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I. Ein­füh­rung

Auf die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines Hoch­schul­leh­rers hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Baden- Würt­tem­berg (VerfGH BW) zen­tra­le Rege­lun­gen im dor­ti­gen Lan­des­hoch­schul­ge­setz (LHG BW) über die Kom­pe­ten­zen von Rek­to­rat, Hoch­schul­rat und Senat für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt:

„Eine Gesamt­ab­wä­gung der Befug­nis­se des Rek­to­rats und des Senats [lässt] ein star­kes kom­pe­tenz­recht­li­ches Über­ge­wicht des Rek­to­rats erken­nen, das ohne aus­glei- chen­de Krea­ti­ons- und Abbe­ru­fungs­be­fug­nis­se der ge- wähl­ten Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer im Senat zu einer struk­tu­rel­len Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit [führt]“1

Die­ses Dik­tum ist umso bemer­kens­wer­ter, als es sich auf eine Geset­zes­no­vel­le von 2014 bezieht, mit der die dama­li­ge grün-rote Mehr­heit in Stutt­gart die Kom­pe­ten- zen des Senats zu Las­ten vor allem des Hoch­schul­ra­tes gera­de etwas erwei­tert hatte.2 Nach Auf­fas­sung des Ver- fas­sungs­ge­richts­hofs ging die­se Erhö­hung des Par­ti­zi­pa- tionsniveaus3 gegen­über der kon­ser­va­tiv-libe­ra­len Vor- gän­ger­ver­si­on jeden­falls für die Hoch­schul­leh­rer noch nicht weit genug.

Am Anfang der mate­ri­ell-recht­li­chen Aus­füh­run­gen steht ein recht knapp gehal­te­ner Maßstäbeteil,4 bei dem

* Für wert­vol­le Hin­wei­se und Recher­che zur Orga­ni­sa­ti­ons­psy- cho­lo­gie dan­ke ich mei­ner stu­den­ti­schen Hilfs­kraft Johan­nes Brink­schmidt, bei den Nach­wei­sen außer­dem mei­nem wiss. Mit. Nico Schrö­ter und mei­ner stu­den­ti­schen Hilfs­kraft Phi­li­ne Duwe.

  1. 1  VerfGH BW, Urteil v. 14.11.2016, 1 VB 16/15, juris Rn.
    163; auch abruf­bar auf der Home­page des Gerichts (https:// verfgh.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m‑stgh/ dateien/161114_1VB16-15_Urteil.pdf) sowie unter Beck­RS 2016, 54632 (mit ande­rer Randnummernzählung).
  2. 2  Begrün­dung des Gesetz­ent­wurf der Lan­des­re­gie­rung für ein drit­tes Gesetz zur Ände­rung hoch­schul­recht­li­cher Vor­schrif­ten (Drit­tes Hoch­schul­rechts­än­de­rungs­ge­setz – 3. HRÄG), LT-Drs. BW 15/4684 S. 188 (Zu § 19, Zu Absatz 1, Zu Satz 2, Zu Num­mer 3); Wür­ten­ber­ger, Zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Rege­lun­gen der Hoch­schul­lei­tung im Lan­des­hoch­schul­ge­setz von Baden-Würt- tem­berg, OdW 2016, S. 1.

wie im gesam­ten Urteil der hin­rei­chen­de Ein­fluss der Hoch­schul­leh­rer auf die wis­sen­schafts­re­le­van­ten Ent- schei­dun­gen ganz im Vor­der­grund steht, ande­re (Par­ti- zipations-)Aspekte sogar voll­stän­dig in den Hin­ter­grund drän­gend. Im Anschluss setzt sich der Ver­fas­sungs­ge- richts­hof detail­liert mit den ein­zel­nen Kom­pe­ten­zen des Rek­to­rats und den jeweils kor­re­spon­die­ren­den Rech­ten des Senats und dabei wie­der­um zen­tral der dor­ti­gen Hoch­schul­leh­rer­grup­pe auseinander.5 Den „erheb­li­chen wis­sen­schafts­re­le­van­ten Befug­nis­sen des Rek­to­rats [stün­den] kei­ne hin­rei­chen­den pro­zes­sua­len“ – gemeint: pro­ze­du­ra­len – „Mit­wir­kungs- oder Sach­ent­schei­dungs- befug­nis­se des Senats gegenüber“.6 Auch die kol­le­gia­le Zusam­men­set­zung des Rek­to­rats kön­ne die Wis­sen- schafts­ad­äquanz sei­ner Ent­schei­dun­gen nicht hin­rei- chend schützen.7 Die­se Ein­zel­ana­ly­se berei­tet eine Wür- digung des Gesamt­ge­fü­ges der Kom­pe­tenz­ver­tei­lung vor, in die das Gericht auch die Zustän­dig­kei­ten des Hoch­schul­rats mit einbezieht8 und einen sehr knap­pen Sei­ten­blick auf die dezen­tra­le (Fakultäts-)Ebene wirft.9 Da inso­weit noch kein hin­rei­chen­des Niveau der Par­ti­zi- pati­on für die Wis­sen­schaft­ler und im Beson­de­ren die Hoch­schul­leh­rer erreicht wer­de, kom­me es entsch­ei- dend dar­auf an, ob die star­ke Stel­lung des Rek­to­rats durch hin­rei­chen­de Krea­ti­ons- und Abbe­ru­fungs­rech­te des Senats und der dort ver­tre­te­nen Hoch­schul­leh­rer kom­pen­siert wird, was der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof je- doch verneint.10

3 Zu die­sem Maß­stab BVerfG, Beschluss v. 20.7.2010, 1 BvR 749/06, E 127, 87, 117; zurück­ge­hend auf Feh­ling, Neue Her- aus­for­de­run­gen an die Selbst­ver­wal­tung in Hoch­schu­le und Wis­sen­schaft, Die Ver­wal­tung 35 (2002), S. 399, 403 f.; sie­he auch Bum­ke, Uni­ver­si­tä­ten im Wett­be­werb, VVDStRL 69 (2010), S. 407, 444 f.

Micha­el Fehling

Unzu­rei­chen­de Kom­pe­ten­zen des Senats
im refor­mier­ten Lan­des­hoch­schul­ge­setz Baden- Würt­tem­berg? – Anmer­kun­gen zum Urteil des VerfGH BW vom 14. Novem­ber 2016*

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2017, ISSN 2197–9197

4 VerfGH BW 5 VerfGH BW 6 VerfGH BW

135.
7 VerfGH BW

140.
8 VerfGH BW

9 VerfGH BW 10 VerfGH BW

(Fn. 1), juris Rn. 83–92.
(Fn. 1), juris Rn. 93–125.
(Fn. 1), juris Rn. 126, im Ein­zel­nen sodann Rn. 127-

(Fn. 1), juris Rn. 136, im Ein­zel­nen sodann Rn. 137-

(Fn. 1), juris Rn. 141–152. (Fn. 1), juris Rn. 153. (Fn. 1), juris Rn. 154–162.

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Obwohl for­mal das Lan­des­ver­fas­sungs­recht den Maß­stab bil­de­te und die Bin­dungs­wir­kung auf Baden- Würt­tem­berg begrenzt bleibt, ist die Argu­men­ta­ti­on des Gerichts doch bun­des­weit von Inter­es­se. Denn Art. 2 Abs. 1 LV BW inkor­po­riert die Bun­des­grund­rech­te ein- schließ­lich Art 5 Abs. 3 GG; jeden­falls rhe­to­risch hat sich das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt denn auch die abs­trak­ten Maß­stä­be des BVerfG expli­zit zu Eigen gemacht.11 Bei nähe­rem Hin­se­hen wird sich aller­dings zei­gen, dass der VerfGH BW an ent­schei­den­den Stel­len die Akzen­te doch etwas anders setzt, als dies das BVerfG beson­ders in sei- nen jün­ge­ren Leit­ent­schei­dun­gen zum Ham­bur­ger Hochschulgesetz12 und zur Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Hannover13 getan hat.

In man­chen Details legt das Urteil durch­aus über­zeu- gend dar, dass die Kom­pe­ten­zen des Senats immer noch pro­ble­ma­tisch gering blei­ben, doch lei­det schon die Ein- zel­ana­ly­se in zen­tra­len Punk­ten an metho­di­schen Defi- ziten (sogleich II.). Dar­über hin­aus ver­dient die Ent- schei­dung ins­ge­samt sowohl bei eini­gen ver­fas­sungs- dog­ma­ti­schen Eck­punk­ten (III.) als auch aus über­grei- fen­der Per­spek­ti­ve (IV.) Kri­tik. Als Kon­se­quenz des Urteils muss der Lan­des­ge­setz­ge­ber bei den Kom­pe­ten- zen des Senats und dem Ein­fluss der dort ver­tre­te­nen Hoch­schul­leh­rer nun nach­bes­sern, behält dafür aber ver­schie­de­ne Optio­nen (V.).

II. Zu ein­zel­nen Kompetenzen

1. Über­zeu­gen­de Ana­ly­se ein­zel­ner Kom­pe­tenz­de­fi­zi­te des Senats

In zwei Punk­ten legt das Urteil über­zeu­gend dar, dass hier, iso­liert betrach­tet, der Senat kei­nen hin­rei­chen­den Ein­fluss besitzt. Nach­voll­zieh­bar erscheint fer­ner die Skep­sis, ob die kol­le­gia­le Struk­tur des Rek­to­rats wirk­lich Par­ti­zi­pa­ti­ons­de­fi­zi­te des Senats kom­pen­sie­ren kann,14

  1. 11  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 82, wonach „[d]ie Aus­sa­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Bedeu­tungs­ge­halt der Wis­sen­schafts­frei­heit vom Ver­fas­sungs­ge- richts­hof bereits in sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung über­nom- men [wur­den]“; aller­dings klingt eine gewis­se Rela­ti­vie­rung in der fol­gen­den For­mu­lie­rung an, die in Art. 20 LV garan­tier­te Wis­sen­schafts­frei­heit sei „im Lich­te der Recht­spre­chung des Bun- des­ver­fas­sungs­ge­richts zu Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG auszulegen“.
  2. 12  BVerfGE 127, 87 ff.
  3. 13  BVerfG, Beschluss v. 24.6.2014, 1 BvR 3217/07, E 136, 338 ff.
  4. 14  So all­ge­mein auch Groß, Kol­le­gi­al­prin­zip und Hoch­schul­selbst-ver­wal­tung, DÖV 2016, S. 449, 451.
  5. 15  Dar­auf für sei­ne Gegen­auf­fas­sung hin­wei­send Wür­ten­ber­ger(Fn. 2), OdW 2016, S. 1, 7 f.; vgl. all­ge­mei­ner auch Kraus­nick,Staat und Hoch­schu­le im Gewähr­leis­tungs­staat, 2012, S. 449 f.
  6. 16  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 136 f.
  7. 17  Beson­ders deut­lich BVerfGE 136, 338, Rn. 71, dar­auf nimmt

denn dafür bleibt die Mit­glie­der­zahl des Rek­to­rats wohl regel­mä­ßig – trotz Mög­lich­keit der per­so­nel­len Auf­sto- ckung mit­tels Bestim­mung in der Grund­ord­nung (§ 16 Abs. 1 Satz 3 LHG)15 – zu schmal.16

a) Haus­halts­auf­stel­lung und finanz­wirk­sa­me Zielvereinbarungen

Bei der Auf­stel­lung des Ent­wurfs des Haus­halts­vor­an- schlags bzw. des Wirt­schafts­plans sowie bei finan­zie- rungs­re­le­van­ten Ziel­ver­ein­ba­run­gen und Hoch­schul- ver­trä­gen besitzt der Senat nur ein for­mal sehr schwa- chesRechtzurStellungnahme(§19Abs.1Satz2Nr.4 bzw. 5 LHG BW), obwohl Finan­zie­rungs- und ins­be- son­de­re Finanz­ver­tei­lungs­fra­gen als in hohem Maße wis­sen­schafts­re­le­vant aner­kannt sind.17

Ver­fas­sungs­recht­lich sind sie im Koope­ra­ti­ons­be- reich von Staat und Hoch­schu­le angesiedelt.18 Auf der einen Sei­te recht­fer­tigt die demo­kra­ti­sche Bud­get­ver- ant­wor­tung hier einen hohen Staats­ein­fluss: Frü­her mit­tels direk­ter Steue­rung über den Haus­halt des Lan- des nebst Fach­auf­sicht und heu­te im Para­dig­ma des Neu­en Steue­rungs­mo­dells bei Glo­bal­haus­hal­ten der Hoch­schu­le (vgl. § 13 Abs. 3 LHG BW) in ers­ter Linie mit­tels Ziel- und Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen sowie durch die Staats­ver­tre­ter im Hochschulrat.19 Auf der ande­ren Sei­te bedarf es aber auch sub­stan­ti­el­ler Mit- wir­kungs­rech­te der Wis­sen­schaft­ler, um struk­tu­rel­le Gefähr­dun­gen ihrer Frei­heit durch den „gol­de­nen Zügel“ auszuschließen.20 Ten­den­zi­ell muss der staat­li- che Ein­fluss umso grö­ßer sein, je mehr es um das Fi- nan­zie­rungs­vo­lu­men als sol­ches und um grund­le­gen- de Hoch­schul­struk­tur­fra­gen geht; dage­gen muss der Ein­fluss der Wis­sen­schaft­ler auf finanz­wirk­sa­me Ent- schei­dun­gen in dem Maße wach­sen, in dem die kon- kre­te wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung des ein­zel­nen Wis- sen­schaft­lers betrof­fen ist.

VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 92 aus­drück­lich Bezug; aber auch schon BVerfGE 127, 87, 124; BVerfG, Urteil v. 29.5.1973, 1 BvR 424/71 u. 325/72, E 35, 79, 123. Weni­ger klar Bay­VerfGH, Ent- schei­dung v. 7.5.2008, VfVII-06, NVwZ 2009, S. 177, 179.

18 Statt vie­ler Feh­ling, in: Bon­ner Kom­men­tar zum GG, 110. Lfg. März 2004, Art. 5 Abs. 3 (Wis­sen­schafts­frei­heit), Rn. 228, 236, 237; Britz, in: Drei­er (Hrsg.), GG-Kom­men­tar, Bd. 1, 3. Aufl. 2013, Art. 5 IIII (Wis­sen­schaft) Rn. 75; Mager, Die Uni­ver­si­tät im Zei­chen von Öko­no­mi­sie­rung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung, VVDStRL 65 (2006), S. 274, 283.

19 Zu die­sem Wan­del zusam­men­fas­send Feh­ling, Hoch­schu­le, in: Fehling/Ruffert (Hrsg.), Regu­lie­rungs­recht, 2010, § 17 Rn. 47,
60 ff., 82; ein­ge­hend Sie­we­ke, Manage­ment­struk­tu­ren und out­put- ori­en­tier­te Finan­zie­rungs­struk­tu­ren im Hoch­schul­be­reich, 2010, S. 24 ff.; Kraus­nick (Fn. 15), insb. S. 70 ff. u. 458 ff.

20 Statt vie­ler Feh­ling (Fn. 3), Die Ver­wal­tung 35 (2002), S. 399, 418; vgl. auch Groß (Fn. 14), DÖV 2016, S. 449, 553.

Feh­ling · Anmer­kung zu VerfGH BW, Urteil v. 14.11. 2016, 1 VB 16/15 6 5

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint die blo­ße Befug- nis zur Stel­lung­nah­me, iso­liert betrachtet,21 sehr wenig. Die Mit­wir­kung von Hoch­schul­ver­tre­tern im Hoch- schul­rat, der den Ent­wurf des Haus­halts- bzw. Wirt- schafts­plans beschließt (§ 20 Abs. 1 Satz 4 Nr. 3 LHG BW) und den vom Rek­to­rat mit dem Minis­te­ri­um abge­schlos- senen Ziel­ver­ein­ba­run­gen und Hoch­schul­ver­trä­gen zu- stimmt (§ 20 Abs. 1 Satz 4 Nr. 4 LHG BW), ver­mag die schwa­che Stel­lung des Senats nur in gerin­gem Maße zu kom­pen­sie­ren, weil die Hoch­schul­sei­te und erst recht die Hoch­schul­leh­rer dort nur in einer Min­der­heit durch inter­ne (Senats-)Mitglieder ver­tre­ten sind (vgl. § 20 Abs. 5 LHG BW).

Aller­dings hat dies nicht auto­ma­tisch die Ver­fas­sungs- wid­rig­keit zur Fol­ge. Viel­mehr müs­sen, wie auch das Urteil betont, die Ein­wir­kungs­mög­lich­kei­ten des Senats im Ge- samt­ge­fü­ge bewer­tet wer­den. Dies führt ins­be­son­de­re zu der unten (2.) näher zu betrach­ten­den Fra­ge nach der Steu- erungs­kraft der Struk­tur- und Entwicklungsplanung.

b) Mög­lich­keit der Abwahl der haupt­amt­li­chen Rektoratsmitglieder

In der Logik des neu­en Steue­rungs­mo­dells las­sen sich ver- min­der­te eige­ne Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen der Kol­le­gi­al- orga­ne in gewis­sem Umfang durch ver­mehr­te Kon­troll- rech­te kompensieren.22 Mit Blick auf das Par­ti­zi­pa­ti­ons­ni- veau, das – in Par­al­le­le zum Legi­ti­ma­ti­ons­ni­veau – nur in einer Gesamt­be­trach­tung ermit­telt wer­den kann, ist dies durch­aus kon­se­quent. Aller­dings blei­ben Kontrollrechte,

  1. 21  Bei­läu­fig sta­tu­iert, wohl als gebo­te­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Hand- habung gemeint, aller­dings Sand­ber­ger, Lan­des­hoch­schul­ge­setz Baden-Würt­tem­berg, 2. Aufl. 2015, § 19 Rn. 3 a.E., der Hoch- schul­rat dür­fe sich bei Ent­schei­dun­gen, die „den Kern­be­reich der Wis­sen­schafts­frei­heit betref­fen, zu denen […] Grund­sät­ze der Mit­tel­ver­wen­dung zäh­len, […] nicht über begrün­de­te Ein­wän­de des Senats hinwegsetzen“.
  2. 22  Aner­kannt seit BVerfG, Beschluss v. 26.10.2004, 1 BvR 911, 927, 928/00, E 111, 333, 356; beson­ders deut­lich BVerfGE 136, 338, Rn. 60; vgl. schon Feh­ling (Fn. 3), Die Ver­wal­tung 35 (2002),
    S. 399, 418.
  3. 23  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 161.
  4. 24  BVerfGE 127, 87, 130 f., dort frei­lich auf die wis­sen­schafts­nä­he-re Fakul­täts­ebe­ne (Abwahl des Dekans) bezo­gen, in BVerfGE 136, 338, Rn. 95 ist inso­weit nicht mehr von Hoch­schul­leh­rern, son­dern all­ge­mei­ner von „Wis­sen­schaft­lern und Wis­sen­schaft­le- rin­nen“ die Rede. Sie­he dazu auch unten III. 1. mit Fn. 45–49.
  5. 25  Kon­kret auf das 2/3‑Quorum im LHG BW bezo­gen Wür­ten­ber­ger (Fn. 2), OdW 2016, S. 1, 15; vgl. auch ders./Krohn, Abwahl des Rek­tors einer Hoch­schu­le – Beschluss des VGH Baden-Würt­tem- berg vom 26.2.2016, OdW 2016, S. 203, 204 f.
  6. 26  BVerfGE 111, 333, 363 („jeden­falls mit­tel­bar“); zustim­mend Kahl, Hoch­schul­rä­te – Demo­kra­tie­prin­zip – Selbst­ver­wal­tung, AöR 130 (2005), S. 225, 257 f.
  7. 27  Die Ver­fas­sungs­recht­spre­chung hat­te einen beson­de­ren Wis­sen- schafts­be­zug der Rek­tor­wahl zunächst ver­neint (BVerfGE 35, 79,141, zur Zustän­dig­keit des Kon­zils für die Rek­tor­wahl 87), ist dann ange­sichts des Aus­baus der Befug­nis­se der Hochschul-

vor allem indi­rekt über Per­so­nal­ent­schei­dun­gen, in ihrer Steue­rungs­kraft und ‑genau­ig­keit typi­scher­wei­se hin­ter (Sach-)Entscheidungsbefugnissen zurück, so dass kei­ne Ver­re­chung 1:1 erfol­gen darf.

Die indi­rek­te Kon­trol­le des Rek­to­rats durch die Mög- lich­keit der Abwahl erach­tet der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof schon des­halb als unzu­rei­chend, weil die Hoch­schul­leh- rer­grup­pe im Senat auch bei Ein­be­zie­hung der Deka­ne (dazu unten III.) die erfor­der­li­che 2/3‑Mehrheit (§ 18 Abs. 5 Satz 4 LHG BW) allein nicht errei­chen kann, son- dern dafür auf Alli­an­zen mit Ver­tre­tern ande­rer Grup- pen ange­wie­sen ist.23 Die­se Sicht­wei­se kann sich auf ei- nige – frei­lich kei­nes­wegs kla­re – Andeu­tun­gen in der Recht­spre­chung des BVerfG24 und Stel­lung­nah­men im Schrifttum25 stüt­zen. Doch betrifft die Abwahl der Hoch- schul­lei­tung nicht der­art unmit­tel­bar – son­dern nur höchst mittelbar26 – Fra­gen von For­schung und Leh­re, als dass da- für im Senat unter allen Umstän­den die Stim­men der Hoch­schul­leh­rer allein aus­rei­chen müssten.27

Zu Recht moniert das Gericht jedoch, dass das Ge- setz wei­te­re hohe Hür­den für die Abwahl eines haupt- amt­li­chen Rek­to­rats­mit­glieds errich­tet, die auch im Rechts­ver­gleich der Bun­des­län­der ein­zig­ar­tig sind:28 Eine Abwahl kann nur im Zusam­men­wir­ken von Se- nat, Hoch­schul­rat und Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um er- fol­gen (§ 18 Abs. 5 Satz 1 LHG BW). Selbst­ver­ständ­lich ist eine direk­te oder indi­rek­te Mit­wir­kung des Staa­tes an der Abbe­ru­fung wie auch der Bestel­lung eines Mit- glieds der Hoch­schul­lei­tung ver­fas­sungs­recht­lich un-

lei­tung aller­dings vor­sich­ti­ger gewor­den (BVerfG, Beschluss v. 20.10.1982, 1 BvR 1470/80, E 61, 260, 283 bzw. 285), hat aber sogar noch im Kam­mer­be­schluss zum schles­wig-hol­stei­ni­schen Hoch­schul­ge­setz (BVerfG, Beschluss v. 7.5.2001, 2 BvR 2206/00, DVBl. 2001, 1137, 1138 f.) fest­ge­stellt: „Hin­sicht­lich der Rek­to- rats­wahl ergibt sich ein weit­ge­hen­der Ein­fluss der Grup­pe der Hoch­schul­leh­rer im Kon­sis­to­ri­um bereits dar­aus, dass die Mit- glie­der des Rek­to­rats sämt­lich auf Vor­schlag des Senats gewählt wer­den […]. Hier­durch kön­nen die Hoch­schul­leh­rer sicher­stel­len, dass nur Per­so­nen vor­ge­schla­gen wer­den, wel­che die für das Amt aus der Sicht der Hoch­schul­leh­rer erfor­der­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on auf­wei­sen. Die Wis­sen­schafts­frei­heit ver­langt nicht, dass die Hoch­schul­leh­rer auch bei der wei­te­ren Aus­wahl im Kon­sis­to­ri­um ent­schei­den­den Ein­fluss haben; die wei­te­re Aus­wahl muss sich nicht allein an wis­sen­schafts­re­le­van­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­un­ter­schie- den ori­en­tie­ren. Der Ein­fluss der Grup­pe der Hoch­schul­leh­rer im Senat auf die Bil­dung des Senats­vor­schlags ist auch aus­rei­chend. Zwar haben die Hoch­schul­leh­rer auf­grund der für die meis­ten Rek­to­rats­mit­glie­der erfor­der­li­chen Zwei­drit­tel­mehr­heit ledig­lich eine Sperr­mi­no­ri­tät. Dadurch ent­steht in der Tat ein Druck zur Ver­stän­di­gung mit ande­ren Senats­mit­glie­dern.“ In den jün­ge­ren Ent­schei­dun­gen (vgl. vori­ge Fn.) fin­det sich kei­ne der­art aus­führ- liche Erör­te­rung der Pro­ble­ma­tik mehr.

