Menü Schließen
Klicke hier zur PDF-Version des Beitrags!

I. Fra­ge­stel­lung Seit dem 01.01.2019 haben Aus­zu­bil­den­de in den in §  1  Abs.   1 lit. c) TVA­öD-AT1 bzw. in der Anla­ge zu § 1 Abs. 1 S. 1 TVA‑L Gesundheit2 auf­ge­führ­ten betrieb­lich­schu­li­schen Gesund­heits­be­ru­fen, dar­un­ter etwa Phy­sio­the­ra­peu­ten, Logo­pä­den und MTA,3 die in den Anwen­dungs­be­reich der Tarif­ver­trä­ge fal­len, Anspruch auf Aus­bil­dungs­ent­gelt nach § 8 TVA­öD-AT i.V.m. § 8 Abs. 2 TVA­öD-BT Pfle­ge bzw. nach § 8 TVA‑L Gesund­heit. Die­se Aus­bil­dungs­ver­gü­tung wirkt sich auf den Anspruch auf Aus­bil­dungs­för­de­rung nach dem BAföG der Aus­zu­bil­den­den aus. Denn nach § 23 Abs. 3 BAföG wird sie als Ein­kom­men auf die Aus­bil­dungs­för­de­rung ange­rech­net. Aus­zu­bil­den­de, die vor­her Aus­bil­dungs­för­de­rung erhal­ten haben, sehen sich Rück­for­de­rungs­an­sprü­chen nach § 20 Abs. 1 S. 1 BAföG für den Bewil­li­gungs­zeit­raum (d.h. in der Regel seit Okto­ber 2018) aus­ge­setzt, soweit ihre Aus­bil­dungs­ver­gü­tung bei der Bean­tra­gung noch nicht berück­sich­tigt wur­de. Daher stellt sich die Fra­ge, ob es den Aus­zu­bil­den­den mög­lich ist, auf das Aus­bil­dungs­ent­gelt zu ver­zich­ten und sich so den Anspruch auf BAföG-Leis­tun­gen zu erhal­ten. Zivil­recht­lich ist ein sol­cher Ver­zicht als Erlass­ver­trag gem. § 397 Abs. 1 BGB mög­lich. Jedoch bestehen ver­schie­de­ne Beden­ken gegen die Wirk­sam­keit eines sol­chen Ver­tra­ges. Das BSG hat sich in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen bereits mit einem Ver­zicht auf Aus­bil­dungs­ver­gü­tung befasst.4 In die­sen Ent­schei­dun­gen ging es um Ver­zicht auf einen Teil der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung, um dem Kin­der­geld­be­rech­tig­ten den Anspruch auf Kin­der­geld zu erhal­ten. Der Anspruch war vom Unter­schrei­ten einer bestimm­ten Ein­kom­mens­gren­ze des Kin­des abhängig.5 In einer wei­te­ren Ent­schei­dung ging es um einen Anspruch auf Kin­der­zu­la­ge nach §  583  Abs.  3  S. 3 Reichs­ver­si­che­rungs­ord­nung (RVO).6 Das BSG erach­te­te den Ver­zicht auf Tei­le der Aus­bil­dungs­ver­gü­tung für wirk­sam und für die Gewäh­rung von Sozi­al­leis­tun­gen beacht­lich. Der vor­lie­gen­de, aktu­el­le Fall ist jedoch in eini­gen Gesichts­punk­ten anders zu bewer­ten: II. Arbeits­recht­li­che Zuläs­sig­keit des Ver­zichts 1. § 4 Abs. 4 S. 1 TVG Für tarif­ge­bun­de­ne Aus­zu­bil­den­de, deren Anspruch sich unmit­tel­bar aus dem Tarif­ver­trag ergibt, ist ein Ver­zicht gem. § 4 Abs. 4 S. 1 TVG nur in einem von den Tarif­ver­trags­par­tei­en gebil­lig­ten Ver­gleich zuläs­sig. § 4 Abs. 4 TVG fin­det kei­ne Anwen­dung auf Rech­te, die nur über eine arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me­klau­sel gelten.7 Für nicht tarif­ge­bun­de­ne Aus­zu­bil­den­de gilt die Beschrän­kung des § 4 Abs. 4 TVG daher nicht. 