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Über­sicht

I. Ein­lei­tung

II. Her­aus­for­de­run­gen durch die Forschung

1. Sicher­heits­re­le­van­te Entwicklung

a) Die Risi­ken der Influenza-Forschung

b) Die Gain-of-Func­tion Experimente

c) Bio­safe­ty und Biosecurity

d) Sin­gle Use, Dual Use oder Mul­ti­ple Use

2. Zusam­men­fas­sung: Die mehr­fa­che Ungewissheit

III. Wis­sen­schafts­frei­heit und kon­kur­rie­ren­de Rechtsgüter

1. Die Wis­sen­schafts­frei­heit als Hand­lungs- und Kom­mu­ni­ka­ti- onsfreiheit

a) Die For­schung als Hand­lungs­pra­xis
b) Wis­sen­schafts­frei­heit als Kommunikationsfreiheit

2. Mög­li­che Ein­schrän­kun­gen des vor­be­halt­los gewähr­leis­te­ten Grundrechts

3. Die Risi­ko­ab­wä­gung: Nur eine Risi­ko-Nut­zen-Ana­ly­se? 4. Ein­schrän­kun­gen durch die EMRK
IV. Die For­schungs­frei­heit: Ein­schrän­kun­gen und Ver­bo­te 1. Allgemein

2. For­schungs­ver­bo­te oder ‑ein­schrän­kun­gen zur Wis­sens­be- schrän­kung oder ‑unter­drü­ckung

V. Wis­sen­schafts­frei­heit als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit 1. Wis­sens­dis­tri­bu­ti­ons­ver­bo­te
a) Die Eigen­schaf­ten des Wis­sens
b) Anknüp­fun­gen an die Hand­lun­gen Dritter

2. Das Pro­blem des Zen­sur­ver­bots
VI. Rah­men­be­din­gun­gen der For­schungs­för­de­rung VII. Ethik­ko­di­zes: Selbst- oder Fremd­re­gu­lie­rung? VIII. Schluss

1 Der nicht eben für Über­trei­bun­gen bekann­te Lord May schrieb im Hin­blick auf die Rekon­struk­ti­on des Virus der Spa­ni­schen Grip­pe von 1918: „The work they are doing is abso­lute­ly cra­zy. The who­le thing is excee­din­gly dan­ge­rous“ (…) „Yes, the­re is a dan­ger, but it‘s not ari­sing from the viru­ses out the­re in the ani­mals, it‘s ari­sing from the labs of gross­ly ambi­tious peop­le.“, zitiert nach Con­nor, Ame­ri­can Sci­en­tists con­tro­ver­si­al­ly recrea­te dead­ly Spa­nish Flu Virus, The Inde­pen­dent, 11.6.2014; Wain-Hob­son vom Insti­tut Pas­teu­re (Paris) wird mit den Wor­ten zitiert: „It’s mad­ness, folly.

It shows the pro­found lack of respect for the collec­ti­ve decisi­on. Making pro­cess we’ve always shown in figh­t­ing infec­tions. If socie­ty, the intel­li­gent lay­per­son, unders­tood what was going on, they would say ‚What the F are you doing”, zitiert nach Sam­ple, Sci­en­tists con­demn ‚cra­zy’ ‚dan­ge­rous’ crea­ti­on of dead­ly air­bor­ne flu virus, The Guar­di­an, 11.6.2014.

In Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses wer­den Wis­sen­schaft­ler schnell zu ver­ant­wor­tungs­lo­sen, ver- rück­ten Gesellen,1 die um ihres über­spann­ten Wis­sen- schaft­ler-Egos, ihrer Repu­ta­ti­on oder öko­no­mi­scher Inter- essen wil­len die Mensch­heit mit hoch­ris­kan­ten Expe­ri- men­ten gefähr­den und neben­bei Ter­ro­ris­ten das Wis­sen zum Bau hoch­ge­fähr­li­cher, die Mensch­heit bedro­hen­der Bio-Waf­fen lie­fern. Anlass zu die­sen Sze­na­ri­en sind spek­ta- kulä­re For­schun­gen der Influ­en­za-For­scher, ins­be­son­de­re die soge­nann­ten Gain-of-Func­tion (GOF) Experimente.2 Letz­ter Anlass der Erre­gung in einer Ket­te von Expe­ri­men- ten war die Rekon­struk­ti­on des Virus der Spa­ni­schen Grip- pe durch Rever­se Gene­tics.3

Zur Ein­he­gung oder Ver­hin­de­rung sol­cher oft­mals als zu ris­kant emp­fun­de­nen Expe­ri­men­te, zumal in ei- nem Bereich, der wie weni­ge ande­re Gegen­stand von Unter­gangs­vi­sio­nen ist,4 sol­len Refle­xi­ons­las­ten, Selbst- ver­pflich­tun­gen, neue Ethik­kom­mis­sio­nen, For­schungs- ein­schrän­kun­gen, For­schungs­ver­bo­te, Publi­ka­ti­on­sein- schrän­kun­gen und ‑ver­bo­te hel­fen. Vor dem Hin­ter- grund auch medi­al hoch­ge­trie­be­ner Risi­ken wirkt die Wis- sen­schafts­frei­heits­ga­ran­tie des Art. 5 Abs. 3 GG schnell wie aus der Zeit gefal­len. Als vor­be­halt­lo­ses Grund­recht ist sie aller­dings eine Grenz­mar­kie­rung, die in ihrer Bedeu- tung offen­bar mini­miert wer­den muss. Dazu steht der seit 9/11 gepfleg­te, ent­grenz­te Sicher­heits­dis­kurs zur Ver- fügung, der auch in ande­ren Fel­dern sei­ne enor­men Rech­nun­gen zu Las­ten von Frei­heits­ga­ran­tien prä­sen- tiert. Der hoch­ran­gi­ge Zweck der Sicher­heit, die dif­fu­se Bedro­hung durch Ter­ro­ris­mus, die nicht näher spezifi-

2 Als Gain-of-Func­tion Expe­ri­men­te bezeich­net man die­je­ni­gen Ex- peri­men­te, die die Über­tra­gung auf Mam­ma­lia und die Patho­ge­ni- tät von Viren im Wege gene­ti­scher Ände­rung des Virus ver­än­dern. Eine infor­mier­te Dis­kus­si­on der Risi­ken und der poten­ti­el­len Vor­tei­le fin­det sich bei Casadevall/Imperiale, Risks and benefits

of Gain-of-Func­tion Expe­ri­ments with Patho­gens of Pan­de­mic Poten­ti­al, Such as Influ­en­za Virus: a Call for a Sci­ence-Based Dis­cus­sion, MBio (5/4), 2014, S. 1–5.

Watan­a­be, Cir­cu­la­ting Avi­an Influ­en­za Viru­ses Clo­se­ly Rela­ted to the 1918 Virus Have Pan­de­mic Poten­ti­al, Cell Host & Micro­be (15/6), 2014, S. 692–705.

4 Zu den Ängs­ten vor Epi­de­mien vgl. Eck­art, Die Erre­gung der Erre­ger, Süd­deut­sche Zei­tung v. 2.3.2015 S. 11.

Hans-Hein­rich Trute

„…that natu­re is the ulti­ma­te bio­ter­ro­rist“ – Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses
Zu den Schran­ken des Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2015, ISSN 2197–9197

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ziert wer­den kann, da sie über­all und jeder­zeit mani­fest wer­den kann, soll dann jede Ein­schrän­kun­gen von Frei- heits­rech­ten recht­fer­ti­gen. Der vor­geb­lich gute Zweck hei­ligt die Mittel.

Man muss die unter den Stich­wor­ten Bio­safe­ty und Bio­se­cu­ri­ty dis­ku­tier­ten Sicher­heits­pro­ble­me nicht leug- nen, um sich gleich­wohl zu wun­dern, mit welch leich­ter Hand Grund­rechts­ga­ran­tien einem mehr oder weni­ger struk­tu­rier­ten Abwä­gungs­dis­kurs und einem Ethik­re­gime anheim gege­ben wer­den, um Sicher­heits­ge­win­ne zu er- zie­len, deren Cha­rak­te­ris­ti­ka vor allem dar­in bestehen, dass sie abs­trakt und intrans­pa­rent blei­ben. Wo die Be- dro­hungs­sze­na­ri­en dif­fus blei­ben und die Anhalts­punk- te für ihre Rele­vanz das Licht der Öffent­lich­keit scheu­en, kann der Sicher­heits­ge­winn nicht bemes­sen wer­den. Man kennt das aus ande­ren Berei­chen: Je dif­fu­ser die Be- dro­hungs­sze­na­ri­en und mög­li­chen Sicher­heits­pro­ble­me sind, des­to mehr wird ein schon in die Ter­mi­no­lo­gie hi- nein­rei­chen­der Über­bie­tungs­dis­kurs gepflegt, bei dem enor­me Scha­dens­po­ten­tia­le beschwo­ren wer­den, die dann das Nicht­wis­sen über rea­le Bedro­hun­gen aus­glei- chen sollen.5 Wenn etwa die wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti- on als Bau­an­lei­tung für Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen me- dial kon­stru­iert wird, ist ein Ver­bot offen­kun­dig nicht mehr recht­fer­ti­gungs­be­dürf­tig. So gerät die Wis­sen- schafts­frei­heit unter Recht­fer­ti­gungs­druck. In der all­fäl- ligen Abwä­gung hat der For­scher dann den Nut­zen sei- ner Tätig­keit dar­zu­stel­len, um gegen­über den sol­cher- maßen stets über­wäl­ti­gen­den Risi­ken bestehen zu kön- nen. Der Hin­weis, die For­schung ermög­li­che Wis­sen, das auch für die Gesund­heit mit­tel­fris­tig Bedeu­tung haben kön­ne, wird als zu dif­fus bewer­tet, im Gegen­satz zu den schnel­ler ein­leuch­ten­den Bedro­hungs­sze­na­ri­en, die frei­lich oft­mals ohne jede Kon­kre­ti­sie­rung daher­kom­men. Damit wird eine Asym­me­trie in die Dis­kus­si­on ein­ge­führt, die Rück­wir­kun­gen für die Wis­sen­schafts­frei­heit hat.

Nach­fol­gend wer­den zunächst die Sze­na­ri­en der For- schung und ihre Risi­ken etwas genau­er beleuch­tet und ins­be­son­de­re die Struk­tur der Gefähr­dung deutlicher

  1. 5  Vgl. die aus­führ­li­che Dis­kus­si­on bei Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report on Bio­se­cu­ri­ty and Dual Use Rese­arch. A Report for the Dut­ch Rese­arch Coun­cil, 2011, S. 22 ff., die objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Risi­ko­ein­schät­zun­gen unter­schei­den und die Zwän­ge der Poli­tik ange­sichts sub­jek­ti­ver Ein­schät­zun­gen beto­nen, ohne dabei frei­lich die Risi­ken der Poli­tik selbst zu über­se­hen. Aller- dings dürf­ten weder die sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen unab­hän­gig von Poli­tik sein, noch dürf­ten allein auf der Basis von sub­jek­ti­ven Risi­ko­ein­schät­zun­gen Ein­schrän­kun­gen von Grund­rech­ten ohne Wei­te­res zu recht­fer­ti­gen sein.
  2. 6  Dazu und zum Fol­gen­den Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit – Frei­heit und Ver­ant­wor­tung in der Wis­sen­schaft, 2014, S. 27 ff., http://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/biosicher- heit (5.3.2015).

her­aus­ge­ar­bei­tet. Vor die­sem Hin­ter­grund kann die Wis­sen­schafts­frei­heits­ga­ran­tie dann der Pro­blem­la­ge ent­spre­chend dif­fe­ren­ziert nach For­schung und Kom- muni­ka­ti­on ent­fal­tet werden.

II. Her­aus­for­de­rung durch die Forschung

Gegen­über den oben ange­deu­te­ten Sze­na­ri­en ist zunächst das Gefähr­dungs­pro­blem einer nähe­ren Ana- lyse zu unter­zie­hen. Dabei geht es sowohl um die Art wis­sen­schaft­li­cher Expe­ri­men­te und die Publi­ka­ti­on der Erkennt­nis­se, als auch um die Struk­tur der Gefähr­dung, von der die Rede ist.

Wie immer, wenn die Wis­sen­schaft und ihre Frei- heits­ga­ran­tie in der Kri­tik ste­hen, ist dies nicht zuletzt durch Fort­schrit­te der Wis­sen­schaft selbst indu­ziert, durch das erhöh­te Auf­lö­sungs- und Rekom­bi­na­ti­ons­ver- mögen derselben,6 das gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen begrün­det und ent­täuscht, vor­han­de­ne Rou­ti­nen, Le- bens- und Geschäfts­mo­del­le ver­än­dert oder ethisch neu zu bewer­ten­de Optio­nen eröff­net und damit als ris­kant wahr­ge­nom­men wird. Die For­schung wird dabei von ei- nem Risi­ko­dis­kurs beglei­tet, in dem nicht nur plau­si­ble Risi­ko­sze­na­ri­en ent­wor­fen wer­den, son­dern auch wenig rea­li­täts­taug­li­che Über­bie­tungs- oder Ver­harm­lo­sungs- sze­na­ri­en. Dies galt in der Risi­ko­de­bat­te, der Stamm­zell- for­schung, der Repro­duk­tiv­me­di­zin, der grü­nen und ro- ten Gen­tech­nik eben­so wie in der Nano­tech­no­lo­gie und für die Hirn­for­schung darf in naher Zukunft Ähn­li­ches erwar­tet werden.7 Nicht sel­ten reagiert die Poli­tik mit Regu­lie­rung auf die Überbietungsszenarien.8 Das droht auch im vor­lie­gen­den Fall, nicht nur in Deutsch­land. Je- den­falls aber wirft es stets aufs Neue das Pro­blem der Abstim­mung von Wis­sen­schaft und Gesell­schaft auf.

1. Sicher­heits­re­le­van­te Entwicklungen

Nicht zu ver­ken­nen ist, dass sich die Umstän­de der For- schung in erheb­li­cher Wei­se ver­än­dert haben, kei­nes- wegs nur durch ter­ro­ris­ti­sche Bedro­hun­gen, sondern

7 Bei letz­te­rer zei­gen sich aller­dings Ent­täu­schungs­er­schei­nun­gen; vgl. einer­seits Das Mani­fest. Was wis­sen und kön­nen Hirn­for­scher heu­te?, http://www.spektrum.de/thema/das-manifest/852357 (22.1.2015); dage­gen Memo­ran­dum „Refle­xi­ve Neu­ro­wis­sen- schaft“, https://www.psychologie-heute.de/home/ lesens­wer­t/­me­mo­ran­dum-refle­xi­ve-neu­ro­wis­sen­schaf­t/ (22.1.2015).

8 Zur Kri­tik vgl. bereits Tru­te, Wis­sen­schaft und Tech­nik, in: Isen- see/Kirchhof (Hrsg.), HStR Bd. IV, 3. Aufl., 2006, § 88 Rn. 1; zur Dis­kus­si­on aus der Sicht der Bio­ethik vgl. zu den Über­bie­tungs- und Ver­harm­lo­sungs­dis­kur­sen Scott, Toward a Bet­ter Bio­ethics, Sci­En­gEth (15), 2009, S. 283–291.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 0 1

auch durch die Glo­ba­li­sie­rung und nicht zuletzt durch die Ent­wick­lun­gen in der Wis­sen­schaft selbst.9 So wer- den in der Virus­for­schung seit gerau­mer Zeit gen­tech­ni- sche Metho­den ein­ge­setzt, um die Patho­ge­ni­tät und die Trans­mis­si­bi­li­tät von Erre­gern zu unter­su­chen und die­se zu ver­än­dern. Durch Fort­schrit­te der Lebens­wis­sen- schaf­ten, der Bio­in­for­ma­tik und der Genom­for­schung sowie der Ent­wick­lung schnel­ler und kos­ten­güns­ti­ger Sequen­zie­rungs­ver­fah­ren wird die Ana­ly­se von Patho­ge- nitäts­fak­to­ren deut­lich ver­bes­sert. Die Sys­tem­bio­lo­gie ermög­licht Erkennt­nis­se über Wir­t/Er­re­ger-Ver­hält­nis- se. Ins­ge­samt eröff­net das Ensem­ble ver­schie­de­ner Ent- wick­lun­gen avan­cier­te Schrit­te. Die­se die­nen letzt­lich dem Ziel, ver­bes­ser­te The­ra­pie­an­sät­ze zu ent­wi­ckeln. Aber in der Ver­än­de­rung der Patho­ge­ni­tät und Trans- mis­si­bi­li­tät kön­nen auch nicht uner­heb­li­che Risi­ken erzeugt wer­den. Von einer ande­ren Sei­te drän­gen – wie auch sonst in der Wis­sen­schaft – Bewe­gun­gen wie Citi- zen Science10 oder hier die Open-Access-Bio­lo­gie in den Vor­der­grund und näh­ren Befürchtungen,11 mit dem Erwerb güns­ti­gen For­schungs­e­quip­ments in die­sem Bereich könn­ten wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se auch von „Lai­en“ zu ter­ro­ris­ti­schen Zwe­cken genutzt werden.12 Daher sind nicht mehr nur die Risi­ken der Forschung

  1. 9  Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 22 ff.
  2. 10  Vgl. dazu Fincke, Citi­zen Sci­ence, 2014.
  3. 11  Unter dem Stich­wort De-Skil­ling wird dies aus­führ­lich debattiert,vgl. Chy­ba, Bio­tech­no­lo­gy and the Chal­len­ge to Arms Con­trol, Arms Con­trol Today (36) 2006, S. 11–17; Epstein, The Chal­len- ges of Deve­lo­ping Syn­the­tic Patho­gens, Bul­le­tin of the Ato­mic Sci­en­tists, 2008. Dabei ist eine tech­no­lo­gie­zen­trier­te Sicht­wei­se unüber­seh­bar, die gleich­sam eine De-Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Sys­tem­bio­lo­gie zu einem Lego-Bau­stein-Arran­ge­ment inner­halb weni­ger Jah­re annimmt; die­ses ist theo­re­tisch wenig über­zeu­gend und empi­risch nicht vali­diert. Vgl. auch das Res­u­mé von Tucker, Can Ter­ro­rists Explo­it Syn­the­tic Bio­lo­gy? New Atlan­tis, 2011,S. 74 f.: „In sum, alt­hough cer­tain aspects of parts-based syn- the­tic bio­lo­gy may well beco­me more acces­si­ble to non-experts, the field’s expli­cit de-skil­ling agen­da is far from beco­m­ing an ope­ra­tio­nal rea­li­ty.“; eben­so Natio­nal Sci­ence Advi­so­ry Board for Bio­se­cu­ri­ty, Addres­sing Bio­se­cu­ri­ty Con­cerns Rela­ted to the Syn­the­sis of Select Agents, 2006.
  4. 12  Zwei­felnd zu Recht Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6),
    S. 41, mit dem Hin­weis auf not­wen­di­ge Exper­ti­se und vor allem das erfor­der­li­che tacit know­ledge; eben­so Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 15: „(…) a rather high hypo­the­ti­cal value (…)“.
  5. 13  United Sta­tes Government Poli­cy for Over­sight of Life Sci­en­ces Dual Rese­arch of Con­cern, http://osp.od.nih.gov/sites/default/ files/resources/United_States_Government_Policy_for_ Oversight_of_DURC_FINAL_version_032812_1.pdf (22.1.2015): „For the pur­po­se of this Poli­cy, DURC is life sci­en­ces rese­arch that, based on cur­rent under­stan­ding, can be rea­son­ab­ly anti­ci­pa- ted to pro­vi­de know­ledge, infor­ma­ti­on, pro­ducts or tech­no­lo­gies that could be direct­ly misap­p­lied to pose a signi­fi­cant threat­with broad poten­ti­al con­se­quen­ces to public health and safe­ty, agri­cul­tu­ral crops and other plants, ani­mals, the envi­ron­ment, mate­ri­al, or natio­nal secu­ri­ty.”; Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 83 ff.