28 Dar­ge­legt von Würtenberger/Krohn (Fn. 25), OdW 2016, S. 203 f. Dem­ge­gen­über begrüßt Sand­ber­ger (Fn. 21), Einl. Rn. 14 u. § 19 Rn. 2, die Neu­re­ge­lung zur Wahl und zur Abwahl der Hoch­schul- lei­tung als eine Stär­kung des Senats.

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bedenklich,29 weil die Hoch­schul­lei­tung nicht allein Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­ben zum Gegen­stand hat.30 Doch begnü­gen sich alle ande­ren Bun­des­län­der mit der Betei­li­gung höchs­tens eines wei­te­ren Gre­mi­ums (typi- scher­wei­se des auch mit Staats­ver­tre­tern beset­zen Hoch- schul­rats) an der Abwahl. Die zusätz­li­che Betei­li­gung ei- ner drit­ten Stel­le schon am Abwahl­ver­fah­ren mar­gi­na­li- siert in einer Gesamt­wür­di­gung die Ein­wir­kungs­mög- lich­kei­ten der Hoch­schul­leh­rer noch ein­mal zusätzlich.

Auch die­se Rege­lung darf indes nicht in iso­lier­ter Be- trach­tung vor­schnell als ver­fas­sungs­wid­rig gebrand- markt wer­den. Auch sie muss im Gesamt­ge­fü­ge der Macht­ver­tei­lung zwi­schen Senat und Hoch­schul­lei­tung gewür­digt wer­den. Je gerin­ger die Mit­wir­kungs­be­fug­nis- se des Senats bei Ein­zel­ent­schei­dun­gen sind, umso mehr muss kom­pen­sa­to­risch sei­ne Rol­le bei Krea­ti­on und Ab- wahl der Rek­to­rats­mit­glie­der gestärkt wer­den, damit in der Sum­me ein hin­rei­chen­des Niveau der Par­ti­zi­pa­ti­on der Hoch­schul­mit­glie­der und beson­ders der Hoch­schul- leh­rer erreicht wird.

2. Metho­di­sche Defi­zi­te beson­ders bei Wür­di­gung der Struk­tur- und Ent­wick­lungs­pla­nung: Wort­laut­fi­xie­rung und Entkontextualisierung

Bei der Ein­zel­ana­ly­se der Kom­pe­tenz­ver­tei­lung bleibt das Gericht ganz auf den Geset­zes­wort­laut fixiert. Damit lässt es zum einen tra­di­tio­nel­le aka­de­mi­sche Bräu­che in der Ver­fah­rens­wei­se von Hoch­schul­gre­mi­en und ‑orga- nen bei der Inter­pre­ta­ti­on ent­ge­gen dem Plä­doy­er von Würtenberger31 außer Betracht. Dies erscheint indes dadurch gerecht­fer­tigt, dass sich sol­che kon­sen­tier­ten Usan­cen­wohl­al­len­fallsin­den­tra­di­tio­nel­len­Uni­ver­si­tä- ten nach­wei­sen las­sen und bei der heu­ti­gen Hete­ro­ge­ni- tät des Hochschulsektors32 auch in Baden-Würt­tem­berg nicht ohne wei­te­res ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hig erschei- nen. Zum ande­ren ver­nach­läs­sigt die Ent­schei­dung in

29 Deut­lich BVerfGE 136, 338, Rn. 60: „Aus der Wis­sen­schafts­frei- heit ergibt sich dabei zwar kein Recht, die Per­so­nen zur Lei­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tung aus­schließ­lich selbst zu bestim­men (vgl. BVerfGE 111, 333 [365]). Doch ist das Recht ei- nes plu­ral zusam­men­ge­setz­ten Ver­tre­tungs­or­gans zur Bestel­lung und auch zu Abbe­ru­fung von Lei­tungs­per­so­nen ein zen­tra­les und effek­ti­ves Ein­fluss- und Kon­troll­in­stru­ment der wis­sen­schaft­lich Täti­gen auf die Orga­ni­sa­ti­on. Je höher Aus­maß und Gewicht

der den Lei­tungs­per­so­nen zuste­hen­den Befug­nis­se sind, des­to eher muss die Mög­lich­keit gege­ben sein, sich selbst­be­stimmt von die­sen zu tren­nen (vgl. BVerfGE 127, 87 [130 f.])“. Die­se Dif­fe­ren­zie­run­gen ver­nach­läs­sigt VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 161 in der For­mu­lie­rung, „die in ein Selbst­ver­wal­tungs­or­gan ge- wähl­ten Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer [müs­sen sich] von einem mit star­ken wis­sen­schafts­re­le­van­ten Befug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Lei­tungs­or­gan, das ihr Ver­trau­en nicht mehr genießt, tren­nen kön­nen, […] ohne auf die Zustim­mung eines wei­te­ren Organs oder des Staats ange­wie­sen zu sein“.

ihrer Wort­laut- und Begriffs­fi­xie­rung an wich­ti­gen Stel- len den teleo­lo­gi­schen Kon­text. Ein­zel­ne Steue­rungs­ins- tru­men­te müs­sen in ihrer Bedeu­tung für das gesam­te Steue­rungs­mo­dell gewür­digt und ent­spre­chend aus­ge- legt werden.

Dies zeigt sich beson­ders bei der Ana­ly­se der Steue- rungs­mög­lich­kei­ten, die der Senat im Rah­men der Struk­tur- und Ent­wick­lungs­pla­nung besitzt. Das Gericht sieht sehr wohl, dass der Senat inso­weit wegen des neu eingeführten33 Erfor­der­nis­ses sei­ner Zustim­mung (§ 19 Abs. 1 Nr. 3 LHG BW) über eine „Veto-Posi­ti­on [ver­fügt], die ihn zwar nicht befä­higt, selbst Ände­run­gen zu be- schlie­ßen, die ihm jedoch gleich­wohl einen Ein­fluss auf ein­zel­ne Inhal­te der Rek­to­rats­vor­la­ge geben kann“.34 Er- wäh­nung fin­det dabei auch der von den Fakul­tä­ten aus- gehen­de „bot­tom-up-Pro­zess“, wobei die dor­ti­ge Pla- nung der Zustim­mung des Fakul­täts­rats bedarf (§ 25 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 LHG BW). Die­se zwei­fa­che Mit­wir- kung der Wis­sen­schaft­ler soll jedoch nicht aus­rei­chen, um „die wesent­li­che Tätig­keit des Rek­to­rats zu steu­ern“, weil der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof von einer sehr gerin­gen Ver­bind­lich­keit der Pla­nung aus­geht. Allein auf den Ge- set­zes­wort­laut „Fest­le­gun­gen“ fixiert hält das Gericht den Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plan gemäß § 7 Abs. 1 Satz 2 LHG BW nur für die Ver­wen­dung der künf­tig frei wer­den­den Pro­fes­so­ren­stel­len für „rela­tiv ver­bind­lich“. Im Übri­gen habe die Pla­nung, von eini­gen Ver­fah­ren­ser- leich­te­run­gen bei deren Umset­zung abge­se­hen, nur eine „sehr theo­re­ti­sche Bin­dungs­wir­kung“, zumal „Sank­tio- nen für eine Abwei­chung […] nicht vor­ge­se­hen“ seien.35

Dies wird der Bedeu­tung der Struk­tur- und Ent­wick- lungs­pla­nung im gesetz­li­chen Steue­rungs­kon­zept in mehr­fa­cher Hin­sicht nicht gerecht: Ers­tens sind Pla­nun- gen auch unter­halb voll­um­fäng­li­cher strik­ter Bin­dun­gen pro­ze­du­ra­le Berück­sich­ti­gungs­pflich­ten imma­nent; sie schaf­fen bei der Kon­kre­ti­sie­rung min­des­tens Darle-

30 Wür­ten­ber­ger (Fn. 2), OdW 2016, S. 1, 15; Feh­ling, in: BK-GG (Fn. 18), Art. 5 Abs. 3 GG (Wis­sen­schafts­frei­heit), Rn. 213.

31 Wür­ten­ber­ger (Fn. 2), OdW 2016, S. 1, 6 (dort zur Mei­nungs­bil- dung im Fakul­täts­rat nach Unter­rich­tung durch den Dekan) u. S. 10 (dort zum Cha­rak­ter der Zustim­mung des Senats zu pla­ne­ri- schen Vor­la­gen der Hochschulleitung).

32 Über­blick zur Aus­dif­fe­ren­zie­rung bei Epping, Typi­sie­rung von Hoch­schu­len, in: Hartmer/Detmer (Hrsg.), Hoch­schul­recht, 3. Aufl. 2017, Kap. 2 Rn. 4 ff.

33 LT-Drs. BW 15/4684 S. 188 (Zu § 19, Zu Absatz 1, Zu Satz 2, Zu Num­mer 3).

34 VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 100.
35 VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 98–99; inso­weit in Anleh­nung an

Haug, in: von Coelln/Haug (Hrsg.), Beck ́scher Online-Kom­men- tar zum LHG BW, Stand: 1.11.2016, § 19 LHG Rn. 7.

Feh­ling · Anmer­kung zu VerfGH BW, Urteil v. 14.11. 2016, 1 VB 16/15

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gungs- und Begründungslasten.36 Ver­stö­ße dage­gen kön­nen auch ohne gesetz­li­che Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen die ent­spre­chen­den Ent­schei­dun­gen rechts­wid­rig machen. Im Übri­gen sind Rek­to­rat und Senat auf eine dau­er­haft funk­tio­nie­ren­de Zusam­men­ar­beit ange­wie­sen; das Rek- torat wird daher unab­hän­gig von der Andro­hung förm- licher Sank­tio­nen schon aus Eigen­in­ter­es­se typi­scher- wei­se – von bereits gänz­lich zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis­sen abge­se­hen – kei­nen der­art schwe­ren Ver­trau­ens­bruch wagen, wie er im Negie­ren der gemein­sam beschlos­se- nen Struk­tur- und Ent­wick­lungs­pla­nung läge. Zwei­tens ent­fal­tet ein Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plan über die dar­in kon­kret gere­gel­ten Gegen­stän­de hin­aus (finan­ziel- le) Fol­ge­wir­kun­gen, wel­che die Bin­dun­gen der Pla­nung ver­stär­ken. Kon­kret zie­hen vor allem die „Fest­le­gun­gen“ zur künf­ti­gen Ver­wen­dung frei­wer­den­der Pro­fes­so­ren- stel­len finan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen zur (Mindest-)Aus- stat­tung nach sich, die bis in die bau­li­che Ent­wick­lung hin­ein rei­chen kön­nen. Drit­tens schließ­lich muss, wie Wür­ten­ber­ger über­zeu­gend dar­ge­legt hat,37 der Struk- tur- und Ent­wick­lungs­plan sei­nem Sinn und Zweck ent- spre­chend als Herz­stück der stra­te­gi­schen Hoch­schul- steuerungverstandenwerden.DamiterdiesemAnspruch genü­gen kann, ist auch sei­ne Bin­dungs­wir­kung teleo­lo­gisch ten­den­zi­ell weit aus­zu­le­gen. Ergänzt durch Ziel­ver­ein­ba- run­gen und Hoch­schul­ver­trä­ge (bei denen die Ziel­set­zun- gen aus den Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plä­nen zu beach- ten sind, § 13 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 LHG38), bil­det die­se Pla­nung im neu­en Steue­rungs­mo­dell das zen­tra­le Instru- ment, um die über­ge­ord­ne­ten (Lan­des- und Hoch­schul-) Inter­es­sen sowie die Bedürf­nis­se der ein­zel­nen Fächer und Ein­rich­tun­gen wis­sen­schafts­ad­äquat auszugleichen.39 Auf die­se zen­tra­le stra­te­gi­sche Bedeu­tung deu­tet nicht zuletzt auch die Stel­lung von § 7 LHG BW bei den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten hin.