2. § 3 S. 2 MiLoG Das Min­des­lohn­ge­setz ist gem. § 22 Abs. 3 MiLoG nicht anwend­bar bei zu ihrer Berufs­aus­bil­dung Beschäf­tig­ten, sodass § 3 S. 2 MiLoG einem Ver­zicht nicht ent­ge­gen­steht. III. Sozi­al­recht­li­che Bewer­tung 1. Kein unzu­läs­si­ger Ver­trag zu Las­ten Drit­ter Das BSG hat zum teil­wei­sen Ver­zicht auf Aus­bil­dungs­ver­gü­tung mit dem Ziel einen Anspruch auf Kin­der­geld zu erhal­ten ent­schie­den, dass die­ser kei­nen unzu­läs­si­gen Ver­trag zu Las­ten Drit­ten darstellt.8 Unter die­ses Rechts­in­sti­tut Mile­na Her­big Unwirk­sam­keit des Ver­zichts auf Aus­bil­dungs­ver­gü­tung zum Erhalt von BAföG-Leis­tun­gen 1 Tarif­ver­trag für Aus­zu­bil­den­de des öffent­li­chen Diens­tes – All­ge­mei­ner Teil. 2 Tarif­ver­trag für Aus­zu­bil­den­de der Län­der in Gesund­heits­be­ru­fen. 3 Zur Ver­ein­fa­chung wird jeweils nur die männ­li­che Form aus­ge­schrie­ben, gemeint sind jedoch alle Geschlech­ter; vgl. Auf­zäh­lung der Aus­bil­dungs­be­ru­fe in § 1 Abs. 1 Buchst. c) TVA­öD AT. 4 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870; BSG, Urteil vom 30. Okto­ber 1990 – 10 RKg 1/90 –, SozR 3–5870 § 2 Nr 13; BSG, Urteil vom 12. April 2000 – B 14 KG 4/99 R –, SozR 3–5870 § 2 Nr 44; BSG, Urteil vom 27. Novem­ber 1986 – 5a RKnU 6/85 –, BSGE 61, 54–59, SozR 2200 § 583 Nr 5; vgl. auch BSG, Urteil vom 27. Novem­ber 1986 – 5a RKnU 6/85 –, BSGE 61, 54–59, SozR 2200 § 583 Nr 5. 5 Bis zum 31.12.2011 ent­hielt § 2 Abs. 2 S. 2 BKGG eine Rege­lung, nach der Kin­der nur zu berück­sich­ti­gen waren, wenn sie eine bestimm­te Gren­ze von Ein­kom­men und Bezü­gen die zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sind im Kalen­der­jahr nicht über­schrit­ten; vgl. Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­setz 2011 vom 1.11.2011, BGBl. I, S. 2131. 6 BSG, Urteil vom 27. Novem­ber 1986 – 5a RKnU 6/85 –, BSGE 61, 54- 59, SozR 2200 § 583 Nr 5; § 583 Abs. 3 S. 3 RVO ent­hielt eine ähn­li­che Rege­lung wie im Kin­der­geld­recht. 7 Löwisch/Rieble, TVG, 4. Aufl. 2017, Beck­OK ArbR/Giesen, 50. Ed. 1.12.2018, TVG § 4 Rn. 37; § 4 Rn. 672; Rich­ter ArbRAk­tu­ell 2015, 291. 8 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 20. Ord­nung der Wis­sen­schaft 2019, ISSN 2197–9197 196 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2019), 195–198 9 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 20. 10 BSG, Urteil vom 27. Novem­ber 1986 – 5a RKnU 6/85 –, BSGE 61, 54–59, SozR 2200 § 583 Nr 5, Rn. 13. 11 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 14. 12 Salt­je NZA 1990, 299, 304. 13 Salt­je NZA 1990, 299, 304. 14 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 15. 15 BSG, Urteil vom 27. Novem­ber 1986 – 5a RKnU 6/85 –, BSGE 61, 54–59, SozR 2200 § 583 Nr 5, Rn. 24. 16 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 21 17 KassKomm/Seewald, 101. EL Sep­tem­ber 2018, SGB I § 3 Rn. 12. 