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Geden­ken an Hel­mut Eng­ler (14.04.1926 — 25.10.2015)

Rek­to­rat und rechts­wis­sen­schaft­li­che Fakul­tät der Uni- ver­si­tät Frei­burg haben am 25. Okto­ber 2016 in einer Fei- er ihres ein Jahr zuvor ver­stor­be­nen Mit­glieds Hel­mut Eng­ler, ordent­li­cher Pro­fes­sor für Bür­ger­li­ches Recht und Zivil­pro­zess­recht an der Uni­ver­si­tät Frei­burg und von 1978 bis 1991 Minis­ter für Wis­sen­schaft und Kunst des Lan­des Baden-Würt­tem­berg gedacht. Sie haben sein wis­sen­schaft­li­ches Werk, vor allem sei­ne Zeit als Wis- sen­schafts­mi­nis­ter gewür­digt, in die etwa die Grün­dung der Berufs­aka­de­mien (heu­te dua­le Hoch­schu­len) fällt.

Hel­mut Eng­ler war auch Minis­ter für Kunst und so zustän­dig auch für Lite­ra­tur. Deren För­de­rung war ein Schwer­punkt sei­ner Tätig­keit. Sinn­bild dafür ist sein En- gage­ment für die alten Spra­chen im Rah­men der von ihm fast zwei Jahr­zehn­te gelei­te­ten „Stif­tung Huma­nis- mus heu­te“. Mit Klaus Bar­tels, dem Autor des nach­fol- gen­den Bei­trags, ver­band ihn in der Stif­tung eine der Spra­che gewid­me­te Freund­schaft. Eng­ler pfleg­te in sei- ner täg­li­chen Arbeit sorg­sam die Spra­che und ging der Bedeu­tung von ihm (und ande­ren) gebrauch­ten Wör­ter nach. Inter­es­se für deren Leben war ihm eigen. Indem OdW den Bei­trag von Klaus Bar­tels wie­der­gibt, möch­te sie sol­ches Inter­es­se auch bei ande­ren in der Wis­sen- schaft Täti­gen neu wecken.

Man­fred Löwisch

Wör­ter, ein­fach Wör­ter: Das ist die schlich­tes­te Ware, die ein Phi­lo­lo­ge brin­gen kann: Die Wör­ter sind der Stoff, aus dem die Tex­te sind, von den lyri­schen Gedich­ten bis zu den Geset­zes­tex­ten. Und sie leben dar­in ihr urei­ge­nes ver­bor­ge­nes Leben. Neh­men wir nur gleich dies Wört- chen „Text“ beim Wort: Da erscheint hin­ter unse­rem „Text“ ein latei­ni­sches texe­re, „weben“; da ver­wan­delt sich der schwarz­weis­se „Text“ in ein aus den Kett­fä­den und Schuss­fä­den der Wör­ter gewo­be­nes far­bi­ges „Gewe- be“. Soweit wir sehen, hat Cice­ro als ers­ter das Weben von den Tex­ti­li­en auf die Tex­te über­tra­gen. Er schreibt an einen Freund: „In einer Pri­vat­kla­ge gebrau­chen wir eine eher fach­li­che, in einem poli­ti­schen Pro­zess eine eher kunst­vol­le Spra­che; einen Freun­des­brief dage­gen pfle­gen wir aus ganz all­täg­li­chen Wör­tern zu weben – latei­nisch: texe­re sole­mus – oder wie­der deutsch: zu tex- ten“ (Brie­fe an Freun­de 9, 21, 1).

Wort­ge­schich­te: Zum einen Teil geht es da um Sprach- geschich­te: um Sprach­ver­wandt­schaf­ten und Laut­ge­set­ze, um den gros­sen Bau­kas­ten aus Prä­fi­xen vor­ne­weg, Wort- stäm­men und Suf­fi­xen hin­ter­drein. Zum ande­ren Teil geht es da um Kul­tur­ge­schich­te: um die so voll­kom­men mensch- lichen Lebens­we­ge der Wör­ter durch die Zei­ten und die Spra­chen, ihre Bedeu­tungs­sprün­ge und Bezie­hungs­kis­ten, ihr Auf­stei­gen und ihr Wie­der­ab­sin­ken, ihr aben­teu­er­li­ches Haken­schla­gen quer­feld­ein. Da gilt alle­mal, frei nach der lus­ti­gen Per­son im „Faust“: „Greift nur hin­ein ins vol­le Wör­ter­le­ben! … und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“

