. I, Rn. 12 ff.
5 BVerfG v. 29.05.1979, 1 BvR 424/71 und 325/72, BVer­GE 35, 79;

Kem­pen, in: HSchR-Pra­xis­hand­buch, a.a.O., Rn. 23; Löwisch, OdW

2016, 154.
6 BVerfG v. 14.04.1987, a.a.O.; v. 31.05.1995, 1 BvR 1413/94, BVerfGE

93, 85; vom 26.10.2004, 1 BvR 911/00 u.a., BVerfGE 111, 333; zuletzt bestä­tigt durch BVerfG v. 17.02.2016, 1 BvL 8/10, juris; Kem­pen, in: HSchR-Pra­xis­hand­buch, a.a.O., Rn. 26.

Bei die­sen Orga­ni­sa­ti­ons- und Koor­di­na­ti­ons­auf­ga- ben, ein­fach­ge­setz­lich wie­der­um in den Lan­des­hoch- schul­ge­set­zen gere­gelt (z.B. § 22 Abs. 1 LHG Baden- Würt­tem­berg), han­delt es sich um Maß­nah­men bzw. Hand­lun­gen, die unmit­tel­bar zur wis­sen­schaft­li­chen For­schung und Leh­re bei­tra­gen und daher eben­so dem Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG unterfallen.7

Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG gewähr­leis­tet der Fakul­tät nicht nur die Frei­heit, über Inhalt, Ablauf und metho­di­schen Ansatz eines Stu­di­en­gangs und der Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu bestim­men, son­dern die Stu­di­en­an­ge­bo­te gegen- ständ­lich, zeit­lich und ört­lich zu koordinieren.8

Zu die­sen, grund­recht­lich geschütz­ten, Koor­di­na­ti- ons­auf­ga­ben gehört auch die Aus­wahl der­je­ni­gen Part- ner, auf deren Zusam­men­ar­beit die Fakul­tät, vor­lie­gend die Medi­zi­ni­sche Fakul­tät, bei der prak­ti­schen Aus­bil- dung der Medi­zin­stu­die­ren­den im PJ ange­wie­sen ist. Über den Aus­wahl­pro­zess hin­aus muss die Fakul­tät auch frei dar­in sein, die Koope­ra­ti­on mit die­sen Part­nern in- halt­lich zu gestal­ten. Es wür­de einen schwer­wie­gen­den Ein­griff in die durch Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG geschütz­te Lehr­frei­heit bedeu­ten, wenn die Fest­le­gung die­ser Part- ner weit­ge­hend ande­ren Akteu­ren über­las­sen und den Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten ent­spre­chen­der Ein­fluss vor- ent­hal­ten und ihnen auch nicht mehr das Recht zuge­si- chert wür­de, wie bis­her Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen mit ihren Part­nern abzuschließen.

IV. Aus­wir­kun­gen des Grund­rechts­schut­zes auf die Umset­zung des „Mas­ter­plans Medi­zin­stu­di­um 2020“

Wenn der „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“ die Ein- füh­rung eines Pflicht­quar­tals für den ambu­lan­ten Bereich vor­sieht, in dem die Stu­die­ren­den der Medi­zin in Ver­trags­arzt­pra­xen eine prak­ti­sche Aus­bil­dung erfah- ren sol­len, so wird hier­durch eine par­al­le­le Struk­tur zur sta­tio­nä­ren­Aus­bil­dunginden­Be­rei­chen­Chir­ur­gieund Inne­re Medi­zin eta­bliert, für die den Stu­die­ren­den die Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka sowie die Aka­de­mi­schen Lehr­kran- ken­häu­ser zur Ver­fü­gung stehen.

1. Gewähr­leis­tung des Grund­rechts­schut­zes bei der Aus­bil­dung im sta­tio­nä­ren Bereich

Nach § 3 Abs. 2 ÄAp­pO wird die Aus­bil­dung der Medi- zin­stu­die­ren­den im Prak­ti­schen Jahr in den Uni­ver­si- täts­kran­ken­häu­sern oder in Kran­ken­häu­sern durch­ge- führt, mit denen die Uni­ver­si­tät eine Ver­ein­ba­rung hier- über getrof­fen hat (Aka­de­mi­sche Lehrkrankenhäuser).