18 KassKomm/Seewald, 101. EL Sep­tem­ber 2018, SGB I § 3 Rn. 12; Knickrehm/Kreikebohm/Waltermann/Hänlein, 5. Aufl. 2017, SGB I § 10 Rn. 26; Sche­pers, Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz, 3. Aufl. 2016, Ein­lei­tung Rn. 9. 19 vgl. § 11 BAföG. 20 Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 22. Novem­ber 2000 – 7 S 608/00 –, Rn. 3, juris; Stopp in: Ramsauer/ Stall­baum BAföG, 5. Aufl. 2014, § 23 Rn. 36. fie­len nur Ver­trä­ge, durch die Drit­te unmit­tel­bar ver­pflich­tet wer­den, was nicht der Fall sei, da kei­ne unmit­tel­ba­re bür­ger­lich-recht­li­che Ver­pflich­tung zu Las­ten der Kin­der­geld zah­len­den Stel­le begrün­det werde.9 Die­se Argu­men­ta­ti­on ist auf den vor­lie­gen­den Fall über­trag­bar. Durch einen Ver­zicht wür­de kein Drit­ter unmit­tel­bar ver­pflich­tet. Es wür­den ledig­lich die tat­säch­li­chen Umstän­de geän­dert, wel­che für die Fest­stel­lung der Bedürf­tig­keit nach dem BAföG ent­schei­dend sind und erst dadurch wür­de ein Anspruch nach dem BAföG ent­ste­hen. 2. § 46 SGB I Nach § 46 Abs. 2 SGB I ist ein Ver­zicht auf Sozi­al­leis­tun­gen unwirk­sam, soweit durch ihn ande­re Per­so­nen oder Leis­tungs­trä­ger belas­tet oder Rechts­vor­schrif­ten umgan­gen wer­den. Die Norm betrifft ihrem Wort­laut nach einen Ver­zicht durch Erklä­rung gegen­über dem Sozi­al­leis­tungs­trä­ger, nicht den vor­lie­gen­den Fall eines Ver­zichts in Form eines Erlass­ver­tra­ges gem. § 397 Abs. 1 BGB über einen zivil­recht­li­chen Anspruch. Erwo­gen wer­den könn­te eine ana­lo­ge Anwen­dung, wel­che das BSG jedoch in Ent­schei­dun­gen zum Kin­der­geld abge­lehnt hat. Die Aus­bil­dungs­ver­gü­tung sei nicht mit einer Sozi­al­leis­tung vergleichbar,10 für eine ana­lo­ge Anwen­dung sei aber eine sozi­al­recht­li­che Ein­ord­nung des Arbeits­ver­hält­nis­ses erforderlich.11 Das BSG argu­men­tier­te hier also mit der feh­len­den ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge. Eine ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge könn­te mög­li­cher­wei­se bei Erlass­ver­trä­gen vor­lie­gen, in denen auf „sozi­al­leis­tungs­ähn­li­che Posi­tio­nen“ ver­zich­tet wird, wie auf die Lohn­fort­zah­lung des Arbeit­ge­bers im Krank­heits­fall, wel­che das­sel­be Risi­ko wie das Kran­ken­geld der Kran­ken­kas­se abdeckt.12 Ein solch ver­gleich­ba­rer Fall liegt hier aber nicht vor, da es sich beim Aus­bil­dungs­ent­gelt auch um eine Ver­gü­tung geleis­te­ter Arbeit und nicht nur um eine För­de­rung der Aus­bil­dung han­delt. Zudem müss­te neben einer ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge auch eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke vor­lie­gen. Davon ist jedoch nicht aus­zu­ge­hen, da der Gesetz­ge­ber durch­aus die Kom­pe­tenz gehabt hät­te, Aus­wir­kun­gen bür­ger­lich­recht­li­cher Hand­lun­gen auf