Da die Wis­sen­schaft­ler sowohl auf Fakul­täts- als auch auf zen­tra­ler Ebe­ne in die Pla­nung ein­ge­bun­den sind, hät­te dies bei der Gesamt­wür­di­gung des Par­ti­zi­pa­ti­ons- niveaus zen­tra­le Bedeu­tung gewin­nen müssen.

  1. 36  Zur gestei­ger­ten Begrün­dungs­last bei Abwei­chun­gen im Voll­zug ins­be­son­de­re Wür­ten­ber­ger, Staats­recht­li­che Pro­ble­me poli­ti­scher Pla­nung, 1979, S. 636; Coing, Begriff und Insti­tut des Plans, in: Kai­ser (Hrsg.), Pla­nung, Band 2, 1966, S. 222; spe­zi­ell zur For- schungs­pla­nung der Hoch­schu­len Tru­te, Die For­schung zwi­schen grund­recht­li­cher Frei­heit und staat­li­cher Insti­tu­tio­na­li­sie­rung, 1994, S. 506.
  2. 37  Hier­zu und zum Fol­gen­den ein­ge­hend Wür­ten­ber­ger (Fn. 2), OdW 2016, S. 1, 8 f.
  3. 38  Dies erwähnt auch VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 87, hält dies jedoch, erneut unter Aus­blen­dung des Kon­tex­tes, für zu „unklar“ und für einen „schwa­chen inhalt­li­chen Einfluss“.
  4. 39  So schon zur Geset­zes­no­vel­le von 1999 LT-Drs. BW 12/4404,

III. Ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Legi­ti­ma­ti­on der Senats­tä­tig­keit durch ver­kürzt ver­stan­de­ne Hochschullehrerepräsentation

1. Ver­zerr­te Rezep­ti­on der Recht­spre­chung des Bundesverfassungsgerichts

Bei der Ermitt­lung des Par­ti­zi­pa­ti­ons­ni­veaus im LHG BW legt der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof in zwei­fa­cher Hin- sicht einen ver­eng­ten Blick­win­kel zugrunde.

Ers­tens berück­sich­tigt das Gericht aus­schließ­lich die Grup­pe der Hoch­schul­leh­rer. Die wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter wer­den nur ein­mal ganz am Ran­de als Trä- ger der Wis­sen­schafts­frei­heit genannt,40 ohne dass dar- aus irgend­wel­che Fol­ge­run­gen gezo­gen wür­den. Die Stu- die­ren­den fin­den gar kei­ne Erwäh­nung. Die­se Hoch- schul­leh­rer­fi­xie­rung wird durch das BVerfG nur inso- weit gestützt, als in stän­di­ger Rechtsprechung41 für Ent­schei­dun­gen, die unmit­tel­bar die For­schung betref- fen, ein aus­schlag­ge­ben­der (Mehr­heit) und für Entsch­ei- dun­gen, wel­che unmit­tel­bar die Leh­re tan­gie­ren, ein maß­geb­li­cher Ein­fluss (min­des­tens Veto-Posi­ti­on) der Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer in den grup­pen­mä­ßig zu- sam­men­ge­setz­ten Kol­le­gi­al­or­ga­nen gefor­dert wird.42 Dar­aus darf jedoch nicht im Umkehr­schluss gefol­gert wer­den, die Ver­tre­ter der ande­ren Grup­pen könn­ten zur Siche­rung des not­wen­di­gen Par­ti­zi­pa­ti­ons­ni­veaus (fast) nichts bei­tra­gen. Dies stün­de im Wider­spruch zu der im- mer wie­der bekräf­tig­ten Fest­stel­lung, das Orga­ni­sa­ti­ons- prin­zip der Grup­pen­uni­ver­si­tät und damit die Abkehr von der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät sei verfassungsgemäß.43 Eine Grup­pen­re­prä­sen­ta­ti­on, in der der Ver­tre­tung an- derer Grup­pen außer den Hoch­schul­leh­rern – d.h. bei for­schungs­be­zo­ge­nen Ent­schei­dun­gen der wis­sen­schaft- lichen Mit­ar­bei­ter, bei die Leh­re betref­fen­den Entsch­ei- dun­gen auch der Stu­die­ren­den – kei­ne legi­ti­ma­to­ri­sche Bedeu­tung bei­gemes­sen wird, wäre ein Wider­spruch in sich.44 Dem­entspre­chend hat das BVerfG im Ham­bur­ger Hoch­schu­l­ur­teil beim „hinreichende[n] Niveau der Par- tizi­pa­ti­on“ auch all­ge­mein auf „die Trä­ger der Wissen-

S. 244 (zu Num­mer 37 — § 36); auf­ge­grif­fen und betont von Sand-

ber­ger, LHG BW (Fn. 21), § 7 Rn. 2.
40 VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 86. Dies war schon in BVerfGE 35,

79, 125 als „kei­ner nähe­ren Begrün­dung [bedürf­tig]“ anerkannt

wor­den.
41 Begin­nend mit dem ers­ten Hoch­schu­l­ur­teil BVerfGE 35, 79,

130 ff.
42 Auf­ge­grif­fen in VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 87.
43 Erneut grund­le­gend BVerfGE 35, 79, 125 ff.
44 Vgl. Groß (Fn. 14), DÖV 2016, S. 449, 554: Wenn man allein auf

die Hoch­schul­lehrein­nen und ‑leh­rer abstellt, „blitzt wie­der die alte Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät auf “.

68 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2017), 63–74

schafts­frei­heit“ bzw. die „in der Wis­sen­schaft Täti­gen“ abgestellt.45 Ähn­lich ist im Beschluss zur Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver von der Mit­wir­kung der „Wis­sen- schaft­ler und Wissenschaftlerinnen“46 und eben nicht al- lein der Hoch­schul­leh­rer und Hoch­schul­leh­re­rin­nen die Rede. Allein zur Abwahl des Dekans stellt das Ham­bur- ger Hoch­schu­l­ur­teil ergän­zend dar­auf ab, dass die erfor- der­li­che 3⁄4‑Mehrheit für den Vor­schlag auf Abbe­ru­fung des Dekans „von den im Fakul­täts­rat ver­tre­te­nen Hoch- schul­leh­rern allein nicht erreicht wer­den kann und des- halb zur Eini­gung mit ande­ren im Fakul­täts­rat ver­tre­te- nen Grup­pen zwingt“.47 Dies ver­wen­det jedoch das BVerfG dort nur als einen Wer­tungs­ge­sichts­punkt unter meh­re­ren, denn ergän­zend wird sogleich die feh­len­de Bin­dungs­wir­kung des Abbe­ru­fungs­ver­lan­gens her­vor- geho­ben. Schon zuvor war im Bran­den­bur­ger Hoch- schul­ge­setz ein 2/3‑Abberufungsquorum unbe­an­stan­det geblieben,48 obwohl auch dort die Hoch­schul­leh­rer­grup- pe allein nicht über eine solch qua­li­fi­zier­te Mehr­heit ver- füg­te. In der bis­lang letz­ten Ent­schei­dung zur Medi­zi­ni- schen Hoch­schu­le Han­no­ver hat das Gericht denn auch wie­der all­ge­mei­ner dar­auf abge­stellt, dass das Quo­rum „von den Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern al- lein nicht erreicht wer­den kann“.49

Zwei­tens will der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof die Deka­ne im Senat nicht als Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer mit­zäh- len. Dies wird nur äußerst knapp begründet:

„Auf­grund des Reprä­sen­ta­ti­ons­prin­zips kann in kol­le­gia- len Selbst­ver­wal­tungs­gre­mi­en als Ver­tre­ter der Hoch-

  1. 45  BVerfGE 127, 87, 117; im Sub­sum­ti­ons­teil wird aller­dings an eini- gen Stel­len expli­zit auf die „Hoch­schul­leh­rer“ oder „Pro­fes­so­ren“ Bezug genom­men, so bei Beru­fungs­ver­fah­ren (S. 121 ff.) und der Abwahl des Dekans (S. 130 f.).
  2. 46  BVerfGE 136, 338, Rn. 57, 58, 61 a.E. (all­ge­mein) und Rn. 83, 84 (Fin­dungs­kom­mis­si­on), Rn. 95 (Abbe­ru­fung von Lei­tungs­or­ga- nen), vgl. auch Rn. 60: „den Grund­rechts­be­rech­tig­ten“ (zur Kom- petenz­ver­tei­lung zwi­schen Lei­tungs- und Kol­le­gi­al­or­ga­nen); Rn. 61: „Mit­wir­kung der wis­sen­schaft­lich Täti­gen“, sodann aller­dings weni­ger klar „Grund­recht der medi­zi­ni­schen Hoch­schul­leh­ren- den“.
  3. 47  BVerfGE 127, 87, 130 f.; auf­ge­grif­fen von VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 161.
  4. 48  BVerfGE 111, 333, 364.
  5. 49  BVerfGE 136, 338, Rn. 95. Die­se unter­schied­li­che Wort­wahl­ne­giert der VerfGH BW, indem er sich aaO. (Fn 47) für sei­ne­For­mu­lie­rung auf bei­de BVerfG-Ent­schei­dun­gen stützt.
  6. 50  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 88.
  7. 51  Wie der VerfGH für eine Legi­ti­ma­ti­on der Senats­mit­glie­der­aus­schließ­lich durch direk­ten Wahl­akt Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga- nisa­ti­on und ver­wal­tungs­recht­li­che Sys­tem­bil­dung, 2009, S. 496 f.; ohne Begrün­dung gegen eine Anrech­nung der Deka­ne auf die Hoch­schul­leh­rer­re­prä­sen­ta­ti­on im Senat von Coelln, Das Bin­nen- recht der Hoch­schu­le, in: Hartmer/Detmer (Hrsg.), Hoch­schul- recht, 3. Aufl. 2017, Kap. 7 Rn. 112.
  8. 52  BVerfG (Kam­mer), Beschluss v. 2.10.2003, 1 BvR 1504/03, WissR

schul­leh­rer nur gewer­tet wer­den, wer von die­sen mit ei- nem ent­spre­chen­den Reprä­sen­ta­ti­ons­man­dat gewählt wur­de. Mit­glie­der kraft Amtes sind dage­gen grund­sätz- lich kei­ne Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer. Dies gilt jeden- falls dann, wenn das Amts­mit­glied nicht allein von der Grup­pe der Hoch­schul­leh­rer bestimmt wur­de und wenn sei­ne amt­li­che Auf­ga­be jeden­falls nicht vor­ran­gig in der Reprä­sen­ta­ti­on der Hoch­schul­leh­rer besteht“.50

Die­se Auf­fas­sung wird im Schrift­tum sel­ten vertre- ten51 und fin­det in der Judi­ka­tur des BVerfG kei­ner­lei Vor­läu­fer; im Gegen­teil deu­tet ins­be­son­de­re eine Kam- mer-Eil­ent­schei­dung in die ande­re Richtung.52 Ein Stück weit wird dies dadurch ver­deckt, dass der Ver­fas­sungs­ge- richts­hof sogleich einen wei­te­ren wohl unstrit­ti­gen Grund­satz hin­zu­fügt (kei­ne Ver­tre­tung durch Per­so­nen, die nicht Mit­glie­der der Hoch­schu­le sind) und die­sen – aber eben nur die­sen – aus­führ­lich belegt.