selbst Gegen­stand der Besorg­nis (Bio­safe­ty), son­dern auch die mög­li­che Nut­zung der For­schungs­er­kennt­nis­se durch Ter­ro­ris­ten (Bio­se­cu­ri­ty). Im Hin­blick auf den letz­te­ren Aspekt wer­den dann schon ter­mi­no­lo­gisch aus ande­ren Berei­chen bekann­te Seman­ti­ken über­tra­gen, wie die Dual-Use-Pro­ble­ma­tik, die dann als Dual Use Rese­arch of Con­cern (DURC)13 auf dem Dis­play der Wis­sen­schafts­frei­heits­de­bat­te erscheint.14 Inso­weit hat sich schon der Kon­text der For­schung erheb­lich verän- dert.

a) Die Risi­ken der Influenza-Forschung

Der Aus­gangs­punkt der gegen­wär­ti­gen Debat­te liegt, wie schon gesagt, in durch­aus sicher­heits­re­le­van­ten For- schun­gen ins­be­son­de­re der Influ­en­za-Com­mu­ni­ty, ist aber kei­nes­wegs dar­auf beschränkt. Dies galt etwa schon für die Rekon­struk­ti­on des Erre­gers der Spa­ni­schen Grip­pe von 1918 in jah­re­lan­ger Arbeit durch drei renom- mier­te wis­sen­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen mit dem Ziel, Impf­stof­fe zu entwickeln.15 Auch davor und danach hat es Rekon­struk­tio­nen ver­schie­dens­ter Viren gegeben.16 Anlass der Debat­te waren indes vor allem zwei im Jah­re 2012 zur Ver­öf­fent­li­chung füh­ren­den Experimente,17 die zum Ziel hat­ten, mit­tels mutier­ter Vari­an­ten des H5N1-

14 Nicht zuletzt die Ent­schei­dung eines nie­der­län­di­schen Gerichts, eine Regie­rungs­ent­schei­dung auf­recht­zu­er­hal­ten, nach der Wis­sen­schaft­ler eine Export­ge­neh­mi­gung auf der Grund­la­ge der Dual-Use Ver­ord­nung für eine Ver­öf­fent­li­chung über eines der 2012 zur Ver­öf­fent­li­chung anste­hen­den Expe­ri­men­te (sie­he

Fn. 17); dazu auch But­ler, Patho­gen-rese­arch laws que­ried, Nature

(403) 2013, S. 19.
15 Taubenberger/Kash, Insights on influ­en­za patho­ge­ne­sis, from the

gra­ve, Virus Res. (162), 2011, S. 2–7; Tau­ben­ber­ger et al., Cha- rac­te­riz­a­ti­on of the recon­struc­ted 1918 Spa­nish Influ­en­za virus poly­me­ra­se genes, Natu­re (437), 2005, S. 889–893; Tum­pey et
al., 
Cha­rac­te­riz­a­ti­on of the recon­struc­ted 1918 spa­nish influ­en­za pan­de­mic virus, in: Sci­ence (310/5745), 2005, S. 77–80; aus­führ­li- che Dar­stel­lung der Grün­de auch in CDC, Recon­struc­tion of the 1918 Influ­en­za Pan­de­mic Virus, http://www.cdc.gov/flu/about/ qa/1918flupandemic.htm (22.1.2015); zu den ermög­lich­ten Fort- schrit­ten vgl. auch Tau­ben­ber­ger et al., Recon­struc­tion of the 1918 influ­en­za virus: unex­pec­ted rewards from the past. mBio (3/5), 2012, e00201-12. doi:10.1128/mBio.00201–12; für eine kur­ze Schil­de­rung und Ana­ly­se vgl. Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 51 f.

16 Vgl. die Nach­wei­se bei Tucker, Ter­ro­rists (Fn. 11), S. 69–81.
17 Imai et. al., Expe­ri­men­tal adap­ti­on of an influ­en­za H5HA confers

respi­ra­to­ry dro­p­let trans­mis­si­on to a reas­sortant H5HA/H1N1 virus in fetts, Natu­re (486/7403), 2012, S. 420–428; Herfst et.
al., 
Air­bor­ne trans­mis­si­on of influ­en­za A/H5N1 virus bet­ween fer­rets, Sci­ence (336/6088), 2012, S. 1534–1541; eine Schil­de- rung des lan­gen Pro­zes­ses der Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung der Arbei­ten fin­det sich bei Fouchier/Herfst/Osterhaus, Public Health and Bio­se­cu­ri­ty. Restric­ted Data on Influ­en­za H5N1 Virus Trans­mis­si­on, Sci­ence (335/6069), 2012, S. 662–663; vgl. auch die Nach­wei­se bei Lipsitch/Galvani, Ethi­cal Alter­na­ti­ves to Expe- riments with Novel Poten­ti­al Pan­de­mic Patho­gens, PLoS Med (11/5), 2014, e1001646.

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Virus zu prü­fen, ob die­se auch im Luft­we­ge über­tra­gen wer­den kön­nen (anders als der Wild­typ, der nur bei Kör- per­kon­takt und ohne­hin sel­ten über­tra­gen wer­den kann). Die erreg­te Debat­te führ­te zunächst zur Emp­feh- lung des ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Sci­ence Advi­so­ry Boards für Bio­se­cu­ri­ty (NSABB), die Ergeb­nis­se nicht zu publi­zie­ren; am Ende aber wur­den die über­ar­bei­te­ten Ergeb­nis­se publi­ziert. Es folg­te ein ein­jäh­ri­ges frei­wil­li- ges Mora­to­ri­um für ent­spre­chen­de Versuche.18 Umstrit- ten aber blei­ben die­se weiterhin,19 befeu­ert nicht zuletzt durch wei­te­re Expe­ri­men­te, wie die Her­stel­lung des Virus der Spa­ni­schen Grip­pe von 1918 durch die For- schungs­grup­pe um Yoshi­hi­ro Kawao­ka aus in wil­den Enten gefun­den Frag­men­ten, mit dem Ziel die Über­tra- gungs­mög­lich­kei­ten des Virus zu analysieren.20

b) Die Gain-of-Func­tion Experimente

Es sind vor allem bestimm­te sog. Gain-of-Func­tion (GOF) Expe­ri­men­te und die mit ihnen ver­bun­de­nen wirk­li­chen oder ver­meint­li­chen Risiken,21 die die Kri­tik her­aus­for­dern. Die­se hat mitt­ler­wei­le zu einem (erzwun- genen) Mora­to­ri­um durch den Stopp der öffent­li­chen US-ame­ri­ka­ni­schen Finan­zie­rung von bestimm­ten GOF-Expe­ri­men­ten geführt.22

Aller­dings zeigt eine aus­führ­li­che Dis­kus­si­on der Ar- tikel von 2012, die Aus­lö­ser der erneu­ten Debat­te waren und sind,23 dass unge­ach­tet der Abwä­gung von Risi­ken und Nut­zen doch ver­hält­nis­mä­ßig wenig über die Aus- brei­tungs­be­din­gun­gen von Influ­en­za-Viren bekannt ist und dass eine breit ange­leg­te Aus­brei­tungs-For­schung not­wen­dig ist, auch in der Anla­ge der bis­he­ri­gen GOF-

  1. 18  Vgl. Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 9 ff.
  2. 19  Tre­van, Do not cen­sor sci­ence in the name of bio­se­cu­ri­ty, Nature(486), 2012, S. 295; But­ler, Free­ze on mutant-flu rese­arch set to thaw, Natu­re (486/7404), 2006, S. 449–450; Dickmann/Dorsten/ Becker, Wir müs­sen die Risi­ken aus­hal­ten, FAZ, 20.12.2012.
  3. 20  Watan­a­be, Cir­cu­la­ting Avi­an Influ­en­za (Fn. 3); Con­nor, Ame­ri- can Sci­en­tists con­tro­ver­si­al­ly recrea­te dead­ly Spa­nish Flu Virus, The Inde­pen­dent, 11.6.2014.
  4. 21  Eine infor­mier­te Dis­kus­si­on der Risi­ken und der poten­ti­el­len Vor­tei­le fin­det sich bei Casadevall/Imperiale, Risks and Bene­fits (Fn. 2); Lipsitch/Galvani, Ethi­cal Alter­na­ti­ves (Fn. 17).
  5. 22  Kai­ser, Rese­ar­chers rail against mora­to­ri­um on ris­ky virus expe­ri­ments, Sci­ence, 22.10.2014, http://news.sciencemag.org/ bio­lo­gy/2014/10/­re­se­ar­chers-rail-against-mora­to­ri­um-ris­ky- virus-expe­ri­ments (21.1.2015).
  6. 23  Doherty/Thomas, Dan­ge­rous for fer­rets: let­hal for humans?, BMC Biol. (10), 2012, S. 10; Fou­chier et. al., Pre­ven­ting pan­de­mics: the flight over flu, Natu­re (481), 2012, S. 257–259; Osterholm/Kelley, Mam­ma­li­an-trans­mis­si­ble H5N1 influ­en­za: facts and per­spec­ti­ve, MBi­ol (3), 2012, S. 2; Pale­se, Don’t cen­sor life-saving sci­ence, Natu­re (481), 2012, S. 115; Webs­ter, Mam­ma­li­an-trans­mis­si­ble H5N1 influ­en­za: the dilem­ma of dual-use rese­arch, MBio (3), 2012, S. 1; Morens/Subbarao/Taubenberger, Engi­nee­ring H5N1 avi­an influ­en­za viru­ses to stu­dy human adap­t­ati­on, Natu­re (486), 2012, 335; Fou­chier et al., Gain-of-Func­tion-Expe­ri­ments on

Expe­ri­men­te. Eine mitt­ler­wei­le als Auf­re­ger fun­gie­ren­de Schluss­aus­sa­ge ist: „In con­si­de­ring the thre­at of bio­ter­ro- rism or acci­den­tal release of gene­ti­cal­ly engi­nee­red viru- ses, it is worth remem­be­ring that natu­re is the ulti­ma­te bioterrorist.“24

c) Bio­safe­ty und Biosecurity

Es dürf­te kaum einem Zwei­fel unter­lie­gen, dass bestimm- te GOF-Expe­ri­men­te mit erheb­li­chen Risi­ken ein­her­ge- hen kön­nen. Die­ser Risi­ko­aspekt (Bio­safe­ty) soll in erheb­li­chem Umfang durch Anfor­de­run­gen an den For- schungs­pro­zess und die Labor- und Arbeits­si­cher­heit abge­fan­gen wer­den. Die Risi­ken für das For­schungs­per- sonal eben­so wie die Risi­ken einer unbe­ab­sich­tig­ten Frei­set­zung sol­len dabei durch die Ein­stu­fung des Gefah- ren­po­ten­ti­als und ent­spre­chen­de Sicher­heits­an­for­de- run­gen soweit redu­ziert wer­den, dass sie als hin­nehm­bar ange­se­hen wer­den kön­nen. Soweit ersicht­lich ist bis­her kei­ne beleg­te Frei­set­zung eines sol­cher­ma­ßen ver­än­der- ten Virus aufgetreten,25 wohl aber mögen Meta-Ana­ly- sen dafür spre­chen, dass die Mög­lich­keit eines unbe­ab- sich­tig­ten Ent­wei­chens kaum je aus­ge­schlos­sen wer­den kann.26

Befürch­tet wird dar­über hin­aus, dass die Mate­ria­li­en und das gene­rier­te Wis­sen zur Pro­duk­ti­on von bio­lo­gi- schen Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen durch Ter­ro­ris­ten be- nutzt wer­den könn­te (Bio­se­cu­ri­ty). Im Aus­gangs­punkt gilt es dabei fest­zu­hal­ten, dass nicht etwa For­scher und For­sche­rin­nen ver­däch­tigt wer­den, etwas Ille­ga­les vor- zuha­ben und zum Bio­ter­ro­ris­mus bei­zu­tra­gen. Zwar kann man mit guten Grün­den davon aus­ge­hen, dass es

H7N9, Sci­ence (341), 2013, http://www.sciencemag.org/

content/341/6146/612.full.pdf (21.1.2015).
24 Morens/Subbarao/Taubenberger, Engi­nee­ring H5N1 (Fn. 23),

S. 338; Vgl. dort (S. 335–340) die aus­führ­li­che Dis­kus­si­on der bei­den Arti­kel ein­schließ­lich der media­len Über­trei­bun­gen und des der­zei­ti­gen Stands der For­schung; auch die aus­führ­li­che Rekon­struk­ti­on der Debat­te bei Casadevall/Imperiale, Risks and bene­fits (Fn. 2); vgl. auch WHO, Report on tech­ni­cal con­sul­ta­ti­on on H5N1 rese­arch issu­es, 2012, http://www.who.int/ influenza/human_animal_interface/mtg_report_h5n1.pdf ?ua=1 (21.1.2015); Perez, Hung up on the Wrong Ques­ti­ons, Sci­ence (335), 2012, S. 799–801; krit. etwa Wain-Hob­son, The Gain-of- Func­tion Expe­ri­ment of Gre­at Con­cern, mBio (5/5), 2014, http:// www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4205792/ (21.1.2015).

25 Das ist aller­dings umstrit­ten. Lipsitch/Galvani, Ethi­cal Alter­na- tives (Fn. 17) gehen unter Beru­fung auf Webs­ter et al., Evo­lu­ti­on and eco­lo­gy of influ­en­za A viru­ses, Micro­bi­ol Rev (56), 1992,
S. 152–179 davon aus, dass ein H1N1 Influ­en­za Strang, der von 1977–2009 viru­lent war, aus einem Labor­un­fall stam­men soll („is thought to have ori­gi­na­ted“). Der Ver­weis ist aller­dings nicht über­zeu­gend und das Ergeb­nis als sol­ches wie­der­um der Kri­tik aus­ge­setzt vgl. Sam­ple, Virus expe­ri­ments risk unlea­shing glo­bal pan­de­mic, stu­dy warns, The Guar­di­an, 21.5.2014.

26 Lipsitch/Bloom, Rethin­king Bio­safe­ty in Rese­arch on Poten­ti­al Pan­de­mic Patho­gens, mBio (3/5), 2012, S. 1–3.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 0 3

auch aus dem Inne­ren eines Labors her­aus zu bio­ter­ro- ris­ti­schen Anschlä­gen kom­men kann. Folgt man den Unter­su­chun­gen des FBI, soll die Frei­set­zung des Milz- brand­er­re­gers Anthrax 2001 in den USA von einem For- scher einer ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­for­schungs­ein­rich- tung erfolgt sein, auch wenn Zwei­fel an die­ser Ver­si­on bleiben.27 Aber die­ses Sze­na­rio dürf­te eher mit Maß­nah- men der Labor­si­cher­heit zu adres­sie­ren sein, als mit dem Ver­bot oder der Ein­schrän­kung von For­schung und Pu- bli­ka­tio­nen. Es ist vor allem das von Wis­sen­schaft­lern pro­du­zier­te Wis­sen mit Dual-Use Poten­ti­al, das als ris- kant gilt. Dar­an ist zwei­er­lei bedeut­sam: Es wird der eher sel­te­ne Fall sicht­bar, in dem Ansprü­che auf Sicher­heit dazu füh­ren sol­len, Wis­sen ent­we­der nicht zu gene­rie­ren oder nicht zu publizieren,28 weil es von ande­ren genutzt wer­den kann, um damit schäd­li­che Absich­ten zu ver­fol- gen.29 Die mög­li­che Ver­wen­dung durch Drit­te wird zum Aus­gangs­punkt von Regulierungsinteressen30 und zwar nicht gegen­über den­je­ni­gen, die schäd­li­che Ver­wen­dun- gen beab­sich­ti­gen, son­dern den­je­ni­gen, die zu wei­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­zwe­cken die­ses Wis­sen (und die damit ver­bun­de­nen Arte­fak­te in Form von wis- sen­schaft­li­chen Objek­ten) generieren.31

d) Sin­gle Use, Dual Use oder Mul­ti­ple Use

Der Begriff des Dual Use, der das Stich­wort für Regu­lie- rungs­in­ter­es­sen abgibt, hat dabei eine erstaun­li­che Kar- rie­re hin­ter sich.32 Die­ser Begriff sug­ge­riert eine

