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„Die Men­schen sind tau­send­mal mehr bemüht, sich Reich­tum als Geis­tes­bil­dung zu erwer­ben, wäh­rend doch ganz gewiss, was man ist, viel mehr zu unse­rem Glü­cke bei­trägt, als was man hat.“

Arthur Scho­pen­hau­er

Die Ver­schrän­kung von Theo­rie und Pra­xis ist so alt wie die uni­ver­si­tas an sich. Die Vor­stel­lung einer völ­lig von der Pra­xis los­ge­lös­ten For­schung und Leh­re ent­spricht nicht annä­hernd der Idee der Uni­ver­si­tät und in ihrer Geschich­te hat es genau dies zumeist auch nicht gege- ben. Die klas­si­schen Fakul­tä­ten bestan­den immer schon aus min­des­tens drei Wis­sen­schaf­ten, die auch einen prak­ti­schen Anwen­dungs­be­zug auf­wei­sen: Der Theo­lo- gie, die u.a. die prak­ti­sche Pries­ter­aus­bil­dung zum Ziel hat­te, der Medi­zin, die ohne Pra­xis­be­zug nicht denk­bar wäre, und der Juris­pru­denz, die eben­falls erheb­li­chen prak­ti­schen Ein­fluss auf unser täg­li­ches Leben hat.

So ist es der Begriff der uni­ver­si­tas, der Gesamt­heit, selbst, der die Grund­la­ge gelegt hat für eine weit­rei­chen- de Reform der Hoch­schu­len in Euro­pa, den Bolo­gna- Pro­zess. An die­ser Stel­le soll nicht auf den Pro­zess und die Strei­tig­kei­ten um Für und Wider ein­ge­gan­gen wer- den. Viel­mehr geht es um einen zen­tra­len Aspekt, des­sen Bedeu­tung betont wer­den soll: Die Mög­lich­keit der viel- fachen Ver­schrän­kung von Theo­rie und Pra­xis als neue Chan­ce für die Per­so­nal­ent­wick­lung von Mit­ar­bei­tern in Unter­neh­men, aber auch in den Hoch­schu­len selbst.

Die Zunah­me von Wei­ter­bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten – ins­be- son­de­re im Bereich der Hoch­qua­li­fi­zier­ten – wird im ak- tuel­len Bil­dungs­be­richt 2012 aus­führ­lich dar­ge­stellt. Es wird deut­lich, dass Wei­ter­bil­dung neben ihrer sozia­len und poli­ti­schen, auch zuneh­mend eine hand­fes­te öko­no- mische Rele­vanz besitzt. Wur­de lan­ge Zeit die Bedeu- tung der Bil­dung für den poli­ti­schen, sozia­len und ge- sell­schaft­li­chen Auf­stieg betont, wird ange­sichts eines abseh­bar rück­läu­fi­gen Arbeits­an­ge­bots deut­lich, dass wir ohne ziel­ge­rich­te­te und hoch­wer­ti­ge Wei­ter­bil­dung die Arbeits­plät­ze kaum noch wer­den beset­zen kön­nen. Unse­re Wert­schöp­fung und damit unser Wohl­stand sind durch die­se Ent­wick­lung gefährdet.

Auf Sei­ten der Unter­neh­men löst dies zusätz­li­che Anstren­gun­gen aus,

1 Vgl BMBF: Trend­be­richt zum Wei­ter­bil­dungs­ver­hal­ten in Deutsch­land, 2012.

- sich im Bereich der Aus­bil­dung ver­stärkt benach­tei­lig- ten Jugend­li­chen zuzu­wen­den. Die Metall- und Elek­tro- indus­trie geht dabei mit dem sog. För­der­jahr einen wich- tigen Schritt voran;

- Mit­ar­bei­ter wei­ter zu qua­li­fi­zie­ren (Wei­ter­bil­dung);
- Die Arbeits­kraft der Beleg­schaf­ten zu erhal­ten (Betrieb- liches Gesund­heits­ma­nage­ment, Nach- und Teil­qua­li­fi- zie­rung etc.), um u.a. die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erfreu­lich ent­wi­ckel­te Beschäf­ti­gungs­quo­te Älte­rer wei- ter zu stei­gern;
- Mit­ar­bei­ter mög­lichst lan­ge im Unter­neh­men zu hal­ten (Bin­dungs­man­ge­ment oder auch reten­ti­on mana­ge- ment).

