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Die Dis­ser­ta­ti­on „Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung – Der recht­li­che Sta­tus und die recht­li­che Hand­ha­bung sowie die rechts­sys­te­ma­ti­sche Bedeu­tung repro­gram- mier­ter Stamm­zel­len“ wur­de an der Mar­tin-Luther-Uni- ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg in Koope­ra­ti­on mit dem Trans­la­ti­ons­zen­trum für Rege­ne­ra­ti­ve Medi­zin (TRM Leip­zig) der Uni­ver­si­tät Leip­zig erstellt. Betreut wur­de die Arbeit von Prof. Dr. iur. Win­fried Kluth.

I. Ein­füh­rung und Fragestellung

Die rechts­wis­sen­schaft­li­chen Stand­punk­te zur Regu­lie- rung der Stamm­zel­len­for­schung sowie zum Rechts­rah- men der medi­zi­ni­schen Anwen­dung von Stamm­zel­len haben sich in den letz­ten Jah­ren vor allem vor dem Hin- ter­grund der unter­schied­li­chen Beur­tei­lung der Sta­tus- fra­gen hin­sicht­lich huma­ner Embryo­nen fest­ge­fah­ren. Für künf­ti­ge ein­ver­nehm­li­che Lösun­gen der strit­ti­gen Fra­gen müss­te ent­we­der eine Sei­te ihre Posi­ti­on in wesent­li­chen Tei­len auf­ge­ge­ben oder es müss­ten sei­tens der natur­wis­sen­schaft­lich-medi­zi­ni­schen For­schung wesent­lich neue Erkennt­nis­se vor­lie­gen, die bei­spiels- wei­se den Aus­stieg aus der For­schung mit und der Anwen­dung von embryo­na­len Stamm­zel­len ermög­li- chen wür­de. Sol­che grund­le­gend neu­en Argu­men­te schei­nen sich seit den Jah­ren 2006/2007 mit der Ent­de- ckung der steu­er­ba­ren Erzeug­bar­keit von repro­gram- mier­ten plu­ri­po­ten­ten Stamm­zel­len durch das Ver­fah- ren der Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung erge­ben zu haben. Die im Rah­men der Repro­gram­mie­rung entste- hen­den Zel­len wer­den als iPS oder iPSC sowie vor allem als iPS-Zel­len1 bezeich­net. iPS-Zel­len könn­ten gege- benen­falls für die Argu­men­ta­ti­on zum Aus­stieg aus der For­schung mit huma­nen embryo­na­len Stamm­zel­len von Bedeu­tung sein, da sich mit der Ver­füg­bar­keit von iPS- Zel­len mög­li­cher­wei­se eine Alter­na­ti­ve zur verbrau-

  1. 1  Die Abkür­zung „iPSC“ geht auf die zunächst im Eng­li­schen ver- wen­de­te Bezeich­nung “indu­ced plu­ri­po­tent stem cells” zurück. Die Abkür­zung „iPSC“ unter­schei­det sich somit von der Abkür­zung „IPS“ für „idio­pa­thi­sches Parkinson-Syndrom.
  2. 2  Im Fol­gen­den ste­hen die Aus­füh­run­gen zu den huma­nen Stamm­zel­len im Vor­der­grund. Die Dis­ser­ta­ti­on hat jedoch auch die Gewin­nung und Ver­wen­dung tier­li­cher (repro­gram­mier­ter) Stamm­zel­len untersucht.

chen­den Embryo­nen­for­schung im Rah­men der Gewin- nung embryo­na­ler Stamm­zel­len erge­ben hat. Mit der Ent­de­ckung der iPS-Zel­len hat die Stamm­zel­len­for- schung uner­war­tet und schnell einen grund­le­gend neu- en Aspekt in die Dis­kus­si­on über den recht­li­chen Umgang vor allem mit huma­nen embryo­na­len Stamm- zel­len ein­ge­bracht. Gegen­stand der fol­gen­den Unter­su- chung sind somit die Fra­gen der Zuläs­sig­keit der arti­fi­zi- ellen Erzeu­gung sowie der Hand­ha­bung von repro­gram- mier­ten Stamm­zel­len in For­schung und The­ra­pie und die Bedeu­tung der repro­gram­mier­ten Stamm­zel­len für die Rechts­an­wen­dung und die wei­te­re Gesetz­ge­bung im Stammzellenbereich.

II. Natur­wis­sen­schaft­lich-medi­zi­ni­sche Grund­la­gen und Entwicklungsperspektiven

1. Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­te­me der Stamm­zel­len­for­schung und Stammzellenmedizin

Stamm­zel­len kom­men natür­li­cher­wei­se in Pflan­zen, Tie­ren und Men­schen vor.2 Im Gegen­satz zu den ande- ren Zel­len eines Lebe­we­sens haben Stamm­zel­len jedoch kei­ne spe­zi­el­le Funk­ti­on wie bei­spiels­wei­se im mensch­li- chen Kör­per Herz‑, Leber- oder Haut­zel­len. Statt­des­sen kön­nen sich Stamm­zel­len im Unter­schied zu den ande- ren spe­zia­li­sier­ten Zel­len unbe­grenzt tei­len, sich anschlie­ßend zu einem spe­zi­el­len Zell­typ ent­wick­len und somit ver­lo­re­ne oder beschä­dig­te Zel­len wie auch sich selbst erset­zen. Dadurch betei­li­gen sich Stamm­zel- len natür­li­cher­wei­se an Wachs­tums- und Rege­ne­ra­ti­ons- pro­zes­sen in Pflan­zen, Tie­ren und Menschen.3 Ohne Stamm­zel­len kön­nen die­se Pro­zes­se nicht ablau­fen. In Bezug auf den Men­schen waren For­schung und medi­zi- nische Anwen­dung bis­lang auf die­se natür­li­cher­wei­se vor­kom­men­den Stamm­zel­len ange­wie­sen. Dies hat sich mit der mitt­ler­wei­le mög­li­chen steu­er­ba­ren Erzeugung

Alberts et al.: Mole­ku­lar­bio­lo­gie der Zel­le, 5. Aufl. 2011, S. 1619 ff., Kap. 23; Camp­bell: Bio­lo­gie, 10. Aufl. 2016, S. 488, Kap. 18.4.3,
S. 548 f., Kap. 20.3.3, S. 1002 ff., Kap. 35.1.3; Müller/Hassel: Ent- wick­lungs­bio­lo­gie und Repro­duk­ti­ons­bio­lo­gie des Men­schen und bedeu­ten­der Modell­orga­nis­men, 5. Aufl. 2012, S. 457 ff., Kap. 18.