  1. 27  Das FBI hat in sei­ner abschlie­ßen­den Erklä­rung Bruce Ivins, For- scher in dem U.S. Army Medi­cal Rese­arch Insti­tu­te for Infec­tious Dise­a­ses (USAMRIID) als ver­ant­wort­li­chen Täter aus­ge­macht, der im Jah­re 2008 weni­ge Tage vor der Ankla­ge­er­he­bung Selbst- mord beging. Aller­dings ver­blei­ben nach der Unter­su­chung etwa der Natio­nal Aca­de­mies of Sci­ence wei­ter­hin Zwei­fel an die­ser Ver­si­on; vgl. die Pres­se­er­klä­rung der NAS v. 5.02.2011 http:// www8.nationalacademies.org/onpinews/ newsitem.aspx?RecordID=13098 (22.1.2015); eine neue Stu­die des Government Accoun­ta­bi­li­ty Office ist eben­falls skep­tisch im Hin­blick auf die vom FBI gezo­ge­nen Schlüs­se; vgl. Broad, Inqui­ry in Anthrax Mai­lings Had Gaps, Report Says, New York Times, 20.12.2014, S. A 13.
  2. 28  Das Exzep­tio­nel­le beto­nen auch Marchant/Pope, The Pro­blems with For­bidding Sci­ence, Sci­En­gEth (15), 2009, S. 375–394, 376.
  3. 29  Dies ist aller­dings nicht ohne his­to­ri­sche Prä­ze­denz­fäl­le; vgl. aus­führ­lich Laugh­lin, Das Ver­bre­chen der Ver­nunft. Betrug an der Wis­sens­ge­sell­schaft, 2008.
  4. 30  Es darf auch nicht über­se­hen wer­den, dass die Restrik­ti­on der Pro­li­fe­ra­ti­on des Wis­sens und der Fer­tig­kei­ten im Umgang mit den gene­tisch rekon­stru­ier­ten oder ver­än­der­ten Viren (vgl.
    etwa But­ler, Free­ze (Fn. 19)) auch zur Auf­recht­erhal­tung einer Ungleich­ver­tei­lung des Wis­sens führt, die für das Feld von Pan­de­mien schon im All­ge­mei­nen hohe Risi­ken begrün­det. Dazu und zu den Ansät­zen der WHO die Ungleich­ver­tei­lung im Rah- men des inter­na­tio­na­len Pan­de­mie­rah­mens zu berück­sich­ti­gen Tru­te, How to deal with pan­de­mics? (i.E.) (pre­print unter http://

bestimm­te Eigen­schaft der Pro­duk­te, Tech­no­lo­gien und des Wis­sens, die die Regu­lie­rungs­in­ter­es­sen recht­fer­tigt. aa) Er dien­te zunächst der Bezeich­nung einer wis­sen- schafts­po­li­ti­schen Posi­ti­on der Nach­kriegs­zeit, die Spill- Over-Effek­te der Mili­tär­tech­no­lo­gie in den pri­va­ten in- dus­tri­el­len Bereich und umge­kehrt als einen Weg be- nann­te, ange­mes­se­ne Inno­va­tio­nen trotz Reduk­ti­on der Mili­tär­for­schung in die­sem Bereich zu erzie­len. Die Un- ter­schei­dung von bene- und malevo­len­ten Nut­zungs- mög­lich­kei­ten ein und der­sel­ben Tech­no­lo­gie kam erst spä­ter hin­zu. Auch sei­ne Nut­zung im Bereich der Life Sci­en­ces datiert ver­hält­nis­mä­ßig spät. Auch die Bio­waf- fen-Kon­ven­ti­on kennt die­sen Begriff nicht, son­dern legt in Art. 10 aus­drück­lich ein Gewicht auf die inter­na­tio­na- le Zusam­men­ar­beit und den Aus­tausch von Agen­zi­en und Toxi­nen zu fried­li­chen Zwecken.33 Dies steht im Ein­klang mit der WHO-Poli­tik über einen Aus­tausch der Viren und Erre­ger im Rah­men des PIP Frame­works, ins­be­son­de­re die weni­ger ent­wi­ckel­ten Staa­ten an der Ent­wick­lung von Mit­teln und auch an der For­schung im Sin­ne einer effek­ti­ven Pan­de­mie-Prä­ven­ti­ons­po­li­tik teil- haben zu lassen.34 Erst im Gefol­ge der Anthrax-Brie­fe im Kon­text von 9/11 ist die­se Begriff­lich­keit zu einer

Grund­fra­ge der For­schung auf­ge­wer­tet worden.35
Dies trifft zusam­men mit der Frag­men­tie­rung der in- ter­na­tio­na­len Ord­nung und den damit ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten, ein sta­bi­les Export­kon­troll­re­gime zu etablieren.36 Wo die Bedro­hung nicht mehr allein von

minervaextremelaw.haifa.ac.il/images/Trute-2014-How_to_deal_ with_pandemics.pdf (22.1.2015); WHO, Report on tech­ni­cal con­sul­ta­ti­on on H5N1 rese­arch issu­es, 2012, http://www.who. int/influenza/human_animal_interface/mtg_report_h5n1. pdf?ua=1(22.1.2015); Fouchier/Herfst/Osterhaus, Restric­ted Data (Fn. 17), S. 662 f., mit der zutref­fen­den Bemer­kung, dass die Re- strik­tio­nen dem WHO-Ansatz des Sharings mit den betrof­fe­nen Län­dern im Rah­men des PIP Frame­work wider­spre­chen; eben­soFaden/Karron, The Obli­ga­ti­on to Pre­vent the Next Dual-Use Con­tro­ver­sy, Sci­ence (335), 2012, S. 802–804.

31 Bis­her hat es kaum bekann­te Fäl­le der Ver­wen­dung von Agen­zi­en zu ter­ro­ris­ti­schen Zwe­cken gege­ben, jen­seits der weni­gen, immer wie­der bemüh­ten Ver­su­che vor län­ge­rer Zeit, wie etwa dem Anschlag der AUM-Sek­te in Tokio, des­sen genaue­re Ana­ly­se eben­falls erheb­li­che Zwei­fel an der Begrün­dung von Über­bie- tungs­sze­na­ri­en gibt; vgl. auch Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 22 mit der Fra­ge, ob dies nicht die Fra­ge nach der Recht­fer­ti­gung von Ein­schrän­kun­gen aufwirft.

32 Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 8 ff.; Rep­py, Mana­ging Dual Use in an Age of Uncer­tain­ty, The Forum (4/1), 2006, S. 1–7.

33 Zur Reich­wei­te im Hin­blick auf die miss­brauchs­an­fäl­li­ge Ver­wen- dung Teetz­mann, Rechts­fra­gen der Sicher­heit in der bio­lo­gi­schen For­schung – Gut­ach­ten für den Deut­schen Ethik­rat, 2014, S. 132 f.

34 Tru­te, How to Deal (Fn. 30).
35 Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 11 ff., 18 ff. 36 Rep­py, Mana­ging Dual Use (Fn. 32), S. 1–7.

104 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

Staa­ten aus­geht, die unschwer als mög­li­che Adres­sa­ten von Ein­schrän­kun­gen oder Ver­pflich­tun­gen in An- spruch genom­men wer­den kön­nen, fällt die Schaf­fung eines sta­bi­len Rah­mens schwe­rer. Unge­ach­tet des­sen ist der Begriff des Dual Use alles ande­re als klar.37 Jeden­falls nimmt er im Bereich der Bio­wis­sen­schaf­ten eine neue Bedeu­tung an, inso­fern er nicht mehr in ers­ter Linie auf Export­ein­schrän­kun­gen bezo­gen wird, son­dern zudem Ver­bo­te oder Ein­schrän­kun­gen der Gene­rie­rung von Wis­sen legi­ti­mie­ren soll. Offen­kun­dig wird er in dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­text zudem häu­fig anders ver­wen- det als im euro­päi­schen. Wäh­rend im ame­ri­ka­ni­schen Kon­text eher die Tech­no­lo­gie und ihre (damit abs­trak­te) Gefähr­lich­keit als sol­che betont wird, soll in Euro­pa eher der Anwen­dungs­kon­text bedeut­sam sein.38 Auch wenn dies eine Sim­pli­fi­ka­ti­on der Zusam­men­hän­ge dar­stel­len mag, so bringt dies unter­schied­li­che Ansät­ze der Risi­ko- ein­schät­zung zum Aus­druck und mag erklä­ren, war­um es in den USA leich­ter fällt, bestimm­te Agen­zi­en und Prak­ti­ken gene­rell als gefähr­lich ein­zu­stu­fen und dar­aus regu­la­to­ri­sche Kon­se­quen­zen abzu­lei­ten. Die unbe­se­he- ne Über­tra­gung in einen ande­ren Kon­text hat dann Fol- gen für das Risikokonzept.

bb) Mit der Über­tra­gung der Dual-Use-Pro­ble­ma­tik auf die Influ­en­za-For­schung wird dar­über hin­aus leicht über­se­hen, dass es hier, jeden­falls soweit es nicht Agen- zien etc. betrifft, nicht um die Beur­tei­lung der mög­li­chen Risi­ken von Pro­duk­ten geht, son­dern, sieht man ein­mal von den Risi­ken der Expe­ri­men­te selbst ab, um die Risi- ken des Gebrauchs von Wis­sen. Wis­sen aber ist eine Kon­struk­ti­on des Ver­wen­ders, also des­je­ni­gen, der In- for­ma­tio­nen und Kom­mu­ni­ka­te rezi­piert und in einen Kon­text von Rele­van­zen einfügt,39 was immer der­je­ni­ge sagen woll­te, der sie zunächst geäu­ßert hat. Von daher ist Dual-Use nicht eine Eigen­schaft des Wis­sens, son­dern die Zuschrei­bung von Ver­wen­dungs­mög­lich­kei­ten bzw. deren Rea­li­sie­rung. Mul­ti­ple Use steht für die Funk­ti­on der immer wie­der neu­en Anre­gung, vor­han­de­ne Infor- matio­nen und Wis­sen für Neu­es umzu­co­die­ren. Das un- ter­schei­det Wis­sen von Pro­duk­ten, die übli­cher­wei­se in einem Kon­text des Bekann­ten ver­hält­nis­mä­ßig gut ver- ortet wer­den kön­nen. Sie sind gewis­ser­ma­ßen gefrore-

  1. 37  For­ge, A Note on the Defi­ni­ti­on of „Dual Use“, Sci­En­gEth (16), 2010, S. 111–118.
  2. 38  Pustovitz/Williams, Phi­lo­so­phi­cal aspects of Dual Use Tech­no­lo- gies, Sci­En­gEth (16), 2010, S. 17–31.
  3. 39  Tru­te, Wis­sen – Ein­lei­ten­de Bemer­kun­gen, in: Röhl (Hrsg.), Wis- sen – zur kogni­ti­ven Dimen­si­on des Rechts, DV Bei­heft 9, 2010, S. 14 f.
  4. 40  Von daher stel­len die Defi­ni­tio­nen von Dual Use denn auch auf den gegen­wär­ti­gen Zeit­ho­ri­zont ab; vgl. Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 33.

nes und damit eng gekop­pel­tes Wis­sen im Rah­men einer Tech­no­lo­gie, deren künf­ti­ge Ver­wen­dung jeden­falls in gewis­sem Umfang bestimmt wer­den kann. Eine Zen­tri- fuge, das weiß man, kann für viel­fäl­ti­ge indus­tri­el­le und wis­sen­schaft­li­che Zwe­cke ver­wen­det wer­den, aber eben auch im Rah­men der Pro­duk­ti­on von Atom­waf­fen. Das ist bei Wis­sen im Aus­gangs­punkt anders. Selbst wenn es auf den ers­ten Blick scheint, als könn­te man die künf­ti- gen Ver­wen­dun­gen eini­ger­ma­ßen bestim­men, so lässt sich die Ver­wen­dung in der Zeit nicht wirk­lich über­se- hen. Es lässt sich nicht aus­schlie­ßen, dass Wis­sen spä­ter in einem ande­ren Kon­text von Bedeu­tung ist, und sei es nur als Anre­gung zur Ver­än­de­rung von Fra­ge­stel­lun- gen.40 Dar­in liegt aber gera­de ein wesent­li­ches Argu- ment für die prin­zi­pi­el­le Öffent­lich­keit der Wis­sen­schaft. Daher ist es schwer, hin­rei­chend siche­re Kri­te­ri­en für die Bestim­mung von Risi­ken der Ver­wen­dung von Wis­sen zu bestimmen.

cc) Im vor­lie­gen­den Kon­text wird zudem unter­stellt, dass die­ses Wis­sen (ganz im Sin­ne der abs­trak­ten Ge- fähr­dung) ohne Wei­te­res für eine malevo­len­te Ver­wen- dung genutzt wer­den kann. Schon all­ge­mein gilt, zumal in den Labor­wis­sen­schaf­ten, dass erst eine Mischung aus impli­zi­tem Wis­sen einer For­schungs­pra­xis, infor­mel­len Kom­mu­ni­ka­tio­nen und expli­zi­tem und damit ver­all­ge- mei­ne­rungs­fä­hi­gem Wis­sen es ermög­licht, Ergeb­nis­se zu erzielen.41 Erst eine anspruchs­vol­le Pra­xis in Hoch­si- cher­heits­la­bo­ren macht die­se Ergeb­nis­se und ihre Wei- ter­ver­wen­dung mög­lich. Um die­sem Pro­blem zu ent­ge- hen, soll die Ein­schrän­kung einer direk­ten Ver­wend­bar- keit das Aus­ufern der Dual-Use Pro­ble­ma­tik ver­hin- dern.42 Nur bei „Koch­re­zep­ten“ der For­schung sol­le es zu Ein­schrän­kun­gen kom­men. Der Ver­gleich ist instruk- tiv. Wäre es – um in dem Bild zu blei­ben – so ein­fach aus Koch­re­zep­ten Ster­ne­me­nüs zu pro­du­zie­ren, ein jeder könn­te Ster­ne­koch sein, viel­leicht nach eini­ger Übung. Das sug­ges­ti­ve Bild des Koch­re­zepts oder der direk­ten Ver­wend­bar­keit geht an den anspruchs­vol­len Vor­aus­set- zun­gen der Pra­xis der Wis­sen­schaf­ten vorbei.43 Es braucht stets mehr als ver­öf­fent­lich­tes Wis­sen, um Er- kennt­nis­se die­ser Art zu repli­zie­ren und in malevo­len­te Ver­wen­dun­gen zu transformieren.44

41 Glä­ser, Wis­sen­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­ge­mein­schaf­ten, 2006, S. 107 ff.; Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 41; All­ge­mein Loen­hoff, Impli­zi­tes Wis­sen. Epis­te­mo­lo­gi­sche und hand­lungs­heo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven, 2012.

42 Vgl. auch DFG/Leopoldina, Wis­sen­schafts­frei­heit und Wis­sen- schafts­ver­ant­wor­tung. Emp­feh­lun­gen zum Umgang mit sicher- heits­re­le­van­ter For­schung, 2014, S. 13 (ohne zusätz­li­ches Wissen/ ohne auf­wen­di­ge Umset­zungs- und Anwendungsprozesse).

43 Tucker, Ter­ro­rists (Fn. 11) , S. 69–81 mwN. 44 Vgl. auch Tucker, Ter­ro­rists (Fn. 11), S. 70 f.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 0 5

dd) Dar­über hin­aus: Ver­öf­fent­licht wird nicht ein Re- zept von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen (von denen es be- kannt­lich diver­se im Netz geben soll, was tech­no­lo­gisch viel enger gekop­pel­te Atom-Waf­fen angeht),45 son­dern etwa die Ver­än­de­rung der Patho­ge­ni­tät eines Virus und/ oder sei­ner Trans­mis­si­bi­li­täts­be­din­gun­gen, also gleich- sam „ange­schärf­te“ Vari­an­ten die­ses Virus.46 Aber die­se sind noch lan­ge kei­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fe. Für eine Trans­for­ma­ti­on in einer Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fe bedürf­te es der Umset­zung des Erre­gers in ein ande­res Setting,47 wel­ches im Übri­gen wie­der in unzäh­li­gen Ver- suchen gehär­tet wer­den müsste,48 die wie­der­um nur un- ter höchs­ten Sicher­heits­be­din­gun­gen erfol­gen könn­ten. Andern­falls wür­de die Ver­suchs­durch­füh­rung auch gleich­zei­tig das Ende des Ver­suchs für die betei­lig­ten Per­so­nen bedeu­ten. Der Deut­sche Ethik­rat kommt da- her in sei­ner Sach-Ana­ly­se der der­zei­ti­gen und abseh­ba- ren Ent­wick­lung zu der Ein­schät­zung, dass je anspruchs- vol­ler die Tech­no­lo­gien sind, des­to unwahr­schein­li­cher es ist, dass sie eine ter­ro­ris­ti­sche Gefahr darstellen.49 Das schließt natur­ge­mäß nicht aus, dass die wis­sen­schaft­li- che Ent­wick­lung wei­ter geht und damit auch erhöh­te Ri- siken begrün­det wer­den kön­nen. Es macht aber deut­lich, auf wel­chen anspruchs­vol­len Vor­aus­set­zun­gen die Dual- Use-Pro­ble­ma­tik im Bereich der Wis­sen­schaft grün­det, jeden­falls dann, wenn sie mit der Ver­öf­fent­li­chung von Wis­sen zu tun hat.

2. Zusam­men­fas­sung: Die mehr­fa­che Ungewissheit

Schon dar­an wird deut­lich, dass man es in die­sem Bereich ver­such­ter Regu­lie­rung der Wis­sen­schaft mit einer mehr­fa­chen Unge­wiss­heit zu tun hat.50 Die­se bezieht sich einer­seits auf die Risi­ken der For­schung selbst (For­schungs­ri­si­ken), also der Expe­ri­men­te, ander- seits auf die Risi­ken der Kom­mu­ni­ka­ti­on der Ergeb­nis­se (Wis­sens­ri­si­ken). Im ers­te­ren Bereich ist die Situa­ti­on struk­tu­rell durch­aus ver­gleich­bar mit den bis­he­ri­gen Risi­ken der Gen-For­schung. Vor­aus­set­zungs­vol­ler ist indes der Umgang mit Wis­sen. Zum einen ist es schon

  1. 45  Dazu und zu den Unter­schie­den zwi­schen A- und B‑Waffen vgl. nur Kelle/Schaper, Ter­ro­rism using bio­lo­gi­cal and nuclear waepons. A cri­ti­cal ana­ly­sis of risks after 11 Sep­tem­ber 2001. PRIF Reports No. 64.
  2. 46  Dabei ist nach dem bis­he­ri­gen Stand der For­schung schon unklar, ob eine Trans­mis­si­on direkt durch die Adap­ti­on eines Virus oder nur durch die wei­te­re Anpas­sung eines ohne­hin schon über­tra- genen Virus statt­fin­den kann. Dar­über hin­aus: „This sug­gests that de novo emer­gence of a human pan­de­mic influ­en­za virus is an extre­me rare event that is not easi­ly achie­ved in natu­re, and pres­um­a­b­ly would not be easi­ly achie­ved by engi­nee­ring a small num­ber of labo­ra­to­ry muta­ti­ons“; vgl. Moren­s/­Sub­ba­rao/­Tau­ben- ber­ger, Engi­nee­ring H5N1 (Fn. 23), S. 335.
  3. 47  Kuhn, Defi­ning the Ter­ro­rist Risk, Bul­le­tin of the Ato­mic Scien-

miss­ver­ständ­lich, hier von einer Dual-Use-Pro­ble­ma­tik aus­zu­ge­hen, denn Wis­sen ist in viel­fäl­ti­ger und unab­seh- barer Wei­se ver­wend­ba­rer: Mul­ti­ple Use statt Dual Use (Ver­wen­dungs­un­ge­wiss­heit). Unge­ach­tet des­sen lässt sich jeden­falls am Beginn der For­schung oft­mals nicht abse­hen, was das Ergeb­nis der For­schung sein wird (Ergebnisunsicherheit).51 Dann lässt sich auch eine Dual-Use-Pro­ble­ma­tik nicht hin­rei­chend sicher bewer- ten. Unge­ach­tet des­sen aber muss man sehen, dass selbst die blo­ße Mög­lich­keit einer malevo­len­ten Nutz­bar­keit noch nichts für eine Risi­ko­ana­ly­se her­gibt, es sei denn man woll­te die abs­trak­te Gefähr­dung schon aus­rei­chen las­sen. Man hat also eine Rei­he von Dimen­sio­nen der Risi­ken in der künf­ti­gen Ver­wen­dung zu uner­wünsch­ten Zwe­cken jen­seits der blo­ßen theo­re­ti­schen Mög­lich­keit zu berücksichtigen.