2. Siche­rung des Wis­sen­schafts­plu­ra­lis­mus und/oder demo­kra­tie­ana­lo­ge Legitimationsstrukturen?

Letzt­lich geht es der Deka­ne-Fra­ge um das Struk­tur­prin- zip, das hin­ter Grup­pen­uni­ver­si­tät einer­seits und Hoch- schul­leh­rer­ein­fluss ande­rer­seits steht. Der Ver­fas­sungs- gerichts­hof sieht inso­weit mit den Schlüs­sel­be­grif­fen „Reprä­sen­ta­ti­ons­prin­zip“ und „Reprä­sen­ta­ti­ons­man­dat“ eine enge Ver­bin­dung zur demo­kra­ti­schen Reprä­sen­ta­ti- on bei staat­li­chen Wah­len. Nur unter die­ser Prä­mis­se ist die Aus­klam­me­rung der Deka­ne aus der Hoch­schul­leh- rer­grup­pe auf­grund anders­ar­ti­ger Legi­ti­ma­ti­on ihrer

37 (2004), S. 70, 72 f.: „Bei den Deka­nen ist auf­grund des Wahl- ver­fah­rens sicher­ge­stellt, dass sie nicht nur ihre Fakul­tät ver­tre­ten, son­dern auch das Ver­trau­en der Hoch­schul­leh­rer ihrer Fakul­tät haben, da sie zur Wahl nicht nur eine Mehr­heit im Fakul­täts­rat, son­dern auch einer Mehr­heit der dem Fakul­täts­rat ange­hö­ren­den Hoch­schul­leh­rer bedür­fen.“ – An einem sol­chen Erfor­der­nis der dop­pel­ten Mehr­heit fehlt es aller­dings in § 24 Abs. 3 LHG BW.

– „Die Beschwer­de­füh­rer haben über ihre Mit­wir­kungs­rech­te in der Fakul­tät Gele­gen­heit, Ein­fluss auf ihren Dekan zu neh­men; auch hier über­wiegt der Ein­fluss der Hoch­schul­leh­rer den der Fakul­täts­mit­glie­der ande­rer Grup­pen […]. Im übri­gen gilt für alle Sena­to­ren kraft Amtes, dass sie zwar die Grup­pe der Hoch­schul- leh­rer nicht aus­schließ­lich reprä­sen­tie­ren, jedoch, indem sie selbst Pro­fes­so­ren sind, eine weit mehr die­ser als den ande­ren Grup­pen ent­spre­chen­de Inter­es­sen­la­ge haben“; im Wesent­li­chen eben­so zuvor OVG Sach­sen, Beschluss v. 22.7.2003, 2 BS 176/03, juris Rn. 19 u. 22; so im Ergeb­nis (Anrech­nung der Deka­ne auf die Pro- fes­so­ren­mehr­heit), wenn­gleich in der Begrün­dung eine indi­rek­te Reprä­sen­ta­ti­on der Hoch­schul­leh­rer­grup­pe durch die Deka­ne durch Wahl in der Fakul­tät ableh­nend, auch die Vorinstanz

VG Dres­den, Urteil v. 9.12.2002, 6 K 433/00, WissR 36 (2003),
S. 156, 161. Vgl. außer­dem BVerfGE 61, 260, 281, wonach die Pro­fes­so­ren­ei­gen­schaft des Rek­tors zur Wis­sen­schafts­ad­äquanz der Ent­schei­dun­gen bei­tra­ge; dar­an zwei­felnd aller­dings Britz, in: Drei­er (Fn. 18), Art. 5 III (Wis­sen­schaft) Rn. 101.

Feh­ling · Anmer­kung zu VerfGH BW, Urteil v. 14.11. 2016, 1 VB 16/15 6 9

Senats­mit­glied­schaft wenigs­tens ansatz­wei­se fol­ge­rich- tig. Und nur bei prä­gen­der Ana­lo­gie zum staat­lich-poli- tischen Bereich lie­ße sich erwä­gen, die wis­sen­schaft­li- chen Mit­ar­bei­ter gleich­sam als „geg­ne­ri­sche Frak­ti­on“ aus­zu­blen­den. Das BVerfG hat dem­ge­gen­über stets einen ande­ren Aspekt53 in den Vor­der­grund gestellt, näm­lich die Reprä­sen­ta­ti­on von Sach­ver­stand und wis- sen­schaft­li­cher Pluralität.54 Dies trifft sich mit dem Leit- bild der wis­sen­schafts­ad­äqua­ten Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur mit Aus­schluss struk­tu­rel­ler Gefähr­dun­gen der Wis­sen- schafts­frei­heit. Aus die­sem Blick­win­kel sind die Deka­ne im Senat ein Plu­ra­li­täts­ge­winn, denn sie reprä­sen­tie­ren in beson­de­rem Maße die fach­spe­zi­fisch aus­dif­fe­ren­zier­te Sicht auf Grund­satz­fra­gen von For­schung und Lehre.55 Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter steu­ern auf­grund ihrer anders­ar­ti­gen Funk­ti­on im arbeits­tei­li­gen Wis­sen- schafts­be­trieb wie­der­um eine ande­re Per­spek­ti­ve bei.

Eine weit­rei­chen­de Gleich­set­zung der Reprä­sen­ta­ti- on in der Grup­pen­uni­ver­si­tät mit staat­lich-demo­kra­ti- schen Struk­tu­ren ver­mag schon des­halb nicht zu über- zeu­gen, weil aus die­sem Blick­win­kel das Grup­pen­mo­dell als vor­de­mo­kra­tisch-stän­disch gebrand­markt wer­den müsste.56 Der Unter­schied zwi­schen den bei­den Legi­ti- mati­ons­mo­di deu­tet sich auch in der For­de­rung nach ei- nem hin­rei­chen­den Niveau der Par­ti­zi­pa­ti­on an, denn Legi­ti­ma­ti­on durch Par­ti­zi­pa­ti­on wird im juris­ti­schen Dis­kurs regel­mä­ßig von demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on durch Wahl unterschieden.57 Frei­lich dür­fen die Gegen- sät­ze auch nicht über­zeich­net wer­den. So ist in der Lite- ratur zu grup­pen­plu­ral zusam­men­ge­setz­ten Gremien

  1. 53  Der VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 90, bezieht sich auf Gär­ditz, Anmer­kung zu BVerfG, 1. Senat, Beschluss vom 24.06.2014 – 1 BvR 3217/07 – Vb gegen orga­ni­sa­to­ri­sche Hoch­schul­aus­ge­s­tal- tung erfolg­reich, DVBl. 2014, 1127, 1134 f., doch die­ser ent­wi­ckelt sei­ne Beto­nung der Legi­ti­ma­ti­on durch Reprä­sen­ta­ti­on aus­drück- lich in Kri­tik am BVerfG: „[Schutz vor wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen] erfasst das dahin­ter lie­gen­de Pro­blem nur un- voll­stän­dig“; über­zeu­gend gegen Gär­ditz inso­weit Groß (Fn. 14), DÖV 2016, S. 449, 454: „allen­falls […] par­ti­el­le Annä­he­rungan das Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dell Par­la­ment – Regie­rung“; vgl. auch Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on (Fn. 51), S. 447 ff., insb. S. 460, mit einer gegen­über sei­ner Urteils­an­mer­kung dif­fe­ren­zier­te­ren Ana­ly­se, die aber auch die Gemein­sam­kei­ten mit dem Demo­kra- tie­prin­zip betont.
  2. 54  Beson­ders deut­lich zuletzt BVerfGE 136, 338, Rn. 59: Ver­tre­tungs- orga­ne kön­nen „vor wis­sen­schafts­ge­fähr­den­den Ent­schei­dun­gen schüt­zen, sofern sie plu­ra­lis­tisch zusam­men­ge­setzt sind und es so ermög­li­chen, die auch inner­halb der Wis­sen­schaft bestehen­den Unter­schie­de in der Orga­ni­sa­ti­on sach­ver­stän­dig ein­zu­brin­gen“, „zum funk­tio­na­len Plu­ra­lis­mus“ wird sodann bereits auf BVerfGE 35, 79, 126 ff. ver­wie­sen. Vgl. auch BVerfGE 127, 87, 117: „durch ihre Ver­tre­ter in Hoch­schul­or­ga­nen […] ihre fach­li­che Kom­pe­tenz zur Ver­wirk­li­chung der Wis­sen­schafts­frei­heit in die Uni­ver­si­tät ein­brin- gen kön­nen“. Zusam­men­fas­send statt vie­ler Britz, in: Drei­er (Fn. 18), Art. 5 III (Wis­sen­schaft) Rn. 94.
  3. 55  So auch Hag­mann, in: Beck ́scher Online-Kom­men­tar zum LHG BW (Fn. 35), § 19 Rn. 27.1., vgl. fer­ner Rn. 32, 33. Allgemein

weit­ge­hend aner­kannt, dass sich die Siche­rung plu­ra­len Sach­ver­stands und die Inter­es­sen­ver­tre­tung, wie sie auch demo­kra­ti­schen Wah­len eigen ist, oft­mals über­schnei- den und nicht klar tren­nen lassen.58 Dem­entspre­chend bringt die Grup­pen­uni­ver­si­tät auch die Inter­es­sen der unter­schied­li­chen Sta­tus­grup­pen zum Ausdruck.59 Ver- tre­ter wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter wer­den wegen ihrer arbeits­recht­li­chen Abhän­gig­keit und ihren – typi­scher­wei­se – Bedürf­nis­sen nach wis­sen­schaft­li­cher Wei­ter­qua­li­fi­ka­ti­on teil­wei­se abwei­chen­de Inter­es­sen in wis­sen­schafts­re­le­van- ten Ange­le­gen­hei­ten arti­ku­lie­ren als die Pro­fes­so­ren; Stu- die­ren­den­ver­tre­ter wer­den ihr Aus­bil­dungs­in­ter­es­se in den Vor­der­grund rücken. Die­se Über­schnei­dun­gen ändern je- doch nichts dar­an, dass in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on das „Bau­prin­zip“ des Wis­sen­schafts­plu­ra­lis­mus, nicht das der demo­kra­ti­schen Reprä­sen­ta­ti­on überwiegt.

Aller­dings hat das BVerfG immer wie­der deut­lich ge- macht, dass der hin­rei­chen­de Pro­fes­so­ren­ein­fluss in der Grup­pen­uni­ver­si­tät nur gesi­chert wer­den kann, wenn die Pro­fes­so­ren­grup­pe hin­rei­chend homo­gen zusam- men­ge­setzt ist. Hier und nicht bei Ana­lo­gien zur demo- kra­ti­schen Wahl ent­schei­det sich, ob die Deka­ne im Se- nat der Hoch­schul­leh­rer­grup­pe zuge­rech­net wer­den kön­nen oder auf­grund ande­rer Inter­es­sen­la­ge getrennt ein­zu­ord­nen sind. Inso­weit erscheint, über die vom BVerfG zur Beur­tei­lung der Grup­pen­ho­mo­ge­ni­tät bis- lang her­an­ge­zo­ge­nen Aspek­te der Qua­li­fi­ka­ti­on und der Betroffenheit60 hin­aus, ein Sei­ten­blick auf die Orga­ni­sa- tions­psy­cho­lo­gie hilf­reich. Unter dem glei­chen Gesichts- punkt ist auch die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob die Hoch-

zur Bedeu­tung dis­zi­pli­nä­ren Sach­ver­stands im Senat Gär­ditz, Anmer­kung, JZ 2011, S. 314, 316; vgl. auch ders., Hoch­schul- orga­ni­sa­ti­on (Fn. 51), S. 478 ff., dort aller­dings ohne Bezug zur Zusam­men­set­zung des Senats; Britz, in: Drei­er (Fn. 18), Art. 5 III (Wis­sen­schaft) Rn. 102, vgl. auch Rn. 100.