Die­se Ket­te reicht damit von der Aus­bil­dung über die Nach­qua­li­fi­zie­rung von An- und Unge­lern­ten bis hin zu den Hoch­qua­li­fi­zier­ten im Unternehmen.

Die Wei­ter­bil­dungs­be­tei­li­gung der Erwerbs­tä­ti­gen ist etwa dop­pelt so hoch, wie die der aktu­ell Nicht­er­werbs- täti­gen. Dies macht die enor­me gesamt­ge­sell­schaft­li­che Bedeu­tung der betrieb­li­chen Wei­ter­bil­dung deut­lich. Zugleich hat die Inno­va­ti­ons­ak­ti­vi­tät eines Unter­neh- mens einen direk­ten Ein­fluss auf die Wei­ter­bil­dungs­in- ten­si­tät der Mitarbeiter.

Die Wei­ter­bil­dungs­teil­nah­me von Per­so­nen mit Hoch- und Fach­hoch­schul­rei­fe ist nach wie vor etwa dop­pelt so hoch wie die von Per­so­nen mit einem niedri- gem all­ge­mein­bil­den­den Abschluss.1

A. Die Wei­ter­bil­dung von Hoch­qua­li­fi­zier­ten gerät wei­ter in den Fokus

„Das Wei­ter­bil­dungs­ver­hal­ten der Hoch­qua­li­fi­zier­ten gewinnt dadurch an Bedeu­tung, dass sie in vie­len Berei- chen den stra­te­gisch zen­tra­len Beleg­schafts­kern bil­den, ihr quan­ti­ta­ti­ves Gewicht in der Beschäf­ti­gungs­struk­tur wei­ter stei­gen wird und ange­sichts der demo­gra­phi- schen Ent­wick­lung bei ihnen die stärks­ten Eng­päs­se er- war­tet wer­den. “2

Die­se Fest­stel­lung lässt neben ihrer Bedeu­tung für die wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil­dung auch einen zwei­ten Schluss zu: Die der­zeit geführ­te Debat­te über eine „Über-

2 BMBF, KMK: Bil­dung in Deutsch­land 2012, S 148.

Tim Wen­ni­ges
Wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil­dung als Bau­stein der Personalentwicklung

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2014, ISBN/ISSN 3–45678-222–7

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aka­de­mi­sie­rung“ ist eine Phan­tom­de­bat­te und trifft auf die gro­ßen wert­schöp­fen­den Wirt­schafts­zwei­ge nicht zu. Der Arbeit­ge­ber­ver­band Süd­west­me­tall hat dazu in ei- nem Zehn­punk­te-Papier ein­deu­tig Stel­lung bezo­gen und die­sen von BMBF und KMK fest­ge­stell­ten Befund eben- falls empi­risch in Umfra­gen bei sei­nen Unter­neh­men belegt.3

Bei der Wei­ter­bil­dung der Aka­de­mi­ker spie­len die Hoch­schu­len eine noch eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Au- ßer­uni­ver­si­tä­re Ange­bo­te domi­nie­ren bis­her den Wei- ter­bil­dungs­markt. Dabei wären doch gera­de die Hoch- schu­len mit der Ein­heit aus For­schung und Leh­re geeig- net, Men­schen aus der Pra­xis die neu­es­ten Erkennt­nis­se des Fach­be­reichs zu vermitteln.

