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Wir leben in einer Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft für wis- sen­schaft­li­ches Wis­sen. Wis­sen­schaft ist Erbaue­rin und Zer­stö­re­rin sozia­ler Wel­ten und das Tem­po der von ihr her­vor­ge­brach­ten Ver­än­de­run­gen beschleu­nigt sich in moder­nen Gesell­schaf­ten. For­schung setzt stän­dig neue Spiel­fi­gu­ren auf das Schach­brett der sozia­len Welt, ver- ändert zudem deren Spiel­re­geln. Im Ergeb­nis kann der Fort­schritt in den Wis­sen­schaf­ten manch­mal auch die Grund­la­gen ver­trau­ter recht­li­cher Rege­lun­gen unter­gra- ben. In der Dis­kus­si­on um Expe­ri­men­te zum „Anschär- fen“ von poten­ti­el­len Seu­chen­er­re­gern liegt ein sol­cher Fall vor. Wis­sen­schaft­ler kön­nen syn­the­ti­sche Mikro­ben kom­plett am Reiß­brett erschaf­fen und dabei das Erb­gut von Erre­gern mit einer Art mole­ku­la­rer Text­ver­ar­bei- tung bei­na­he nach Belie­ben redi­gie­ren, edi­tie­ren oder kom­plett neu­schrei­ben. In zivi­len Hoch­si­cher­heitsl­abo- rato­ri­en ent­ste­hen immer häu­fi­ger soge­nann­te neu­ar­ti- ge, „poten­ti­ell pan­de­mi­sche Patho­ge­ne“ (PPP), die in der natür­li­chen Evo­lu­ti­on der Lebe­we­sen bis­her fehlten.1 Der Ein­wand, der Mensch kön­ne nichts schaf­fen, was nicht auch die Natur her­vor­brin­gen wür­de, geht grund- sätz­lich fehl: Ohne den Men­schen hät­te es nicht Hun­der- te von Hun­de­ras­sen gege­ben, die er aus dem Wolf gezüch­tet hat.2 Mit Hil­fe expe­ri­men­tel­ler Metho­den las- sen sich natür­li­che Ein­schrän­kun­gen aus­he­beln, die natür­li­che Selek­ti­on von Erre­gern simu­lie­ren und beschleu­ni­gen im Sin­ne einer erzwun­ge­nen Evolution.

  1. 1  Marc Lip­sitch, PLOS Medi­ci­ne, May 20, 2014: „Ethi­cal Alter­na­ti­ves to Expe­ri­ments with Novel Poten­ti­al Pan­de­mic Patho­gens“: http:// www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal. pmed.1001646 (21.1.2015).
  2. 2  Simon Wain-Hob­son, EMBO Mol Med., Nov 2013, S. 1 (3) „Pan­de- mic influ­en­za viru­ses: time to reco­gni­ze our ina­bi­li­ty to pre­dict the unpre­dic­ta­ble and stop dan­ge­rous gain-of-function.“
  3. 3  Die 2. Kam­mer des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat­te 2010 die­se Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Entsch­ei-
    dung ange­nom­men (BVerfGK 17, 57). Sie sei unzu­läs­sig, weil die Beschwer­de­füh­re­rin nicht sub­stan­ti­iert dar­le­ge, dass sie durch­die ableh­nen­den Gerichts­ent­schei­dun­gen in ihrem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ver­letzt sei. Ein schlüs­si­ger Vor­trag der Beschwer­de­füh­re­rin, der von ihr befürch­te­te Scha­den wer­de ein­tre­ten, feh­le. Für die Dar­le­gung der Mög­lich­keit eines sol­chen Scha­dens­ein­tritts genü­ge es ins­be­son­de­re nicht, War­nun­gen auf ein gene­rel­les Miss­trau­en gegen­über phy­si­ka­li­schen Geset­zen, also gegen­über theo­re­ti­schen Aus­sa­gen der moder­nen Natur­wis- sen­schaft zu stüt­zen. Nament­lich im Bereich der theo­re­tisch weit fort­ge­schrit­te­nen Natur­wis­sen­schaf­ten erfor­der­ten vernünftige