56 Beson­ders deut­lich inso­weit Thie­me, Hoch­schul­recht, 3. Aufl. 2004, Rn. 618, 620.

57 Sie­he inso­weit nur Schmidt-Aßmann, Ver­wal­tungs­le­gi­ti­ma­ti­on als Rechts­be­griff, AöR 116 (1991), S. 329, 371 ff.; für plu­ra­lis- tische Gre­mi­en Schrey­er, Plu­ra­lis­ti­sche Ent­schei­dungs­gre­mi­en im Bereich sozia­ler und kul­tu­rel­ler Staats­auf­ga­ben, 1982, S. 113 ff.; die Gemein­sam­kei­ten stär­ker beto­nend Fisahn, Demo­kra­tie und Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung, 2002, insb. S. 236 ff., 335 ff.; zur his­to­ri­schen Ent­wick­lung des Par­ti­zi­pa­ti­ons­dis­kur­ses Kai­ser, Die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Ver­wal­tung, 2009, S. 136 ff.

58 Für die Wis­sen­schaft Tru­te, Die For­schung (Fn. 36), S. 319 f.; all­ge­mei­ner zusam­men­fas­send Feh­ling, Ver­wal­tung zwi­schen Unpar­tei­lich­keit und Gestal­tungs­auf­ga­be, 2001, S. 413 ff.

59 Zu den Inter­es­sen­ge­gen­sät­zen bereits BVerfGE 35, 79, 129 f. 60 Vgl. BVerfGE 35, 79, 126 f.; BVerfG, Urteil v. 8.2.1977, 1 BvR 79/278, 282/70, E 43, 242, 268 u. 271 ff.; BVerfG, Beschluss v. 1.3.1978, 1 BvR 333/75 u, 174, 179, 191/71, E 47, 327, 388 ff.;

BVerfG, Beschluss v. 11.2.1981, 1 BvR 303/78, E 56, 192, 208 ff.; BVerfGE 61, 210, 239; zusam­men­fas­send statt vie­ler Feh­ling, in: BK-GG (Fn. 18), Art. 5 Abs. 3 GG (Wis­sen­schafts­frei­heit), Rn. 198 ff.; Starck, in: von Mangoldt/Klein/Starck (Hrsg.), GG-Kom- men­tar, Bd. 1, 6. Aufl. 2010, Art. 5 Abs. 3 Rn. 391.

70 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2017), 63–74

schul­leh­rer im Hoch­schul­rat als taug­li­che Reprä­sen­tan- ten der Hoch­schul­leh­rer in die Gesamt­wür­di­gung des Kom- petenz­ge­fü­ges ein­be­zo­gen wer­den kön­nen und müssen.

3. Zur Rol­le der Deka­ne und der in den Hoch­schul­rat gewähl­ten Hoch­schul­leh­rer aus orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo- gischer Perspektive

Ganz all­ge­mein lehrt uns die (Organisations-)Psycholo- gie, dass die pro­fes­sio­nel­le Pro­blem­wahr­neh­mung wesent­lich von der beruf­li­chen Sozia­li­sa­ti­on sowie der jewei­li­gen kon­kre­ten Rol­le und Funk­ti­on geprägt wird. Jeder­mann ist in der Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit in beträcht­li­chem Umfang durch sei­ne Umwelt und sei­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont beein­flusst und so neigt auch ein Amts­trä­ger ten­den­zi­ell dazu, Ent­schei­dungs­al­ter­na­ti­ven aus sei­nem fach- und auf­ga­ben­spe­zi­fi­schen Blick­win­kel zu betrachten.61

Dabei kann es aller­dings zu Rol­len­kon­flik­ten kom- men, die das Ent­schei­dungs­ver­hal­ten auf kom­ple­xe Wei- se beein­flus­sen. Sol­che Kon­flik­te hat man unter ande­rem bei Deka­nen ein­ge­hend untersucht.62 Durch die beruf­li- che Sozia­li­sa­ti­on als Hoch­schul­leh­rer wer­den bestimm­te Per­sön­lich­keits­merk­ma­le ver­än­dert und gefes­tigt, Moti- ve geformt und spe­zi­el­le Ein­stel­lun­gen und Vor­stel­lun- gen entwickelt.63 Die­se Effek­te dau­ern an, auch wenn sich mit der Beru­fung zum Dekan die Per­spek­ti­ve und die Auf­ga­ben inner­halb der Uni­ver­si­tät ver­än­dern. We- nig über­ra­schend füh­len sich Deka­ne daher mehr­heit- lich sowohl der admi­nis­tra­tiv gepräg­ten Hoch­schul­lei- tung als auch wei­ter­hin der Grup­pe der Hoch­schul­leh­rer zugehörig.64

Gewiss hat sich das Auf­ga­ben­pro­fil der Deka­ne im Zuge der Refor­men ein Stück weit in Rich­tung Wis­sen- schafts­ma­nage­ment ver­scho­ben. Obwohl der Dekan sein Amt mitt­ler­wei­le als Haupt­auf­ga­be wahr­nimmt (§ 24 Abs. 3 Satz 5 LHG BW), bleibt er oder sie – sofern wie re- gel­mä­ßig Mit­glied der Fakul­tät und nicht von außer­halb kom­mend, was § 24 Abs. 3 Satz 1 LHG BW „in beson­de- ren Fäl­len“ zulässt – typi­scher­wei­se in zeit­lich einge-

  1. 61  Grund­le­gend Simon, Admi­nis­tra­ti­ve Beha­vi­or, 4. Aufl. 2013.
  2. 62  Für einen Über­blick sie­he Blü­mel, Von der Hoch­schul­ver­wal­tung zum Hoch­schul­ma­nage­ment: Wan­del der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­tio­nam Bei­spiel der Ver­wal­tungs­lei­tung, 2015, S. 54 f.
  3. 63  Dazu näher Lem­pert, in: Hand­buch der Berufs­bil­dung, 2. Aufl.2006, S. 416 ff.
  4. 64  Empi­ri­sche Unter­su­chung von Wolverton/Wolverton/Gmelch,The Impact of Role Con­flict and Ambi­gui­ty on Aca­de­mic Deans, Jour­nal of Hig­her Edu­ca­ti­on, 1999, S. 80 ff.; vgl. auch von Richt- hof­en, Ein­fluss­mög­lich­kei­ten der Fach­be­reichs­lei­tun­gen auf die

schränk­tem Umfang in For­schung und Leh­re verwur- zelt; außer­dem keh­ren Deka­ne dahin nach Ende ihrer Amts­zeit meist in vol­lem Umfang zurück. Dies spricht gegen eine weit­rei­chen­de Ent­frem­dung von der Hoch- schul­leh­rer­per­spek­ti­ve. Zwar ver­dan­ken die Deka­ne in Baden-Würt­tem­berg ihr Amt nicht allein der Wahl durch den Fakul­täts­rat, son­dern zugleich einem ent­sp­re- chen­den Vor­schlag des Rek­tors (§ 24 Abs. 3 Satz 1 LHG BW), so dass – gege­be­nen­falls auch im Hin­blick auf eine even­tu­el­le Wie­der­wahl – eine gegen­über son­sti- gen Hoch­schul­leh­rern erhöh­te Loya­li­tät zum Rek­tor nahe liegt. Deut­lich inten­si­ver dürf­ten die Deka­ne je- doch an ihre Fakul­tät und die dor­ti­gen Hoch­schul­leh­rer rück­ge­bun­den blei­ben, weil der Fakul­täts­rat mit Hoch- schul­leh­rer­mehr­heit die Deka­nats­ar­beit lau­fend kon­trol- liert.65 Die enge fach­li­che Zusam­men­ar­beit mit dem Rek­to­rat macht ihre Kon­troll­auf­ga­be im Senat zwar ei- ner­seits kom­ple­xer, befä­higt die Deka­ne ande­rer­seits aber auch zu einer effek­ti­ve­ren Kontrolle.

Blei­ben schon die Deka­ne ihrer Sozia­li­sa­ti­on und ih- ren Abhän­gig­kei­ten gemäß im Kern Hoch­schul­leh­rer, so muss dies erst recht für die im Hoch­schul­rat ver­tre­te­nen Pro­fes­so­ren gel­ten. Denn der Hoch­schul­rat tritt im Nor- mal­fall nicht all­zu oft zusam­men (min­des­tens vier­mal im Stu­di­en­jahr, § 20 Abs. 6 Satz 7 LHG BW) und bean- sprucht die ihm ange­hö­ren­den Hoch­schul­leh­rer zeit­lich weit­aus weni­ger als das Deka­nat. Dem­entspre­chend wird durch die zusätz­li­che ehren­amt­li­che Tätig­keit im Hoch­schul­rat typi­scher­wei­se erst recht kei­ne tief­grei­fen- de Ent­frem­dung von der Hoch­schul­leh­rer­per­spek­ti­ve einhergehen.

Damit wird selbst­ver­ständ­lich nicht in Abre­de gestellt, dass die zusätz­li­che Funk­ti­on als Hoch­schul­rats­mit­glied und beson­ders als Dekan ein Stück weit auch die Pro­blem- wahr­neh­mung und die Inter­es­sen die­ser Hoch­schul­leh­rer beein­flusst. Doch erscheint die­ser Ein­fluss nicht so mas­siv, als dass er die Zurech­nung zur Hoch­schul­leh­rer­grup­pe in Fra­ge stel­len könn­te. Die gefor­der­te Homo­ge­ni­tät bedeu­tet nicht Unterschiedslosigkeit.66

Ziel­ori­en­tie­rung der Leh­ren­den zur Umset­zung von Studienre-

for­men, 2004, S. 40 f.
65 Dies betont aus­drück­lich auch BVerfG (Kam­mer), WissR 37

(2004), S. 70, 72 f (wört­li­ches Zitat oben in Fn. 52).
66 Dass es „die­se Lager“ – gemeint sind die Sta­tus­grup­pen – „in

Rein­form jedoch allen­falls in der Theo­rie gibt“, betont auch von Coelln, in: Hartmer/Detmer (Fn. 51), Kap. 7 Rn. 57, ver­wen­det dies aber als Argu­ment gegen die Orga­ni­sa­ti­ons­form der Grup- penuniversität.