Timo Fal­tus

Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung
Der recht­li­che Sta­tus und die recht­li­che Hand­ha­bung sowie die rechts­sys­te­ma­ti­sche Bedeu­tung repro­gram­mier­ter Stammzellen

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2016, ISSN 2197–9197

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von Stamm­zel­len, den iPS-Zel­len, aus spe­zia­li­sier­ten Kör­per­zel­len geän­dert. Die Viel­zahl der ver­schie­de­nen Arten von Stamm­zel­len wird nach deren Her­kunft und Ent­wick­lungs­fä­hig­kei­ten ein­ge­teilt. Plu­ri­po­ten­te Stamm- zel­len kön­nen sich in alle Zell­ty­pen des Orga­nis­mus spe- zia­li­sie­ren, von dem sie abstam­men, bzw. in vitro künst- lich in alle die­se Zell­ty­pen ver­wan­delt wer­den. Aller- dings kön­nen sich plu­ri­po­ten­te Stamm­zel­len im Gegen­satz zu toti­po­ten­ten Stamm­zel­len nicht mehr zu einem gan­zen Lebe­we­sen ent­wick­len. Plu­ri­po­tenz und Toti­po­tenz beschrei­ben damit eine Klas­si­fi­ka­ti­on nach Ent­wick­lungs­fä­hig­keit, die nicht zu ver­wech­seln ist mit der Klas­si­fi­ka­ti­on nach der Her­kunft der Zel­len, die mit den Begrif­fen „embryo­nal“ und „adult“ erfolgt. Die bei- den Klas­si­fi­ka­tio­nen waren bis zu Ent­de­ckung der iPS- Zel­len ein­deu­tig mit­ein­an­der ver­bun­den. Bis­lang galt, dass plu­ri­po­ten­te Stamm­zel­len nur in frü­hen Embryo- nen inner­halb weni­ger Tage nach der Befruch­tung vor- lie­gen und aus die­sen Embryo­nen in der Regel unter Zer­stö­rung des Embry­os gewon­nen und in Kul­tur genom­men wer­den konnten.4 Die­se Stamm­zel­len wer- den daher auch als (humane)5 embryo­na­le Stamm­zel­len bezeich­net. Damit auch nach der Geburt und im Kör­per des erwach­se­nen Men­schen Hei­lungs­pro­zes­se nach Ver- let­zun­gen sowie die natür­li­cher­wei­se ablau­fen­de Rege- nera­ti­on statt­fin­den kön­nen, befin­den sich lebens­lang auch in den ver­schie­de­nen Gewe­ben Stamm­zel­len. Aller­dings haben die­se, als adul­te Stamm­zel­len bezeich- nete Stamm­zel­len, kei­ne plu­ri­po­ten­te Ent­wick­lungs­fä- hig­keit, son­dern sind in ihrer Ent­wick­lungs­fä­hig im Ver- gleich zu embryo­na­len Stamm­zel­len wesent­lich ein­ge- schränk­ter. In der Regel kön­nen sich adul­te Stamm­zel­len nur in einen oder weni­ge ver­schie­de­ne spe­zia­li­sier­te Zell­ty­pen ent­wick­len; meist in sol­che Zell­ty­pen, die sich in der Umge­bung der betref­fen­den adul­ten Stamm­zel­le befin­den. Bei sys­te­ma­ti­scher Betrach­tung han­delt es sich damit trotz der plu­ri­po­ten­ten oder zumin­dest plu­ri­po- tent­ähn­li­chen Ent­wick­lungs­fä­hig­keit von iPS-Zel­len um adul­te Stamm­zel­len, da sie aus Zel­len des gebo­re­nen Men­schen abge­lei­tet werden.

  1. 4  In Deutsch­land ist die­se Gewin­nung auf­grund von § 2 Abs. 1 ESchG ver­bo­ten, Wis­sen­schaft­ler sind hier auf die Ver­wen­dung von nach den Vor­schrif­ten des Stamm­zell­ge­set­zes aus dem Aus- land nach Deutsch­land ein­ge­führ­ten Stamm­zel­len beschränkt.
  2. 5  Grund­sätz­lich gilt das auch für tier­li­che Stammzellen.
  3. 6  Takahashi/Yamanaka, Cell 2006, 663 ff.
  4. 7  Park et al., Natu­re 2008, 141 ff.; Taka­ha­shi et al., Cell 2007, 861 ff.;Yu et al., Sci­ence 2007, 1917 ff.
  5. 8  Angelos/Kaufman, Cur­rent Opi­ni­on in Organ Transplantation2015, 663 ff.; Spi­ta­lie­ri et al., World Jour­nal of Stem Cells 2016, 118 ff.

2. Ent­de­ckung der arti­fi­zi­el­len Erzeug­bar­keit von plu­ri- poten­ten Stammzellen

Die natür­li­cher­wei­se nicht vor­kom­men­de Umwand­lung von spe­zia­li­sier­ten Kör­per­zel­len zu plu­ri­po­ten­ten Stamm­zel­len, oder über­haupt zu Stamm­zel­len, die zumin­dest ähn­li­che Eigen­schaf­ten wie embryo­na­le Stamm­zel­len haben, gelang erst­mals im Jah­re 2006 mit Haut­zel­len der Maus.6 Ledig­lich ein Jahr spä­ter konn­te das Ver­fah­ren auch mit huma­nen Zel­len durch­ge­führt werden.7 Schon im Jah­re 2014 wur­de in Japan die ers­te kli­ni­sche Stu­die unter Ver­wen­dung die­ser künst­lich erzeug­ten Stamm­zel­len begon­nen. Für die Ent­wick­lung des Ver­fah­rens zur Erzeu­gung der iPS-Zel­len hat der japa­ni­sche Stamm­zell­for­scher Shin‘ya Yama­na­ka im Jah- re 2012 den Nobel­preis für Medi­zin erhal­ten. Nur zehn Jah­re nach der Ent­de­ckung der iPS-Tech­no­lo­gie sind iPS-Zel­len nicht mehr aus der Erfor­schung und Ent- wick­lung zel­lu­lä­rer Krank­heits­mo­del­le und neu­er Test- sys­te­me für Medi­ka­men­te weg­zu­den­ken. Zudem wird iPS-Zel­len für die Ent­wick­lung neu­er The­ra­pien für zell- und gewebs­de­ge­ne­ra­ti­ve Erkran­kun­gen wie Dia­be­tes, Gelenks­ar­thro­sen oder Mor­bus Par­kin­son, deren Anzahl wegen der Alters­be­zo­gen­heit die­ser Erkran­kun­gen und der Effek­te des demo­gra­phi­schen Wan­dels zuneh­men wird, ein the­ra­piere­le­van­tes Poten­zi­al zugesprochen.8 Das the­ra­peu­ti­sche Kon­zept beruht dabei dar­auf, dass spe­zia­li­sier­te Zel­len von einem gebo­ren Men­schen biop- siert wer­den, dann mit den Ver­fah­ren der Stamm­zel­len- repro­gram­mie­rung zu iPS-Zel­len umge­wan­delt wer­den und schließ­lich ent­we­der als Stamm­zel­len ver­ab­reicht wer­den, um die Selbst­hei­lung im Kör­per des Pati­en­ten zu unter­stüt­zen. Ande­ren­falls sol­len die iPS-Zel­len erst in vitro zu bestimm­ten Zelltypen9 oder sogar zu gan­zen Gewe­ben dif­fe­ren­ziert und erst dann the­ra­peu­tisch trans­p­la­niert werden.10