Die Debat­te um „Bio­safe­ty“ und „Bio­se­cu­ri­ty“ in den mäch­ti­gen Lebens­wis­sen­schaf­ten gehört in die brei­te Öf- fent­lich­keit, eben weil dabei auch die Gren­zen der For- schungs­frei­heit im Zeit­al­ter der syn­the­ti­schen Bio­lo­gie neu aus­ge­lo­tet wer­den müs­sen. Bei Expe­ri­men­ten mit in der Natur bis­her nicht exis­tie­ren­den PPP wie z.B. den bei Säu­ge­tie­ren über­trag­ba­ren Vogel­grip­pe­vi­ren han­delt es sich um einen beson­ders heik­len Risi­ko­typ durch For- schung, die tech­no­lo­gi­sche Her­stel­lung soge­nann­ter „low pro­ba­bi­li­ty, high con­se­quen­ti­al risks“, mit denen sich Gesell­schaf­ten seit jeher schwer tun. Ein eher obs- kures Bei­spiel war die Ableh­nung einer Ver­fas­sungs­be- schwer­de durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Dar­in ver­such­te eine Beschwer­de­füh­re­rin dar­zu­le­gen, in der Orga­ni­sa­ti­on Euro­péen­ne pour la Recher­che Nuclé­ai­re (CERN) in Genf könn­ten nach einer in der kern­phy­si­ka- lischen Wis­sen­schaft dis­ku­tier­ten Theo­rie soge­nann­te „Minia­tur-Schwar­ze-Löcher“ erzeugt wer­den. Eine be- son­de­re, am CERN geplan­te Ver­suchs­rei­he ber­ge das „Risi­ko einer Zer­stö­rung der Erde“, daher müs­se der Staat die Expe­ri­men­te unterbinden.3

Bis­her beru­hen die recht­li­chen Ein­he­gun­gen mög­li- cher „Biosecurity“-Risiken in den Lebens­wis­sen­schaf­ten im Kern auf der ein­fa­chen Idee, den mate­ri­el­len Trans- port und Export von „Dual-Use“-Gütern bei Bedarf ein- zuschränken.4 In den USA wird For­schern in Hoch­si- cher­heits­la­bo­ra­to­ri­en zudem vor­ge­schrie­ben, bei Expe-

Zwei­fel zudem ein hin­rei­chen­des fach­li­ches Argu­men­ta­ti­ons­ni- veau. Dabei kön­ne man sich nicht wie die Beschwer­de­füh­re­rin
auf sol­che Hilfs­er­wä­gun­gen beschrän­ken, die ihrer­seits mit dem bewähr­ten, aner­kann­ten Hin­ter­grund­wis­sen des jewei­li­gen Faches in Wider­spruch stün­den und nach ihrem eige­nen Vor­trag bis­lang weder wis­sen­schaft­lich publi­ziert, noch auch nur in Umris­sen theo­re­tisch aus­ge­ar­bei­tet wor­den sei­en. Eben­so wenig rei­che es für einen schlüs­si­gen Vor­trag aus, dass die Beschwer­de­füh­re­rin Scha- dens­er­eig­nis­se als mög­li­che Fol­ge der Ver­suchs­rei­he ankün­di­ge und die­se Ankün­di­gung damit zu begrün­den suche, dass sich die Gefähr­lich­keit der Ver­suchs­rei­he eben in den von ihr für mög­lich gehal­te­nen Scha­dens­er­eig­nis­sen mani­fes­tie­re. Ein sol­ches Vor- gehen hin­zu­neh­men hie­ße, Stra­te­gien zu ermög­li­chen, belie­bi­ge For­schungs­an­lie­gen durch ent­spre­chend pro­jekt­spe­zi­fi­sche War- nun­gen zu Fall zu brin­gen; http://www.bundesverfassungsgericht. de/pressemitteilungen/bvg10-014.html (21.1.2015).

4 In Deutsch­land fin­den sich dazu Rege­lun­gen in der Gen­tech­nik- Sicher­heits­ver­ord­nung, in der Bio­stoff­ver­ord­nung, in der Dual- Use-Ver­ord­nung der EG und im Außenwirtschaftsrecht.

Vol­ker Stollorz

War­um Jour­na­lis­ten das „Dual-Use-Rese­arch of Concern“-Dilemma thematisieren

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2015, ISSN 2197–9197

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rimen­ten mit bestimm­ten „Select-Agents“, die absicht­lich oder unab­sicht­lich in fal­sche Hän­de gera­ten könn­ten, be- son­de­re Vor­sicht wal­ten zu lassen.5 US-For­scher müs­sen daher inzwi­schen auch bei bestimm­ten Erre­gern vor der Durch­füh­rung bestimm­ter Ver­su­che Geneh­mi­gun­gen ein- holen, im Extrem­fall ihre Ergeb­nis­se mit „Select-Agents“ sogar geheim hal­ten, um eine Wei­ter­ga­be der gene­ti­schen Infor­ma­tio­nen über PPP in unbe­fug­te Hän­de zu ver­hin- dern oder deren Risi­ken zumin­dest zu minimieren.6 Die­se Rege­lun­gen betref­fen in den USA aller­dings nur den Be- reich von mit Bun­des­mit­teln bezahl­ter oder in Bun­de­sein- rich­tun­gen durch­ge­führ­ter Forschungen.