III. Wis­sen­schafts­frei­heit und kon­kur­rie­ren­de Rechtsgüter

Vor die­sem Hin­ter­grund las­sen sich die Grund­zü­ge der Wis­sen­schafts­frei­heits­ga­ran­tie ent­wi­ckeln und in einem wei­te­ren Schritt auf die hier in Rede ste­hen­den Pro­ble­me bezie­hen. Dazu gilt es zunächst die Wis­sen­schafts­frei- heits­ga­ran­tie sowohl als For­schungs- wie als Kom­mu­ni- kat­ions­frei­heit zu ent­fal­ten, bevor wir auf die hier in Rede ste­hen­den mög­li­chen Grün­de für Ein­schrän­kun- gen eingehen.

1. Die Wis­sen­schafts­frei­heit als Hand­lungs- und Kom- munikationsfreiheit

Dabei schei­nen Bio­safe­ty und/oder Bio­se­cu­ri­ty zunächst unter dem Aspekt der Wis­sen­schafts- bzw. For­schungs- frei­heit kei­ne wirk­lich neu­en struk­tu­rel­len Pro­ble­mem auf­zu­wer­fen. Viel­mehr scheint es vor allem dar­um zu gehen, ob und inwie­weit die For­schungs- und Wis­sen­schafts­frei- heit zuguns­ten ande­rer Rechts­gü­ter ein­ge­schränkt wer­den kann,ggf.eingeschränktwerdenmuss.IndesistesimHin- blick auf die Risi­ko­ana­ly­se sinn­voll zwi­schen der experi-

tists web­sites 2008, nimmt fol­gen­de, durch­aus im Ein­zel­nen und ihrem Zusam­men­wir­ken kom­ple­xe Schrit­te an: Her­stel­lung des Agens in der erfor­der­li­chen Men­ge, Sta­bi­li­sie­rung des Agens, die Über­füh­rung des Agens in Tro­cken­sub­stanz oder Flüs­sig­kei­ten und die Ent­wick­lung eines Über­tra­gungs­sys­tems. Die Schluss­fol- gerung lau­tet: „The methods to sta­bi­li­ze, coat, store, and disper­se a bio­lo­gi­cal agent are high­ly com­pli­ca­ted, known only to a few peop­le, and rare­ly published.“

48 Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 51.
49 Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 53.
50 Vgl. auch Thurn­herr, Bio­se­cu­ri­ty und die Publi­ka­ti­on heikler

For­schungs­da­ten aus grund­recht­li­cher Per­spek­ti­ve, 2014, S. 98 ff. 51 Zu Recht betont in DFG/Leopoldina, Wissenschaftsfreiheit

(Fn. 42), S. 9.

106 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

men­tel­len For­schungs­pra­xis und der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sei­te der Wis­sen­schaft zu unterscheiden.

a) Die For­schung als Handlungspraxis

Der For­schungs­frei­heit geht es um Hand­lun­gen zur Erzeu­gung neu­en Wissens.52 In ihren Schutz­be­reich ein- bezo­gen ist alles Han­deln, das sich dar­an ori­en­tiert, neu- es Wis­sen zu erzeu­gen. Zur For­schung sind daher alle Tätig­kei­ten zu rech­nen, die die­sem Ziel die­nen, also alle Hand­lun­gen der Vor­be­rei­tung, Durch­füh­rung und Fixie­rung der Ergeb­nis­se, also etwa Ermitt­lung des Stan- des der For­schung, Mate­ri­al­samm­lung (und ggf. ‑her- stel­lung), Hypo­the­sen­bil­dung, expe­ri­men­tel­le Über­prü- fung, Inter­pre­ta­ti­on der Ergeb­nis­se etc. Dies schließt ent­ge­gen frü­her gele­gent­lich ver­tre­te­ner Ansich­ten das Expe­ri­ment in allen sei­nen Facet­ten mit ein.53 In den Lebens­wis­sen­schaf­ten ist die­ses oft genug ein Expe­ri- men­tal­sys­tem zur Erzeu­gung von Wis­sen, das gleich­zei- tig die Mani­pu­la­ti­on von vor­han­de­nen Agen­zi­en bein- hal­tet. Expe­ri­men­tal­sys­te­me in die­sem Sin­ne beinhal­ten nicht nur Instru­men­te und Auf­zeich­nungs­ap­pa­ra­tu­ren son­dern und in den Bio­wis­sen­schaf­ten vor allem Modell- organismen,54 also auch Agen­zi­en, die mani­pu­liert wer- den kön­nen, um damit einen neu­en Orga­nis­mus her­zu- stel­len, des­sen Eigen­schaf­ten dann Gegen­stand wei­te­rer For­schung sind. Auch die­se Expe­ri­men­te sind daher Teil der Forschungsfreiheit.

b) Wis­sen­schafts­frei­heit als Kommunikationsfreiheit

Wis­sen­schafts­frei­heit ist dar­über hin­aus Kom­mu­ni­ka­ti- onsfreiheit.55 Die­se wird als Unter­fall und Spe­zi­al­fall der Mei­nungs­frei­heit angesehen.56 His­to­risch ist dies zwei- fel­los zutref­fend; sie ist inso­fern sogar pri­mär Kom­mu­ni- kat­ions­frei­heit. Aller­dings ist die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei- heit durch eine Rei­he von Beson­der­hei­ten gekenn­zeich- net, die ein­fa­che Über­tra­gun­gen der Dog­ma­tik der Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit erschweren.57 Dies beginnt schon mit dem Grund­rechts­trä­ger, der im Fal­le der Mei- nungs­frei­heit jeder­mann ist und sein kann, wohingegen

  1. 52  Tru­te, Die For­schung zwi­schen grund­recht­li­cher Frei­heit und staat­li­cher Insti­tu­tio­na­li­sie­rung, 1994, S. 121 ff.; Mager, Frei­heit von For­schung und Leh­re, in: Isensee/Kirchhof (Hrsg.), HStR, Bd. VII, 3. Aufl., 2009, § 166 Rn. 9 f.
  2. 53  Vgl. dazu oben II. 1. b).
  3. 54  Rhein­ber­ger, Expe­ri­men­tal­sys­te­me und epis­te­mi­sche Din­ge, 2006,S. 29.
  4. 55  Das BVerfG spricht inso­weit von der Wei­ter­ga­be der For­schungs-ergeb­nis­se, ohne dies aller­dings wei­ter aus­zu­dif­fe­ren­zie­ren; vgl. dazu BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (40), st. Rspr. seit BVerfG, 29.5.1973, 1 BvR 424/71, 1 BvR 325/72, BVerfGE 35, 79 (112).

die Wis­sen­schafts­frei­heit de fac­to und zumal in den hier rele­van­ten Zusam­men­hän­gen gar nicht außer­halb spe­zi- fischer Berufs­rol­len und erwor­be­ner Qua­li­fi­ka­tio­nen aus- geübt wer­den kann. Die The­ma­ti­sie­rung von De-Skil­ling- Prozessen58 zeigt das unge­ach­tet ihrer Reich­wei­te. Bedeut­sam ist dies vor allem im Hin­blick auf die Risi­ko- ein­schät­zung, die die Bin­dung an die Berufs­rol­le und die damit ver­bun­de­nen Qua­li­fi­ka­ti­ons­pro­zes­se berück­sich- tigen muss. Dar­über hin­aus ist die wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht auf ein Dafür­hal­ten im Sin­ne von Mei­nun­gen bezo­gen, son­dern auf die Mit­tei­lung von neu­em Wis­sen, Theo­rien, Metho­den und Ergeb­nis­sen von Wis­sens­ge­ne­rie­rungs­pro­zes­sen. Es wer­den also in die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on Gel­tungs­an­sprü­che erho­ben, die auch im Regel­fall mit Tat­sa­chen ein­her­ge­hen, die als sol- che mit­ge­teilt und in bestimm­te Zusam­men­hän­ge ein­ge- bet­tet wer­den. Inso­fern wer­den Tat­sa­chen nicht als Vor- aus­set­zun­gen von Mei­nun­gen betrach­tet, son­dern sind als Aus­sa­gen über Tat­sa­chen nach­ge­ra­de ein Kern der wis­sen­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Zudem ist der Bezugs­punkt der wis­sen­schaft­li­chen Öffent­lich­keit im Aus­gangs­punkt ein anderer.59 Die­ser kann sich zwar mit der all­ge­mei­nen Öffent­lich­keit über­lap­pen, aber tut dies im Regel­fall zunächst nicht, und sel­ten ohne wei­te­re Trans­for­ma­ti­ons­schrit­te von For­mat und Text. Inso­weit kom­mu­ni­zie­ren Wis­sen­schaft­ler in der Regel zunächst mit Wis­sen­schaft­lern und ver­han­deln auf die­sen Foren der wis­sen­schaft­li­chen Öffent­lich­keit mög­li­che Gel- tungs­an­sprü­che (übri­gens nicht sel­ten münd­lich auf Kon­fe­ren­zen, im Rah­men von Vor­trä­gen oder infor­mel- ler Kommunikation).60 Inso­weit ist zunächst ein­mal der Rezi­pi­en­ten­kreis begrenzt.

Die wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit ist in ers­ter Linie ein Recht des ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers (oder der Grup­pe) zur Ver­öf­fent­li­chung, gleich in wel- cher media­len Form dies geschieht. Sie macht Wis­sen öf- fent­lich und begrün­det damit Wis­sen­schaft als fort­lau- fen­den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang. Zugleich kön- nen die Selbst­steue­rungs­me­cha­nis­men, wie etwa die Re-

56 Vgl. dazu Jarass, in: Jarass/Pieroth, GG-Kom­men­tar, 13. Aufl., 2014, Art. 5 Rn. 120; Per­ni­ce, in: Drei­er (Hrsg.), GG-Kom­men­tar, Bd. I, 3. Aufl., 2013, Art. 5 III Rn. 64.

57 Mit Nuan­cen im Ein­zel­nen auch Mager, Frei­heit (Fn. 52),
Rn. 11; Löwer,Frei­heit wis­sen­schaft­li­cher For­schung und Leh­re, in: Merten/Papier (Hrsg.), HGR, Bd. IV, 2011, § 99 Rn. 13.

58 Vgl. dazu oben Fn. 11.
59 Zu Ero­sio­nen die­ses Befun­des vgl. Wein­gart, Die Stun­de der

Wahr­heit?, 2001, S. 232 ff.
60 So waren in den oben erwähn­ten Fäl­len der GOF-Experimente

die Ergeb­nis­se natür­lich schon zuvor auf Kon­fe­ren­zen erör­tert wor­den und damit zumin­dest zum Teil öffent­lich geworden.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 0 7

puta­ti­ons­zu­wei­sung an die Ver­öf­fent­li­chung ansei­len. Dies wird noch deut­li­cher, wenn man in Rech­nung stellt, dass das Medi­um der Öffent­lich­keit der Vali­die­rung des Wis­sens dient und inso­weit unver­zicht­ba­rer Teil des Qua­li­täts­si­che­rungs­me­cha­nis­mus der Wis­sen­schaft ist. Nicht vali­dier­tes Wis­sen begrün­det neue Risi­ken für eben die Rechts­gü­ter, die durch Publi­ka­ti­ons­re­strik­tio- nen geschützt wer­den sollen.61

Von daher besteht auch zwi­schen der For­schung als Hand­lungs­pra­xis und der Kom­mu­ni­ka­ti­on ein unver­zicht- barer Zusam­men­hang. Unver­öf­fent­lich­te For­schung ist von daher aus vie­len Grün­den pro­ble­ma­tisch, nicht zuletzt, weil sie einem öffent­li­chen Qua­li­täts­test durch ande­re nicht aus­ge­setzt wor­den ist. Damit aber nicht genug. Na- tür­lich ist die Ver­öf­fent­li­chung von For­schungs­er­geb­nis- sen eben­so für die Fort­set­zung der For­schung wie auch für all die­je­ni­gen Aspek­te unab­ding­bar, um derent­wil­len For­schung als frei garan­tiert und öffent­lich ali­men­tiert wird, von der Auf­klä­rung, über die Inno­va­ti­on bis hin zur Revi­si­on von Welt­bil­dern. Schon dar­an zeigt sich, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit für sich gese­hen auf eine Viel­zahl von Aspek­ten ver­weist und gleich­sam in sich mul­ti­ple Aspek­te auf­nimmt, nicht nur die indi­vi­du- ellen Aspek­te, die die For­schungs­kom­mu­ni­ka­ti­on legi­ti- mie­ren, son­dern auch die Funk­ti­ons­wei­se des Wis­sen- schafts­sys­tems selbst.62

2. Mög­li­che Ein­schrän­kun­gen des vor­be­halt­los gewähr­leis­te­ten Grundrechts

Die Wis­sen­schafts­frei­heits­ga­ran­tie sieht sich – nicht zuletzt wegen ihrer vor­be­halt­lo­sen Gewähr­leis­tung – viel­fäl­ti­gen Ver­su­chen einer Ein­he­gung jen­seits der bekann­ten dog­ma­ti­schen Lini­en der Ein­schrän­kung vor­be­halt­lo­ser Grund­rech­te durch kol­li­die­ren­de verfas-

  1. 61  Zutref­fend DFG/Leopoldina, Wis­sen­schafts­frei­heit (Fn. 42), S. 13 f.
  2. 62  Zur Struk­tur des Inter­es­sen­kon­flikts auch Thurn­herr, Biosecurity(Fn. 50), S. 94 ff.; vgl. auch Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 163 ff.
  3. 63  Dazu im vor­lie­gen­den Kon­text Würtenberger/Tanneberger,Bio­si­cher­heit und For­schungs­frei­heit. Ord­nung der Wis­sen­schaft, 2014, S. 3 ff.; zur Situa­ti­on in der Schweiz vgl. Thurn­herr, Bio­se- curi­ty (Fn. 50), S. 27.
  4. 64  Dickert, Natur­wis­sen­schaf­ten und For­schungs­frei­heit, 1991, S. 400 ff; krit. bereits Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 158 ff.; Löwer, Frei­heit (Fn. 57), Rn. 15 f.
  5. 65  Die­se Auf­fas­sung kann sich auf eine län­ge­re Tra­di­ti­on stüt­zen, vgl. nur Smend, VVDStRL (4), 1928, S. 44 ff., 66; Kött­gen, Deut- sches Uni­ver­si­täts­recht, 1933, S. 114; ders., Die Frei­heit der Wis- sen­schaft und die Selbst­ver­wal­tung der Uni­ver­si­tät, in: Neumann/ Nipperdey/Scheuner, Die Grund­rech­te, Bd. II, 1954, S. 291, 296 ff.;Wahl, Frei­heit der Wis­sen­schaft als Rechts­pro­blem, in: Frei­bur­ger Uni­ver­si­täts­blät­ter (95), 1987, S. 19 ff.; Böcken­för­de, Schutz­be­reich, Ein­griff, ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ken, Der Staat, (42)

sungs­recht­li­che Posi­tio­nen ausgesetzt.63 Sie rei­chen von den Ver­su­chen der Ein­schrei­bung ethi­scher Gren­zen in den Schutzbereich,64 über die Her­aus­nah­me des Expe­ri- ments aus der Gewährleistung,65 über ande­re For­men enger Kon­struk­tio­nen der Forschungsfreiheit,66 wie auch die Kon­zep­ti­on einer Art Nicht­stö­rungs­schran­ke bis hin zu dem Ver­such, unter Rück­griff auf die Schutz­pflich­ten der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) zu einer Ein­schrän­kung zu kommen.67 Sie las­sen sich auch als Ver­su­che lesen, die Wirk­mäch­tig­keit der Wis- sen­schaft, ins­be­son­de­re ihre sowohl phy­si­sche wie kog- niti­ve Risi­ko­di­men­si­on gleich­sam mit der Gesell­schaft abzustimmen.

Indes bedarf es die­ser Anstren­gun­gen zur Ver­kür- zung des Schutz­be­reichs nicht. Viel­mehr kann die Wis- sen­schafts­frei­heits­ga­ran­tie auch als vor­be­halt­los ge- währ­leis­te­tes Grund­recht Ein­schrän­kun­gen unter­lie­gen, die durch kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht begrün­det wer­den können.68 Die­se kön­nen in gesetz­li­chen Rege- lun­gen, in Ent­schei­dun­gen auf­grund gesetz­li­cher Rege- lun­gen, Selbst­re­gu­lie­run­gen von For­schungs­ein­rich­tun- gen und Ver­pflich­tun­gen oder Appel­len zu Refle­xio­nen mit bestimm­ten Inhal­ten lie­gen. Als Ein­schrän­kun­gen legi­ti­mie­ren­des Gegen­recht fun­giert hier regel­mä­ßig die staat­li­che Schutz­pflicht, ins­be­son­de­re die Schutz­pflicht für die Rechts­gü­ter von Leben und kör­per­li­cher Unver- sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG), aber auch zum Schutz der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen (Art. 20a GG) und wei­te- rer Vorschriften.69 Dabei ist eine prak­ti­sche Kon­kor­danz anzu­stre­ben, die zugleich der Tat­sa­che Rech­nung trägt, dass auch die kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­gü­ter Teil der als Ein­heit gedach­ten Rechts­ord­nung sind.

Dabei for­dert das Ver­fas­sungs­recht im Hin­blick auf die Geeig­net­heit und Erfor­der­lich­keit der Einschrän-

2003, S. 165 ff.; all­ge­mein zur Durch­set­zung der expe­ri­men­tel­len Wis­sen­schaft vgl. Stich­weh, Die Auto­poie­sis der Wis­sen­schaft, in: ders., Wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät, Pro­fes­si­on, 1994, S. 52, 59 f.

66 Krit. Feh­ling, in: Dolzer/Vogel/Graßhof (Hrsg.), BK-GG, 110. EGL, Stand: März 2004, Art. 5 III Rn. 146 ff.; dif­fe­ren­zie­rend anhand eines Evi­denz­kri­te­ri­ums Löwer, Frei­heit (Fn. 57), Rn. 15 mwN.