Und oft genug auch irri­tie­rend. Schla­gen wir auf der Fähr­ten­su­che nach einer „Kanz­lei“ oder einem „Kanz- ler“ im guten alten „Geor­ges“ nach, so fin­den wir da un- ter dem Stich­wort can­cel­la­ri­us zunächst ein Sub­stan­tiv mit der Bedeu­tung „Tür­ste­her“ oder „Kanz­lei­di­rek­tor“ und dann ein Adjek­tiv mit der Bedeu­tung „hin­ter Git- tern gemäs­tet“. Was in aller Welt hat das mit einem „Kanz­ler“ oder gar mit einer „Kanz­le­rin“ zu tun? Die „Git­ter“ brin­gen uns auf die rech­te Fähr­te. Ein „Lat­ten- zaun mit Zwi­schen­raum, hin­durch­zu­schaun“, die Lat­ten über Kreuz schräg­ge­stellt, hieß im Latei­ni­schen can­cel­li, im Plu­ral: „die Lat­ten, die Schran­ken“. Daher kommt die Bezeich­nung can­cel­la­ri­us, „der an den Schran­ken“, für den Gerichts­die­ner, der zwi­schen dem Gericht und den Par­tei­en ver­mit­tel­te, Schrift­sät­ze ent­ge­gen­nahm und Ur- kun­den aus­hän­dig­te, und daher rührt dann, neben­bei, das Qua­li­täts­prä­di­kat can­cel­la­rii für die hin­ter Git­tern – in Käfig­hal­tung – gemäs­te­ten Wacholderdrosseln.

Ein sol­cher can­cel­la­ri­us „an den Schran­ken“ zwi- schen Gericht und Par­tei­en, Behör­de und Publi­kum hat- te im Sin­ne des Wor­tes eine Schlüs­sel­funk­ti­on inne. Von dem spät­an­ti­ken can­cel­la­ri­us, „Büro­chef, Kanz­lei­chef“, im Dienst eines hohen Magis­tra­ten ist der Titel auf den mit­tel­al­ter­li­chen kai­ser­li­chen kan­zelae­re oder auch schon kurz kanz­ler über­ge­gan­gen; auch der ver­mit­tel­te ja sozu­sa­gen „an den Schran­ken“ zwi­schen Kai­ser und Volk.

Die glei­chen can­cel­li haben dann auch der „Kan­zel“ in der Kir­che den Namen gege­ben: An der Schran­ke zwi- schen Chor und Schiff hat­te das erhöh­te Lese­pult sei­nen Platz, von dem her­ab der Pries­ter sei­ne Pre­digt hielt. Die Kan­zel ist sozu­sa­gen das Pre­digt­pult „an den Schran- ken“. Und von der hohen War­te die­ser Kir­chenkan­zel ist das Wort dann wei­ter auf die Aus­sichts­kan­zel hoch über Berg und Tal über­ge­sprun­gen und schliess­lich noch auf den Hoch­sitz der Pilo­ten­kan­zel hoch über der Startpiste.

Klaus Bar­tels

Vom Leben der Wörter

Ord­nung der Wis­sen­schaft 2017, ISSN 2197–9197

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Damit sind wir, scheint es, nun weit jen­seits aller Lat­ten- zäu­ne und über­haupt aller Git­ter­wer­ke. Und doch nur solan­ge, bis der Pilot da oben in sei­ner Pilo­ten­kan­zel eine kabel­knab­bern­de Maus ent­deckt und dann auf der gro­ßen Tafel in der Abflug­hal­le plötz­lich die anglo­la­tei- nische Anzei­ge Can­cel­led, neu­deutsch „gekän­zelt“, er- scheint: Das latei­ni­sche can­cel­la­re, eigent­lich „kreuz­wei- se ver­git­tern“, bedeu­te­te ja schon unter römi­schen Juris- ten soviel wie „strei­chen, til­gen“, ent­spre­chend unse­rem „Aus­i­xen“ auf der alten Schreibmaschine.

Fami­li­en­ver­hält­nis­se, Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­se: Da gibt es wie unter den Men­schen, so unter den Wör- tern nahe Bluts- und Stamm­ver­wand­te, die sich so weit aus­ein­an­der­ge­lebt haben, dass sie nichts mehr von­ein­an- der wis­sen wol­len. Wer denkt denn, aller augen- und oh- ren­fäl­li­gen Fami­li­en­ähn­lich­keit zum Trotz, bei einem Bau-„Kran“ gleich an einen „Kra­nich“, grie­chisch géra- nos, des­sen laut­ma­len­der Name schon in klas­si­scher Zeit an die gleich lang­hal­si­gen und gleich laut kräch­zen­den Bau- und Thea­ter­krä­ne über­ge­gan­gen ist? Wer denkt denn bei einem Bund kna­cki­ger Radies­chen, wört­lich: „Wür­zel­chen“, gleich an einen Links- oder Rechts-Radi- kalen, die­se blind­wü­ti­gen „Wur­zel­bur­schen“, die alles, was ihnen nicht passt, immer gleich mit der Wur­zel aus- rei­ßen wollen?