Ähn­li­che Regu­la­ri­en gel­ten zum Bei­spiel auch für For­schungs­ar­bei­ten mit den angeb­lich letz­ten auf der Welt ver­blie­be­nen Pocken­vi­ren-Stäm­men, die in der Na- tur welt­weit durch Imp­fun­gen aus­ge­rot­tet wur­den. Alle hoch­an­ste­cken­den Pocken­vi­ren sol­len aktu­ell nur noch in zwei Labo­ra­to­ri­en in den USA und Russ­land lagern. Alle For­schun­gen mit den letz­ten ver­füg­ba­ren Pocken- stäm­men unter­lie­gen stren­gen Vor­keh­run­gen, geplan­te Expe­ri­men­te und selbst sol­che mit Frag­men­ten der DNA des Erre­gers wer­den von einem Gre­mi­um der WHO be- wer­tet, doku­men­tiert und genehmigt.7 Ein sol­ches Kon- troll­re­gime basiert letzt­lich auf einer zen­tra­len Annah- me, die künf­tig durch den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt hin­fäl­lig wird: dass die Kon­trol­le der uner­wünsch­ten Ver­brei­tung von Pocken­vi­ren durch eine Kon­trol­le des Zugangs zu den mate­ri­ell an weni­gen Orten vor­han­de- nen Viren­stäm­men erfol­gen kann. Es ist eben die­se An- nah­me, die durch rasan­te Fort­schrit­te der Syn­the­ti­schen Bio­lo­gie aus­ge­he­belt wird. Selbst wenn ein Hoch­si­cher- heits­la­bo­ra­to­ri­um künf­tig einen dort allein ver­füg­ba­ren Erre­ger oder einen erzeug­ten, neu­ar­ti­gen PPP abso­lut si- cher ver­wahrt und vor Ort alle Bio­si­cher­heits-Regeln strikt ein­hält, könn­ten unab­hän­gi­ge Akteu­re mit viro­lo- gischer Exper­ti­se die­ses neu­ar­ti­ge PPP oder künf­tig auch das Pocken­vi­rus durch Erb­gut-Syn­the­se wie­der­auf­ers­te- hen las­sen. Vor­aus­set­zung dafür wäre allei­ne die öffent-

  1. 5  Sie­he etwa die „Natio­nal Select Agents and Toxin List“ der USA vom April 2014: http://www.selectagents.gov/Select%20Agents%20and%20 Toxins%20List.html, (2.9.2014).
  2. 6  „Hin­wei­se und Regeln zum ver­ant­wort­li­chen Umgang mit For- schungs­frei­heit und For­schungs­ri­si­ken“, Max Planck Gesell­schaft 2010: https://www.mpg.de/200127/Regeln_Forschungsfreiheit.pdf (21.1.2015), United Sta­tes Government Poli­cy for Over­sight of Life Sci­en­ces Dual Use Rese­arch of Con­cern (March 2012): http://www. phe.gov/s3/dualuse/Documents/us-policy-durc-032812.pdf (2.9.2014).
  3. 7  Advi­so­ry Group of Inde­pen­dent Experts to review the small­pox rese­arch pro­gram­me (AGIES) Report to the World Health Orga­ni­za- tion, Gene­va, Switz­er­land, Novem­ber 2013: http://apps.who.int/iris/ bitstream/10665/97034/1/WHO_HSE_PED_CED_2013.3_eng.pdf (2.9.2015).
  4. 8  Im Bereich der zivi­len Erre­ger-For­schun­gen lie­gen sich ver­schie­de­ne Lager und Dis­zi­pli­nen über Kreuz bei der wis­sen­schaft­li­chen Be- wer­tung von Nut­zen und Risi­ken heik­ler „Gain of Function-Experi-

liche Ver­füg­bar­keit der beson­de­ren gene­ti­schen Bau­plä- ne sol­cher Erre­ger. Tech­nisch kön­nen klei­ne­re Patho­ge- ne wie Influ­en­za-Viren im Prin­zip schon heu­te allein durch Kennt­nis ihres Erb­guts kom­plett syn­the­ti­siert wer­den, wenn ihr Erb­gut in zugäng­li­chen Daten­ban­ken publi­ziert wur­de. Genau eine sol­che Ver­öf­fent­li­chung ist nicht nur bei den Pocken, son­dern auch bei dem Influ- enza-Virus H1N1 bereits erfolgt. Letz­te­rer lös­te 1918 eine ver­hee­ren­de Pan­de­mie aus, der 20 bis 50 Mil­lio­nen Men- schen welt­weit zum Opfer gefal­len sein sol­len. Bio­lo­gi- sche „Wie­der­auf­er­ste­hun­gen“ aus der rei­nen Erb­infor- mati­on wer­den in weni­gen Jah­ren an vie­len Orten der Erde auch mit „Select Agents“ und neu­ar­ti­gen PPP mög­lich sein, die für ihre Anzucht und Ver­meh­rung nöti­ge tech­ni- sche Exper­ti­se wird sich ver­mut­lich rasch verbreiten.