  1. 3  Sie­he 10-Punk­te-Papier vom 10.7.2013 unter www.suedwestme- tall.de.
  2. 4  Vgl zB Aus­schrei­bung des Minis­te­ri­ums für Wissenschaft,

Für die­se schwa­che Prä­senz der Hoch­schu­len in der Wei­ter­bil­dung gibt es durch­aus nach­voll­zieh­ba­re Erklä- run­gen: Zum einen fris­te­te die Wei­ter­bil­dung bis­her ein Schat­ten­da­sein in den Hoch­schul­ge­set­zen. Auch fehl­te es an Pro­gram­men und poli­ti­scher Unter­stüt­zung. Dies ist nun im Begriff sich zu verändern.4

Eine ande­re Erklä­rung liegt in den der­zeit ste­tig stei- gen­den Stu­die­ren­den­zah­len, die alle Pro­gno­sen in den Schat­ten stellen.

Dies absor­biert Kräf­te und die Hoch­schu­len sind vor­erst damit beschäf­tigt, den Ansturm der Stu­die­ren- den zu bewäl­ti­gen. Ande­re Auf­ga­ben tre­ten in den Hin- ter­grund. Für nicht weni­ge Hoch­schu­len wer­den die­se Auf­ga­ben aber schon sehr bald deut­lich mehr sein als ein

For­schung und Kunst Baden-Würt­tem­berg für berufs­be­glei­ten­de Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge. Sie­he Pres­se­mit­tei­lung vom 12.12.2012 unter www.mwk.baden-wuerttemberg.de.

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Wen­ni­ges · Wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil­dung als Bau­stein der Per­so­nal­ent­wick­lung 1 4 7

Son­der­pro­jekt in einem Rek­to­rats­stab. Dies gilt vor al- lem für Regio­nen, in denen der demo­gra­phi­sche Wan­del frü­her und schnel­ler zu spü­ren sein wird. Hier wer­den die Wei­ter­bil­dung und die Hin­wen­dung zu neu­en Ziel- grup­pen mit über die Zukunft des Hoch­schul­stand­or­tes entscheiden.5

Eine Grup­pe wird den Pro­zess der Hin­wen­dung der Hoch­schu­len zur Wei­ter­bil­dung immens beschleu­ni­gen: Jun­ge Bache­lor­ab­sol­ven­ten mit zwei bis fünf Jah­ren Be- ruf­s­er­fah­rung, die auf dem Markt der berufs­be­glei­ten- den Mas­ter­stu­di­en­gän­ge und Kon­takt­stu­di­en ihren per-

sel­ten den Weg in die Hoch­schu­le. Auf­fäl­lig bei bes­te- hen­den Ange­bo­ten ist die Domi­nanz von Kur­sen und Semi­na­ren. Kon­takt­stu­di­en oder gan­ze Stu­di­en­gän­ge fin­den sich nur wenige.7

Die gra­fi­sche Auf­ar­bei­tung ver­deut­licht die­se Befun- de, kann aber auf­grund der Beschrän­kung auf rela­tiv jun­ge Hoch­schul­ab­sol­ven­ten nur eine Ten­denz auf­zei- gen.

Vali­de ist die­se Aus­sa­ge für die Beschäf­ti­gen in der Mit­te ihrer Kar­rie­re nicht.

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Quel­le: Bun­des­bil­dungs­be­richt 2012

sön­li­chen Weg der Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung suchen wer­den. Die Ent­wick­lung ist aus­drück­lich zu begrü­ßen, denn die­se Grup­pe lebt das und for­dert das ein, was Hoch- schul­po­li­ti­ker über Jah­re ein­ge­for­dert haben.

Es ist vor allem die „Genera­ti­on Y“, die selbst­be­wusst die eige­ne Bil­dungs­bio­gra­phie gestal­tet und Wei­ter­bil- dung und Qua­li­fi­zie­rung ein­for­dert. 6

Aktu­ell bil­den sich Pro­gram­me und Initia­ti­ven zur wis­sen­schaft­li­chen Wei­ter­bil­dung nur lang­sam aus. Dem­entspre­chend fin­den vie­le Hoch­qua­li­fi­zier­te nur

  1. 5  Vgl HIS Stu­die 11/2013: Bil­dung und Qua­li­fi­ka­ti­on als Grund­la­ge der tech­no­lo­gi­schen Leis­tungs­fä­hig­keit Deutschlands.
  2. 6  Zur „Genera­ti­on Y“ sie­he etwa „Die Zeit“: http://www.zeit. de/2014/10/­ge­nera­ti­on-y-glueck-geld.