  1. 7  Kem­pen, a.a.O., Rn. 26; Löwisch, OdW 2016, 153, 154.
  2. 8  BVerfG v. 17.02.2016, a.a.O. unter Hin­weis auf BVerfG v.20.07.2010,1 BvR 748/06, BVerfG 127, 87; Kem­pen, a.a.O., Rn. 96.

Die Vor­schrift garan­tiert den Uni­ver­si­tä­ten hier­bei, dass ihnen die Aus­wahl die­ser Kran­ken­häu­ser obliegt, auch wenn hier­für noch ein Ein­ver­neh­men mit der zustän­di- gen Gesund­heits­be­hör­de her­ge­stellt wer­den muss. Die- ses soll aber ledig­lich sicher­stel­len, dass die gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen (§ 4 Abs. 1 und 2 ÄAp­pO) in die­sen Kran­ken­häu­sern erfüllt werden.

Nach § 3 Abs. 2 S. 4 ÄAp­pO muss das Aka­de­mi­sche Lehr­kran­ken­haus gewähr­leis­ten, das Log­buch, also den von der Uni­ver­si­tät erstell­ten Aus­bil­dungs­plan (vgl. § 3 Abs. 1a) ÄAp­pO), ein­zu­hal­ten. Die Uni­ver­si­tät wird dem­nach nur sol­che Kran­ken­häu­ser als Lehr­kran­ken- häu­ser aus­wäh­len, die ihre Vor­ga­ben in der Aus­bil­dung erfül­len. Damit ist auch gewähr­leis­tet, dass die Uni­ver­si- tät bzw. die Medi­zi­ni­sche Fakul­tät in der Koor­di­na­ti­on der Leh­re frei ist. Über die Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung, die die Uni­ver­si­tät mit einem Aka­de­mi­schen Lehr­kran- ken­haus abschließt, wird die­ser über die Gewähr­leis­tung des Log­buchs hin­aus wei­te­rer Gestal­tungs­spiel­raum ein- geräumt, für sie wesent­li­che Punk­te in der prak­ti­schen Aus­bil­dung der Stu­die­ren­den zu regeln.

Flan­kie­rend hat der Gesetz­ge­ber in § 4 Abs. 1 und 2 ÄAp­pO Qua­li­täts­kri­te­ri­en ver­an­kert, die eine gesi­cher­te und struk­tu­rier­te prak­ti­sche Aus­bil­dung der Stu­die­ren- den ermög­li­chen sol­len. Dazu gehört eine aus­rei­chen­de Anzahl von Ärz­ten in den Lehr­kran­ken­häu­sern, die so- wohl für die ärzt­li­che Ver­sor­gung als auch für die Aus- bil­dungs­auf­ga­ben zur Ver­fü­gung ste­hen. Fer­ner müs­sen regel­mä­ßi­ge patho­lo­gisch-ana­to­mi­sche Demons­tra­tio- nen durch einen Fach­arzt für Patho­lo­gie und kli­ni­sche Kon­fe­ren­zen gewähr­leis­tet sein. Zur Aus­bil­dung auf den Fach­ge­bie­ten der Inne­ren Medi­zin und der Chir­ur­gie bedarf es über­dies einer bestimm­ten Anzahl von Be- hand­lungs­plät­zen sowie der Sicher­stel­lung kon­si­li­ar­ärzt- licher Exper­ti­se in den in § 4 Abs. 1 genann­ten Fach­ge- bie­ten. Nach Abs. 2 der Vor­schrift muss ein Lehr­kran- ken­haus schließ­lich über bestimm­te Ein­rich­tun­gen, etwa im Bereich der Radio­lo­gie oder der Labo­ra­to­ri­ums- medi­zin ver­fü­gen und müs­sen geeig­ne­te Räum­lich­kei- ten zur Unter­rich­tung der Stu­die­ren­den vor­han­den sein. Mit die­sen Vor­ga­ben sichert der Gesetz­ge­ber die Lehr- qua­li­tät ab.