Es ist der imma­te­ri­el­le Cha­rak­ter des gene­ti­schen Codes der die bis­he­ri­gen Regu­la­ri­en der Bio­waf­fen-Kon- ven­ti­on, des Bio­si­cher­heits­rechts und der Export­kont- roll­ge­set­ze unter­läuft. Die E‑Mail eines deut­schen For- schers an eine US-Fach­zeit­schrift mit der Erb­gut-Se- quenz eines neu­ar­ti­gen PPP kann den Export eines „Se- lect Agents“ im Sin­ne der EU-Dual-Use-Ver­ord­nung dar­stel­len, weil die­ser auch den Export von gene­ti­scher Infor­ma­ti­on mei­nen kann. Stell­te ein For­scher die­sel­be Erb­gut-Sequenz in Deutsch­land ein­fach ins Netz, unter- läge er trotz ver­gleich­ba­rem Risi­ko zumin­dest nicht der Export­kon­trol­le. Es ist die Imma­te­ria­li­tät der Erb­subs- tanz aus der Dür­ren­matts Dik­tum aus sei­nem Dra­ma „Die Phy­si­ker“ folgt: „Was alle angeht, kön­nen auch nur alle lösen.“

Zumin­dest erscheint es im öffent­li­chen Inter­es­se an- gesichts der tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten unaus- weich­lich, dass bereits der For­schungs­pro­zess und die Her­stel­lung von PPP im Labor in den Fokus von Bio­se- curi­ty-Regu­lie­run­gen gera­ten. Genau des­halb ist die öf- fent­li­che Debat­te um die Frei­heit und Ver­ant­wort­lich­keit von Wis­sen­schaft­lern und der Wis­sen­schaft entbrannt.8 Die öffent­lich rele­van­te Fra­ge lau­tet, wie sich For-

men­te“, die poten­zi­ell pan­de­mi­sche Krank­heits­er­re­ger erst erschaf­fen könn­ten. Mit­glie­der der „Cam­bridge Working Group“ (http://www. cambridgeworkinggroup.org, 21.1.2015) for­der­ten kürz­lich eine mo- der­ne Ver­si­on eines „Asi­lo­mar-arti­gen“ Pro­zes­ses, in dem For­scher Regeln und belast­ba­re Risi­ko­ana­ly­sen ent­wi­ckeln, um die Mensch­heit einer­seits vor poten­ti­el­len Pan­de­mie­er­re­gern in der Natur schüt­zen zu kön­nen, bei die­sen For­schun­gen aber „höchst­mög­li­che Sicher- heits­stan­dards“ zu garan­tie­ren. Sie for­dern bis dahin ein Mora­to­ri­um für bestimm­te „Gain of Function“-Versuche mit poten­ti­el­len Pan­de- mie­er­re­gern aus der Fami­lie der Vogel­grip­pe­vi­ren und Coro­na-Viren. Als Replik auf die­sen Auf­ruf kon­ter­te eine eben­so pro­mi­nent besetz­te Grup­pe von For­schern unter dem Ban­ner „Sci­en­tists for Sci­ence“ (http://www.scientistsforscience.org, 21.1.2015), man müs­se selbst heik­le Expe­ri­men­te wagen, die bestehen­den stren­gen Regu­la­ri­en reich­ten aus und die Rest­ri­si­ken lie­ßen sich durch ver­ant­wort­li­che For­schung mini­mie­ren. Einig sind sich bei­de Sei­ten bis­her nur in einem Punkt: man müs­se end­lich mit­ein­an­der reden.

Stol­l­orz · Das „Dual-Use-Rese­arch of Concern“-Dilemma 8 5

schungs­frei­heit und der Schutz der Ver­fas­sung neu aus- balan­cie­ren las­sen im Lich­te des Fort­schritts, um mög­li- chen Scha­den von der Bevöl­ke­rung abzuwenden.