Wo die Bedeu­tungs­be­zü­ge die Ver­wandt­schaft nicht mehr erken­nen las­sen, wer­den die augen- und ohren­fäl- ligs­ten Fami­li­en­ähn­lich­kei­ten – wie bei jenen „Tex­ten“ und den „Tex­ti­li­en“ – nicht mehr wahr­ge­nom­men. Wer denkt denn bei einem „Konjunktur“-Aufschwung noch an die glück­ver­hei­ßen­de Pla­ne­ten-Kon­junk­ti­on, die Pla- neten-„Verbindung“ am Him­mel, die ihn im Vor­aus an- gekün­digt hat, oder bei einem „Konjunktur“-Rückgang an die gram­ma­ti­schen Kon­junk­tio­nen vom Schla­ge eines „Wenn“ und „Aber“ oder an die irrea­len Kon­junk­ti­ve vom Schla­ge eines „Wäre da doch“ oder „Hät­te ich doch“, die dann im Nach­hin­ein zu hören sind? Wenn ein neu­es Fuß­ball-Sta­di­on aus der Pro­jek­tie­rung in sein Pla­nungs- Sta­di­um ein­tritt, wech­seln die Wör­ter auf der Schwel­le ein fröh­li­ches Augenzwinkern.

Und zugleich gibt es da, neben die­sen ver­leug­ne­ten Bluts- und Stamm­ver­wand­ten, immer wie­der blo­ße Dop­pel­gän­ger, die ein­an­der täu­schend ähn­lich sehen, auch auf­ein­an­der Bezüg­li­ches bedeu­ten – und doch ver- wandt­schaft­lich nichts mit­ein­an­der zu tun haben. So ist es, aller Sach­be­züg­lich­keit zum Trotz, mit dem „Ball“, den der Stür­mer in hohem Bogen ins Tor schießt, und der „Bal­lis­tik“, die der­lei Geschoss­bah­nen berech­nen könn­te: Da ist auf der einen Sei­te der prall auf­ge­bla­se­ne „Ball“ glei­chen Stam­mes mit dem prall geschnür­ten Stoff-„Ballen“ und dem mus­kel­ge­stal­ti­gen, „mäus­chen“- gestal­ti­gen Hand-„Ballen“; und da ist auf der anderen

Sei­te die von dem grie­chi­schen Verb bál­lein, „wer­fen“, abge­lei­te­te „Bal­lis­tik“ glei­chen Stam­mes mit dem fest­li- chen ande­ren „Ball“, auf dem die Tän­zer ihre Arme und Bei­ne her­um­wir­beln – als ob es da um die Flug­bah­nen außer Kon­trol­le gera­te­ner, quer durch den Ball­saal ge- wir­bel­ter Tanz-Part­ne­rin­nen ginge.

Aus der „Atmo­sphä­re“, einem neu­zeit­li­chen, aus grie­chi­schen Ele­men­ten destil­lier­ten Retor­ten­wort, weht uns nicht etwa ein ger­ma­nisch­stäm­mi­ger „Atem“, son- dern eine grie­chi­sche atmé ent­ge­gen. Bei ihrem ers­ten Auf­tritt bei Hesi­od (Theo­go­nie 862) bezeich­net die­se atmé einen sen­gen­den, dör­ren­den „Glut­hauch“ über der vom Blitz des Zeus getrof­fe­nen „bren­nen­den, schmel- zen­den Erde“. Und spä­ter bei Aischy­los (Aga­mem­non 1311) spricht die Sehe­rin Kas­san­dra von dem atmós, dem „Moder­ge­ruch“, der ihr aus dem Palast­tor von Myke­ne „gleich­wie aus einem Grab“ ent­ge­gen­schlägt. Glut­hauch und Moder: Was uns aus die­ser zwei, drei Jahr­tau­sen­de tie­fen Lexi­kon­spal­te glut­heiß und feucht­kalt in die Nase steigt, kann einem heu­te ange­sichts der aktu­el­len Kli- mas­ze­na­ri­en und Kas­san­dra­ru­fe ja schier den Atem verschlagen.