B. Neue Auf­ga­ben für die Per­so­nal­ent­wick­lung im Unternehmen

Die Unter­neh­men sehen sich viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben gegen­über, die sich auf diver­se Grup­pen im Unter­neh- men bezieht:

- Jun­ge und moti­vier­te Bache­lor­ab­sol­ven­ten, die nach einem Mas­ter streben;

7 Vgl Bil­dung in Deutsch­land 2012.

148 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 3 (2014), 145–150

- Aka­de­mi­ker in der Mit­te ihrer Kar­rie­re, die einer­seits viel­leicht einen beruf­li­chen Auf­stieg anstre­ben, ande­rer- seits sich in einer Lebens­pha­se befin­den, in der ein erneu­tes Stu­di­um aus per­sön­li­chen, finan­zi­el­len und moti­va­tio­na­len Grün­den nicht die ers­te Wahl ist;

- Aka­de­mi­ker in Fach­kar­rie­ren, die eine Füh­rungs­kar­ri- ere anstre­ben;
- Aka­de­mi­ker in Füh­rungs­kar­rie­ren, die wie­der in die Fach­li­nie wech­seln wollen;

- Berufs­er­fah­re­ne Absol­ven­ten der betrieb­li­chen Aus­bil- dung, die nach einer Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung stre­ben;
- An- und Unge­lern­te;
- Mit­ar­bei­ter ohne Weiterbildungsmotivation

Neu dabei ist die Not­wen­dig­keit, brei­te Tei­le der Be- leg­schaft auf die kur­zen Inno­va­ti­ons­zy­klen und komp­le- xen Pro­zes­se im Unter­neh­men vor­zu­be­rei­ten bzw. ihr Qua­li­fi­ka­ti­ons­pro­fil stän­dig anzupassen.

Bei kom­ple­xen Neue­run­gen, die sich u.a. aus neu­en For­schungs­er­geb­nis­sen erge­ben, erscheint eine ver­zahn- te Wei­ter­bil­dung mit den For­schern auf die­sem Gebiet ange­bracht. Hier setzt die wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil- dung an. Ihr kommt damit eine immer wei­ter stei­gen­de Bedeu­tung für die Qua­li­fi­zie­rung und Per­so­nal­ent­wick- lung zu. Kein Unter­neh­men kann es sich mehr leis­ten, dass die für die Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit not­wen­di­gen neu­en Erkennt­nis­se aus For­schung und Bil­dung nicht direkt in die Qua­li­fi­zie­rung ein­flie­ßen. Dies gilt zum Bei­spiel für die Mate­ri­al­wis­sen­schaf­ten, den Leicht­bau oder die E- Mobi­li­tät. Es muss gelin­gen, die Beleg­schaf­ten schnel­ler mit den Erkennt­nis­sen aus der Wis­sen­schaft zu ver­sor- gen und geeig­ne­te For­ma­te der Wei­ter­bil­dung zu finden.

C. Wis­sen­schaft­li­che Weiterbildung

Das erfor­der­li­che Niveau und die not­wen­di­ge Tie­fe einer Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­me hän­gen natür­lich erheb­lich vom Grad der Tech­no­lo­gi­sie­rung des Unter­neh­mens und der Ver­tei­lung von Wis­sen inner­halb der Beleg- schaft sowie deren gene­rel­len Wis­sens­stand ab.