3. Ent­wick­lungs­ten­den­zen

Bis­lang haben iPS-Zel­len zumin­dest ähn­li­che Eigen- schaf­ten wie die natür­li­cher­wei­se vor­kom­men­den huma-

9 Es gibt zwar auch die Tech­nik der soge­nann­ten “Trans­dif­fe- ren­zie­rung” bei der ein spe­zia­li­sier­ter Zell­typ direkt und ohne Zwi­schen­sta­di­um der Stamm­zel­le in einen ande­ren Zell­typ umge­wan­delt wird. Das Ver­fah­ren ist bis­lang jedoch noch nicht so erfolg­reich wie die Nut­zung der iPS-Technologie.

10 Zum aktu­el­len Ent­wick­lungs­stand der iPS-Tech­nik: Neof­y­tou et al., Jour­nal of Cli­ni­cal Inves­ti­ga­ti­on 2015, 2551 ff.; Say­ed et al., Jour­nal of the Ame­ri­can Col­le­ge of Car­dio­lo­gy 2016, 2162 ff.

nen embryo­na­len Stamm­zel­len, zuwei­len wird sogar davon aus­ge­gan­gen, dass es kei­ne wesent­li­chen Unter- schie­de zwi­schen bei­den Zell­ty­pen gebe.11 Die wei­te­re Anglei­chung bis hin zur Iden­ti­tät bei­der Zell­ty­pen ist momen­tan einer der For­schungs­schwer­punk­te der Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung. Aus natur­wis­sen- schaft­lich-medi­zi­ni­scher Sicht kön­nen iPS-Zel­len jeden- falls bis­lang nicht den Bedarf an huma­nen embryo­na­len Stamm­zel­len erset­zen, da schon die embryo­na­len Stamm­zel­len als Zell­typ nicht in der Form erforscht sind, dass man alles über sie wüss­te. Wenn man aber embryo- nale Stamm­zel­len mit repro­gram­mier­ten Stamm­zel­len erset­zen will, dann muss man zunächst zumin­dest alles Wesent­li­che über embryo­na­le Stamm­zel­len wis­sen. Zudem wird an der künst­li­chen Erzeu­gung von toti­po- ten­ten Zel­len geforscht, also an der Umwand­lung einer belie­bi­gen Kör­per­zel­le in eine Zel­le, die sich dann wie eine befruch­te­te Eizel­le ver­hält und sich bei Vor­lie­gen der dafür erfor­der­li­chen Umge­bungs­be­din­gun­gen bis hin zu einem geburts­fä­hi­gen Men­schen ent­wick­len könn­te. Es wür­de sich dabei um einen Fall des Klo­nens han­deln, da der dabei ent­ste­hen­de Mensch gene­tisch iden­tisch wäre mit dem Men­schen, von dem die Zel­le ent­nom­men wor­den war. Bis­lang ist die Umset­zung die- ses Schritts tech­nisch nicht möglich.12 Es wird jedoch auch an indi­rek­ten Wegen der Toti­po­tenz­erzeu­gung geforscht, mit der sich die bis­her bestehen­den tech­ni- schen Hin­der­nis­se bei der Umwand­lung von Ein­zel­zel- len in den toti­po­ten­ten Zustand umge­hen las­sen sol­len. In die­sem Zusam­men­hang ist es im Tier­mo­dell und teil- wei­se beim Men­schen bereits gelun­gen, aus iPS-Zel­len sekun­där Keim­zel­len, also Ei- und Samen­zel­le zu erzeu- gen. Wür­de man daher aus den iPS-Zel­len ein und der- sel­ben Per­son sowohl Ei- als auch Samen­zel­len ablei­ten, was tech­nisch prin­zi­pi­ell mög­lich ist, und die­se bei­den Zel­len dann wie bei der geschlecht­li­chen Fort­pflan­zung mit­ein­an­der ver­schmel­zen, dann stamm­te der dabei ent- ste­hen­de Mensch nur von der Per­son ab, von dem die iPS-Zel­len gewon­nen wor­den waren. Den­noch ist frag- lich, ob es sich dabei auch um einen Klon han­deln wür- de, weil der der dabei ent­ste­hen­de Mensch auf­grund der die­sem Ver­fah­ren zugrun­de­lie­gen­den natur­wis­sen- schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten gene­tisch nicht mit dem ursprüng­li­chen Zell­spen­der über­ein­stim­men muss.13

  1. 11  Über­sich­ten zum Mei­nungs­stand: Choi et al.,. Natu­re Bio­tech- nolo­gy 2015, 1173 ff.; Mül­ler-Röber et al.: Drit­ter Gen­tech­no­lo- gie­be­richt. Ana­ly­se einer Hoch­tech­no­lo­gie; (2015), S. 33; Tesar, Stem Cell Reports 2016, 163 (164); Yamada/Byrne/Egli, Cur­rent Opi­ni­on in Gene­tics & Deve­lo­p­ment 2015, 29 (33).
  2. 12  Sie­he zum Ver­fah­ren: Con­dic, Stem Cells and Deve­lo­p­ment 2014, 796 ff.