Voll­ends ver­wir­rend wird das Vexier­spiel die­ser Dop­pel­gän­ger, wenn das Kas­sa­ti­ons­ge­richt eine Geld- stra­fe kas­siert und die Gerichts­kas­se dann nichts mehr zu kas­sie­ren hat. Bei einem Doping-„Test“ – eigent­lich einer alche­mis­ti­schen „Schmelz­tie­ge­lei“ –, der einem Rad­renn­fah­rer all­zu männ­li­che Tes­to­ste­ron­wer­te attes- tiert, haben wir es sogar mit einem wort­ge­schicht­li­chen Drei­fach­gän­ger zu tun, und bei dem super-männ­li­chen Raser, des­sen rasan­te, das heißt ja: alle Tem­po­li­mit-Ta- feln weg­ra­sie­ren­de Fahrt zu übler Letzt unterm grü­nen Rasen endet, haben wir noch ein­mal einen sol­chen veri- tablen Drei­fach­gän­ger vor uns.

Manch­mal hilft das unge­lehr­te „Volk“ mit sei­nen wort­deu­ten­den, sinn­stif­ten­den „Volks­ety­mo­lo­gien“ ei- ner sol­chen Bei­na­he-Begeg­nung noch ein wenig nach. Die Mur­mel­tie­re in den Bünd­ner Ber­gen mur­meln ja nicht mit dem Berg­bach um die Wet­te. Dar­in ste­cken la- tei­ni­sche mures mon­ta­ni, „Berg­mäu­se“ von der kolos­sa- len Art, die im Räto­ro­ma­ni­schen einen tau­send­jäh­ri­gen Win­ter­schlaf gehal­ten haben, dann im Mit­tel­hoch­deut- schen als kau­der­wel­sche mür­men­din erschei­nen und sich schließ­lich zu ordent­li­chen „Mur­mel­tie­ren“ gemau- sert haben – da konn­te man sich bei dem Wort doch wie- der etwas den­ken. Aber mit die­sem „Sich-Mau­sern“ ha- ben wir die Mäu­se­welt schon wie­der ver­las­sen – dahin- ter steckt ein latei­ni­sches mut­a­re; die „Mau­ser“ der Vögel ist eine muta­tio ves­tis, ein „Wech­sel“ des Federkleids.

Nicht alles ist Grie­chisch oder Latein, was auf den ers­ten Blick anti­kisch aus­sieht. Es pass­te ja gut, wenn wir in dem klop­fen­den, stamp­fen­den „Rap“-Sänger einen

home­ri­schen Rhap­so­den aus­ma­chen dürf­ten oder wenn wir die­sen „Rap“ an dem von Cice­ro geta­del­ten „rasen- den, in sei­nem tol­len Tem­po unver­ständ­li­chen Wort- schwall“, die­ser „rapi­da et cele­ri­ta­te cae­ca­ta ora­tio“ (Bru- tus 264) fest­ma­chen könn­ten. Aber das sind Holz­we­ge: Der „Rap“ ist ger­ma­ni­schen Ursprungs, nichts als Laut- male­rei für ein lau­tes Klop­fen und Pochen.

Aber man­ches ist tat­säch­lich Grie­chisch oder Latein, was gar nicht mehr anti­kisch aus­sieht. Da ist zum Bei- spiel die „Bre­zel“, die ihre Her­kunft von den erst grie­chi- schen, dann latei­ni­schen brac­chia, den „Armen“, mit ih- ren but­ter­be­stri­che­nen Schul­tern und ihren kreuz­wei­se über­ein­an­der geschla­ge­nen Armen ja noch ganz an- schau­lich vor Augen stellt. Der Weg von den latei­ni­schen brac­chia zu unse­rer „Bre­zel“ ist mit einem spät­la­tei­ni- schen brac­ciatel­lum, einer alt­hoch­deut­schen brez­zi­tel­la und einer mit­tel­hoch­deut­schen bre­zel bes­tens ausgeschildert.

Oder da ist der schein­bar so urdeut­sche Dorf- „Wei­her“: Dar­in steckt ein latei­ni­sches viva­ri­um, wört- lich: ein „Lebend-Becken“. In der Anti­ke bezeich­ne­te die­ses viva­ri­um die am Mee­res­strand künst­lich ange­leg- ten Salz­was­ser­be­cken, in denen Lucul­lus die auf Vor­rat gefan­ge­nen Salz­was­ser­fi­sche bis auf Wei­te­res sich tum- meln ließ; im Mit­tel­al­ter bezeich­ne­te die­ses viva­ri­um – oder dann, im Mun­de der nicht latein­kun­di­gen Lai­en- brü­der, der „Wei­her“ – den klös­ter­li­chen Fisch­teich, in dem die Ordens­brü­der die fet­ten Karp­fen für die nächs- ten Fas­ten­zei­ten heranzüchteten.