Feh­ling · Anmer­kung zu VerfGH BW, Urteil v. 14.11. 2016, 1 VB 16/15 7 1

IV. Pro­ble­ma­ti­sche Ver­en­gung des gesetz­ge­be­ri­schen Gestal­tungs­spiel­raums bei der Hochschulorganisation

1. Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on im gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Wandel

In der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on spie­geln sich poli­ti­sche Leit­bil­der. Ihr Wan­del hängt eng mit den all­ge­mei­nen Ver­än­de­run­gen in Poli­tik und Gesell­schaft zusammen.67 Die eman­zi­pa­to­ri­sche Grund­stim­mung, wie sie im Zuge der 1968er-Pro­test­be­we­gung von den Hoch­schu­len aus- gehend wei­te Tei­le der Gesell­schaft erfass­te, führ­te in den ers­ten Hoch­schul­ge­set­zen zum Über­gang von der Ordi­na­ri­en- zur Grup­pen­uni­ver­si­tät. Dere­gu­lie­rung und Öko­no­mi­sie­rung und schließ­lich auch Inter­na­tio­na­li­sie- rung schlu­gen sich seit den 1990er Jah­ren im neu­en Leit- bild der Manage­ment­uni­ver­si­tät nie­der, in der grup­pen- plu­ra­le Ent­schei­dungs­pro­zes­se zuguns­ten ver­meint­lich effi­zi­en­te­rer unter­neh­mens­ähn­li­cher Lei­tungs­struk­tu­ren zurück­ge­drängt wurden.68 In den letz­ten Jah­ren wie­der- um ist im gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Dis­kurs die Kri­tik an neo­li­be­ra­len Über­stei­ge­run­gen stär­ker gewor­den. Im Hoch­schul­recht hat dies jeden­falls in eini­gen Bun­des­län- dern69 wie­der zu einer Stär­kung der grup­pen­plu­ral zusam­men­ge­setz­ten Kol­le­gi­al­or­ga­ne geführt. Aller­dings mar­kiert dies kei­ne voll­stän­di­ge Rück­kehr zur Grup­pen- uni­ver­si­tät der 1970er Jah­re. Im Ver­hält­nis zum Staat ver­traut man wei­ter­hin auf das fle­xi­ble­re „Neue Steue- rungs­mo­dell“ mit Ziel- und Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen sowie Koope­ra­ti­on im Hoch­schul­rat statt auf über­kom- mene Rechts- und par­ti­ell auch Fach­auf­sicht. Wie zuvor hal­ten die Geset­ze im Lich­te des inter­na­tio­na­li­sier­ten Wett­be­werbs zwi­schen den Hoch­schu­len steuerungs-

  1. 67  Beson­ders klar her­aus­ge­ar­bei­tet von von Coelln, in: Hart­mer/­Det- mer (Fn. 51), Kap. 7 Rn. 42 ff., wobei er aller­dings die jüngs­ten Kor­rek­tu­ren an der Manage­ment­uni­ver­si­tät noch nicht aufgreift.
  2. 68  Ein­fluss­reich Mül­ler-Böl­ing, Die ent­fes­sel­te Hoch­schu­le, 2000,
    S. 24 ff., der vom Modell des „Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens“ spricht und die­sem ide­al­ty­pisch die „Grup­pen­hoch­schu­le“ und die „Gelehr­ten­re­pu­blik“ (sowie zusätz­lich die Uni­ver­si­tät als „nach­ge­ord­ne­te Behör­de“) gegen­über­stellt. Zum Ein­fluss euro- päi­scher und inter­na­tio­na­ler Ver­net­zung auf die Hoch­schul­land- schaft zuletzt Fra­en­kel-Häber­le, Die Uni­ver­si­tät im Meh­re­be­nen- sys­tem, 2014, zusam­men­fas­send S. 377 ff.
  3. 69  Neben Baden-Würt­tem­berg ist vor allem das neue Hoch­schul­ge- setz NRW vom 16.9.2014 als Teil des „Hoch­schul­zu­kunfts­ge­set- zes“ (GVBl. NRW S. 547) zu nen­nen, dazu Schütz, Zu den Ände- run­gen der Hoch­schul­auf­sicht in NRW — Der Hoch­schul­rat und sei­ne Auf­sichts­funk­tio­nen nach dem „Hoch­schul­zu­kunfts­ge­setz“, NWVBl 2015, S. 205 ff.; fer­ner in Nie­der­sach­sen das – aller­dings teil­wei­se von BVerfGE 136, 338 ff. erzwun­ge­ne – „Gesetz zur Stär­kung der Betei­li­gungs­kul­tur inner­halb der Hoch­schu­len“ vom 15.12.2015 (GVBl. S. 384).
  4. 70  Das ent­spre­chen­de Vor­brin­gen der Lan­des­re­gie­rung para­phra- sie­rend VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 39; knap­per LT-Drs. BW

mäch­ti­ge Lei­tungs­struk­tu­ren für unab­ding­bar. Es geht um eine neue Balan­ce zwi­schen fle­xi­bler Steue­rung und sach­ver­stän­di­ger Partizipation.

Genau dies bezweck­te auch die streit­ge­gen­ständ­li­che Novel­le des LHG BW. Man woll­te „das hier­ar­chi­sche Modell der ‚unter­neh­me­ri­schen Hoch­schu­le‘ durch eine‚ an den Prin­zi­pi­en der Wis­sen­schafts­frei­heit, der Betei­li- gung der Hoch­schul­mit­glie­der, der Chan­cen­gleich­heit und der Trans­pa­renz‘ ori­en­tier­te Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on ablö­sen. […]. Als Kom­pen­sa­ti­on dafür, dass das Rek­to­rat als Lei­tungs­gre­mi­um über wis­sen­schafts­re­le­van­te Kom- peten­zen verfüg[t], sei die Stel­lung des Senats bei der Wahl der haupt­amt­li­chen Rek­to­rats­mit­glie­der deut­lich auf­ge­wer­tet wor­den. […] Auch inhalt­lich sei der Senat gestärkt worden“.70

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nimmt die­se gesetz­ge­be- rische Inten­ti­on, von einer Zusam­men­fas­sung des Pro- zess­vor­bin­gens der Lan­des­re­gie­rung abge­se­hen, nur am Ran­de bei ein­zel­nen Vor­schrif­ten über­haupt zur Kennt- nis.71 Fol­ge­run­gen für die Geset­zes­aus­le­gung wer­den da- raus nicht gezo­gen, obwohl gera­de die his­to­risch-gene­ti- sche Per­spek­ti­ve statt einer rei­nen Wort­laut­fi­xie­rung eine par­ti­zi­pa­ti­ons­freund­li­che und damit zugleich ver- fas­sungs­kon­for­me Inter­pre­ta­ti­on nahe gelegt hät­te. Dies betrifft im Beson­de­ren die Steue­rungs­wir­kun­gen der Struk­tur- und Ent­wick­lungs­pla­nung sowie die Rück­bin- dung der Deka­ne im Senat an das Mei­nungs­bild im je- wei­li­gen Fakultätsrat.72 Statt­des­sen blei­ben die For­mu- lie­run­gen zur hoch­schul­po­li­ti­schen Ent­wick­lung im Maß­stä­be-Teil des Urteils gänz­lich auf eine Stär­kung der Lei­tungs­or­ga­ne fixiert und deu­ten damit dar­auf hin, dass das Gericht fälsch­li­cher­wei­se noch von der nur in weni-

15/4684 S. 1 u. 164. Sand­ber­ger, LHG BW (Fn. 21), Einl. Rn. 14,

sieht aller­dings fast nur begriff­lich-kos­me­ti­sche Ände­run­gen. 71 So wird zum Ent­wurf des Struk­tur- und Entwicklungsplans

bei­läu­fig erwähnt, dass die­ser „seit dem hier gegen­ständ­li­chen 3. HRÄG der Zustim­mung des Senats [bedarf], der bis­lang ledig­lich Stel­lung neh­men konn­te“ (VerfGH BW — Fn. 1‑, juris Rn. 17).
Zu den Infor­ma­ti­ons­rech­ten und ‑pflich­ten heißt es a.a.O. Rn. 131: „Mit dem 3. HRÄG hat der Senat im Gesetz ‚ver­brief­te‘ Aus­kunfts­rech­te gegen­über dem Rek­to­rat erhal­ten. Sie sol­len die Trans­pa­renz der Arbeit des Rek­to­rats und die Par­ti­zi­pa­ti­on des Senats erhö­hen (LT-Drs. 15/4684, S. 165 und 189 f.)“. Zum Hoch- schul­rat wird a.a.O. Rn. 150 bzw. 152 ange­merkt: „Zwar kann der Hoch­schul­rat nicht (mehr) gegen den Wil­len des Senats bestellt wer­den. Die­se Ände­rung beruht auf dem 3. HRÄG, das den Hoch­schul­mit­glie­dern eine ‚dop­pel­te Legi­ti­ma­ti­on‘ – vom Staat und den Mit­glie­dern der Hoch­schu­le – ver­lei­hen woll­te (vgl. LT- Drs. 15/4684, S. 193)“. „Die Mög­lich­keit der Abbe­ru­fung von Hoch­schul­rats­mit­glie­dern wur­de durch das 3. HRÄG ein­ge­führt, um ‚Auf­ga­ben und Zustän­dig­kei­ten kla­rer zuzu­ord­nen und auch Ver­ant­wort­lich­kei­ten trans­pa­rent zu machen‘ (LT-Drs. 15/4684,

S. 94).“
72 Sie­he oben II. 2. bzw. III. 1. u. III.

72 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2017), 63–74

gen neben­säch­li­chen Details modi­fi­zier­ten Manage­men- tuni­ver­si­tät ausgeht.73

2. Gefähr­de­te Balan­ce zwi­schen Ent­wick­lungs­of­fen­heit und grund­rechts­schüt­zen­der Sta­bi­li­tät der hoch­schul- ver­fas­sungs­recht­li­chen Leitlinien

Vor die­sem Hin­ter­grund befin­den sich das Hoch­schul- ver­fas­sungs­recht und sei­ne (verfassungs-)gerichtlichen Inter­pre­ten in einem Dilem­ma. Einer­seits müs­sen die aus der Wis­sen­schafts­frei­heit abge­lei­te­ten Maß­stä­be hin- rei­chend ent­wick­lungs­of­fen blei­ben, um Ver­än­de­run­gen im Real­be­reich ver­ar­bei­ten zu können74 und dem demo- kra­tisch legi­ti­mier­ten Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit zu eröff­nen, gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Wan­del auch in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on abzu­bil­den. Des­halb hat die Ver- fas­sungs­recht­spre­chung stets und seit dem Bran­den- burg-Beschluss (wie­der) in ver­stärk­tem Maße betont, dass der „Hoch­schul­ge­setz­ge­ber nicht an über­kom­me­ne hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren gebun­den [ist]. Er darf neue Model­le und Steue­rungs­tech­ni­ken ent­wi- ckeln und erpro­ben und ist sogar ver­pflich­tet, bis­he­ri­ge Orga­ni­sa­ti­ons­for­men zu beob­ach­ten und zeit­ge­mäß zu refor­mie­ren. Ihm ste­hen dabei hin­sicht­lich der Eig­nung neu­er Orga­ni­sa­ti­ons­for­men ein Ein­schät­zungs- und Pro­gno­se­spiel­raum zu“.75 Ander­seits kön­nen die Grund- rech­te und hier spe­zi­ell die Wis­sen­schafts­frei­heit ihre Schutz- und Abwehr­funk­ti­on nur erfül­len, wenn dem Gesetz­ge­ber kla­re Gren­zen gesetzt werden.76 Dement- spre­chend zie­hen sich durch die Judi­ka­tur des BVerfG

  1. 73  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 89: „[D]en Hoch­schu­len [ist] in den letz­ten 20 Jah­ren im Ver­hält­nis zum Staat im Ver­gleich zu frü­her mehr Auto­no­mie über­tra­gen wor­den und der Staat [hat] sich aus einer weit­rei­chen­den Detail­steue­rung zurück­ge­zo­gen, weil zugleich die Leis­tungs­or­ga­ne der Hoch­schu­le im Ver­hält­nis zu den Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen erheb­lich gestärkt wurden“.
  2. 74  Dazu aus metho­do­lo­gi­scher Sicht Hoff­mann-Riem, in: Schmidt- Aßman­n/Hoff­mann-Riem (Hrsg.), Metho­den der Ver­wal­tungs- rechts­wis­sen­schaft, 2004, S. 9 (53 ff.); all­ge­mein Hoff­mann-Riem, Inno­va­ti­on und Recht – Recht und Inno­va­ti­on, 2016, insb.S. 108 ff.
  3. 75  So beson­ders deut­lich BVerfGE 127, 87, 116; ähn­lich BVerfGE111, 333, 355 f.; vgl. bereits BVerfGE 35, 79, 117; andeu­tungs- wei­se auch BVerfGE 136, 338, Rn. 57. Im Schrift­tum beson­ders betont zuletzt von Groß (Fn. 14), DÖV 2016, S. 449, 455; gegen eine zu weit­rei­chen­de Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung des Wis­sen­schafts- rechts auch Bum­ke (Fn. 2), VVDStRL 69 (2010), S. 407, 456; zusam­men­fas­send Starck, in: von Mangoldt/Klein/Starck (Fn. 60), Art. 5 Abs. 3 Rn. 383.
  4. 76  Die­sen Aspekt rücken Tei­le des hoch­schul­recht­li­chen Schrift­tums etwas (zu) ein­sei­tig in den Vor­der­grund, nament­lich Gär­ditz, Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on (Fn. 51), S. 364 ff. (ohne jede Erwäh­nung der Ent­wick­lungs­of­fen­heit) und S. 626 ff. (vom ihm prä­fe­rier­te „recht­staat­li­che“ ver­sus „gewähr­leis­tungs­staat­li­che“ Grund­rechts- dog­ma­tik); ähn­lich Kraus­nick (Fn. 15), S. 89 ff., der der Eigen­ge- setz­lich­keit von Wis­sen­schaft sehr enge Gren­zen für die staatliche

zur Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on eini­ge Kon­stan­ten, beson- ders den Hochschullehrereinfluss77 und die Berei­che des legi­ti­men Staats­ein­flus­ses betref­fend. Wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung ver­än­dert sich und die Mecha­nis­men zu Schutz und Pfle­ge der Wis­sen­schaft ein­schließ­lich der orga­ni­sa­to­ri­schen Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen sich mit ändern, doch die Schutz­be­dürf­tig­keit gegen struk­tu- rel­le Gefähr­dun­gen frei­er wis­sen­schaft­li­cher Betä­ti­gung bleibt als sol­che unver­än­dert bestehen.