III. Rechts­sta­tus und Verkehrsfähigkeit

1. Natür­li­che und künst­lich erzeug­te Totipotenz

a) Ver­fas­sungs­recht­li­che Ebene

Die herr­schen­de Mei­nung lei­tet aus dem Grund­ge­setz (noch) ab, dass die Rechts­sub­jek­ti­vi­tät im Rah­men der mensch­li­chen Ent­wick­lung spä­tes­tens mit der Ver- schmel­zung der gene­ti­schen Infor­ma­ti­on von Ei- und Samen­zel­le bei der Befruch­tung beginnt und somit mit der Toti­po­tenz die­ser Enti­tät ver­bun­den ist. Nach die­ser Ansicht ist ein frü­her mensch­li­cher Embryo Recht­s­trä- ger mit eige­nen, auch grund­ge­setz­lich abge­si­cher­ten Rech­ten in ers­ter Linie mit dem Schutz sei­ner Men- schen­wür­de aus Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG und dem Schutz sei- ner kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit aus Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG. Die­se Ansicht wird hier nicht geteilt. Statt­des­sen soll­te unter Bezug­nah­me auf das Hirn­tod­kri­te­ri­um spie­gel- bild­lich für den Beginn der Rechts­sub­jek­ti­vi­tät auf die Aus­bil­dung ers­ter neu­ro­na­ler Struk­tu­ren in der sich ent- wickeln­den toti­po­ten­ten Enti­tät abge­stellt wer­den, und das unab­hän­gig davon, ob die­se Enti­tät sexu­ell oder ase- xuell ent­stan­den ist. Die Not­wen­dig­keit für die­se recht­li- che Gleich­be­hand­lung ergibt sich schon aus dem glei- chen mora­li­schen Sta­tus, den alle huma­ne Toti­po­ten­zen- titä­ten haben. Auch alle gebo­re­nen Men­schen, die aus Toti­po­ten­zen­ti­tä­ten her­vor­ge­gan­gen sind, haben den glei­chen mora­li­schen Status.

b) Ein­fach­ge­setz­li­che Ebene

Bis­lang wer­den toti­po­ten­te Human­zel­len oder Zell­mehr- hei­ten in vitro ein­fach­ge­setz­lich nach dem Embryo­nen- schutz­ge­setz nur dann gegen zer­stö­re­ri­sche, all­ge­mein sie ver­zweck­li­chen­de Ver­wen­dun­gen geschützt, wenn sie aus der geschlecht­li­chen Ver­schmel­zung von Ei- und Samen­zel­len ent­stan­den sind. Das geht dar­auf zurück, dass die Embryo­de­fi­ni­ti­on des § 8 Abs. 1 ESchG nur auf sol­che Embryo­nen anwend­bar ist. Da das Embryo­nen- schutz­ge­setz Neben­straf­recht dar­stellt, ist eine Aus­deh- nung des Embryo­be­griffs auch auf ase­xu­ell ent­stan­de­ne Embryo­nen im Wege der Ana­lo­gie auf­grund von Art.103Abs.2GG,§1StGBausgeschlossen.Folglich wäre – unab­hän­gig von der (noch) feh­len­den tech­ni- schen Umsetz­bar­keit – gegen­wär­tig die Herstellung,

13 Das geht auf die Art und Wei­se der Keim­zel­len­ent­ste­hung, all­ge- mein und auch bei iPS-Zel­len, sowie spe­zi­ell auf die Auf­tei­lung der Chro­mo­so­men dabei zurück. S. dazu Fal­tus: Stamm­zell­re­pro- gam­mie­rung; (2016), Kap. 2.1.3.2, S. 92 ff.

Fal­tus · Stammzellenreprogrammierung

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Zer­stö­rung oder sons­tig Ver­wen­dung von huma­nen Toti­po­ten­zen­ti­tä­ten durch die Ver­fah­ren der Stamm­zel- len­re­pro­gram­mie­rung zuläs­sig. In Anbe­tracht der ver- fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben, wonach alle Toti­po­tenz- enti­tä­ten spä­tes­tens mit dem Auf­tre­ten ers­ter neu­ro­na­ler Struk­tu­ren und unab­hän­gig von der Art und Wei­se ihrer Ent­ste­hung zu schüt­zen sind, ist der Gesetz­ge­ber auf­ge- rufen, die Vor­schrif­ten des Embryo­nen­schutz­rechts ent- spre­chend zu ändern.

2. Natür­li­che und künst­lich erzeug­te Plu­ri­po­tenz: iPS- Zel­len und künst­lich erzeug­te Keimzellen

Kör­per­be­stand­tei­le, die dau­er­haft vom Kör­per getrennt wer­den wie zum Bei­spiel Zel­len, die für die Repro­gram- mie­rungs­for­schung in vitro genutzt wer­den sol­len, haben nach herr­schen­der und zuzu­stim­men­der Ansicht Sach­ei­gen­schaft im Sin­ne des Zivil- und Strafrechts.14 Daher sind sol­che Kör­per­be­stand­tei­le eigen­tums­fä­hig und ver­kehrsfä­hig. Dadurch las­sen sich im Bereich der Grund­la­gen­for­schung dau­er­haft vom Kör­per getrenn­te Bestand­tei­le auch kom­mer­zi­ell han­deln und unter­lie­gen hin­sicht­lich des Eigen­tums­über­gangs den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des Zivil­rechts. Spä­tes­tens mit der erneu­ten Ein­glie­de­rung von zuvor abge­trenn­ten Kör­per­be­stand- tei­le in einen mensch­li­chen Kör­per erüb­ri­gen sich Fra- gen der Sach­ei­gen­schaft bzw. Ver­fü­gungs­be­rech­ti­gung die­ser Sub­stan­zen wie­der, weil der Mensch als Rechts- sub­jekt nicht Objekt von Eigen­tums­rech­ten Drit­ter sein kann. Somit sind auch iPS-Zel­len zivil- und sachen- recht­lich jeden­falls in der Zeit, in der sie nicht in einen mensch­li­chen Kör­per ein­glie­dert sind, als Sachen anzu- sehen. Dass die­se Zel­len eine plu­ri­po­ten­te Ent­wick- lungs­fä­hig­keit haben, steht dem nicht ent­ge­gen, weil inso­weit Einig­keit besteht, dass allen­falls toti­po­ten­te Enti­tä­ten eige­ne Rech­te haben kön­nen; wobei aber strei- tig ist, ab wann die­se Rechts­trä­ger­schaft im Rah­men der Indi­vi­du­al­ent­wick­lung begin­nen soll­te. Schließ­lich wer- den die für die Repro­gram­mie­rung benö­tig­ten Zel­len im Unter­schied zur Zell­ge­win­nung bei huma­nen embryo- nalen Stamm­zel­len nicht durch Ver­zweck­li­chung eines Rechts­sub­jekts, nament­lich des Zell­spen­ders gewon­nen. In der Regel wird sich die Biop­sie als medi­zi­ni­scher Ein- griff dar­stel­len, der nach Auf­klä­rung und Ein­wil­li­gung des Zell­spen­ders recht­mä­ßig ist. Daher ist auch die the- rapeu­ti­sche Ver­wen­dung von iPS-Zel­len bzw. der aus