Der Deut­sche Ethik­rat hat sich kürz­lich in sei­nem Bericht „Bio­si­cher­heit — Frei­heit und Ver­ant­wor­tung der For­schung“ zum Bei­spiel mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob „Expe­ri­men­te, die einen Krank­heits­er­re­ger gefähr­li­cher machen, über­haupt geför­dert und durch­ge­führt und ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­licht wer­den sollen.“9 Soll es zum Bei­spiel zum Schutz vor einem unbe­ab­sich­tig­tem Ent- wei­chen oder dem Miss­brauch durch Bio­ter­ro­ris­ten Ein- schrän­kun­gen oder For­schungs­ver­bo­te bei der Arbeit mit im Labor ange­schärf­ten Seu­chen­er­re­gern geben? Was pas­siert, wenn es die mäch­ti­gen Werk­zeu­ge der syn- the­ti­schen Bio­lo­gen auch „Böse­wich­ten“ erlau­ben, etwa den aus­ge­rot­te­ten Pocken­er­re­ger aus sei­ner im Inter­net ver­öf­fent­lich­ten DNA im Labor wie­der zum Leben zu er- wecken?

Aus dem bis­her Gesag­ten dürf­te klar sein, dass For- scher aus Sicht der Öffent­lich­keit beim Umgang mit im Labor erzeug­ten PPP nicht allei­ne ent­schei­den dür­fen, wie weit ihre Frei­heit reicht. Das „Dual-Use-Rese­arch of Concern“-Dilemma im Zeit­al­ter der syn­the­ti­schen Bio- logie mikro­biel­ler Geno­me bedeu­tet für For­scher zu- nächst: Sie soll­ten es nicht län­ger ver­harm­lo­sen. Schon das Her­stel­len oder das Spei­chern der gene­ti­schen Se- quenz eines poten­ti­ell pan­de­mi­schen Patho­gens auf den loka­len Ser­vern einer Uni­ver­si­tät kann ein „Bio­se­cu­ri­ty“- Risi­ko dar­stel­len. Auch des­halb stellt sich die Fra­ge nach den Schran­ken der For­schungs­frei­heit in aller Schär­fe neu. Das Risi­ko des Miss­brauchs von For­schung lässt sich zudem durch umfas­sen­de Maß­nah­men der Labor­si- cher­heit nicht voll­kom­men ver­mei­den, wenn sich Erbin- for­ma­tio­nen allein imma­te­ri­ell verbreiten.

Das erklärt die Wucht auch des öffent­li­chen Streits um die von Ron Fou­chier an der Uni­ver­si­tät Rot­ter­dam und Yoshi­hi­ro Kawao­ka an der Uni­ver­si­tät Madi­son in Wis­con­sin her­ge­stell­ten PPPs — also bei Säu­ge­tie­ren über­trag­ba­re Vogel­grip­pe­er­re­ger H5N1, die es in der Na- tur bis­her noch nicht gibt. Wir haben in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung über die­se Ver­su­che und die Debat­te von Beginn an aus­führ­lich berich­tet, weil aus

  1. 9  Deut­scher Ethik­rat 2014: „Bio­si­cher­heit, Frei­heit und Ver­ant­wor- tung in der Wis­sen­schaft: http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/ stellungnahme-biosicherheit.pdf (2.9.2014).
  2. 10  Übri­gens sind auch die indi­rek­ten Bio­safe­ty-Fol­gen der Her­s­tel- lung von PPPs nicht tri­vi­al. Je attrak­ti­ver die For­schung an PPPs in Bezug auf mög­li­che Repu­ta­ti­ons­ge­win­ne in der Wis­sen­schaft ist, des­to stär­ker steigt das Frei­set­zungs-Risi­ko, wenn For­scher
    an Orten Erre­ger her­stel­len, deren Ent­kom­men sie nicht sicher kon­trol­lie­ren kön­nen. Unfäl­le in Hoch­si­cher­heits­la­bo­ra­to­ri­en kom­men vor, vor allem dort, wo die Stan­dards nicht so hoch sind wie in den bes­ten BSL‑4 Labo­ra­to­ri­en der indus­tri­el­len Welt. Und

Sicht der Öffent­lich­keit gilt: Selbst wenn Fou­chier und Kawao­ka alle ihnen gesetz­ten Regeln strikt ein­hal­ten und aus ihren Labo­ra­to­ri­en kein PPP frei­ge­setzt wer­den kann, könn­ten die­sel­ben neu­ar­ti­gen Viren mit den be- schrie­be­nen Metho­den doch andern­orts anhand der in den Wis­sen­schafts­zeit­schrif­ten „Sci­ence“ und „Natu­re“ ver­öf­fent­lich­ten Gen­se­quen­zen nach­ge­baut wer­den. Das Rezept und die Werk­zeu­ge ihrer Her­stel­lung sind nun öffent­lich. Sobald aber das Wis­sen ein­mal in der Welt ist, kann es nicht mehr zurück­ge­holt wer­den. Ein PPP, das es in der Natur (noch) nicht gibt, kann mit sei­ner blo­ßen Exis­tenz in einem Labor im Prin­zip welt­weit bekannt wer­den. Sobald gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen eines PPP ver- öffent­licht wer­den, kann es künf­tig von kom­pe­ten­ten Drit­ten im Guten wie im Bösen her­ge­stellt werden.