67 Dazu sogleich III. 3.
68 BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (41); BVerfG,

28.10.2008, 1 BvR 462/06, BVerfGE 122, 89 (107); BVerfG 8.4.1981, 1 BvR 608/79, BVerfGE 57, 70 (99); BVerfG, 1.3.1978, 1 BvR 333/75, BVerfGE 47, 327 (369); aus­führ­lich Löwer, Frei­heit (Fn. 57), Rn. 27 ff.; Mager, Frei­heit (Fn. 52), Rn. 31 ff.; für den Bereich der Bio­si­cher­heit vgl. Teetz­mann, Rechts­fra­gen der Sicher­heit in der bio­lo­gi­schen For­schung – Gut­ach­ten für den Deut­schen Ethik­rat, 2014, S. 77 ff.

69 BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (41, 85).

108 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

kung nur, dass durch die ent­spre­chen­de Rege­lung der Erfolg geför­dert wer­den kann, nicht aber eine opti­ma­le Lösung.70 Im Ergeb­nis muss der Aus­gleich auf einer ver- tret­ba­ren gesetz­ge­be­ri­schen Lösung beruhen.71

Inso­weit kommt es auf die Lösung eines mehr­stel­li- gen Grund­rechts­pro­blems an. Denn dabei spie­len nicht nur die Inten­si­tät des Ein­griffs, die dadurch bewirk­ten Schutz­ni­veaus, vor allem aber die Schwel­len der Gewiss- heit/Ungewissheit des Ein­tritts des scha­dens­be­grün­den­den Ereig­nis­ses, des Schutz­ni­veaus eben­so das Aus­maß der ein- tre­ten­den Schä­den eine Rol­le, son­dern auch die Zie­le der For­schung, ins­be­son­de­re wenn sie dar­auf gerich­tet sind, Schutz­maß­nah­men (die auch gegen­über miss­bräuch­li­cher Ver­wen­dung zum Tra­gen kom­men kön­nen) zu ent­wi­ckeln eben­so wie die Not­wen­dig­keit der Über­prü­fung der Ergeb- nis­se in einem offe­nen Diskurs.

Im Hin­blick auf die Ein­griffs­schwel­le ist nicht schon die Denk­bar­keit eines Kau­sal­ver­laufs aus­rei­chend, son- dern die durch tat­säch­li­che Anhalts­punk­te hin­rei­chend gestütz­te Risikovorsorge.72 Dabei kommt es entsch­ei- dend auf die Tat­sa­chen­grund­la­ge an. Denn auch die vor- genann­ten Aspek­te dür­fen nicht jen­seits hin­rei­chend be- stimm­ter Tat­sa­chen­grund­la­gen zum Ein­satz kommen.73 Auch hin­sicht­lich der Ermäch­ti­gung zu Risi­ko­ana­ly­sen muss eine etwai­ge Ein­schrän­kung auf hin­rei­chen­den Anknüp­fungs­tat­sa­chen beru­hen. Alles ande­re wäre eine Risi­ko­vor­sor­ge ins Blaue hin­ein, die die Wis­sen­schafts- frei­heit zu Guns­ten ande­rer Rechts­gü­ter unver­hält­nis- mäßig minimiert.

3. Die Risi­ko­ab­wä­gung: Nur eine Risi­ko-Nut­zen- Analyse?

Im ame­ri­ka­ni­schen Kon­text beson­ders ausgeprägt,74 aber auch in Deutsch­land, fin­det sich nicht nur in der media­len Öffent­lich­keit son­dern auch in den Kodi­zes von For­schungs­ein­rich­tun­gen die Ten­denz, die Risiko-

  1. 70  BVerfG, 2.3.2010, 1 BvR 256, 263, 586/08, BVerfGE 125, 260
    (317 f.); BVerfG, 4.4.2006, 1 BvR 518/02, BVerfGE 115, 320 (345); BVerfG, 3.3.2004, 1 BvR 2378/98, 1084/99, BVerfGE 109, 279 (336).
  2. 71  BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (85 ff.).
  3. 72  Aus­führ­lich in Aus­ein­an­der­set­zung mit BVerfG, 24.11.2010,1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1(41 f., 85 ff.), Wür­ten­ber­ger/­Tan­ne­ber-ger, Bio­si­cher­heit (Fn. 63), S. 1, 6 ff.
  4. 73  In der Sache ähn­lich Würtenberger/Tanneberger, Biosicherheit(Fn. 63), S. 7 f.
  5. 74  Vgl. Lip­sitch: „This is a ris­ky acti­vi­ty, even in the safest labs. Sci­en-tists should not take such risks without strong evi­dence that the work could save lives, which this paper does not pro­vi­de“, zitiert nach Sam­ple (Fn. 1); Lipsitch/Plotkin/Bloom, Evo­lu­ti­on, Safe­ty, and High­ly Patho­ge­nic Influ­en­za Viru­ses, Sci­ence (336), 2012,
    S. 152–153; United Sta­tes Government Poli­cy for Over­sight of Life Sci­en­ces Dual Rese­arch of Con­cern, http://osp.od.nih.gov/sites/ default/files/resources/United_States_Government_ Policy_for_Oversight_of_DURC_FINAL_version_032812_1.pdf

ana­ly­se in eine Risi­ko-Nut­zen-Ana­ly­se zu verwandeln.75 Die Argu­men­ta­ti­on läuft dar­auf hin­aus, dass die Risi­ken der For­schung nur gerecht­fer­tigt sind, wenn sie nicht unan­ge­mes­sen hoch für wich­ti­ge Rechts­gü­ter sind und durch den mög­li­chen Nut­zen für die Gesell­schaft gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen. Wäh­rend ers­te­res gleich- sam klas­si­sche Risi­ko­ana­ly­se ist, wird mit dem zwei­ten Kri­te­ri­um der Maß­stab der Abwä­gung ver­scho­ben. Wis- sen­schaft wird damit einer Nütz­lich­keits­recht­fer­ti­gung unterzogen.76 Dies frei­lich führt in der Sache zu einer inkre­men­ta­len Ver­än­de­rung der Gewähr­leis­tung. Sie fragt als indi­vi­du­el­le Garan­tie eben­so wie als objek­ti­ve Norm nicht danach, ob und inwie­weit die Wis­sen­schaft einen Nut­zen hat (den sie schon durch die Gewin­nung neu­en Wis­sens erzielt). Inso­weit ist auch schein­bar nutz- lose For­schung geschützt und kei­nes­wegs eine min­de­re Form von Wis­sen­schaft. Dies hat sei­nen guten Grund nicht zuletzt dar­in, dass es für die Nütz­lich­keit (Nutz­lo- sig­keit) in der Sache kaum einen über­zeu­gen­den Maß- stab gibt, der auch lang­fris­tig gerecht­fer­tigt wer­den könnte.

Zuguns­ten der Wis­sen­schafts­frei­heit ist daher, folgt man dem Bundesverfassungsgericht,77 stets der die­sem Frei­heits­recht zugrun­de lie­gen­de Gedan­ke zu berück- sich­ti­gen, dass gera­de eine von gesell­schaft­li­chen Nütz- lich­keits- und poli­ti­schen Zweck­mä­ßig­keits­er­wä­gun­gen freie Wis­sen­schaft dem Staat und der Gesell­schaft im Er- geb­nis am bes­ten dient. Auch wenn das dahin­ter ste­hen- de Leit­bild von Wis­sen­schaft aus der Sicht der Wis­sen- schafts­for­schung zu man­cher Kri­tik ein­la­den mag, so ist das Wider­la­ger einer frei­en For­schung gegen­über all­fäl- ligen Ten­den­zen ihrer Fina­li­sie­rung unver­zicht­bar. Die- ses aber lässt es nicht zu – übri­gens auch nicht als ethi- sche Verpflichtung78 – die For­schung einer umfas­sen­den Risi­ko-Nut­zen-Abwä­gung zu unter­wer­fen. Das mag zwar nach For­schungs­ty­pen zu dif­fe­ren­zie­ren sein,79 für

(22.1.2015); Casadevall/Imperiale, Risks and bene­fits (Fn. 2); zur Recht­fer­ti­gung des Ansat­zes vgl. die Stel­lung­nah­me von Mit­glie- dern des NSABB Berns et al., Adap­ti­ons of Avi­an Flu Virus are a Cau­se for Con­cern, Sci­ence (335), 2012, S. 660–661.

75 Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 193.
76 Ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Debat­te in den USA nutzt die

Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­se, wenn auch in die­sen Fäl­len eine für das Wis­sen­schafts­sys­tem nicht unty­pi­sche kogni­ti­ve Unge­wiss­heit besteht, so dass die jewei­li­gen Sei­ten der Medail­le jeweils eine gewis­se Beto­nung erfah­ren; aus der Viel­zahl von Bei­trä­gen vgl. nur Casadevall/Imperiale, Risks and bene­fits (Fn. 2); Mahmoud, Gain-of-Func­tion-Expe­ri­ments: Unpro­ven Tech­ni­que, Sci­ence (342/6156), 2012 S. 310–311.

77 BVerfG, 1.3.1978, 1 BvR 333/75, BVerfGE 47, 327 (370); std. Rspr. BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1, (87).

78 Vgl. dazu unten VI.
79 Vgl. inso­weit auch den Ansatz von Miller/Selgelid/van der Brug-

gen, Report (Fn. 5), S. 40 ff.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 0 9

Res­sort- und sons­ti­ge For­schung mag es durch­aus denk- bar sein, Ein­schrän­kun­gen unter dem Nut­zen­aspekt vor- zuse­hen, nicht aber für die aka­de­misch-dis­zi­pli­nä­re For- schung.80 Inso­weit sind nicht etwa die Risi­ken der For- schung und der Nut­zen der For­schung abzu­wä­gen, son- dern das Frei­heits­recht und sei­ne kon­kur­rie­ren­den Rechtsgüter.81 Sofern aller­dings die For­schung zugleich der För­de­rung ande­rer ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ter Rechts­gü­ter dient, ist dies aller­dings im Rah­men der Ab- wägung zu berücksichtigen.82 Dies ist frei­lich etwas an- deres, als von vorn­her­ein die For­schung einer Nütz­lich- keits­recht­fer­ti­gung zu unterziehen.

4. Ein­schrän­kun­gen durch die EMRK

Gele­gent­lich wird eine Ver­stär­kung der Ein­schrän­kungs- mög­lich­keit der Wis­sen­schafts­frei­heit durch die EMRK erwar­tet. Die EMRK garan­tiert die Frei­heit der Wis­sen- schaft als Teil der Mei­nungs­frei­heit, wobei nach viel­fach ver­tre­te­ner Auf­fas­sung, die Frei­heit der For­schung nicht eigen­stän­dig geschützt sein soll.83 Es mag dahin­ste­hen, ob dies in der Sache noch zutref­fend ist.84 Die Schran­ken des Art. 10 Abs. 2 EMRK sind dabei in bi-pola­ren Ver­hält­nis­sen schon wegen Art. 53 EMRK kein Man­dat zur Ein­sch­rän- kung des Art. 5 Abs. 3 GG. Aller­dings mag sich dies ändern, wenn in mehr­po­li­gen Ver­hält­nis­sen die güns­ti­ge­re natio­na- le Vor­schrift ande­re Garan­tien der EMRK beschränkt. Daher lässt sich in mehr­po­li­gen Grund­rechts­ver­hält­nis­sen die Güns­tig­keit des einen Grund­rechts nur dann und nur inso­weit durch­hal­ten, wie der kol­li­die­ren­de Anspruch nicht das Niveau der EMRK unterschreitet.85 Anders gewendet:

  1. 80  Vgl. den etwas rät­sel­haf­ten Hin­weis von BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (41).
  2. 81  Teetz­mann, Rechts­fra­gen (Fn. 68), S. 89.
  3. 82  Zu den Kon­se­quen­zen für die For­schungs­frei­heit vgl. unten VI.
  4. 83  Teetz­mann, Rechts­fra­gen (Fn. 68), S. 106 f. mwN.
  5. 84  In EGMR Mus­ta­fa Erdoğan and others/Turkey, 27.5.2014, 346/04u. 39779/04, Rn. 40, hat das Gericht immer­hin aus­ge­führt: „In this con­nec­tion, aca­de­mic free­dom in rese­arch and in trai­ning should gua­ran­tee free­dom of expres­si­on and of action, free­dom to dis­se­mi­na­te infor­ma­ti­on and free­dom to con­duct rese­arch and dis­tri­bu­te know­ledge and truth without restric­tion (see Recom­men­da­ti­on 1762 (2006) of the Par­lia­men­ta­ry Assem­bly of the Coun­cil of Euro­pe). It is the­re­fo­re con­sis­tent with the Court’s case-law to sub­mit to care­ful scru­ti­ny any restric­tions on the free­dom of aca­de­mics to car­ry out rese­arch and to publish their findings …“.
  6. 85  Gra­ben­war­ter, Natio­na­le Grund­rech­te und Rech­te der EMRK, in: Merten/Papier (Hrsg.), HGR VI/2, § 169 Rn. 28.
  7. 86  Case of Cent­re for legal resour­ces on behalf of Valen­tin Cam- paneu v. Roma­nia, 17.7.2014, 47848/08, Rn. 130; Vil­nes u.a./Nor- wegen, 5.12.2013, 52806/09, Rn. 160; Kolya­den­ko u.a./Russland, 28.2.2012, 17423/05 u.a., Rn.157–161, Öneryıldız/Turkey [GC], 28.2.2012, 48939/99, § 89, ECHR 2004 XII.
  8. 87  Gra­ben­war­ter, Euro­pean Con­ven­ti­on on Human Rights, 2014, Art. 2 § 16.
  9. 88  In Öneryıldız/Turkey [GC], 28.2.2012, 48939/99, führt das

Solan­ge das Niveau der kol­li­die­ren­den Garan­tie nicht unter­schrit­ten wird, ver­mit­telt jeden­falls Art. 10 Abs. EMRK, unab­hän­gig von jeder mar­gin of appre­cia­ti­on, auch kein Man­dat zur wei­ter­ge­hen­den Ein­schrän­kung des Art. 5 Abs. 3 GG. Die andern­falls gefor­der­te Annä­he­rung andas­Ni­veau­der­Kon­ven­ti­onläss­t­sich­grund­recht­scho- nend schon durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on der Schutz­pflicht aus Art. 2 Abs. 2 GG errei­chen, die dann die ent- spre­chen­de wei­ter­ge­hen­de Ein­schrän­kung des Art. 5 Abs. 3 GG schon vermittelt.

Art. 2 Abs. 1 EMRK, das Recht auf Leben als staat­li­che Schutz­pflicht, kann inso­weit Ein­schrän­kun­gen der Wis­sen- schafts­frei­heit recht­fer­ti­gen, jeden­falls wenn und soweit die Schutz­pflicht aus Art. 2 Abs. 2 GG hin­ter dem Schutz­an- spruch aus Art. 2 Abs. 1 EMRK in der Kol­li­si­on mit der Wis- sen­schafts­frei­heit zurück­bleibt. Inso­weit trifft den Staat die Pflicht zur Schaf­fung eines ange­mes­se­nen gesetz­li­chen und admi­nis­tra­ti­ven Rah­mens, um eine effek­ti­ve Abwehr von Gefah­ren für das Recht auf Leben zu gewährleisten.86 Ent- schei­dend ist nicht ein Mini­mal­stan­dard des Schut­zes son- dern die Effek­ti­vi­tät desselben.87 Die Schutz­pflicht wird ins- beson­de­re im Kon­text gefähr­li­cher Hand­lun­gen aus­ge­löst und umfasst durch­aus weit­rei­chen­de Vorkehrungen,88 auch wenn die Wahl der Mit­tel letzt­lich im Gestal­tungs- spiel­raum der Mit­glied­staa­ten verbleibt.89 Sie besteht aller- dings nur bei tat­säch­li­cher und unmit­tel­ba­rer Gefahr für das Rechtsgut.90 Bei der Fra­ge, ob der Staat die Schutz­pflicht erfüllt hat, sind aller­dings alle Umstän­de der Situa­ti­on her- anzu­zie­hen, ins­be­son­de­re auch ande­re von der Kon­ven- tion geschütz­te Interessen.91

Gericht aus: „This obli­ga­ti­on indis­pu­ta­b­ly app­lies in the par­ti­cu­lar con­text of dan­ge­rous acti­vi­ties, whe­re, in addi­ti­on, spe­cial empha­sis must be pla­ced on regu­la­ti­ons gea­red to the spe­cial fea­tures of the acti­vi­ty in ques­ti­on, par­ti­cu­lar­ly with regard to

the level of the poten­ti­al risk to human lives. They must govern the licen­sing, set­ting up, ope­ra­ti­on, secu­ri­ty and super­vi­si­on of the acti­vi­ty and must make it com­pul­so­ry for all tho­se con­cer­ned to take prac­ti­cal mea­su­res to ensu­re the effec­ti­ve pro­tec­tion of citi­zens who­se lives might be end­an­ge­red by the inherent risks.“

89 Case of Cent­re for legal resour­ces on behalf of Valen­tin Cam- paneu/Romania, 17.7.2014, 47848/08, Rn. 130; Buday­e­va u.a./ Russ­land, 20.3.2008, 15339/02, u.a. Rn. 134 f.

90 Case of Cent­re for legal resour­ces on behalf of Valen­tin Cam- paneu/Romania, 17.7.2014, 47848/08, Rn. 130; Gong­ad­ze/U­krai- ne, 8.11.2005, 34056/02, Rn. 165.

91 Vil­nes u.a./Norwegen, 5.12.2013, 52806/09, Rn. 161: „In asses­sing whe­ther the respon­dent Sta­te com­plied with its posi­ti­ve obli­ga­ti- on, the Court must con­si­der the par­ti­cu­lar cir­cum­s­tan­ces of the case, regard being had, among other ele­ments, to the domestic lega­li­ty of the aut­ho­ri­ties’ acts or omis­si­ons, the domestic deci­si- on-making pro­cess, inclu­ding the appro­pria­te inves­ti­ga­ti­ons and stu­dies, and the com­ple­xi­ty of the issue, espe­cial­ly whe­re con­flic- ting Con­ven­ti­on inte­rests are invol­ved. The scope of the posi­ti­ve obli­ga­ti­ons impu­ta­ble to the Sta­te in the par­ti­cu­lar cir­cum­s­tan­ces would depend on the ori­gin of the thre­at and the extent to which one or the other risk is sus­cep­ti­ble to mitigation.“

110 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

Die Schutz­pflicht reicht zwar in gewis­ser Wei­se wei- ter als die­je­ni­ge nach dem Grund­ge­setz und kann bei Gefah­ren jeden­falls ein effek­ti­ves Schutz­ni­veau ver­lan- gen. Indes dürf­te die Schwel­le im Hin­blick auf das Vor- lie­gen einer Gefahr eher höher lie­gen. Und ob die Schutz- pflicht auch dann aus­ge­löst wird, wenn nicht die For- schung selbst oder die Publi­ka­ti­on Drit­ter die Risi­ken aus­lö­sen, son­dern die­se durch das Ver­hal­ten ande­rer durch Nut­zung der For­schungs­er­geb­nis­se begrün­det wer­den, ist damit noch nicht gesagt. Der EGMR spricht inso­weit von den inhä­ren­ten Risi­ken von Hand­lun­gen und dürf­te damit die Zure­chen­bar­keit begren­zen. Im Er- geb­nis dürf­ten daher erleich­ter­te Ein­griffs­mög­lich­kei­ten aus der EMRK im Regel­fall kaum begründ­bar sein.