2. Gewähr­leis­tung des Grund­rechts­schut­zes bei der Aus­bil­dung im ambu­lan­ten Bereich

Über­trägt man die vor­ste­hen­den Grund­sät­ze auf die geplan­te Umstruk­tu­rie­rung des Prak­ti­schen Jah­res mit der Ein­rich­tung eines Pflicht­quar­tals im ambulanten

Wert­hei­mer · Siche­rung der Lehr­frei­heit 3 1

32 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2017), 29–34

Bereich, folgt dar­aus, dass es den Uni­ver­si­tä­ten – und damit den Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten – vor­be­hal­ten blei- ben muss, die Ver­trags­arzt­pra­xen aus­zu­wäh­len, in denen die prak­ti­sche Aus­bil­dung der Stu­die­ren­den statt­fin­den soll. Wür­de die­se Aus­wahl hin­ge­gen den Kas­sen­ärzt­li- chen Ver­ei­ni­gun­gen und/oder den Fach­ge­sell­schaf­ten zuge­ord­net, stell­te dies einen nicht mit Art. 5 Abs. 3 GG ver­ein­ba­ren Ein­griff in die Frei­heit der Leh­re dar. Ins­be- son­de­re in der Akkre­di­tie­rungs­ent­schei­dung hat das Bundesverfassungsgericht9 ver­deut­licht, dass die Wis- sen­schafts­frei­heit, zu der die Lehr­frei­heit zählt, durch den Gesetz­ge­ber in Sys­te­men der Qua­li­täts­kon­trol­le pro- zedu­ral und orga­ni­sa­to­risch zu sichern ist. Neben dem Abwehr­recht gegen punk­tu­el­le und per­so­nen­be­zo­ge­ne Ein­grif­fe ste­he auch hier eine Garan­tie hin­rei­chen­der Teil­ha­be der Wis­sen­schaft selbst, die vor wis­sen- schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen sowohl inner­halb der Hoch­schu­len wie auch durch Drit­te, im Wis­sen- schafts­sys­tem mit Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te Akteu­re schützt.10

Indes­sen zeigt die seit dem 01.04.2013 gel­ten­de Rege- lung des § 3 Abs. 2a) ÄAp­pO, dass der Gesetz­ge­ber die­se Grund­sät­ze berück­sich­tigt hat. Zwar ist die Ein­be­zie- hung von Lehr­pra­xen dort bis­lang nur fakul­ta­tiv gere- gelt, die Aus­wahl­ent­schei­dung liegt aber bei den Uni­ver- sitä­ten, die ledig­lich – ana­log dem Ver­fah­ren bei den Aka­de­mi­schen Lehr­kran­ken­häu­sern – das Ein­ver­neh- men mit den zustän­di­gen Gesund­heits­be­hör­den her­s­tel- len müs­sen. Ent­spre­chend den Lehr­kran­ken­häu­sern ist auch vor­ge­se­hen, dass die Uni­ver­si­tä­ten Ver­ein­ba­run­gen mit den Lehr­pra­xen abschlie­ßen und letz­te­re sich ver- pflich­ten müs­sen, den Aus­bil­dungs­plan der Uni­ver­si­tä- ten ein­zu­hal­ten. Art. 5 Abs. 3 GG wird dadurch aus­rei- chend Rech­nung getragen.

Wird, wie dies der „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“ offen­bar vor­sieht, das Pflicht­quar­tal im ambu­lan- ten Bereich ein­ge­führt, ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Gesetz­ge­ber die in § 3 Abs. 2a) ÄAp­pO bis­lang fakul­ta­ti- ve Rege­lung bzgl. der Lehr­pra­xen an die in § 3 Abs. 2 ÄAp­pO bestehen­de Bestim­mung anpasst. Blei­ben die jet­zi­gen Rah­men­be­din­gun­gen dabei erhal­ten, sind die Schutz­in­ter­es­sen der Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten gewahrt.