Unter wis­sen­schaft­li­cher Wei­ter­bil­dung ver­steht man im All­ge­mei­nen Angebote,

- die von Hoch­schu­len kon­zi­piert und in der Regel auch von die­sen oder im Ver­bund mit ande­ren Anbie­tern durch­ge­führt wer­den;
- die sich am aktu­el­len Stand der For­schung und metho- disch an den Grund­sät­zen des wis­sen­schaft­li­chen Arbei- tens orientieren;

- die in der Regel einen ers­ten berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Abschluss vor­aus­set­zen;
- die in der Regel eine vor­he­ri­ge Berufs­tä­tig­keit voraus-

set­zen;
- die meis­tens so kon­zi­piert sind, dass sie auch par­al­lel zu einer Berufs­tä­tig­keit wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen;
- die zu einem aka­de­mi­schen Abschluss (Zer­ti­fi­kat, Bache­lor oder Mas­ter) füh­ren kön­nen, aber nicht müs- sen.

Neben den bekann­ten ers­ten drei Bil­dungs­säu­len wird in die­sem Zusam­men­hang oft von der „quar­tä­ren Bil­dung“ gesprochen.

Die­ser Begriff steht für lebens­lan­ges Ler­nen und be- deu­tet eine Wie­der­auf­nah­me orga­ni­sier­ten Ler­nens an Hoch­schu­len nach einem ers­ten aka­de­mi­schen oder be- ruf­s­qua­li­fi­zie­ren­den Abschluss. Die­se Form des lebens- lan­gen Ler­nens fin­det dann in der Regel berufs­be­glei- tend statt.

Die For­ma­te ent­wi­ckeln sich der­zeit: Pio­nier war die Fern­uni­ver­si­tät Hagen, die seit 1974 als ers­te und ein­zi­ge staat­li­che Uni­ver­si­tät aus­schließ­lich Fern­stu­di­en­gän­ge anbie­tet. Dane­ben steht die wach­sen­de Anzahl berufs­be- glei­ten­der Stu­di­en­gän­ge, die je nach Form mit unter- schied­lich lan­gen Prä­senz­pha­sen stu­diert wer­den kön- nen.

Etwas nie­der­schwel­li­ger, aber nicht weni­ger an- spruchs­voll, sind die Zer­ti­fi­kats­kur­se und Kon­takt­stu­di- engän­ge. In der Regel umfas­sen sie meh­re­re inhalt­lich zusam­men­ge­hö­ri­ge Lern­mo­du­le, die über einen Zeit- raum von meh­re­ren Wochen bis Mona­ten belegt wer­den und deren Bestehen mit einem Abschluss­zer­ti­fi­kat be- schei­nigt wird. Gera­de für Per­so­nen, die kei­nen kom- plet­ten Stu­di­en­gang absol­vie­ren möch­ten, besteht oft- mals auch die Mög­lich­keit, ein­zel­ne Modu­le aus dem Cur­ri­cu­lum aus­zu­wäh­len und nach erfolg­rei­chem Ab- schluss hier­für ein Zer­ti­fi­kat zu erwer­ben. Dies ist für die erwähn­te Grup­pe der Mit­ar­bei­ter in der „Mit­te ihrer Kar­rie­re“ sehr attrak­tiv, kön­nen doch Leis­tungs­punk­te mit der Zeit gesam­melt wer­den und abschlie­ßend zu ei- nem Stu­di­en­ab­schluss zusam­men­ge­führt wer­den. Dazu sieht das Lan­des­hoch­schul­ge­setz in Baden-Würt­tem­berg – wie die meis­ten ande­ren Hoch­schul­ge­setz­te auch – die Mög­lich­keit vor, für Modul-/Kon­takt­stu­di­en Kre­dit- punk­te zu erwer­ben, die auf ein spä­te­res Stu­di­um ange- rech­net wer­den können.

Eben­so gibt es die Vari­an­te der Ein­zel­ver­an­stal­tun- gen – eine gro­ße Chan­ce liegt sicher­lich dar­in, in einem For­mat „Neu­es aus der For­schung“ die eige­nen ehe­ma­li- gen Absol­ven­ten zu errei­chen, aber auch Aka­de­mi­ker aus Nach­bar­wis­sen­schaf­ten für das eige­ne Fach­ge­biet zu begeistern.