das Sozi­al­recht im Sozi­al­ge­setz­buch zu regeln, das aber bewusst nicht getan hat.13 3. Umge­hung des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips In den Ent­schei­dun­gen des BSG zum Kin­der­geld und zur Kin­der­zu­la­ge, prüft das BSG, ob all­ge­mei­ne Grund­sät­ze des Sozi­al­rechts einem Ver­zicht entgegenstehen,14 ob eine miss­bräuch­li­che Rechtsausübung15 oder eine Nich­tig­keit wegen Sit­ten­wid­rig­keit gem. § 138 BGB vorliegt16 und ver­neint dies. Der vor­lie­gen­de Fall unter­schei­det sich jedoch inso­fern, als dass im Aus­bil­dungs­för­de­rungs­recht aus­drück­lich das sozi­al­recht­li­che Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip gilt. Zudem sind hier kei­ne star­ren Ein­kom­mens­gren­zen sta­tu­iert, wel­che das BSG wohl als unbil­lig emp­fand. a) Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip im Aus­bil­dungs­för­de­rungs­recht § 3 Abs. 1 SGB I bestimmt, dass ein Recht auf Aus­bil­dungs­för­de­rung besteht, wenn die hier­für erfor­der­li­chen Mit­tel nicht ander­wei­tig zur Ver­fü­gung ste­hen. Die­ser Grund­satz ist im BAföG auch in § 1 nie­der­ge­legt. Soweit die erfor­der­li­chen Mit­tel ander­wei­tig zur Ver­fü­gung ste­hen, besteht kein Bedarf an För­de­rung durch die Soli­dar­ge­mein­schaft der Steuerzahler.17 Es wird hier dem das gesam­te Sozi­al­recht durch­zie­hen­de Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip entsprochen.18 Im BAföG wird das Prin­zip u.a. in den Rege­lun­gen zur Ein­kom­mens­an­rech­nung in den §§ 21 – 25 BAföG kon­kre­ti­siert. Für die vor­lie­gen­de Fra­ge­stel­lung ist hier ins­be­son­de­re § 23 Abs. 3 des BAföG rele­vant, der regelt, dass die Ver­gü­tung aus einem Aus­bil­dungs­ver­hält­nis voll auf den Bedarf19 des Aus­zu­bil­den­den ange­rech­net wird. Dem Aus­zu­bil­den­den wird hier kein all­ge­mei­ner Frei­be­trag gewährt, weil ihm die Mit­tel gewis­ser­ma­ßen zwangs­läu­fig durch und für die Aus­bil­dung zuflie­ßen und nicht das Ergeb­nis beson­de­rer zusätz­li­cher Anstren­gun­gen sind, wel­che Aner­ken­nung durch einen Frei­be­trag ver­die­nen könnten.20 Durch die recht­li­che Gestal­tungs­mög­lich­keit eines Ver­zichts, wür­de der Aus­zu­bil­den­de kei­ne ander­wei­ti­gen Mit­tel mehr zur Ver­fü­gung haben, wel­che vor­ran­gig aus­zu­schöp­fen wären. Es könn­te zwar über­legt wer­den, Her­big· Unwirk­sam­keit des Ver­zichts auf Aus­bil­dungs­ver­gü­tung 197 21 BVerwG, Urteil vom 13. Janu­ar 1983 – 5 C 103/80 –, Rn. 24, juris. 22 BVerwG, Urteil vom 13. Janu­ar 1983 – 5 C 103/80 –, Rn. 24, juris. 23 BVerwG, Beschluss vom 19. Mai 2009 – 5 B 111/08 –, Rn. 2, juris. 24 So ver­steht auch OVG Lüne­burg, Beschluss vom 26. Sep­tem­ber 2018 – 4 LA 367/17 –, Rn. 5, juris vor­ge­nann­te Rspr. des BVerwG. 25 OVG Lüne­burg, Beschluss vom 26. Sep­tem­ber 2018 – 4 LA 367/17 –, Rn. 5, juris. 