14 Für Kör­per­sub­stan­zen all­ge­mein: Breit­haupt: Rech­te an Kör- per­sub­stan­zen und deren Aus­wir­kun­gen auf die For­schung mit abge­trenn­ten Kör­per­sub­stan­zen; (2012), S. 189; Ellen­ber­ger,
in: Palandt: Bür­ger­li­ches Gesetz­buch, 75. Aufl. 2016, § 90, Rn.
3; Stre­se­mann, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, Bd. 1, 7. Aufl. 2015, § 90 BGB, Rn. 26. So auch schon:

iPS-Zel­len abge­lei­te­ten The­ra­peu­ti­ka nicht mit dem ethi- schen und recht­li­chen Dis­kurs, der im Zusam­men­hang mit der Gewin­nung und Ver­wen­dung huma­ner embryo- naler Stamm­zel­len ent­stan­den ist, ver­bun­den. Bei der Beur­tei­lung der Rechts­fra­gen iPS-basier­ter The­ra­peu­ti- ka ste­hen daher weni­ger ethi­sche und/oder recht­li­che Sta­tus­fra­gen in Bezug auf den Zell­spen­der und/oder das Therapeutikum15 als viel­mehr (ver­wal­tungs­recht­li­che) Fra­gen der Arz­nei­mit­tel­for­schung, ‑her­stel­lung und ‑zulas­sung im Raum. Letzt­lich gilt dies auch für künst- lich erzeug­te Keim­zel­len, da auch die­se jeweils für sich genom­men kei­ne toti­po­ten­ten Eigen­schaf­ten haben. Hin­sicht­lich der the­ra­peu­ti­schen Ver­wen­dung von iPS- Zel­len und den dar­aus abge­lei­te­ten The­ra­peu­ti­ka sind im Unter­schied zur Grund­la­gen­for­schung ver­schie­de­ne Han­dels- und Kom­mer­zia­li­sie­rungs­ver­bo­te zu beach­ten. So ist es nach §§ 1a Nr. 4, 17 Abs. 1 TPG ver­bo­ten, mit Gewe­ben und Zel­len, die einer Heil­be­hand­lung eines ande­ren zu die­nen bestimmt sind, Han­del zu trei­ben. Zusätz­lich kann Art. 3 Abs. 2 lit. c) GRC zu berück­sich­ti- gen sein, wonach es ver­bo­ten ist, den mensch­li­chen Kör- per und Tei­le davon als sol­che zur Erzie­lung von Gewin- nen zu nut­zen. Die­se unio­na­le Vor­ga­be ent­fal­tet im The- rapie­be­reich Bedeu­tung, da das Arz­nei­mit­tel­recht in der Euro­päi­schen Uni­on zum einen durch ver­schie­de­ne Richt­li­ni­en und Ver­ord­nun­gen har­mo­ni­siert ist und weil zum ande­ren unio­na­le Behör­den selbst tätig wer­den, sodass der Anwen­dungs­be­reich der Grund­rech­te­char­ta nach Art. 51 Abs. 1 GRC in die­sen Kon­stel­la­tio­nen eröff- net ist.

IV. Rechts­rah­men der Grund­la­gen­for­schung an und mit repro­gram­mier­ten Stammzellen

1. iPS-Zel­len

Es exis­tie­ren kei­ne Vor­schrif­ten, die spe­zi­ell auf die For- schung mit iPS-Zel­len zuge­schnit­ten sind. Inso­weit ist aber zu prü­fen, inwie­weit das Embryo­nen­schutz­ge­setz und das Stamm­zell­ge­setz die For­schung mit huma­nen iPS-Zel­len erfas­sen. Sowohl Embryo­nen­schutz­ge­setz als auch Stamm­zell­ge­setz bezie­hen sich unter ande­rem auch auf Stamm­zel­len, bei­de Geset­ze erfas­sen jedoch die For- schung mit und Anwen­dung von iPS-Zel­len nicht. Das Embryo­nen­schutz­ge­setz erfasst nur geschlecht­lich gezeug­te Embryo­nen, ande­re aus ihnen abge­trenn­te toti-

Klu­se­mann: Das Recht des Men­schen an sei­nem Kör­per; (1907),

S. 1, 33.
15 S. dazu: Fal­tus, MedR 2016, 250 ff. (Zur feh­len­den Genehmi-

gungs­fä­hig­keit von The­ra­peu­ti­ka auf Grund­la­ge huma­ner embry- ona­ler Stammzellen).

poten­te Zel­len sowie natür­li­cher­wei­se ent­ste­hen­de Keim­zel­len. iPS-Zel­len sind aber nicht toti­po­tent und wer­den auch nicht aus Embryo­nen im Sin­ne des Embry- onen­schutz­ge­set­zes gewon­nen, son­dern aus unpo­ten- ten16 Kör­per­zel­len. Das Stamm­zell­ge­setz erfasst zwar plu­ri­po­ten­te Stamm­zel­len, die Anwen­dung des Stamm- zell­ge­set­zes setzt aber gemäß §§ 2, 3 Nrn. 2, 4 StZG vor- aus, dass die betref­fen­den Stamm­zel­len aus einem mensch­li­chen Embryo, all­ge­mein einer (mehr­zel­li­gen) toti­po­ten­ten Enti­tät stam­men. Gera­de das trifft auf iPS- Zel­len nicht zu, da iPS-Zel­len aus Zel­len eines gebo­re- nen Men­schen gewon­nen wer­den. Für die For­schungs- arbei­ten zur Erzeu­gung von iPS-Zel­len und deren wei­te- ren Ver­wen­dung sind im Bereich der Grund­la­gen­for­schung, ohne Anwen­dung am Men­schen, zumin­dest die Vor­schrif- ten des Gen­tech­nik­ge­set­zes zu berück­sich­ti­gen, sofern die Erzeu­gung von und/oder die wei­te­re Ver­wen­dung der iPS-Zel­len mit dem Ein­satz gen­tech­no­lo­gi­scher Ver­fah- ren (§ 3 Nr. 2 GenTG) und der Erzeu­gung von gen­tech- nisch ver­än­der­ten Orga­nis­men (§ 3 Nr. 3 GenTG) im Sin­ne des Gen­tech­nik­ge­set­zes ver­bun­den sind. Nicht anwend­bar ist das Gen­dia­gnos­tik­ge­setz, da das Gen­dia- gnos­tik­ge­setz gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 1 GenDG nicht für den For­schungs­be­reich gilt. Inso­weit ist aber an die Anwend­bar­keit des all­ge­mei­nen Daten­schutz­rechts zu den­ken. Sofern die iPS-Tech­no­lo­gie der­art wei­ter­ent­wi- ckelt wird, dass sie iPS-Zel­len erzeugt, die die glei­chen Eigen­schaf­ten hät­ten wie huma­ne embryo­na­le Stamm- zel­len, stellt sich die Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf die Ein­fuhr, die Ver­wen­dung, kon­kret auf die For- schung mit huma­nen embryo­na­len Stamm­zel­len haben kann. Für die­sen Fall besteht die Mög­lich­keit, dass die wei­te­re For­schung mit huma­nen embryo­na­len Stamm- zel­len in Deutsch­land (ver­wal­tungs­recht­lich) unter­sagt wer­den kann, weil nach § 5 Nr. 2 lit. b) StZG For­schungs- arbei­ten an embryo­na­len Stamm­zel­len nur durch­ge­führt wer­den dür­fen, wenn wis­sen­schaft­lich begrün­det dar­ge- legt ist, dass der mit dem For­schungs­vor­ha­ben ange- streb­te wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­ge­winn sich vor­aus- sicht­lich nur mit embryo­na­len Stamm­zel­len errei­chen lässt. Könn­ten zukünf­ti­ge iPS-Zel­len embryo­na­le Stamm- zel­len tech­nisch erset­zen, wür­den dadurch die Voraus-