Etwa ein Drit­tel aller wei­ter­bil­den­den Stu­di­en­gän­ge in Deutsch­land sind als rei­ne Fern­stu­di­en­gän­ge kon­zi- piert. Der grö­ße­re Teil sieht Misch­for­men von Lern und

Wen­ni­ges · Wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil­dung als Bau­stein der Per­so­nal­ent­wick­lung 1 4 9

Prä­senz­pha­sen (sog. Blen­ded Lear­ning) vor. Um die Per- sonal­ent­wick­lung der Mit­ar­bei­ter mit einem kon­kre­ten Pro­jekt oder einer klar beschrie­be­nen Auf­ga­be im Un- ter­neh­men zu ver­knüp­fen, wer­den die­se oft als Grund­la- ge eines Pro­jekt­stu­di­ums gewählt (sog. Work-based- learning).

Allen For­ma­ten von Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­ten ge- mein ist die sowohl metho­disch-didak­ti­sche als auch struk­tu­rel­le Aus­rich­tung auf die beson­de­ren Bedürf­nis­se berufs­tä­ti­ger und berufs­er­fah­re­ner Stu­die­ren­der. Im Unter­schied zu regu­lä­ren Ange­bo­ten müs­sen sich wei- ter­bil­den­de und damit in der Regel kos­ten­pflich­ti­ge Stu- dien­gän­ge auch hin­sicht­lich ihrer Bera­tungs- und Be- treu­ungs­struk­tu­ren vom übri­gen Hoch­schul­an­ge­bot ab- heben.

D. Erwar­tun­gen an Poli­tik, Wirt­schaft und Hoch- schulen

Mit der neu­en gesetz­li­chen Grund­la­ge zur Stär­kung der Wei­ter­bil­dung an den Hoch­schu­len wur­de in Baden- Würt­tem­berg (Stand 01.04.2014) – wie auch in ande­ren Län­dern – ein wich­ti­ger und rich­ti­ger Schritt gemacht, der sei­tens der Poli­tik mit dem Ziel ver­knüpft ist, die Wei­ter­bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten der Hoch­schu­len wie­der stär- ker zu inter­na­li­sie­ren. Damit sich die­se Hoff­nung aller- dings erfül­len kann, wird es not­wen­dig sein, dass im Rah­men zukünf­ti­ger Kapa­zi­täts­pla­nun­gen auch Res- sourcen für die wis­sen­schaft­li­che Wei­ter­bil­dung ein­ge- plant wer­den. Das gilt für alle Hoch­schul­ar­ten. Dies soll kei­ne Voll­fi­nan­zie­rung sei­tens des Staa­tes sein, son­dern dient in ers­ter Linie als Anschub- und ggf. als Vor­fi­n­an- zie­rung. Einen zwei­ten wich­ti­gen Bau­stein der Finan­zie- rung stel­len Stu­di­en­bei­trä­ge dar, die von den Stu­die­ren- den, aber in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen auch von den Unter­neh­men getra­gen wer­den. Schon heu­te sind 79 % aller Unter­neh­men, die ein berufs­be­glei­ten­des Mas­ter- stu­di­um in ihrem Wei­ter­bil­dungs­port­fo­lio auf­wei­sen, bereit, einen Teil der Stu­di­en­ge­büh­ren zu über­neh­men, 70 % geben den Stu­die­ren­den eine Rück­kehr­ga­ran­tie, 67 % wol­len den Mas­ter-Stu­die­ren­den bei Fort­zah­lung der Bezü­ge zumin­dest teil­wei­se freistellen.8 Die­se Unter­stüt- zungs­an­ge­bo­te sind inzwi­schen zu einem Instru­ment des Per­so­nal­mar­ke­tings gewor­den, um z. B. Bache­lor­ab- sol­ven­ten län­ger­fris­tig an das Unter­neh­men zu binden.