Was folgt aus die­sen Fak­ten? Zunächst ein­mal muss die Öffent­lich­keit zumin­dest erfah­ren, was wo pas­siert und warum.10 Wel­che Risi­ken bestimm­te For­schun­gen mit PPP beinhal­ten, wel­cher Nut­zen mit wel­chen Argu- men­ten behaup­tet wird. Die For­scher müs­sen ihre per- sön­li­chen For­schungs­in­ter­es­sen dabei zurück­stel­len und sich auch einer öffent­li­chen Debat­te stel­len. Vor allem For­schun­gen zu „Gain of function“-Experimenten an poten­ti­ell pan­de­mi­schen Mikro­ben stel­len ein ech­tes Di- lem­ma dar, wie es am Beginn der Ent­wick­lung der Gen- tech­no­lo­gie 1975 in Asi­lo­mar schon ein­mal zu Tage trat:11 Wel­che Art von For­schung soll­te unter­blei­ben weil sie zu ris­kant erscheint? Wenn sehr ris­kan­te For- schung betrie­ben wird, wel­che Vor­sichts­maß­nah­men soll­ten dann ergrif­fen wer­den, um das Risi­ko von ab- sicht­li­chen oder unab­sicht­li­chen Frei­set­zun­gen zu mini- mie­ren? Wenn Ergeb­nis­se von heik­len Expe­ri­men­ten bereits vor­lie­gen, soll­ten Arti­kel mit den Erkennt­nis­sen dann frei und detail­liert öffent­lich ver­füg­bar wer­den, da- mit jeder, also auch „bad guys“ eige­ne Lek­tio­nen dar­aus zie­hen kann? Recht­fer­tigt der poten­ti­el­le Nut­zen der Ex- peri­men­te „low pro­ba­bi­li­ty but high con­se­quen­ti­al risk“ ein­zu­ge­hen, wenn wir aner­ken­nen, dass wir es mit Risi- ken der Ver­brei­tung imma­te­ri­el­ler gene­ti­scher Infor­ma- tion zu tun haben? Wie weit dür­fen For­scher gehen, wenn sie neu­ar­ti­ge PPP im Labor her­stel­len? Macht es etwa Sinn, töd­li­che Ebo­la­vi­ren zu züch­ten, die auch über

selbst dort pas­sie­ren Feh­ler, wie die Berich­te über Vogel­grip­pe- erre­ger, die bei der US-Seu­chen­be­hör­de CDC aus dem BSL‑4 Hoch­si­cher­heits­trakt ver­se­hent­lich ver­schickt wur­den, bewei­sen. Selbst klei­ne Wahr­schein­lich­kei­ten des Ein­tre­tens von Bio­si­cher- heits­ri­si­ken poten­zie­ren sich mit der Anzahl der Labo­ra­to­ri­en, die „Gain of Function“-Forschung mit PPPs durch­füh­ren. Es herrscht der­zeit nicht ein­mal Klar­heit, wie vie­le Hoch­si­cher­heits- labo­ra­to­ri­en mit wel­chen Stan­dards welt­weit existieren.

11 www.cambridgeworkinggroup.org; www.scientistsforscience.org (21.1.2015).

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die Luft über­trag­bar sind, um die Wir­kung von Impf­stof- fen zu tes­ten? Wel­cher Nut­zen ent­geht Gesell­schaf­ten, wenn sie bestimm­te Expe­ri­men­te ver­bie­ten? Dür­fen un- ver­hält­nis­mä­ßi­ge Risi­ken für geschütz­te Güter ein­ge­gan- gen wer­den, wenn sehr hohe Risi­ken mit sehr gro­ßen Chan­cen einhergehen?

Vor allem gilt es zu dis­ku­tie­ren, wer sol­che Fra­gen beant­wor­ten und Ent­schei­dun­gen tref­fen soll­te? Die Wis­sen­schaft­ler allein? Die Gre­mi­en der Wis­sen­schaft in Selbst­ver­ant­wor­tung? Wo beginnt die Ver­ant­wor­tung der Regie­run­gen? Wel­che Rol­le kann und soll die öffent- liche Debat­te spie­len? Was soll­te gesche­hen, wenn Rege- lun­gen in einem Land das Dilem­ma nicht adres­sie­ren kön­nen, son­dern ein inter­na­tio­na­ler Kon­sens für den Umgang mit „Dual-Use-Rese­arch of Con­cern“ unab- ding­bar wäre, um Risi­ken zu minimieren?