Das BVerfG hat die­sen Zielkonflikt78 typi­scher­wei­se dahin­ge­hend auf­ge­löst, dass es die grund­sätz­li­chen Struk­tur­ent­schei­dun­gen des Gesetz­ge­bers, nament­lich den Über­gang zur Gruppenuniversität79 und spä­ter zur Managementuniversität80 als sol­ches gebil­ligt, bei der Aus­ge­stal­tung im Detail aber immer wie­der Kor­rek­tu­ren zum Schutz der Wis­sen­schafts­frei­heit ver­langt hat. Wo sich, wie nament­lich bei der Aus­ge­stal­tung der Mana­ge- mentuni­ver­si­tät, erst im Zuge der Ent­wick­lung neue Ge- fähr­dungs­sze­na­ri­en­hin­rei­chend­klar­her­aus­kris­tal­li­sier­ten, hat das Gericht auch die abs­trak­ten Maß­stä­be zwecks Effek- tivie­rung des Schut­zes behut­sam nach­jus­tiert, ins­be­son­de­re mit der expli­zi­ten For­de­rung nach einem hin­rei­chen­den Niveau der Par­ti­zi­pa­ti­on der Wissenschaftler.81

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof greift in sei­nem Maß­stä- be-Teil die Aus­sa­gen des BVerfG zur Wan­del­bar­keit der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on mit kei­nem Wort auf, wäh­rend er die grund­recht­li­chen Anfor­de­run­gen zum Schutz ge- gen struk­tu­rel­le Gefähr­dun­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit aus­führ­lich und in wesent­li­chen Punk­ten sogar in Rich-

Insti­tu­tio­na­li­sie­rung im Rah­men von Gewähr­leis­tungs­mo­del­len ent­nimmt; ten­den­zi­ell auch Geis, Uni­ver­si­tä­ten im Wett­be­werb, VVDStRL 69, (2010), S. 364, 393 ff. Die Balan­ce wah­rend Kahl (Fn. 26), AöR 130 (2005), S. 225, 246 ff.

77 Sie­he oben III. 1. mit Fn. 42.
78 Der Ziel­kon­flikt zwi­schen Sta­bi­li­tät und Entwicklungsoffenheit

schlägt sich all­ge­mein im Streit um eine wirk­lich­keits­wis­sen- schaft­li­che Ver­fas­sungs­aus­le­gung nie­der, vgl. Starck, Maxi­men der Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on, in: Isensee/Kirchhof (Hrsg.), Hand­buch des Staats­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch-
land, Bd. XII, 3. Aufl. 2014, § 271 Rn. 29; vgl. auch bereits Bry­de,Ver­fas­sungs­ent­wick­lung, 1982; spe­zi­ell zur Grund­rechts- inter­pre­ta­ti­on G. Kirch­hof, Grund­rech­te und Wirk­lich­keit, 2007; die gegen­sätz­li­chen Posi­tio­nen wer­den deut­lich bei Hill­gru­ber bzw. Volk­mann, Ver­fas­sung zwi­schen nor­ma­ti­vem Anspruch und poli­ti­scher Wirk­sam­keit, VVDStRL 67 (2008), 7 ff. bzw. 58 ff.

79 Grund­le­gend BVerfGE 35, 79, 125 ff.
80 Grund­le­gend BVerfGE 111, 333, 356 ff.
81 BVerfGE 127, 87, 117; inso­weit in BVerfGE 111, 333, 355 f. noch

nicht ent­hal­ten. Die­se Kurs­kor­rek­tur hebt Gär­ditz (Fn. 53), DVBl. 2014, S. 1133, 1137 zu Recht her­vor; sie wird wenig über­zeu­gend ver­neint von Kraus­nick (Fn. 15), S. 108 ff. Die gesam­te Ent­wick- lung wird ein­ge­hend beschrie­ben bei Löwer, Hoch­schul­me­di- zin­recht nach der MHH-Ent­schei­dung des Bun­de­ver­fas­sungs­ge- richts, WissR 48 (2015), S. 193, 196 ff.; vgl. auch Groß (Fn. 14), DÖV 2016, S. 449 f.

Feh­ling · Anmer­kung zu VerfGH BW, Urteil v. 14.11. 2016, 1 VB 16/15 7 3

tung Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät über­stei­gernd und ver­zer- rend82 refe­riert. Auch in der wei­te­ren Ana­ly­se wird der gesetz­ge­be­ri­sche Gestal­tungs­spiel­raum nur an zwei Stel- len ganz bei­läu­fig erwähnt und dies an ent­schei­den­der Stel­le nur mit Blick auf des­sen Grenzen.83 Dies ver­fehlt schon im Ansatz die gebo­te­ne Balance.

V. Fazit und Ausblick

Der baden-würt­tem­ber­gi­sche Gesetz­ge­ber wird nun nach­bes­sern müs­sen. Zur Stär­kung des Senats ver­fügt er über ver­schie­dens­te Optio­nen. Wenigs­tens inso­weit hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof die gesetz­ge­be­ri­sche Ges­tal- tungs­frei­heit (noch) nicht ver­engt. Als „mini­mal­in­va­si- ve“ Maß­nah­me kommt beson­ders eine Ver­deut­li­chung und Ver­schär­fung der Bin­dungs­wir­kung des Struk­tur- und Ent­wick­lungs­plans für wei­te­re wis­sen­schafts­re­le- van­te Ent­schei­dun­gen des Rek­to­rats, beson­ders, aber nicht nur den Abschluss von Ziel­ver­ein­ba­run­gen, in Betracht.84 Bei der Abwahl eines haupt­amt­li­chen Rek­to- rats­mit­glieds könn­te die Zustim­mung des Minis­te­ri­ums ent­fal­len, so dass wie in den meis­ten ande­ren Bun­des­län- dern nur die Über­ein­stim­mung von Senat und Hoch- schul­rat erfor­der­lich wäre.

Weit­aus schwie­ri­ger gestal­tet sich die Stär­kung des Hoch­schul­leh­rer­ein­flus­ses ohne Ein­griff in die „Rege- lungs­phi­lo­so­phie“. Beim Hoch­schul­rat lie­ße sich die Zahl der aus dem Senat gewähl­ten Hoch­schul­leh­rer mo- derat erhö­hen, was jedoch allein kaum aus­rei­chen dürf- te. Um die Deka­ne im Senat auf Hoch­schul­leh­rer­sei­te mit­zäh­len zu kön­nen, wäre im Lich­te der zitier­ten Kam- mer-Eil­ent­schei­dung des BVerfG85 zu erwä­gen, die De- kane­wahl im Fakul­täts­rat an eine dop­pel­te Mehr­heit – d.h. über die Mehr­heit im Gre­mi­um hin­aus noch der

  1. 82  Sie­he oben III. 1.
  2. 83  VerfGH BW (Fn. 1), juris Rn. 93, beim Gesamt­ergeb­nis, offe­neraber eben­so kur­so­risch Rn. 133 zum Berufungsverfahren.
  3. 84  Vgl. Hart­mann, Zur geplan­ten Ände­rung des Nie­der­säch­si­schen Hoch­schul­ge­set­zes, NdsVBl 2015, S. 209, 211: Die Ent­wick­lungs-pla­nung „darf sich nicht auf ‚wol­ki­ge Begriffs­ly­rik‘ beschrän­ken, son­dern muss hand­fes­te Fest­le­gun­gen ent­hal­ten, wel­che die Ziel­ver­ein­ba­rung dann nur noch kon­kre­ti­siert“; ähn­lich Frach/ Krä­mer, Mit­wir­kungs­rech­te der Hoch­schul­se­na­te an Struk­tur- maß­nah­men nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge- richts, LKV 2015, S. 481, 486 f.
  4. 85  Sie­he oben Fn. 52.

dor­ti­gen Ver­tre­ter der Hoch­schul­leh­rer – zu bin­den, um die Rück­bin­dung der Deka­ne an die Hoch­schul­leh­rer ih- rer Fakul­tät zu akzen­tu­ie­ren. Es bleibt jedoch zwei­fel- haft, ob dies dem Ver­fas­sungs­ge­richts­hof, der ja die­sen BVerfG-Kam­mer­be­schluss gar nicht zur Kennt­nis ge- nom­men zu haben scheint, bereits genü­gen wür­de. Ge- wiss könn­te man die Hoch­schul­leh­rer­bank im Senat zah­len­mä­ßig stär­ken, doch wür­de damit das Rad in Rich­tung Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät zurück­ge­dreht. Eben­so lie­ßen sich die Deka­ne im Senat durch gewähl­te Hoch- schul­leh­rer erset­zen, doch gin­gen damit wesent­li­che Vor­tei­le für Wis­sen­schafts­plu­ra­lis­mus und Sach­ver­stand ver­lo­ren. Dies wür­de immer­hin abge­mil­dert, wenn die Deka­ne wenigs­tens ohne Stimm­recht im Senat ver­blie- ben. Dage­gen dürf­te es kaum in Betracht kom­men, die dort ver­tre­te­nen Deka­ne förm­lich an die Mei­nungs­bil- dung im Fakul­täts­rat zu bin­den und so noch deut­li­cher an die dor­ti­ge Hoch­schul­leh­rer­mehr­heit zu kop­peln, denn damit käme es zu einem sys­tem- und mög­li­cher- wei­se sogar ver­fas­sungs­wid­ri­gen impe­ra­ti­ven Mandat.

Das BVerfG hat sich der­zeit im Rah­men einer Ver­fas- sungs­be­schwer­de im Hin­blick auf die dua­le Hoch­schu­le Baden-Würt­tem­berg eben­falls mit dem LHG BW und damit erst­mals auch mit der neu­es­ten „Reform­ge­nera­ti- on“ der Lan­des­hoch­schul­ge­set­ze aus­ein­an­der­zu­set­zen. Es bleibt zu hof­fen, dass höchst­rich­ter­lich die Ent­wick- lungs­of­fen­heit der Hoch­schul­ge­setz­ge­bung wie­der stär- ker betont wird.

Micha­el Feh­ling ist Pro­fes­sor an der Buce­ri­us Law School Ham­burg und Inha­ber des Lehr­stuhls für Öffent­li­ches Recht III: Öffent­li­ches Recht mit Rechtsvergleichung.

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