26 BVerwG, Urteil vom 13. Janu­ar 1983 – 5 C 103/80 –, Rn. 25, juris. 27 BSG, Urteil vom 28. Febru­ar 1990 – 10 RKg 15/89 –, BSGE 66, 238- 245, SozR 3–5870 § 2 Nr 4, Rn. 15. 28 VG Regens­burg, Gerichts­be­scheid vom 04. März 2013 – RO 9 K 12.2005 –, Rn. 21, juris; Baye­ri­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Febru­ar 2014 – 12 ZB 13.780 –, Rn. 8, juris. 29 Beck­OK SozR/Winkler, 51. Ed. 1.12.2018, BAföG § 20 Rn. 12. ob der Ver­zicht sich über­haupt auf die Anrech­nung nach § 23 Abs. 3 BAföG aus­wirkt. Die Norm könn­te so weit aus­ge­legt wer­den, dass das blo­ße Ent­ste­hen eines Anspruchs auf Ver­gü­tung aus­reicht, um die­sen als Ein­kom­men anzu­rech­nen. Dies wäre jedoch ein sehr wei­tes Ver­ständ­nis des Ein­kom­mens­be­griffs und des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips, da der Aus­zu­bil­den­de durch einen bereits erlo­sche­nen Anspruch sei­nen finan­zi­el­len Bedarf nicht decken kann. Ihm feh­len also die erfor­der­li­chen Mit­tel. Dem­nach hät­te der Aus­zu­bil­den­de kei­ne ander­wei­ti­gen, vor­ran­gi­gen Mit­tel mehr zur Ver­fü­gung. b) Rechts­miss­bräuch­li­che Umge­hung Für einen Fall der unent­gelt­li­chen Ver­mö­gens­über­tra­gung hat das BVerwG 1983 ent­schie­den, gera­de weil der Wert des über­tra­ge­nen Ver­mö­gens dem Aus­zu­bil­den­den für sei­nen Bedarf nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­he, han­de­le es sich um Rechtsmissbrauch.21 Unab­hän­gig von der bür­ger­lich-recht­li­chen Wirk­sam­keit der unent­gelt­li­chen Ver­mö­gens­über­tra­gung sei die för­de­rungs­recht­li­che Fol­ge, dass das über­tra­ge­ne Ver­mö­gen wei­ter­hin dem Aus­zu­bil­den­den zuge­rech­net und auf den Bedarf ange­rech­net werde.22 In die­sem Urteil ist das BVerwG zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass es im Aus­bil­dungs­för­de­rungs­recht die Rechts­fi­gur des Rechts­miss­brauchs gibt und danach dem Aus­zu­bil­den­den wei­ter­hin Ver­mö­gen zuge­rech­net wer­den kann, das er unent­gelt­lich und inso­weit rechts­miss­bräuch­lich an Drit­te über­tra­gen hat.23 Nun kann das Kri­te­ri­um der Unent­gelt­lich­keit als Vor­aus­set­zung für des Vor­lie­gen von Rechts­miss­brauch für den vor­lie­gen­den Fall nicht ein­fach über­nom­men wer­den. Es müs­sen noch wei­te­re Kri­te­ri­en erfüllt sein, andern­falls hät­te auch das BSG für den Fall des Ver­zichts auf Kin­der­geld Rechts­miss­brauch anneh­men müs­sen. Viel­mehr muss es dar­auf ankom­men, ob eine Ver­mö­gens­über­tra­gung oder – wie hier – ein Ver­zicht im Wider­spruch zu dem mit der Ver­mö­gens- oder Ein­kom­mens­an­rech­nung ver­folg­ten Geset­zes­zweck steht.24 Die­ser Zweck liegt hier in der Durch­set­zung des in § 1 BAföG ver­an­ker­ten Subsidiaritätsprinzips.25 Ein sol­cher Wider­spruch ist in den­je­ni­gen Fäl­len zu ver­nei­nen, in denen der Ver­zicht oder die Ver­mö­gens­über­tra­gung auch ande­ren Zwe­cken als der