16 „Unpo­tent“ bedeu­tet, dass sich eine spe­zia­li­sier­te Kör­per­zel­le
wie bspw. eine Haut- oder Herz­zel­le nicht mehr teilt. Sofern eine sol­che Zel­le abstirbt, kann die­ser Ver­lust allen­falls aus einem in dem jewei­li­gen Gewe­be befind­li­chen Stamm­zel­len­de­pot aus­ge­gli- chen wer­den, in dem sich uni­po­ten­te Stamm­zel­len befin­den, also Stamm­zel­len, bei denen sich die aus der Tei­lung her­vor­ge­hen­den Toch­ter­zel­len nur noch ent­we­der wie­der in eine Stamm­zel­le oder in einen spe­zi­el­len Zell­typ ent­wick­len kön­nen (Müller/Hassel, Ent­wick­lungs­bio­lo­gie und Repro­duk­ti­ons­bio­lo­gie des Men­schen und bedeu­ten­der Modell­orga­nis­men, 5. Aufl. (2012), Kap. 18.1.3).

set­zun­gen für die Ein­fuhr embryo­na­ler Stamm­zel­len nach Deutsch­land mög­li­cher­wei­se entfallen.

2. Künst­lich erzeug­te Totipotenz

Unab­hän­gig von den (bis­lang bestehen­den) tech­ni­schen Hür­den bei der arti­fi­zi­el­len Erzeu­gung toti­po­ten­ter Zel- len durch Repro­gram­mie­rung ist die­ses Ver­fah­ren recht- lich zuläs­sig, weil auch in die­sen Kon­stel­la­tio­nen das Embryo­nen­schutz­ge­setz aus den oben genann­ten Grün- den nicht anwend­bar ist und sons­ti­ge Ver­bo­te nicht vor- han­den sind. Daher dürf­ten – die tech­ni­sche Mach­bar- keit vor­aus­ge­setzt – gegen­wär­tig auch toti­po­ten­te Zel­len erzeugt wer­den. Zwar wird sol­chen Enti­tä­ten gegen­wär- tig von der (noch) herr­schen­den Mei­nung auf ver­fas- sungs­recht­li­chen Ebe­ne schon mit dem Auf­tre­ten der Toti­po­tenz Rechts­sub­jek­ti­vi­tät zuge­spro­chen, sodass die­se Enti­tä­ten an sich gegen eine Ver­let­zung ihrer Men- schen­wür­de aus Art. 1 Abs. 1 GG und zum Schutz ihrer kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit nach Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG ein­fach­recht­lich geschützt wer­den müss­ten, damit der Staat sei­ner­seits ein Ver­stoß gegen das ver­fas­sungs­recht- lich ver­an­ker­te Unter­maß­ver­bot ver­mei­det. Eine Aus- deh­nung der Vor­schrif­ten des Embryo­nen­schutz­ge­set- zes, die nur sexu­ell ent­stan­de­ne Toti­po­ten­zen­ti­tä­ten erfas­sen, im Wege der Ana­lo­gie auch auf mit­tels Repro- gram­mie­rung künst­lich ase­xu­ell erzeug­te Toti­po­ten­zen- titä­ten ist aber aus­ge­schlos­sen, da es sich bei den Vor- schrif­ten des Embryo­nen­schutz­ge­set­zes um Neben­straf- recht han­delt und straf­recht­li­che Vor­schrif­ten nach Art. 103 Abs. 2 GG nicht zu Las­ten eines Täters ana­log ange­wen­det wer­den dürfen.

3. Künst­lich erzeug­te Keimzellen

Die künst­li­che Erzeu­gung von Ei- und Samen­zel­len aus repro­gram­mier­ten Stamm­zel­len wird eben­falls nicht durch das Embryo­nen­schutz­ge­setz erfasst,17 weil das Embryo­nen­schutz­ge­setz das Vor­lie­gen von Ei- und Samen­zel­len als Keim­zel­len an einen im Embryo­nen- schutz­ge­setz beschrie­be­nen empi­ri­schen Vor­gang knüpft, der bei arti­fi­zi­ell erzeug­ten Keim­zel­len nicht vor­liegt. Nach §8Abs.3 ESchG zäh­len Ei- und Samen­zel­len selbst auch als Keim­bahn­zel­len, wobei es sich nur dann

17 A.A.: Taupitz, in: Günther/Taupitz/Kaiser: Embryo­nen­schutz- gesetz – Juris­ti­scher Kom­men­tar mit medi­zi­nisch-natur­wis­sen- schaft­li­chen Ein­füh­run­gen, 2. Aufl. 2014, § 8, Rn. 35 (bezüg­lich Eizel­len); Deut­scher Ethik­rat: Stamm­zel­len­for­schung – Neue Her­aus­for­de­run­gen für das Klon­ver­bot und den Umgang mit arti­fi­zi­ell erzeug­ten Keim­zel­len? Ad-Hoc-Emp­feh­lung. 15. Sep- tem­ber 2014, S. 5.