In unse­rem „Grill“ ver­birgt sich eine latei­ni­sche cra­ti- cula, ein höl­zer­nes „Flecht­werk“ oder ein eiser­ner „Grill- rost“. Auf dem Grill­rost der Wort­ge­schich­te, auf dem Weg aus der alten in die neu­en Spra­chen, hat sich die­se Neun-Buch­sta­ben-cra­ti­cu­la wie eine wirk­li­che Grilla­de zu unse­rem Fünf-Buchstaben-„Grill“ zusam­men­ge­zo- gen, aber das Pünkt­chen auf dem „i“ genau in der Mit­te die­ses à point gebra­te­nen „Grills“ ist noch ein Pünkt­chen blu­ti­ge Antike.

Wer die­sen weit­ver­zweig­ten Fami­li­en­ge­schich­ten, die­sen ver­schlun­ge­nen Wör­ter­le­bens­läu­fen nach­spürt, fin­det leicht Hun­dert­schaf­ten der­art merk­wür­di­ger sol- cher Wör­ter­le­bens­läu­fe mit ihrem kun­ter­bun­ten, bezie- hungs­rei­chen Auf und Ab und Hin und Her durch die Zei­ten und die Spra­chen. Unse­re Spra­che ist ja unser ur- mensch­li­ches Men­schen­werk; da hat jedes ein­zel­ne Wort wie jeder ein­zel­ne Mensch sein eige­nes Leben; da ist kein Wör­ter­le­ben wie das ande­re, so wenig wie ein Men- schen­le­ben wie das andere.

Wenn die Schwei­zer Pfad­fin­der ihrem Stamm­füh­rer mit einem kräf­ti­gen „B‑R-A-V‑O!“ für das Herbst­la­ger dan­ken, mögen die­se Rufe allen­falls noch ita­lie­nisch tö-

nen; aber was steckt alles hin­ter einem sol­chen „Bra­vo!“: Erst bei Homer die „bar­baro­pho­nen“, laut­ma­lend „bla- bla-bla-tönen­den“ klein­asia­ti­schen Frem­den, bei denen die Grie­chen immer nur „Bahn­hof“ ver­stan­den; dann bei Hero­dot die im abschät­zi­gen Sin­ne „bar­ba­ri­schen“ Per­ser mit ihrer aus grie­chi­scher Sicht unwür­dig-her­ri- schen, men­schen­ver­ach­ten­den Königs­herr­schaft; dann in der frü­hen Neu­zeit der ita­lie­ni­sche „Bra­vo“ im Sin­ne des kalt­blü­ti­gen Kil­lers und im Deut­schen der tap­fer für sei­nen Kriegs­herrn drein­schla­gen­de „bra­ve“ Lands- knecht; dann, mit dem alles umkeh­ren­den Sprung von den krie­ge­ri­schen Söld­ner­tu­gen­den zu den fried­li­chen Bür­ger­tu­gen­den, der eben gera­de nicht drein­schla­gen­de bie­der­män­nisch „bra­ve“ Bür­ger, und dann zuletzt die begeis­ter­ten „Bravo!“-Rufe des Opern­fans für den Hel- den­te­nor und sei­ne Bra­vour­arie – welch ein Wör­ter­le­ben über die Jahr­tau­sen­de hinweg!

Ich erin­ne­re mich noch, wie ich mir als jun­ger Schü- ler einen „Erz“-Engel mit stahl­blau schim­mern­den, me- tal­lisch klin­gen­den Flü­geln vor­stell­te. Beim Grie­chisch- ler­nen kam ich dann dahin­ter, dass die­ser herr­li­che Erz- engel, grie­chisch archán­ge­los, wört­lich ver­dol­metscht ein­fach ein „Ers­ter Engel“ ist; das grie­chi­sche Verb ár- chein, das sich im „Archi­tek­ten“, dem „Ers­ten Bau­meis- ter“, und in der „Archäo­lo­gie“ noch prä­ge­frisch erhal­ten hat, bedeu­tet „anfan­gen, der Ers­te sein, herrschen“.