IV. Die For­schungs­frei­heit: Ein­schrän­kun­gen und Verbote

1. All­ge­mein

For­schungs­ver­bo­te und ‑ein­schrän­kun­gen tref­fen die Wis­sen­schafts­frei­heit jeden­falls dann in ihrem Kern, wenn sie zu einem Wis­sens­er­zeu­gungs­ver­bot füh­ren. Unge­ach­tet des­sen ist natür­lich zuguns­ten der genann- ten Rechts­gü­ter dann eine Ein­schrän­kung der For- schungs­tä­tig­keit gerecht­fer­tigt, wenn damit eine recht- fer­ti­gungs­fä­hi­ges Ziel ver­folgt wird, die­ses in glei­cher Wei­se geschützt ist wie die vor­be­halt­los gewähr­leis­te­te Wis­sen­schafts­frei­heit und ein ange­mes­se­ner Aus­gleich gefun­den wird.

Zwar kommt dem Schutz von Leben und kör­per­li- cher Unver­sehrt­heit ein hohes Gewicht zu. Im Ein­zel­fall kön­nen auch Ein­grif­fe durch For­schungs­ver­bo­te und ‑beschrän­kun­gen jen­seits der Gefah­ren­schwel­le gerecht- fer­tigt sein,92 wenn anders ein Lebens­schutz nicht mög- lich ist. Dies dürf­te jeden­falls inso­weit gel­ten, als nicht aus gleich­ge­wich­ti­gen Schutz­in­ter­es­sen Drit­ter die For- schung selbst zu recht­fer­ti­gen ist, weil sie der Gewin- nung von Erkennt­nis­sen dient, die ihrer­seits dem Le- bens­schutz dienen.93 Als ver­fas­sungs­recht­lich kaum halt­bar wür­den sich daher Rege­lun­gen erwei­sen, die – jeden­falls wenn sie als gesetz­li­che Rege­lun­gen vor­ge­se- hen wer­den soll­ten – eine Beweis­last­um­kehr zu Las­ten der For­schungs­frei­heit in den Fäl­len begrün­den wol­len, in denen Erre­ger so ver­än­dert und damit neu geschaf­fen wer­den, dass außer­halb des Labors durch die­se die Ge- fahr einer Epi­de­mie her­vor­ru­fen, sofern nicht ein direk-

  1. 92  Aller­dings nicht als Risi­ko­vor­sor­ge „ins Blaue hin­ein“, son­dern nur bei hin­rei­chen­den Anhalts­punk­ten, dass auf ande­re Wei­se ein Lebens­schutz nicht mög­lich ist; vgl. dazu oben III. 2.
  2. 93  Würtenberger/Tanneberger, Bio­si­cher­heit (Fn. 63), S. 9.
  3. 94  So ein Teil des Deut­schen Ethik­ra­tes in sei­ner Emp­feh­lung für ei- nen For­schungs­ko­dex aber auch hin­sicht­lich der Befug­nis­se einer

ter, kon­kre­ter und über­wie­gen­der Nut­zen zur Abwehr von Gefah­ren für Leben oder Gesund­heit wahr­schein- lich ist.94 Dies begrün­det nicht nur hin­sicht­lich der Nut- zen­ka­te­go­rie erheb­li­che Beden­ken, son­dern auch des- halb, weil damit die Logik der Wis­sens­ak­ku­mu­la­ti­on durch For­schung nach­ge­ra­de unmög­lich gemacht wird, die Sicher­heits­an­for­de­run­gen an die Durch­füh­rung gänz­lich außer Betracht blei­ben und damit eine Asym- metrie zu Las­ten der For­schung begrün­det wird. Es liegt auf der Hand, dass damit eine gene­ti­sche For­schung an patho­ge­nen Erre­gern mit dem Ziel, die­se zu ver­än­dern, deut­lich erschwert wird – eine recht­lich schwer ver­tret- bare Lösung. Schon aus Grün­den eines ange­mes­se­nen Aus­gleichs gilt letzt­lich, dass vor allem Sicher­heits­an­for- derun­gen legi­ti­miert wer­den, die der Risi­ko­mi­ni­mie- rung die­nen. Inso­weit dürf­te regel­mä­ßig ein Vor­rang der Sicher­heits- und Con­tain­ment-Rege­lun­gen bestehen. Sie inhi­bie­ren die For­schung nicht, son­dern begren­zen die Art der Durch­füh­rung im Hin­blick auf damit ver­bun­de- ne Risi­ken. Nur soweit hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te da- für bestehen, dass die betref­fen­den Rege­lun­gen unzu­rei- chend sind, kom­men wei­ter­ge­hen­de Ein­schrän­kun­gen in Betracht.95

Auch wenn eine will­kür­li­che oder unwill­kür­li­che Frei­set­zung von hoch­pa­tho­ge­nen Erre­gern durch­aus er- heb­li­che Schä­den zur Fol­ge haben kann, so dürf­ten sich For­schungs­ver­bo­te nur unter sehr engen Vor­aus­set­zun- gen legi­ti­mie­ren las­sen. Die Ambi­va­lenz der For­schung ins­be­son­de­re mit hoch­pa­tho­ge­nen Erre­gern und die Er- zeu­gung neu­er hoch­pa­tho­ge­ner Erre­ger ist nicht nur le- gitim, son­dern ange­sichts der Wis­sens­lü­cken in die­sem Bereich auch notwendig96 oder doch zumin­dest sinn- voll, um wirk­sam Prä­ven­ti­on und sei es auch nur in einer län­ger­fris­ti­gen Per­spek­ti­ve gegen­über Pan­de­mien zu ge- währ­leis­ten. Nicht zuletzt aber macht ein Ver­gleich mit ande­ren Risi­ken, etwa der grü­nen Gen­tech­nik mehr als deut­lich, dass die Zulas­sung selbst der Frei­set­zung gen- tech­nisch modi­fi­zier­ter Orga­nis­men, die eben­falls mit erheblichenRisikenverbundenseinkann,nichtgrund- sätz­lich zu inhi­bie­ren ist.97 Auch wenn Unter­schie­de schon des­halb nicht zu ver­ken­nen sind, weil die grü­ne Gen­tech­nik mit einem gestuf­ten, ler­nen­den Sys­tem ar- bei­tet, das die Unsi­cher­heit schritt­wei­se redu­zie­ren soll, und erst dann die Frei­set­zung in Betracht kommt, so ver­blei­ben doch am Ende erheb­li­che Unsi­cher­hei­ten, die durch­aus mit Risi­ken ein­her­ge­hen, die aber in Kauf ge-

gesetz­lich ein­zu­rich­ten­den DURC-Kom­mis­si­on, vgl. Deutscher

Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 193, 197 f.
95 Dafür bestehen jeden­falls der­zeit kei­ner­lei Anhaltspunkte;

vgl. dazu oben II. 1 c).
96 Vgl. dazu oben II. 1.
97 Vgl. BVerfG, 24.11.2010, 1 BvF 2/05, BVerfGE 128, 1 (40 ff.).

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 1 1

nom­men wer­den (dür­fen). Jeden­falls der­zeit spricht nichts dafür, dass die vor­han­de­nen Regelungen98 unzu- rei­chend sind. Wo dies nach einer Eva­lua­ti­on und Risi- kobe­wer­tung der Fall sein soll­te, dürf­ten Ver­schär­fun­gen der Labor­si­cher­heit aus­rei­chen, den unter­schied­li­chen Rech­ten hin­rei­chend Rech­nung zu tragen.

2. For­schungs­ver­bo­te oder ‑ein­schrän­kun­gen zur Wis­sens­be­schrän­kung oder ‑unter­drü­ckung

Ande­re Gesichts­punk­te sind in den Fäl­len gege­ben, in denen die For­schung unter­bun­den wer­den soll, um die Gene­rie­rung und Ver­tei­lung von Wis­sen zu unter­bin­den, wie es teil­wei­se in den USA dis­ku­tiert wird. Die For­schung soll nicht statt­fin­den, weil das ggf. pro­du­zier­te Wis­sen nicht ver­brei­tet wer­den soll, da es als beson­ders sicher­heits­re­le- vant ein­ge­schätzt wird. Das der­zei­ti­ge „Mora­to­ri­um“ in den USA, das wesent­lich ein Ein­frie­ren der öffent­li­chen För­de- rung bis zu einer wei­te­ren Klä­rung der Rah­men­be­din­gun- gen ist, dürf­te auch die­ses Ziel haben. Der Grund liegt dann nicht etwa in der direk­ten Beein­träch­ti­gung der Rech­te Drit­ter oder öffent­li­cher Inter­es­sen, son­dern beinhal­tet eine Bewer­tung des Wis­sens, bevor es über­haupt gene­riert wor- den ist. Dies soll es im ame­ri­ka­ni­schen Kon­text mög­li­cher- wei­se ange­sichts u.U. nicht ein­fach zu über­win­den­der Res- trik­tio­nen des 1. Amend­ments erleich­tern, Sicher­heits­be- lan­ge durchzusetzen.99 Eine sol­che Beschrän­kung steht indes vor schwer zu über­win­den­den Recht­fer­ti­gungs­las­ten. Es ist schwer bzw. kaum pro­gnos­ti­zier­bar, wel­chen Gehalt ein künf­ti­ges Wis­sen hat.100 Wür­de man es ken­nen, bräuch- te man die For­schung ohne­hin nicht. Im Übri­gen kann das Ergeb­nis anders sein, als vorhergesehen101 und auch die Metho­den kön­nen sich ändern. Schon gar nicht kennt man die Aus­sa­gen im nöti­gen Detaillierungsgrad.102 Eine der

  1. 98  Zu den vor­han­de­nen Rege­lun­gen Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher- heit (Fn. 6), S. 104 ff.; Teetz­mann, Rechts­fra­gen (Fn. 68), S. 5 ff.
  2. 99  Vgl. dazu Kraemer/Gostin, The Limits of Government Regu­la­ti­on of Sci­ence, Sci­ence (335), 2012, S. 1047–1049.
  3. 100  Die­ser Aspekt wird schnell in den Hin­ter­grund gedrängt, obwohl gera­de in der Offen­heit des For­schungs­pro­zes­ses eine mög­li­che Res­sour­ce der Inno­va­ti­on steckt. Nicht umsonst gehört der orga- nisier­te Skep­ti­zis­mus als Zurück­hal­tung eines end­gül­ti­gen Urteils bevor die Fak­ten zur Hand sind, zu dem Ethos der Wis­sen­schaf- ten; dazu Wein­gart, Wahr­heit (Fn. 59), S. 68 ff.
  4. 101  Vgl. dazu das Bei­spiel der For­schung von Jack­son et al., Exp­res- sion of Mou­se Interleukin‑4 by a Recom­bi­nant Ectro­me­lia Virus Sup­pres­ses Cyto­so­lic Lym­pho­cy­te Respon­ses and Over­co­mes Ge- netic Resis­tance to Mou­se­pox, Jour­nal of Viro­lo­gy (75/3), 2001, S. 1205–1210.
  5. 102  Zu Recht beto­nen Miller/Selgelid/van der Brug­gen, Report (Fn. 5), S. 47 die Not­wen­dig­keit einer detail­lier­ten Ana­ly­se der Risi­ken eines malevo­len­ten Gebrauchs, um die For­schungs­frei­heit über­win­den zu kön­nen; die Unge­wiss­heit beto­nend auch DFG/ Leo­pol­di­na, Wis­sen­schafts­frei­heit (Fn. 42), S. 9.
  6. 103  Vgl. dazu unten V. 2.
  7. 104  Vgl. dazu oben III. 1.
  8. 105  Aus­führ­lich auch Thurn­herr, Bio­se­cu­ri­ty (Fn. 50), S. 95 ff.

inten­sivs­ten­Ein­griffein­die­For­schungs­frei­heits­indin­halts- bezo­ge­ne Wis­sens­ge­ne­rie­rungs­ver­bo­te. Sie besei­ti­gen die Ratio der Gewähr­leis­tung selbst. Es müss­te also mit hin­rei- chen­den Anhalts­punk­ten pro­gnos­ti­zier­bar sein, dass unmit­tel­bar auf­grund des Wis­sens eine Beein­träch­ti­gung von Rechts­gü­tern Drit­ter statt­fin­det. Dafür bestehen regel­mä- ßig kei­ne Anhalts­punk­te. Zugleich wer­den die Anfor­de­run­gen umgan­gen, die sich auf­grund des Zen­sur­ver­bots ergeben.103

V. Wis­sen­schafts­frei­heit als Kommunikationsfreiheit

Wis­sen­schafts­frei­heit ist auch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit. Als sol­che ist sie auch für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Wis­sen- schaft über die indi­vi­du­el­len Aspek­te hin­aus bedeutsam.104 Inso­weit wird damit nicht nur Wis­sen­schafts­frei­heit der­je­ni- gen begrenzt, die für die Erzeu­gung ver­ant­wort­lich sind oder doch gewe­sen wären, es wird zugleich – für einen bestimm­ten Bereich – die Kon­ti­nui­tät von Wis­sens­er­zeu­gung, Modi­fi­ka- tion, Varia­ti­on und Ver­wer­fung unter­bro­chen, also die Wis­sen­schaft als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang beein- trächtigt.105 Aller­dings ist bis­her ein Kon­flikt zwi­schen dem wis­sen­schaft­li­chen Wis­sen und der Gesell­schaft, jeden­falls in Deutsch­land, erheb­lich sel­te­ner, deu­te­te sich aber immer- hin schon in der Ent­zif­fe­rung des mensch­li­chen Genoms an, wenn­gleich er eher auf die Beein­träch­ti­gung des infor­ma­tio- nel­len Selbst­be­stim­mungs­rechts bezo­gen ist.106 Poli­tisch moti­vier­te Zugrif­fe auf die wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka- tion dürf­ten bis­her Sel­ten­heits­wert haben, auch wenn in ande­ren Rechts­ord­nun­gen durch­aus aus Grün­den der öffent­li­chen Sicher­heit wie auch aus ideo­lo­gi­schen Grün- den107 auf der Wis­sen­schafts­frei­heit unter­fal­len­de Gehal­te zurück­ge­grif­fen wor­den ist.108

106 Vgl. dazu etwa Tru­te, Wis­sens­po­li­tik und recht­li­che Regu­lie- rung – Am Bei­spiel der Erzeu­gung und Ver­wen­dung gene­ti­scher Daten, in: M. Eifert/W. Hoff­mann-Riem (Hrsg.), Inno­va­ti­on und recht­li­che Regu­lie­rung, 2002, S. 291 ff.

107 Etwa in der Beschlag­nah­me der Phy­sik-Examens­ar­beit von John Phil­lips durch das US-ame­ri­ka­ni­sche FBI, die sich auf der Grund- lage öffent­lich zugäng­li­cher Quel­len mit Kon­struk­ti­ons­prin­zi­pi­en der A‑Bombe befass­te; dazu etwa Laugh­lin, Ver­bre­chen (Fn. 29), S. 70 ff., sowie die Auf­lö­sung in Abwä­gungs- und Ein­schät­zungs- mecha­nis­men bei Wil­holt, Die Frei­heit der For­schung, S. 52 f., aber auch die Ver­su­che der Regie­rung von Bush, miss­lie­bi­ge Ergeb­nis­se der Wis­sen­schaft in den Berei­chen Kli­ma­wan­del, Stamm­zell­for­schung etc. in Res­sort­for­schungs­ein­rich­tun­gen zu unter­drü­cken; dazu Uni­on of Con­cer­ned Sci­en­tist, Sci­en­ti­fic Free­dom and the Public Good, 2008, http://www.ucsusa.org/ sites/default/files/legacy/assets/documents/scientific_integrity/ scientific_freedom.pdf (22.1.2015); vgl. auch Wil­holt, aaO,

S. 250 ff. mwN.
108 Dazu etwa die Ver­su­che, die Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gie durch andere

Kon­struk­te wie die Krea­ti­ons­leh­ren zu erset­zen und die Leh­re der Evo­lu­ti­on zu inhi­bie­ren; dazu all­ge­mein Laugh­lin, Ver­bre­chen (Fn. 29).

112 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

1. Wis­sens­dis­tri­bu­ti­ons­ver­bo­te

Wis­sens­dis­tri­bu­ti­ons­ver­bo­te sol­len dazu füh­ren, dass bereits erzeug­tes Wis­sen nicht, nur begrenzt oder verän- dert ver­öf­fent­licht oder nur einem begrenz­ten Kreis von beson­ders bestimm­ten Wis­sen­schaft­lern, Labors etc. zugäng­lich gemacht oder doch erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­öf­fent­lich wird. Damit kann die Kom­mu- nika­ti­on über den wis­sen­schaft­li­chen Inhalt und die wis- sen­schaft­li­che Metho­de nicht erfol­gen und damit auch nicht die Vali­die­rung inner­halb der wis­sen­schaft­li­chen Kommunikationszusammenhänge.