Umge­hung des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips dient. Dies ist in der Regel der Fall, wenn dem Ver­zicht oder der Ver­mö­gens­ver­fü­gung eine Gegen­leis­tung gegen­über­steht. Ein Bei­spiel hier­für ist der Fall, der Gegen­stand des Urteils des BVerwG von 1983 war, in dem der Aus­zu­bil­den­de mit der Über­tra­gung eines Bau­spar­gut­ha­bens an sei­nen Vater zuvor erhal­te­ne Unter­halts­leis­tun­gen ent­gol­ten hat.26 Im Fall des Ver­zichts auf Kin­der­geld muss­te eben­falls nicht von einem Wider­spruch zum Geset­zes­zweck aus­ge­gan­gen wer­den, da Zweck des Kin­der­gel­des auch der Fami­li­en­las­ten­aus­gleich ist und hier kei­ne Rege­lung wie § 1 BAföG bestand, die aus­drück­lich Nach­ran­gig­keit von Kin­der­geld normierte.27 c) Anwen­dung auf die hier zu beur­tei­len­de Fra­ge Für die hier zu beur­tei­len­de Fra­ge bedeu­tet das, dass sich die Aus­zu­bil­den­den gegen über dem Amt für Aus­bil­dungs­för­de­rung nicht auf einen Ver­zicht auf Aus­bil­dungs­ent­gelt beru­fen kön­nen, da die­ser im Hin­blick auf das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip rechts­miss­bräuch­lich wäre. Der Ver­zicht stün­de im Wider­spruch zu § 1 BAföG und im Spe­zi­el­len auch zu §  23  Abs.  3 BAföG. Der Wider­spruch kann nicht des­halb ver­neint wer­den, weil der Ver­zicht noch einen ande­ren Zweck hät­te oder die Nor­men selbst auch noch wei­te­ren Zwe­cken dien­ten, die hier nicht berührt wären, denn sol­che Zwe­cke sind hier nicht ersicht­lich. IV. Fazit Der Ver­zicht auf Aus­bil­dungs­ver­gü­tung zum Erhalt von BAföG-Leis­tun­gen ist unwirk­sam. Die­ses Ergeb­nis ist für die betrof­fe­nen Aus­zu­bil­den­den, die vor­her Aus­bil­dungs­för­de­rung nach dem BAföG erhal­ten haben und nun (rück­wir­kend) für den aktu­el­len Bewil­li­gungs­zeit­raum ihren Anspruch auf Aus­bil­dungs­för­de­rung ver­lie­ren, unbe­frie­di­gend, vom Gesetz­ge­ber aber in Kauf genom­men – auch wenn es sich hier um eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on han­delt, die nur auf­grund der Ände­rung des Tarif­ver­tra­ges ein­ge­tre­ten ist. Aller­dings hat der Gesetz­ge­ber Fäl­le, in denen sich die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se der Aus­zu­bil­den­den im Lau­fe des Bewil­li­gungs­zeit­raums ändern in begrenz­tem Umfang sehr wohl berück­sich­tigt. Mög­lich ist ein Antrag auf Stun­dung, Nie­der­schla­gung, Erlass oder Raten­zah­lung beim Amt für Ausbildungsförderung.28 Hier hat das Amt für Aus­bil- 198 O RDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2019), 195–198 dungs­för­de­rung ein Ermes­sen im Rah­men der haus­halts­recht­li­chen Bestimmungen.29 Mile­na Her­big ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Foschungs­stel­le für Hoch­schul­ar­beits­recht der Albert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg, Prof. Dr. Dr. h.c. Man­fred Löwisch.