Und ich erin­ne­re mich noch an das Aha-Erleb­nis, mit dem ich in unse­rem Haus­arzt einen Chef­arzt ent- deck­te. Der grie­chi­sche Ehren­ti­tel archia­trós, „Ers­ter Arzt“, war den Leib­ärz­ten der hel­le­nis­ti­schen Köni­ge und den Stadt­ärz­ten der gro­ßen Metro­po­len vor­behal- ten, bis die Titel­in­fla­ti­on in der Spät­an­ti­ke die Ärz­te alle- samt zu sol­chen archia­troí, latei­nisch archia­tri, auf­stei- gen ließ. Aber dann schnurr­te im latei­ni­schen Wes­ten, wo der­lei grie­chi­sche Titel kei­ne spre­chen­den Titel mehr waren, der vier­sil­bi­ge archia­ter zu einem alt­hoch­deut- schen arz­at, einem mit­tel­hoch­deut­schen arzet und schliess­lich zu einem ein­sil­bi­gen „Arzt“ zusam­men. Seit- her hat ein zwei­ter Beför­de­rungs­schub die Titel­in­fla­ti­on wenigs­tens teil­wei­se wie­der aus­ge­gli­chen und neue „Chef­ärz­te“, eigent­lich ja schon „Chef-Chef­ärz­te“ her- vor­ge­bracht. Das ist, wie wenn nächs­tens alle Ärz­te in ei- nem wei­te­ren Infla­ti­ons­schub zu Chef-Ärz­ten avan­cier- ten, alle die­se „Chef-Ärz­te“ all­mäh­lich zu „Schärz­ten“ zusam­men­schnurr­ten und ein drit­ter Beför­de­rungs- schub noch­mals neue Chef-Schärz­te, eigent­lich dann schon „Chef-Chef-Chef­ärz­te“ generierte.

Sie haben sich jetzt viel­leicht an ähn­li­che wort­ge- schicht­li­che Aha-Erleb­nis­se erin­nert. Ja wirk­lich? fra­gen wir uns da auf den ers­ten Blick, und Ja natür­lich! sagen wir uns auf den zwei­ten Blick, und damit sind wir unver-

Bar­tels · Vom Leben der Wör­ter 3 7

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sehens an zwei echt Aris­to­te­li­sche Anti­qui­tä­ten gera­ten. Die­ses „wirk­lich“ und die­ses „natür­lich“: das sind, recht betrachtet,dochrechtmerkwürdigeWörter.Wenneiner mich ungläu­big fragt, ob der „Skan­dal“ denn „wirk­lich“ nach dem fein jus­tier­ten Stell­holz in der Mau­se­fal­le hei- ße – was ist da eigent­lich am „Wir­ken“? Und wenn ich ihm dann erklä­re: Ja, „natür­lich“, die­ses fein jus­tier­te Stell­holz hei­ße im Grie­chi­schen eben skán­da­lon, und da las­se man bes­ser die Fin­ger davon – was hat das eigent- lich mit der „Natur“ zu schaf­fen? Sehen wir uns hier nur jenes „wirk­lich“ etwas näher an – und dazu schal­ten wir jetzt 99 Sekun­den Zoo­lo­gie ein:

„Wirk­lich“ und „Wirk­lich­keit“: das sind Lehn­über­set- zun­gen aus dem grie­chi­schen Begriffs­paar dyna­mis und enérgeia, latei­nisch „Poten­zia­li­tät“ und „Aktua­li­tät“, deutsch „Mög­lich­keit“ und „Wirk­lich­keit“, mit dem Aris­to­te­les das alte Pro­blem von Ei und Huhn wenigs- tens begriff­lich hat­te lösen wol­len. Das Ei, erklärt Aris­to- teles, sei dyná­mei, „dem Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al nach“, latei­nisch poten­tia­li­ter, zu deutsch „mög­li­cher­wei­se“, ein Huhn, inso­fern als viel­leicht ein­mal eines dar­aus wer­den kön­ne; das aus­ge­wach­se­ne Huhn sei ener­geíai, „dem Am-Wer­ke-Sein nach“, latei­nisch actua­li­ter, zu deutsch „wirk­lich, in Wirk­lich­keit“, ein Huhn, inso­fern als es nun­mehr so recht hüh­ner­mäs­sig wer­ke und wir­ke – wo- bei die­ses Wer­ken und Wir­ken hier im Kör­ner­pi­cken und Schar­ren, Eier­le­gen und Gackern besteht. Vom Mist­hau­fen her­ab hören wir einen stol­zen Hahn die schul­di­ge Poli­ti­cal Cor­rect­ness anmah­nen, und natür- lich – hier wirk­lich „natür­lich“ – zu Recht: Auch er ist mit sei­nem Krä­hen ja wirk­lich „am Werk“ und damit „wirk­lich“ ein Hahn.