Als Wis­sen­schafts­jour­na­list regis­trie­re ich zunächst, dass es bei vie­len die­ser Fra­gen einen ech­ten inner­wis- sen­schaft­li­chen Dis­sens gibt.12 Die Influ­en­za-For­scher kön­nen der­zeit weder rele­van­te Dual-Use-Risi­ken ihrer For­schun­gen kon­trol­lie­ren noch einen direk­ten, unmit- tel­ba­ren Nut­zen ihrer For­schung für die Mensch­heit plau­si­bel machen. Auch fehlt der Nach­weis, dass das Her­stel­len von in der Natur nicht vor­kom­men­den Vo- gel­grip­pe­vi­ren Erkennt­nis­se lie­fert, die anders nicht er- hoben wer­den kön­nen. Die von eini­gen Mit­glie­dern des Deut­schen Ethik­rats gefor­der­te Beweis­last­um­kehr für bestimm­te For­schungs­pro­jek­te an PPP hal­te ich für drin- gend gebo­ten. Zumin­dest bei sol­chen Erre­gern, wel­che die Natur bis­her nicht her­vor­ge­bracht hat, son­dern von For­schen­den neu geschaf­fen wer­den mit dem Poten­zi­al, Epi­de­mien oder sogar Pan­de­mien und schwe­re Krank- hei­ten aus­zu­lö­sen. Ich den­ke, beson­de­re Schutz­pflich­ten aus­lö­sen­de, hoch­ge­fähr­li­che Mikro­or­ga­nis­men las­sen sich defi­nie­ren und auch bestimm­te Typen von Expe­ri- men­ten, die beson­de­rer Beach­tung bedür­fen. Eben­so drin­gend erfor­der­lich scheint mir, die Ent­wick­lung in- ter­na­tio­na­ler Regeln zu for­cie­ren, die das Ziel haben müs­sen, den imma­te­ri­el­len Cha­rak­ter der gene­ti­schen Infor­ma­ti­on zur Grund­la­ge der künf­ti­gen Regu­lie­rungs- bemü­hun­gen im Sin­ne der „Bio­se­cu­ri­ty“ zu machen.

  1. 12  Vol­ker Stol­l­orz, FAZ 31.8.2014: „Darf man Ebo­la zum Flie­gen brin- gen? http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/riskante-labor- expe­ri­men­te-darf-man-ebo­la-lun­gen­ga­en­gig-machen-13126312. html (2.9.2014).
  2. 13  Inter­view mit Rüdi­ger Wol­frum von Vol­ker Stol­l­orz, FAZ 6.11.2013: „Man­ches darf man nur den­ken“: http://www.faz.net/ aktu­el­l/­wis­sen/­ex­pe­ri­men­te-mit-ris­kan­ten-viren-man­ches-darf- man-nur-denken-12645939.html (2.9.2014).
  3. 14  Inter­view mit Sil­ja Vöne­ky von Vol­ker Stol­l­orz, FAZ 14. 5. 2014: „Mit Mikro­or­ga­nis­men ent­ste­hen neue Gefah­ren­quel­len“: http://

Auch Haf­tungs­re­ge­lun­gen bestimm­ter Klas­sen von Ex- peri­men­ten sind ent­spre­chend ihrem Gefähr­dungs­po- ten­ti­al anzupassen.13