Es fin­den sich für Wis­sens­dis­tri­bu­ti­ons­ver­bo­te im Grun­de zwei Anknüp­fungs­punk­te, die in den Eigen- schaf­ten des Wis­sens lie­gen kön­nen oder die Hand­lun- gen Drit­ter, die das Wis­sen zu malevo­len­ten Zwe­cken nut­zen kön­nen, zum Kri­te­ri­um machen.

a) Die Eigen­schaf­ten des Wissens

Nach dem oben Aus­ge­führ­ten dürf­te die Eigen­schaft des Wis­sens als „gefähr­lich“ eine schwie­ri­ge Klas­si­fi­ka­ti­ons- auf­ga­be dar­stel­len, da Wis­sen sich gera­de durch die Viel- zahl der Ver­wen­dungs­mög­lich­kei­ten kenn­zeich­nen lässt, also im Grun­de nicht abs­trakt gefähr­lich ist, son- dern kon­tex­tu­ell und zudem ohne­hin mit einem zeit­li- chen Index ver­se­hen ist, der die Bewer­tung ändern kann.109 Inso­fern wird man auch unter dem Aspekt der Risi­ko­vor­sor­ge – wenn über­haupt – allen­falls von einem Risi­ko aus­ge­hen kön­nen. Die­ses ist aller­dings nicht nur schwer zu bestim­men, etwai­ge Beschrän­kun­gen müs­sen sich auch vor den Funk­tio­nen der Wis­sen­schafts­frei- heits­ga­ran­tie recht­fer­ti­gen las­sen. Das dürf­te wohl nur dort der Fall sein kön­nen, wo in der Tat eine direk­te Umsetz­bar­keit in eine gefähr­li­che Tech­no­lo­gie in Rede steht und die Rea­li­sie­rung auch außer­halb von Hoch­si- cher­heits­la­bo­ren mög­lich ist, deren Kon­trol­le ohne­hin per­ma­nent statt­fin­det oder jeden­falls statt­fin­den soll­te. Dies dürf­te von vorn­her­ein die Beschrän­kungs­mög­lich- kei­ten auf weni­ge Aus­nah­me­fäl­le einschränken.

b) Anknüp­fun­gen an die Hand­lun­gen Dritter

Die Anknüp­fung an die Hand­lun­gen Drit­ter ist eben­falls nur in gerin­gem Umfang aus­sichts­reich. Schon ein Ver- gleich mit der Situa­ti­on der For­schungs­pra­xis zeigt inso- weit deut­li­che Unter­schie­de, die auch Kon­se­quen­zen für die Beur­tei­lung haben. Durch die Hand­lungs­pra­xis der

  1. 109  Vgl. dazu oben II. 1. d.
  2. 110  Zur Kri­tik an die­ser Figur vgl. BVerfG, 1.9.2000, 1 BvQ 24/00, NVwZ2000, 1406 ff.; jüngst auch Tru­te, Zur Ent­wick­lung des Poli­zei­rechts2009-2013, Die Ver­wal­tung (46), 2013, S. 537, 544 mwN.
  3. 111  Blo­ße Ver­mu­tun­gen rei­chen dafür unab­hän­gig von dem Grad der zu ver­lan­gen­den Wahr­schein­lich­keit der Gefah­ren­pro­gno­se nicht

For­schung kön­nen Rechts­gü­ter direkt beein­träch­tigt wer­den und von daher ist es gerecht­fer­tigt, die­se Beein- träch­ti­gun­gen zu ver­hin­dern. Bei den Kom­mu­ni­ka­ti­ons- frei­hei­ten ist dies in der Regel, wenn auch nicht immer, anders. Die Tat­sa­che, dass ande­re das Wis­sen nut­zen, wird dem Urhe­ber des Wis­sens in der Regel nicht zuge- rech­net. Davon mag es Aus­nah­men geben, aber die­se bedür­fen einer beson­de­ren Recht­fer­ti­gung. Nur inso­weit sind die Urhe­ber des Wis­sens für den Gebrauch des Wis- sens ver­ant­wort­lich. Es han­delt sich, wenn über­haupt, um gestreck­te Beein­träch­ti­gungs­vor­gän­ge, die noch nicht ein­mal mit der höchst umstrit­te­nen Figur des Zweck­ver­an­las­sers im Poli­zei­recht ver­gleich­bar sind.110 Es wür­de sich um den Zugriff auf die­je­ni­gen han­deln, die von ihrer grund­recht­lich geschütz­ten Kom­mu­ni­ka­ti- ons­frei­heit Gebrauch machen, weil unbe­kann­te Drit­te mög­li­cher­wei­se einen malevo­len­ten Gebrauch beab­sich- tigen. Dies begrenzt die Mög­lich­keit des Zugriffs von vorn­her­ein. Dar­über hin­aus ist aller­dings zu berück­sich- tigen, dass schon im Bereich der Mei­nungs­frei­heit bei mög­li­chen direk­ten Wir­kun­gen der Mei­nungs­äu­ße­rung von Ver­fas­sung wegen zu ver­lan­gen ist, dass eine zu prä- ven­ti­ven Zwe­cken erfol­gen­de Beschrän­kung nur auf- grund einer Gefah­ren­pro­gno­se mög­lich sein soll, bei der nach­voll­zieh­ba­re tat­säch­li­che Anhalts­punk­te vor­han­den sind.111 Dies muss umso mehr bei die­sen gestreck­ten Vor­gän­gen gel­ten, wie sie hier in Rede stehen.

Dar­über hin­aus gilt: Es wird in kei­ner mir bekann­ten Pro­gno­se, die an das als ris­kant ein­ge­stuf­te Wis­sen an- knüpft, ein rea­lis­ti­sches Sze­na­rio einer ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hung ent­fal­tet. Es gab regel­mä­ßig zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kei­ne indi­zi­ell, durch Tat­sa­chen ge- här­te­te Bedro­hung, son­dern eher abs­trak­te Gefähr- dungslagen.112 Es geht hier allein um die Mög­lich­keit der künf­ti­gen, aber unbe­kann­ten Ver­wen­dung durch Drit­te. Das ver­deut­licht das Exzep­tio­nel­le die­ses Vor­ha­bens. Schon aus die­sem Grun­de dürf­te nur in Aus­nah­me­fäl­len eine Beschrän­kung in Betracht kom­men. Wo die­se in Betracht kommt, sind gegen­über einem völ­li­gen Publi- kat­ions­ver­bot immer auch mil­de­re For­men der sach­li- chen, per­so­nel­len oder zeit­li­chen Beschrän­kung vor­ran- gig.113 Damit sind doch recht enge Gren­zen umschrie- ben, denen jede Ein­schrän­kung, die ohne­hin nur auf ge- setz­li­cher Grund­la­ge erfol­gen könn­te, unter­lie­gen würde.

aus; so BVerfG, 8.12.2010, 1 BvR 1106/08, juris Rn. 15, AfP 2011, 43 ff. im Fall einer publi­ka­ti­ons­be­schrän­ken­den Wei­sung nach § 68b Abs. 1 Nr. 4 StGB.

112 Das scheint durch bei Casadevall/Imperiale, Risks and bene­fits (Fn. 2).

113 DFG/Leopoldina, Wis­sen­schafts­frei­heit (Fn.42), S. 14.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 1 3

2. Das Pro­blem des Zensurverbots

Selbst wenn man die Ein­schrän­kun­gen der Wis­sen- schafts­frei­heit aus Risi­ko­grün­den im Aus­nah­me­fall für zuläs­sig erach­ten woll­te, wäre jeden­falls eine Vor­ab- Kon­trol­le der Ergeb­nis­se im Hin­blick auf ihre Publi­ka­ti- ons­wür­dig­keit wegen des Zen­sur­ver­bots zwei­fel­haft. Rele­vant ist dies im vor­lie­gen­den Kon­text, da doch Geneh­mi­gungs­pflich­ten, Abhän­gig­kei­ten von Kom­mis- sions­vo­ten etc. als Maß­nah­men vor der Ver­öf­fent­li­chung erör­tert wer­den, sei es in Codes of Con­ducts, staat­lich ein­ge­rich­te­ten oder doch zumin­dest ange­reiz­ten Selbst- ver­pflich­tun­gen oder auf gesetz­li­cher Grund­la­ge durch DURC-Kommissionen.114 Inso­weit stellt sich aller­dings die Fra­ge, ob sol­che Maß­nah­men, jeden­falls wenn sie dem Staat zure­chen­bar sind, dem Zen­sur­ver­bot unter- fal­len können.

Aller­dings ist die Gel­tung des Zen­sur­ver­bots für die Wis­sen­schaft umstrit­ten. Der Sache nach spre­chen zwar auf den ers­ten Blick sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen dage­gen, weil Art. 5 Abs. 1 S. 3 GG nur für die Kom­mu­ni­ka­ti­ons- frei­hei­ten des Art. 5 Abs.1 GG Gel­tung zu bean­spru­chen scheint. Ver­steht man indes das Zen­sur­ver­bot als Aus- druck einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Kon­tu­rie­rung des We- sen­s­ge­halts der Kommunikationsgrundrechte,115 wie rich­ti­ger­wei­se ange­nom­men wird, dann ist schwer zu se- hen, war­um dies nicht auch für die wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit gel­ten sollte.116 In jedem Fall aber wür­de es eine Wer­tungs­schwel­le umschrei­ben, die kaum zu über­win­den ist. Denn es wäre erstaun­lich und vom Sach­be­reich her kaum nahe­ge­legt, dass die Schran- ken der Wis­sen­schafts­frei­heit enger sind, als die der an- deren Medi­en­frei­hei­ten, die nicht vor­be­halt­los garan- tiert sind. Auch die­je­ni­gen, die inso­weit zwi­schen der Pres­se­frei­heit und der Wis­sen­schafts­frei­heit tren­nen, müss­ten die Fra­ge beant­wor­ten, ob nicht schon des­we- gen, weil Wis­sen­schaft­ler als Inhalts­lie­fe­ran­ten die­nen, die der Pres­se­frei­heit vor­ge­la­ger­te Ebe­ne eben­falls dem Zen­sur­ver­bot unter­fal­len würde.117

114 Vgl. Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 187 ff.

  1. 115  Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er (Fn. 119), Rn. 170; für die SchweizThurn­herr, Bio­se­cu­ri­ty (Fn. 50), S. 54 ff, die aller­dings eine Abwä- gung aus sys­te­ma­ti­schen Grün­den nach Maß­ga­be der Schwei­zer Ver­fas­sung für mög­lich hält.
  2. 116  Für die Kunst­frei­heit BVerfG, 27.11.1990, 1 BvR 402/87, BVerfGE 83, 130 (155); für die Wis­sen­schafts­frei­heit Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er (Fn. 119), Rn. 173; Beth­ge, in: Sachs (Hrsg.), GG, 7. Aufl., 2014, Art. 5 Rn. 129; Feh­ling, GG (Fn. 66), Rn. 713; für die Schweiz auf­grund einer ande­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Lage anders Thurn­herr, Bio­se­cu­ri­ty (Fn. 50), S. 54 ff.
  3. 117  Zum Pro­blem der Dritt­wir­kung vgl. Beth­ge, GG (Fn.116), Rn. 133.

Ver­brei­tet wird bei den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­hei­ten auch die Tätig­keit von Ver­mitt­lern ein­be­zo­gen. Das dürf­te von der jewei­li­gen grund­recht­li­chen Aus­ge­s­tal- tung abhän­gen. Der Sache nach wird man bestimm­te, für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Sys­tems rele­van­te Ein- rich­tun­gen mit in die Wis­sen­schafts­frei­heit ein­be­zie- hen.118 Für die Auf­nah­me der Fach­pu­bli­ka­tio­nen spricht schon die Über­le­gung, dass die­se unver­zicht­ba­rer Be- stand­teil der Funk­ti­ons­wei­se des Wis­sen­schafts­sys­tems sind. Von daher sind sie in die Frei­heit der Wis­sen­schaft ein­zu­be­zie­hen. Andern­falls gilt das Zen­sur­ver­bot des Art. 5 Abs. 1 S. 3 GG für Pres­se­er­zeug­nis­se ohnehin.

Aller­dings wird die Ein­be­zie­hung von Ver­mitt­lungs- funk­tio­nen nur gegen­über einem prä­ven­ti­ven Prüf­ge­bot von staat­li­chen Stel­len beein­träch­tigt, nicht wenn sie Fol- ge pri­va­ter Selbst­re­gu­lie­rung ist.119 Hier kann den Staat aller­dings eine objek­tiv-recht­li­che Ver­pflich­tung zur Of- fen­hal­tung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge treffen.120 Dies auch für den Fall, dass auf­grund vor­aus­ei­len­den Gehor- sams zen­tra­le Publi­ka­tio­nen Selbst­be­schrän­kun­gen aus eben den Grün­den vor­neh­men, die vor Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG kei­nen Bestand haben. Publi­ka­ti­ons­ein­schrän­kun- gen for­mell pri­va­ter, mate­ri­ell aber staat­lich (fast) voll- stän­dig finan­zier­ter For­schungs­ein­rich­tun­gen – wie der DFG, Max-Planck-Gesell­schaft, Tei­len der Helm­holtz- Gesell­schaft oder der Leib­niz-Gesell­schaft – sind nicht in die­sem Sin­ne pri­va­te Ein­rich­tun­gen, son­dern sol­che, die ent­we­der dem Staat zure­chen­bar sind oder bei denen zumin­dest auf­grund der Finan­zie­rung und des Ein­flus- ses eine staat­li­che Ver­ant­wor­tung für die Ein­hal­tung der frei­heit­li­chen Stan­dards besteht.121

VI. Rah­men­be­din­gun­gen der Forschungsförderung

Immer wie­der fin­det sich der Hin­weis, dass Begren­zun- gen der For­schungs­för­de­rung unter dem Stich­wort Bio­se­cu­ri­ty, sei die För­de­rung nun pro­gramm­ge­bun­den oder nicht, nicht als Ein­griff zu ver­ste­hen seien.122 Bei- spie­le für sol­che Gren­zen sind etwa die Bin­dung von

118 Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 120, 690 ff.; Löwer, Frei­heit
(Fn. 57), Rn. 19; Starck, in: v. Mangoldt/Klein/Starck, GG, 6. Aufl., 2010, Art. 5 III Rn. 405.

119 Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er (Hrsg.), GG-Kom­men­tar Bd. I, 3. Aufl., 2013, Art. 5 I, II, Rn. 174 mwN.

120 Schmidt-Aßmann, Free Access to Rese­arch Fin­dings and its Limi- tati­ons, in: H. Novot­ny et al., The Public Natu­re of Sci­ence under Ass­ault, 2005, S. 109, 113 ff.

121 Zu der unter­schied­li­chen Aus­prä­gung der staat­li­chen Ver­ant­wor­tung vgl. Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 215 ff., 523 ff., 560 ff., 678 ff.

122 Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 180.

114 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

Gel­dern für bestimm­te GOF-For­schun­gen an Rele­vanz- kri­te­ri­en (nur, wenn ein wahr­schein­li­cher Ertrag für Aspek­te der öffent­li­chen Gesund­heit zu erwar­ten ist),123 die Bin­dung an Codes of Con­duct oder an die Voten von „Ethik“- oder Risi­ko­kom­mis­sio­nen (DURC-Kom­mis­si- onen), um nur eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen. In die­ser All- gemein­heit ist Behaup­tung einer grund­recht­li­chen Irre- levanz einer „nur“ kon­di­tio­nier­ten För­de­rung indes unzureichend.124

Rich­tig ist, dass staat­li­che Leis­tun­gen zunächst ein- mal die Frei­heits­aus­übung ermög­li­chen oder begünsti- gen und inso­fern nicht als Ein­griff zu the­ma­ti­sie­ren sind; dies jeden­falls solan­ge die Annah­me als frei­wil­lig ange­se- hen wer­den kann. Für den Bereich der staat­lich ein­ge- rich­te­ten For­schung, etwa an den Hoch­schu­len, wird man indes zum einen die Ver­pflich­tung des Staa­tes zur Ein­rich­tung frei­er Wis­sen­schaft eben­so berück­sich­ti­gen müs­sen, wie die Absen­kung der Grund­fi­nan­zie­rung der Ein­rich­tun­gen, um deren Ori­en­tie­rung an den Pro­gram- men exter­ner Mit­tel­ge­ber anzureizen.125 Ob unter die- sen Bedin­gun­gen, die stets eine Mischung von Teil­ha­be an den insti­tu­tio­nel­len Grund­mit­teln und den Bedin- gun­gen exter­ner Gover­nan­ce durch För­der­ein­rich­tun­gen noch von einer Frei­wil­lig­keit gespro­chen wer­den kann, müss­te im Hin­blick auf jedes wis­sen­schaft­li­che Feld ge- son­dert unter­sucht wer­den. Das mag hier dahin­ste­hen. Aber es zeigt, dass selbst im Hin­blick auf die Frei­wil­lig- keit nicht unbe­se­hen alte dog­ma­ti­sche Gewiss­hei­ten wei­ter­ge­tra­gen wer­den können.

Unge­ach­tet die­ser Ein­schrän­kun­gen sind es aller- dings die Len­kungs­wir­kun­gen der Sub­ven­tio­nen, die nicht nur durch die eben genann­ten spe­zi­fi­schen Anreiz- struk­tu­ren ver­stärkt wer­den, die einer grund­recht­li­chen Recht­fer­ti­gung bedürfen.126 Sie kön­nen ab einer gewis- sen Inten­si­tät eine eigen­stän­di­ge und damit recht­fer­ti- gungs­be­dürf­ti­ge Belas­tung darstellen.127 Dies gilt zumal dann, wenn die Len­kungs­wir­kung auf der Grund­la­ge von „Selbst“regulierungen in Form von Ethik­ko­di­zes erfolgt, die ihrer­seits schon der Recht­fer­ti­gung bedürfen,128 deren

  1. 123  Vgl dazu bereits oben II. 1. a) aus der US-ame­ri­ka­ni­schen Debat- te etwa die Posi­ti­on des US Depart­ments of Health and Human Ser­vices Patterson/Tabak/Fauci/Collins/Howard, A Frame­work for Decisi­ons about Rese­arch with HPAI H5N1 Viru­ses, Sci­ence (339), 2013, S. 1036–1037.
  2. 124  Dazu bereits aus­führ­lich Tru­te, Die For­schung (Fn. 52) S. 632 ff.
  3. 125  Zu die­sen Steue­rungs­im­pul­sen vgl. Tru­te, Poli­ti­sche und recht- liche Steue­rung der Uni­ver­si­tä­ten, (i.E.); Trute/Pilniok, Von der­Or­di­na­ri­en- über die Gre­mi­en- zur Manage­ment­uni­ver­si­tät, in: Jan­sen (Hrsg.), Neue Gover­nan­ce der For­schung, 2009, S. 21 ff.; Sie­we­ke, Manage­ment­struk­tu­ren und out­pu­t­ori­en­tier­te Finan­zie- rung im Hoch­schul­be­reich, 2010.
  4. 126  Dazu aus­führ­lich bereits Lüb­be-Wolff, Die Grund­rech­te als Ein-

Wir­kung aber durch die Abhän­gig­keit von finan­zi­el­ler För- derung noch ein­mal ver­stärkt wer­den soll.