Men­schen­kar­rie­ren, Wör­ter­kar­rie­ren: Da gibt es ne- ben der­lei unwahr­schein­li­chen Abstür­zen von der ho- hen Phi­lo­so­phie in die all­täg­li­che Umgangs­spra­che gera- desounwahrscheinlicheAufstiege,wiezumBeispielden des grie­chi­schen Aller­welts­wört­chens autós, ent­sp­re- chend unse­rem deut­schen „selbst“, das im letz­ten Jahr- hun­dert über das „Auto­mo­bil“ und den „Auto­ma­ten“ zu einem sprach­li­chen Leit­fos­sil unse­res tech­ni­schen Zeit- alters gewor­den ist. Wer im Deut­schen sagt „mein Auto“, sagt grie­chisch ja buch­stäb­lich „mein Selbst“ – und meint doch nicht sein eigens­tes, inners­tes Selbst, an dem sein Selbst­ver­ständ­nis und sein Selbst­be­wusst­sein hängt, son­dern nur sein „Auto­mo­bil“, sein ohne Pfer­de von Fleisch und Blut kraft eige­ner Pfer­de­stär­ken selbst­an­fah- ren­des „Selbst­be­weg­li­ches“.

Die­ses „Auto-mobil“, vor­ne Grie­chisch, hin­ten La- tein, ist ein zwei­spra­chi­ges Zwit­ter­we­sen, wie im grie­chi- schen Mythos die Chi­mä­re: „Vor­ne Löwe“, sagt Homer, „hin­ten Dra­che …“ Kein Wun­der, dass die­ses zwei­spra- chi­ge „Auto-mobil“ sei­nen latei­ni­schen Echsenschwanz,

das „-mobil“, bald ein­mal abge­wor­fen hat; die Zoo­lo­gen spre­chen bei der­lei Ech­sen von einer „Auto­to­mie“, einer „Selbst­ver­stüm­me­lung“. Im nah ver­wand­ten Fall des „Omni­bus“, die­ses Auto­mo­bils „für alle“, eines simp­len Dativs Plu­ral, hat umge­kehrt der Schwanz den Rumpf, das „Omni-“, abge­wor­fen und ist seit­her als „Bus“ allein durch die Welt kut­schiert. Aber nach die­ser dop­pel­ten Auto­to­mie ist es zu guter Letzt doch noch zu einem Hap- py End gekom­men, als der grie­chi­sche „Auto“-Rumpf und der latei­ni­sche „Bus“-Schwanz sich glück­lich zu ei- nem neu­en grie­chisch-latei­ni­schen Zwit­ter­we­sen, zum „Auto-bus“, ver­ei­nig­ten: Das ist eine echt auto­mo­bi­le Beziehungskiste.

Ande­re Wör­ter sprin­gen fröh­lich sozu­sa­gen als Quer- ein­stei­ger von einem Lebens­kreis zum ande­ren, von ei- ner Bild­lich­keit zur anderen:

So ist das grie­chi­sche kén­tron, eigent­lich der „Sta- chel“ der Bie­nen und Wes­pen und der „Sporn“ der Häh- ne und der Rei­ter, in der Pla­to­ni­schen Aka­de­mie über die Spit­ze des Zir­kels zum Fach­wort für den Mit­tel­punkt, sozu­sa­gen den „Sta­chel­punkt“ des Krei­ses gewor­den und hat in der Fol­ge über das latei­ni­sche cen­trum allen mög­li­chen gar nicht mehr stach­li­gen, gar nicht mehr spit­zi­gen Zen­tren, Cen­ters und Zen­tra­len den Namen gegeben;

so ist die ägyp­ti­sche Köni­gin Bere­ni­ke II. über die ihr zu Ehren benann­te ost­li­by­sche Hafen­stadt Bere­ni­ke ali­as heu­te Ben­gá­si und einen wie­der nach die­sem Her­kunfts- ort benann­ten Lack, latei­nisch vero­ni­ce, ita­lie­nisch ver- nice, fran­zö­sisch ver­nis, eng­lisch var­nish, bei uns „Fir- nis“, unfehl­bar Ehren­gast bei allen fest­li­chen Ver­nis­sa- gen gewor­den. Bei den Gemäl­de-Ver­nis­sa­gen des 19. Jahr­hun­derts leg­te der Künst­ler ja tat­säch­lich noch letz­te Hand und schließ­lich letz­ten Lack an sei­ne Bilder.