Als Wis­sen­schafts­jour­na­list den­ke ich, es gibt be- stimm­te expe­ri­men­tel­le For­schun­gen im Bereich von PPP, die nach dem ethi­schen Dik­tum „Do no Harm“ un- ter­blei­ben soll­ten. Für wel­che Berei­che der Syn­the­ti- schen Bio­lo­gie die For­schungs­frei­heit ein­ge­schränkt wer­den soll­te, dar­über lohnt es sich öffent­lich unter Be- ach­tung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Rah­men­be­din­gun- gen zu strei­ten. Ich den­ke, dem Wis­sen­schafts­jour­na­lis- mus fällt hier­bei vor allem die Auf­ga­be zu, die Wis­sen- schaft zu beob­ach­ten und sie mit den Erwar­tun­gen der Öffent­lich­keit zu kon­fron­tie­ren. Die­se kri­ti­sche Alar- mie­rungs- und The­ma­ti­sie­rungs­funk­ti­on hat der Jour- nalis­mus bei die­ser kniff­li­gen Debat­te zu erfül­len ver- sucht mit dem Ergeb­nis, dass For­scher sich nun ver­stärkt recht­fer­ti­gen müs­sen, war­um sie tun, was sie tun. Das kann kein Scha­den sein, wie immer die wei­te­re Dis­kus­si- on ver­läuft. Auf ent­schei­den­de Rege­lungs­lü­cken hat die Völ­ker­recht­le­rin Sil­ja Vöne­ky von der Uni­ver­si­tät Frei- burg als Lei­te­rin der Bio­si­cher­heits­ar­beits­grup­pe im Deut­schen Ethik­rat in einem Inter­view in der Frank­fur- ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung hin­ge­wie­sen: „Wir ha- ben noch kein kohä­ren­tes Sys­tem, im Grun­de nur ein Rege­lungs­werk des 20. Jahr­hun­derts, das nicht wirk­lich auf mög­li­che bio­ter­ro­ris­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen im 21. Jahr­hun­dert passt.“14 Mit Blick auf die aktu­el­len Kon- flikt­her­de etwa in Syri­en und dem Irak wächst der­zeit die Sor­ge, bio­lo­gi­sche Waf­fen könn­ten Teil von Ter­ror- stra­te­gien werden.15 Bekannt ist auch, dass die Aum- Sek­te aus Japan in den 90er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts vor den Gift­gas-Anschlä­gen in der Tokio­ter U‑Bahn auch mit bio­lo­gi­schen Waf­fen expe­ri­men­tie­ren woll­te und angeb­lich ver­such­te, in den Besitz von Ebo­la­vi­ren zu kommen.16

Schlie­ßen möch­te ich mei­nen kur­zen Dis­kus­si­ons- bei­trag mit einem Zitat von Paul Berg, der 1975 einer der Initia­to­ren der Kon­fe­renz von Asi­lo­mar war, wo die bis heu­te weit­hin gül­ti­gen Prin­zi­pi­en zur „Bio­safe­ty“ in Gen­tech­no­lo­gie­la­bo­ra­to­ri­en, die mit rekombinanter

www.faz.net/aktuell/wissen/biosicherheit-mit-mikroorganismen-

entstehen-neue-gefahrenquellen-12932319.html (2.9.2014).
15 Harald Doorn­bos und Jen­an Mous­sa, in For­eign Poli­cy, 28.8.2014:

„Found: the isla­mic sta­tes ter­ror lap­top of doom“: http://www. foreignpolicy.com/articles/2014/08/28/found_the_islamic_state_ ter­ror_lap­top_of_­doom_­bu­bo­nic_­pla­gue_­wea­pon­s_of_­mas­s_­de- struction_exclusive (2.9.2014).

16 Carus, Seth W., Bio­ter­ro­rism and bio­cri­mes: The illi­cit use of bio­lo­gi­cal agents sin­ce 1900, 2001, S. 49, online ver­füg­bar unter http://www.ndu.edu/centercounter/full_doc.pdf (8.8.2014).

Stol­l­orz · Das „Dual-Use-Rese­arch of Concern“-Dilemma 8 7

DNA arbei­ten, erst­mals dis­ku­tiert wur­den. Der Nobel- preis­trä­ger der kali­for­ni­schen Uni­ver­si­tät Stan­ford warn- te im April 2012 auf dem Höhe­punkt der „Dual-Use-Re- sae­arch of Concern“-Debatte auf einer Tagung der Roy­al Socie­ty in Lon­don vor allem vor der Hybris der For- scher: „With syn­the­tic bio­lo­gy you have recom­bi­nant DNA on ste­ro­ids, so desi­gner orga­nisms deser­ve a lot more over­sight. Hub­ris, the very anti­the­sis of prudence,

runs very high among sci­en­tists. The­re is an incredi­ble abi­li­ty to ratio­na­li­ze or even igno­re poten­ti­al risks in their own work. But being able to pre­dict the out­co­me of an expe­ri­ment with 100 per­cent cer­tain­ty is bey­ond any of us, inde­ed it is the unex­pec­ted result we are always alert for.“17

Der Autor ist frei­er Wis­sen­schafts­jour­na­list aus Köln.

17 Vor­trag und Dis­kus­si­on von Paul Berg auf der Kon­fe­renz „H5N1 rese­arch: bio­safe­ty, bio­se­cu­ri­ty and bio­ethics“ der Roy­al Socie­ty in Lon­don: https://www.youtube.com/watch?v=46YloeRkY2U&fe ature=youtu.be (2.9.2014).

88 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 2 (2015), 83–88