Dabei ist es in der Sache unpro­ble­ma­tisch, im Hin- blick auf die mög­li­che Beein­träch­ti­gung der Rechts­gü­ter durch die For­schung selbst auch Kri­te­ri­en einer Risi­ko- vor­sor­ge zur Anwen­dung zu brin­gen. Dies gilt auch für die Ein­rich­tung von Kom­mis­sio­nen, die frei­lich – wie im Fal­le der DURC-Kom­mis­si­on, die vom Deut­schen Ethi- krat vor­ge­schla­gen wird – vor allem als Risi­ko­be­wer- tungs­kom­mis­sio­nen zusam­men­ge­setzt sind und nicht als all­ge­mei­ne „Ethisierungs“-Kommissionen der For- schung. Dies unter­schei­det den Sach­be­reich von den Ethik-Kom­mis­sio­nen, die ein­ge­rich­tet wer­den, um ethi- sche Aspek­te der For­schung an Men­schen zu bewer­ten. Dar­um geht es hier gera­de nicht. Klar umschrie­be­ne Rechts­guts­kol­li­sio­nen der hier beschrie­be­nen Art sind kein all­ge­mei­nes Man­dat zur Eta­blie­rung von Ethi­sie- rungs­re­gi­men oder einer belie­bi­gen Kon­tex­tua­li­sie- rung.129

Mögen also im Hin­blick auf die Risi­ken der For- schung selbst Ein­schrän­kun­gen der Risi­ko­vor­sor­ge ge- recht­fer­tigt wer­den kön­nen, so ist dies ungleich schwie- riger im Hin­blick auf das gene­rier­te Wis­sen. Etwai­ge Ein­schrän­kun­gen tref­fen nicht die „Ver­ur­sa­cher“ son- dern wol­len Restrik­tio­nen im Hin­blick auf die gesell- schaft­li­che Nut­zung des Wis­sens durch­set­zen. In dem Maß, wie die­se Ein­schrän­kun­gen ange­sichts der distan- ten Beein­träch­ti­gungs­vor­gän­ge, der Unge­wiss­heit der tat­säch­li­chen Situa­ti­on und der Bedeu­tung der Publi­ka- tion für das Wis­sen­schafts­sys­tem nicht gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen, dür­fen sie auch nicht etwa För­de­rent- schei­dun­gen zugrun­de gelegt wer­den. Dies hat auch Vor­wir­kun­gen für die Kon­zep­ti­on etwai­ger pro­ze­du­ra­ler Vor­keh­run­gen, wie etwa der Ein­rich­tung von Kom­mis­si- onen (DURC-Kom­mis­sio­nen).

Aller­dings kön­nen För­der­ent­schei­dun­gen von der Ein­hal­tung der Anfor­de­run­gen von Codes of Con­duct, also etwa der Ein­hal­tung von Anfor­de­run­gen der guten wis­sen­schaft­li­chen Pra­xis, abhän­gig gemacht werden.

griffs­ab­wehr­rech­te, 1988, S. 267 ff., 271 ff.; Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 632 ff.; Breu­er, Staat­li­che Berufs­re­ge­lung und Wirt- schafts­len­kung, in: Isensee/Kirchhof (Hrsg.), HStR, Bd. VIII,
3. Aufl., 2010, § 171 Rn. 96 ff.

127 Vgl. dazu Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 635 f.
128 Aus­führ­lich zu den Ethik­ko­di­zes im For­schungs­be­reich und

ihrer Wir­kung Wilms, Die Unver­bind­lich­keit der Ver­ant­wor­tung. Ethik­ko­di­zes der Wis­sen­schaft im deut­schen, euro­päi­schen und inter­na­tio­na­len Recht, 2015, S. 134 ff.

129 Aus­führ­lich zu den ver­schie­de­nen For­men Schul­ze-Fie­litz, Respon­ses of the Legal Order to the Loss of Trust in Sci­ence, in: Novot­ny et al., The Public Natu­re of Sci­ence under Ass­ault, 2005, S. 63 ff.

Tru­te · Wis­sen­schafts­frei­heit in Zei­ten eines ent­grenz­ten Sicher­heits­dis­kur­ses 1 1 5

Dies jeden­falls inso­weit, wie die­se Ergeb­nis­se inner­wis- sen­schaft­li­cher Refle­xi­on sind, nicht aber dann, wenn sie exter­ne Anfor­de­run­gen an die Wis­sen­schaft umset­zen. Dann mögen sie als „Selbst­be­gren­zun­gen“ the­ma­ti­siert wer­den, dies ändert an ihrem Recht­fer­ti­gungs­be­darf nichts. Die­se wer­den sonst zu einem Ein­falls­tor eines Ethi­sie­rungs­re­gimes, das schwer zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren­de und nicht in jeder Hin­sicht zu recht­fer­ti­gen­de Anfor­de- run­gen stellt.130 Inso­weit hat die objek­tiv-recht­li­che Di- men­si­on der Grund­rech­te pro­ze­du­ra­le Vorwirkungen.

VII. Ethik­ko­di­zes: Selbst- oder Fremdregulierung?

Selbst­ver­ständ­lich kön­nen unter­halb der Schwel­le der For­schungs- und Publi­ka­ti­ons­ver­bo­te und ‑beschrän­kun- gen Maß­nah­men im Bereich der Risi­ko­vor­sor­ge vor­ge­se- hen wer­den, die den Pro­ble­men mit weni­ger ein­schnei­den- den Maß­nah­men ent­ge­gen­wir­ken wol­len. Inso­weit mag man dar­über nach­den­ken, die Selbst­re­fle­xi­ons­fä­hig­keit der Wis­sen­schaft durch Aus­bil­dungs­an­ge­bo­te und Refle­xi­ons- lastenzuverstärken,um–wieesderDeutscheEthikratnennt – eine cul­tu­re of respon­si­bi­li­ty zu schaffen.131 Auch mag dies im Rah­men eines For­schungs­ko­de­xes vor­ge­nom­men werden.

Eine Fol­gen­ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft­ler lässt sich in unter­schied­li­cher Wei­se ver­ste­hen und kon­zi­pie- ren. Dabei mar­kie­ren die recht­li­chen Gren­zen nur einen Bau­stein im Geflecht einer wis­sen­schaft­li­chen Fol­gen- verantwortung.132 Der Sache nach geht es ange­sichts der Asym­me­trie des Wis­sens zwi­schen der Wis­sen­schaft und ande­ren Teil­sys­te­men bzw. der Gesell­schaft dar­um, Mecha­nis­men der Fol­gen­re­fle­xi­on zu insti­tu­tio­na­li­sie- ren. Die­se kön­nen auf einer indi­vi­du­el­len Ent­schei­dung von Wis­sen­schaft­lern, der Selbst­re­gu­lie­rung der Dis­zi- pli­nen, Fach­ge­sell­schaf­ten oder For­schungs­ein­rich­tun- gen beru­hen oder recht­lich ange­reizt wer­den. Inso­weit ist eine Viel­zahl von Vari­an­ten denk­bar, die unter­schied- liche recht­li­che Pro­ble­me auf­wer­fen können.

  1. 130  Vgl. etwa Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 194, der alle öffent­li­chen und pri­va­ten För­de­rer dar­auf ver­pflich­ten möch­te, der nicht ein­mal das US-ame­ri­ka­ni­sche For­schungs- sys­tem folgt. Dies aber macht deut­lich, dass der Sache nach das Argu­ment, es han­de­le sich „nur“ um eine Ein­schrän­kung der För­de­rung, nicht beson­ders über­zeu­gend ist.
  2. 131  Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), 190 f.
  3. 132  Dazu Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 158 ff.
  4. 133  Dies gilt ins­be­son­de­re für die Ver­su­che, die vor­geb­lich weni­ger­grund­rechts­sen­si­ble För­de­rung der For­schung als Hebel zu nut­zen, um ansons­ten nicht durch­setz­ba­re For­schungs­ein­sch­rän- kun­gen oder ‑ver­bo­te durch­zu­set­zen. Nicht frei davon ist die Emp­feh­lung des Deut­schen Ethik­ra­tes, Bio­si­cher­heit (Fn. 6),
    S. 179 f. Ange­sichts der oben dar­ge­leg­ten recht­li­chen Rah­men- bedin­gun­gen der For­schungs­för­de­rung dürf­te dies deut­lich an ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen rühren.
  5. 134  Aus­führ­lich zu die­ser Pro­ble­ma­tik, Wilms, Unver­bind­lich­keit der Ver­ant­wor­tung (Fn. 128), S. 134 ff.; für das Schwei­zer Recht

Aus der Per­spek­ti­ve der Wis­sen­schafts­frei­heits­ga­ran- tie ist dabei im Aus­gangs­punkt wich­tig, dass nicht In- pflicht­nah­men bewirkt wer­den, die durch recht­li­che Re- gulie­run­gen so nicht erreicht wer­den könnten.133 Durch denBegriffderethischenVerantwortungderWissenschaft(ler) besteht die Gefahr einer inkre­men­ta­len Über­spie­lung recht­li- cher Gren­zen. Dabei wird man nicht umhin kön­nen, nach dem Stand der Grund­rechts­dog­ma­tik die Kodi­zes, je- den­falls dann, wenn sie nicht eine For­schungs­pra­xis wi- der­spie­geln und ratio­na­li­sie­ren, als mit­tel­ba­re Ein­grif­fe in die Wis­sen­schafts­frei­heit behan­deln zu müs­sen, wenn sie beschrän­ken­de Wir­kun­gen – die auch im nega­ti­ven Wert­ur­teil über eine For­schung lie­gen kön­nen – zur Fol- ge haben und dem Staat zure­chen­bar sind.134 Sie sind dann Fremd- und nicht Selbst­re­gu­lie­run­gen der Wis­sen- schaft.

Als unpro­ble­ma­tisch erwei­sen sich im Aus­gangs- punkt Appel­le an die indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung des Wis­sen­schaft­lers, die sei­ne Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit betonen.135 Anders wird dies schon dort, wo gesetz­lich begrün­de­te Refle­xi­ons­las­ten insti­tu­tio­na­li­siert wer- den.136 Auch wenn die Refle­xi­on zu den Wir­kun­gen der For­schung zur Eigen­ver­ant­wor­tung des Wis­sen­schaft- lers gehört, so ist dies ein Ein­griff, der aller­dings durch­aus gerecht­fer­tigt wer­den kann.137 Indes ist die- se Refle­xi­ons­last nicht unbe­grenzt, auch nicht was die Risi­ken der For­schung angeht. Ins­be­son­de­re wird man zwi­schen den Risi­ken der For­schung und denen der Ver­wen­dung des Wis­sens unter­schei­den müs- sen.138 Wie gese­hen ver­blei­ben im Hin­blick auf die Ver­wen­dung des Wis­sens erheb­li­che Unge­wiss­hei- ten,139 die sich nicht in abs­trak­te ethi­sche Ver­bo­te zu Las­ten der For­schung ummün­zen las­sen. Eben­so we- nig kann dies dazu füh­ren, dass – inso­weit mag man zwi­schen Ein­rich­tun­gen und ihrem Auf­trag dif­fe­ren- zie­ren müs­sen – umfas­sen­de Rele­vanz- und Nut­zen- erwä­gun­gen anzu­stel­len sind.140 Dies gilt dann natür-

auch Thurn­herr, Bio­se­cu­ri­ty (Fn. 50), S. 40 ff.; Deut­scher Ethikrat,

Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 140 f.
135 Am Ansatz­punkt DFG/Leopoldina, Wissenschaftsfreiheit

(Fn. 42), S. 10.
136 Fall­kon­stel­la­ti­on in BVerfG, 1.3.1978, 1 BvR 333/75, BVerfGE 47,

327 (363 ff.).
137 Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 161; Löwer, Frei­heit (Fn. 57),

Rn. 33 mwN.
138 Tru­te, Die For­schung (Fn. 52), S. 162 ff.
139 Dazu oben unter II. 1. d); nicht unpro­ble­ma­tisch daher DFG/

Leo­pol­di­na, Wis­sen­schafts­frei­heit (Fn. 42), S. 12, (auch die Fol­gen zu beden­ken, die von Drit­ten damit ver­ur­sacht wer­den kön­nen) soweit dies nicht allein den gut über­seh­ba­ren Kon­text der For- schung, die Auf­trag­ge­ber und Koope­ra­ti­ons­part­ner betrifft.

140 In der Sache ähn­lich Löwer, Frei­heit (Fn. 57), Rn. 33; zwei­fel­haft daher DFG/Leopoldina, Wis­sen­schafts­frei­heit (Fn. 42), S. 12 (Chan­cen der Forschung/Risiken für Rechtsgüter).

116 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 99–116

lich auch für alle insti­tu­tio­na­li­sier­ten For­men der Fol- genverantwortung.

Schwie­ri­ger erwei­sen sich die­je­ni­gen For­men von „Selbst“-verpflichtungen, die zum einen deut­lich auf mit­tel­ba­re Ver­bind­lich­keit durch Sank­tio­nen setzen141 und in ihrer Kon­se­quenz auf eine durch­gän­gi­ge Ethi­sie- rung der bio­si­cher­heits­re­le­van­ten Wis­sen­schaft abzie- len.142 Zwar ist es rich­tig, dass Raum für eine Ergän­zung des Rechts durch nicht­recht­li­che Ver­hal­tens­stan­dards in der deut­schen Rechts­ord­nung besteht. Das Pro­blem aber liegt dar­in, dass unter dem Label von Ver­ant­wor­tung und Selbst­re­gu­lie­rung letzt­lich eine Ein­schrän­kung der Wis­sen­schafts­frei­heit beab­sich­tigt (oder zumin­dest in Kauf genom­men) wird, die mit recht­li­chen Instru­men- ten so ein­fach nicht erreicht wer­den könnte.

Dies wür­de etwa für die Geneh­mi­gungs­pflich­ten von Publi­ka­tio­nen gel­ten, aber auch für die­je­ni­gen von For- schung, sofern die­se an sich in legi­ti­mer Wei­se betrie­ben wer­den könn­te. Inso­weit weckt es doch nicht uner­heb­li- che Zwei­fel, dass der Deut­sche Ethik­rat etwa die Wahl ange­mes­se­ner For­schungs­zie­le und For­schungs­me­tho- den fest­le­gen und die­se dann auch noch in einem deutsch­land­weit oder inter­na­tio­nal ein­heit­li­chen Kodex gere­gelt sehen möchte.143 Aber auch unter­halb die­ser Schwel­le wird man sich fra­gen müs­sen, wie­weit eine Ethi­sie­rung rei­chen kann. So ist bedenk­lich, wenn eine umfas­sen­de Abwä­gung in einem defi­nier­ten Bereich von For­schungs­vor­ha­ben statt­fin­den soll,144 Risi­ko-Nut­zen- erwä­gun­gen zu einem wesent­li­chen Kri­te­ri­um werden,

bei bestimm­ten Risi­ken ver­mu­tet wer­den soll, dass der Scha­den den Nut­zen über­wie­gen soll145 oder ein kon­ti­nu- ier­li­ches Moni­to­ring der bestimm­ter DURC-For­schungs­tä- tigkeitwährendderProjektdauererfolgensoll.146

VIII. Schluss

Dass die Wis­sen­schaft mit der Ver­än­de­rung ihrer For- schungs­pra­xis und den dar­aus fol­gen­den Risi­ken immer wie­der die Fra­ge nach der Abstim­mung mit ande­ren recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen auf­wirft, ist an sich nichts Neu­es. Von daher kann man auf gesi­cher­te grund- rechts­dog­ma­ti­sche Bestän­de zugrei­fen, ohne die nöti­gen Grenz­zie­hun­gen in einer unstruk­tu­rier­ten Abwä­gung auf­lö­sen zu müs­sen. Neu ist der nun­mehr beab­sich­tig­te Zugriff auf das pro­du­zier­te Wis­sen, dass inhi­biert wer- den soll, weil Drit­te davon einen malevo­len­ten Gebrauch machen könn­ten. Das trifft die Wis­sen­schafts­frei­heit in ihrem Kern und kann daher bes­ten­falls ein letz­tes Mit­tel sein, wo ande­re nicht aus­rei­chen. Dies setzt eine Ana­ly­se der mög­li­chen Gefähr­dun­gen vor­aus, nicht aber einen Über­bie­tungs­dis­kurs der Kon­struk­ti­on von Schre­ckens- szenarien.

Hans-Hein­rich Tru­te, Pro­fes­sur für Öffent­li­ches Recht. Medi­en- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht an der rechts- wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Einer der For­schungs­schwer­punk­te des Autors ist das Recht der Wissenschaft.

  1. 141  Vgl. etwa Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 182.
  2. 142  Vgl. noch­mals Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 183.
  3. 143  Vgl. Fn. 141, 142.
  4. 144  Der Deut­sche Ethik­rat ver­weist in sei­nem Vor­schlag auch auf den­aus den USA stam­men­den Kata­log an Agen­zi­en, der ganz offen- sicht­lich auf der Basis einer abs­trak­ten Gefähr­dung ent­wor­fen wur­de, ohne sich jedoch auf eine Agen­zi­en­lis­te fest­zu­le­gen; die­se soll von der neu ein­zu­rich­ten­den DURC-Kom­mis­si­on erar­bei­tet und fort­lau­fend ange­passt wer­den, vgl. Deut­scher Ethik­rat, Bio­si- cher­heit (Fn. 6), S. 195 f., 201 ff.
  5. 145  In Tei­len ver­tritt dies immer­hin der Deut­sche Ethik­rat, Bio­si- cher­heit (Fn. 6), S. 193, 197 f., sofern nicht ein direk­ter, kon­kre­ter und über­wie­gen­der Nut­zen für die Abwehr von Gefah­ren für das Leben oder die Gesund­heit von Men­schen wahr­schein­lich ist, in

Bezug auf sol­che GOF-For­schungs­vor­ha­ben, die zum Gegen- stand haben oder bei denen abzu­se­hen ist, dass die patho­ge­ne Wir­kung eines Mikro­or­ga­nis­mus so ver­stärkt wird, dass im Fal­le der Ver­brei­tung außer­halb des Labors die Gefahr der Epi­de­mie einer schwer­wie­gen­den Erkran­kung beim Men­schen gege­ben
ist. Deut­li­cher kann man die Wis­sens­asym­me­trie zulas­ten der Wis­sen­schaft nicht auf­span­nen. Wäh­rend man an sich ein­räu­men muss, dass man bezüg­lich des Miss­brauchs­ri­si­kos im Regel­fall über die blo­ße Mög­lich­keit nicht hin­aus kommt, soll bezüg­lich des Nut­zens dann eine direk­te, kon­kre­te und über­wie­gen­de ver- langt wer­den. Dass dies ein ange­mes­se­ner Aus­gleich sein könn­te, müss­te erst ein­mal begrün­det wer­den kön­nen; vgl. auch bereits oben bei Fn. 94.

146 Deut­scher Ethik­rat, Bio­si­cher­heit (Fn. 6), S. 193.