Im Unter­schied zu § 4 Abs. 1 ÄAp­pO, der Anfor­de- rungs­kri­te­ri­en für Lehr­kran­ken­häu­ser defi­niert, feh­len sol­che bis­lang für Ver­trags­arzt­pra­xen, die als Lehr­pra- xen in die prak­ti­sche Aus­bil­dung von Medi­zin­stu­die­ren- den ein­be­zo­gen wer­den sol­len. Sol­che Kri­te­ri­en könnte

  1. 9  BVerfG v. 17.02.2016, a.a.O.
  2. 10  BVerfG v. 17.02.2016, a.a.O., juris Rn 60.
  3. 11  BVerwG v. 18.06.1981, 7 CB 22.81, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen

der Gesetz­ge­ber defi­nie­ren, ohne die Lehr­frei­heit der Uni­ver­si­tä­ten zu ver­let­zen. Solan­ge dies nicht der Fall ist, resul­tie­ren dar­aus kei­ne Nach­tei­le für die Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten, weil sie die Anfor­de­run­gen an sol­che Ein- rich­tun­gen nach § 4 Abs. 4 ÄAp­pO im Ein­ver­neh­men mit der nach Lan­des­recht zustän­di­gen Stel­le selbst fest­le- gen kön­nen. Bleibt die­se Befug­nis auch bei der Ein­füh- rung eines Pflicht­quar­tals im ambu­lan­ten Bereich bes­te- hen, ist Art. 5 Abs. 3 GG nicht beeinträchtigt.

V. Aus­wahl und Bestel­lung von Prü­fern für das Fach Allgemeinmedizin

1. Sta­tus quo

Rege­lun­gen zur münd­lich-prak­ti­schen Prü­fung, mit derenAbsolvierendasMedizinstudiumgem.§1Abs.3 Nr. 3 ÄAp­pO abge­schlos­sen wird, ent­hält § 15 ÄAp­pO. Nach des­sen Abs. 1 S. 2 wer­den die Kom­mis­sio­nen für die­se Prü­fung von den nach Lan­des­recht zustän­di­gen Stel­len, also den Staat­li­chen Prü­fungs­äm­tern, bestellt. Nach § 15 Abs. 1 S. 6 ÄAp­pO kön­nen als Mit­glie­der der Prü­fungs­kom­mis­sio­nen für den Drit­ten Abschnitt der Ärzt­li­chen Prü­fung auch dem Lehr­kör­per der Uni­ver­si- tät nicht ange­hö­ren­de Ärz­te, wie Fach­ärz­te für All­ge- mein­me­di­zin oder ande­rer Fach­ge­bie­te, bestellt werden.

Qua­li­fi­ka­ti­ons­vor­aus­set­zun­gen an die Per­son des Prü­fers ent­hält § 15 Abs. 4 HRG, der – wie sich aus Abs. 1 der Vor­schrift ergibt – auch für staat­li­che Prü­fun­gen gilt. Danach dür­fen Prü­fungs­leis­tun­gen nur von Per­so­nen bewer­tet wer­den, die selbst zumin­dest die durch die Prü- fung fest­zu­stel­len­de oder eine gleich­wer­te Qua­li­fi­ka­ti­on besit­zen. Als Prü­fer soll dem­nach nur tätig wer­den dür- fen, wer nach Maß­ga­be for­ma­ler Kri­te­ri­en den nöti­gen fach­be­zo­ge­nen oder wenigs­tens fach­na­hen Sach­ver­stand unter Beweis gestellt hat.11

Die Fra­ge der Gleich­wer­tig­keit einer Qua­li­fi­ka­ti­on wird im Regel­fall anhand förm­li­cher Leis­tungs- und Be- fähi­gungs­nach­wei­se beurteilt.12