Las­sen Sie sich anste­cken von die­sem phi­lo­lo­gi­schen, wort­ge­schicht­li­chen Spleen! Hin­ter dem eng­li­schen „Spleen“ steckt ja auch schon wie­der Grie­chi­sches: ein patho­lo­gi­scher splen, in die­sem Fall eine von fort­ge- schrit­te­ner Phi­lo­lo­gi­tis befal­le­ne „Milz“. In die­sen Wort- geschich­ten zeigt sich die Spra­che in ihrem urei­ge­nen urmen­sch­li­chen Leben. Wie auf dem Aus­gra­bungs­feld die alten Stei­ne und Scher­ben, so begin­nen auf dem ge- schichts­träch­ti­gen Boden der Spra­che die alten und neu- en Wör­ter zu spre­chen und mit ihrer eige­nen Geschich- te über­haupt Geschich­te zu erzählen.

Wenn wir die „Rake­te“ nach ihrer Wort­ge­schich­te fra­gen, so erin­nert sie uns an die fer­ne Zeit, in der ein häus­li­cher Spinn-„Rocken“ um der blo­ßen äuße­ren Ähn­lich­keit wil­len zuerst den chi­ne­si­schen Feu­er­werks- kör­pern und dann den ame­ri­ka­ni­schen „Apollo“-Mond- Rake­ten und den euro­päi­schen „Ariane‑V“-Raketen sei- nen Namen lei­hen konn­te. Und zu die­sen „Ariane“-Ra-

keten kann ich Ihnen jetzt nach all dem Alten viel­leicht noch etwas Neu­es sagen – und etwas, an dem Hel­mut Eng­ler sei­ne beson­de­re Freu­de hatte.

Aria­ne, Ari­ad­ne – das ist doch die mit dem Faden, den The­seus beim Hin­ein­ge­hen in das Laby­rinth abwi- ckeln und dann zum Hin­aus­fin­den wie­der auf­wi­ckeln soll­te, dem „Ari­ad­ne­fa­den“, der seit­her zum alles und je- des ver­net­zen­den „Leit­fa­den“ gewor­den ist. Mitt­ler­wei­le gibt es hun­der­ter­lei nun nicht mehr gespon­ne­ne, son- dern getex­te­te, „gewo­be­ne“, sol­che „Leit­fä­den“ durch hun­der­ter­lei Laby­rin­the. Aber wel­cher Leit­fa­den lei­tet uns jetzt von der alten Ari­ad­ne auf Kre­ta zu der neu­en „Aria­ne V“ auf Kou­rou? In einem Schwei­zer Fern­seh- Maga­zin kam ich ein­mal mit einem lei­ten­den Rake­ten- tech­ni­ker auf Kou­rou zusam­men, und der gab mir die fol­gen­de Erklä­rung: Zuerst sei mit dem euro­päi­schen Raum­fahrt­pro­gramm alles, aber auch alles schief­ge­lau- fen; doch dann habe ein neu­er Pro­jekt­lei­ter noch­mals ganz von vor­ne ange­fan­gen und die Sache vom Kopf auf

die Füße gestellt. Ange­sichts die­ses Neu­be­ginns habe die Euro­päi­sche Raum­fahrt­agen­tur die Rake­te dann nach der mythi­schen Ari­ad­ne benannt: „Die hat damals doch auch“, sag­te er, „aber das wis­sen Sie ja viel bes­ser als ich – die hat damals doch auch ihren hoff­nungs­los ver­kno­te- ten Faden ein­fach mit­ten durchgehauen!“

Prof. Dr. phil. Klaus Bar­tels, geb. 1936, Phi­lo­lo­ge, lebt in Kilch­berg bei Zürich.
Buch­pu­bli­ka­tio­nen: „Veni vidi vici. Geflü­gel­te Wor­te …“ (15. Auf­la­ge 2016) und ein „Lese­buch“ dazu: „Geflü­gel­te Wor­te aus der Anti­ke – woher sie kom­men und was sie bedeu­ten“; die Wort­ge­schich­ten­samm­lun­gen „Wie Bere­ni­ke auf die Ver­nis­sa­ge kam“, „ Wie die Mur­mel­tie- re mur­meln lern­ten“, „Trüf­fel­schwei­ne im Kar­tof­fel- acker“, „Die Sau im Por­zel­lan­la­den“; die Zita­ten­samm- lung „Jahr­tau­send­wor­te – in die Gegen­wart gespro- chen“; die Inschrif­ten­samm­lung „Roms spre­chen­de Stei­ne“ (4. Auf­la­ge 2012, sämt­lich im Ver­lag Phil­ipp von Zabern, Mainz/Darmstadt).

Bar­tels · Vom Leben der Wör­ter 3 9

40 ORDNUNG DER WISSENSCHAFT 1 (2017), 35–40