Fal­tus · Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung 2 4 3

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um Ei- und Samen­zel­le im Sin­ne des Embryo­nen­schutz- geset­zes han­delt, wenn die­se Keim­zel­len auch in dem vom Embryo­nen­schutz­ge­setz genann­ten Weg ent­ste­hen. Dem­nach lie­gen Ei- und Samen­zel­le im Sin­ne des Emb- ryo­nen­schutz­ge­set­zes nur vor, wenn sie in einer Zell­li­nie von der befruch­te­ten Eizel­le aus­ge­hend her­vor­ge­gan­gen sind. Aus Kör­per­zel­len und auch aus iPS-Zel­len abge­lei- tete zel­lu­lä­re Enti­tä­ten, auch wenn sie die glei­chen Eigen- schaf­ten haben wie natür­lich vor­kom­men­de Ei- und Samen­zel­len, stam­men jedoch gera­de nicht in der vom Embryo­nen­schutz­ge­set­ze gefor­der­ten Zell­li­nie von der befruch­te­ten Eizel­le aus­ge­hend ab. Eine Aus­deh­nung der Vor­schrif­ten des Embryo­nen­schutz­ge­set­zes auf künst- lich erzeug­te Keim­zel­len wür­de sich daher auch als ein Ver­stoß gegen das Ana­lo­gie­ver­bot darstellen.

zunächst all­ge­mein die recht­lich nor­mier­ten GCP- Grundsätze,21 zum ande­ren gemäß Art. 4 Abs. 2 ATMP- VO spe­zi­ell auf die kli­ni­sche Prü­fung von ATMP zuge- schnit­te­ne Vor­aus­set­zun­gen. Zudem sind die Vor­aus­set- zun­gen zum Geneh­mi­gungs­er­for­der­nis nach §§ 40 ff. AMG zu beach­ten. Schließ­lich ist die künst­li­che Erzeu- gung von Ei- und Samen­zel­len aus iPS-Zel­len aus den glei­chen Grün­den wie im For­schungs­be­reich auch im The­ra­pie­be­reich nicht durch das Embryo­nen­schutz­ge- setz erfasst, son­dern nur durch das Arz­nei­mit­tel­recht, da das Arz­nei­mit­tel­recht nicht wie das Embryo­nen­schutz- gesetz auf die Art und Wei­se der Ent­ste­hung der Keim- zel­len abstellt, son­dern nur auf die „Erschei­nung“ Keim- zelle.

VI. Patent­schutz der Forschungsergebnisse

1. iPS-Zel­len

Rechts­fra­gen nach der Patent­fä­hig­keit stamm­zell­be­zo- gener Erfin­dun­gen waren schon Gegen­stand zahl­rei­cher Patent­streit­sa­chen. In Bezug auf den patent­recht­li­chen Schutz von Erfin­dun­gen im Zusam­men­hang mit iPS- Zel­len spie­len die­se Ent­schei­dun­gen jedoch kei­ne, allen- falls eine indi­rek­te Rol­le. Die bis­he­ri­ge Patent­rechtsp­re- chung hat in Bezug auf Stamm­zel­len her­aus­ge­ar­bei­tet, dass sol­che Erfin­dun­gen nicht paten­tier­bar sind, die auf die Ver­wen­dung toti­po­ten­ter Zel­len bzw. Zell­mehr­hei- ten grün­den, wobei sexu­ell und ase­xu­ell ent­stan­de­ne Toti­po­ten­zen­ti­tä­ten gleich behan­delt wer­den. Dies geht dar­auf zurück, dass inner­halb des Patent­rechts toti­po- ten­te Zel­len bzw. Zell­mehr­hei­ten als mensch­li­che Emb- ryo­nen und damit als schüt­zens­wer­te Rechts­sub­jek­te gese­hen wer­den, die in Über­ein­stim­mung mit den Wer- tun­gen des unio­na­len und deut­schen Patent­recht sowie nach den Wer­tun­gen des Euro­päi­schen Paten­tüber­ein- kom­mens nicht für kom­mer­zi­el­le und/oder indus­tri­el­le Zwe­cke ver­wen­det wer­den dür­fen. Da iPS-Zel­len und die auf ihnen auf­bau­en­den Tech­ni­ken aber auf unpo­ten- te Kör­per­zel­len, allen­falls auf ledig­lich plu­ri­po­ten­te Zel- len zurück­grei­fen, sind Erfin­dun­gen in Bezug auf iPS- Zel­len grund­sätz­lich paten­tier­bar, wenn dazu die all­ge­mei- nenVoraussetzungenfür(biotechnologische)Erfindungen nach §§ 1, 1a, 2 PatG bzw. Art. 52, 53 EPÜ vor­lie­gen. Erfin- dun­gen hin­sicht­lich von Keim­zel­len aus iPS-Zel­len könn­ten allen­falls dann patent­recht­lich schütz­bar sein, wenn aus­ge­schlos­sen ist, dass durch die Anwen­dung die- ser künst­lich erzeug­ten Keim­zel­len eine arti­fi­zi­el­le Ver-

21 GCP = good cli­ni­cal prac­ti­ce = Gute kli­ni­sche Pra­xis, vgl. auch 16. Erwä­gungs­grund, Art. 4 Abs. 1 ATMP-VO.

V. Ange­wand­te phar­ma­zeu­ti­sche Forschung

Bei The­ra­peu­ti­ka auf Grund­la­ge von iPS-Zel­len han­delt es sich um Arz­nei­mit­tel für neu­ar­ti­ge The­ra­pien (ATMP)18 gemäß der unio­na­len ATMP-Verordnung.19 Für die Gewin­nung der zu repro­gram­mie­ren­den Kör- per­zel­len sind die Vor­schrif­ten des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes (§ 20b AMG) und des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­set­zes zu beach­ten, da durch § 1 Abs. 2 S. 1 TPG gere­gelt ist, dass für die Spen­de und Ent­nah­me von mensch­li­chen Gewe- ben ein­schließ­lich ein­zel­ner Zel­len zum Zwe­cke der Über­tra­gung sowie für die Über­tra­gung der Gewe­be bzw. Zel­len ein­schließ­lich der Vor­be­rei­tung die­ser Maß- nah­men das Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz gilt. In zivil­recht­li- cher Hin­sicht ist bei der Auf­klä­rung § 630c Abs. 2 BGB zu beach­ten, wobei in Bezug auf iPS-The­ra­peu­ti­ka auf das sachen­recht­li­che Pro­blem des gesetz­li­chen Eigen- tums­ver­lus­tes bei Ver- und/oder Umar­bei­tung nach §950 BGB hin­ge­wie­sen wer­den sollte,20 da bei der Umwand­lung von Kör­per­zel­len zu iPS-Zel­len im Rechts- sin­ne eine neue Sache ent­steht und somit der Zell­spen- der das Eigen­tum an sei­nen ursprüng­lich gespen­de­ten Zel­len, mög­li­cher­wei­se gegen sei­nen Wil­len, ver­lie­ren kann. Die prä­kli­ni­schen Stu­di­en zur Ent­wick­lung neu­er iPS-The­ra­peu­ti­ka müs­sen unter Ein­hal­tung der gesetz- lich nor­mier­ten Grund­sät­ze der Guten Labor­pra­xis (GLP) durch­ge­führt wer­den (§ 19a Abs. 1 ChemG bzw. Art.6Abs.1S.1VO726/2004,Art.8Abs.RL2001/83/EG sowie Anhang I RL 2001/83/EG, Ein­füh­rung und all­ge- mei­ne Grund­la­gen: 9.). Für kli­ni­sche Stu­di­en mit ATMP und damit auch für iPS-basier­te The­ra­peu­ti­ka gelten