Auch Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter mit lang­jäh- riger Berufs­er­fah­rung sind zu einer Ziel­grup­pe für Hoch­schu­len gewor­den. Die Bolo­gna-Reform mit der Ein­füh­rung der zwei­stu­fi­gen Stu­di­en­st­ruk­tur bie­tet eine

Brie­dis, Kol­ja et al: Bache­lor­ab­sol­ven­ten im Fokus. In: Mit dem Bache­lor in den Beruf. Arbeits­markt­be­fä­hi­gung und ‑akzep­tanz

her­vor­ra­gen­de Grund­la­ge und Chan­ce, die Idee des le- bens­lan­gen Ler­nens an den Hoch­schu­len zu ver­an­kern. Dies setzt aller­dings vor­aus, dass mehr berufs­be­glei­ten- de Stu­di­en­gän­ge und Zer­ti­fi­kats­kur­se ent­wi­ckelt und an- gebo­ten wer­den, die auf die Bedürf­nis­se von Beschäf­tig- ten und Unter­neh­men aus­ge­rich­tet sind. Ein über­zeu- gen­des Ange­bot an berufs­be­glei­ten­den Stu­di­en­an­ge­bo- ten wird mit dar­über ent­schei­den, ob es tat­säch­lich gelingt, die zwei­stu­fi­ge Stu­di­en­st­ruk­tur in ihrem ur- sprüng­li­chen Sin­ne zu eta­blie­ren und den momen­tan zu beob­ach­ten­den ungu­ten Trend zu immer wei­ter stei­gen- den direk­ten Über­gän­gen in ein Mas­ter­stu­di­um zu stop- pen und umzukehren.

Zur Umset­zung von Bolo­gna gehört, die Plu­ra­li­tät von Bil­dungs­bio­gra­fien zu beach­ten und die Stär­kung der Durch­läs­sig­keit im Bil­dungs­sys­tem zu ermög­li­chen. Dazu sind eini­ge Ent­wick­lun­gen not­wen­dig, die von Po- litik, Hoch­schu­len und Arbeit­ge­bern gemein­sam vor­an- getrie­ben wer­den sollten:

- Das Ange­bot fach­lich ver­tie­fen­der berufs­be­glei­ten­der Mas­ter­stu­di­en­gän­ge muss wei­ter aus­ge­baut wer­den.
- Der inter­dis­zi­pli­nä­re Gedan­ke muss wei­ter gestärkt wer­den, wie er sich bei­spiels­wei­se in spe­zi­ell auf Inge­ni- eure aus­ge­rich­te­ten MBA-Pro­gram­men widerspiegelt.

- Wei­te­re Ange­bo­te für beruf­lich Qua­li­fi­zier­te in Form von berufs­be­glei­ten­den Bache­lor­stu­di­en­gän­gen müs­sen ent­wi­ckelt wer­den.
- Es muss ver­mehrt Ange­bo­te unter­halb der Schwel­le in sich abge­schlos­se­ner Stu­di­en­gän­ge in Form von Kon- takt­stu­di­en­gän­gen und Zer­ti­fi­kats­kur­sen geben. Dies gilt vor allem für den Bereich von Natur­wis­sen­schaf­ten, Infor­ma­tik und Tech­nik, in dem der lau­fen­de Wei­ter­bil- dungs­be­darf auf aka­de­mi­schem Niveau auf­grund immer schnel­le­rer Tech­no­lo­gie- und Markt­ent­wick­lun­gen als beson­ders hoch ein­zu­schät­zen ist. Hier­mit könn­te, wie bereits erwähnt, auch die Grup­pe der Alum­ni gezielt ange­spro­chen werden.