In der jet­zi­gen Pra­xis neh­men die staat­li­chen Prü- fungs­äm­ter bei Ent­schei­dun­gen nach § 15 Abs. 1 S. 6 ÄAp­pO ledig­lich den for­ma­len Bestel­lungs­akt vor. Da sie selbst kei­nen Zugang haben, wer als Prü­fer über­haupt in Betracht kommt und die Qua­li­fi­ka­ti­on des Prü­fers auch nicht ein­schät­zen kön­nen, erfolgt dies nicht ohne Ein­be­zie­hung der Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten, die den Vor­schlag, eine bestimm­te Per­son zum Prü­fer zu bes­tel- len, an die staat­li­chen Prü­fungs­äm­ter her­an­tra­gen. So-

Nr. 149 und v. 20.08.1997, 6 B 25.97, NJW 1998, 323; Schnel­len­bach

in HSchR-Pra­xis­hand­buch, a.a.O., Kap. XII, Rn. 41. 12 Vgl. Schnel­len­bach, a.a.O., Rn. 41.

mit ist der Ein­fluss der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät gewahrt, was auch erfor­der­lich ist, da auch das Prü­fungs­recht vom Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 3 GG umfasst wird.13

2. Bestim­mung von Prü­fern für das Fach All­ge­mein- medizin

Nach § 30 Abs. 2 S. 2 ÄAp­pO erstreckt sich die münd- lich-prak­ti­sche Prü­fung auf pati­en­ten­be­zo­ge­ne Fra­ge- stel­lun­gen aus der Inne­ren Medi­zin, der Chir­ur­gie und dem Gebiet, auf dem der Prüf­ling sei­ne prak­ti­sche Aus- bil­dung nach § 3 Abs. 1 S. 3 Nr. 3 ÄAp­pO erfah­ren hat. Das kann auch nach jetzt gel­ten­der ÄAp­pO das Fach All- gemein­me­di­zin sein, so dass es der Bestel­lung ent­sp­re- chen­der Prü­fer bedarf. Wird das Fach All­ge­mein­me­di- zin, wie im „Mas­ter­plan Medi­zin­stu­di­um 2020“ offen­bar vor­ge­se­hen, zukünf­tig Pflicht­fach in der münd­lich-prak- tischen Prü­fung, erhöht sich in der Kon­se­quenz ledig­lich der Bedarf an Prü­fern, die die oben dar­ge­stell­ten Kri­te­ri- en erfüllen.

Sofern bei der Bestel­lung von Prü­fern im Fach All­ge- mein­me­di­zin die beschrie­be­nen Ver­fah­rens­ab­läu­fe ein- gehal­ten wer­den, sind die Inter­es­sen der Medi­zi­ni­schen Fakul­tä­ten gewahrt. Nicht ver­ein­bar mit Art. 5 Abs. 3 GG wäre es hin­ge­gen, wenn es – unter Umge­hung der Medi- zini­schen Fakul­tä­ten – bei­spiels­wei­se den Kas­sen­ärzt­li- chen Ver­ei­ni­gun­gen und/oder den Fach­ge­sell­schaf­ten oblä­ge, Prü­fer aus den Ver­trags­arzt­pra­xen vor­zu­schla- gen.

Um dies klar­zu­stel­len, könn­te der Gesetz­ge­ber in § 15 Abs. 1 S. 6 hin­ter das Wort „statt­des­sen“ die Wor­te „im Ein­ver­neh­men mit den Uni­ver­si­tä­ten“ einfügen.

Der Autor ist Part­ner der Kanz­lei KRAUSS LAW in Lahr/ Schwarz­wald. Zuvor war er 17 Jah­re im Uni­ver­si­täts­be- reich, davon über 10 Jah­re in der Hoch­schul­me­di­zin tätig. Zu sei­nen Bera­tungs­fel­dern gehört im Bereich des Arbeits­rechts auch das Hochschulrecht.

13 Schnel­len­bach, a.a.O., Rn. 17 mit Nach­wei­sen aus der Rechtsp­re- chung.

Wert­hei­mer · Siche­rung der Lehr­frei­heit 3 3

34 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2017), 29–34