  1. 18  Akro­nym für: Advan­ced The­ra­py Medi­ci­nal Products.
  2. 19  S. dazu schon: Fal­tus, MedR 2008, 544, 547.
  3. 20  Wern­scheid, Tis­sue Engi­nee­ring – Recht­li­che Gren­zen und Vor-aus­set­zun­gen, 2012, S. 197 ff. (mwN.).

ände­rung der Keim­bahn des Men­schen ver­ur­sacht wird (Art. 53 EPÜ, Regel 28 lit. b) EPÜ-AO bzw. § 2 Abs. 2 Nr. 2 PatG).

2. Ver­fah­ren der künst­li­chen Erzeu­gung toti­po­ten­ter Zellen

Sofern sich die Ver­fah­ren der künst­li­chen Toti­po­tenz­re- pro­gram­mie­rung rea­li­sie­ren las­sen, ist davon aus­zu­ge- hen, dass die betref­fen­den Ver­fah­ren patent­recht­lich nicht geschützt wer­den kön­nen. Das geht dar­auf zurück, dass im Patent­recht – im Unter­schied zum Embryo­nen- schutz­ge­setz – sowohl sexu­ell als auch ase­xu­ell erzeug­te huma­ne Toti­po­ten­zen­ti­tä­ten als mensch­li­che Embryo- nen gewer­tet wer­den, die weder indus­tri­ell noch kom- mer­zi­ell ver­wen­det wer­den dür­fen. Da aber schon die patent­recht­li­che Absi­che­rung einer Erfin­dung auf den kom­mer­zi­el­len Cha­rak­ter der betref­fen­den Erfin­dung deu­tet, sind Erfin­dun­gen, die sich auf Toti­po­ten­zen­ti­tä- ten bezie­hen, sei­en sie natür­li­cher­wei­se oder im Rah­men der arti­fi­zi­el­len Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung ent- stan­den, nicht paten­tier­bar, da die betref­fen­de Toti­po- ten­zen­ti­tät dadurch kom­mer­zia­li­siert wer­den würde.

VII. Fazit und Ausblick

Die inter­dis­zi­pli­nä­re Unter­su­chung zur Stamm­zel­len­re- pro­gram­mie­rung zeigt, dass die Stamm­zel­len­re­pro- gram­mie­rung nicht nur natur­wis­sen­schaft­lich-medi­zi- nisch gese­hen ein Para­dig­men­wech­sel ist, son­dern auch in recht­li­cher Hin­sicht grund­le­gend neue Fra­gen zum Umgang mit Stamm­zel­len und dem Umgang mit dem Phä­no­men der Toti­po­tenz erzeugt hat. Die Unter­su- chung zur recht­li­chen Hand­ha­bung von iPS-Zel­len hat zudem erneut den Bedarf kennt­lich gemacht, den Rechts­rah­men zum Umgang mit Embryo­nen und Stamm­zel­len zu refor­mie­ren, da die bestehen­den Rege-

lun­gen in Embryo­nen­schutz- und Stamm­zell­ge­setz nicht mehr in der Lage sind, die schon heu­te bestehen­den Fra- gen von Wis­sen­schaft und Pati­en­ten – auch im inter­na­ti- ona­len Ver­gleich – adäquat zu regu­lie­ren. Extra­po­liert man im Rah­men einer Tech­nik­fol­gen­be­ur­tei­lung die mög­li­chen künf­ti­gen Ver­fah­ren der Stamm­zel­len­for- schung und Stamm­zel­len­me­di­zin, dann wird der schon heu­te bestehen­de Reform­be­darf in Bezug auf den recht- lichen Umgang mit Embryo­nen und Stamm­zel­len umso deut­li­cher. Es ist daher auch schon heu­te im Rah­men einer pro­ak­ti­ven und evi­denz­ba­sier­ten Tech­nik­fol­gen- und Fol­ge­technik­ein­schät­zung ange­bracht, gegen­wär­ti- ge Tech­no­lo­gien extra­po­lie­rend zu betrach­ten, um damit bei der even­tu­el­len Rea­li­sie­rung der zwar heu­te noch nicht, aber mög­li­cher­wei­se künf­tig ver­füg­ba­ren Fol­ge- tech­ni­ken Hand­lungs- und Rechts­si­cher­heit zu haben. Dazu will die vor­lie­gen­de Unter­su­chung auch beitragen.

Timo Fal­tus, Dipl.-Biol., Dipl.-Jur., hat Bio­lo­gie und Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Johann Wolf­gang Goe- the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt am Main stu­diert, war anschlie­ßend Sti­pen­di­at am Trans­la­ti­ons­zen­trum für Rege­ne­ra­ti­ve Medi­zin der Uni­ver­si­tät Leip­zig und wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter bei Prof. Dr. iur. Win­fried Kluth an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten- berg, wo er 2015 pro­mo­viert hat. Für sei­ne Pro­mo­ti­on hat der Freun­des­kreis der Juris­ti­schen Fakul­tät der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg Timo Fal- tus den Preis für die bes­te Pro­mo­ti­on des Jah­res 2015 verliehen.

Timo Fal­tus, Stamm­zel­len­re­pro­gram­mie­rung
- Der recht­li­che Sta­tus und die recht­li­che Hand­ha­bung sowie die rechts­sys­te­ma­ti­sche Bedeu­tung repro­gram- mier­ter Stamm­zel­len. 961 S., Baden-Baden 2016, gebun­den, Nomos Ver­lag, Band 22 der Schrif­ten­rei­he „Recht, Ethik und Öko­no­mie der Lebens­wis­sen­schaf- ten“, 178,- Euro, ISBN 978–3‑8487–3192‑3.

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