Dabei wird es ent­schei­dend dar­auf ankom­men, dass Unter­neh­men die­se Ange­bo­te in ihren Stra­te­gien zur Per­so­nal­re­kru­tie­rung, ‑bin­dung und ‑ent­wick­lung be- rück­sich­ti­gen und inte­grie­ren. Dem för­der­lich, ist eine insti­tu­tio­na­li­sier­te und lang­fris­ti­ge Zusam­men­ar­beit mit Hoch­schu­len, was wie­der­um einen kon­ti­nu­ier­li­chen Di- alog und Erfah­rungs­aus­tausch vor­aus­setzt. Das bedeu­tet zukünf­tig, von einer eher auf per­sön­li­chen Kon­tak­ten beru­hen­den Zusam­men­ar­beit mit ein­zel­nen Hoch­schul- leh­rern umzu­schal­ten auf eine wech­sel­sei­tig systema-

von Bache­lor­stu­die­ren­den und ‑absol­ven­ten, Essen: Edi­ti­on Stif­ter­ver­band, S 53–81.

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tisch in Unter­neh­men und Hoch­schu­le ver­an­ker­te Zu- sam­men­ar­beit. Dies setzt an den Hoch­schu­len zen­tra­le Ansprech­part­ner und Anlauf­stel­len für Wei­ter­bil­dung vor­aus. Um Theo­rie­wis­sen ent­spre­chend dem Stand der For­schung pra­xis- und bedarfs­ori­en­tiert zu ver­mit­teln, wer­den ver­mehrt neue Alli­an­zen zwi­schen Unter­neh- men, Hoch­schu­len und ande­ren Bil­dungs­trä­gern erfor- der­lich sein. Ein sol­cher Bil­dungs­trä­ger ist etwa das Bil- dungs­werk der Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Wirt­schaft e. V. (www.biwe.de), das gezielt Ange­bo­te für Unter­neh- men ent­wi­ckelt, die Wis­sen­schaft und Pra­xis in ide­al­ty- pischer Art und Wei­se verknüpfen.

Dar­über hin­aus betreibt das Bil­dungs­werk seit 2011 in Baden-Würt­tem­berg die inno­va­ti­ve Ser­vice­stel­le Hoch­schu­le­wirt­schaft. Die­se bil­det eine Anlauf­stel­le für Unter­neh­men, die das Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bot von Hoch­schu­len gezielt und pass­ge­nau nut­zen wol­len. Haupt­ziel­grup­pe der Ser­vice­stel­le sind Beschäf­tig­te klei- ner und mitt­le­rer Unter­neh­men sowohl mit als auch ohne Hoch­schul­ab­schluss. Die Ser­vice­stel­le soll die wis- sen­schaft­li­chen Wei­ter­bil­dungs­be­dar­fe der Unterneh-

men erhe­ben und die­se an die Hoch­schu­len kom­mu­ni- zie­ren, mit dem Ziel, so eine bes­se­re Pas­sung von Ange- bot und Nach­fra­ge zu ermög­li­chen. Die Stel­le nimmt da- mit, in enger Abstim­mung mit den Arbeit­ge­ber­ver­bän­den und dem Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um in Baden-Würt­tem- berg, eine wich­ti­ge Schar­nier­funk­ti­on zwi­schen Unter- neh­men und Hoch­schu­len wahr.

In einem neu­en Ver­an­stal­tungs­for­mat von Regio­nal- kon­fe­ren­zen Hoch­schu­le­wirt­schaft im Zeit­raum 2014 bis 2015 gibt es einen mode­rier­ten Pro­zess, um den Bedarf der Unter­neh­men und das poten­zi­el­le Ange­bot der Hoch­schu­len in eine Balan­ce zu brin­gen. Dabei geht es um Ziel­grup­pen, Inhal­te und For­ma­te wis­sen­schaft­li- cher Weiterbildung.

Tim Wen­ni­ges lei­tet bei Süd­west­me­tall das Refe­rat Hoch­schul­po­li­tik und ‑koope­ra­tio­nen sowie die Stabs- stel­le Poli­ti­scher Dia­log. Er ist regel­mä­ßig Gut­ach­ter in natio­na­len und inter­na­tio­na­len Akkre­di­tie­rungs­ver- fah­ren und u. a. Mit­glied im „Review Com­mit­tee“ der Euro­pean Asso­cia­ti­on for Qua­li­ty Assuran­ce in Hig­her Edu­ca­ti­on (ENQA).